Fried, Pankraz: Seite 29-41
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"Die Herkunft der Wittelsbacher."


Wege und Stand der Forschung

"Secht allso von dem edlen stand der vier künig von Rom,
franckreich, von kriechen und von Ungern kom daz edel geschlächt und der würdig sam der Herren von Bayren, die hewt lebend, und wer den graufen von Scheyren dhainerlei sach zuspricht, das sy von alter nicht gut seien, der haut der kronick nicht gelesen und velet davon. « [1 F. H. Graf Hundt, Kloster Scheyern, seine ältesten Aufzeichnungen, seine Besitzungen. Ein Beitrag zur Geschichte des Hauses Scheyern-Wittelsbach (Abh. München 9, Abt. 2) 1862, 265; J. v. Hefner, Über die Fürstengruft und die Fürstenkapelle zu Scheyern (OA 2) 1840, 188ff.: »Scheyerner Fürstentafel«; vgl. allgemein F. H. Graf Hundt, Bayerische Urkunden aus dem 11. und 12. Jh. (Abh. München 14, Abt. 2) 1878, 349.] So verkündete einst die wohl aus der Wende zum des 14. Jahrhundert stammende sogenannte Scheyerner Fürstentafel, die in der Fürstenkapelle im Kloster Scheyern hing, die hohe Abkunft des Wittelsbachischen Hauses. Die Tafel, die im 18. Jahrhundert verlorenging, deren Inschrift aber in vielen, teils frühen Abschriften erhalten ist, kann wohl als die älteste uns überlieferte »offizielle« Genealogie der WITTELSBACHER angesehen werden. Ihr Verfasser stammt vermutlich aus dem Kreise der Mönche des Klosters Scheyern. Sie behauptet nichts weniger, als daß der Stamm der Grafen von Scheyern und Wittelsbach bis auf die KAROLINGER zurückgehe; KARL DER GROSSE sei der Ahnherr des Geschlechts. Sein Ur-Ur-Enkel Kaiser ARNULF, Sohn »Herzog« Karlmanns von Bayern, habe die Burg Scheyern erbauen lassen und Agnes, eine Tochter des damaligen byzantinischen (griechischen) Kaisers geheiratet. Deren Söhne Arnold und Werner hatten zwei ungarische Königs-Töchter, die Geschwister Agnes und Beatrix, zu Gemahlinnen gehabt; letztere seien, da sie noch heidnisch waren, auf der Burg Scheyern getauft worden.
Nun haben allerdings die kritischen Forschungen Graf Friedrich Hector Hundts 1865 eindeutig den Beweis erbracht, daß gerade diese Berichte »Ausschmückungen« des scheyern-wittelsbachischen Stammbaumes sind, von Mönchen des Klosters Scheyern angefertigt, um ihre Gründer-Familie und ihr Herzogshaus damit zu erhöhen. [2 Hundt, Scheyem (wie Anm. 1) 263ff.; vgl. unten Anm. 5.] Bis ins 18. Jahrhundert wurde jedoch zäh an der These festgehalten, die WITTELSBACHER leiteten sich im Mannesstamme von den KAROLINGERN her, zuletzt eingeschränkt auf die Verbindung über die weiblicheLinie.
Noch Kurfürst Maximilian I. war von der direkten karolingischen Abkunft seines Hauses so überzeugt, daß er seinen Geschichtsschreiber Markus Welser beauftragte, sie im einzelnen auszuführen, es gelang aber nicht. [3
A. Kraus, Die historische Forschung an der Churbayerischen Akademie der Wissenschaften 1759-1806 (Schriftenreihe z. bayer. Landesgesch., hg. v. d. KBL 59) 1959, 165; M. Welser, Bayrische Geschichte, in fünff Bücher getheilt, Augsburg 1604.]  
Daß aber schon im 13./14. Jahrhundert nicht unbedingt an von franckreich, die hohe Abkunft von Königen und Kaisern geglaubt wurde, dafür sind die apologetischen Sätze der Scheyerner Fürstentafeln, die eingangs angeführt wurden, ein untrüglicher Beweis. Die direkte Abkunft von den KAROLINGERN wird bereits teilweise von der spätmittelalterlichen Chronistik bezweifelt. [4
Die spätmittelalterliche Chronistik Bayerns ist bisher hinsichtlich der dort enthaltenen Angaben über die älteste Genealogie des Hauses WITTELSBACH kaum erforscht.] Veit Arnpeck (ca. 1440-ca.1495) schiebt sogar nach der Schilderung des ersten wittelsbachischen Herzogs von Bayern ein eigenes Kapitel ein, »damit nicht mehr bezweifelt werde, daß Otto von den Grafen von Scheyern« abstamme«. [5 Veit Arnpeck, Sämtliche Chroniken, hg. v. G. Leidinger (QE NF 3) 1915, V. cap. 2-4, 190ff.] Man zweifelte also sogar an der Abstammung der WITTELSBACHER von den Grafen von Scheyern. Der Chronist fährt deswegen fort: »Da unsere Vorgänger schon genügend konfus darüber geschrieben haben, werde ich es mit vorausgehender Sorgfalt, soviel dies möglich ist, mit rohem und ungepflegten Stil zu erforschen suchen, zumal mich auf Bitten des ehrwürdigen in Christus Herrn N., Abt von Scheyern, eines überaus frommen Mannes, das gegebene und versprochene Vertrauen dazu zwingt. [6 Ebd.] Veit Arnpecks Ansicht nach war der Stammvater der WITTELSBACHER Herzog »Leopaldus«, der gegen die Ungarn 907 bei Preßburg fiel und zum Stammvater der LUITPOLDINGER wurde, die das sogenannte »jüngere« bayerische Herzogtum bis 947  innehatten. Sein Sohn war Herzog Arnulf, von dem die Salzburger Annalen berichten, er habe sich zum »rex in regno Teutonicorum« wählen lassen [7 Vgl. hierzu K. Reindel, Herzog Arnulf und das Regnum Bavariae (ZBLG 17) 1954, 187-252. (Wiederabdruck in: Die Entstehung des deutschen Reiches, Wege d. Forschung 1, 1956, 213-288).]. Der erste große bayerische Geschichtsschreiber Aventin (1477-1534), dem in der Nachfolge Arnpecks die Darstellung der WITTELSBACHER Genealogie zugefallen war, berichtet gleichfalls nichts von einer Abkunft von den KAROLINGERN, sondern spielt vielmehr auf den Stamm der Skiren an, der die Herzöge der Bayern gestellt haben soll, um dann mit aller Bestimmtheit festzustellen: [8 Johannes Turmair's genannt Aventinus sämmtliche Werke (Akademie-Ausgabe), 6 Bde., 1881/1908, Chronik Buch VII cap. 1.] »Der erst landgraf von Scheirn ist Amolph, Herzog Arnolphs sun ... hat Scheirn paut. Dies sun ist graf Berthold. Der hat weiter under im lassen lantgraf Babo von Scheiern ... Babos sun ist lantgraf Oto der erst«. Damit wurde zum ersten Male eine Verbindung der LUITPOLDINGER mit den Grafen von Scheyern konstruiert, die auch zeitlich mit der Generationenabfolge einigermaßen genau übereinstimmt - vielfach wurde sonst in späterer Zeit Otto I. von Scheyern direkt mit Graf Berthold verknüpft.
Mit dem Aufleben der kritischen historischen Forschung im 18. Jahrhundert und vor allem mit der Gründung der kurbayerischen Akademie der Wissenschaften 1759 setzte eine intensive Beschäftigung mit dem Ursprung des Wittelsbachischen Hauses ein. [9
Kraus (wie Anm. 3) 264ff.: Das Haus Wittelsbach; Vgl. dazu auch O. Forst de Battaglia, Wissenschaftliche Genealogie. Eine Einführung in ihre wichtigsten Grundprobleme, 1948 (Sammlung Dalp).] Man hoffte, mit den neuen Methoden historischer Quellenkritik zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Doch verband man noch allzu sorglos in den Quellen aufscheinende Namen miteinander, wenn sie nur irgendwie zeitlich angemessen in Beziehung zu setzen waren. So war eine verbreitete Ansicht, daß eine direkte Linie vom ersten bayerischen Herzog Garibald I. zum derzeitigen Fürsten reiche: die WITTELSBACHER galten als AGILOLFINGER. Ernsthafte Genealogen suchten diese Abkunft durch abenteuerliche Hypothesen beim Fehlen von Quellen zu stützen. Kritische Historiker standen in der Nachfolge spätmittelalterlicher Chronisten wie Veit Arnpecks diesen Konstruktionen skeptisch gegenüber; man begann mit Luitpold. Die Nachricht über seine karolingische Verwandtschaft ließ eine Vielzahl von genealogischen Konstruktionen entstehen, welche die LUITPOLDINGER und damit auch die Grafen von Scheyern mit den KAROLINGERN verbanden. Konnte man daraus auch keine unmittelbaren Ansprüche begründen, so verlieh doch die Abkunft vom ersten großen Kaiser des Abendlandes Rang und Würde dem Fürsten, der sich auf eine solche Deszendenz berufen konnte. Der KAROLINGER-Hypothese widersprach, auf einige Vorarbeiten zurückgreifend, Louis Gabriel Comte Du Buat-Nancay, Mitglied der französischen Gesandtschaft zu München und Direktor der historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in seinem Werk »Origines Domus Boicae Gentis". [10 L. Hammermayer, Gründungs- und Frühgeschichte der bayerischen Akademie der Wissenschaften (MH Stud., Abt. Bayer. Gesch. 4) 1959, 268ff., 271, 281 Anm. 114 und 115. Vgl. auch Mitterauer (Anm. 70) 227ff.] Du Buat versuchte darin, in zwölf Abschnitten die karolingische Abstammung zu widerlegen - er beschränkte sie auf einen Zusammenhang in weiblicher Linie - und seine eigene These mit zahlreichen Quellen zu untermauern; Markgraf Luitpold, der Ahnherr der Grafen von Scheyem, sei ein »Einheimischer aus dem Geschlecht der HUOSI, also einer jener fünf »genealogiae« der Lex Baiuvariorum und dessen Großvater ein Luitpold, Graf des Gaues »Usgove« (807 bis 837?), also des Huosigaues gewesen. Eine Verbindung zu den KAROLINGERN erblickte er lediglich in des letzteren Gemahlin, in der er eine Tochter Ludwigs III. sah. Mit den »Origines« erfüllte Du Buat einen Lieblingswunsch des Kurfürsten Maximilians III. Josef, der lieber in einem einheimischen Geschlecht seine Ahnherren suchte. Allerdings fand die These Du Buats bald begründeten Widerspruch. Das Spiel wurde weitergetrieben: man gab Personen zusammen, die nur dem Namen nach bekannt waren und deren Lebensalter nach ungefährer Berechnung zuzutreffen schien. Unbezweifelt und undiskutiert blieb jedoch von den Akademikern des 18. Jahrhunderts das einzige Bindeglied zwischen den LUITPOLDINGERN und den Grafen von Scheyern: jener Berthold oder Werner, den Otto von Freising als Verräter des deutschen Heeres 955 und als Vorfahren der WITTELSBACHER kennzeichnet. Dies blieb im Grunde bis zur Gegenwart so, wo dings Kurt Reindel erstmals vorsichtig Zweifel anmeldete [11 K. Reindel, Die bayerischen Luitpoldinger 893-989. Sammlung und Erläuterung der Quellen (QE NF 11) 1953; siehe unten Seite 33.].
