Annalen von Magdeburg:
********************
 

1085.

 
König Hermann brachte Weihnachten [1084] in Goslar zu, indem Viele gleichsam neugierig auf die neue Herrschaft an seinen Hof strömten; Heinrich in Köln, Papst Gregor in Salernum und der ihn verdrängt hatte, in Rom. Darnach am 20. Januar [1085] kamen die Großen beider Parteien zur Erörterung des so unsterblichen Streites in Perkstad, einem Dorfe Thüringens, zusammen, - von der einen Seite: die Erzbischöfe Otto von Ostia, von seinem Gebehard von Constanz sich trennend, Hartwich von Magdeburg und Gevehard von Juvavia, der Christi Schmach den Schätzen der Aegypter vorzog; die Bischöfe Udo von Hildenesheim, Burchart von Halverstadt, Hartwich von Verden, Guernhere von Merseburg, Gunther von Ciz [Zeitz], Benno von Misne [Meissen] und Heinrich von Paterbrunn, der zwar ernannt, aber damals erst Subdiakon war; - von der andern Seite: der Bremer Liemar und diejenigen, welche vom Papste dieser Partei das Pallium erhalten hatten, der Mainzer und der Kölner und von ihren Suffraganen, so viele ihnen anhingen. Die Vertheidigung dieser Sache unternahmen auf dieser Seite der Erzbischof von Juvavia, auf der andern Seite der Mainzer mit Lesen und der Utrechter mit Sprechen. Da standen verschiedene weltliche Personen wie mit gespitzten Ohren, bei einer Sache der sehr stürmischen Zeit, welche gleichsam durch das Gericht der Engel erörtert werden sollte. Der Salzburger begann zuerst und sprach: "Wir sind gekommen, um, wie es
ausgemacht worden ist, zu beweisen, daß es uns nicht erlaubt sei, mit denjenigen Gemeinschaft zu machen, welche als aus der Gemeinschaft ausgeschlossen uns angemeldet sind, und besonders, welche der Papst ohne Widerspruch im Besitze des apostolischen Stuhles in öffentlicher Synode ausgeschlossen hat, und er hat uns brieflich mitgetheilt, daß sie von ihm gebannt worden, nebst dem Grunde des Bannes und daß wir keine Gemeinschaft mit ihnen haben sollen." Indem er dieses sagt, zeigt er als Beweise desselbigen Auftrags, um seinen Worten Glauben zu verschaffen, mehrere besiegelte Briefe des Papstes vor und beweist mit der Autorität der Evangelien, Dekretalen von
Bischöfen des apostolischen Stuhles und mehrerer kanonischen  Sätze, daß man seinen Befehlen gehorchen und keine Gemeinschaft mit denen haben müsse, welche als gebannt angemeldet werden. Dagegen sagt der Utrechter: "Keiner von uns wird wider eure Meinung sein; aber wir sagen, unser Herr, dessen Sache hier erörtet wird, ist nicht gebannt worden, weil der Papst ungerecht an ihm gehandelt hat, da er den bannte,  welchen er nicht bannen durfte." Schon wollte der Mainzer die Rede jenes durch Vorlesen beweisen, als der Salzburger die Antwort nicht verschiebend bemerkt, daß nach den Gesetzen des Gelasius und der Nicäischen und Sardischen Synoden man mit keinem, wenn auch ungerecht Gebannten Gemeinschaft machen dürfe vor einer gerechten Prüfung beider Parteien und bevor er von dem, welcher ihn gebannt, wieder aufgenommen worden. Und siehe da, der Mainzer, der erwarteten Stille sich bemächtigend, hatte ein Kapitel vorgelesen, daß kein seines Vermögens Beraubter vor die Synode gerufen, gerichtet, verdammt werden könne, und indem er dies den Laien auseinandersetzt, betheuerte er, daß der Papst ihren Herrn nicht bannen gekonnt habe, da derselbe eines großen Theils des Reiches beraubt gewesen, nachdem die Sachsen und einige von den Schwaben
von ihm abgefallen waren. Auf dieses sagt der Salzburger: "Daß dieses Kapitel nicht für alle Fälle wahr ist und daß durch seine Autorität derjenige, von dem ihr handelt, nicht gegen die päpstliche Exkommunikation geschützt wird, könnten wir leicht beweisen; aber wir würden unsern Rang gefährden, wenn wir gegen die Gesetze der Päpste Gelasius, Nikolaus und vieler anderen die Urtheile des apostolischen Stuhles nachprüfen wollten, da es dessen Recht ist, die ganze Kirche, niemandes
