Annalen von Hildesheim
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Das Jahr 1104.
 

In  der 9. Indiction, 1104, zu Weihnachten war der Hof des Kaisers in Regensburg, wo Graf Sigehard einen ungerechten Rechtspruch über die Dienstmannen that, weswegen er von ihnen erschlagen wurde. Daraus entstand von Seiten seiner Verwandten und aller Reichsfürsten eine große Verfolgung gegen den Kaiser, weil jener, wenn er ihm hätte zu Hülfe kommen wollen, keineswegs getödtet worden wäre. Da er aber merkte, daß er wegen dieser That nicht wenige Gegner habe, begann er, rings von ihren Nachstellungen umgeben, eine passende Gelegenheit zur Flucht zu suchen. Endlich kam er fort und ging mit den Seinigen, um das heilige Osterfest zu  feiern, nach Mainz. Nachdem er nun das heilige Osterfest dort feierlich begangen, kam er nach Lüttich. Dorthin sollte Graf Herimann kommen und der Probst der Magedeburger Kirche Namens Hartwig, der Sohn des Grafen Eggelbert, welcher dort als Bischof eingesetzt werden sollte. Als sie nun zusammen auf dem Wege waren, wurden sie selbst und alles Ihrige von dem sächsischen Grafen Theoderich gefangen gehalten und verhindert an den Hof zu gelangen. Als der Kaiser solches aber erfuhr, zürnte er gar sehr und, nachdem er um das Fest des heiligen Andreas ein Heer gesammelt, kam er in Begleitung seines Sohnes bis nach Fridislare, denn von dort muß man nach Sachsen ziehen. Dort hat in einer Nacht, am 12. Dezember, der Sohn mit einigen Gefährten seines Vaters, welche er für sich gewann, nämlich Herimann und Anderen, sich heimlich entfernt und suchte nach Baiern zu gehen. Als nun der Markgraf Thiepald, des oben genannten Grafen Sigehard Neffe, die Trennung des Sohnes vom Vater erfuhr, kam er mit allen Fürsten jener Gegend ihm freudig entgegen, nahm ihn ehrenvoll auf und geleitete ihn aufs Beste, um die Geburt des Herrn in Regensburg zu feiern. Nach Weihnachten aber schickte er Boten nach Rom und fragte den Papst um Rath wegen des Schwurs, den er dem Vater geleistet, daß er niemals ohne dessen Erlaubniß und Beistimmung der Königswürde sich bemächtigen werde. Wie der Papst aber  von dem Zwiespalt zwischen Vater und Sohn hörte, sandte er ihm in der Hoffnung, daß dies von Gott gekommen, durch den Bischof Gebehard von Konstanz den apostolischen Segen, indem er ihm für solches Vergehen Absolution im künftigen Gerichte versprach, wenn er ein gerechter König und Leiter der Kirche sein wollte, die durch seines Vaters Nachlässigkeit seit langer Zeit verstört war. Sobald er nun die Worte des päpstlichen Trostes und die Lösung aus dem Banne von dem genannten Bischofe empfangen, belagerte er die Burg Nuorenberg und unterwarf sie seinem Befehle. Als aber der Vater am Morgen erfuhr, daß er des Sohnes beraubt sei, wird er von übergroßem Schmerze ergriffen und kehrt nach Mainz zurück, um dort Weihnachten zu feiern. Der Bischof Johann von Speier starb. [1105 um Mittfasten kam der größte Theil der sächsischen Fürsten in Quidilingaburg zusammen, und da   trafen zu ihnen der Markgraf Thiepold und Graf Beringer  von Sulzbach, welche vom Könige abgesandt waren und ihnen in seinem Namen alle Treue und Gerechtigkeit zusagten, wenn sie ihm zur Erlangung der Krone ihre Zustimmung gewährten. Darauf meldeten sie ihm nach gemeinsamem Beschluß durch jene Fürsten ihre Treue und Unterthänigkeit, und luden ihn ein, zu Ostern zu ihnen zu kommen.]