Das geschichtsbewußte 19. sowie auch das 20. Jahrhundert brachten wichtige Quelleneditionen und -erörterungen heraus, die eine vertiefte Erforschung der WITTELSBACHER Genealogie ermöglichten. Bereits 1834 erschien Huschbergs »Aelteste Geschichte des durchlauchtigsten Hauses Scheiern-Wittelsbach«, in dem so gut wie sämtliche einschlägigen Quellen ausgebreitet sind, wobei erstmals auch besitzgeschichtlichen Nachrichten ein breiterer Raum eingeräumt wird. [12
J. F. Huschberg, Aelteste Geschichte des durchlauchtigsten Hauses Scheiern-Wittelsbach bis zum Aussterben der gräflichen Linie Scheiern-Valai, 1834. Eine Quellensammlung oder ein Regestenwerk zur älteren Geschichte und Genealogie der Wittelsbacher (bis 1180) fehlt freilich. Quellenanführungen bringen neben Huschberg indirekt die bekannten genealogischen Abhandlungen, insbesondere Reindel, Tyroller, Trotter (siehe Anm. 11, 18, 19). Für die spätere Zeit steht zur Verfügung MW 1, II (ab 1204).] Huschbergs genealogische Konstruktion verbindet die LUITPOLDINGER, die er in einer lückenlosen Ahnenreihe mit den Grafen von Scheyern anführt, gleichfalls mit einem Graf Luitpold, der um 800 als Graf im Huosigau erscheint. Am tiefschürendsten hat sich im 19. Jahrhundert wohl Graf Friedrich Hektor Hundt in seiner Abhandlung mit dem etwas irrführenden Titel: »Kloster Scheyem, seine ältesten Aufzeichnungen, seine Besitzungen usw.«, befaßt. [13 Hundt, Scheyern (wie Anm. 1) Kap. V: Die Nachrichten über das Scheyern-Wittelsbach'sche Regentenhaus im Liber primae fundationis (S. 248), Kap. VI: Über die Ausschmückungen des Scheyern Wittelsbach'schen Stammbaumes im Kloster Scheyern (S. 263).] Er untersuchte das gesamte Handschriftenmaterial des Klosters Scheyern dem 13. Jahrhundert und kam dabei zum Schluß, daß sich im Priester Konrad von Scheyern in Wirklichkeit zwei Personen verbergen: der Abt Konrad von Luppurg, dem wir das Gründungsbuch (Chronikon) verdanken und der Mönch Konrad, auf den die große Zahl der übrigen Folianten zurückgeht. Hundt war es auch, der in scharfsinniger Quellenkritik als erster erkannte, daß das Kapitel 16 der Scheyrer Hauschronik in dem von der Abkunft der WITTELSBACHER von Königen und Kaisern berichtet ist, eine Einschiebung des 15. Jahrhunderts in die Tegernseer Handschrift darstellt und auf zwei, im 13. Jahrhundert im Kloster Scheyern verfertigte "Ausschmückungen« zurückgeht, die dann auch in die Scheyerner Klostertafeln Eingang gefunden haben. Durch diese Erkenntnisse konnte Hundt das in der Monumenta-Edition von sehr abgewertete Chronicon Schirense, [14 Chounradi Schirense Chronicon etc., ed. Ph. Jaffe. (MGH SS 17) 1861, 613-623; über die verschiedenen Editionen siehe Hundt, Scheyern (wie Anm. 1) 213 (künftig in deutscher Übersetzung hg. v. P. Fried, 1980); Monumenta Schirensia. Codex traditionum, Diplomatarium. Miscellum (MB 10) 1768, 381 ff. Vgl. dazu auch j. v. Hefner, Über den Mönch Conrad von Scheyern, mit dem Beinamen Philosophus (OA 2) 1840, 151 ff.] die älteste Chronik des Klosters Scheyern und die früheste Familiengeschichte der Wittelsbacher, rehabilitieren.
Die methodisch sauber gearbeitete Studie von Max Fastlinger [15
M. Fastlinger, Die Ahnherrn der Wittelsbacher als Vögte des Freisinger Hochstifts (Deutinger Beiträge 10) 1907, 140ff.; s. unten S. 34.] brachte dann 1907 einen weiteren Fortschritt: Mit dem Kriterium der Vererbung der Freisinger Hochstiftsvogtei  konnte nachgewiesen werden, daß die Grafen von Scheyern besitzgeschichtlich mit einer im 9. und 10. Jahrhundert im Freisinger und Dachauer Raum begüterten Familie zusammenhängen, die sehr wahrscheinlich der ARIBONEN-Sippe zuzurechnen ist. Neue Forschungen haben die Ergebnisse Fastlingers vollauf bestätigt. [16 P. Fried, Herrschafts- (und Siedlungs-) Geschichte der altbayerischen Landgerichte Dachau und Kranzberg im Hoch- und Spätmittelalter sowie in der frühen Neuzeit (Stud. z. bayer. Verfassungs- u. Sozialgesch. 1) 1962, 50; s. unten S. 34.] Nach Fastlinger war es die ausgewogene und umsichtige Darstellung des Altmeisters bayerischer Landesgeschichtsforschung, Sigmund von Riezlers (1927), der der Abstammung von den LUITPOLDINGERN das Wort redet und die HUOSI als ferne Ahnherren sieht. [17 Riezler 12/2, 554ff.; siehe unten Seite 33.] Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien dann nur noch eine Arbeit, die sich mit den »Ahnen der Wittelsbacher« direkt beschäftigte: Franz Tyroller, [18 F. Tyroller, Die Ahnen der Wittelsbacher (Beilage zum Jahresbericht des Wittelsbacher-Gymnasiums München) 1950/51; Ders., Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter (Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, hg. v. W. Wegener) 1962/69, (Tafel 18, Seite 202: Die Grafen von Scheyern und Wittelsbach; Tafel 3, S. 27: Die Luitpoldinger); Ders., Die ältere Genealogie der Andechser, 1952.] suchte auf Biegen und Brechen die lückenlose Stammreihe der WITTELSBACHER bis hinauf zu den LUITPOLDINGERN und deren genealogische Abkunft zu ergründen, was wegen methodischer Schwächen allerdings nicht als geglückt anzusehen ist. Wir müssen deswegen, was die WITTELSBACHER betrifft, immer noch auf den 1931 von K. Trotter verfaßten Stammbaum zurückgreifen; [19 K. Trotter, Die Grafen von Scheyem, Dachau, Valley, Wittelsbach, Pfalzgrafen und Herzöge von Bayern (O. v. Dungern [Hrsg.], Genealog. Handbuch z. bair.-österr. Gesch. 1, Liefg. 1931, 29ff.] den der LUITPOLDINGER hat zu1etzt Kurt Reindel mit wissenschaftlicher Akribie entworfen. [20 Reindel (wie Anm. 11); dort Stammbaum S. VIII.] Neben diesen Werken wurde jedoch in den letzten Jahrzehnten die WITTELSBACHER Genealogie im Zusammenhang mit anderen Thematiken und in der Anwendung neuartiger genealogischer Methoden [21 Vorbildlich sind hierfür die Arbeiten von G. Diepolder, Die Herkunft der Aribonen (ZBLG 27) 1964, 74ff., und W. Störmer, Adelsgruppen im früh- und hochmittelalterlichen Bayern (Stud. z. bayer. Verfassungs- u. Sozialgesch. 4) 1972 (Rezeption der Methoden genealogischer Adelsforschung aus der Freiburger Schule G. Tellenbachs und K. Schmids: Prosopographie als Sozialgeschichte? Methoden personengeschichtlicher Erforschung des Mittelalters, 1978), s. unten S. 38.] immer wieder gestreift, sei es im Zusammenhang mit der ARIBONEN-Sippe, den Grafen von Ebersberg, dem karolingischen Markgrafen im Südosten, der Freisinger Ministerialität, um nur die wichtigsten Arbeiten zu nennen [22 Siehe unten S. 36f.], sei es in Verbindung mit dem historischen Atlas-Unternehmen der Kommission für bayerische Landesgeschichte, bei dem gerade die Untersuchung des scheyerisch-wittelsbachischen Kernraums beachtliche, wenn auch nicht die erwarteten Ergebnisse abgeworfen hat. [23 Siehe dazu G. Diepolder, Das Landgericht Aichach (HAB, Teil Altbayern 2) 1950; Dies., Das Landgericht Aichach, Phil. Diss. (neugedr.) München 1950 (Manuskript im Institut für bayer. Geschichte); P. Fried, Die Landgerichte Dachau und Kranzberg (HAB, Teil Altbayern 11/12) 1958; St. Harnarm, Schrobenhausen (HAB, Teil Altbayern 42) 1977; S. Hiereth, Die Landgerichte Friedberg und Mering (HAB, Teil Schwaben 1) 1952; V. v. Volckamer, Das Landgericht Pfaffenhofen und das Pfleggericht Wolnzach (HAB, Teil Altbayern 14) 1963; ferner: F. Andrelang, Landgericht Aibling und Reichsgrafschaft Hohenwaldeck (HAB, Teil Altbayern 17) 1967.] Max Spindler hat zuletzt (1969) in Kenntnis dieses Forschungsstandes unser gesichertes Wissen über die Genealogie der zusammengefaßt: »Die Abstammung der WITTELSBACHER von den LUITPOLDINGERN darf ... als gesichert gelten. Die Ableitung von den HUOSI ... hat ... an Glaubhaftigkeit gewonnen ... « [24 Spindler I, Nachdr. 1975, 322ff.; II, 1969, 16.]
