Annalista Saxo: Seite 67,70,111,113,114,126
*************
"Reichschronik"
 

Das Jahr 1049.
 

Der Magadaburger Erzbischof Hunfrid weihte am 15. Juli die Krypta der Hauptkirche zur Ehre der heiligen Maria, des heiligen Evangelisten Johannes und des heiligen Kilian und seiner Gefährten, wobei ihn seine Mitbrüder Bischof Godescalc und Bischof Hunold von Mersburg unterstützten.
Der Bischof Bruno von Farden, Sohn des Grafen Sigefrid von Waldbike und der Gräfin Juditha, der Tochter Heinrichs des Kahlen von Stadhen, ein Bruder des Magadaburger Grafen Friderich, schied aus dem Leben und ihm folgte Sigibert. Sein Bruder Friderich aber zeugte mit der Gräfin Thietberga den Magedaburger Grafen Konrad. Als Friderich todt war, nahm seine Witwe Thietberga ein Edler von den Ersten der Hessen zur Ehe und sie gebar ihm den Meinfrid, welcher seinem genannten Bruder Konrad in der Grafschaft nachfolgte, da dieser keinen Sohn hatte. Der erwähnte Konrad hatte aber eine Frau aus Baiern heimgeführt, Namens Adelheid, welche ihm eine Tochter Namens Machtild gebar, welche Graf Theoderich von Plozeke heirathete, und er bekam mit ihr das ganze Erbgut desselben und zeugte mit ihr Konrad, den Grafen Hilprich und zwei Töchter, Irmingard und Adelheid. Konrad ist, wie man sagt, als reiner Junggesell gestorben, und sein Bruder Hilprich führte die Witwe des Grafen Theoderich von Katalenburg, Adela, heim, welche ihm zwei Söhne gebar, den Grafen Bernhard und den Markgrafen Konrad. Hilprichs Schwester Adelheid nahm Graf Otto von Regensburg zur Frau. Die andere, Irmingard, heirathete den Markgrafen Udo, und die ganze Erbschaft ihres Großvaters, des Grafen Konrad, fiel ihm zu, und sie gebar ihm den  Markgrafen Heinrich und zwei Töchter. Des oben genannten Sigefrid von Waldbike Tochter, Namens Oda, nahm aber ein Vornehmer Namens Gozwin von Valkenberg und sie gebar ihm die Grafen Gerhard und Gozwin. Graf Gerhard führte die Markgräfin Irmingard heim, des Markgrafen Udo Witwe; diese beiden aber hatte sie ungesetzlich geheirathet, da sie beider blutsverwandte Nichte war.
 

Das Jahr 1056.
 

[Pfalzgraf Dedo, ein trefflicher Mann, wurde von einem Bremer Priester erschlagen, welchen er von seinem Bruder, dem Erzbischofe Adalbert, bekommen hatte, um ihn wegen der ihm vorgeworfenen Verbrechen in die Verbannung zu bringen, und auf Befehl des Kaisers wurde er in Goslar begraben], und in der Grafschaft folgte ihm sein Bruder  Friderich nach. Er hat eine Probstei an dem Orte, der Sulza heißt, gestiftet und sein Sohn war der Pfalzgraf Friderich, welchen Graf Lodowich von Thüringen mit Hinterlist ermorden ließ; aber seine Witwe, des Markgrafen Udo Schwester, nahm er zur Ehe. Der Pfalzgraf aber hatte von ihr einen Sohn Namens Friderich, der, als der Vater getödtet wurde, noch nicht geboren war; doch lebte noch der Großvater. Dessen Schwestersohn Friderich von Sumersenburg erwarb die Pfalzgrafschaft und sein Vater Adalbert wurde Scucco genannt.

