Patze Hans: Seite 147-170
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"Die Entstehung der Landesherrschaft in Thüringen"

Die Historia brevis berichtet, zur Zeit Kaiser KONRADS II. habe ein Freier (ingenuus) aus dem Geschlechte der Franken-Könige KARL und LUDWIG gelebt; er wurde Ludwig mit dem Barte genannt. König KONRAD II. heiratete die consanguinea Ludwigs, Gisela. Auf ihre Verwendung wurde Ludwig zu den Beratungen des Königs als Vertrauter hinzugezogen. Der König empfahl Ludwig dem Erzbischof Bardo von Mainz, der ihm eine Grafschaft in Thüringen und viele andere Lehen reichte.
Ludwigs Bruder war der Graf Hugo. Dieser war so reich, dass er niemand außer dem (Erzbischof) von Mainz und dem (Abt) von Fulda dienen wollte. Er wurde nach seinem Tode von seinem Sohn Wichmann beerbt, einem Manne von so beschränkten geistigen Gaben, dass ihm durch Urteilsspruch des Mainzer Stuhles die Lehen entzogen und einem anderen übertragen wurden. Diesen Mann tötete Wichmann zu Mainz, büßte aber seine Tat mit dem Leben. Seine sämtlichen Erb- und Lehengüter wurden nun auf seinen Onkel Ludwig übertragen.
Mit Erlaubnis des Kaisers und der Fürsten erbaute er am Walde Loiba die Burg Schauenburg. Zu diesem Behufe übertrug ihm der König kraft königlicher Gewalt den größten Teil dieses Waldes. Er selbst erkaufte von den Landesbewohnern, nämlich von Biso, Günther und anderen Edlen einige Eigengüter, so das Dorf Altenbergen und das dabei liegende Gelände. Auf ihnen legte er Neubruchufen, ebnete das Land ein und errichtete die Dörfer Friedrichsroda und Reinhardsbrunn.
Vermöge der auf 1039 April 27 Goslar datierten Fälschung verleiht KONRAD II. auf Bitten seiner Gemahlin Gisela seinem consanguineus Graf Ludwig ein Gut, welches aus dem Dorfe Altenbergen und der dabei liegenden Rodung (novalia) besteht, ferner einen zu der Herrschaft gehörigen, näher beschriebenen Teil des Waldes Loiba mit allen innerhalb dieser Grenzen liegenden Gütern. Das Gut hat Graf Ludwig von den Einwohnern des Landes Thüringen erworben.
In der nächsten, auf Kaiser HEINRICH III. zu 1044 (?) August 28 Bamberg gefälschten Urkunde erlaubt der Aussteller seinem Verwandten (propinquus), dem Grafen Ludwig, im Bereich (confinium) des Waldes Loiba die Schauenburg zu erbauen; bestätigt ihm den Teil des genannten Waldes und die Besitzungen, die ihm (KONRAD II.) gegeben hat, ferner die Walddörfchen (villulae silvaticae) Altenbergen und Reinhardsbrunn, welche Graf Ludwig von Günther, Biso und anderen Freien erworben und samt dem - unter Wiederholung der Grenzbeschreibung der vorigen Urkunde - näher gekennzeichneten Walde zu einem Gut vereinigt hat.
Hier halten wir zunächst inne, denn diese Angaben genügen, um der Frage nach der Herkunft der LUDOWINGER nachzugehen. Reinhardsbrunner Chronik, Historia brevis und Fälschungen stimmen in ihren Angaben im wesentlichen überein. Beide Quellengruppen behaupten, Ludwig sei in Thüringen eingewandert. Auf Grund der annalistischen Darstellung möchte man seine Heimat in der Rheingegend suchen. Knochenhauer hat in der Erzählung des Annalisten so starke innere Widersprüche zu finden gemeint, dass er glaubte, die ganze Geschichte über die Beziehungen Ludwigs zu Mainz beiseiteschieben zu müssen. Er hat die ostfränkische Herkunft der Landgrafen, an die er um so eher hätte glauben können, als er das KONRAD-Diplom noch für echt hielt, allen Zeugnissen zum Trotz für falsch erklärt. Dass Eike von Repgow im Prolog des Sachsenspiegels sagte: "Die lantgraven von Duringen sint Franken", hatte er zwar nicht übersehen, mochte aber diesem späten Zeugnis wenig Gewicht beilegen. Auch eine weitere, von Knochenhauer selbst gefundene, nach Franken weisende Spur, die wir unten mit Nutzen wieder aufnehmen, konnte ihn nicht von seiner Meinung abbringen, die LUDOWINGER seien Thüringer.
