Cawthorne Nigel: Seite 72,74-81
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"Das Sexleben der Päpste. Die Skandalchronik des Vatikans."

In Ageltrudes Begleitung befand sich ein sechsjähriges Mädchen namens Marozia, das die Aufmerksamkeit eines 36-jährigen Kardinals namens Sergius erregte. Die Finger sollten Ageltrude von Kardinal Sergius überreicht werden. Als er ihr die grausige Trophäe schließlich übergab, fiel sein Blick wieder auf das Kind Marozia. Trotz des Altersunterschiedes von 30 Jahren wurde in diesem Augenblick ein Band geschmiedet, das für das nöchste Jahrhundert die Entwicklung des Papsttums bestimmen sollte. Exakt in dem Augenblick, da Papst Stephan im Anschluß an die Leichensynode mit Ageltrude, Marozia und Kardinal Sergius aus dem Lateranpalast trat, stürzte mit einem gewaltigen Donnern die alte Basilika des Lateran ein.

EIN HURENGESPANN LEITET DEN VATIKAN

Nach einem solchen Anfang kann es kaum überraschen, daß das Papsttum im 10. Jahrhundert zum Synonym für schamlosen Amtsmißbrauch und Korruption wurde. Diese Epoche wurde unter der Bezeichnung "Pornokratie" oder "das römische Hurenregiment" bekannt, weil das Papsttum in den Augen eines großen Teils der Christenheit von zwei Huren geleitet wurde. Es handelte sich um ein Mutter-Tochter-Gespann: Theodora und Marozia, die beide päpstliche Mätressen waren.
Zu dieser Zeit gab es in Rom keinen Kaiser. Die Stadt wurde effektiv von Theophylakt, Konsul, magister militum (Kommandant der Miliz) und Leiter der päpstlichen Finanzen regiert - und, wichtiger noch, er war gleichzeitig der Gemahl der ehergeizigen Theodora. Sie galt als "schamlose Hure, die zu dieser Zeit in Rom lebte und zwei Töchter hatte, Marozia und Theodora, von denen keine einen besseren Ruf genoß als die Mutter". Theodora die Jüngere war vermutlich die Tochter des späteren Papstes Johannes X. (914-928). Marozia scheint größeren Gewinn aus den Lehren ihrer Mutter gezogen zu haben. Sie hatte bereits als Kind auf der Leichensynode Ageltrude in Aktion erlebt und verfolgte ehrgeizige Machtpläne.
Theodora hatte den sanftmütigen Benedikt IV. (900-903) auf den päpstlichen Thron gehievt, und Leo V. sowie der Gegen-Papst Christophorus waren beide ihre gefügigen Marionetten. Ihnen folgte Sergius III. (904-911), mit dem nicht gut Kirschen essen war. Er hatte bei der Leichensynode von Stephan VI. - damals noch als Kardinal - eine Hauptrolle inne. Als Gegen-Papst Christophorus Leo V. in den Kerker werfen ließ, marschierte Sergius auf Rom und brachte Christophorus ebenfalls hinter Schloß und Riegel. Er weihte sich selbst zum Papst und sorgte dann dafür - aus Mitleid, wie manche sagen -, daß Leo und Christophorus erdrosselt wurden. Aber Theodora wußte, wie er an die Kandare zu nehmen war: Sie stellte ihm ihre sexuell frühreife, halbwüchsige Tochter Marozia an die Seite.

LOLITASEX IM LATERN

Marozia war erst fünfzehn, da wurde sie die Mätresse von Sergius III. Er war fünfundvierzig. Sie hatte bereits einen Sohn mit ihm, als er vier Jahre später starb. Die Erfahrung, Geliebte des Papstes gewesen zu sein, hatte nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen. Drei Ehen und zahllose Affären taten ihrem ehrgeizigen Streben nach dem Papsttum keinerlei Abbruch
Die halbwüchsisge Marozia ging im Lateranpalast ein und aus, da ihr Vater der Senatsvorsteher von Rom war. Als Sergius das erste Mal mit ihr schlief, war sie nicht mehr als ein hübsches Kind. Für die restliche Zeit seines Pontifikats verfolgte er mit außerordentlicher Freude, wie seine minderjährige Liebe zu einer Frau von atemberaubender Schönheit aufblühte. Marozia ihrerseits genoß in den Armen des Papstes nicht die romantische Leidenschaft der Jugend, sondern die Ekstase der Macht. Die Geschichtsschreibung fällte über sie das verständliche Urteil, eine "äußerst dreiste und unverschämte Hure" zu sein, und lastete ihr die Entweihung des Heiligen Stuhls an. Der Sohn von Marozia und Papst Sergius wurde schließlich Papst Johannes XI. (931-935).
Sergius selbst kam bei der ganzen Geschichte nicht sonderlich gut weg. Kommentatoren beschuldigten ihn, während seiner Amtszeit fortgesetzt "grenzenlose Abscheulichkeiten mit leichten Frauen" begangen zu haben. Dem Historiker Cesare Baronio zufolge stand Sergius nicht nur auf Sex mit Minderjährigen, sondern war obendrein "der Skalve eines jeden Lasters und ein äußerst gottloser Mansch". Sergius ließ in seiner Amtszeit die Lateranbasilika wieder aufbauen, die seit der Leichensynode zur Ruine zerfallen war, und stellte Papst Formosus, nur zur Sicherheit, gleich noch einmal vor Gericht. Auch dieses Mal kam Formosus nicht davon.

