Fried, Pankraz:
Seite 29-41
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"Die Herkunft der Wittelsbacher."
Wege und Stand der Forschung
"Secht allso von dem edlen stand der vier künig von Rom, franckreich,
von kriechen und von Ungern kom daz edel
geschlächt und der würdig sam der Herren von Bayren, die
hewt lebend, und wer den graufen von Scheyren dhainerlei
sach zuspricht, das sy von alter nicht gut seien, der haut der kronick
nicht gelesen und velet davon. « [1
F. H. Graf Hundt, Kloster Scheyern, seine ältesten
Aufzeichnungen, seine Besitzungen. Ein Beitrag zur Geschichte des
Hauses Scheyern-Wittelsbach (Abh. München 9, Abt. 2) 1862, 265; J.
v.
Hefner, Über die Fürstengruft und die Fürstenkapelle zu
Scheyern (OA 2)
1840, 188ff.: »Scheyerner Fürstentafel«; vgl.
allgemein F. H. Graf
Hundt, Bayerische Urkunden aus dem 11. und 12. Jh. (Abh. München
14,
Abt. 2) 1878, 349.]
So verkündete einst die wohl aus der Wende
zum des 14. Jahrhundert stammende sogenannte
Scheyerner Fürstentafel, die in der Fürstenkapelle im
Kloster Scheyern hing, die hohe Abkunft des Wittelsbachischen
Hauses. Die Tafel, die im 18. Jahrhundert verlorenging,
deren Inschrift aber in vielen, teils frühen Abschriften erhalten
ist, kann wohl als die älteste uns überlieferte »offizielle«
Genealogie der WITTELSBACHER angesehen
werden. Ihr Verfasser stammt vermutlich aus dem
Kreise der Mönche des Klosters Scheyern.
Sie behauptet nichts weniger, als daß der Stamm
der Grafen von Scheyern und Wittelsbach bis auf die KAROLINGER
zurückgehe; KARL DER GROSSE
sei der Ahnherr des Geschlechts.
Sein Ur-Ur-Enkel Kaiser ARNULF, Sohn »Herzog« Karlmanns
von Bayern, habe die Burg
Scheyern erbauen lassen
und Agnes,
eine Tochter des damaligen
byzantinischen (griechischen)
Kaisers geheiratet. Deren Söhne Arnold und Werner
hatten zwei ungarische
Königs-Töchter, die
Geschwister
Agnes und Beatrix, zu
Gemahlinnen gehabt; letztere seien,
da sie noch heidnisch waren, auf der
Burg Scheyern getauft
worden.
Nun haben
allerdings die kritischen Forschungen Graf Friedrich
Hector Hundts 1865 eindeutig den Beweis erbracht, daß
gerade diese Berichte »Ausschmückungen« des
scheyern-wittelsbachischen Stammbaumes sind, von Mönchen des
Klosters
Scheyern angefertigt, um ihre Gründer-Familie und ihr
Herzogshaus damit
zu erhöhen. [2
Hundt, Scheyem (wie Anm. 1) 263ff.; vgl. unten Anm. 5.]
Bis ins
18. Jahrhundert wurde jedoch zäh an der These festgehalten, die
WITTELSBACHER
leiteten sich im Mannesstamme von den KAROLINGERN
her,
zuletzt eingeschränkt auf die Verbindung über die
weiblicheLinie.
Noch Kurfürst Maximilian I.
war von der direkten karolingischen Abkunft
seines Hauses so überzeugt, daß er seinen
Geschichtsschreiber Markus
Welser beauftragte, sie im einzelnen
auszuführen, es gelang aber nicht. [3 A. Kraus,
Die historische Forschung an der Churbayerischen
Akademie der Wissenschaften 1759-1806 (Schriftenreihe z. bayer.
Landesgesch., hg. v. d. KBL 59) 1959, 165; M. Welser, Bayrische
Geschichte, in fünff Bücher getheilt, Augsburg 1604.]
Daß aber schon im 13./14. Jahrhundert nicht unbedingt an von
franckreich, die hohe Abkunft von Königen und Kaisern geglaubt
wurde, dafür sind die apologetischen Sätze der Scheyerner
Fürstentafeln, die eingangs angeführt wurden, ein
untrüglicher Beweis. Die direkte Abkunft von den KAROLINGERN
wird
bereits teilweise von der spätmittelalterlichen Chronistik
bezweifelt. [4 Die
spätmittelalterliche Chronistik Bayerns ist bisher
hinsichtlich der dort enthaltenen Angaben über die älteste
Genealogie
des Hauses WITTELSBACH kaum
erforscht.] Veit
Arnpeck
(ca. 1440-ca.1495) schiebt sogar nach der Schilderung des ersten
wittelsbachischen
Herzogs von Bayern ein eigenes Kapitel ein,
»damit nicht mehr bezweifelt werde, daß Otto von den Grafen
von Scheyern« abstamme«. [5
Veit Arnpeck, Sämtliche Chroniken, hg. v. G. Leidinger (QE NF 3)
1915, V. cap. 2-4, 190ff.]
Man zweifelte also sogar an der Abstammung
der WITTELSBACHER von den
Grafen von Scheyern. Der Chronist fährt deswegen fort:
»Da
unsere Vorgänger schon genügend konfus darüber
geschrieben haben, werde ich es mit vorausgehender Sorgfalt, soviel
dies möglich ist, mit rohem und
ungepflegten Stil zu erforschen suchen, zumal mich
auf Bitten des ehrwürdigen in Christus Herrn N., Abt von Scheyern,
eines überaus frommen Mannes, das gegebene und versprochene
Vertrauen dazu zwingt. [6
Ebd.] Veit
Arnpecks Ansicht nach war der Stammvater
der WITTELSBACHER Herzog
»Leopaldus«, der
gegen die Ungarn 907 bei Preßburg
fiel und zum Stammvater der
LUITPOLDINGER wurde, die das sogenannte
»jüngere« bayerische Herzogtum bis 947
innehatten. Sein Sohn war Herzog Arnulf, von dem die
Salzburger Annalen
berichten, er habe sich zum »rex in regno
Teutonicorum«
wählen lassen [7
Vgl. hierzu K. Reindel, Herzog Arnulf und das Regnum Bavariae
(ZBLG 17) 1954, 187-252. (Wiederabdruck in: Die Entstehung des
deutschen Reiches, Wege d. Forschung 1, 1956, 213-288).].
Der
erste große bayerische
Geschichtsschreiber Aventin (1477-1534),
dem in der Nachfolge Arnpecks die Darstellung der
WITTELSBACHER
Genealogie zugefallen war,
berichtet gleichfalls nichts von einer Abkunft
von
den KAROLINGERN,
sondern spielt vielmehr auf den Stamm
der Skiren an, der die Herzöge der Bayern gestellt haben soll, um
dann mit aller Bestimmtheit festzustellen: [8 Johannes
Turmair's genannt Aventinus sämmtliche Werke (Akademie-Ausgabe), 6
Bde., 1881/1908, Chronik Buch VII cap. 1.]
»Der erst landgraf
von Scheirn ist Amolph,
Herzog Arnolphs
sun ... hat
Scheirn paut. Dies sun ist graf
Berthold. Der hat weiter under im
lassen lantgraf Babo von Scheiern ...
Babos sun ist lantgraf
Oto der erst«. Damit wurde zum ersten Male eine Verbindung
der LUITPOLDINGER mit den Grafen von Scheyern konstruiert,
die auch zeitlich mit der Generationenabfolge einigermaßen
genau übereinstimmt - vielfach wurde sonst in späterer Zeit
Otto I. von Scheyern direkt mit
Graf Berthold verknüpft.
Mit dem Aufleben der kritischen historischen Forschung im 18.
Jahrhundert und vor allem mit der Gründung der kurbayerischen
Akademie der Wissenschaften 1759 setzte eine intensive
Beschäftigung mit dem Ursprung des Wittelsbachischen
Hauses ein. [9
Kraus (wie
Anm. 3) 264ff.: Das Haus Wittelsbach; Vgl. dazu
auch O. Forst de Battaglia, Wissenschaftliche Genealogie. Eine
Einführung in ihre wichtigsten Grundprobleme, 1948 (Sammlung Dalp).]
Man hoffte, mit den neuen Methoden historischer Quellenkritik zu neuen
Erkenntnissen zu gelangen. Doch verband man noch allzu sorglos in den
Quellen aufscheinende Namen miteinander, wenn sie nur irgendwie
zeitlich angemessen in Beziehung zu setzen waren. So war eine
verbreitete Ansicht, daß eine direkte Linie vom ersten bayerischen Herzog Garibald I. zum
derzeitigen Fürsten reiche: die WITTELSBACHER
galten als
AGILOLFINGER.
Ernsthafte Genealogen suchten diese Abkunft durch
abenteuerliche Hypothesen beim Fehlen von Quellen zu stützen.
Kritische Historiker standen in der Nachfolge
spätmittelalterlicher Chronisten wie Veit Arnpecks diesen
Konstruktionen skeptisch gegenüber; man begann mit Luitpold. Die
Nachricht über seine karolingische Verwandtschaft
ließ eine
Vielzahl von genealogischen Konstruktionen entstehen, welche die
LUITPOLDINGER und damit auch
die Grafen von Scheyern mit
den KAROLINGERN
verbanden. Konnte man daraus auch keine unmittelbaren Ansprüche
begründen, so verlieh doch die Abkunft vom ersten großen
Kaiser des Abendlandes Rang und Würde dem Fürsten, der sich
auf eine solche Deszendenz berufen konnte. Der KAROLINGER-Hypothese
widersprach, auf einige Vorarbeiten zurückgreifend, Louis Gabriel
Comte Du Buat-Nancay, Mitglied der französischen Gesandtschaft zu
München und Direktor der historischen Klasse der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften in seinem Werk »Origines Domus Boicae
Gentis". [10
L. Hammermayer, Gründungs- und Frühgeschichte der bayerischen
Akademie der Wissenschaften (MH Stud., Abt. Bayer. Gesch. 4) 1959,
268ff., 271, 281 Anm. 114 und 115. Vgl. auch Mitterauer (Anm. 70) 227ff.]
