772.
Nach dem Tode des römischen Papstes Stephan folgte
Hadrian auf dem römischen Stuhl. König
Karl aber beschloß, nachdem er den Reichstag zu Worms
gehalten hatte, die Sachsen zu bekriegen; er zog unverweilt dahin, verwüstete
alles mit Feuer und Schwert, eroberte die Feste Aeresburg und zerstörte
das Götzenbild, das die Sachsen Irminsul nannten. Als er sich hier
drei Tage lang bei der Zerstörung aufhielt, begab es sich, daß
bei der anhaltenden heitern Witterung alle Bäche und Quellen in der
Umgegend vertrockneten und gar kein Trinkwasser mehr aufzutreiben war.
Um das Heer aber nicht länger vom Durst leiden zu lassen, geschah
es, wie man glaubt, durch göttliche Fügung, daß eines Tags,
als alles wie gewöhnlich um Mittag ausruhte, aus dem Berge, in dessen
Nähe das Lager war, eine solche Wassermasse in dem Bett eines Waldstroms
hervorbrach, daß das ganze Heer genug hatte. Nachdem das Götzenbild
zerstört war, zog der König an die Weser und ließ sich
dort von den Sachsen zwölf Geißeln stellen. Dann kehrte
er nach dem Frankenlande zurück und feierte Weihnachten und Ostern
in Haristall.
773.
Papst Hadrian beschloß, da er den Uebermuth
des Königs Desiderius
und die Bedrückungen der Langobarden nicht mehr ertragen konnte,
sich durch Gesandte an Karl den König
der Franken zu wenden und ihn um Hülfe gegen die Langobarden zu
bitten. Weil es aber zu Lande durch Italien unmöglich war, ließ
er seinen Gesandten Petrus von Rom aus zu Schiff über das Meer nach
Massilia fahren und von da zu Lande nach Franken reisen. Nachdem dieser
zu dem Könige nach Diedenhofen, wo er damals den Winter zubrachte,
gekommen war und ihm die Ursache seiner Sendung eröffnet hatte, kehrte
er auf demselben Wege wieder nach Rom zurück. Der König aber
glaubte nach sorgfältiger Erwägung der zwischen den Römern
und Langobarden obwaltenden Streitigkeiten zum Schutz der Römer gegen
die Langobarden in den Krieg ziehen zu müssen, und gelangte
mit dem ganzen Heere der Franken nach der burgundischen Stadt Genua am
Flusse Rhodanus. Hier machte er seinen Feldzugsplan und theilte seine Truppen:
den einen Theil ließ er unter seinem Oheim Bernhard über
den Jupitersberg ziehen, den andern führte er selbst an und wollte
mit ihm über den Montcenis in Italien einrücken. Nachdem die
Alpen überstiegen waren, nöthigte er den König
Desiderius, der vergeblich Widerstand zu leisten versuchte,
ohne weitere Schlacht zur Flucht, schloß ihn dann in Ticenus ein
und brachte den ganzen Winter mit der schwierigen Belagerung zu.
774.
Während das in Italien geschah, glaubten die Sachsen
sich die Abwesenheit des Königs zu Nutze machen zu müssen und
verwüsteten das benachbarte Gebiet der Hassen (Hessen) mit Feuer und
Schwert. Als sie aber an dem Orte, der jetzt von den Einwohnern Frideslar
genannt wird, die von dem heiligen Märtyrer Bonifatius geweihte Kirche
anzünden wollten und es ihnen trotz der Mühe, die sie sich dabei
gaben, nicht gelang, da schickte der Himmel plötzlich einen großen
Schreck über sie und von schmählicher Angst ergriffen flohen
sie nach Hause zurück. - Aber der König ließ sein Heer
zur Belagerung der Stadt vor Ticenus liegen und reiste nach Rom, um daselbst
seine Andacht zu verrichten. Nachdem er das gethan, kehrte er zu
seinem Heere zurück und brachte nun die durch die lange Belagerung
bedrängte Stadt zur Uebergabe; ihr folgten die übrigen Städte
nach und unterwarfen sich allesammt dem König und der Gewalt
der Franken. Wie nun Italien unterjocht und einstweilen wenigstens in Ordnung
gebracht war, kehrte der König mit dem gefangenen König
Desiderius ins Frankenland zurück. Des Desiderius
Sohn Adalgis, auf
den die Langobarden große Hoffnung setzten, verließ, am Vaterland
verzweifelnd, Italien und begab sich zu dem Kaiser
Konstantinus nach Griechenland, wo er in der ehrenvollen Stellung
eines Patricius alt wurde. - Der König aber schickte nach seiner Rückkehr,
ehe noch die Sachsen etwas davon gehört hatten, in drei Abtheilungen
ein Heer in ihr Land, das mit Raub und Brand alles verwüstete, auch
viele Sachsen, die Widerstand zu leisten versuchten, umbrachte und dann
mit großer Beute wieder heimkehrte.