Der König kam nach Halverstadt und setzte die Kanoniker, welche Bischof Friderich mit Unrecht vertrieben hatte, in ihre Stellen und in ihr Eigenthum wieder ein; die übrigen Kanoniker aber werden aus dem Banne gelöst, in den sie verfallen, weil sie dem Bischofe des verdammten Königs Heinrich  zugestimmt hatten. Von dort zog der König nach Hildenesheim, und als er sich der Stadt näherte, zog Bischof Udo mit Wenigen davon. Die Kanoniker werden aus dem Banne gelöst; die Geweihten zugleich mit dem, der sie geweiht, ihres Amtes enthoben. Später aber wurde der Bischof auf den Rath der Kanoniker zurückgerufen, kam wieder und gewann vom Banne befreit die Gnade des Königs. In demselben Jahre haben in Northuson unter Vorsitz des jungen Königs der Mainzer Erzbischof Rothard und der Konstanzer Bischof Gebehard, der Legat des apostolischen Stuhles, nach Vorlesung vieler Sätze den Spruch gethan, daß die der Simonie Schuldigen aus der heiligen Kirche zu stoßen seien. Das Fasten der "vier Zeiten."]
 

 Das Jahr 1105.
 

In  der 12. Indiction, 1105, gleich nach Epiphanien, schickte der Kaiser Boten nach Baiern, nämlich die Erzbischöfe von Köln und Trier, den Herzog Friderich und den Kanzler Erlolf,  um womöglich ihn mit seinem Sohne wieder zu versöhnen. Der Sohn aber bekennt in seiner Antwort, daß er auf keine
Weise mit ihm Gemeinschaft machen könne, bevor er von dem Makel der Excommunication sich gereinigt, in welcher er durch den Spruch des apostolischen Stuhles seit lange befangen sei. Nachdem die Boten aber heimgekehrt, richtete er seinen Marsch unter Begleitung eines starken Haufens nach Thüringen, zu dem Ort der Erphesfurt genannt wird, wo er von Ruthard, dem Erzbischofe des Mainzer Stuhles, in Ehren empfangen  wird, und daselbst feierte er den Palmsonntag, das heilige Osterfest aber in Quidelenburg. In derselben Zeit nun kam der Patriarch von Aquileja, um womöglich sie mit einander auszusöhnen, und sprach, daß er nicht mit ihm Gemeinschaft zu haben wage, wenn er sich nicht als einen Schuldigen vor Gott bekennen, vor dem ganzen Reiche demüthigen und dazu dem römischen Stuhle in allem gehorchen wollte. Denn er fürchtete, daß jener ihn selbst mit seinen schlauen Worten  täuschen möchte, wie er die Uebrigen vorher getäuscht hatte. Derselbe Patriarch feierte das heilige Osterfest in Mainz, und nach Ostern, als er Geschenke von ihm empfangen, zog er nach Hause. Der Sohn aber kam nach Goslare und hielt dort eine allgemeine Besprechung mit den sächsischen Fürsten, auf welche Weise er wohl mit Gottes Beistand und ihrer Aller Rath seine Angelegenheiten in Ordnung bringen und die auf alle Weise befleckte Kirche reinigen und vom Zwiespalt zur Einheit zurückführen könnte. Da war auch der oben genannte Bischof von Konstanz zugegen, des Herrn Papstes treuester Gehülfe, der den König und alle Seinigen von den Banden der Excommunication gelöst hatte, und einen Bischof Namens Widelo  - er war der verworfene Anstifter aller Verbrechen und Verruchtheiten gewesen, welche der Vater getrieben - kraft der ihm vom Papst gegebenen Vollmacht abgesetzt und einen Andern, den der König und die Geistlichkeit desselben Ortes erwählten, an seiner Stelle eingesetzt hatte. Diesem Gebehard, dem Legaten des apostolischen Stuhles, und dem Mainzer Bischof Ruothard schien es nun gut, in der Woche vor Pfingsten in dem Northusun genannten Orte in Thüringen ein Concil zu halten, die Kirche nach Kräften auf den früheren Zustand zurückzubringen und die alte Regel der Väter daselbst vorzulesen, das heißt, die Eindringlinge unter den Bischöfen wie auch die, welche durch Simonie