Indessen erweist ein frühes Zeugnis Eike als bestens unterrichtet. In einer Urkunde des Jahres 1100, in welcher O(tto von Schweinfurt) der Magdeburger Kirche Güter in Franken aufläßt, wird überliefert, der Magdeburger Vogt, Graf Hermann, habe die Güter im Beisein genannter Franken, unter denen sich die Gebrüder und Grafen Beringer und Ludwig von Schauenburg befanden, übernommen. Ferner deutet auf Herkunft der LUDOWINGER aus Franken: Den an sie Schönrainer Güter angrenzenden Hof Spurka trugen die HENNEBERGER zu Lehen: Die Gemahlin Poppos I. von Henneberg war die Tochter Ludwigs des Bärtigen. Durch diese Heirat könnten die HENNEBERGER den Hof erworben haben. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wußte der Dichter Johannes von Würzburg noch, dass Franken das Heimatland der LUDOWINGER war .
Innerhalb Frankens läßt sich nun der Ursprung des Geschlechtes genauer bestimmen. Die Grafen Ludwig (der Springer) und Beringer, an dieser Stelle "von Thüringen" genannt, verliehen - nach einer schon von Knochenhauer benutzten Urkunde von 1139 - zwischen 1069 und 1084 dem Kloster Hirsau unter Abt Wilhelm den Ort Schönrain am Main mit zwei Mühlen samt Zubehör sowie ihr Gut zu Wiesenfeld, damit in Schönrain ein Kloster gegründet werde. Aus dieser pro redemptione maiorum erfolgten Stiftung ist zu schließen, dass das Geschlecht der Stifter dort ansässig war. Nun hat derselbe Ludwig der Springer im Jahre 1085, also kurze Zeit darauf, am Ausgangspunkt einer neuen Herrschaftsbildung der LUDOWINGER das Kloster Reinhardsbrunn gegründet, mit Hirsauern besetzt und seinem Geschlecht unter den durch die Klosterreform geschaffenen Bedingungen die Vogtei vorbehalten.
Im Besitz der Vogtei über das von Hirsau abhängige Priorat Schönrain am Main waren wohl schon die Grafen von Rieneck ältere Linie. Ihre Stammburg liegt nur wenige Kilometer von Schönrain entfernt. Der genealogische Konnex führt somit unschwer von Ludwig dem Springer bzw. Ludwig dem Bärtigen auf die Grafen von Rieneck. Diese starben in männlicher Linie mit dem 1071-1108 nachweisbaren Gerhard I. aus. Seine einzige Tochter heiratete den Grafen Arnold von Looz (1101-1139). Dieser erbte den ganzen Besitz der RIENECKER. Die Wahrscheinlichkeit eines genealogischen Zusammenhanges zwischen den RIENECKERN und den LUDOWINGERN wird durch einen Brief der Reinhardsbrunner Sammlung noch beträchtlich vergrößert. Abt (Ernst) teilt darin einem ungenannten Grafen folgendes mit: Zur Zeit des 1. Kreuzzuges habe Abt Giselbert von Reinhardsbrunn das 50 Hufen große Gut (predium) Haskevel, das dem Kloster von Ludwig dem Springer übergeben worden sei, dem Grafen Gerhard, mütterlichem Großvater des Empfängers, für 100 Mark verkauft, von denen der Graf aber nur 70 Mark gezahlt habe. Nach dem Tod des Grafen Gerhard habe die Mutter des Adressaten nachdem sie vom Kloster wegen dieser Sache wiederholt gemahnt worden