775.
Während des Winteraufenthaltes in Carisiacus hielt
der König einen Rath und beschloß, das treulose und bundesbrüchige
Volk der Sachsen mit Krieg zu überziehen, bis sie entweder besiegt
und zum Christenthum bekehrt oder ganz ausgerottet wären. Nachdem
er also den Reichstag zu Düren abgehalten hatte, setzte er über
den Rhein und zog mit der ganzen Macht seines Reichs nach Sachsen. Gleich
beim ersten Sturm eroberte er die Feste Sigiburg, wo eine Besatzung
der Sachsen war. Die Aeresburg, eine andere Feste, welche
die Sachsen zerstört hatten, baute er wieder auf, und legte eine fränkische
Besatzung hinein. Von da zog er nach der Weser und stieß an dem Orte,
der Brunesberg heißt, auf die vereinigte Macht der Sachsen, die ihm
den Uebergang über den Fluß streitig machten. Jedoch umsonst.
Gleich beim ersten Zusammentreffen wurden sie zum Weichen gebracht, in
die Flucht geschlagen und eine große Menge von ihnen getödtet.
Der König setzte nun über den Fluß und rückte mit
einem Theil des Heeres bis zur Ocker vor, wo Hessi, einer der Häupter
der Sachsen mit allen Ostfalen vor ihm erschien, die Geißeln, die
der König verlangte, stellte und den Eid der Treue leistete. Als er
von da zurück nach dem Buckigau kam, erschienen die Angrarier mit
ihren Großen vor ihm und stellten, wie die Ostfalen Geißeln
und schwuren Gehorsam. Während dessen ließ sich eine Abtheilung
des Heeres, die er an der Weser gelassen hatte, an dem Ort der Hlidbeki
heißt, wo sie ein Lager geschlagen hatte, unvorsichtiger Weise durch
die List der Sachsen in großen Schaden bringen. Als nemlich die auf
Futter ausgeschickten Franken um die neunte Stunde des Tages ins Lager
zurückkehrten, mischten sich, wie wenn sie zu ihnen gehörten,
Sachsen unter sie und kamen so in das fränkische Lager, fielen dann
über die Schlafenden und halbwachen her und richteten, wie erzählt
wird, kein geringes Blutbad unter der sorglosen Menge an. Jedoch wurden
sie durch die Tapferkeit der wachenden, die sich mannhaft wehrten, aus
dem Lager geschlagen und zogen ab nach einem Vertrag, wie er unter solchen
Umständen geschlossen werden konnte. Als das dem König gemeldet
ward, eilte er so rasch als möglich herbei, verfolgte die fliehenden
und machte dabei eine große Menge von ihnen nieder. Hierauf ließ
er sich auch von den Westfalen Geißeln stellen und kehrte dann für
den Winter nach dem Frankenlande zurück.
776.
