Mohr Walter: Band I Seite 17-27
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"Geschichte des Herzogtums Lothringen. Geschichte des Herzogtums Groß-Lothringen (900-1048)"

Reginar starb Ende des Jahres 915. Sein Besitz ging auf seine Söhne Giselbert und Reginar über. Giselbert erbte den weitaus größten Teil. Über seine Stellung lässt sich nichts Genaues ermitteln. Er ist jedenfalls damals nicht Herzog in Lothringen geworden. Zwar erwähnt der Mönch Sigehard in seinem 962 oder 963 verfassten Miracula S. Maximini: Giselbert, noch ein Jüngling, sei dem Reich als Herzog vorgesetzt worden, da er aber in diesem Zusammenhang weiter schreibt, zur gleichen Zeit sei HEINRICH I. König gewesen, lässt sich erkennen, dass seine chronologischen Vorstellungen nicht ganz klar sind, und so ist es nicht angebracht, seiner Nachricht über die Herzogserhebung eine unbedingte chronologische Autorität zuzuschreiben. Wir besitzen dann noch die Bemerkung des im letzten Jahrzehnts des 10. Jahrhunderts schreibenden Mönchs Richer von Reims, Giselbert habe von König Karl das väterliche Erbe erhalten. Da Richer aber für Reginar die Titulierung vir consularis gebraucht, hat er Reginar und damit Giselbert nur als Grafen betrachtet.
Es ergibt sich indessen der Eindruck, Giselbert sei wenigstens zu Beginn auch nicht einmal Graf gewesen. Auf einer Versammlung der Großen des Reichs im Januar 916 wird er in der Aufzählung der Teilnehmer ohne Titulierung, indes an dritter Stelle in der Reihe der weltlichen Großen genannt. Erst im Sommer 919 ersehen wir aus einer Urkunde Karls des Einfältigen, durch die die Abtei St. Servatius in Maastricht, die im Besitz Giselberts war, an das Erzbistum Trier gegeben wurde, dass er nicht mehr in der Gunst des Königs stand.
Was sich in Wirklichkeit ereignet hat, lässt sich nicht erkennen. Jedenfalls aber musste er Lothringen verlassen und kehrte erst 920 zurück, als der westfränkische König wegen Hagano mit seinen Großen in Schwierigkeiten geriet. Die Stimmung war jetzt für ihn günstig, er konnte an die Spitze derjenigen treten, die sich mit den westfränkischen Großen in der Unzufriedenheit über die Politik des Königs trafen. Und so wählte ihn der größte Teil der Lothringer im Jahre 920 nach den Worten des Chronisten Flodoard von Reims zum princeps.
Es ist nicht klar zu erkennen, welche lothringische Großen damals auf Seiten Giselberts standen. Von den Bischöfen steht es fest, dass sie zum überwiegenden Teil bei der Sache Karls blieben. Inzwischen hatte sich Giselbert in der 2. Hälfte des Jahres 920 König Karl wieder unterwerfen müssen. Daraufhin war es ihm möglich, das Bistum Lüttich an Abt Richer zu übertragen, der am 4. November 921 die päpstliche Bestätigung erhielt. Karl erschien jetzt in Lothringen, um einen letzten Widerstand auszuräumen, den noch Richwin, Graf von Verdun, leistete.
In der Folgezeit finden wir Giselbert zusammen mit Otto, wohl dem Grafen von Verdun, als Gegner Karls, der nach Lothringen kam, um die beiden zu bekämpfen. Giselberts Aussichten stiegen dann, als auch im westfränkischen Reich eine Opposition erstarkte, deren Führer Robert von Neustrien war. Allerdings spalteten sich darüber die Lothringer, ein Teil von ihnen hielt auf der Seite Karls aus. So kam es in Lothringen zu einigen Kämpfen, besonders um die Giselbert gehörende Burg Chevremont bei Lüttich, die von Karl belagert wurde. Er musste sich indes beim Herannahen von Roberts Sohn Hugo zurückziehen.