Die genealogische Erforschung des Hauses WITTELSBACH hat zweifellos beachtliche Ergebnisse erzielt. Sie leidet aber immer noch daran, daß einwandfrei durch Quellen erwiesene Tatsachen zu wenig oder gar nicht von den unzähligen Hypothesen, Theorien, Vermutungen und rein willkürlichen Annahmen säuberlich geschieden werden. Die moderne Wissenschaft könnte dem abhelfen, wenn sie ein Quellenbuch für die ältere Geschichte der WITTELSBACHER und Grafen von Scheyern herausgäbe, wie dies in beispielhafter Weise Kurt Reindel seinerzeit für die Luitpoldinger besorgt hat. Solange dieses Werk fehlt, muß es die vornehmste Aufgabe einer jeden Bemühung um die älteste Genealogie des Hauses WITTELSBACH sein, diese Trennung von Erwiesenem und Wahrscheinlichem methodisch sauber durchzuführen.

Die gesicherten Fakten

Urkundlich gesicherter Ahnherr des Wittelsbachischen Hauses, von dem sich eine lückenlose Stammreihe bis in die Gegenwart aufstellen läßt, ist bekanntlich ein »comes Otto de Skyrun«, der im Traditionsbuch des Hochstifts Freising seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bis etwa 1078 als Hauptvogt der Freisinger Kirche auftritt. [25
Die Belege siehe bei Trotter (wie Anm. 19) sowie bei Huschberg (wie Anm. 12). Nach Trotter war dessen Vater gleichfalls ein Otto, in dessen Grafschaft 1014 Irnsing im Kelsgau lag.] Am 13. Januar 1040 lag »Bozinwanc« im Kelsgau in seinem Komitat. Er war in zweiter Ehe nach 1040 mit Haziga, einer Schwester des Grafen Gebhard I. von Sulzbach, Witwe des Grafen Hermann von Kastl verheiratet. Haziga gründete bekanntlich mit ihren Söhnen Bernhard, Ekkehard und Otto, nachdem sie vorher eine Mönchszelle (Margarethenzell, heute Bayerisch-Zell) hatte errichten lassen, 1077 das Kloster Fischbachau, das um 1100 (1104?) auf die Burg »Glaneck« bei Eisenhofen, einem Gemeinschaftsbesitz der Grafen Otto von Schevern und Berthold von Burgeck [26 Nach R. Wagner, Graf Berthold und die »Civitas Burgeck« (ZHVS 71) 1977, 89ff. handelt es sich bei Burgeck um Wagesenberg. Über die Grafen von Lechsgemünd siehe Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) Tafel 19, Seite 213.] transferiert wurde - die romanische Kirche steht als Denkmal noch -, bis es um 1120 eine endgültige Heimat auf der Stammburg Scheyern fand. [27 Chronicon Schirense und Scheyemer Urkunden (wie Anm. 14); allgemein zum Kloster Scheyern siehe J. Hemmerle, Die Benediktinerklöster in Bayern (Germania Benedictina II) 1970, 279ff.]
Ekkehards Sohn Otto [28
Während Huschberg und Trotter dem ersten Pfalzgrafen Otto den Ekkehard zum Vater geben, glaubt Tyroller (Genealogie, wie Anm. 18), ihn neuerdings im Grafen Otto, also im Bruder Ekkehards, zu erblicken. Er stellt sich damit in Gegensatz zur Überlieferung der Historia Welforum (wie Anm. 100, cap. 15) und des Chronicon Schirense (wie Anm. 14, cap. 17), obgleich er keinen urkundlichen Beleg, sondern nur mehrere »Wahrscheinlichkeiten« beizubringen vermag, die hier nicht einzeln angeführt werden können. Ich halte also an der Filiation des ersten Pfalzgrafen von Ekkehard fest.] nennt sich am 13. Juli 1116 erstmals nach Wittelsbach und wird nach 1110 bzw. am 25. Juni 1120 Pfalzgraf von Bayern genannt. [29 Den Zeitpunkt nach 1100 nimmt Hundt, Scheyem (wie Anm. 1) 257 an, das andere Datum bringt Trotter (wie Anm. 19) 33 mit Bezug auf Klosterurkunde Indersdorf Nr. 1.] Der Hauptgründer der Stifte Indersdorf und Ensdorf wird damit zum Begründer der wittelsbachischen Hauptlinie der Grafen von Scheyern. Seine Gemahlin ist Heilika, Tochter Friedrichs von Pettendorf/Lengenfeld. Otto starb am 4. August 1156. Sein Sohn ist Pfalzgraf Otto der Ältere, geboren 1117, gestorben am 11. Juli 1183. Er wird am 16. August 1180 in Altenburg mit dem Herzogtum Bayern belehnt. Er nennt sich 1156/58 auch nach Wartenberg. Seine Gemahlin war Agnes, Tochter des Grafen Ludwigs III. von Loon und Rieneck, der auch Burggraf von Mainz war. Seit etwa 1100 nennt sich Arnold von Scheyern, der Sohn Ottos aus erster Ehe, nach der Burg Dachau. Er wird damit zum Begründer der Linien Dachau (1180 ausgestorben) und Valley (1238 ausgestorben).
Obwohl es keine neuere Zusammenstellung der Funktionen und des Besitzes der genannten Grafen von Scheyern und ihrer Seitenlinien gibt, seien im folgenden nur die wichtigsten gesicherten Fakten angeführt, weil sie für besitzgeschichtlichgenealogische Rückschlüsse von Bedeutung sind. Graf Otto, der Gemahl der Haziga, erscheint erstmals um 1050 als Vogt des Freisinger Bischofs Nitker; ca. 1060 auch als Vogt des Freisinger Domkapitels. [30
Das Folgende nach Trotter (wie Anm. 19), wo auch die urkundlichen Belege angeführt sind.] Um 1080 tritt sein Sohn Ekkehart als Vogt von Weihenstephan auf. Seit ca. 1130 sind diese Vogteien in den Händen des Pfalzgrafen Otto I. von Wittelsbach vereinigt, der auch Vogt seiner Gründungsklöster Indersdorf und Ensdorf sowie des Hausklosters Scheyem ist. - Graf Ekkehard II. ist 1116/17 als Schirmvogt des Klosters Ebersberg bezeugt. Pfalzgraf Otto I. übt die Vogtei über Kühbach und Geisenfeld aus. [31Riezler, 12/2, 553.]
Die bayerische Pfalzgrafschaft erhielt Graf Otto nach 1110 bzw. spätestens 1120. Der damit verbundene Besitz - wohl Reichsgut - ist noch nicht genügend erforscht. [32
Vgl. P. Wittmann, Die Pfalzgrafen von Bayern, 1877 und oben Anm. 29.]
Was den Grafschaftsbesitz betrifft, so konnten auch die bisherigen Untersuchungen im Rahmen des Historischen Atlasses keine hinlängliche Klarheit erbringen. Der Rückschluß von den späteren Landgerichten Aichach-Wittelsbach (mit Friedberg und Schrobenhausen), Pfaffenhofen-Scheyern und Dachau auf Grafschaften scheint möglich, ist aber nicht zu erweisen. [33
Siehe die einschlägigen Atlasbände von S. Hiereth - G. Diepc der - P. Fried - V. v. Volckamer - St. Hamann (wie Anm. 23).] Das Landgericht Kranzberg kann den Rest einer Grafschaft um Freising darstellen, die vermutlich die Grafen von Ottenburg-Grögling-Hirschberg innehatten und etwa in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an die Wittelsbacher kam. [34 Siehe P. Fried, Zur Herkunft der Grafen von Hirschbc (ZBLG28) 1965, 82ff.]
Die Bedeutung der Vogteien über das Hochstift Freising und dessen Eigenklöster für die Auflösung von Grafschaften und die Bildung der territorialen Landgerichte konnte hingegen sehr deutlich nachgewiesen werden.
Den besten und vollständigsten Einblick in den grundherrschaftlichen Besitz der WITTELSBACHER gewährt, wenn man vom Stiftungsgut an die wittelsbachischen Gründungsklöster und von der veralteten Zusammenstellung von Riezler absieht, [35
Vgl. Hundt Scheyern (wie Anm. 1) sowie K. Th. v. Heigel - v. Riezler, Das Herzogthum Bayern zur Zeit Heinrichs des Löwen und Ottos I. von Wittelsbach, 1867.] das erste herzogliche Salbuch aus der Zeit um 1230. [36 Bisher ediert in MB 36 a/b.] Im Stammland der WITTELSBACHER führt es Grundherrschaften und Vogteien in den Ämtern Dachau, Aichach, Pfaffenhofen und Landshut an, letzteres in eine größere Zahl von Schergenämtern untergegliedert, die überwiegend im Erdinger Raum liegen. Über die Herkunft des scheyerisch-wittelsbachischen Grundbesitzes in den Landgerichten Aichach (mit Friedberg und Schrobenhausen), Pfaffenhofen, Dachau und Kranzberg ist in den gleichnamigen Atlasbänden gehandelt. [37 Wie Anm. 33.] Eine Zusammenstellung der scheyerisch-wittelsbachischen Vasallität und Ministerialität liegt bis jetzt noch nicht vor. Gute Ansätze hierfür finden sich in den einschlägigen Bänden des Historischen Atlas. [38 Wie Anm. 33; siehe auch die Arbeiten von G. Flohrschütz, D Freisinger Dienstmannen im 10. und 11. Jh. (Deutinger Beiträge 2 1967, 9ff.; Ders., Der Adel des Wartenberger Raumes im 12. J (ZBLG 34) 1971, 85-164, 462-511, 909-911; Ders., Die Freising Dienstmannen im 12 Jh. (OA 97) 1973, 32 ff.]
Fassen wir zusammen: Der urkundlich einwandfrei erwiesene Ahnherr der WITTELSBACHER ist Graf Otto von Scheyern, der Gemahl der Haziga, der um die Mitte des 11. Jahrhunderts auftritt. Mit ihm beginnt die lückenlose Stammreihe. Was allerdings über seine Vorfahren ausgesagt wird, gehört in das Reich der Theorien und Hypothesen. Ihnen kann eine mehr oder weniger große Wahrscheinlichkeit zukommen, exakt beweisbar und belegbar indessen sind sie bis zum heutigen Tage nicht.