sei, gebeten, ihr einen Boten zu schicken, was das Kloster aber versäumt habe. Der Abt bittet nunmehr den Adressaten, entweder dem Kloster die restlichen 30 Mark zu zahlen oder diesem das Gut unter der näher bezeichneten Verrechnung zurückzugeben. Dobenecker hat Haskevel als Heßwinkel bei Reinhardsbrunn gedeutet. Das kann nicht stimmen. Das Wort hängt offensichtlich etymologisch mit Ascaf zusammen. Haskevel ist Aschfeld. Der Ort lenkt unseren Blick in den Raum östlich Lohr-Schönrain. Der Graf kann nur Gerhard I. von Rieneck sein. Seine Tochter ist die Gemahlin Arnolds von Looz und der Briefempfänger ist beider Sohn. Ludwig der Springer ist beider Sohn. Ludwig der Springer ist damit als Besitzer weiterer Güter im nördlichen Teil des Aschaffenburger Mainknies wahrscheinlich gemacht, und es ergibt sich die überraschende Tatsache, dass ältestes Ausstattungsgut des Klosters Reinhardsbrunn im Gebiet des unteren Main lag. Da Gerhard I. als Käufer auftrat, ist damit zu rechnen, dass es sich um einen Wiederkauf durch einen Angehörigen des Geschlechts gehandelt. Reinhardsbrunn hat das Gut vermutlich deshalb abgestoßen, weil seine Nutzung infolge der großen Entfernung schwierig war. Die Verbindungen der LUDOWINGER nach dem Raum Lohr-Aschaffenburg und zu den Grafen von Rieneck werden damit weiter verdichtet.
An dieses Mosaik ehemals ludowingischer Besitzungen, das sich so erschließen läßt, glaube ich noch einige Steine ansetzen zu können: Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei den Gütern, die FRIEDRICH BARBAROSSA im November 1164 auf dem Hoftag in Bamberg zwischen dem Hochstift Naumburg und dem Kloster Oberzell (westlich Würzburg) austauschte, um Besitzungen, die der regierende Bischof Udo II., der Sohn Landgraf Ludwigs II., aus altem Familiengut dem Domstift zugebracht hatte. Sie liegen in Albstatt (Wü.), Waldbrunn und Haselbrunn (Wü.), also ebenfalls im Gebiet des mittleren Mains südwestlich Würzburg. Man muß schließen, dass sie aus dem Erbe Ludwigs des Springers an dessen Tochter Cäcilie, die mit dem Grafen Gerlach I. von Veldenz verheiratet war, gelangt sind. Der Sohn der Cäcilie war Bischof Udo II. von Naumburg.
Wenn der durch die Lage des Güterbesitzes auf die Grafen von Rieneck gegebene Hinweis richtig ist, so lenkt dieser Sachverhalt unschwer auf die Nachricht der Reinhardsbrunner Chronistik, Ludwig der Bärtige habe im Dienst des Erzbischofs gestanden. Die Grafen von Rieneck sind Inhaber des Burggrafenamtes von Mainz gewesen.
In dieser Stellung erscheinen Godebold 1040, Sigebodo 1057, Reginhard, Gerhard 1064, ein Bruder Erzbischof Siegfrieds I. vor 1068, Gerhard I. 1155 und Ludwig I. 1162. Wichtig ist der von Cramer gegebene Hinweis, dass die Vogtei über das von Erzbischof Bardo gegründete Mainzer Jacobusstift 1070 in der Hand eines Edelfreien Ludwig erscheint. Mit ihm könnte der gleichzeitige Vogt von St. Albans identisch sein.