Auf dem Rückwege erhielt der König die Nachricht,
daß der Langobarde Hruodgaud, den er selbst zum Herzogüber die
Friauler gesetzt hatte, in Italien sich empört habe und schon mehrere
Städte zu ihm abgefallen seien. Zur Unterdrückung dieser Bewegungen
hielt er die größte Raschheit für nöthig und zog mit
den tapfersten seiner Leute in Eilmärschen nach Italien. Nachdem nun
Hruodgaud, der nach der königlichen Herrschaft gestrebt hatte,
getödtet, die zu ihm abgefallenen Städte ohne Verzug wieder erobert
und fränkische Grafen in ihnen eingesetzt waren, kehrte er mit derselben
Schnelligkeit, mit der er gekommen war, wieder zurück. Kaum hatte
er die Alpen überstiegen, als Boten mit der Nachricht zu ihm
kamen, daß die Aeresburg von den Sachsen erobert, die fränkische
Besatzung verjagt sei, die andere Feste Sigiburg sei zwar auch belagert,
aber noch nicht genommen worden, indem die Besatzung derselben mittelst
eines Ausfalls die sorglosen, nur mit der Belagerung beschäftigten
Sachsen im Rücken angegriffen und die meisten niedergemacht, dadurch
die übrigen nicht nur zur Aufhebung der Belagerung, sondern
auch zur Flucht gezwungen und sie zerstreut bis zur Lippe verfolgt hätte.
Als das dem König gemeldet wurde, beschloß er nach Abhaltung
des Reichstags zu Worms ohne Aufschub mit einem Heere nach Sachsen zu ziehen:
er sammelte also eine große Truppenmacht und gelangte so schnell
nach dem von ihm in Sachsen bestimmten Ort, daß er dadurch alle Versuche
der Feinde zum Widerstand vereitelte. Wie er an die Quelle der Lippe
kam, fand er eine zahllose Menge jenes treulosen Volks, die unter dem Schein
der Unterwürfigkeit und der Reue über den begangenen Fehltritt
ihn um Gnade anflehete. Barmherzigen Sinnes verzieh er ihnen und ließ
die, welche Christen werden zu wollen erklärten, taufen; nachdem
er dann ihre trügerischen Versprechungen der Treue und die Geißeln
die er verlangte erhalten, die zerstörte Aeresburg wiederhergestellt,
noch eine andere Burg an der Lippe aufgebaut und in beide eine ansehnliche
Besatzung gelegt hatte, kehrte er nach Gallien zurück und brachte
den Winter in Heristall zu.
777.
Beim ersten Nahen des Frühlings begab sich der König
nach Neumagen, feierte dort das Osterfest, und zog von da, weil er den
trügerischen Versprechungen der Sachsen nicht trauen konnte, mit einem
großen Heer nach Sachsen, um in Padrabrun die allgemeine Versammlung
seines Volkes abzuhalten. Hier fand er die Großen und alle Mannen
des treulosen Volks die er vor sich gerufen hatte, ganz willfährig
und zum Schein unterwürfig. Denn alle waren vor ihm erschienen mit
Ausnahme Widichinds, eines der westfälischen Großen,
der im Bewußtsein seiner vielen Uebelthaten sich vor dem König
scheute und darum zu Sigifrid dem
Dänenkönig geflohen war. Die übrigen, welche gekommen
waren, gaben sich ganz und gar in die Gewalt des Königs und erlangten
unter der Bedingung Verzeihung, daß sie, wenn sie noch einmal seine
Gebote übertreten würden, Freiheit und Vaterland verlieren sollten.
Sehr viele von ihnen wurden daselbst getauft, welche, obwohl trügerischer
Weise, Christen zu werden versprochen hatten. Es kam zu der Zeit
nach Padrabrun zu dem König ein Sarrazene aus Spanien mit Namen Ibinalarabi
mit andern Sarrazenen in seiner Begleitung, und unterwarf sich und die
Städte, über die ihn der König der Sarrazenen gesetzt
hatte. Nach dem Schluß des Reichstags kehrte der König
nach Gallien zurück und feierte Weihnachten auf dem Hofgut Dutciacum,
Ostern aber zu Cassinoillum in Aquitanien.
778.