[Die Christen erlitten eine große Niederlage von den Barbaren, welche Liutizen heißen; einige kamen durchs Schwert um, andere auf der Flucht im Wasser und unter diesen wird der Markgraf der Nordmark Willehelm getödtet] nicht weit von der Burg, die Prizlava heißt und am Ufer des Flusses Albis liegt, da wo derselbe den Fluß Habola in sich aufnimmt. Daselbst also in der Mitte zwischen den beiden Flüssen wurde der fromme Fürst von den Heiden heimtückisch umzingelt und erlag mit Vielen. Sein von den Barbaren mit tausend Wunden durchbohrter und zerfleischter Leib wurde, wie man sagt, von den Seinen nicht mehr aufgefunden. Dieser Markgraf  Willehelm und sein Bruder Otto waren durch sehr nahe  Blutsverwandtschaft mit den Brüdern Willehelm und Otto verbunden, den Söhnen jenes großen Willehelm von Wimmare, welche Einer nach dem Andern nach dem Tode des Markgrafen Ekkehard II die Mark desselben gehabt haben; doch sind die Namen und der Gang dieser Verwandtschaft nicht genauer bekannt. Mit jenem wurde der Graf Theoderich von Katalanburg getödtet, der Sohn des Udo, welcher mit seinem Bruder Heinrich und einigen Andern nach dem Tode des Kaisers Otto III den Markgrafen Ekkihard in Palithi erschlagen hat. Dieser Udo hatte eine Frau aus Schwaben, Namens Bertrada, welche ihm diesen Theoderich gebar. Auch dieser hatte ebenfalls eine Bertrada zur Frau, die Schwester der Gräfin Suanehild von der Burg Lon in Hasbanien, deren Sohn der Mainzer Burggraf, Graf Arnold war, und sie gebar ihm einen Sohn, der ebenfalls Theoderich genannt wurde, und eine Tochter, welche Othilhild hieß und Konrad, den Bruder des Markgrafen Dedo, heirathete. Dieser Theoderich nahm Gertrud zur Frau, die Tochter des Markgrafen Ekbert des Aelteren, die Mutter der Kaiserin Richenza, und zeugte mit ihr wieder einen Theoderich, der ohne Kinder starb. - Dem Markgrafen Willehelm folgte aber Graf Udo von Stadhen, ein thätiger und edler Mann. Denn Graf Heinrich der Kahle von Stadhen, welcher zur Zeit Otto's I lebte, ein Verwandter dieses Kaisers, hatte zur Frau Juditha, eine Schwester des Herzoge Udo, der mit vielen in Calabrien fiel, als Kaiser Otto der Rothe mit den Sarracenen kämpfte. Diese gebar ihm die Söhne Heinrich, Udo und Sigefrid. Dieser Sigefrid bekam, da sein Bruder Heinrich gestorben war, seines Vaters Grafschaft vom Kaiser Heinrich, dem Gründer der Babenberger Kirche. Zur Frau hatte er Adhela, eine Tochter des Grafen Gero von Alesleve, den Kaiser Otto der Rothe auf einer Insel bei Magedaburg enthaupten ließ. Sie gebar ihm den Grafen Ludiger, welcher meistentheils Udo genannt wurde, und dessen Gattin hieß Adelheid, eine Mutterschwester des Königs Rodolf; mit ihr zeugte er diesen Udo, der nach dem Tode Willehelms als der Erste aus diesem Geschlechte die Nordmark erwarb. -

Nach dem Tode des Kaisers Heinrich III erhielt die Regierung des Reichs sein Sohn Heinrich, dieses Namens der Vierte, durch dessen Uebermuth in der ganzen Welt viel Jammers wurde: mit Mord, Raub, Brand und Frevel wurden fast alle Theile des römischen Kaiserreiches und besonders die sächsische Erde besudelt und eine Blutschuld kommt nach der andern, wie der Prophet sagt. Endlich hat ihn, der das Schwert der weltlichen Gewalt über alles Maß mißbrauchte, Gregor oder Hildebrand mit dem Schwerte des heiligen Petrus getroffen und vom Leibe Christi und der Mutter, der Kirche, wie ein unnützes Glied abgehauen und ihn auf ewig in die unlösliche Fessel des Anathems gethan. Da er hernach viele Jahre hindurch bald die Sanftmuth eines Lammes mit erheuchelter Demuth zur Schau trug, bald mit offener Grausamkeit die Wuth eines Wolfes zeigte, hat er nach Gottes gerechtem Gerichte so verschiedene Schicksale erlebt, indem bald Unglück, bald scheinbares Glück wechselten, daß mit Recht auf ihn jenes bezogen werden zu müssen scheint, was irgendwo gesagt wird:

Wohl und Wehe verhängt nach Laune die göttliche Allmacht;

Kaum hat's sicheren Bestand jetzige Stunde hindurch.
 

Das Jahr 1101.
 

Das vom Markgrafen Udo und den Sachsen vier Monate hindurch belagerte Brandeburg wurde eingenommen. Heinrich der Dicke, Sachsens mächtigster Graf, gewann die Gunst des Kaisers und bekam vom Kaiser die Mark Fresien zu Lehen, wie erzählt wird, auch durch eine schriftliche Urkunde.
Als er aber nach Fresien zog, um die Grafschaften dieses Landes in Besitz zu nehmen, welche vorher zum Utrechter  Bisthum gehörten, wird er von den Rittern des Utrechter Bischofs [und gemeinen Frisonen, denen das Joch seiner Herrschaft schwer war, überfallen, als er auf ihren Gehorsam baute,
und als er nach Bekanntschaft mit der Sache zum Meere floh, wird er von den Schiffern verwundet und zugleich ertränkt].
Seine Gattin Gertrud aber, die Schwester des Markgrafen Ekbert des Jüngeren, ist kaum entronnen. Er hatte aber zwei Töchter, die nachherige Kaiserin Richenza und die Pfalzgräfin Gertrud. - Der Kaiser feierte Ostern in Lüttich, wo sein jüngerer Sohn Heinrich das Schwert empfing. Graf Heinrich von Lintburg empört sich mit dem Grafen Theodorich gegen den Kaiser. Deshalb belagerte der Kaiser sein Schloß Lintburg und brach es; darnach gab sich der Graf selbst in die Gewalt des Kaisers. Eine Genossenschaft von Mönchen  wurde damals zuerst in Rossenvelde eingerichtet, und als die Kleriker von dort vertrieben worden waren, wurde Werinher daselbst zum ersten Abte erwählt. Nämlich dieses Kloster war vom Markgrafen Udo und seiner Mutter und seinem Bruder und dem Manne ihrer Schwester mit Freiheit begabt und dem heiligen Petrus zu Rom gegeben worden.
 