Die Ernennung Rudolfs von Burgund zum Gegen-König hat in Lothringen besondere Folgen gehabt. Karl verlor dort seinen Anhang, doch blieben die Lothringer in sich gespalten. Die Hinwendung eines Teils von ihnen unter Führung des Bischofs Wigerich von Metz zu Rudolf machten Graf Giselbert und Erzbischof Ruotger von Trier nicht mit. Die Motive dieser Gruppe lagen zum Teil wohl in einer direkten Abneigung gegenüber Rudolf. Sie wandten sich an den ostfränkischen König HEINRICH, der jetzt aktiv in die Auseinandersetzung eingriff.
Interne Auseinandersetzungen der lothringischen Großen traten jetzt in den Vordergrund, Giselbert geriet in Streit mit seinem Schwager, Graf Berengar vom Lommegau, mit dem sich später auch Giselberts Bruder Reginar verbündete. Giselbert suchte in seiner Streitsache eine Unterstützung bei König Rudolf, dem er seine Unterwerfung anbot, er wurde aber zurückgewiesen.
Inzwischen ging zu Beginn 925 Giselbert nochmals die westfränkischen Großen an. Er verhandelte zunächst mit Herbert von Vermandois, der seinerseits die Verbindung zu Hugo von Francien und König Rudolf herstellte. Der König setzte ein Treffen mit Giselbert und den Lothringern in Cambrai an. Die Lothringer ließen allerdings den Termin ungenützt, kamen anschließend jedoch Rudolf über die Maas entgegen, wobei Giselbert und Graf Otto von Verdun die Huldigung leisteten.
Im April 925 erschien auch König HEINRICH in Lothringen und eroberte einen festen Platz, der Giselbert gehörte, wahrscheinlich Zülpich. Dieser stellte ihm darauf Geiseln, wonach HEINRICH das Land wieder verließ. Was weiterhin geschah, können wir nicht mehr feststellen, im Laufe des Jahres 925 unterwarfen sich alle Lothringer dem ostfränkischen König. Dieser söhnte Giselbert mit dem Grafen Boso und dessen Verbündeten Reginar, Bruder Giselberts, aus. Diese Nachricht zeigt, wie letzterer jetzt für die Politik HEINRICHS an Bedeutung gewonnen hat. Er wurde in mehrfacher Hinsicht begünstigt. So erhielt er die lange zwischen seiner Familie und dem Erzbischof von Trier umstrittene Abtei St. Servatius in Maastricht auf Lebenszeit übertragen, allerdings unter Wahrung der Besitzrechte von Trier, und wahrscheinlich gab ihm HEINRICH jetzt seine Tochter Gerberga zur Gemahlin.
Man wird wohl auch annehmen können, dass in dieser Zeit Giselbert als Herzog in Lothringen eingesetzt wurde, der genaue Zeitpunkt steht allerdings nicht fest. Er selbst nennt sich in seinen eigenen Urkunden seit 928 dux. König HEINRICH tituliert ihn indes noch im Jahre 931 in einer Urkunde als Grafen. Von da an ist aber allgemein der Herzogstitel festzustellen. Im Jahre 930 bereits erscheint Giselbert deutlich auch öffentlich in einer solchen Stellung, als er an der Spitze einer lothringischen Armee in die westfränkischen Verhältnisse eingriff. Gerade im Zusammenhang mit diesem Umstand dürfte die Veranlassung zu suchen sein, weshalb HEINRICH ihn zu seinem Stellvertreter delegierte. Der König wurde nämlich immer stärker in die westfränkische Politik einbezogen, er musste dort die Kräfte seines Reichs einsetzen. Da er andererseits gerade aber an den Ostgrenzen gebunden war, konnte ein Herzog in Lothringen diese Aufgabe übernahmen. Durch die Heirat mit seiner Tochter glaubte er dabei, Giselbert an die Interessen der Dynastie genügend gebunden zu haben.