Nach den ihm von dem obengenannten Sarrazenen gegebenen
Versicherungen machte er sich damals und nicht umsonst Hoffnung auf die
Gewinnung einiger Städte in Spanien; er bot ein Heer auf, zog im Lande
der Waskonen über das pyrineische Gebirge, und eroberte zuerst
Pompelone die Stadt der Navarrer. Von da setzte er in einer Furthüber
den Strom Hiber, rückte vor Cäsaraugusta, die vornehmste Stadt
in jenen Gegenden, nahm daselbst die Geißeln in Empfang, die ihm
Ibinalarabi, Abuthaur und einige andere Sarrazenen anboten, und kehrte
dann nach Pompelone zurück. Die Mauern dieser Stadt ließ er
bis auf den Erdboden schleifen, um eine Empörung unmöglich zu
machen und beschloß dann umzukehren. Nun gings in das pyrineische
Gebirge hinein: auf den Höhen desselben hatten sich die Waskonen in
Hinterhalt gelegt, griffen den Nachtrab an und brachten das ganze
Heer in große Verwirrung. Obgleich ihnen die Franken was Bewaffnung
und Muth betrifft überlegen waren, so erlitten sie doch wegen der
für sie ungünstigen Oertlichkeit und der ungleichen Kampfesart
eine Niederlage. Viele von seinem Hof, die Karl
an die Spitze der Truppen gestellt hatte, wurden in diesem Kampfe getödtet,
das Gepäcke geplündert, der Feind aber zerstreute sich bei seiner
Kenntniß der Gegend sogleich nach verschiedenen Seiten. Diese Wunde
verdüsterte im Herzen des Königs das Glück, das ihn bei
seiner Unternehmung in Spanien begleitet hatte. Während dessen benützten
die Sachsen die Gelegenheit, um, die Waffen in der Hand, bis an den Rhein
vorzudringen. Da sie aber nicht über den Fluß setzen konnten,
verheerten sie alle Dörfer und Flecken von der Stadt Deutz bis zur
Mosel hinauf mit Feuer und Schwert. Heiliges und gemeines ward gleicher
Weise dem Verderben preisgegeben. Die Erbitterung des Feindes kannte keinen
Unterschied von Alter und Geschlecht, so daß ganz deutlich war, wie
er nicht der Beute sondern der Rache wegen in das fränkische Gebiet
eingebrochen war. Der König erhielt die Kunde hievon in der Stadt
Autesiodorum: unverzüglich gab er den Ostfranken und Alamannen Befehl,
den Feind schleunig zu verjagen. Er selbst entließ die übrigen
Truppen und begab sich nach dem Hofgut Heristall, wo er den Winter zuzubringen
beschlossen hatte. Die Franken und Alamannen aber, welche gegen die Sachsen
ausgeschickt waren, verfolgten diese in starken Tagmärschen, um wo
möglich noch in ihrem eigenen Gebiet auf sie zu stoßen.
Aber jene hatten ihre Sache schon abgemacht und zogen nach Hause zurück.
Sie folgten ihnen daher auf dem Fuße nach und holten sie im Gau der
Hessen, am Fluß Aderna ein; sie machten sogleich in der Furth des
Flusses einen Angriff auf sie und richteten ein solches Gemetzel unter
ihnen an, daß von der ungeheuren Menge nur wenige durch die Flucht
nach ihrer Heimath entkommen sein sollen.
779.
Aber der König brach mit dem Anfang des Frühlings
von Heristall auf, wo er den Winter zugebracht und Weihnachten und Ostern
gefeiert hatte, und begab sich nach Compendium. Als er hier seine Geschäfte
besorgt hatte und wieder [nach Austrien] zurückkehrte, erschien Herzog
Hildibrand von Spoletum mit großen Geschenken vor ihm auf dem Hofgut
Wirciniacum. Er empfing ihn gnädig und ließ ihn reich beschenkt
wieder in sein Herzogthum heimreisen. Er selbst kam, seinen Sinn auf einen
Heereszug nach Sachsen gerichtet, nach Düren, hielt hier der Sitte
gemäß den Reichstag, und setzte dann mit seinem Heere bei Lippeham
über den Rhein. Die Sachsen, die ihm in eitler Hoffnung Widerstand
zu leisten wagten, wurden bei dem Orte Buocholt in die Flucht geschlagen.
