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"Graf Heribert II. von Soissons."

Der östliche Nachbar, das ostfränkisch-deutsche Herzogtum Lothringen mit seinen Herzögen Giselbert (915/28-939) und Otto von Verdun (940-944), wird dabei eine wichtige Rolle spielen.
Jedenfalls versammelten sich die lothringischen Großen - darunter Herzog Giselbert (+ 939), sein abtrünniger liudolfingischer Schwager Heinrich (+ 955), Graf Otto von Verdun (+ 944), Graf Isaak von Cambrai (+ 947) und Graf Theoderich von Holland (+ ca. 940) -, huldigten dem westfränkischen König und leisteten ihm den Treueid. Als dieser Abfall jedoch König OTTO DEM GROSSEN bekannt wurde, sammelte er sofort ein Heer und verwüstete Lothringen grausam.
Die Vasallen beider Könige vermittelten stattdessen einen allgemeinen Waffenstillstand bis zum Winter des Jahres 940. Lothringen aber wurde nun von OTTO DEM GROSSEN an den lothringischen Grafen Otto von Verdun als neuen Herzog (940-944) gegeben, was die politische Lage weiter zu seinen stabilisierte [791 Zur Situation in Lothringen Ende des Jahres 940 siehe weiter: Dümmler, Otto der Große, 107; Lauer, Louis,62; Kalckstein, Capetinger, 226; Parisot, Cession, 86; Parisot, Histoire, 187; Sproemberg, Otto der Große, 15 sowie 34; Heil, Otto der Große, 64; Mohr, Lothringen 1, 32; Fraimbois, Lorraine, 83; Vanderkindere, Principautes 2, 15; Mohr, Rolle 392; Marlot, Reims 2, 721 und 783; Holtzmann, Verfassungsgeschichte, 110; Wolfram, Intitulatio 2,293; Kienast, Frankreich 1, 64; Barth, Lothringen 87/90; Schneidmüller, Regnum, 107.]
Ludwig griff zunächst seinen unversöhnlichsten Gegner Herzog Hugo den Großen von Franzien an, indem er, von einem Vasallenheer begleitet und die Oise entlang marschierend, in die Gebiete des ROBERTINERS einfiel. Doch kam Graf Heribert II. sofort seinem Schwager zu Hilfe, worauf sich auch Herzog Otto von Lothringen (+ 944) anschloß [854 Flodoard, Ann., a. 942,85: ... Hugo vero et Heribertus cum Othone duce Lothariensum, ...; siehe auch: Lauer: Louis, 81; Kalckstein, Capetinger, 233; Dümmler, Otto der Große, 127; Kienast, Frankreich 1,64; Guillotel, Pouvoir, 76; Ducange, Amiens, 104; Melelville, Laon 2,156; Colliette, Vermandois 1, 456/57; Barth, Lotharingien, 100/01; Voss, Herrschertrefefn, 30/31, 58 sowie 107.], der wahrscheinlich auf Anweisung König OTTOS DES GROSSEN hierbei tätig wurde [855 Das Eingreifen Herzog Ottos von Lothringen in dieser Situation war vielleicht das Erebnis der ansonsten fehlgeschlagenen Demarche Graf Heriberts II. im Dezember 941/Januar 942 bei König OTTO DEM GROSSEN! Dazu weiter: Lauer, Louis, 81; Kalckstein, Capetinger, 234 glaubt, meines Erachtens ziemlich übertreibend, daß König OTTO DER GROSSE damals bereits in erster Linie an Italien interessiert gewesen wäre. Zudem: Sproemberg, Otto der Große, 35; Mohr, Lothringen 1, 32; Heil, Otto der Große, 68/69; Kienast, Frankreich 1, 64; Barth, Lotharingien, 100/01; Voss, Herrschertrefefn, 30/31, 58 sowie 107.].
König Ludwig IV. und Heriberts II. Schwiegersohn Wilhelm I. von der Normandie boten jedenfalls gemeinsam dem ostfränkisch-deutschen König über Herzog Otto von Lothringen Geiseln und Verhandlungen an [859 Flodoard, Ann., a. 942, 85: .. Qui etiam rex tam ipse quam Wilhelmus ... mittunt obsides Othoni regi per Othonem ducem ...; Dudo III, 50/51, ed. Lair, 1949/95 erzählt von der erfolgreichen Vermittlung Wilhelms vond er Normandie zwischen Ludwig IV. und HEINRICH I. (!!!), die zu einem Treffen bei Montballon geführt habe.]. Doch konterkarierten die westfränkischen Aufrürer diese Initiative des Königs, indem sie, ebenfalls über Herzog Otto, Geiseln und Vorschläge übermittelten [860 Flodoard, Ann., a. 942, 85: ...sed et Hugo mittunt obsides Othoni regi per Othonem ducem...; siehe auch: Dümmler, Otto der Große, 127; Lauer, Louis, 82/83; Kalckstein, Capetinger, 234/35; Lair, Mort, 36; Kienast, Frankreich 1, 64/66; Fliche, Europe, 92/93; Colliette, Vermandois 1, 456/57; Ducange, Amiens, 104/05; Melleville, Laon 2, 156/157; Barth, Lotharingien, 1001/01; Voss, Herrschertreffen, 30/31, 58 sowie 107.].