In die westfränkischen Kämpfe der folgenden Jahre griff Giselbert wiederholt im Auftrage HEINRICHS I. zur Sicherung der lothringischen Grenzen ein, stritt 931 mit Graf Boso, zog gegen dessen Burg Durofostum aus und eroberte sie, worauf sich dieser dem westfränkischen Reich anschloss.
Die Einigung von Ivois im Oktober 931 zwischen den beiden Königen führte auch zu einem Stellungswechsel bei Herzog Giselbert, der im Jahre 932 den mit König Rudolf verbündeten Herzog Hugo Unterstützung gegen Herbert verlieh. Es war indes nur eine kurze Aktion. Die Notiz, dass es zu einer Unterredung mit König Rudolf kam, bevor Giselbert seine Streitkräfte zurückzog, könnte darauf deuten, dass er sich von seinem König HEINRICH nicht zu einem nachhaltigen Eingreifen ermächtigt hielt. Im Jahre 933 gingen die Kämpfe zwischen Herbert und König Rudolf mit wechselvollen Ergebnissen weiter. Schließlich hat dann der ostfränkische König im späten Frühjahr 934 eine große Gesandtschaft abgefertigt, um in diesem Streit zugunsten Herberts zu vermitteln. Dieser Gesandtschaft gehörten Herzog Giselbert, ein Graf Eberhard und lothringische Bischöfe an. Sie konnten einen Waffenstillstand bis zum 1. Oktober 934 zustandebringen, wobei Herbert einige Opfer bringen musste. Nach Ablauf der Waffenruhe ist dann Giselbert aus nicht ersichtlichen Gründen Herbert mit einer Streitmacht gegen Hugo von Francien zu Hilfe gezogen. Das scheint den Abschluss eines neuen Waffenstillstandes bis zum 1. Mai 935 bewirkt zu haben, aufgrund dessen die Lothringer sich wieder zurückzogen.
Als im Jahre 936 König HEINRICH I. starb, finden wir bei der Krönung seines Sohnes OTTO in Aachen den Herzog Giselbert an maßgebender Stelle. Nach den Worten des Chronisten Widukind von Corvey hat er alles angeordnet, was zum Feste nötig war. In den Auseinandersetzungen OTTOS mit Bayern und Sachsen erwies sich auch Herzog Giselbert für den König als unzuverlässig. Mehreren Gesandtschaften begegnete er ausweichend. Auf der anderen Seite wurde Giselbert auch in die westfränkischen Auseinandersetzungen verwickelt, in die der dortige neue König Ludwig mit seinen mächtigen Großen Hugo von Francien und Herbert von Vermandois geraten war. Allerdings könnte dies ganz im Sinne König OTTOS gewesen sein, denn Hugo, dem Giselbert zu Hilfe zog, hatte kurz zuvor OTTOS Schwester Hadwig geheiratet.
Inzwischen verschlechterte sich im Jahre 938 die Lage König OTTOS. Nachdem schon eine Zeit lang nicht unerhebliche Unruhen in Sachsen geherrscht hatten, begann sein Bruder Heinrich Ansprüche auf den Thron  aufzunehmen, wobei er gestützt oder sogar veranlasst wurde durch Herzog Eberhard von Franken. Eberhard seinerseits scheint den Herzog Giselbert für den Aufstand gewonnen zu haben, der in dieser Zeit versuchte, mit dem westfränkischen König zu einer Verständigung zu kommen. Durch eine Gesandtschaft bot er diesem seine Unterwerfung an, wobei seine Motive hierfür nicht zu erkennen sind. Ludwig lehnte jedoch ab, weil kurz zuvor eine Verständigung zwischen ihm und OTTO I. zustande gekommen war.