Der König rückte nun ins Land der Westfalen ein, wo sich ihm
alles unterwarf. Von da zog er an die Weser, schlug an einem Orte
Namens Midufulli ein Lager auf und blieb daselbst mehrere Tage. Hier erschienen
die Angrarier und Ostfalen vor ihm, stellten Geißeln und schwuren
Gehorsam. Alsdann kehrte der König über den Rhein nach der Stadt
Worms ins Winterlager zurück.
780.
Sobald im Frühjahr es die Witterung zu erlauben
schien, zog er abermals mit großer Heeresmacht nach Sachsen und kam
über die Aeresburg nach Lippspringe, wo er ein Lager aufschlug
und etliche Tage Rast machte. Von da wandteer sich gegen Morgen an die
Ocker. Hier erschienen, wie er befohlen hatte, alle Sachsen aus den östlichen
Gegenden, und eine große Menge von ihnen ließ sich mit ihrer
gewöhnlichen Verstellung an dem Orte, der Orheim heißt, taufen.
Von hier rückte er an die Elbe, schlug an der Stelle, wo die Ora in
die Elbe mündet, ein Lager und bemühte sich, sowohl die Angelegenheiten
der Sachsen, welche diesseits, als die der Slaven, welche jenseits des
Flusses wohnen, in Ordnung zu bringen. Als dieß, so gut es die Kürze
der Zeit erlaubte, geschehen war, kehrte er nach dem Frankenland zurück
und beschloß nun nach Rom zu reisen und dort seine Andacht zu verrichten.
Unverweilt zog er mit seiner Gemahlin und seinen Kindern nach Italien,
feierte Weihnachten in Ticenus und brachte daselbst auch den übrigen
Theil des Winters zu.
781.
Von da kam er nach Rom und wurde von Papst Hadrian
ehrenvoll empfangen. Während er hier das Osterfest feierte, taufte
der Papst seinen Sohn Pippin und salbte
ihn zum König, ebenso salbte er auch dessen Bruder Hludewich
und setzte beiden eine Krone aufs Haupt. Der ältere von ihnen, Pippin,
ward in Langobardien, der jüngere, Hludewich,
in Aquitanien zum König gesetzt. In Mailand, wohin sich Karl
von Rom aus begeben hatte, taufte Thomas, der Erzbischof dieser
Stadt, seine Tochter mit Namen Gisla
und hielt sie über die Taufe. Hierauf kehrte er nach dem Frankenland
zurück. Während seines Aufenthalts in Rom wurde zwischen ihm
und Papst Hadrian ausgemacht, zusammen Gesandte an Herzog Tassilo
von Baiern zu schicken und ihn an den Eid zu erinnern, den er dem König
Pippin, seinen Söhnen und den Franken geleistet, nemlich
ihnen unterthänig und gehorsam zu sein. Von Seiten des Papstes wurden
zu dieser Gesandtschaft die Bischöfe Formonsus und Damasus, von Seiten
des Königs der Diakonus Richolf und der Obermundschenk Eberhard bestimmt.
Als diese ihrem Auftrage gemäß sich mit dem Herzog besprachen,
wurde dessen Herz so erweicht, daß er sogleich vor dem König
erscheinen zu wollen erklärte, wenn ihm nur durch Stellung von Geißeln
seine Sicherheit verbürgt werde. Als das geschehen war, kam er unverweilt
nach Worms zu dem König, schwur den verlangten Eid und stellte
ohne Zögern die zwölf Geißeln, die von ihm gefordert wurden,
und die nachher Bischof Sindbert von Regensburg aus Baiern nach Carisiacus
vor den König führte. Jedoch nach seiner Heimkehr hielt der Herzog
nicht lange die Treue, die er versprochen hatte. Der König aber brachte
den Winter auf dem genannten Hofgut zu und feierte daselbst Weihnachten
und Ostern.