Das Jahr 1103.
 

Graf Kono [Otto's, des ehemaligen Herzogs von Baiern Sohn] hatte eine Frau Namens Kunigunde, die Tochter des Markgrafen Otto von Orlagemunde. Diese hatte zuerst den König von Ruzien geheirathet, nach dessen Tode sie in die Heimat zurückkehrte und diesen Kono heirathete. Ihre Tochter aber, welche sie vom Könige der Ruzen hatte, empfing einer von den Fürsten der Thüringer Namens Gunter und zeugte mit ihr den Grafen Sizo. Darnach gebar sie vom Grafen Kono vier Töchter, von denen eine Graf Heinrich von Suitfene bekam, die zweite Graf Willehelm von  Licelenburg und die dritte, welche Adela hieß, Graf Thiederich von Katelenburg; als er aber todt war, führte Graf Helprich von Ploceke sie heim und sie gebar ihm den Markgrafen Konrad und den Grafen Bernhard. Die vierte, welche Kunigunde hieß, wie die Mutter, heirathete den jüngern Wipert; als er gestorben war, nahm sie Markgraf Thieppold von Baiern. Der ältere Wipert heirathete die Mutter jener Mädchen als ihr dritter Mann. Markgraf Heinrich von Ilburg, der Sohn des Markgrafen Dedo von der Markgräfin Adhela, welche des Markgrafen Otto von Orlagemunde Witwe war, ist gestorben, zu seiner Zeit der mächtigste Mann in Sachsen. Er hatte aber von der Gräfin Gertrud von Bruneswik einen Sohn, den Markgrafen Heinrich den Jüngern, von dem gesagt wurde, daß er untergeschoben und in Wahrheit nicht sein Sohn sei. Die Fürsten Sachsens versammeln sich gegen den Markgrafen Udo und belagern Alesleve, das Vaterland aber wird von beiden Theilen durch gar großes Brennen verwüstet. Graf Rotbert von Flandern bat den Kaiser durch seine Boten um Frieden und erhielt Waffenstillstand, um mit dem Kaiser bei Lüttich zusammenzutreffen, damit der Streit dort entschieden würde. Am Feste der Apostel Petrus und Paulus also kam der Kaiser Heinrich mit einer sehr zahlreichen Versammlung von Fürsten aus dem ganzen Reiche nach Lüttich und daselbst gewann Rotbert die Gnade desselben. Des Kaisers Sohn Heinrich nahm die sehr feste Burg Glizberg ein.
 

Das Jahr 1118.
 

Die Fürsten Sachsens belagern die sehr feste Burg Kusese, welche unter Friderich dem jüngern von  Sumersenburg, dem Sohne des Pfalzgrafen Friderich, stand, weil er die umliegende Gegend mit Plünderungen und vielen Unbequemlichkeiten belästigte. Ermüdet durch die große Arbeit der langen Belagerung nehmen sie es endlich ein. Der Havelberger Bischof Bernhard starb und ihm folgte Hemmo. Priester Bernhard, ein Einsiedler vom Sankt Michaelsstein, starb in Christo. Ferner starb Graf Heinrich von Ploceke. Sein Vater Theoderich, Sohn des Grafen Bernhard und der Irmingardis, welche aus Baiern war, heirathete Machtild, des Magedaburger Grafen Konrad Tochter, mit der er zwei Söhne Konrad und diesen Heinrich und zwei Töchter Irmingardis und Adelheid zeugte; von diesen heirathete Irmingardis den Markgrafen Udo und die ganze Erbschaft ihres Großvaters Konrad, des Magedaburger Grafen, fiel ihr zu. Adelheid nahm der Regensburger Graf Otto zur Frau. Konrad ist, wie man sagt, als reiner Junggesell gestorben und sein Bruder Helprich führte die Witwe des Grafen Theoderich von Katelenburg Namens Adela heim, welche ihm zwei Söhne gebar, Bernhard und den Markgrafen Konrad, mit welchem eine Tochter des Herzogs der Polanen verlobt wurde. Sein Bruder Bernhard nahm eine Frau aus Baiern und beide starben kinderlos. Ferner starb in diesem Jahre der Magedaburger Graf Heremann, für welchen Wikbert zum Grafen erwählt wurde. In ganz Europa war große Wassersnoth.