Theorien und Hypothesen

Aus den verschiedensten Motiven heraus war man bestrebt, seitdem es eine bayerische Historiographie gibt, den Stammbaum der Grafen von Scheuern mit ruhmreichen Geschlechtern der bayerischen Frühzeit zu verknüpfen. Dies geschah einmal aus dem hochadeligen Selbstverständnis heraus, das eine Ahnentafel vorweisen wollte, die Verbindungen mit königlichen und kaiserlichen Geschlechtern aufzeigt oder sogar direkte königliche Abkunft offenbart. [39
Siehe oben S. 29f.] Als die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Genealogie des Herrscherhauses im 18. Jahrhundert einsetzte, wandte man allen Spürsinn auf, Genealogien zu konstruieren, die man aufgrund der nun ermittelten neuen Quellen vertreten zu können glaubte. Zwar wurde, wie A. Kraus [40 Siehe oben S. 34 u. Anm. 3.] gezeigt hat, die völlig abwegige Hypothese von der agilolfingischen Herkunft überwunden - sie
findet sich aber immerhin 1870 noch in einem bayerischen Schulbuch! -, doch stellte man damals und in der Folgezeit eine Reihe von neuen Theorien auf, die es entweder zu erhärten oder zu widerlegen gilt. Ein Hauptproblem ist dabei Frage nach dem Zusammenhang der Grafen von Scheyern-Wittelsbach mit den Luitpoldingern.

Die Herkunft von den Luitpoldingern

Daß die Grafen von Scheyern von den LUITPOLDINGERN des 10. Jahrhunderts, also von einem herzoglichen Geschlecht abstammen, wird in der bayerischen Historiographie, wie schon erwähnt, [41
Siehe oben Seite 29.] vom 13. Jahrhundert bis zum heutigen Tage vertreten. Der älteste Gewährsmann hierfür ist kein geringe als Bischof Otto von Freising (1111/15-1158), der bekanntlich unter seinen wittelsbachischen Schirmvögten sehr zu leiden hatte. Dies war wohl der Grund, daß er in seiner sonst durch äußerste Sachlichkeit sich auszeichnenden Weltchronik seinem Herzen über die WITTELSBACHER Vögte Luft machte: [42 Otto von Freising, Chronik oder Geschichte der zwei Staate (Ausgew. Quellen zur Geschichte des deutschen Mittelalters. Freiherr vom Stein Gedächtnisausgabe, hg. v. R. Buchner, 16) 1960.]
"Im Jahr 955 nach der Fleischwerdung des Herrn fiel das wilde Volk der Ungarn in unzählbaren Scharen ein, überflutete wie ein Heuschreckenschwarm das ganze Land und gelangte bis vor Augsburg am Lech, dessen Bischofsstuhl damals der verehrungswürdige, Gott wohlgefällige Ulrich innehatte. Ihnen trat der ruhmreiche König entgegen, sich auf den Zuspruch dieses Gottesmannes hin mehr auf den Glauben als auf die Waffen verlassend, und warf die Barbaren mit solcher Kraft nieder, daß dieses wildeste aller Völker seitdem nicht nur nicht mehr wagte, ins Reich einzufallen, sondern auch in der Verzweiflung das eigene Land durch Wälle und Palisa, in sumpfigen Gegenden vor unseren Heeren zu schützen suchte. In dieser Schlacht fiel der erlauchte Herzog von Worms und Schwiegersohn des Königs, Konrad. [43
Der Rote von Lothringen, sein Schwiegersohn.] Die Barbaren sollen, was jedoch unglaubwürdig erscheint, völlig vernichtet worden und bis auf sieben Überlebende alle um kommen sein. Der Anstifter dieser schweren Heimsuchung soll ein bayerischer Graf von Scheyern [44 Berthold, Sohn des Pfalzgrafen Arnulf nach: Gerhardi Vita Oudalrici episcopi Augustani (Vitae quorundam episcoporum saec lorum X, XI, XII), übersetzt v. H. Kallfelz (Ausgew. Quellen 22 [« Anm. 42]) 1973, Kap. 12.] gewesen sein. Aber er mußte seinen Treubruch büßen, denn da er die Ungarn unbedacht herangeführt und dadurch der Vernichtung preisgegeben hatte, wurde er von ihnen als Verräter getötet. [45 Unrichtig. Berthold lebte bis ungefähr 978.] Sein Land, so wird berichtet, wurde konfisziert; ein Teil wurde vom König an die Kirchen verteilt, ein Teil mit der Burg Scheyern wurde seinem Erben belassen, aber von den Bischöfen für ewige Zeit mit dem Bannfluch belegt. Aus seinem Stamme sind bis jetzt zahlreiche Gewaltmenschen entsprossen. Aber der Pfalzgraf Otto, des treubrüchigen unbotmäßigen Vaters sehr ähnlicher Sohn, übertrifft alle seine Vorfahren an Bösartigkeit und drangsaliert bis zum heutigen Tage unablässig die Kirche Gottes ... « [46 Die Fortsetzung dieser Stelle, da Otto von Freising den Pfalzgrafen Otto und sein Geschlecht mit erregten Sätzen schmäht und dan den vorherrschenden Stil seiner Berichterstattung durchbricht, ist für seine bedrängte Stellung als Bischof von Freising aufschlußreich. Pfalzgraf Otto war Vogt der Kirche von Freising; vgl. dazu auch die Anm. in Frhr. v. Stein-Gedächtnisausgabe 16 (wie Anm. 42).].]
Für unseren Zusammenhang ist interessant, daß Otto der Schilderung des Verrats 955 als Verräter einen Grafen von Scheyern nennt, dessen Erben ein Teil des konfiszierten Gutes mit der Burg Scheyern überlassen wurde. Otto spricht dabei von einem Bericht, in dem dies überliefert ist. [47
Den Vorgang selbst schildert als frühester Zeuge Propst Gerhard in der um 992 verfaßten Vita Sancti Udalrici, allerdings ohne Erwähnung der Grafen von Scheyern: »Unterdessen, während man drinnen und draußen in Kampfbereitschaft war, erschien Berthold, der Sohn Arnulfs (= Sohn des im Vorjahr gefallenen Pfalzgraf Arnold), von der Reisensburg her kommend, beim König der Ungarn und verriet ihm, daß der ruhmreiche König Otto im Anzug sei (Frhr. v. Stein-Gedächtnisausgabe 22, 107 [wie Anm. 42]).] Nach Otto von Freising wird dieser Vorgang auch im Chronicon Schirense des Abtes Chuonrad (1205-1241) geschildert, wobei als Verräter ein Graf Wernher erscheint, der zu den Grafen von Scheyern gerechnet wird: [48 MGH SS 17, 621.]
»Einen anderen Teil hatten unter ihnen (erg. den Grafen Scheyern) diejenigen überragenden, höchsten und mit einem großen Namen ausgestatteten Grafen besessen, die gleichfalls von diesem Berg (dieser Burg) Fürsten von Scheyern bezeichnet wurden. Diese Fürsten wurden im Römischen Reich für die ersten und überragendsten gehalten, weil sie Leute von höchster Klugheit und Tapferkeit waren. Zu ihnen gehörte auch ein gewisser Graf Wernher, der zur Zeit des Hl. Ulrichs auf dem Lechfeld kämpfend die Ungarn gegen den Kaiser OTTO führte, weil dieser Kaiser ihn seiner Güter und seines Vaterlandes durch die Acht für verlustig erklärte. Diese sind jedoch durch den Willen Gottes und des Hl. Ulrichs Verdienste alle getötet worden, und 7 Fürsten von ihnen wurden in Regensburg gehenkt. Dieser Graf selbst entging aber durch die Hilfe des Hl. Ulrich der Gefahr, weil er diesen aus der Taufe gehoben hatte. Dessen Neffe Graf Otto, Sohn der edlen Frau Haziga, unserer Gründerin, der später allein über diese Burg herrschte, hatte vier Söhne. Nachdem er allen ihr Erbteil vermacht hatte, wallfahrte er zum Hl. Grab und starb auf dem Wege dorthin einen glücklichen Tod.«
Wie Reindel [49
Reindel (wie Anm. 11) 216ff., Nr. 106.] gezeigt hat, wurde diese Begebenheit von fast allen spätmittelalterlichen Chronisten übernommen bis hin zu Aventin: »Sunt, qui tradant Ugrorum auctorum fuisse Schirorum principem Arionolphum, quem alii Otonem, alii aliter nominant; mihi non fit verisimile." [50 Aventin, Annales V/1, 15 (wie Anm. 8).] Beim Humanisten Aventin klingen also erste Zweifel an, allerdings nur an der Tatsache des Verrats; ansonsten ist er durchaus der Ansicht, daß der erste »Landgraf von Scheiern ist Arnolph, Herzog Arnulphus sun, von Kaiser Otto dem ersten des Herzogtums Baiern entsetzt, hat Scheirn paut. Dises sun ist graf Berthold«.