Du Buat versuchte darin, in zwölf Abschnitten die karolingische
Abstammung zu widerlegen - er beschränkte sie auf
einen
Zusammenhang in weiblicher Linie - und seine eigene These mit
zahlreichen Quellen zu untermauern; Markgraf
Luitpold, der Ahnherr der
Grafen von Scheyem, sei ein »Einheimischer aus dem Geschlecht der
HUOSI, also einer jener fünf »genealogiae« der
Lex
Baiuvariorum und dessen
Großvater ein Luitpold,
Graf des Gaues
»Usgove« (807 bis 837?), also des Huosigaues
gewesen. Eine
Verbindung zu den KAROLINGERN
erblickte er lediglich in des
letzteren
Gemahlin, in der er eine Tochter Ludwigs III. sah. Mit
den »Origines« erfüllte Du Buat einen Lieblingswunsch
des
Kurfürsten Maximilians III. Josef,
der lieber in einem
einheimischen Geschlecht seine Ahnherren suchte. Allerdings fand die
These Du Buats bald begründeten Widerspruch. Das Spiel wurde
weitergetrieben: man gab Personen zusammen, die nur dem Namen nach
bekannt waren und deren Lebensalter nach ungefährer Berechnung
zuzutreffen schien. Unbezweifelt und undiskutiert blieb jedoch von den
Akademikern des 18. Jahrhunderts das einzige Bindeglied zwischen den
LUITPOLDINGERN und den Grafen von Scheyern: jener Berthold oder Werner,
den Otto von Freising als Verräter des deutschen Heeres
955 und
als Vorfahren der WITTELSBACHER
kennzeichnet. Dies blieb im Grunde bis
zur Gegenwart so, wo dings Kurt Reindel erstmals vorsichtig Zweifel
anmeldete [11
K. Reindel, Die bayerischen Luitpoldinger 893-989. Sammlung und
Erläuterung der Quellen (QE NF 11) 1953; siehe unten Seite 33.].
Das geschichtsbewußte 19. sowie auch das 20. Jahrhundert brachten
wichtige Quelleneditionen und -erörterungen heraus, die eine
vertiefte Erforschung der WITTELSBACHER
Genealogie ermöglichten.
Bereits 1834 erschien Huschbergs »Aelteste Geschichte des
durchlauchtigsten Hauses Scheiern-Wittelsbach«, in dem so gut wie
sämtliche einschlägigen Quellen ausgebreitet sind, wobei
erstmals auch besitzgeschichtlichen Nachrichten ein breiterer Raum
eingeräumt wird. [12
J. F. Huschberg, Aelteste Geschichte des durchlauchtigsten
Hauses Scheiern-Wittelsbach bis zum Aussterben der gräflichen
Linie
Scheiern-Valai, 1834. Eine Quellensammlung oder ein Regestenwerk zur
älteren Geschichte und Genealogie der Wittelsbacher (bis 1180)
fehlt
freilich. Quellenanführungen bringen neben Huschberg indirekt die
bekannten genealogischen Abhandlungen, insbesondere Reindel, Tyroller,
Trotter (siehe Anm. 11, 18, 19). Für die spätere Zeit steht
zur
Verfügung
MW 1, II (ab 1204).] Huschbergs genealogische
Konstruktion verbindet die
LUITPOLDINGER, die er in einer lückenlosen Ahnenreihe mit
den Grafen von Scheyern anführt, gleichfalls mit einem Graf
Luitpold, der um 800 als Graf
im Huosigau erscheint. Am
tiefschürendsten hat sich im 19. Jahrhundert wohl Graf Friedrich
Hektor Hundt in seiner Abhandlung mit dem etwas
irrführenden
Titel: »Kloster Scheyem, seine ältesten Aufzeichnungen,
seine Besitzungen usw.«, befaßt. [13 Hundt,
Scheyern (wie Anm. 1) Kap. V: Die Nachrichten über das
Scheyern-Wittelsbach'sche Regentenhaus im Liber primae fundationis (S.
248), Kap. VI: Über die Ausschmückungen des Scheyern
Wittelsbach'schen
Stammbaumes im Kloster Scheyern (S. 263).] Er
untersuchte das gesamte Handschriftenmaterial des Klosters Scheyern dem
13. Jahrhundert und kam dabei zum Schluß, daß sich im
Priester Konrad von Scheyern in
Wirklichkeit zwei Personen verbergen:
der Abt Konrad von Luppurg,
dem wir das Gründungsbuch (Chronikon)
verdanken und der Mönch Konrad, auf den die große Zahl der
übrigen Folianten zurückgeht. Hundt war es auch, der in
scharfsinniger Quellenkritik als erster erkannte, daß das Kapitel
16 der Scheyrer Hauschronik in dem von der Abkunft der WITTELSBACHER
von Königen und Kaisern berichtet ist, eine Einschiebung des 15.
Jahrhunderts in die Tegernseer Handschrift darstellt und auf zwei, im
13. Jahrhundert im Kloster Scheyern verfertigte
"Ausschmückungen« zurückgeht, die dann auch in die
Scheyerner Klostertafeln Eingang gefunden haben. Durch diese
Erkenntnisse konnte Hundt das in der Monumenta-Edition von sehr
abgewertete Chronicon Schirense, [14
Chounradi Schirense Chronicon etc., ed. Ph. Jaffe. (MGH SS
17) 1861, 613-623; über die verschiedenen Editionen siehe Hundt,
Scheyern (wie Anm. 1) 213 (künftig in deutscher Übersetzung
hg. v. P.
Fried, 1980); Monumenta Schirensia. Codex traditionum, Diplomatarium.
Miscellum (MB 10) 1768, 381 ff. Vgl. dazu auch j. v. Hefner, Über
den
Mönch Conrad von Scheyern, mit dem Beinamen Philosophus (OA 2)
1840,
151 ff.] die älteste Chronik des Klosters
Scheyern und die früheste Familiengeschichte der Wittelsbacher,
rehabilitieren.
Die methodisch sauber gearbeitete Studie von Max Fastlinger [15 M.
Fastlinger, Die Ahnherrn der Wittelsbacher als Vögte des
Freisinger Hochstifts (Deutinger Beiträge 10) 1907, 140ff.; s.
unten S.
34.] brachte dann 1907 einen weiteren
Fortschritt: Mit dem Kriterium der Vererbung der Freisinger
Hochstiftsvogtei konnte nachgewiesen werden, daß die Grafen
von Scheyern besitzgeschichtlich mit einer im 9. und 10. Jahrhundert im
Freisinger und Dachauer Raum begüterten Familie
zusammenhängen, die sehr wahrscheinlich der ARIBONEN-Sippe
zuzurechnen ist. Neue Forschungen haben die Ergebnisse Fastlingers
vollauf bestätigt. [16
P. Fried, Herrschafts- (und Siedlungs-) Geschichte der altbayerischen
Landgerichte Dachau und Kranzberg im Hoch- und Spätmittelalter
sowie in der frühen Neuzeit (Stud. z. bayer. Verfassungs- u.
Sozialgesch. 1) 1962, 50; s. unten S. 34.] Nach
Fastlinger war es die
ausgewogene und umsichtige Darstellung des
Altmeisters bayerischer Landesgeschichtsforschung, Sigmund von Riezlers
(1927), der der Abstammung von den LUITPOLDINGERN
das Wort redet und
die HUOSI als ferne Ahnherren
sieht. [17
Riezler 12/2, 554ff.; siehe unten Seite 33.] Nach
dem
Zweiten Weltkrieg erschien dann nur noch eine Arbeit, die sich mit den
»Ahnen der Wittelsbacher« direkt beschäftigte: Franz
Tyroller, [18
F. Tyroller, Die Ahnen der Wittelsbacher (Beilage zum
Jahresbericht des Wittelsbacher-Gymnasiums München) 1950/51;
Ders.,
Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter (Genealogische
Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, hg. v. W. Wegener)
1962/69, (Tafel 18,
Seite 202: Die Grafen von Scheyern und Wittelsbach; Tafel 3, S. 27: Die
Luitpoldinger); Ders., Die ältere Genealogie der Andechser, 1952.]
suchte auf Biegen und Brechen die lückenlose Stammreihe der
WITTELSBACHER
bis hinauf zu den LUITPOLDINGERN
und deren genealogische
Abkunft zu ergründen, was wegen methodischer Schwächen
allerdings nicht als geglückt anzusehen ist. Wir müssen
deswegen, was die WITTELSBACHER
betrifft, immer noch auf den 1931 von
K. Trotter verfaßten Stammbaum zurückgreifen; [19 K.
Trotter, Die Grafen von Scheyem, Dachau, Valley,
Wittelsbach, Pfalzgrafen und Herzöge von Bayern (O. v. Dungern
[Hrsg.],
Genealog. Handbuch z. bair.-österr. Gesch. 1, Liefg. 1931, 29ff.]
den der LUITPOLDINGER hat
zu1etzt Kurt Reindel mit wissenschaftlicher
Akribie entworfen. [20
Reindel (wie Anm. 11); dort Stammbaum S. VIII.]
Neben diesen Werken wurde jedoch in den letzten Jahrzehnten die
WITTELSBACHER
Genealogie im Zusammenhang mit anderen Thematiken und in
der Anwendung neuartiger genealogischer Methoden [21 Vorbildlich
sind hierfür die Arbeiten von G. Diepolder, Die
Herkunft der Aribonen (ZBLG 27) 1964, 74ff., und W. Störmer,
Adelsgruppen im früh- und hochmittelalterlichen Bayern (Stud. z.
bayer.
Verfassungs- u. Sozialgesch. 4) 1972 (Rezeption der Methoden
genealogischer Adelsforschung aus der Freiburger Schule G. Tellenbachs
und K. Schmids: Prosopographie als Sozialgeschichte? Methoden
personengeschichtlicher Erforschung des Mittelalters, 1978), s. unten
S. 38.] immer wieder gestreift, sei es im
Zusammenhang mit der ARIBONEN-Sippe,
den Grafen von Ebersberg, dem karolingischen
Markgrafen im Südosten, der Freisinger Ministerialität, um
nur die wichtigsten Arbeiten zu nennen [22
Siehe unten S. 36f.],
sei es in Verbindung mit dem historischen Atlas-Unternehmen der
Kommission für bayerische Landesgeschichte, bei dem gerade die
Untersuchung des scheyerisch-wittelsbachischen
Kernraums beachtliche, wenn auch nicht die erwarteten Ergebnisse
abgeworfen hat. [23
Siehe dazu G. Diepolder, Das Landgericht Aichach (HAB, Teil
Altbayern 2) 1950; Dies., Das Landgericht Aichach, Phil. Diss.
(neugedr.) München 1950 (Manuskript im Institut für bayer.
Geschichte);
P. Fried, Die Landgerichte Dachau und Kranzberg (HAB, Teil Altbayern
11/12) 1958; St. Harnarm, Schrobenhausen (HAB, Teil Altbayern 42) 1977;
S. Hiereth, Die Landgerichte Friedberg und Mering (HAB, Teil Schwaben
1) 1952; V. v. Volckamer, Das Landgericht Pfaffenhofen und das
Pfleggericht Wolnzach (HAB, Teil Altbayern 14) 1963; ferner: F.
Andrelang, Landgericht Aibling und Reichsgrafschaft Hohenwaldeck (HAB,
Teil Altbayern 17) 1967.] Max Spindler hat
zuletzt (1969) in Kenntnis dieses Forschungsstandes unser gesichertes
Wissen über die Genealogie der zusammengefaßt:
»Die Abstammung der WITTELSBACHER
von den LUITPOLDINGERN darf ...
als gesichert gelten. Die Ableitung von den HUOSI ... hat ... an
Glaubhaftigkeit gewonnen ... « [24
Spindler I, Nachdr. 1975, 322ff.; II, 1969, 16.]