Außerdem besteht zwischen Ludwig dem Bärtigen und Mainz eine weitere Verbindung. Die Historia brevis berichtet, er sei in St. Alban begraben worden. Es laufen deutliche Beziehungen von den LUDOWINGERN über die Grafen von Rieneck als Burggrafen von Mainz in den Kreis des Erzstiftes. Wie die genealogischen Verbindungen zwischen den Burggrafen und dem Vogt von St. Jacob und St. Alban allerdings im einzelnen zu ziehen sind, läßt sich nicht sagen.
Auch Beziehungen zur Abtei Fulda, wie sie die Reinhardsbrunner Chronik andeutet, haben die RIENECKER gehabt. Gerhard I. von Rieneck vermachte um 1100 dem Kloster Fulda Güter in Pfaffenhausen. Ludwig I. hatte fuldaische Lehen inne.
Aus den Reinhardsbrunner Fälschungen ergibt sich über das Werden der Landesherrschaft der LUDOWINGER zusammenfassend folgendes Bild: Der aus einer Seitenlinie der Grafen von Rieneck stammende Graf Ludwig der Bärtige war Lehensmann des Erzbischofs Bardo von Mainz. Ob der Erzbischof über Teile des Thüringer Waldes südlich Waltershausen Forstbannrechte besessen und Graf Ludwig hier eingesetzt hat, bleibt fraglich.
Ludwig der Bärtige bereits bediente sich dieses Mittels politischer Einflußnahme. Er heiratete Cäcilie von Sangerhausen. Auf 7.000 Hufen Erbgut beziffert die Historia brevis - sicher etwas übertreibend - den Gewinn dieser Eheschließung. Sie hat aber bestimmt den Ort Sangerhausen eingebracht. Denn Ludwig der Springer schenkte 1110 dem Kloster Reinhardsbrunn die Kirche zu Sangerhausen als unveräußerliches Eigentum zu seinem, der Seinigen und insbesondere seiner zu Sangerhausen beerdigten Verwandten Seelenheil. Wahrscheinlich umfaßte das Erbgut der Cäcilie aber mehr als nur den Ort Sangerhausen, denn es reichte aus, um den Zweitgeborenen, Berenger, der vor 1110 gestorben sein dürfte und in Sangerhausen begraben war, mit den Erbgut um Sangerhausen auszustatten.
Über die Herkunft der Cäcilie fehlen sichere Anhaltspunkte. Es hat einige Wahrscheinlichkeit für sich, dass sie eine Schwester Bruns von Minden und des sächsischen Pfalzgrafen Siegfried (ca. 1017-1038) war.
In der zweiten ludowingischen Generation schon verschränken sich die genealogischen Beziehungen zu einer verwirrenden Vielfalt. Cäcilie gebar Ludwig dem Bärtigen die Söhne Ludwig den Springer und Berenger sowie die Töchter Hildegard, Uta und Adelheid. Die Ehen dieser fünf Kinder verbreiteten die LUDOWINGER über einen großen Teil Thüringens und knüpften Fäden über das Land hinaus.
Durch die Ehe Hildegards war die Südflanke des Thüringer Waldes ludowingisch beeinflußt. Hildegard heiratete in 1. Ehe den Grafen Poppo I. von Henneberg. Ihr erster Sohn stiftete Linien zu Irmelshausen (Poppo), Frankenstein (Ludwig) und Wasungen (Gotebold). Der zweite Sohn aus der Ehe der LUDOWINGERIN Hildegard mit Poppo I. von Henneberg, Gotebold II., war Burggraf von Würzburg,, zwei seiner Söhne Bischöfe von Würzburg und Speyer.
Von Ludwigs des Bärtigen Tochter Uta ist bekannt, dass sie mit dem Grafen Dietrich von Linderbach vermählt war. Aus dieser Ehe ging der Graf Berenger hervor, der in Reinhardsbrunn beerdigt ist. Dessen Söhne Ludwig von Lohra und Dietrich von Berka wurden die Stammväter thüringischer Grafenhäuser. Adelheid, die jüngste Tochter Ludwigs des Bärtigen, war mit Ludwig I. von Wippra vermählt.