Ein Gutteil der bayerischen Historiker und Genealogen hielten in der Folgezeit an der luitpoldingischen Abkunft der Grafen von Scheyern fest - die meisten Münchner Akademiker des 18. Jahrhunderts, Huschberg, Haeutle, Riezler, Doeberl, Tyroller, zuletzt in eindeutiger Weise auch Max Spindler (1969), wenn er in seinem Handbuch zusammenfassend schreibt: [51
II 15f.] »Den Zeitgenossen Herzog Ottos I., für die Bischof Otto von Freising als Kronzeuge gelten kann, war die Abstammung der WITTELSBACHER von den LUITPOLDINGERN eine Selbstverständlichkeit. Es besteht im Einklang mit Riezler keine Veranlassung, einen durch Herkunft und Bildung so hervorragenden Gewährsmann wie Bischof Otto in diesem Punkte zu mißtrauen und sein Zeugnis abzulehnen. Die Abstammung von den LUITPOLDINGERN darf daher, auch wenn sie nur chronikalisch bezeugt ist und ihr die urkundliche Verbürgtheit noch fehlt, als gesichert gelten.« Lediglich Kurt Reindel [52 Reindel (wie Anm. 11) 220.] hat 1953 einige Vorbehalte geäußert, wenn er anmerkt: »(Otto von Freising) sah, ob zu Recht ist nicht ganz sicher, in dem Vater Bertholds den Stammvater der Scheyerner Grafen, der späteren WITTELSBACHER, die ihm als Vögte von Freising schwer zu schaffen machten«. Fassen wir zusammen: es hängt einerseits von der Glaubwürdigkeit Ottos von Freising ab und andererseits vom Gelingen eines urkundlichen Nachweises, ob die luitpoldingische Abkunft der WITTELSBACHER als gesichert gelten kann. Letzterer, der urkundliche Nachweis, ist bis jetzt, trotz der Versuche Franz Tyrollers, [53 Wie Anm. 18: Tyroller, Ahnen; Ders., Genealogie.] nicht geglückt. Tyroller hat keine neuen Quellen mit neuen Filiationen oder Verwandtschaftsangaben ermittelt, sondern durch eine überspitzte und damit bisweilen unkritische Anwendung der besitzgeschichtlich-genealogischen Methode eine lückenlose Stammreihe vom LUITPOLDINGER Berthold (gest. 980), eines Sohnes Herzog Arnulfs, bis zu Graf Otto von Scheyern in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts konstruiert, was vor ihm, abgesehen von Huschberg, nur in sehr unzulänglicher Weise unternommen worden ist. Otto von Scheyern, angeblich auch ein Bruder von Kuno von Lechsgemünd, stammt nach Tyroller von einem Grafen Heinrich (I.) an der Pegnitz ab, der wiederum ein Sohn des 1017 gestorbenen Heinrich von Schweinfurt, Markgraf auf dem Nordgau gewesen sein soll. Dieser ist nach Tyroller ein Enkel Herzog Arnulfs von Bayern. Graf Heinrich I. an der Pegnitz (1021-1043) und seine Erben kommen nach dieser Theorie durch das Erbe ihrer sonst unbekannten Vater-Schwester, die mit Udalschalk II., einem oberbayerischen Grafen an der Paar verheiratet war, in den Besitz von Scheyern. Die LUITPOLDINGER wären also erst nach 1045 zu SCHEYERNERN geworden. Sicherlich wird man einräumen müssen, daß der Tyrollersche Stammbaum bis jetzt noch derjenige ist, der am meisten durch Quellenmaterial unterbaut ist. Mit Recht bezieht Tyroller die bis jetzt zu wenig bekannte Stelle des bald nach 1075 schreibenden Anonymus von Herrieden [54 Ed. M. Wemer, Anonymus Hasserensis von Eichstätt. Studien zur Biographie im Hochmittelalter, Phil. Diss. München 1966, 110.] auf Graf Otto I. von Scheyern, womit auch seine These von der Herkunft von den Pegnitz-Grafen Unterstützung findet: in ihr wird nämlich zum Jahre 1054 berichtet, Bischof Gebhard von Eichstätt habe die »Schirenses latrociniis, ut hodie sunt, deditissimos«, »die heute ganz dem Raube ergebenen SCHEYERNER« zu Paaren getrieben. [55 MGH SS 20, 238; Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 36.] Dies weist eindeutig auf Auseinandersetzungen im Raume von Eichstätt zwischen Bischof und Scheyerner Graf hin. Der Stammbaum von Tyroller würde wesentlich an historischem Wert gewinnen, wenn er fehlende Filiationen als solche gekennzeichnet und sie nicht einfach als Tatsachen hingestellt hätte. Was nun die Glaubwürdigkeit Ottos von Freising betrifft, so scheint sie gerade durch den Bericht des Anonymus Hasserensis noch insoweit bestätigt zu werden, als wir es bei den Grafen von Scheyern im 11. und 12. Jahrhundert mit einem äußerst angriffslustigen Geschlecht zu tun haben. Im übrigen ist kaum anzunehmen, daß Otto im Zorn so weit gegangen wäre, seinen Vogt zu verleumden, indem er ihn mit dem Verräter der Lechfeldschlacht in Verbindung bringt. [56 Zwar muß nach den Ergebnissen von A. Schmid, Das Bild des Bayernherzogs Amulf (907-937) in der deutschen Geschichtsschreibung von seinen Zeitgenossen bis zu Wilhelm von Giesebrecht (Regensburger Hist. Forschungen 5) 1976, daran gedacht werden, daß die LUITPOLDINGER, vor allem in Gestalt Herzog Arnulfs, erst im 12. Jahrhundert ihren negativen Ruf erhalten haben (»der Böse«). Doch erscheint mir abwegig, daß Otto von Freising aufgrund einer Zeitströmung »Rufmord« an den WITTELSBACHERN begangen haben könnte.] Auch wenn Otto von Freising gelegentlich Irrtümer nachzuweisen sind, in diesem Punkte, in dem er so sichtlich engagiert und informiert war, irrte er bestimmt nicht.
Es ist also keine dynastische Geschichtsklitterung, wenn man zum Schluß kommt, daß das Geschlecht, das 947 des Herzogtums Bayern entsetzt wurde, knapp 250 Jahre später dieses wieder erringt. Riezler [57
Riezler, I²/2, 203.] sieht darin »nichts Überraschendes, sondern nur eine Bestätigung der für die mittelalterlichen Zustände bezeichnenden Regel, daß die großen Geschlechter durch politische Wandlungen nicht leicht auf die Dauer erniedrigt und verdrängt werden können. Seit dem Sturze der AGILOLFINGER ist es ja den Königen nie wieder gelungen, die Macht einer hervorragenden Sippe des bairischen Adels dauernd zu brechen. LUITPOLDINGER und WELFEN, die jüngeren BABENBERGER und die ARIBONEN, alle haben sich einmal gegen das Königtum aufgelehnt, alle sind der Acht, Verbannung oder Gefangenschaft verfallen, und alle haben sich mit gleichem Erfolge wieder emporgeschwungen, weil die Wurzeln zäher Lebenskraft unbeschädigt blieben.«
Wenn wir also der luitpoldingischen Abkunft der WITTELSBACHER den höchsten Grad an Wahrscheinlichkeit zusprechen, so stellt sich als nächste Frage: wer sind nun eigentlich diese LUITPOLDINGER, woher stammt dieses Geschlecht, dessen Genealogie vom Stammvater Luitpold, der 907 in der Schlacht bei Preßburg gefallen ist, über dessen Sohn Herzog Arnulf und über verschiedene Zweige bis 989 urkundlich relativ gut gesichert ist - Kurt Reindel [58
Reindel (wie Anm. 11) Stammtafel.] hat sie zuletzt kritisch erforscht, weniger kritisch Tyroller. [59 Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 27.] Mit der Herkunft der LUITPOLDINGER hatten sich nach der unkritischen älteren bayerischen Chronik vor allem die Akademie-Gelehrten des 18. Jahrhunderts befaßt und dabei die verschiedensten genealogischen Möglichkeiten in Betracht gezogen, wie A. Kraus [60 Kraus (wie Anm. 3) 264ff.] in seinem Buch über die historische Forschung an der kurbayerischen Akademie gezeigt hat. Die am meisten begründete Theorie ist wohl die Herkunft von den Huosi, der wir uns im folgenden zuwenden wollen.

Die Herkunft der Luitpoldinger: Zusammenhänge mit den Huosi, Fagana, Welfen und den Aribonen

Ausgegangen sei noch einmal von der These Du Buats, daß die Grafen von Scheyern von den HUOSI, also einem Geschlecht der AGILOLFINGER-Zeit abstammen. Du Buat suchte damit, wie Hammermayer und Kraus [61
Hammermayer (wie Anm. 10); Kraus (wie Anm. 3); vgl. oben Seite 30f. (Anm. 3 und 10).] gezeigt haben, die karolingische Abstammung des Geschlechts, die Kurfürst Maximilian I. favorisierte und die sein Geschichtsschreiber Markus Welser untermauern sollte, zu erschüttern und die heimische Herkunft nachzuweisen, was einem Lieblingswunsch des Akademiegründers Kurfürst Max III. Josef entgegenkam. Du Buat dagegen argumentierte, daß Markgraf Luitpold vom einheimischen Geschlecht der HUOSI abstammte; seinen Großvater erblickt er in einem Grafen Luitpold des Huosigaues, der zwischen 807 und 837 dort auftritt. [62 Hammermayer (wie Anm. 10) 287. Vgl. Mitterauer (Anm. 70) 227ff.] Methodisch fundierter und sicherer hat diesen Zusammenhang über 100 Jahre später 1907 M. Fastlinger [63 Fastlinger (wie Anm. 15).] unter Beweis zu stellen versucht, indem er von der Vererbung von Grafschaften und der Freisinger Hochstiftsvogtei sich leiten ließ. Er gelangte zum Ergebnis, daß die Ahnherren der Grafen von Scheyern erstmals und vor allem im Huosigau begütert waren und dort auch Funktionen hatten, also im gleichen Gau, wo auch die Grafen-Geschlechter der LUITPOLDINGER, der ARIBONEN und ANDECHSER ihre frühesten Besitzungen haben. Um Aichach und Dachau sind Zentren ihres frühen Besitzes erkennbar. [64 Vgl. auch Riezler 12/2, 204.] Im 9. und 10. Jahrhundert ist es eine Familie mit den typische Namen Pilgrim und Jacob, die dort begütert ist, Vögte stellt und von der wir seit Fastlinger wissen, daß sie der huosischen Sippe der ARIBONEN zuzurechnen ist. Eigene Forschung, der Bearbeitung der Landgerichte Dachau und Kranzberg für den Historischen Atlas von Bayern haben zum gleichen Ergebnis geführt (1962): »Besitzvorgänger der Grafen von Scheyern in Dachau und in den nördlich davon liegenden Orten ist im 10. Jahrhundert eine Familie, in der der Name Jacob und Aripo häufig ist." (Jacob, Engilrat, Sohn Aripo.) Außerdem erscheint mehrere Male ein Graf Papo, Vogt von Freising in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, als Besitzvorgänger der Grafen von Dachau. Wer die Besitzvorgänger im 11. Jahrhundert waren, läßt sich nicht einwandfrei ermitteln. Am meisten wahrscheinlich ist, daß es ein Adalbero von Badershausen und ein Graf Kuno von Rihpoldisperga-Rott gewesen sind (also ARIBONEN). Das vorliegende Untersuchungsergebnis bestätigt im wesentlichen die Ansicht Fastlingers, daß die Grafen von Scheyern genealogisch irgendwie mit den ARIBONEN zusammenhängen müssen. [65 Fried (wie Anm. 16) 50ff., Anm. 132.] G. Diepolder hat dann in ihrer grundlegenden Abhandlung über die Herkunft der ARIBONEN 1964 festgestellt, daß die Herkunft einer ARIBONEN-Linie, zu der in weiblicher Linie so bedeutende Dynasten-Geschlechter wie die Pfalzgrafen von Rott ..."vielleicht sogar die WITTELSBACHER gehören", [66 Diepolder (wie Anm. 21) 115.] sich aus dem engeren Kreis der FAGANA und ihre kognatische Verbindung mit dem weiteren Kreis der HUOSI nachweisen läßt. [67 Ebd. 113; vgl. auch 95.] Von der Freisinger ARIBONEN-Sippe führt weiter ein genealogischer Weg zu den Grafen von Ottenburg, den Vorgängern der Hirschberger Grafen, die, wie von mir 1965 gezeigt wurde, [68 Fried (wie Anm. 34) 95.] vermutlich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert den WITTELSBACHERN aus ihrer Grafschaft um Freising verdrängt wurden. Das Hauptergebnis Diepolders, das hier anzuführen ist, besteht darin, daß es trotz der seit Tellenbach und Klebel herausgestellten Zugehörigkeit des bayerischen Hochadels zur fränkischen Reichsaristokratie, erwiesen bei den SIGHARTINGERN, insbesondere bei den EBERSBERGERN, falsch ist, sie in Bausch und Bogen für Fraken zu halten "und den altbayerischen Zustrom durch mütterliche Ahnen und die damit gegebenen kognatischen Verbindungen zu übersehen". [69 Diepolder (wie Anm. 21) 115.]