Die genealogische Erforschung des
Hauses WITTELSBACH
hat zweifellos beachtliche Ergebnisse erzielt. Sie leidet aber immer
noch daran, daß einwandfrei durch Quellen erwiesene Tatsachen zu
wenig oder gar nicht von den unzähligen Hypothesen, Theorien,
Vermutungen und rein willkürlichen Annahmen säuberlich
geschieden werden. Die moderne Wissenschaft könnte dem abhelfen,
wenn sie ein Quellenbuch für die ältere Geschichte der
WITTELSBACHER
und Grafen von Scheyern herausgäbe, wie dies in
beispielhafter Weise Kurt Reindel seinerzeit für die Luitpoldinger
besorgt hat. Solange dieses Werk fehlt, muß es die vornehmste
Aufgabe einer jeden Bemühung um die älteste Genealogie des Hauses WITTELSBACH
sein, diese
Trennung von Erwiesenem und Wahrscheinlichem methodisch sauber
durchzuführen.
Die gesicherten Fakten
Urkundlich gesicherter Ahnherr des Wittelsbachischen Hauses,
von dem sich eine lückenlose Stammreihe bis in die Gegenwart
aufstellen läßt, ist bekanntlich ein »comes Otto de
Skyrun«, der im Traditionsbuch des Hochstifts Freising
seit der
Mitte des 11. Jahrhunderts bis etwa
1078 als Hauptvogt der
Freisinger
Kirche auftritt. [25
Die Belege siehe bei Trotter (wie Anm. 19) sowie bei
Huschberg (wie Anm. 12). Nach Trotter war dessen Vater gleichfalls ein
Otto, in dessen Grafschaft 1014
Irnsing im Kelsgau lag.]
Am 13. Januar 1040 lag »Bozinwanc« im Kelsgau in seinem
Komitat. Er war in zweiter Ehe nach
1040 mit Haziga, einer Schwester
des Grafen Gebhard I. von Sulzbach, Witwe des Grafen Hermann von Kastl
verheiratet. Haziga
gründete bekanntlich mit ihren
Söhnen
Bernhard, Ekkehard und
Otto, nachdem sie vorher eine
Mönchszelle
(Margarethenzell, heute Bayerisch-Zell) hatte errichten lassen, 1077
das Kloster Fischbachau, das um 1100 (1104?) auf die Burg
»Glaneck« bei
Eisenhofen, einem Gemeinschaftsbesitz der
Grafen Otto von Schevern und Berthold von Burgeck [26 Nach R.
Wagner, Graf Berthold und die »Civitas Burgeck« (ZHVS
71) 1977, 89ff. handelt es sich bei Burgeck um Wagesenberg. Über
die
Grafen von Lechsgemünd siehe Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18)
Tafel
19, Seite 213.] transferiert wurde - die
romanische
Kirche steht als Denkmal noch -, bis es um 1120 eine endgültige
Heimat auf der Stammburg Scheyern
fand. [27
Chronicon
Schirense und Scheyemer Urkunden (wie Anm. 14);
allgemein zum Kloster Scheyern siehe J. Hemmerle, Die
Benediktinerklöster in Bayern (Germania Benedictina II) 1970,
279ff.]
Ekkehards Sohn Otto [28
Während Huschberg und Trotter dem ersten
Pfalzgrafen Otto den
Ekkehard zum Vater geben, glaubt Tyroller (Genealogie, wie Anm.
18),
ihn neuerdings im Grafen Otto,
also im Bruder Ekkehards, zu
erblicken.
Er stellt sich damit in Gegensatz zur Überlieferung der Historia
Welforum (wie Anm. 100, cap. 15) und des Chronicon Schirense (wie Anm.
14, cap. 17), obgleich er keinen urkundlichen Beleg, sondern nur
mehrere »Wahrscheinlichkeiten« beizubringen vermag, die
hier nicht
einzeln angeführt werden können. Ich halte also an der
Filiation des
ersten Pfalzgrafen von Ekkehard
fest.] nennt sich
am 13. Juli 1116 erstmals nach Wittelsbach und wird nach 1110 bzw. am
25. Juni 1120 Pfalzgraf von Bayern
genannt. [29
Den
Zeitpunkt nach 1100 nimmt Hundt, Scheyem (wie Anm. 1) 257
an, das andere Datum bringt Trotter (wie Anm. 19) 33 mit Bezug auf
Klosterurkunde Indersdorf Nr. 1.] Der
Hauptgründer der Stifte Indersdorf und Ensdorf wird damit zum
Begründer der wittelsbachischen Hauptlinie der
Grafen von
Scheyern. Seine Gemahlin
ist Heilika, Tochter Friedrichs von
Pettendorf/Lengenfeld. Otto
starb am 4. August 1156. Sein Sohn ist
Pfalzgraf Otto der Ältere, geboren 1117, gestorben am 11.
Juli
1183. Er wird am 16. August 1180 in Altenburg mit dem Herzogtum Bayern
belehnt. Er nennt sich 1156/58 auch nach Wartenberg. Seine Gemahlin war
Agnes, Tochter des Grafen Ludwigs III. von Loon
und Rieneck, der auch
Burggraf von Mainz war. Seit etwa 1100 nennt sich Arnold von Scheyern,
der Sohn Ottos aus erster Ehe,
nach der Burg Dachau. Er wird
damit zum
Begründer der Linien Dachau (1180 ausgestorben) und Valley (1238
ausgestorben).
Obwohl es keine neuere Zusammenstellung der Funktionen und des Besitzes
der genannten Grafen von Scheyern und ihrer Seitenlinien gibt, seien im
folgenden nur die wichtigsten gesicherten Fakten angeführt, weil
sie für besitzgeschichtlichgenealogische Rückschlüsse
von Bedeutung sind. Graf Otto,
der Gemahl der Haziga,
erscheint
erstmals um 1050 als Vogt des
Freisinger Bischofs Nitker; ca. 1060 auch
als Vogt des Freisinger Domkapitels. [30
Das Folgende nach Trotter (wie Anm. 19),
wo auch die urkundlichen Belege angeführt sind.]
Um 1080 tritt sein Sohn Ekkehart
als Vogt von Weihenstephan auf. Seit
ca. 1130 sind diese Vogteien in den Händen des Pfalzgrafen Otto I.
von Wittelsbach vereinigt, der auch Vogt seiner
Gründungsklöster Indersdorf und Ensdorf sowie des
Hausklosters Scheyem ist. - Graf
Ekkehard II. ist 1116/17 als
Schirmvogt des Klosters Ebersberg bezeugt. Pfalzgraf Otto I. übt
die Vogtei über Kühbach und Geisenfeld aus. [31Riezler,
12/2, 553.]
Die bayerische Pfalzgrafschaft erhielt Graf
Otto nach 1110 bzw.
spätestens 1120. Der damit verbundene Besitz - wohl Reichsgut -
ist noch nicht genügend erforscht. [32Vgl. P.
Wittmann, Die Pfalzgrafen von Bayern, 1877 und oben Anm. 29.]
Was den Grafschaftsbesitz betrifft, so konnten auch die bisherigen
Untersuchungen im Rahmen des Historischen Atlasses keine
hinlängliche Klarheit erbringen. Der Rückschluß von den
späteren Landgerichten Aichach-Wittelsbach (mit Friedberg und
Schrobenhausen), Pfaffenhofen-Scheyern und Dachau auf Grafschaften
scheint möglich, ist aber nicht zu erweisen. [33 Siehe die
einschlägigen Atlasbände von S. Hiereth - G. Diepc der - P.
Fried - V. v. Volckamer - St. Hamann (wie Anm. 23).]
Das Landgericht Kranzberg kann den Rest einer Grafschaft um Freising
darstellen, die vermutlich die Grafen von
Ottenburg-Grögling-Hirschberg innehatten und etwa in der zweiten
Hälfte des 12. Jahrhunderts an die Wittelsbacher kam. [34 Siehe P.
Fried, Zur Herkunft der Grafen von Hirschbc (ZBLG28) 1965, 82ff.]
Die Bedeutung der Vogteien über das Hochstift Freising und dessen
Eigenklöster für die Auflösung von Grafschaften und die
Bildung der territorialen Landgerichte konnte hingegen sehr deutlich
nachgewiesen werden.
Den besten und vollständigsten Einblick in den
grundherrschaftlichen Besitz der WITTELSBACHER
gewährt, wenn man vom Stiftungsgut an die wittelsbachischen
Gründungsklöster und von der veralteten Zusammenstellung von
Riezler absieht, [35
Vgl. Hundt Scheyern (wie Anm. 1) sowie K. Th. v. Heigel - v.
Riezler, Das Herzogthum Bayern zur Zeit Heinrichs des Löwen und
Ottos I.
von Wittelsbach, 1867.] das erste herzogliche
Salbuch aus der Zeit um 1230. [36 Bisher
ediert in MB 36 a/b.] Im Stammland der WITTELSBACHER
führt es Grundherrschaften und Vogteien in den Ämtern Dachau,
Aichach, Pfaffenhofen und Landshut an, letzteres in eine
größere Zahl von Schergenämtern untergegliedert, die
überwiegend im Erdinger Raum liegen. Über die Herkunft des
scheyerisch-wittelsbachischen
Grundbesitzes in den Landgerichten
Aichach (mit Friedberg und Schrobenhausen), Pfaffenhofen, Dachau und
Kranzberg ist in den gleichnamigen Atlasbänden gehandelt. [37 Wie Anm. 33.]
Eine Zusammenstellung der scheyerisch-wittelsbachischen
Vasallität
und Ministerialität liegt bis jetzt noch nicht vor. Gute
Ansätze hierfür finden sich in den einschlägigen
Bänden des Historischen Atlas. [38
Wie Anm. 33; siehe auch die Arbeiten von G. Flohrschütz, D
Freisinger Dienstmannen im 10. und 11. Jh. (Deutinger Beiträge 2
1967,
9ff.; Ders., Der Adel des Wartenberger Raumes im 12. J (ZBLG 34) 1971,
85-164, 462-511, 909-911; Ders., Die Freising Dienstmannen im 12 Jh.
(OA 97) 1973, 32 ff.]
Fassen wir zusammen: Der urkundlich einwandfrei erwiesene Ahnherr der WITTELSBACHER ist Graf Otto von Scheyern, der Gemahl der Haziga, der um die Mitte
des 11. Jahrhunderts auftritt. Mit ihm beginnt die lückenlose
Stammreihe. Was allerdings über seine Vorfahren ausgesagt wird,
gehört in das Reich der Theorien und Hypothesen. Ihnen kann eine
mehr oder weniger große Wahrscheinlichkeit zukommen, exakt
beweisbar und belegbar indessen sind sie bis zum heutigen Tage nicht.
Theorien und Hypothesen
Aus den verschiedensten Motiven heraus war man bestrebt, seitdem es
eine bayerische Historiographie gibt, den Stammbaum der Grafen von
Scheuern mit ruhmreichen Geschlechtern der bayerischen Frühzeit zu
verknüpfen. Dies geschah einmal aus dem hochadeligen
Selbstverständnis heraus, das eine Ahnentafel vorweisen wollte,
die Verbindungen mit königlichen und kaiserlichen Geschlechtern
aufzeigt oder sogar direkte königliche Abkunft offenbart. [39 Siehe oben
S. 29f.] Als die wissenschaftliche
Beschäftigung mit der Genealogie des Herrscherhauses im 18.