in jener Zeit ins Amt gekommen, falls sie lebten, abzusetzen und falls sie begraben auszugraben, und daß die von ihnen Geweihten die Handauflegung von Katholischen empfangen und beweihte Geistliche keinen Gottesdienst feiern sollten. Nachdem dies auf Eingebung der göttlichen Gnade also richtig angeordnet war, kam der König mit Hinzuziehung der Sachsen und des Erzbischofs Ruothard von Mainz, der seit langer Zeit von seinem Vater vertrieben war, nach dem Feste des heiligen Johannes des Täufers bis zu den Ufern des Flusses Rhein. Auf der andern Seite aber verwehrte der Vater, der bis dahin mit den Seinen in Mainz geblieben, den Uebergang und bestach Alle, besonders den Pfalzgrafen, welcher dem Sohne die Zurüstung für den Uebergang versprochen hatte; er brachte die ganze Flotte von Schiffen in den Mainzer Hafen hinüber und hinderte jenen mit einer Schaar Ritter und Bürger am Uebergange. Als nun der Sohn sah, daß der Vater ihm mit seiner Macht zuvorgekommen und daß er nicht übergehen könne, kehrte der Mainzer Bischof nach Thüringen zurück; er selbst zog nach Werzeburg und setzte den Bischof Erlolf, den sein Vater dort eingesetzt, wieder ab und machte den Probst desselben Klosters, Ruopert, zum Bischof, und nachdem er einige Tage daselbst verweilt hatte, kehrt er wieder nach Regensburg zurück. Um Petri Kettenfeier aber folgt ihm sein Vater mit einem zusammengebrachten Heere; er richtete seinen Marsch durch Baiern und suchte alle Anhänger seines Sohnes, wie er konnte,  mit Verwüstung und Brand heim und beabsichtigte so nach Regensburg zu gehen, wo, wie er erfahren, sein Sohn war. Als aber der Sohn hörte, daß der Vater so unversehens der Stadt sich nähere, ist er kaum entkommen und durchwatete mit den Seinigen den Fluß Regen. Als nun Jeder von ihnen allmählich die Seinen zusammenzog und der Herzog von Böhmen dem Vater zu Hülfe kam, werden zwischen ihnen Boten hin und her gesandt, ob sie etwa zum Frieden bewogen werden könnten. Da aber keine Hoffnung war, Frieden und Eintracht wieder zu gewinnen und ein Theil seiner Menge nicht zu kämpfen wagte, und er auf keine Weise dem Sohn zu widerstehen vermochte, machte er sich in der Nacht mit einer kleinen Anzahl der Getreusten davon und kehrte unter großen Schwierigkeiten bei dem Ueberschreiten der Gebirge und Flüsse durch Böhmen und Sachsen nach Mainz zurück, um vielleicht wie früher den Flußübergang schützen zu können. Sogleich verfolgt der Sohn mit den Seinigen den Vater, kommt zu Speier an den Rhein, bestach den Speierischen Vogt und verschaffte sich am Abende aller Heiligen einen Vorath von Schiffen, und verhinderte durch eine Abtheilung Ritter, daß nicht jemand ihn angreifen könnte, während er den Fluß überschritt. Am Allerheiligentage aber erhob er den Abt von Hirschau zum Bischof von Speier. Wie nun dem Vater die Nachricht zukam, daß der Sohn zu Speier an den Rhein gekommen, brach er sogleich dorthin auf, noch in der Hoffnung ihm den Uebergang wehren zukönnen. Da hörte er zu seinem großen Schrecken, jener sei mit den Seinigen schon übergegangen, und indem er von übergroßer Furcht ergriffen noch an demselben Tage umkehrte, kam er hungrig und gar ermüdet in Mainz an. Am andern Tage aber schickte er den Abt von Sanct Alban, Namens Theoderich, nach Speier zu jenem und beschwor ihn bei Gott, daß er daran denken möchte, wie er sein Vater sei, und daß er ihn doch nicht so hartnäckig vom Throne zu stoßen sich bemühen sollte. Jener weigerte sich darauf zu hören, aber das ließ er ihm zurücksagen, er möge schnell aus der Stadt sich entfernen, um nicht von den Feinden überfallen zu werden.