Diepolder stützt sich dabei auf Erkenntnisse, die M. Mitterauer bei der Unterszuchung der karolingischen Markgrafen des deutschen Südosten gewonnen hat (1963): "Markgraf Luitpold schließlich hatte unter seinen Ahnen sowohl die beiden genealogiae der HUOSI und FAGANA als auch der WELFEN. Durch seine Gattin war er mit den schwäbischen AHALOLFINGERN verwandt." [70
M. Mitterauer, Karolingische Markgrafen im Südosten. Fränkische Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im österreichichen Raum (AÖG 123) 1963, 227ff., hier 249. Spindler III/2, (1974) 841 und 858.]
Nach Max Spindler [71
Spindler II 16.] könnten die 989 ausgestorbenen LUITPOLDINGER sozusagen eine genealogische Brücke zwischen den ARIBONEN des 9. und 10. Jahrhunderts und den WITTELSBACHERN des 11. und 12. Jahrhunderts gebildet haben, zumal verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern nachzuweisen sind. [72 Riezler I²/1, 561; I²/2,571.] Daß die LUITPOLDINGER ihrerseits selbst auf die HUOSI zurückgehen können, wurde bereits erwähnt.
Die direkte Ableitung der Grafen von Scheyern von den Vorfahren der Grafen von Dießen-Andechs, die stammbaummäßig gleichfalls auf die HUOSI zurückgeführt werden, hat 1931 K. Trotter [73
Trotter (wie Anm. 19) 29 Nrr. 9 u. 19.] vertreten. Danach wäre der 1014 auftretende Otto, vielleicht ein Graf von Hohenwart, der mutmaßliche Vater des ersten Grafen von Scheyern, ein ANDECHSER. Über die Namensgleichheit hinaus werden jedoch keine weiteren Argumente beigebracht.

Das Erbe der Grafen von Ebersberg

Seit Huschberg [74
Huschberg (wie Anm. 12) 198.] und Riezler [75 Riezler 12/2, 554.] ist spätestens bekannt, daß ein Großteil des Besitzes der 1045 ausgestorbenen Grafen von Ebersberg »eines der ältesten und berühmtesten Geschlechter, das bis in die Zeiten der baierischen KAROLINGER hinauf zu verfolgen ist«, wie Riezler sagt, [76 Ebd.] an die Grafen von Scheyern gekommen sein muß. M. Mitterauer hat das Reichsaristokraten-Geschlecht zuletzt, im Anschluß an K. Trotter, zusammen mit den SIGHARDINGERN vom Kraichgau-Grafen Sighart des ausgehenden 9. Jahrhunderts abgeleitet. [77 Vgl. Störmer (wie Anm. 21) 167.] Die wohl wichtigste Schenkung Kaiser ARNULFS an seinen »consanguineus« Graf Sighart war das »fiscale forum Sempt« am Nordrand des Ebersberger Forstes. Störmer hat in seinem Buch über Adelsgruppen im früh- und hochmittelalterlichen Bayern deutlich gemacht, daß die Krönung der herrschaftlichen Konzentrationsbewegung des Grafen Sighart die Errichtung der Burg Ebersberg gewesen sein muß, die sein Enkel Eberhard 933 verstärken ließ, um dort im folgenden Jahr ein Hauskloster zu gründen. Wie alle alten Geschlechter verfügten die der fränkischen Reichsaristokratie angehörigen EBERSBERGER über reichen Besitz im Kolonialland der bayerischen Ostmark; Mitterauer glaubt sogar, daß sie wie andere Geschlechter von Grafen der karolingischen Mark abstammen. [78 Mitterauer (wie Anm. 70) 251.] Die besitzgeschichtliche Untersuchung durch W. Störmer zeigt die durch eine Karte dargestellte enorme Position dieses Geschlechts bis ins 11. Jahrhundert: »Es gibt kaum eine Adelsfamilie in Bayern des 10., ja selbst des 11. Jahrhunderts, die eine so intensive und großflächige Herrschaft ausdehnen konnte wie die EBERSBERGER.« [79 Störmer (wie Anm. 21) 171.] Neben dem Kloster Ebersberg verdanken diesem Geschlecht noch zwei weitere Klöster ihre Gründung: Kühbach bei Aichach-Wittelsbach 1011 durch Graf Adalbero und Geisenfeld bei Scheuern-Pfaffenhofen 1037 durch Graf Eberhard II. Kühbach lag 1011 »in comitatu Herteshusa«; Störmer folgert daraus: [80 Ebd. 174.] »Hörzhausen unweit der späteren Wittelsbacher Stammburg muß also der Sitz der Grafen von Kühbach-Ebersberg gewesen sein. Unmittelbar nördlich von Hörzhausen erstreckt sich der Hagenauer Forst, der vermutlich Reichsforst war. Die Situation ist geradezu Parallele zum Fall Ebersberg.«
Daß nun Hörzhausen tatsächlich der Sitz der Grafen war, möchte ich allerdings bezweifeln; vielfach wird nämlich die Dingstätte bezeichnet, wenn in einer Comitatus-Nennung ein Ort als Name erscheint (vgl. als Parallele zu dieser Stelle: in comitatu Steinheringa.!). Nach dem heutigen Stand [81
Vgl. die neuesten Ausgrabungsberichte: Vorläufig Süddeutsche Zeitung v. 16./17. 6. 79, Augsburger Beilage, S. 4.] der Ausgrabungen des Burgstalls Wittelsbach, die eine Vorgängerburg aus dem 11. Jahrhundert zum Vorschein brachte, ist es nicht ausgeschlossen, daß diese der Sitz der KÜHBACH-EBERSBERGER Grafen war, die nach der neuesten lokalen Forschung als eigener Zweig dieses Geschlechts anzusehen sind. [82 Künftig W. Liebhart, Besitzgeschichte des Reichsstifts St. Ulrich und Afra zu Augsburg, Ortsartikel Aichach.] Hier kann auch jener Graf Udalschalk gesessen sein, der ein Bruder des Klostergründers Adalbero von Kühbach war. [83 Störmer (wie Anm. 21) 174; Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 19.] Diepolder hat die Herkunft des wittelsbachischen Grundbesitzes im Aichacher Raum seinerzeit eingehend untersucht und dabei zwei deutlich unterschiedene Gruppen feststellen können: [84 Diepolder, HAB (wie Anm. 23) 2.] die erste bildet den Kern des Unteramtes Aindling, das auf den lechrainischen Teil der Grafschaft eines Udalschalk zurückgeht, der wohl auch die Vogtei über die rechtslechischen Güter von St. Ulrich und Afra zu Augsburg führte. In der zweiten, größeren Gruppe wittelsbachischer Güter um Ecknach und Paar erblickt Diepolder alten Besitz der Grafen von Scheyern. Er wuchs noch an, als die Grafen von Scheyern die Nachfolge der EBERSBERGER antraten, die ebenfalls im 11. Jahrhundert um Ilm und Paar eine Grafschaft innegehabt haben sollen. Die Klostergüter von Kühbach liegen mit der letzteren, größeren Gruppe in Gemengelage.
Die Untersuchung der herrschaftlichen Verhältnisse Raume Scheyern-Pfaffenhofen durch Volker von Volckamer [85
Von Volckamer (wie Anm. 23).] hat ergeben, daß die Ausgangsbasis für die Grafen von Scheyern denkbar schmal war, so daß eine andere Standesgenossen überragende Machtstellung nur aus dem Besitz Freisinger Vogteien kommen mußte, deren bedeutender Umfang ja im Historischen Atlas von Kranzberg deutlich gemacht wurde. Zur Besitzzeit der Grafen von Ebersberg läßt sich vor allem das Ausstattungsgut des Klosters Geisenfeld ermitteln, dessen Zentrum von einem Forst, dem Feilenforst, gebildet wird. Unmittelbar daneben liegt Scheyern und später scheyerischer Urbarbesitz; die Vermutung, daß es sich um Ebersbergisches Erbe handelt, hat deswegen einiges sich. [86 Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18), hat die Ansicht geäußert, daß die Burg Scheyern aus dem Erbe eines Udalschalks stammt, der Hauptvogt der Freisinger Kirche und EBERSBERGER war, während Riezler in ihm schon einen scheyrischen Grafen sieht. Vgl. Seite 37.] Die Herrschaft der EBERSBERGER stellte nach von Volckamer im Pfaffenhofener Raum vermutlich eine allodialisierte Grafschaft dar, die allerdings Reichslehen gewesen sein muß. Ob ein alter Grafschaftsverband, der sich auf die Edelfreien des Raumes bezog, fortlebte, vermag Volckamer nicht mehr zu entscheiden.
Für den Raum um Ebersberg, Sempt und Erding, fehlen jetzt Untersuchungen im Rahmen eines Historischen Atlasses. Daß das reiche Hausgut der Grafen von Ebersberg Semptgebiet
«ohne Zweifel zum Teil wenigstens aus ursprünglichem Fiskalbesitz stammt«, hat seinerzeit Josef Sturm schon nachgewiesen. [87 Von Volckamer (wie Anm. 23) 8; siehe auch F. Tyroller, Das Landgericht Erding in der Grafenzeit (Progr. d. Wittelsbacher Gymnasiums München) 1951/52.] Nach dem Übergang an die Grafen von Scheyern ist der nördliche Teil mit der neuen Burg Wartenberg im Besitz der pfalzgräflichen Linie, der südliche in den Händen der 1238 ausgestorbenen Linie Valley, die das Kloster Schäftlarn bevogtet und das Kloster Bernried gegründet hat. Insgesamt kann also festgestellt werden, daß das Erbe der Grafen von Ebersberg, das an die Grafen von Scheyern gekommen ist, zu einem Teil aus Urbarsgütern, zum größeren Teil jedoch aus Vogteien über Klöster und Klostergütern bestand. Die intensive besitzgeschichtliche Untersuchung der wittelsbachischen Stammlande läßt noch ein weiteres erkennen. In der Anlage neuer Burgen enthüllt sich seit 1100 massive Herrschaftspolitik der Grafen von Scheyern, die ganz im Einklang mit der oben erwähnten chronikalischen Überlieferung steht. [88 P. Fried, Hochadelige und landesherrlich-wittelsbachische Burgenpolitik im hoch- und spätmittelalterlichen Bayern (die Burgen im dt. Sprachraum. Ihre rechts- u. verfassungsgesch. Bedeutung II = VF 19) 1976; Vgl. Anonymus Hasserensis oben S. 33.]