Jahrhundert einsetzte, wandte man allen Spürsinn auf, Genealogien
zu konstruieren, die man aufgrund der nun ermittelten neuen Quellen
vertreten zu können glaubte. Zwar wurde, wie A. Kraus [40 Siehe oben
S. 34 u. Anm. 3.] gezeigt hat, die völlig
abwegige Hypothese von der agilolfingischen Herkunft überwunden -
sie
findet sich aber immerhin 1870 noch in einem bayerischen Schulbuch! -,
doch stellte man damals und in der Folgezeit eine Reihe von neuen
Theorien auf, die es entweder zu erhärten oder zu widerlegen gilt.
Ein Hauptproblem ist dabei Frage nach dem Zusammenhang der Grafen von
Scheyern-Wittelsbach mit den Luitpoldingern.
Die Herkunft von den Luitpoldingern
Daß die Grafen von Scheyern von den LUITPOLDINGERN des 10. Jahrhunderts,
also von einem herzoglichen Geschlecht abstammen, wird in der
bayerischen Historiographie, wie schon erwähnt, [41 Siehe oben
Seite 29.] vom 13. Jahrhundert bis zum heutigen
Tage
vertreten. Der älteste Gewährsmann hierfür ist kein
geringe als Bischof Otto von Freising
(1111/15-1158), der bekanntlich
unter seinen wittelsbachischen
Schirmvögten sehr zu
leiden hatte. Dies war wohl der Grund,
daß er in seiner sonst durch äußerste Sachlichkeit
sich auszeichnenden Weltchronik seinem Herzen über die WITTELSBACHER
Vögte Luft machte: [42
Otto von Freising, Chronik oder Geschichte der zwei Staate
(Ausgew. Quellen zur Geschichte des deutschen Mittelalters. Freiherr
vom Stein
Gedächtnisausgabe, hg. v. R. Buchner, 16) 1960.]
"Im Jahr 955 nach der Fleischwerdung des Herrn fiel das wilde Volk der
Ungarn in unzählbaren Scharen ein, überflutete wie ein
Heuschreckenschwarm das ganze Land und gelangte bis vor Augsburg am
Lech, dessen Bischofsstuhl damals der verehrungswürdige, Gott
wohlgefällige Ulrich
innehatte. Ihnen trat der ruhmreiche
König entgegen, sich auf den Zuspruch dieses Gottesmannes hin mehr
auf den Glauben als auf die Waffen verlassend, und warf die Barbaren
mit solcher Kraft nieder, daß dieses wildeste aller Völker
seitdem nicht nur nicht mehr wagte, ins Reich einzufallen, sondern auch
in der Verzweiflung das eigene Land durch Wälle und Palisa, in
sumpfigen Gegenden vor unseren Heeren zu schützen suchte. In
dieser Schlacht fiel der erlauchte Herzog
von Worms und Schwiegersohn
des Königs, Konrad.
[43
Der Rote von Lothringen, sein
Schwiegersohn.] Die
Barbaren sollen, was jedoch unglaubwürdig erscheint, völlig
vernichtet worden und bis auf sieben Überlebende alle um kommen
sein. Der Anstifter dieser schweren Heimsuchung soll ein bayerischer Graf von Scheyern [44 Berthold,
Sohn des Pfalzgrafen Arnulf nach:
Gerhardi Vita
Oudalrici episcopi Augustani (Vitae quorundam episcoporum saec lorum X,
XI, XII), übersetzt v. H. Kallfelz (Ausgew. Quellen 22 [«
Anm. 42])
1973, Kap. 12.] gewesen sein. Aber er mußte
seinen Treubruch büßen, denn da er die Ungarn unbedacht
herangeführt und dadurch der Vernichtung preisgegeben hatte, wurde
er von ihnen als Verräter getötet. [45 Unrichtig.
Berthold lebte bis
ungefähr 978.] Sein Land,
so wird berichtet, wurde konfisziert; ein Teil wurde vom König an
die Kirchen verteilt, ein Teil mit der Burg
Scheyern wurde seinem Erben
belassen, aber von den Bischöfen für ewige Zeit mit dem
Bannfluch belegt. Aus seinem Stamme sind bis jetzt zahlreiche
Gewaltmenschen entsprossen. Aber der Pfalzgraf
Otto, des
treubrüchigen unbotmäßigen Vaters sehr ähnlicher
Sohn, übertrifft alle seine Vorfahren an Bösartigkeit und
drangsaliert bis zum heutigen Tage unablässig die Kirche Gottes
...
« [46
Die Fortsetzung dieser Stelle, da Otto von Freising den
Pfalzgrafen Otto und sein
Geschlecht mit erregten Sätzen
schmäht und
dan den vorherrschenden Stil seiner Berichterstattung durchbricht, ist
für seine bedrängte Stellung als Bischof von Freising
aufschlußreich.
Pfalzgraf Otto war Vogt der
Kirche von Freising; vgl. dazu auch die Anm.
in Frhr. v. Stein-Gedächtnisausgabe 16 (wie Anm. 42).].]
Für unseren Zusammenhang ist interessant, daß Otto der
Schilderung des Verrats 955 als Verräter einen Grafen von Scheyern
nennt, dessen Erben ein Teil des konfiszierten Gutes mit der Burg Scheyern überlassen wurde.
Otto spricht dabei von einem
Bericht, in dem dies überliefert ist.
[47 Den
Vorgang selbst schildert als frühester Zeuge Propst Gerhard in
der um 992 verfaßten Vita Sancti Udalrici, allerdings ohne
Erwähnung der
Grafen von Scheyern: »Unterdessen, während man drinnen und
draußen in
Kampfbereitschaft war, erschien Berthold,
der Sohn Arnulfs (= Sohn des
im
Vorjahr gefallenen Pfalzgraf Arnold),
von der Reisensburg her kommend,
beim König der Ungarn und verriet ihm, daß der ruhmreiche
König Otto im
Anzug sei (Frhr. v. Stein-Gedächtnisausgabe 22, 107 [wie Anm. 42]).]
Nach Otto von Freising wird
dieser Vorgang auch im Chronicon Schirense des Abtes Chuonrad
(1205-1241) geschildert, wobei
als Verräter ein Graf Wernher
erscheint, der zu den Grafen von Scheyern gerechnet wird: [48 MGH SS 17,
621.]
»Einen anderen Teil hatten unter ihnen (erg. den Grafen Scheyern)
diejenigen überragenden, höchsten und mit einem großen
Namen ausgestatteten Grafen besessen, die gleichfalls von diesem Berg
(dieser Burg) Fürsten von Scheyern bezeichnet wurden. Diese
Fürsten wurden im Römischen Reich für die ersten und
überragendsten gehalten, weil sie Leute von höchster Klugheit
und Tapferkeit waren. Zu ihnen gehörte auch ein gewisser Graf Wernher, der zur Zeit des Hl.
Ulrichs auf dem Lechfeld kämpfend die Ungarn gegen den Kaiser OTTO
führte, weil dieser Kaiser ihn seiner Güter und seines
Vaterlandes durch die Acht für verlustig erklärte. Diese sind
jedoch durch den Willen Gottes und des Hl. Ulrichs Verdienste alle
getötet worden, und 7 Fürsten von ihnen wurden in Regensburg
gehenkt. Dieser Graf selbst entging aber durch die Hilfe des Hl. Ulrich der Gefahr, weil er
diesen aus der Taufe gehoben hatte. Dessen
Neffe Graf Otto, Sohn der
edlen Frau Haziga, unserer Gründerin, der später
allein über diese Burg herrschte, hatte vier Söhne. Nachdem
er allen ihr Erbteil vermacht hatte, wallfahrte er zum Hl. Grab und
starb auf dem Wege dorthin einen glücklichen Tod.«
Wie Reindel [49
Reindel (wie Anm. 11) 216ff., Nr. 106.] gezeigt
hat, wurde diese Begebenheit von fast allen spätmittelalterlichen
Chronisten übernommen bis hin zu Aventin: »Sunt, qui tradant
Ugrorum auctorum fuisse Schirorum
principem Arionolphum, quem alii
Otonem,
alii aliter nominant; mihi
non fit verisimile." [50
Aventin,
Annales V/1, 15 (wie Anm. 8).] Beim Humanisten
Aventin klingen also erste Zweifel an, allerdings nur an der Tatsache
des Verrats; ansonsten ist er durchaus der Ansicht, daß der erste
»Landgraf von Scheiern ist Arnolph,
Herzog Arnulphus
sun, von
Kaiser Otto dem ersten des
Herzogtums Baiern entsetzt, hat Scheirn
paut. Dises sun ist graf Berthold«.
Ein Gutteil der bayerischen Historiker und Genealogen hielten in der
Folgezeit an der luitpoldingischen
Abkunft der Grafen von Scheyern fest - die meisten
Münchner
Akademiker des 18. Jahrhunderts, Huschberg, Haeutle, Riezler, Doeberl,
Tyroller, zuletzt in eindeutiger Weise auch Max Spindler (1969), wenn
er in seinem Handbuch zusammenfassend schreibt: [51 II 15f.]
»Den Zeitgenossen Herzog Ottos
I., für die Bischof Otto
von Freising als Kronzeuge
gelten
kann, war die Abstammung der WITTELSBACHER
von den LUITPOLDINGERN eine
Selbstverständlichkeit. Es besteht im Einklang mit Riezler keine
Veranlassung, einen durch Herkunft und Bildung so hervorragenden
Gewährsmann wie Bischof Otto
in diesem Punkte zu mißtrauen und sein Zeugnis abzulehnen. Die
Abstammung von den LUITPOLDINGERN
darf daher, auch wenn sie nur chronikalisch bezeugt ist und ihr die
urkundliche Verbürgtheit noch fehlt, als gesichert gelten.«
Lediglich Kurt Reindel [52
Reindel (wie Anm. 11) 220.] hat 1953 einige
Vorbehalte geäußert, wenn er anmerkt: »(Otto von
Freising) sah, ob zu Recht ist nicht ganz sicher, in dem Vater
Bertholds den Stammvater der
Scheyerner Grafen, der späteren
WITTELSBACHER,
die ihm als Vögte von Freising schwer zu schaffen machten«.
Fassen wir zusammen: es hängt einerseits von der
Glaubwürdigkeit Ottos von
Freising ab und andererseits vom Gelingen eines urkundlichen
Nachweises, ob die luitpoldingische
Abkunft der WITTELSBACHER
als gesichert gelten kann. Letzterer, der urkundliche Nachweis, ist bis
jetzt, trotz der Versuche Franz Tyrollers, [53 Wie Anm.
18: Tyroller, Ahnen; Ders., Genealogie.] nicht
geglückt. Tyroller hat keine neuen Quellen mit neuen Filiationen
oder Verwandtschaftsangaben ermittelt, sondern durch eine
überspitzte und damit bisweilen unkritische Anwendung der
besitzgeschichtlich-genealogischen Methode eine lückenlose Stammreihe vom LUITPOLDINGER Berthold (gest.