782.
Zu Anfang des Sommers, als es bereits hinlänglich
Futter gab, um mit einem Heere ausziehen zu können, beschloßer
nach Sachsen zu gehen und daselbst, wie alljährlich im Frankenlande
zu geschehen pflegte, den Reichstag zu halten. Nachdem er in Köln
den Rhein überschritten hatte, rückte er mit dem ganzen Heere
der Franken an den Ursprung der Lippe, wo er ein Lager schlug und nicht
wenig Tage verweilte. Außer den andern Geschäften empfing er
hier auch die Gesandten Sigifrids des
Dänenkönigs und die, welche Cagan und Jugurrus, die Fürsten
der Hunen, des Friedens halber an ihn abgeschickt hatten, und entließ
sie. Als er nach Schluß des Reichstags über den Rhein nach Gallien
zurückgezogen war, kehrte Widokind, der zu den Nordmannen sich
geflüchtet hatte, wieder heim in sein Vaterland und reizte die Sachsen
mit eiteln Hoffnungen zum Aufruhr. Unterdessen wurde dem König gemeldet,
daß die slavischen Soraben, welche die Ebenen zwischen Elbe und Saale
bewohnen, räuberisch ins Gebiet der ihnen benachbarten Thüringer
und Sachsen eingebrochen wären und mehrere Orte mit Raub und Brand
verwüstet hätten. Sogleich berief er drei seiner Beamten, den
Kämmerer Adalgis, den Marschall Geilo und den Pfalzgraf Worad, und
befahl ihnen, mit dem Heerbann der Ostfranken und Sachsen die Vermessenheit
der störrischen Slaven möglichst schnell zu bestrafen. Als sie
jedoch den ihnen gewordenen Auftrag auszuführen in das sächsische
Gebiet kamen, hörten sie, daß die Sachsen nach dem Rathe
Widukinds sich zum Kriege gegen die Franken gerüstet hätten:
sie gaben also den Zug gegen die Slaven auf und rückten mit den Ostfranken
dahin, wo die Sachsen sich versammelt haben sollten. Schon auf sächsischem
Boden begegnete ihnen der Graf Theoderich, ein Anverwandter des Königs,
mit den Truppen die er bei der Nachricht von dem Abfall der Sachsen in
der Eile hatte aus Ribuarien zusammenbringen können. Er gab ihnen
den Rath, zuerst durch Kundschafter möglichst rasch in Erfahrung zu
bringen, wo die Sachsen seien und was bei ihnen vorgehe, und als dann,
falls die Beschaffenheit des Ortes es zulasse, zu gleicher Zeit sie anzugreifen.
Dieser Rath fand Beifall bei ihnen und sie rückten nun mit jenem vereint
bis nach dem Berge Suntal, auf dessen Nordseite sich die Sachsen gelagert
hatten. Nachdem hier der Graf Theoderich sein Lager aufgeschlagen, setzten
sie der Verabredung gemäß, um so den Berg leichter umgehen zu
können, über die Weser und lagerten sich am Ufer des Flusses.