Schließlich kam König OTTO DER GROSSE Ende Oktober 942 an die lothringische Grenze, an der er sich mit König Ludwig IV. an den Ufern der Maas, wahrscheinlich bei Vise, traf. Sicher anwesend waren außer ihnen unter anderem OTTOS Bruder Brun (+ 965), der königliche Kanzler, Erzbischof Friedrich von Mainz (+ 954), der Erzkanzler und Herzog Otto von Lothringen (+ 944), was eine Urkunde OTTOS DES GROSSEN vom 17. November 942 beweist.
Der HERIBERTINER und sein robertinischer Schwager erreichten auch tatsächlich die Aussöhnung Markgraf Giselberts mit dem BOSONIDEN, dem der Reginar-Sohn schließlich gemeinsam mit Graf Otto von Verdun (923-944), an der Maas Treue schwur [1178 Flodoard, Ann., a. 925, 29: ... qui festinanter adveniens, Camaracum Lothariensibus atque Gisleberto proficiscitur obviam; quique, hoc placitum omittentes, super Mosam ad eum venuint, suique Gislebertus et Otho efficiuntur...; außerdem: Hübinger, Heinrich I., 1-9, 12 sowie 19; Sproemberg, Otto der Große, 22724; Lippert, Rudolf, 48; Waitz, Heinrich I., 80; Lauer, Robert, 37; Parisot, Lorraine, 669; Büttner; heinrich I., 37; Kalckstein, Capetinger, 168; Parisot, Historie, 182/83; Schneidmüller, Lothringenpolitik, 19/20; Mohr, Lothringen 1, 21/22.].
Im Sommer 939 trafen sich Herzog Giselebrt, der rebellische LIUDOLFINGER Heinrich und viele lothringische Große, darunter Graf Otto von Verdun (+ 944), Graf Isaak von Cambrai (+ 947) und Graf Theoderich I. von Holland (+ ca. 940), mit dem KAROLINGER-König, wobei sie ihm huldigten und den Treueid leisteten.

b) Graf Otto von Verdun, Herzog von Lothringen (923/40-944), und Graf Boso von Perthois (+ 935)
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Neben Herzog Giselbert von Lothringen stellen Graf Otto von Verdun und der BOSONIDE Graf Boso vonPerthois für Graf Heribert II. die wichtigsten Mitspieler auf der politischen Bühne in Lothringen dar. Dabei waren beide Aristokraten direkte Todfeinde seit der Ermordung von Ottos Vater Graf Ricuin von Verdun durch Graf Boso am 14. März 923. Graf Otto mußte somit zum zwangsläufigen Verbündeten König HEINRICHS I. und Herzog Giselberts werden, während Boso mit seinen Brüdern König Rudolf (+ 936) und Herzog Hugo dem Schwarzen von Burgund (+ 952), später auch mit Markgraf Hugo von Neustrien konspirierte. Graf Heribert II., stand aus Bündnisinteresse in diesem lothringischen Ringen gezwungenermaßen auf Seiten Graf Ottos und Herzog Giselberts gegen Graf Boso. Wie Graf Boso vielfach auf Weisung seines Bruders gehandelt hatte, so war Graf Otto von Verdun überwiegend ein zuverlässiger Vasall der ostfränkisch-deutschen Könige. Daher erhielt er noch Ende 939 bzw. im Laufe des Jahres 940 die Verwaltung des Herzogtums Lothringen bis zur Volljährigkeit Heinrichs, des kleinen Sohnes von Herzog Giselbert, übertragen [1207 Widukind II, 26, MG SS rer. Germ. 60,89: ... Preficiensque regioni Lothariorum Oddonem Ricwinis filium, et ut nutriret nepotem suum, filium Isilberhti, optimae spei puerulum, nomine Heinricum, ...; Annalista Saxo, a. 942, MG SS 6, 604: ... Prefecit vero regioni Lothariorum Ottonem, filium Richwini, ut et regnum procuraret et nepotem suum, Gisilberti filium, bone spei puerulum, nomine Heinricum, nutriret ....; außerdem: Vanderkindere, Principautes 2, 15; Fraimbois, Lorraine,83; Mohr, Lothringen 1, 32; Sproemberg, Otto der Große, 15 und 34; Lauer, Louis, 49 sowie 62; Dümmler, Otto der Große, 94/96 und 107; Parisot, Cession, 86; Heil, Otto der Große, 64; Kalckstein, Capetinger, 220/21; Parisot, Histoire, 187; Holtzmann, Verfassungsgeschichte, 110; Mohr, Rolle, 392; Marlot, Reims 2, 721 und 738; Ducange, Amiens, 100; Kienast, Frankreich 1, 63/64; Wolfram, Intitulatio 2, 293; Beumann, Ottonen, 61; Althoff/Keller, Heinrich I., 143; Barth, Lotharingien, 86-90 sowie 100.]