980), eines Sohnes Herzog Arnulfs, bis zu Graf Otto von Scheyern in der
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts konstruiert, was vor ihm,
abgesehen von Huschberg, nur in sehr unzulänglicher Weise
unternommen worden ist. Otto von
Scheyern, angeblich auch ein Bruder
von Kuno von Lechsgemünd,
stammt nach Tyroller von einem Grafen
Heinrich (I.) an der Pegnitz ab, der wiederum ein Sohn des 1017
gestorbenen Heinrich von Schweinfurt,
Markgraf auf dem Nordgau
gewesen
sein soll. Dieser ist nach Tyroller ein
Enkel Herzog Arnulfs von
Bayern. Graf Heinrich I. an der Pegnitz (1021-1043) und seine Erben
kommen nach dieser Theorie durch das Erbe ihrer sonst unbekannten
Vater-Schwester, die mit Udalschalk II., einem oberbayerischen Grafen an
der Paar verheiratet war, in
den Besitz von Scheyern. Die LUITPOLDINGER
wären also erst
nach 1045 zu SCHEYERNERN
geworden. Sicherlich wird man einräumen müssen, daß der
Tyrollersche Stammbaum bis jetzt noch derjenige ist, der am meisten
durch Quellenmaterial unterbaut ist. Mit Recht bezieht Tyroller die bis
jetzt zu wenig bekannte Stelle des bald nach 1075 schreibenden Anonymus
von Herrieden [54
Ed. M. Wemer, Anonymus Hasserensis von Eichstätt. Studien zur
Biographie im Hochmittelalter, Phil. Diss. München 1966, 110.]
auf Graf Otto I. von Scheyern,
womit auch seine These von der Herkunft von den Pegnitz-Grafen
Unterstützung findet: in ihr wird nämlich zum Jahre 1054
berichtet, Bischof Gebhard von
Eichstätt habe die »Schirenses
latrociniis, ut hodie
sunt, deditissimos«, »die heute ganz dem Raube
ergebenen SCHEYERNER« zu
Paaren
getrieben. [55
MGH SS 20, 238; Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 36.]
Dies weist eindeutig auf Auseinandersetzungen im Raume von
Eichstätt zwischen Bischof und Scheyerner
Graf hin. Der Stammbaum von Tyroller würde wesentlich an
historischem Wert gewinnen, wenn er fehlende Filiationen als solche
gekennzeichnet und sie nicht einfach als Tatsachen hingestellt
hätte. Was nun die Glaubwürdigkeit Ottos von Freising betrifft, so
scheint sie gerade durch den Bericht des Anonymus Hasserensis noch
insoweit bestätigt zu werden, als wir es bei den Grafen von
Scheyern im 11. und 12. Jahrhundert mit einem äußerst
angriffslustigen Geschlecht zu tun haben. Im übrigen ist kaum
anzunehmen, daß Otto im
Zorn so weit gegangen wäre, seinen
Vogt zu verleumden, indem er ihn mit dem Verräter der
Lechfeldschlacht in Verbindung bringt. [56
Zwar muß nach den Ergebnissen von A. Schmid, Das Bild des
Bayernherzogs Amulf (907-937) in der deutschen Geschichtsschreibung von
seinen Zeitgenossen bis zu Wilhelm von Giesebrecht (Regensburger Hist.
Forschungen 5) 1976, daran gedacht werden, daß die LUITPOLDINGER, vor
allem in Gestalt Herzog Arnulfs, erst im 12.
Jahrhundert ihren negativen Ruf
erhalten haben (»der Böse«).
Doch erscheint mir
abwegig, daß Otto von
Freising aufgrund einer Zeitströmung »Rufmord«
an den
WITTELSBACHERN
begangen haben könnte.] Auch wenn Otto von
Freising gelegentlich Irrtümer nachzuweisen sind, in diesem
Punkte, in dem er so sichtlich engagiert und informiert war, irrte er
bestimmt nicht.
Es ist also keine dynastische Geschichtsklitterung, wenn man zum
Schluß kommt, daß das Geschlecht, das 947 des Herzogtums
Bayern entsetzt wurde, knapp 250 Jahre später dieses wieder
erringt. Riezler [57
Riezler, I²/2, 203.] sieht darin
»nichts Überraschendes, sondern nur eine Bestätigung
der für die mittelalterlichen Zustände bezeichnenden Regel,
daß die großen Geschlechter durch politische Wandlungen
nicht leicht auf die Dauer erniedrigt und verdrängt werden
können. Seit dem Sturze der AGILOLFINGER
ist es ja den Königen nie wieder gelungen, die Macht einer
hervorragenden Sippe des bairischen Adels dauernd zu brechen.
LUITPOLDINGER und WELFEN, die jüngeren BABENBERGER und die
ARIBONEN, alle haben sich
einmal gegen das Königtum aufgelehnt,
alle sind der Acht, Verbannung oder Gefangenschaft verfallen, und alle
haben sich mit gleichem Erfolge wieder emporgeschwungen, weil die
Wurzeln zäher Lebenskraft unbeschädigt blieben.«
Wenn wir also der luitpoldingischen
Abkunft der WITTELSBACHER
den höchsten Grad an Wahrscheinlichkeit
zusprechen, so stellt sich als nächste Frage: wer sind nun
eigentlich diese LUITPOLDINGER,
woher stammt dieses Geschlecht, dessen Genealogie vom Stammvater Luitpold, der 907 in der
Schlacht bei Preßburg gefallen ist, über dessen Sohn Herzog Arnulf und über
verschiedene Zweige bis 989 urkundlich relativ gut gesichert ist - Kurt
Reindel [58
Reindel (wie Anm. 11) Stammtafel.] hat sie
zuletzt kritisch erforscht, weniger kritisch Tyroller. [59 Tyroller,
Genealogie (wie Anm. 18) 27.] Mit der Herkunft der LUITPOLDINGER hatten sich nach der
unkritischen älteren bayerischen Chronik vor allem die
Akademie-Gelehrten des 18. Jahrhunderts befaßt und dabei die
verschiedensten genealogischen Möglichkeiten in Betracht gezogen,
wie A. Kraus [60
Kraus (wie Anm. 3) 264ff.] in seinem Buch
über die historische Forschung an der kurbayerischen Akademie
gezeigt hat. Die am meisten begründete Theorie ist wohl die
Herkunft von den Huosi, der wir uns im folgenden zuwenden wollen.
Die Herkunft der Luitpoldinger:
Zusammenhänge mit den Huosi, Fagana, Welfen und den Aribonen
Ausgegangen sei noch einmal von der These Du Buats, daß die
Grafen von Scheyern von den HUOSI,
also einem Geschlecht der AGILOLFINGER-Zeit
abstammen. Du Buat suchte damit, wie Hammermayer und Kraus [61 Hammermayer
(wie Anm. 10); Kraus (wie Anm. 3); vgl. oben Seite 30f. (Anm. 3 und 10).]
gezeigt haben, die karolingische
Abstammung des Geschlechts, die
Kurfürst
Maximilian I. favorisierte und die sein Geschichtsschreiber Markus Welser
untermauern sollte, zu erschüttern und die heimische Herkunft
nachzuweisen, was einem Lieblingswunsch des Akademiegründers
Kurfürst Max III. Josef
entgegenkam. Du Buat dagegen
argumentierte, daß Markgraf
Luitpold vom einheimischen Geschlecht
der HUOSI abstammte; seinen
Großvater erblickt er in einem Grafen Luitpold des Huosigaues, der
zwischen 807 und 837 dort auftritt. [62
Hammermayer (wie Anm. 10) 287. Vgl. Mitterauer (Anm. 70) 227ff.]
Methodisch fundierter und sicherer hat
diesen Zusammenhang über 100 Jahre später 1907 M.
Fastlinger [63 Fastlinger
(wie Anm. 15).] unter Beweis zu stellen versucht,
indem er von der Vererbung von Grafschaften und der Freisinger
Hochstiftsvogtei sich leiten ließ. Er gelangte zum Ergebnis,
daß die Ahnherren der Grafen von
Scheyern erstmals und vor
allem
im Huosigau begütert waren und dort auch Funktionen hatten, also
im gleichen Gau, wo auch die Grafen-Geschlechter
der LUITPOLDINGER, der ARIBONEN
und ANDECHSER ihre
frühesten Besitzungen haben. Um Aichach und Dachau sind Zentren
ihres frühen Besitzes erkennbar. [64
Vgl. auch Riezler 12/2, 204.] Im 9. und 10.
Jahrhundert ist es eine Familie mit den typische Namen Pilgrim und
Jacob, die dort begütert
ist, Vögte stellt und von der wir
seit Fastlinger wissen, daß sie der huosischen Sippe der ARIBONEN
zuzurechnen ist. Eigene Forschung, der Bearbeitung der Landgerichte
Dachau und Kranzberg für den Historischen Atlas von Bayern haben
zum gleichen Ergebnis geführt (1962): »Besitzvorgänger
der Grafen von Scheyern in Dachau und in den nördlich davon
liegenden Orten ist im 10. Jahrhundert eine Familie, in der der Name
Jacob und Aripo
häufig ist." (Jacob, Engilrat, Sohn Aripo.)
Außerdem erscheint mehrere Male ein Graf Papo, Vogt von Freising in der
zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, als Besitzvorgänger der
Grafen von Dachau. Wer die Besitzvorgänger im 11. Jahrhundert
waren, läßt sich nicht einwandfrei ermitteln. Am meisten
wahrscheinlich ist, daß es ein Adalbero
von Badershausen und
ein
Graf Kuno von Rihpoldisperga-Rott gewesen
sind (also ARIBONEN). Das
vorliegende
Untersuchungsergebnis bestätigt im wesentlichen die Ansicht
Fastlingers, daß die Grafen von
Scheyern genealogisch irgendwie
mit den ARIBONEN
zusammenhängen müssen. [65
Fried (wie Anm. 16) 50ff., Anm. 132.] G.
Diepolder hat dann in ihrer grundlegenden Abhandlung über die
Herkunft der ARIBONEN 1964
festgestellt, daß die Herkunft einer
ARIBONEN-Linie, zu der in weiblicher Linie so bedeutende
Dynasten-Geschlechter wie die Pfalzgrafen von Rott ..."vielleicht sogar
die WITTELSBACHER
gehören", [66 Diepolder
(wie Anm. 21) 115.] sich aus dem engeren Kreis der FAGANA und ihre kognatische
Verbindung mit dem weiteren Kreis der HUOSI
nachweisen läßt. [67
Ebd. 113; vgl. auch 95.] Von der Freisinger
ARIBONEN-Sippe führt weiter ein genealogischer Weg zu den
Grafen
von Ottenburg, den Vorgängern der Hirschberger Grafen, die, wie
von mir 1965 gezeigt wurde, [68
Fried (wie Anm. 34) 95.] vermutlich in der
zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert den WITTELSBACHERN
aus ihrer Grafschaft um Freising verdrängt wurden. Das
Hauptergebnis Diepolders, das hier anzuführen ist, besteht darin,
daß es trotz der seit Tellenbach und Klebel herausgestellten
Zugehörigkeit des bayerischen Hochadels zur fränkischen
Reichsaristokratie, erwiesen bei den SIGHARTINGERN,
insbesondere bei
den EBERSBERGERN, falsch ist,
sie in Bausch und Bogen für Fraken
zu halten "und den altbayerischen Zustrom durch mütterliche Ahnen
und die damit gegebenen kognatischen Verbindungen zu übersehen". [69 Diepolder
(wie Anm. 21) 115.]