Wie sie sich nun aber untereinander besprachen, fürchteten sie, die
Ehre des Sieges möchte dem Theoderich allein zufallen, wenn er in
der Schlacht bei ihnen wäre, und beschlossen ohne ihn mit den Sachsen
anzubinden, nahmen also die Waffen zur Hand und rückten, als ob sie
es nicht mit einem zur Schlacht geordneten Feinde zu thun, sondern fliehende
zu verfolgen und Beute zu machen hätten, so schnell als jeden sein
Roß tragen mochte, auf die Sachsen los, die vor ihrem Lager in Schlachtreihe
standen. So schlecht der Anmarsch, so schlecht war auch der Kampf selbst;
sobald das Treffen begann, wurden sie von den Sachsen umringt und fast
bis auf den letzten Mann niedergehauen. Die welche davon kamen, flohen
nicht in das eigene Lager, von dem sie ausgezogen waren, sondern in das
Theoderichs, welches über dem Berg drüben lag. Der Verlust der
Franken war noch größer, als es der Zahl nach schien, denn die
zwei Sendboten Adalgis und Geilo, vier Grafen, und von andern erlauchten
und vornehmen Männern bis zu zwanzig wurden getödtet außer
den übrigen, welche ihnen gefolgt waren und lieber mit ihnen sterben
als sie überleben wollten. - Als der König die Nachricht von
diesem Ereigniß erhielt, glaubte er keinen Augenblick zögernzu
dürfen; schleunig bot er sein Heer auf und zog nach Sachsen. Hier
berief er alle sächsische Großen vor sich und forschte nach
den Rädelsführern der letzten Empörung. Da nun alle den
Widokind als den Anstifter angaben, ihn aber nicht ausliefern konnten,
weil er nach Ausführung jener That zu den Nordmannen sich begeben
hatte, so ließ er sich von den übrigen, die seinem Rath folgend
die schwere That vollbracht hatten, bis zu 4500 ausliefern und sie zu Ferdi
an der Aller alle an Einem Tage enthaupten. Nachdem er so Rache genommen
hatte, begab sich der König nach Diedenhofen ins Winterlager und feierte
daselbst wie gewöhnlich Weihnachten und Ostern.
783.
Mit dem Anbruch des Frühlings, wie er sich schon
zum Feldzug gegen die Sachsen gerüstet hatte, denn es war ihm von
einem allgemeinen Abfall derselben berichtet worden, starb die Königin
Hildegard seine Gemahlin am letzten des Ostermonats, noch ehe
er aus Diedenhofen aufgebrochen war. Nachdem er ihr die letzten Ehren erwiesen
hatte, führte er seinem Plane gemäß sein Heer nach Sachsen.
Und wie er erfuhr, daß die Sachsen sich bei Theotmelli zum Kampf
rüsteten, zog er so rasch als möglich gegen sie und brachte ihnen
in der Schlacht, die nun geliefert ward, eine solche Niederlage bei, daß
von ihrer zahllosen Menge nur sehr wenige entkommen sein sollen. Von dem
Schlachtfeld zog er sich nach Padrabrunnon zurück, schlug hier ein
Lager und wartete hier den Heerestheil ab, der noch aus Franken nachrücken
sollte. Wie er hörte, daß die Sachsen sich im Land der Westfalen
an der Hase sammelten, um ihm dort, wenn er gegen sie anrücke, eine
Schlacht zu liefern, so zog er, sobald als er die erwarteten fränkischen
Truppen mit denen, welche er bei sich hatte, vereinigt hatte, dorthin ab
und stritt mit den Sachsen ebenso glücklich wie das erste Mal. Eine
zahllose Menge von ihnen wurde niedergehauen, große Beute gemacht
und sehr viele in die Gefangenschaft abgeführt. Von da wandte er sich
siegreich gegen Morgen und zog alles verwüstend zuerst bis an die
Weser, hierauf bis zur Elbe. Alsdann kehrte er zurück nach dem
Frankenlande und nahm die Fastrada,
eine Tochter des Grafen Radolf und eine Frankin von Geschlecht, zur Gemahlin,
die ihm zwei Töchter gebar. In dem nemlichen Jahre starb am
4. Juli des Königs Mutter Berhtrada
guten Angedenkens. Er selbst verlebte den Winter zu Heristall und feierte
daselbst Weihnachten und Ostern.
784.