. Offenbar beobachtete er seither die politischen Vorgänge in der Francia besonders aufmerksam, um dort die Interessen König OTTOS I. zu wahren. So stand er wahrscheinlich auch an der Spitze einer Delegation lothringischer Adliger, die sich im Juli des Jahres 940 mit Graf Heribert II. und Herzog Hugo von Franzien traf. Inzwischen hatte der ostfränkisch-deutsche König bis August 940 den letzten Widerstand in Lothringen gebrochen und die Reorganisation des Landes begonnen, wobei er das Herzogtum aus Gründen der innerfamiliären Versöhnung an seinen Bruder Heinrich (+ 955) gab. Dennoch brach Graf Otto daraufhin nicht mit dem LIUDOLFINGER, sondern stand weiterhin loyal zu dessen Interessen in Franzien. So intervenierte er noch im September 940 mit Erfolg zugunsten des designierten Erzbischofs Hugo von Reims. Diese Haltung Graf Ottos bewirkte schließlich, daß sich der landfremde LIUDOLFINGER Heinrich nicht in Lothringen halten konnte, König OTTO I. nach seinem Rachefeldzug, den er im August/September 940 in Franzien mit Graf Heribert II. und Herzog Hugo von Franzien bestritten hatte, das Herzogtum Lothringen im Oktober 940 doch endgültig an Graf Otto von Verdun (+ 944) übertragen hat [1212 Cont. Reginonis, a. 940, MG SS rer. Germ. 51, 161: ...cui Otto comes in eodem ducatu successit ...; siehe ferner: Mohr, Lothringen 1, 32; Sproemberg, Otto der Große, 15 und 34; Fraimbois, Lorraine, 83; Heil, Otto der Große, 64; Lauer, Louis, 62; Dümmler, Otto der Große, 64; Lauer, Louis, 62; Dümmler, Otto der Große, 107; Kalckstein, Capetinger, 226; parisot, Histoire, 187; Holtzmann, Verfassungsgeschichte, 110; Mohr, Rolle, 392; Marlot, Reims 2, 721 und 738; Barth, Lotharingien, 87/90.]. Herzog Otto von Lothringen erwies sich bald als weitaus schwächer, als es der stets rebellische Giselbert gewesen war, so daß man von nun an von keiner eigenständigen Westpolitik des lothringischen Herzogs mehr sprechen kann. So agierte der Lothringer im Auftrage König OTTOS I. [1213 Nach Lauer, Louis, 81 handelt es sich bei diesem Eingreifen Herzog Ottos von Lothringen wahrscheinlich um das Ergebnis einer Demarche Graf Heriberts II. im Dezember 941/Januar 942 bei König OTTO I. (siehe dazu die Anm. 1079/80); diese Ansicht scheint mir völlig richtig, konnte der ostfränkisch-deutsche König doch nicht so einfach seine anti-karolingische Politik ändern und die ehemaligen Verbündeten Graf Heribert II. und Herzog Hugo dem Großen von Franzien brüskieren! Die Meinung von Kalckstein, Capetinger, 234, daß OTTO I. Anfang 942 Frieden im Westen wollte, um bereits damals nach Italien zu ziehen, erscheint mir dagegen absurd, hatte der LIUDOLFINGER doch eben erst schwere Aufstände überwunden und mußte seine Herrschaft weiter festigen; Kalcksteins Hinweis auf die Asylgewährung für Markgraf Berengar II. von Ivrea (+ 966) als Haupt der Gegner König Hugos von Italien (+ 948) ist eher ein Punkt für meine Ansicht, konnte der LIUDOLFINGER doch Berengar II. als Gegengewicht gegen König Hugo verwenden, um diesen zu neutralisieren; wie man sieht, entsprechen sich die West- und Italienpolitik OTTOS I. eher, als daß sie sich widersprechen!], als er beispielsweise Anfang September 942 in Franzien einschritt, um vereint mit Graf Heribert II. und Herzog Hugo von Franzien einen Angriff König Ludwigs IV. abzuwehren [1214 Zur Intervention Herzog Ottos von Lothringen siehe bereits die Anm. 854/55.] Die Lenkung des ostfränkisch-deutschen Königs kann man unter anderem daran erkennen, daß er zwar defensive Maßnahmen Herzog Ottos und des HERIBERTINERS, wie die Zerstörung von Brücken und Booten sowie den Aufmarsch des Vasallenheers, akzeptierte, ansonsten aber Verhandlungen durchsetzte, da er damals keinen großen Krieg im Westen wollte. Die Vorverhandlungen liefen dabei über Herzog Otto von Lothringen. So übermittelte er die Vorschläge König Ludwigs IV. und Wilhelms I. von der Normandie ebenso wie die Herzog Hugos von Franzien [1217]. Anschließend nahm Herzog Otto von Lothringen Ende Oktober 942 an der großen Friedenskonferenz bei Vise teil [1218 Vgl. zur Konferenz von Vise 942 schon die Anm. 861,863 sowie 864/65.], wo er wahrscheinlich das letzte Mal mit Graf Heribert II. zusammengetroffen sein dürfte. Im Februar 943 bereits starb nämlich der HERIBERTINER, während der Lothringer ihm im nächsten Jahr ins Grab folgte!