Diepolder stützt sich dabei auf Erkenntnisse, die M. Mitterauer
bei der Unterszuchung der karolingischen
Markgrafen des deutschen
Südosten gewonnen hat (1963): "Markgraf
Luitpold schließlich
hatte unter seinen Ahnen sowohl die beiden genealogiae der HUOSI und
FAGANA als auch der WELFEN. Durch
seine Gattin war er mit den
schwäbischen AHALOLFINGERN
verwandt." [70
M.
Mitterauer, Karolingische Markgrafen im Südosten. Fränkische
Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im
österreichichen Raum (AÖG 123) 1963, 227ff., hier 249.
Spindler III/2,
(1974) 841 und 858.]
Nach Max Spindler [71
Spindler II 16.]
könnten die 989 ausgestorbenen LUITPOLDINGER
sozusagen eine
genealogische Brücke zwischen den
ARIBONEN des 9. und 10. Jahrhunderts und den WITTELSBACHERN
des 11. und 12. Jahrhunderts gebildet haben, zumal verwandtschaftliche
Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern nachzuweisen sind. [72
Riezler I²/1, 561; I²/2,571.]
Daß die LUITPOLDINGER
ihrerseits selbst auf
die HUOSI zurückgehen
können, wurde bereits erwähnt.
Die direkte Ableitung der Grafen von Scheyern von den Vorfahren der
Grafen von Dießen-Andechs, die stammbaummäßig
gleichfalls auf die HUOSI
zurückgeführt werden, hat 1931 K. Trotter [73 Trotter
(wie Anm. 19) 29 Nrr. 9 u. 19.] vertreten. Danach
wäre der
1014 auftretende Otto,
vielleicht ein Graf von Hohenwart,
der mutmaßliche Vater des
ersten Grafen von Scheyern, ein ANDECHSER.
Über die Namensgleichheit hinaus werden jedoch keine weiteren
Argumente beigebracht.
Das Erbe der Grafen von Ebersberg
Seit Huschberg [74
Huschberg (wie Anm. 12) 198.] und Riezler [75 Riezler
12/2, 554.] ist spätestens bekannt,
daß ein Großteil des Besitzes der 1045 ausgestorbenen
Grafen von Ebersberg »eines der ältesten und
berühmtesten Geschlechter, das bis in die Zeiten der baierischen KAROLINGER
hinauf zu verfolgen ist«, wie Riezler sagt, [76 Ebd.]
an die Grafen von Scheyern
gekommen sein muß. M. Mitterauer hat das
Reichsaristokraten-Geschlecht zuletzt, im Anschluß an K. Trotter,
zusammen mit den SIGHARDINGERN vom
Kraichgau-Grafen Sighart des
ausgehenden 9. Jahrhunderts abgeleitet. [77 Vgl.
Störmer (wie Anm. 21) 167.] Die wohl
wichtigste Schenkung Kaiser ARNULFS an
seinen »consanguineus«
Graf
Sighart war das »fiscale forum Sempt« am Nordrand
des Ebersberger Forstes. Störmer hat in seinem Buch über
Adelsgruppen im früh- und hochmittelalterlichen Bayern deutlich
gemacht, daß die Krönung der herrschaftlichen
Konzentrationsbewegung des Grafen
Sighart die Errichtung der Burg
Ebersberg gewesen sein muß, die sein Enkel Eberhard 933
verstärken ließ, um dort im folgenden Jahr ein Hauskloster
zu gründen. Wie alle alten Geschlechter verfügten die der
fränkischen Reichsaristokratie angehörigen EBERSBERGER über reichen Besitz
im Kolonialland der bayerischen Ostmark; Mitterauer glaubt sogar,
daß sie wie andere Geschlechter von Grafen der karolingischen Mark
abstammen. [78
Mitterauer (wie Anm. 70) 251.] Die
besitzgeschichtliche Untersuchung durch W. Störmer zeigt die durch
eine Karte dargestellte enorme Position dieses Geschlechts bis ins 11.
Jahrhundert: »Es gibt kaum eine Adelsfamilie in Bayern des 10.,
ja selbst des 11. Jahrhunderts, die eine so intensive und
großflächige Herrschaft ausdehnen konnte wie die EBERSBERGER.« [79 Störmer
(wie Anm. 21) 171.] Neben dem Kloster Ebersberg
verdanken diesem Geschlecht noch zwei weitere Klöster ihre
Gründung: Kühbach bei Aichach-Wittelsbach 1011 durch Graf Adalbero und Geisenfeld bei
Scheuern-Pfaffenhofen 1037 durch Graf
Eberhard II. Kühbach lag
1011 »in comitatu Herteshusa«; Störmer folgert daraus:
[80 Ebd.
174.] »Hörzhausen
unweit der späteren
Wittelsbacher Stammburg muß
also der Sitz der Grafen von
Kühbach-Ebersberg gewesen sein. Unmittelbar nördlich von
Hörzhausen erstreckt sich der Hagenauer Forst, der vermutlich
Reichsforst war. Die Situation ist geradezu Parallele zum Fall
Ebersberg.«
Daß nun Hörzhausen tatsächlich der Sitz der Grafen war,
möchte ich allerdings bezweifeln; vielfach wird nämlich die
Dingstätte bezeichnet, wenn in einer Comitatus-Nennung ein Ort als
Name erscheint (vgl. als Parallele zu dieser Stelle: in comitatu Steinheringa.!). Nach
dem heutigen Stand [81 Vgl.
die neuesten Ausgrabungsberichte: Vorläufig
Süddeutsche Zeitung v. 16./17. 6. 79, Augsburger Beilage, S. 4.]
der
Ausgrabungen des Burgstalls Wittelsbach, die eine Vorgängerburg
aus dem 11. Jahrhundert zum Vorschein brachte, ist es nicht
ausgeschlossen, daß diese der Sitz der KÜHBACH-EBERSBERGER
Grafen war, die nach der neuesten lokalen Forschung als eigener
Zweig
dieses Geschlechts anzusehen sind. [82
Künftig W. Liebhart, Besitzgeschichte
des Reichsstifts St.
Ulrich und Afra zu Augsburg, Ortsartikel Aichach.]
Hier kann auch jener Graf Udalschalk
gesessen sein, der ein Bruder des
Klostergründers Adalbero von
Kühbach war. [83
Störmer (wie Anm. 21) 174; Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18)
19.]
Diepolder hat die Herkunft des wittelsbachischen Grundbesitzes
im Aichacher Raum seinerzeit eingehend untersucht und dabei zwei
deutlich unterschiedene Gruppen feststellen können: [84 Diepolder,
HAB (wie Anm. 23) 2.] die erste bildet den Kern
des Unteramtes Aindling, das auf den lechrainischen Teil der Grafschaft
eines Udalschalk
zurückgeht, der wohl auch die Vogtei über die
rechtslechischen Güter von St. Ulrich und Afra zu Augsburg
führte. In der zweiten, größeren Gruppe wittelsbachischer
Güter um Ecknach und Paar erblickt Diepolder alten Besitz der
Grafen von Scheyern. Er wuchs noch an, als die Grafen von Scheyern die
Nachfolge der EBERSBERGER
antraten, die ebenfalls im 11. Jahrhundert um Ilm und Paar eine
Grafschaft innegehabt haben sollen. Die Klostergüter von
Kühbach liegen mit der letzteren, größeren Gruppe in
Gemengelage.
Die Untersuchung der herrschaftlichen Verhältnisse Raume
Scheyern-Pfaffenhofen durch Volker von Volckamer [85 Von
Volckamer (wie Anm. 23).] hat ergeben, daß
die
Ausgangsbasis für die Grafen von Scheyern denkbar schmal war, so
daß eine andere Standesgenossen überragende Machtstellung
nur aus dem Besitz Freisinger Vogteien kommen mußte, deren
bedeutender Umfang ja im Historischen Atlas von Kranzberg deutlich
gemacht wurde. Zur Besitzzeit der Grafen von Ebersberg läßt
sich vor allem das Ausstattungsgut des Klosters Geisenfeld ermitteln,
dessen Zentrum von einem Forst, dem Feilenforst, gebildet wird.
Unmittelbar daneben liegt Scheyern und später scheyerischer
Urbarbesitz; die Vermutung, daß es sich um Ebersbergisches Erbe
handelt, hat deswegen einiges sich. [86
Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18), hat die Ansicht
geäußert, daß die
Burg Scheyern aus dem Erbe
eines
Udalschalks stammt, der Hauptvogt
der Freisinger Kirche und EBERSBERGER
war, während Riezler in ihm schon einen scheyrischen Grafen sieht.
Vgl. Seite 37.]
Die Herrschaft der EBERSBERGER
stellte nach von Volckamer im Pfaffenhofener Raum vermutlich eine
allodialisierte Grafschaft dar, die allerdings Reichslehen gewesen sein
muß. Ob ein alter Grafschaftsverband, der sich auf die Edelfreien
des Raumes bezog, fortlebte, vermag Volckamer nicht mehr zu entscheiden.
Für den Raum um Ebersberg, Sempt und Erding, fehlen jetzt
Untersuchungen im Rahmen eines Historischen Atlasses. Daß das
reiche Hausgut der Grafen von Ebersberg Semptgebiet «ohne
Zweifel zum
Teil wenigstens aus ursprünglichem Fiskalbesitz stammt«, hat
seinerzeit Josef Sturm schon nachgewiesen. [87 Von
Volckamer (wie Anm. 23) 8; siehe auch F. Tyroller, Das Landgericht
Erding in der Grafenzeit (Progr. d. Wittelsbacher Gymnasiums
München) 1951/52.] Nach dem Übergang an
die
Grafen von Scheyern ist der nördliche Teil mit der neuen Burg Wartenberg im Besitz der
pfalzgräflichen Linie, der südliche in den Händen der
1238 ausgestorbenen Linie Valley,
die das Kloster Schäftlarn bevogtet und das Kloster Bernried
gegründet hat. Insgesamt kann also festgestellt werden, daß
das Erbe der Grafen von Ebersberg, das an die Grafen von Scheyern
gekommen ist, zu einem Teil aus Urbarsgütern, zum
größeren Teil jedoch aus Vogteien über Klöster und
Klostergütern bestand. Die intensive besitzgeschichtliche
Untersuchung der wittelsbachischen
Stammlande läßt noch ein weiteres erkennen. In der Anlage
neuer Burgen enthüllt sich seit 1100 massive Herrschaftspolitik
der Grafen von Scheyern, die ganz im Einklang mit der oben
erwähnten chronikalischen Überlieferung steht. [88 P. Fried,
Hochadelige und landesherrlich-wittelsbachische
Burgenpolitik im hoch- und spätmittelalterlichen Bayern (die
Burgen im dt. Sprachraum. Ihre rechts- u. verfassungsgesch. Bedeutung
II = VF 19) 1976; Vgl. Anonymus Hasserensis oben S. 33.]