Recht aber ihn zu richten. Und deshalb haben wir, sobald der Tag dieses Gespräches angesagt worden, die Verhandlung mit Rücksicht auf folgenden Vorbehalt beschränkt, daß wir uns nicht verpflichteten, euch über irgend eine andere Sache zu antworten, außer daß wir durch das katholische Gesetz gezwungen seien, keine Gemeinschaft mit denen zu haben, in Betreff derer der Bischof des apostolischen Stuhles uns durch zuverlässige  Botschaft angezeigt hat, sowohl daß sie von ihm gebannt sind, als auch daß wir keine Gemeinschaft mit ihnen haben sollen. Daß wir unter dieser und keiner andern Bedingung zu dieser Zusammenkunft veranlaßt wurden, dafür rufen wir eure Vermittler dieses Gespräches als Zeugen auf." Indem diese also die Gesetze der Väter nicht übertreten wollten, jene aber forderten, daß dasjenige, was zu Rom entschieden werden müßte, auf der Straße und vor fremden Richtern noch einmal verhandelt würde, ging man unverrichteter Sache auseinander. Am folgenden Tage kamen ferner die Sachsen und Thüringer zusammen, um zu wissen, wer bei ihnen bis aufs Blut beharren und wer von ihnen abfallen wollte. Angeklagt werden Uto der Bischof von Hildenesheim und sein Bruder Konrad und Graf Thiederich, daß sie zu Heinrich, ihrem feindlichsten Feinde,  gekommen seien und daß sie ihm Landesverrath versprochen hätten. Weil sie aber bei ihrer Gegenrede sagten, daß sie Heinrich noch keine Unterwerfung versprochen hätten, aber nicht leugneten, daß sie mit ihm gesprochen, so werden von ihnen Geiseln gefordert, um die Landsleute über die gelobte Treue sicher zu stellen. Da jene sich sträubten, das sei nicht ihrer berufenen Würde angemessen, daß sie zum Schutze des Vaterlandes, dessen Fürsten selbst und Vertheidiger sie bisher gewesen, von denen genöthigt würden, welche das weniger anginge, so wird Thiederich, ein Graf von ausgezeichnetem Range, von einigen in hastigem Angriffe getödtet, der Bischof und sein Bruder und deren Genossen weggejagt. Ohne Verzug ging der Bischof, um diese Beleidigung zu rächen, zu Heinrich, welcher ihm in Fritislar entgegenkam, und versprach ihm seine Unterwerfung. Und damit er als Vermittler des Abfalls der Sachsen und desRücktritts von Hermann sprechen könnte, empfing er von Heinrich den Eid: wenn die Sachsen zu ihm umkehren und ihn die Herrschaft des Vaters genießen lassen würden, würde er ihnen niemals jenes Recht verkümmern, welches sie seit der Zeit ihres Eroberers Karl für das Geeignetste und Herrlichste gehalten hatten; und wenn einer der Seinigen mit einem der Sachsen gegen das Gesetz verfahren würde, so wolle er selbst es innerhalb sechs Wochen vom Tage der ihm gemachten Anzeige an mit geziemender Entschädigung beilegen. Andere Große desselben, Bischöfe und Weltliche, hatten geschworen, ihm keine Stütze gegen Sachsen zu sein, falls Heinrich jenes Statut jemals aus den Augen setzen würde. Als der Bischof darnach in sein Land zurückkehrte, gewann er dadurch, daß er den Landsleuten versprach, was ihm zugeschworen war, Viele für die Partei, zu der er selbst getreten war. Um es bei einer für ihn so erwünschten Gelegenheit nicht an sich fehlen zu lassen, wollte Heinrich auf einer angesagten Heerfahrt Sachsen angreifen. Hermann wollte ihm mit den bei ihm Zurückgebliebenen entgegenziehen, aber beide Versammlungen hinderte die bevorstehende Zeit der Septuagesima [16. Februar], in der wegen des bis auf den Sonntag nach Pfingsten beschworenen Gottesfriedens nicht einmal Waffen zu tragen gestattet war.