Im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Grafen von Ebersberg und der ARIBONEN sind dies die Dynasten-Burgen Scheyern, Wittelsbach, Dachau, Wartenberg und Valley, die meist in der Nähe der älteren Zentren liegen, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß sich dort bereits Burganlagen ihrer Besitzvorgänger befanden. Nach ihnen nennen sich nun die scheyerischen Linien, die sich ganz nach dem agnatischen Prinzip formieren. Diese neuen Burgen sind, wie in der Studie über hochadelige und landesherrlich-wittelsbachischen Burgenpolitik im mittelalterlichen Bayern gezeigt werden konnte, Stützpunkte für die frühe dynastische Territorialpolitik der WITTELSBACHER zur Beherrschung ihrer umfänglichen Vogteien vor allem gegen den Bischof von Freising, der sich dadurch geradezu eingekreist fühlen mußte.
Es erhebt sich schließlich die Frage, was sich aus dieser intensiven besitzgeschichtlichen Untersuchung noch für die Art und Weise des Übergangs des EBERSBERGER Besitzes an die Grafen von Scheyern ergibt. Riezler [89
Riezler I²/2, 553 ff.] schrieb seinerzeit, daß die Güter beim Aussterben des Geschlechts an die SCHYREN kamen, ihnen »anfielen«. Tyroller [90 Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 5.] behauptete, daß die Burg Scheyern, wie bereits angeführt, aus dem Erbe der EBERSBERGER stamme. Von Volckamer [91 Von Volckamer (wie Anm. 23) 10.] spricht im Falle des wittelsbachischen Besitzes um die Burg Scheyern von einem EBERSBERGER »Erbe«, davon redet auch G. Diepolder [92 Diepolder HAB (wie Anm. 23) 4.] für den Aichacher Raum. Danach müßte man als Grund für das Erbe an eine genealogische Verbindung denken. Diese hat bis jetzt nur Tyroller in der Weise konstruiert, daß er eine Vater-Schwester Graf Ottos I. von Scheyern annimmt, die mit Udalschalk II., einem EBERSBERGER, der auch Hochvogt von Freising war, verheiratet war und damit das EBERBERGER Erbe in die Scheyerische Familie brachte. [93 Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) Luitpoldinger: Stammtafel 3, Nr. 32, S. 31 und Ebersberger: Stammtafel 2, Nr. 30, S. 25.]
Für den Kühbacher Zweig der EBERSBERGER bietet sich eine Beerbung der SCHEYERNER über die RAPOTONEN-DIEPOLDINGER an, die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mehrmals Besitz an St. Ulrich tradieren, wie neuerdings W. Liebhart feststellte. [94
Liebhart (wie Anm. 82).] Doch bleiben, wenn man an eine genealogische Verbindung denkt, zahlreiche Probleme ungelöst. Wie hängen die KÜHBACHER-EBERSBERGER mit den ARIBONEN zusammen, die wir im 9. und 10. Jahrhundert im Aichacher Raum begütert finden? Und ist die Tyroller'sche Konstruktion über die Schwester Udalschalks zu gewagt? Ist Udalschalk nicht etwa der ARIBONEN-Sippe zuzuweisen, zumal er nicht schon ein SCHEYRER ist?
Die Tatsache, daß weder urkundlich noch chronikalisch eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen den EBERSBERGERN und den SCHEYERNERN erwähnt ist, und der Umstand, daß der überwiegende Besitz der EBERSBERGER doch wohl Reichslehen war, führte zur Ansicht, daß dieser beim Heimfall »auf vielfältige Weise verteilt wurde«; nach Störmer [95
Störmer (wie Anm. 21) 175.] mußte dieser sogar eine politische Umgestaltung Bayerns die Folge sein. Daß Kaiser HEINRICH III. bei der Neuverteilung entscheidend mitgewirkt hat, dafür gibt es Hinweise. Störmer folgert: »Das bedeutet aber, daß der Kaiser seine Favoriten, die unter Umständen bisher kleine Leute waren, am stärksten bevorzugen konnte«. [96 Ebd.] Störmer gibt nicht mehr an, wer unter diesen »kleinen Leuten« zu verstehen ist, doch ist zu vermuten, daß er dabei auch an die SCHEYERNER und WITTELSBACHER Grafen gedacht hat.

Alter Hochadel oder feudale Parvenüs?

Damit sind wir zur entscheidenden Frage vorgestoßen, die sich uns am Schlusse der Erörterung der ältesten wittelsbachischen Genealogie stellt: Sind die Grafen von Scheyern und Wittelsbach ursprünglich »kleine Leute« gewesen, die als »Kreuzzuggewinnler«, wie einmal in republikanischer Aufwallung formuliert wurde, als Partei- und Kostgänger des Reiches hochgekommen sind, also typische Parvenüs der Feudalzeit? Oder sind sie doch die Abkömmlinge eines alten, traditionsreichen bayerischen Herzog-Geschlechts, das sich nach Jahrzehnten des politischen Schattendaseins, die Gunst der politischen Konstellation nutzend, wieder den Weg nach oben erkämpft hat? [97
So zum Beispiel Huschberg (wie Anm. 12) und Riezler.] Für die Tatsache, daß die Grafen von Scheyern standesmäßig einer Familie zugehören, die im 11. Jahrhundert nur der gräflichen Edelfreienschicht zuzurechnen ist, spricht eine Reihe von Argumenten.
Der Blick auf den Heiratskreis der Grafen von Scheyern und Wittelsbach im 11. und 12. Jahrhundert zeigt, daß keine eheliche Verbindung mit einem herzoglichen oder gar königlichen Geschlecht nachzuweisen ist. Erst Herzog Ludwig I. heiratete um 1204 die böhmische Herzogs-Tochter Ludmilla, nachdem noch sein herzoglicher Vater eine Grafen-Tochter zur Frau hatte. Und erst Ludwig der Strenge vermählte sich 1273 in dritter Ehe mit Mechthild, der Tochter König RUDOLFS VON HABSBURG. [98
Vgl. Trotter (wie Anm. 19) und Chr. Haeutle, Genealogie des erlauchten Stammhauses Wittelsbach von dessen Wiedereinsetzung in das Herzogthum Bayern bis herab auf unsere Tage, 1870. Vgl. auch J. P. Gewin, Blüte und Niedergang hochadeliger Geschlechter im Mittelalter, 1955.] Es gibt also bei den WITTELSBACHERN keine königliche Erbtochter, die im 11. oder frühen 12. Jahrhundert das Geschlecht zu Rang und Namen, vor allem zu größerem Herrschaftsbesitz gebracht hätte, wie dies so signifikant bei den STAUFERN der Fall war. [99 Allerdings nennt Kaiser FRIEDRICH I. den Pfalzgrafen Otto einmal in einem Brief seinen »consanguineus« (Frhr. v. Stein-Gedächtnis-Ausgabe (wie Anm. 42) 17, 647). Es ist bis jetzt jedoch nicht gelungen, den Grad der Verwandtschaft nachzuweisen. Vgl. H. Graf v. Waldersdorf, Die Verwandtschaft Kaiser Friedrichs 1. mit dem Pfalzgrafen von Wittelsbach und den Welfen (VHOR 30) 1874, 153-164; H. Decker-Hauff. Das Staufische Haus (Ausst. Kat. Stauffer III) 1977, 339ff., 348f.] Sodann fehlt jeder ernsthafte Hinweis auf eine alte und hohe Abkunft in den Quellen des 12. und des frühen 13. Jahrhunderts, wie dies beispielsweise für die WELFEN so eindrucksvoll in ihrer Familienchronik dokumentiert ist. [100 Historia Welforum, neu hg., übersetzt und erläutert v. E. König, 1938, Neudruck 1978.] Die früheste, vermutlich aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert stammende Nachricht über die königlichen und kaiserlichen Ahnen der WITTELSBACHER sind zwar ein interessantes Zeugnis für das damalige Selbstbewußtsein der Dynastie, sie entbehren aber jeder Grundlage in den Quellen und sind lediglich als »Ausschmückungen« des Stammbaumes zu verstehen. [101 Vgl. oben Seite 29.] Auch das vermutlich älteste Wappen der Grafen von Scheyern, der Sparren oder Zickzack-Balken, den noch die ersten Herzöge führen, läßt keine Rückschlüsse auf alte Abstammung zu. [102 W. Hund, Bayerisches Stammenbuch I Teil (1958) 130-137. »Das Wappen der Grafen von Scheyern und Wittelsbach ist ein Ding, nur allein in den Farben unterschieden. Wittelsbach Rot Sparren im weißen Feld, auf dem Helm zwei Flügel mit dem Sparren, wie im Schild, aber bei den Scheyern ist das Schild blau, die Sparren gelb, item auf dem Helm.«, Joh. Nep. Buchinger, Über Ursprung und Fortbildung des bayerischen Landes-, Haus- und Reichs-Wappens (QA 8) 1847, 287 ff. (Zusammenfassung aller älteren Hypothesen). Seite 294 Anm. 6 glaubt Buchinger, daß der Sparren im Wappen »eine besonders eigene Heroldsfigur oder ein Ehrenstück zum Unterschied von den gemeinen Figuren, welche Körper, Natur und Kunst vorstellt. Sparren, Balken, Pfähle und Zinnen sollen nicht selten an erstürmte Vesten etc. erinnern«; K. Primbs, Die Entwicklung des Wittelsbacher Wappens von Herzog Otto 1. bis Kurfürst Max III. Josef 1180-1777, o. Jahr. Den Zickzack-Balken führte auch später das Kloster Scheyern im Wappen, vgl. E. Zimmermann, Bayerische Klosterheraldik, 1930; W. Volkert, Das Typar eines Abtsiegels aus Scheyern (Mitt. f. d. Archivpflege in Bayern 15) 1969, 1 ff., bes. 7.] Ebenso sagt das Wappen der Pfalzgrafen von Wittelsbach, ein Adler, nichts über ihre ständische Herkunft aus. [103 Buchinger (wie Anm. 102) 295; Primbs (wie Anm. 102); Trotter (wie Anm. 19) 36 bzw. 28; Vgl. auch J. Siebmachers großes Wappenbuch 1, 1856, Neudruck 1978, Tafel 17.] Reitersiegel mit dem Zickzackbalken im Schild begegnen erstmals bei den Herzögen Ludwig I. und Otto II. [104 Vgl. S. Hofmann, Urkundenwesen, Kanzlei und Regierungssystem der Herzöge von Bayern und Pfalzgrafen bei Rhein von 1180 bzw. 1214 bis 1255 bzw. 1294 (MH Stud., Abt. Gesch. Hilfswiss. 3) 1967.] Sodann ist beim scheyrisch-wittelsbachischen Hause kein Besitz in der Ostmark nachgewiesen, den man sonst bei allen älteren Geschlechtern findet.