Im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Grafen von Ebersberg und der ARIBONEN sind dies die Dynasten-Burgen Scheyern, Wittelsbach, Dachau, Wartenberg und Valley, die meist in der Nähe
der älteren Zentren liegen, wobei nicht ausgeschlossen ist,
daß sich dort bereits Burganlagen ihrer Besitzvorgänger
befanden. Nach ihnen nennen sich nun die scheyerischen Linien, die sich ganz
nach dem agnatischen Prinzip formieren. Diese neuen Burgen sind, wie in
der Studie über hochadelige und landesherrlich-wittelsbachischen
Burgenpolitik im mittelalterlichen Bayern gezeigt werden konnte,
Stützpunkte für die frühe dynastische Territorialpolitik
der WITTELSBACHER
zur Beherrschung ihrer umfänglichen Vogteien vor allem gegen den
Bischof von Freising, der sich dadurch geradezu eingekreist fühlen
mußte.
Es erhebt sich schließlich die Frage, was sich aus dieser
intensiven besitzgeschichtlichen Untersuchung noch für die Art und
Weise des Übergangs des EBERSBERGER
Besitzes an die Grafen von Scheyern ergibt. Riezler [89 Riezler
I²/2, 553 ff.] schrieb seinerzeit, daß
die Güter beim Aussterben des Geschlechts an die SCHYREN kamen,
ihnen »anfielen«. Tyroller [90
Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) 5.]
behauptete, daß die Burg
Scheyern, wie bereits angeführt, aus dem Erbe der EBERSBERGER stamme. Von
Volckamer [91 Von
Volckamer (wie Anm. 23) 10.] spricht im Falle
des
wittelsbachischen Besitzes um die Burg Scheyern von einem EBERSBERGER »Erbe«, davon redet auch G.
Diepolder [92
Diepolder HAB (wie Anm. 23) 4.] für den
Aichacher Raum. Danach müßte man als Grund für das Erbe
an eine genealogische Verbindung denken. Diese hat bis jetzt nur
Tyroller in der Weise konstruiert, daß er eine Vater-Schwester Graf Ottos I. von Scheyern
annimmt, die mit Udalschalk II., einem EBERSBERGER, der auch Hochvogt von Freising war,
verheiratet war und damit das EBERBERGER
Erbe in die Scheyerische
Familie brachte. [93
Tyroller, Genealogie (wie Anm. 18) Luitpoldinger: Stammtafel 3, Nr.
32, S. 31 und Ebersberger: Stammtafel 2, Nr. 30, S. 25.]
Für den Kühbacher Zweig der
EBERSBERGER bietet sich eine Beerbung der SCHEYERNER über die RAPOTONEN-DIEPOLDINGER an, die in
der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mehrmals Besitz an St.
Ulrich tradieren, wie neuerdings W. Liebhart feststellte. [94 Liebhart
(wie
Anm. 82).] Doch bleiben, wenn man an eine
genealogische Verbindung denkt, zahlreiche Probleme ungelöst. Wie
hängen die KÜHBACHER-EBERSBERGER
mit den ARIBONEN zusammen, die
wir im 9. und 10. Jahrhundert im Aichacher Raum begütert finden?
Und ist die Tyroller'sche Konstruktion über die Schwester Udalschalks zu gewagt? Ist
Udalschalk nicht etwa der ARIBONEN-Sippe zuzuweisen, zumal er
nicht schon ein SCHEYRER ist?
Die Tatsache, daß weder urkundlich noch chronikalisch eine
verwandtschaftliche Verbindung zwischen den EBERSBERGERN und den SCHEYERNERN erwähnt ist, und
der Umstand, daß der überwiegende Besitz der EBERSBERGER doch wohl Reichslehen
war, führte zur Ansicht, daß dieser beim Heimfall »auf
vielfältige Weise verteilt wurde«; nach Störmer [95
Störmer (wie Anm. 21) 175.] mußte
dieser sogar eine
politische Umgestaltung Bayerns die Folge sein. Daß Kaiser
HEINRICH III. bei der Neuverteilung
entscheidend mitgewirkt hat,
dafür gibt es Hinweise. Störmer folgert: »Das bedeutet
aber, daß der Kaiser seine Favoriten, die unter Umständen
bisher kleine Leute waren, am stärksten bevorzugen konnte«. [96 Ebd.]
Störmer gibt nicht mehr an,
wer unter diesen »kleinen Leuten« zu verstehen ist, doch
ist zu vermuten, daß er dabei auch an die SCHEYERNER und WITTELSBACHER
Grafen gedacht hat.
Alter Hochadel oder feudale
Parvenüs?
Damit sind wir zur entscheidenden Frage vorgestoßen, die sich uns
am Schlusse der Erörterung der ältesten wittelsbachischen
Genealogie stellt: Sind die Grafen
von Scheyern und Wittelsbach ursprünglich »kleine
Leute« gewesen, die als »Kreuzzuggewinnler«, wie
einmal in republikanischer Aufwallung formuliert wurde, als Partei- und
Kostgänger des Reiches hochgekommen sind, also typische
Parvenüs der Feudalzeit? Oder sind sie doch die Abkömmlinge
eines alten, traditionsreichen bayerischen Herzog-Geschlechts, das sich
nach Jahrzehnten des politischen Schattendaseins, die Gunst der
politischen Konstellation nutzend, wieder den Weg nach oben
erkämpft hat? [97
So zum Beispiel Huschberg (wie Anm. 12) und Riezler.]
Für die Tatsache, daß die Grafen von Scheyern
standesmäßig einer Familie zugehören, die im 11.
Jahrhundert nur der gräflichen Edelfreienschicht zuzurechnen ist,
spricht eine Reihe von Argumenten.
Der Blick auf den Heiratskreis der Grafen
von Scheyern und Wittelsbach
im 11. und 12. Jahrhundert zeigt, daß keine eheliche Verbindung
mit einem herzoglichen oder gar königlichen Geschlecht
nachzuweisen ist. Erst Herzog Ludwig
I. heiratete um 1204 die
böhmische Herzogs-Tochter Ludmilla, nachdem noch sein
herzoglicher
Vater eine Grafen-Tochter zur Frau hatte. Und erst Ludwig der Strenge
vermählte sich 1273 in dritter Ehe mit Mechthild,
der Tochter
König RUDOLFS VON HABSBURG.
[98
Vgl. Trotter (wie Anm. 19) und Chr. Haeutle, Genealogie des
erlauchten Stammhauses Wittelsbach von dessen Wiedereinsetzung in das
Herzogthum Bayern bis herab auf unsere Tage, 1870. Vgl. auch J. P.
Gewin, Blüte und Niedergang hochadeliger Geschlechter im
Mittelalter, 1955.]
Es gibt also bei den WITTELSBACHERN
keine königliche Erbtochter, die im 11. oder frühen 12.
Jahrhundert das Geschlecht zu Rang und Namen, vor allem zu
größerem Herrschaftsbesitz gebracht hätte, wie dies so
signifikant bei den STAUFERN der
Fall war. [99
Allerdings nennt Kaiser FRIEDRICH I. den Pfalzgrafen Otto einmal in
einem Brief seinen »consanguineus«
(Frhr. v.
Stein-Gedächtnis-Ausgabe (wie Anm. 42) 17, 647). Es ist bis jetzt
jedoch nicht gelungen, den Grad der Verwandtschaft nachzuweisen. Vgl.
H. Graf v. Waldersdorf, Die Verwandtschaft Kaiser Friedrichs 1. mit dem
Pfalzgrafen von Wittelsbach und den Welfen (VHOR 30) 1874, 153-164; H.
Decker-Hauff. Das Staufische Haus (Ausst. Kat. Stauffer III) 1977,
339ff., 348f.] Sodann fehlt jeder ernsthafte
Hinweis auf eine alte und hohe
Abkunft in den Quellen des 12. und des frühen 13. Jahrhunderts,
wie dies beispielsweise für die WELFEN so
eindrucksvoll in ihrer Familienchronik dokumentiert ist. [100 Historia
Welforum, neu hg., übersetzt und erläutert v. E.
König, 1938, Neudruck 1978.] Die
früheste, vermutlich
aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert stammende Nachricht über die
königlichen und kaiserlichen Ahnen
der WITTELSBACHER
sind zwar ein interessantes Zeugnis für das damalige
Selbstbewußtsein der Dynastie, sie entbehren aber jeder Grundlage
in den Quellen und sind lediglich als
»Ausschmückungen« des Stammbaumes zu verstehen. [101 Vgl. oben
Seite 29.] Auch das vermutlich
älteste Wappen der Grafen von Scheyern, der Sparren oder
Zickzack-Balken, den noch die ersten Herzöge führen,
läßt keine Rückschlüsse auf alte Abstammung zu. [102 W. Hund,
Bayerisches Stammenbuch I Teil (1958) 130-137.
»Das Wappen der Grafen von Scheyern und Wittelsbach ist ein Ding,
nur allein in den Farben unterschieden. Wittelsbach Rot Sparren im
weißen Feld, auf dem Helm zwei Flügel mit dem Sparren, wie
im Schild, aber bei den Scheyern ist das Schild blau, die Sparren gelb,
item auf dem Helm.«, Joh. Nep. Buchinger, Über Ursprung und
Fortbildung des bayerischen Landes-, Haus- und Reichs-Wappens (QA 8)
1847, 287 ff. (Zusammenfassung aller älteren Hypothesen). Seite
294 Anm. 6 glaubt Buchinger, daß der Sparren im Wappen
»eine besonders eigene Heroldsfigur oder ein Ehrenstück zum
Unterschied von den gemeinen Figuren, welche Körper, Natur und
Kunst vorstellt. Sparren, Balken, Pfähle und Zinnen sollen nicht
selten an erstürmte Vesten etc. erinnern«; K. Primbs, Die
Entwicklung des Wittelsbacher Wappens von Herzog Otto 1. bis
Kurfürst Max III. Josef 1180-1777, o. Jahr. Den Zickzack-Balken
führte auch später das Kloster Scheyern im Wappen, vgl. E.
Zimmermann, Bayerische Klosterheraldik, 1930; W. Volkert, Das Typar
eines Abtsiegels aus Scheyern (Mitt. f. d. Archivpflege in Bayern 15)
1969, 1 ff., bes. 7.] Ebenso sagt das Wappen der
Pfalzgrafen von Wittelsbach, ein Adler, nichts über ihre
ständische Herkunft aus. [103
Buchinger (wie Anm. 102) 295; Primbs (wie Anm. 102); Trotter (wie
Anm. 19) 36 bzw. 28; Vgl. auch J. Siebmachers großes Wappenbuch
1, 1856, Neudruck 1978, Tafel 17.]