 
Zwei, von denen der eine schon seit sieben, der andere seit vier Jahren ernannt war, Sigefrid von Augsburg und Norbert von Cur, wurden am Tage der Reinigung der heiligen Maria [2. Februar] von jenem Mainzer in Mainz zu Bischöfen  geweiht, während einen großen Theil des Augsburger Bisthums
Guigo innehatte, welchen Erzbischof Sigefrid unter König Rudolf in Goslar weihte. In dieser Zeit würde man Sachsens Aussehen unwiderruflich verändert finden. Denn diejenigen, welche zuvor betheuert hatten, daß sie allein zum Schutze des apostolischen Stuhles sich Heinrich widersetzten, welche keine Gemeinschaft mit ihm machen zu wollen geschworen hatten, wenn er nicht durch den, der ihn gebannt, nämlich durch den Papst Gregor den Siebenten dieses Namens wieder aufgenommen wäre, diese vergessen, daß derselbe Papst gewaltsam vertrieben und König Hermann unmenschlich hintergangen worden, und machen nicht allein mit Heinrich durch häufige Gesandtschaften Gemeinschaft, sondern nennen ihn auch Kaiser, obwohl er von einem Gebannten geweiht worden ist, indem Einer dem Andern um sein Wohlwollen zu gewinnen zuvorzukommen sucht, und jeder sich selbst zu schaden meint, wenn er den Heinrich, welcher sich jetzt Sachsens und des ganzen deutschen Reiches bemächtigen werde, bei seiner Wiedereinsetzung sich nicht verpflichte. Fast ganz Sachsen also fordert übereinstimmend den Gebannten mit eben so großem Eifer, als sein Angriff früher war, da es den noch nicht Gebannten vertrieb. Die Erzbischöfe und Bischöfe reden wohl dagegen, aber "den Tauben wird ein Märchen erzählt", da nach dem Tode derjenigen, welche reiferen Alters und Geistes waren, des Markgrafen Udo und des Grafen Thiederich, die sächsischen Fürstenthümer der schwankenden Jugend zugefallen waren. Von vielen Versprechungen verlockt einigen sie sich zu der Meinung, daß niemand von ihnen einen Vortheil habe, wenn Heinrich von ihnen des angestammten Kaiserthums beraubt werde, da er selbst  gebessert, nachdem er die Kraft der Sachsen erprobt, sie in Betreff der Erhaltung ihrer heimischen Gesetze sicher stellen wolle; es sei auch kein Grund zum Kriege vorhanden, nachdem das erkämpft worden, weshalb sie gekämpft. In solchen  friedlichen Bemühungen wird das Ende des geschlossenen Friedens erwartet, nämlich die Mitte des Sommers. - -
 
In demselben Jahre im Sommer kam Heinrich nach Sachsen und nachdem er sein Lager auf den grünen Wiesen bei Magadeburg aufgeschlagen, ging er mit seinen Großen in die Stadt und wurde daselbst mit königlichen Ehren empfangen. Weil aber aus Furcht vor seiner Ankunft Erzbischof Hartwig mit dem Halverstädter Bischofe und dem Könige Hermann zu den Dänen sich entfernt hatte, setzte er an dessen Stelle, so wie er früher beabsichtigt hatte, den Abt Hartwig von Herfeld ein und für den Halverstädter Burchard einen Kanonikus selbiger Kirche Hamozo, den Oheim des Grafen Lothowich von Thüringen. Nachdem dies also geschehen und jener fortgegangen war, kehrten die Bischöfe aus Dänemark zurück und Heinrich selbst wurde bald mit jenen Uebergesetzten aus dem Vaterlande verjagt.