Im Gegensatz zu den Grafen von Ebersberg fehlt bei den Grafen von Scheyern jeder Hinweis auf eine frühe Familiengrablege im 11. Jahrhundert. Eine solche wird erst durch die Gründung des Klosters Scheyern geschaffen, wo die ältesten erweisbaren Glieder des Geschlechts, Graf Otto und Gräfin Haziga und der größte Teil ihrer Nachkommen ihre letzte Ruhe finden. [105
Hefner (wie Anm. 1).] Sieht man von den Begräbnissen der Pfalzgrafen in den Familienklöstern Indersdorf und Ensdorf ab, so werden bis zu Herzog Ludwig dem Strengen sämtliche WITTELSBACHER in Scheyern zur letzten Ruhe getragen. Herzog Ludwig der Strenge schloß die Scheyrer Gruft und ließ sich in seiner Gründung Fürstenfeld begraben. Seit LUDWIG DEM BAYERN ist die Kirche U. L. Frau zu München dann die bevorzugte Gruftkirche. [106 Haeutle, Genealogie (wie Anm. 98); H. Rall Wittelsbacher Lebensbilder von Kaiser Ludwig bis zur Gegenwart. Führer durch die Münchner Fürstengrüfte, 1979.]
Auch für die Übertragung der bayerischen Pfalzgrafenwürde war keine königliche oder herzogliche Deszendenz erforderlich. Sie scheint dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach primär wegen dessen Leistung und Treue zum Königshaus verliehen worden zu sein. [107
Hundt, Scheyern (wie Anm. 1).] Im übrigen darf die bayerische Pfalzgrafschaft, über die wir noch zu wenig wissen, nicht überschätzt werden. Das gleiche gilt für die Freisinger Vogtei in den Händen der Grafen von Scheyern, sie gewinnt erst nach dem Investiturstreit an politischem Gewicht. [108 Siehe Fastlinger (wie Anm. 15).] Die Hochstiftsvogtei, das EBERSBERGER Erbe und die Pfalzgrafschaft sind allerdings wichtige Stufen im Aufstieg der Grafen von Scheyern. Wenn man die neuesten Erkenntnisse über das Wesen hochmittelalterlicher Familienstruktur und Sippenzusammenhänge, wie sie von der Schule Gerd Tellenbachs [109 G. Tellenbach, Zur Bedeutung der Personenforschung für die Erkenntnis des frühen Mittelalters (Freiburger Universitätsreden NF 25) 1957; K. Schmid, Zur Problematik von Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie beim mittelalterlichen Adel. Vorfragen zum Thema »Adelsherrschaft im Mittelalter« (Zschr. f. Gesch. d. Oberrheins 105) 1957, 1-62; Diepolder (wie Anm. 21) 74ff.] in Freiburg erzielt wurden, auf die frühe Genealogie der WITTELSBACHER anwendet, so findet das Fehlen einer Stammreihe vor der Mitte des 11. Jahrhunderts seine natürliche Erklärung. Bis weit ins 11. Jahrhundert hinein haben wir es vor allem mit Adelssippen zu tun, die in ihrer Struktur einer starken Fluktuation unterworfen sind. Bei den agnatischen Familienverbänden (Familienbildung nach dem Mannesstamme) kann man selten mehr als drei oder vier Filiationen belegen; die bis ins 11. Jahrhundert sehr stark auftretenden kognatischen Familienverbände sind gleichfalls einer ständigen Wandlung unterworfen: ihre Mitglieder schließen ständig neue Verbindungen, nehmen neue Glieder mit neuen Namen auf, ganze Zweige orientieren sich nach neuen Leitfamilien, wobei immer wieder andere Verwandte als Besitznachbarn auftauchen. Zu diesen hochadeligen Sippenverbänden, die bereits in zeitgenössischen Quellen erscheinen und schon »Selbstbewußtsein« oder »Selbstverständnis« haben, gehören beispielsweise im altbayerischen Raum die in der Lex Bajuwariorum, also im Volksrecht der Bayern (8. Jahrhundert) genannten fünf Adelsgeschlechter (genealogiae: HUOSI, FAGANA, DRAOZZA, ANNIONA, HAHILINGA), die teilweise bis ins 10. Jahrhundert in den Quellen zu verfolgen sind.
Mit der Herausbildung der erblichen Adelsherrschaften seit dem 11. Jahrhundert setzte sich der agnatische Familienverband durch, der in männlicher Linie vererbt und sich nach seinen Hauptsitzen, die meist Burgen sind, nennt, schließlich meist nur noch nach einer Burg, die dann zur namengebenden Stammburg wird. Diesen Vorgang können wir bei den meisten Hochadels-Familien im hochmittelalterlichen Bayern nachweisen; [110
Fried (wie Anm. 88).] die scheyerisch-wittelsbachische Genealogie ist hierfür geradezu ein Paradebeispiel: eine bis dahin uns unbekannte Familie nennt sich seit der Mitte des 11. Jahrhundert nach Schevern; ihre Söhne begründen nochmals eigene Linien (Wittelsbach, Dachau, Valley), von denen nur eine, die wittelsbachische, überlebt.
Dabei ist es nun keinesfalls ausgeschlossen, daß einige dieser im 11. Jahrhundert neu sich formierenden Hochadelsfamilien mit früheren Adelsgeschlechtern genealogisch zusammenhängen. Die meisten von ihnen verdanken ihren Aufstieg jedoch Herzog Arnulf von Bayern, [111
Schmid (wie Anm. 56).] der sie bekanntlich mit säkularisiertem Klostergut ausgestattet hat - die Klöster wußten im 11. Jahrhundert noch ganz genau, wer damals die Inhaber ihrer entfremdeten Güter waren. [112 W. Beck, Tegernseeische Güter aus dem 10. Jh. (AZ 20) 1914, 83-105.] Ihr möglicher Zusammenhang mit fränkischen Reichsaristokraten- oder einheimischen Adelsfamilien wurde schon mehrmals erwähnt. [113 Siehe oben Seite 31,34,36.]
Bei den Grafen von Scheyern haben wir zwar kein einziges Selbstzeugnis aus dem 11. und 12. Jahrhundert, daß sie sich als Abkömmlinge eines der älteren bayerischen Hochadels-Geschlechter betrachtet hätten. Dies mag in der mangelhaften Überlieferung begründet sein. Auch wenn ein solches Bewußtsein vorhanden war, so scheint man sich doch seit dem 11. Jahrhundert als neues Geschlecht gefühlt zu haben, zumal von den älteren Geschlechtern bei der damaligen Überlieferungssituation meist nur noch dunkle Erinnerungen vorhanden waren. Um so mehr wiegt meines Erachten hingegen für die Grafen von Scheyern und Wittelsbach das Zeugnis des gelehrten Bischofs Otto von Freising, der diese mit der luitpoldingischen Herzogs-Familie des 10. Jahrhunderts verknüpft - Konrad, der erste Chronist des Klosters Scheyern, ist hier wohl Otto von Freising mit gutem Grund gefolgt. [114
Siehe oben S. 35f.] Für den politischen Aufstieg der Grafen von Scheyern scheint dieses Bewußtsein allerdings nicht von Bedeutung, ja eher hinderlich gewesen zu sein, wie es der Bericht Ottos von Freising erkennen läßt.
Wir werden zusammenfassend feststellen können, daß die Grafen von Scheyern genealogisch mit den luitpoldingischen Herzögen von Bayern des 10. Jahrhunderts zusammenhängen - die genaue genealogische Verknüpfung wird sich urkundlich wohl kaum mehr eindeutig erweisen lassen.
Sicherlich gäbe es die eine oder andere verwandtschaftliche Verbindung noch zu untersuchen, die eine oder andere besitzgeschichtliche Kontinuität noch genauer auszuloten. Daß dies bis zu einem bestimmten Grad neue Erkenntnisse bringen kann, hat die Auswertung der Atlasbände der wittelsbachischen Stammlande gezeigt. [115
Siehe oben S. 32f.] Vielleicht sind die Ausgrabungsbefunde des Burgstalls Oberwittelsbach, wenn sie einmal ganz vorliegen, Anlaß, neue Überlegungen hinsichtlich des Zusammenhangs der Grafen von Scheyern mit den Grafen von Ebersberg anzustellen. [116 Siehe oben S. 36 (Anm. 80).] Auch die Verwandtschaft zu den PABONEN, von denen die Grafen von Abensberg abstammen, mag noch weitere Erkenntnisse bringen. [117 Huschberg (wie Anm. 12) Genealog. Tabelle 2 und 3; danach war Udalschalk, Hauptvogt der Freisinger Kirche, ( ca. 1050) der Sohn des Papo, ein SCHYRE; siehe oben Seite 36f.] Aufs ganze gesehen scheinen mir aber so gut wie alle besitzgeschichtlich-genealogischen Möglichkeiten gedanklich durchgespielt zu sein. Bei der künftigen Forschung geht es deswegen weniger darum, spekulativ neue Stammbäume und Verwandtschaftsbeziehungen zu entwerfen als vielmehr die bekannten Hypothesen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, sie zu verifizieren, zu korrigieren oder zu verwerfen.
Die Abstammung des Hauses WITTELSBACH wird auf diese Weise noch lange Gegenstand der bayerischen Historiographie bleiben. Eines steht jedoch fest: Für ihren Aufstieg im 12. Jahrhundert war nicht ihre hohe Abkunft, ihre Verwandtschaft zu einem königlichen oder herzoglichen Geschlecht entscheidend, sondern vielmehr ihre ganz persönliche politische Leistung. Die Grafen von Scheyern und Wittelsbach haben sich seit der Mitte des 11. Jahrhunderts Schritt für Schritt nach oben gekämpft, letztlich durch ihren bedingungslosen Einsatz für Kaiser und Reich, für die staufische Sache. Damit hat sich Pfalzgraf Otto 1180 das Herzogtum Bayern verdient. Ein Aufstieg durch Leistung also, der in unseren heutigen Augen ein Geschlecht mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr auszeichnet als ein Aufstieg durch Geburt und königliche Ahnen.