Reitersiegel mit dem Zickzackbalken im Schild begegnen erstmals bei den
Herzögen Ludwig I. und Otto II. [104
Vgl. S. Hofmann, Urkundenwesen, Kanzlei und Regierungssystem der
Herzöge von Bayern und Pfalzgrafen bei Rhein von 1180 bzw. 1214
bis 1255 bzw. 1294 (MH Stud., Abt. Gesch. Hilfswiss. 3) 1967.]
Sodann ist beim scheyrisch-wittelsbachischen Hause
kein Besitz in der Ostmark nachgewiesen, den man sonst bei allen
älteren Geschlechtern findet.
Im Gegensatz zu den Grafen von Ebersberg fehlt bei den Grafen von
Scheyern jeder Hinweis auf eine frühe Familiengrablege im 11.
Jahrhundert. Eine solche wird erst durch die Gründung des Klosters
Scheyern geschaffen, wo die ältesten
erweisbaren Glieder des
Geschlechts, Graf Otto und
Gräfin Haziga und der
größte Teil ihrer Nachkommen ihre letzte Ruhe finden. [105 Hefner
(wie Anm. 1).] Sieht man von den
Begräbnissen der Pfalzgrafen in den Familienklöstern
Indersdorf und Ensdorf ab, so werden bis zu Herzog Ludwig dem Strengen
sämtliche WITTELSBACHER
in Scheyern zur letzten Ruhe getragen. Herzog
Ludwig der Strenge schloß die Scheyrer Gruft und
ließ sich in seiner Gründung Fürstenfeld begraben. Seit
LUDWIG DEM
BAYERN ist die Kirche U. L. Frau zu München dann die
bevorzugte Gruftkirche. [106
Haeutle, Genealogie (wie Anm. 98); H. Rall Wittelsbacher
Lebensbilder von Kaiser Ludwig bis zur Gegenwart. Führer durch die
Münchner Fürstengrüfte, 1979.]
Auch für die Übertragung der bayerischen
Pfalzgrafenwürde war keine königliche oder herzogliche
Deszendenz erforderlich. Sie scheint dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach
primär wegen dessen Leistung und Treue zum Königshaus
verliehen worden zu sein. [107
Hundt, Scheyern (wie Anm. 1).]
Im übrigen darf die bayerische Pfalzgrafschaft, über die wir
noch zu wenig wissen, nicht überschätzt werden. Das gleiche
gilt für die Freisinger Vogtei in den Händen der Grafen von
Scheyern, sie gewinnt erst nach dem Investiturstreit an politischem
Gewicht. [108
Siehe Fastlinger (wie Anm. 15).] Die
Hochstiftsvogtei, das EBERSBERGER
Erbe und die Pfalzgrafschaft sind allerdings wichtige Stufen im
Aufstieg der Grafen von Scheyern. Wenn man die neuesten Erkenntnisse
über das Wesen hochmittelalterlicher Familienstruktur und
Sippenzusammenhänge, wie sie von der Schule Gerd Tellenbachs [109 G.
Tellenbach, Zur Bedeutung der Personenforschung für
die Erkenntnis des frühen Mittelalters (Freiburger
Universitätsreden NF 25) 1957; K. Schmid, Zur Problematik von
Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie beim mittelalterlichen
Adel. Vorfragen zum Thema »Adelsherrschaft im Mittelalter«
(Zschr. f. Gesch. d. Oberrheins 105) 1957, 1-62; Diepolder (wie Anm.
21) 74ff.] in Freiburg erzielt wurden, auf
die frühe Genealogie der WITTELSBACHER anwendet,
so findet das Fehlen einer Stammreihe vor der Mitte des 11.
Jahrhunderts seine natürliche Erklärung. Bis weit ins 11.
Jahrhundert hinein haben wir es vor allem mit Adelssippen zu tun, die
in ihrer Struktur einer starken Fluktuation unterworfen sind. Bei den
agnatischen Familienverbänden (Familienbildung nach dem
Mannesstamme) kann man selten mehr als drei oder vier Filiationen
belegen; die bis ins 11. Jahrhundert sehr stark auftretenden
kognatischen Familienverbände sind gleichfalls einer
ständigen Wandlung unterworfen: ihre Mitglieder schließen
ständig neue Verbindungen, nehmen neue Glieder mit neuen Namen
auf, ganze Zweige orientieren sich nach neuen Leitfamilien, wobei immer
wieder andere Verwandte als Besitznachbarn auftauchen. Zu diesen
hochadeligen Sippenverbänden, die bereits in zeitgenössischen
Quellen erscheinen und schon »Selbstbewußtsein« oder
»Selbstverständnis« haben, gehören beispielsweise
im altbayerischen Raum die in der Lex Bajuwariorum, also im Volksrecht
der Bayern (8. Jahrhundert) genannten fünf Adelsgeschlechter
(genealogiae: HUOSI, FAGANA, DRAOZZA, ANNIONA, HAHILINGA), die
teilweise bis ins 10. Jahrhundert in den Quellen zu verfolgen sind.
Mit der Herausbildung der erblichen Adelsherrschaften seit dem 11.
Jahrhundert setzte sich der agnatische Familienverband durch, der in
männlicher Linie vererbt und sich nach seinen Hauptsitzen, die
meist Burgen sind, nennt, schließlich meist nur noch nach einer
Burg, die dann zur namengebenden Stammburg wird. Diesen Vorgang
können wir bei den meisten Hochadels-Familien im
hochmittelalterlichen Bayern nachweisen; [110 Fried (wie
Anm. 88).] die scheyerisch-wittelsbachische
Genealogie ist hierfür geradezu ein Paradebeispiel: eine bis dahin
uns unbekannte Familie nennt sich seit der Mitte des 11. Jahrhundert
nach Schevern; ihre Söhne begründen nochmals eigene Linien (Wittelsbach, Dachau, Valley), von denen nur eine, die
wittelsbachische,
überlebt.
Dabei ist es nun keinesfalls ausgeschlossen, daß einige dieser im
11. Jahrhundert neu sich formierenden Hochadelsfamilien mit
früheren Adelsgeschlechtern genealogisch zusammenhängen. Die
meisten von ihnen verdanken ihren Aufstieg jedoch Herzog Arnulf von
Bayern, [111 Schmid
(wie Anm. 56).] der sie
bekanntlich mit säkularisiertem Klostergut ausgestattet hat - die
Klöster wußten im 11. Jahrhundert noch ganz genau, wer
damals die Inhaber ihrer entfremdeten Güter waren. [112 W. Beck,
Tegernseeische Güter aus dem 10. Jh. (AZ 20) 1914,
83-105.] Ihr möglicher Zusammenhang
mit fränkischen Reichsaristokraten- oder einheimischen
Adelsfamilien wurde schon mehrmals erwähnt. [113 Siehe oben
Seite 31,34,36.]
Bei den Grafen von Scheyern haben wir zwar kein einziges Selbstzeugnis
aus dem 11. und 12. Jahrhundert, daß sie sich als
Abkömmlinge eines der älteren bayerischen
Hochadels-Geschlechter betrachtet hätten. Dies mag in der
mangelhaften Überlieferung begründet sein. Auch wenn ein
solches Bewußtsein vorhanden war, so scheint man sich doch seit
dem 11. Jahrhundert als neues Geschlecht gefühlt zu haben, zumal
von den älteren Geschlechtern bei der damaligen
Überlieferungssituation meist nur noch dunkle Erinnerungen
vorhanden waren. Um so mehr wiegt meines Erachten hingegen für die
Grafen
von Scheyern und Wittelsbach das Zeugnis des gelehrten Bischofs Otto von Freising, der
diese mit der luitpoldingischen
Herzogs-Familie des 10.
Jahrhunderts verknüpft - Konrad,
der erste Chronist des
Klosters Scheyern, ist hier wohl Otto
von Freising mit gutem Grund gefolgt. [114 Siehe oben
S. 35f.] Für den politischen
Aufstieg der Grafen von Scheyern scheint dieses Bewußtsein
allerdings nicht von Bedeutung, ja eher hinderlich gewesen zu sein, wie
es der Bericht Ottos von Freising
erkennen läßt.
Wir werden zusammenfassend feststellen können, daß die
Grafen von Scheyern genealogisch mit den luitpoldingischen Herzögen von
Bayern des 10. Jahrhunderts zusammenhängen - die genaue
genealogische Verknüpfung wird sich urkundlich wohl kaum mehr
eindeutig erweisen lassen.
Sicherlich gäbe es die eine oder andere verwandtschaftliche
Verbindung noch zu untersuchen, die eine oder andere
besitzgeschichtliche Kontinuität noch genauer auszuloten.
Daß dies bis zu einem bestimmten Grad neue Erkenntnisse bringen
kann, hat die Auswertung der Atlasbände der wittelsbachischen
Stammlande gezeigt. [115
Siehe oben S. 32f.]
Vielleicht sind die Ausgrabungsbefunde des Burgstalls Oberwittelsbach,
wenn sie einmal ganz vorliegen, Anlaß, neue Überlegungen
hinsichtlich des Zusammenhangs der Grafen von Scheyern mit den Grafen
von Ebersberg anzustellen. [116
Siehe oben S. 36 (Anm. 80).]
Auch die Verwandtschaft zu den
PABONEN, von denen die Grafen
von
Abensberg abstammen, mag noch weitere Erkenntnisse bringen. [117 Huschberg
(wie Anm. 12) Genealog. Tabelle 2 und 3; danach war Udalschalk, Hauptvogt der Freisinger Kirche, († ca. 1050) der Sohn des Papo, ein SCHYRE; siehe oben Seite 36f.]
Aufs ganze gesehen scheinen mir aber so gut wie
alle besitzgeschichtlich-genealogischen Möglichkeiten gedanklich
durchgespielt zu sein. Bei der künftigen Forschung geht es
deswegen weniger darum, spekulativ neue Stammbäume und
Verwandtschaftsbeziehungen zu entwerfen als vielmehr die bekannten
Hypothesen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, sie
zu verifizieren, zu korrigieren oder zu verwerfen.
Die Abstammung des Hauses WITTELSBACH wird auf
diese Weise noch lange
Gegenstand der bayerischen Historiographie bleiben. Eines steht jedoch
fest: Für ihren Aufstieg im 12. Jahrhundert war nicht ihre hohe
Abkunft, ihre Verwandtschaft zu einem königlichen oder
herzoglichen Geschlecht entscheidend, sondern vielmehr ihre ganz
persönliche politische Leistung. Die Grafen von Scheyern und
Wittelsbach haben sich seit der Mitte des 11. Jahrhunderts Schritt
für Schritt nach oben gekämpft, letztlich durch ihren
bedingungslosen Einsatz für Kaiser und Reich, für die
staufische
Sache. Damit hat sich
Pfalzgraf Otto 1180 das Herzogtum Bayern verdient. Ein Aufstieg
durch Leistung also, der in unseren heutigen Augen ein Geschlecht
mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr auszeichnet als ein Aufstieg
durch Geburt und königliche Ahnen.