Sobald die günstige Jahreszeit gekommen war, setzte
der König, entschlossen dem sächsischen Krieg ein Ende zu machen,
mit seinem Heere bei Lippeham über den Rhein und kam, die Gaue der
Westfalen verwüstend, bis zur Weser. Hier schlug er an dem Orte Huculbi
ein Lager, sah aber, daß er wegen der großen Ueberschwemmungen,
die damals nach plötzlichen Regengüssen eingetreten waren, nicht
wie er die Absicht gehabt hatte nach den nördlichen Theilen des Sachsenlands
ziehen könne. Darum wandte er sich nach Thüringen und ließ
seinen Sohn Karl mit einem Theil des
Heers im Lande der Westfalen zurück. Er selbst kam auf dem Wege durch
Thüringen in die sächsischen Ebenen an der Elbe und Saale, verwüstete
die Felder der Ostsachsen, brannte ihre Dörfer nieder, und kehrte
dann von Skahningi (s. oben S. 43) nach dem Frankenlande zurück. Sein
Sohn Karl stieß im Draignigau
an der Lippe auf das Heer der Sachsen und lieferte ihm ein glückliches
und erfolgreiches Reitertreffen. Eine große Anzahl von ihnen wurde
niedergemacht, die übrigen flohen nach allen Seiten, er selber kehrte
siegreich zu seinem Vater nach Worms heim. Der König aber bot nochmals
ein Heer auf und zog nach Sachsen: Weihnachten feierte er in seinem Lager
an der Emmer (Ambra) im Gau Huettagoe nicht weit von der sächsischen
Feste Skidroburg, dann rückte er verwüstend nach Rimi
am Zusammenfluß der Weser und Werne (Warnaha). Da jedoch die Strenge
der Winterszeit sowie die bedeutende Ueberschwemmung ein weiteres Vorrücken
unmöglich machte, begab er sich nach der Aeresburg ins Winterlager.
785.
Da er hier den Winter zubringen wollte, hatte er seine
Gemahlin und Kinder kommen lassen, und zog nun, während er sie mit
hinlänglich starker und zuverlässiger Besatzung in der Feste
zurückließ, mit erlesener Mannschaft aus, die Gaue der Sachsen
zu verwüsten und ihre Dörfer zu plündern; er machte den
Sachsen einen höchst unruhigen Winter, indem er sowohl selbst als
durch die Heerführer, die er ausschickte, das ganze Land durchstreifen
und mit Mord und Brand verheeren ließ. Nachdem er mit solchen
Verwüstungen den ganzen Winter hindurch fast alle Gegenden der Sachsen
schwer heimgesucht und am Ende des Winters Zufuhr aus dem Frankenlande
herbeigeschafft hatte, hielt er zu Padrabrunno in hergebrachter Weise
die allgemeine Versammlung seines Volks. Nachdem dies abgemacht war zog
er nach dem Gau, der Bardengoo heißt, und wie er hier hörte,
daß Widokind und Abbio sich in dem Sachsenland jenseits
der Elbe aufhalten, ließ er sie durch sächsische Gesandte auffordern,
ihren Widerstand aufzugeben und sich ihm zu unterwerfen. Als sie aber im
Bewußtsein ihrer Uebelthaten Anstand nahmen, sich des Königs
Schutz anzuvertrauen, gelobte er ihnen nach ihrem Wunsche Straflosigkeit,
und gestand ihnen auch die Geißeln zu, die sie sich für ihre
Sicherheit ausbedangen; diese ließ er ihnen durch Adalwin, einen
seiner Hofleute, zuführen, und nun erschienen sie mit diesem vor dem
König auf dem Hofgut Attiniacum und ließen sich taufen.
Der König war nemlich, nachdem er den Adalwin um
sie zu holen abgeschickt hatte, nach dem Frankenland zurückgekehrt.
Jetzt hatte diese hartnäckige sächsische Treulosigkeit für
einige Jahre ein Ende, hauptsächlich jedoch nur deshalb, weil
keine geeignete Gelegenheiten zum Abfall sich auffinden ließen. In
demselben Jahre ward jenseits des Rheins bei den Ostfranken eine nicht
unbedeutende Verschwörung gegen den König angezettelt,
als deren Anstifter der Graf Hardrad galt. Jedoch die Kunde davon gelangte
sehr schnell an den König und durch sein kräftiges Einschreiten
ward eine so gewaltige Verschwörung ohne weitere Gefahr in kurzer
Zeit unterdrückt, die Anstifter wurden theils des Augenlichts beraubt,
theils mit Verbannung gestraft.