In Sachsen begann nun der Aufstand gegen OTTO. Heinrich zog von hier an den Rhein, um sich mit Giselbert zu vereinigen. Sie trafen auf lothringischem Gebiet zusammen, wohin auch Eberhard gelangte. OTTO erschien nun ebenfalls am Rhein, unterschätzte jedoch die Sachlage, denn er ließ sein Heer übersetzen, ohne zu wissen, dass die feindliche Macht in unmittelbarer Nähe stand. So wurde im März 939 bei Birten, in der Nähe von Xanten, der bereits übergesetzte Teil des königlichen Heeres in eine Schlacht verwickelt, in der trotz der ungünstigen Umstände die Königlichen Sieger blieben.
Dieser an sich kleine Sieg hatte Folgen größeren Ausmaßes. Es zerfiel nämlich darüber die gesamte Aktion der drei Verbündeten. Nach Sachsen wurde gemeldet, Heinrich sei gefallen, worauf ihn dort seine Anhänger zum Teil aufgaben. Er selbst eilte dorthin, um seine Besitzungen zu retten, doch konnte er sich nicht halten. Es kam dann zum Abschluss eines Waffenstillstandes für die Dauer eines Monats, durch den Heinrich freien Abzug erhielt. Er legte anschließend das Hauptgewicht auf sein Bündnis mit Giselbert und ging wiederum nach Lothringen. Dort wurde auch versucht, das ganze Unternehmen auf eine breitere Basis zu stellen. Die Lothringer wandten sich erneut an den westfränkischen König. Der Schritt wurde gemeinsam von Herzog Giselbert und den Grafen Otto von Verdun und Isaak von Verdun unternommen, ihnen schlossen sich auch Graf Dietrich von Holland an. Sie alle leisteten Ludwig IV. die Huldigung. Die lothringischen Bischöfe fügten sich dieser Aktion allerdings nicht an, weil sie zuvor OTTO Geiseln für ihr Wohlverhalten hatten stellen müssen. Es scheint auch zu einigen Kriegsvorbereitungen im westfränkischen Reich gekommen zu sein, doch griff jetzt OTTO sehr rasch ein.
Er erschien mit einem Heer in Lothringen, wobei das Land durch die ostfränkischen Truppen schwer verwüstet wurde. Giselbert musste flüchten, doch leistete andererseits seine Burg Chevremont der Belagerung erfolgreichen Widerstand. Auch verblieb Graf Immo, dessen Besitzungen im Raum Maastricht lagen, auf seiner Seite. Demgegenüber knüpfte OTTO Verbindung mit den westfränkischen oppositionellen Großen an und schloss mit ihnen einen Vertrag, was sich allerdings noch nicht direkt auf die Lage auswirkte. Dem König blieb nichts anderes übrig, als Lothringen wieder zu verlassen.
Inzwischen kam eine Aktion des westfränkischen Königs in Gang. Er kam nach Verdun, wo ihm jetzt wahrscheinlich die Bischöfe von Metz, Toul und Verdun huldigten. Der Zug ging dann noch weiter ins Elsaß, wobei der Zweck allerdings nicht klar zu erkennen ist. Die Situation bleibt für uns etwas ins Dunkel gehüllt, weil die Quellenberichte nicht miteinander übereinstimmen. Jedenfalls wurde OTTOS Lage sehr schwierig, da in seiner Umgebung ein starker Abfall einsetzte. In diesem Augenblick überquerten Giselbert und Eberhard mit einem Heere bei Andernach den Rhein und brachen in Sachsen ein. Es handelte sich anscheinend um einen Plünderungs- und Verwüstungszug, denn sie gingen wieder zurück, bevor es zu einem Treffen mit den gegnerischen Kräften gekommen war. Ein Teil ihrer Streitkräfte war bereits auf das westliche Rheinufer zurückgesetzt, als die Grafen Udo und Konrad mit ihren Leuten ankamen und Eberhard und Giselbert überraschen konnten. Eberhard fiel im Kampfe; Giselbert suchte über den Rhein zu fliehen, die einen sagen in einem Boot, die andern auf seinem Pferde, jedenfalls ertrank er bei diesem Versuch.