Darauf verließ der Kaiser schleunigst die Stadt und kam auf die Burg Hammerstein und verweilte daselbst einige Zeit. Der Sohn aber kam nach Mainz und schickte Boten nach Thüringen zum Bischofe und gab ihn mit Ruhm der heiligen Kirche wieder, von der er durch den Vater vertrieben worden war.
Als nun der Vater sah, daß nach diesen Vorgängen eine Menge Fürsten aus dem ganzen Reiche nach Mainz zusammenströmte und daß auch die Boten des Papstes dabei sein sollten, und als er für gewiß erfuhr, daß der Sohn daselbst eine allgemeine Besprechung abhalten wollte, dachte er auf irgend eine Weise ihren Willen vielleicht durchkreuzen zu können und schickte den Pfalzgrafen Sigefrid und den Grafen Willehelm, die durch Geld gewonnen noch bei ihm aushielten, voraus, um wenn irgend möglich den angesetzten Reichstag des Sohnes zu hindern, und versprach ihnen, heimlich ihnen nachzukommen. Und als sie zum Walde, welcher San heißt, gelangt, den Sohn mit starkem Heere auf der andern Seite gefunden und ihm gar nicht zu widerstehen vermocht hatten, machten sie sich mitten in der Nacht auf die Flucht. Er selbst aber kam, indem er sie verfolgte, nach Koblenz; daselbst fand er den Vater auf der andern Seite des Flusses. Und da sie beide dort zusammengetroffen waren, schickte der Vater Boten an den Sohn mit Friedensanerbietungen. Der Sohn aber kam über den Fluß zum Vater, worauf dieser sich dem Sohne zu Füßen warf und ihn ermahnte, sich doch zu erinnern, daß er sein Sohn und sein Blut sei, wogegen der Sohn, indem er des Vaters Kniee umfaßte, wieder bat, daß er dem Papste und dem ganzen Reiche gehorchen möge; wolle er das nicht, so versicherte er, werde er den himmlischen Gott für seinen Vater halten und dem irdischen Vater sogleich auf der Stelle für immer entsagen. Aber es glückte ihm nicht, und als er dies und Aehnliches über den Zustand der Kirche und die Rettung der Seele jenes den ganzen Tag über gepredigt, kehrten beide zur Abendzeit in ihre Quartiere zurück. Nun versuchte zwar der Vater, nachdem das Dunkel der Nacht eingebrochen, zu entfliehen, aber auf allenSeiten von den Feinden umgeben, vermochte er es nicht. Am Morgen aber nahmen sie den Vater mit sich, kamen zur Burg Bingen und übernächtigten daselbst, und am zweiten Tage führte der Sohn ihn, wie es schien, gegen seinen Willen auf die Burg Bekelenheim und vertraute ihn am Weihnachtsabende der sorgfältigen Bewachung des Bischofs von Speier an. Ungebadet, ungeschoren und ohne irgend einen Gottesdienst ist er daselbst alle die heiligen Tage über geblieben. Und so kehrte der Sohn zur Weihnachtsfeier nach Mainz zurück.

[Als Kaiser Heinrich zu Lüttich weilte, hatte er einen Traum, der wohl werth ist erzählt zu werden. Es schien ihm nämlich, daß er in einem mit hohen Bäumen besetzten Garten wandelte, und von den Bäumen stürzte einer, welcher der höchste zu sein schien, zur Erde, fiel auf einen andern und riß ihn mit sich zu Boden. Darauf fielen auch die andern Bäume allmählich um. Dies wurde nachher durch den wirklichen Verlauf der Dinge bestätigt. Denn nicht viel später war der Kaiser acht Tage lang krank und starb am neunten Tage und wurde in der Kirche des heiligen Lambert vor dem Altare der heiligen Maria begraben. Am fünften Tage darnach starb der Graf Theoderich von Embike in Aachen. Es starb der Sachsenherzog Magnus und das Herzogthum wurde an Liutger von Supelingeburg übergeben.]