PÄPSTE IN BUNTER FOLGE

Theodora suchte die nächsten beiden Päpste aus - Anastasius III. (911-913) und Lando I. (913-914). Keiner war ein Muster an Tugendhaftigkeit, und Lando, so wird berichtet, "ein gesalbter Junggeselle, vergeudete den größten Teil seines Lebens mit unanständigen Frauen, und am Ende wurde er selbst verzehrt, nachdem er sieben Monate regiert hatte". Er hatte einen unehelichen Sohn namens Johannes, in den sich Theodora, Marozias Mutter, einige Jahre zuvor verliebt hatte. Sie hatte ihren Einfluß auf den damaligen Papst Sergius genutzt, um Johannes zunächst zum Bischof von Bologna und dann zum Erzbischof von Ravenna zu machen. Doch Theodora paßte es überhaupt nicht, ihren Liebhaber in so weiter Ferne zu wissen, und als Lando starb sorgte sie dafür, daß Johannes als Nachfolger seines Vaters in den Lateranpalasr gewählt wurde, wo sie "seine nächtliche Gefährtin" sein konnte. Er wurde Papst Johannes X.

MAROZIAS SOHN AUF DEM LANGEN MARSCH ZUM APOSTOLSCHEN STUHL

Bischof Liudprand von Cremona erzählt, Marozia sei darüber alles andere als glücklich gewesen, und so entstand eine ungesunde Rivalität zwischen Mutter und Tochter. Marozias Sohn war damals erst sechs und damit - selbst für jene Zeit - ein bißchen sehr jung, um schon Papst zu werden.
914 war Marozia 22 und stand, wie es heißt, in der Blüte ihrer Schönheit. Sie führte ein kleines Etablissement auf der Isola Tiberina, einem Inselchen in der Mitte des Tiber. Dort veranstaltete sie Lustbarkeiten für junge Adlige und kirchliche Würdenträger. Die meisten von ihnen waren Bischöfe der Sorte, die mit Sporen an den Stiefeln die Messe lasen, Jagdmesser an den Gürteln baumeln und ihre Pferde gesattelt und bereit vor der Tür stehen hatten, damit sie nachmittags auf Bärenjagd gehen oder sich der Falknerei widmen konnten, sobald der Gottesdienst beendet war. Sie bewohnten prächtige, in Samt und Purpur dekorierte Häuser, speisten von goldenen Tellern und ließen dazu Musikanten aufspielen und Tänzerinnen auftreten. Sie schliefen auf seidenen Laken in Betten, die mit goldenen Intarsien und mit Erinnerungsstücken an frühere Geliebte verziert waren. In dieser Welt fühlte sich Marozia vollkommen heimisch.
Mitten in diese dekadente Szenerie platzte Alberich, ein Prinz aus der Lombardei. Da er als Bedrohung angesehen wurde, entschieden Papst Johannes X. und Theodora, daß Marozia ihn heiraten sollte, um ihn unter die Kontrolle der Familie zu bringen. Ein riskanter Schachzug. In Marozias Händen verwandelte sich Alberich von einer vagen Bedrohung in eine echte Gefahr. Statt sich auf die Seite ihrer Mutter und deren Geliebten zu schlagen, überredete Marozia ihren frischgebackenen Gemahl, Rom anzugreifen. Der Coup mißlang, Alberich wurde getötet und Johannes X. zwang die junge Witwe, die verstümmelte Leiche ihres Ehemannes anzusehen. Wieder ein Fehler. Marozia, die inzwischen Mutter von Alberichs Sohn geworden war, Alberich II., sann auf Rache.
Als Theodora 928 starb, ließ Marozia Papst Johannes X. gefangensetzen und in der Hoffnung, ihren erstgeborenen Bastard auf den Heiligen Stuhl befördern zu können, Seine Heiligkeit, ihren Stiefvater, mit einem Kissen ersticken.
"Dennoch wurde sie um den Erfolg betrogen", schrieb Liutprand. "Denn unmittelbar nach dessen Tod wurde Leo VI. gewählt, den Marozia mit Gift umbrachte, um für ihren Bastard Platz zu schaffen. Jedoch irrte sie ein zweites Mal, denn nachdem er so vergiftet wurde, wählte man Stephan VII., der 930, nur wenige Jahre später, auf die gleiche Weise und durch dieselbe Hand umkam."
Schließlich erfüllte sich Marozias Wunsch, als ihr unehelicher Sohn im Jahre 931 als Papst Johannes XI. den Apostolischen Thron bestieg. Angeblich hat er einen großen Teil seiner Amtszeit mit "abscheulich unanständigen Frauen" verbracht. Unterdessen war seine Mutter nicht untätig gewesen. Aus ihrer ersten Ehe war der ehrgeizige Alberich hervorgegangen; und sie beabsichtigte, ein drittes Mal zu heiraten, diesmal Hugo von Provence, Alberichs Bruder [Richtig ist: König Hugo von Italien folgte seinem Halbbruder Wido von Tuszien als Gemahl Marozias.]. Er war zwar schon verehelicht, aber Marozias Sohn Papst Johannes XI. arrangierte für seinen Onkel eine Scheidung und las außerdem bei ihrer Hochzeit die Messe [Selbstverständlich war König Hugo nicht der Onkel von Papst Johannes XI.].

ALBERICH II. LÄSST SEINE MUTTER EINKERKERN

Schon beim Hochzeitsmahl beschimpften sich Marozias Sohn Alberich II. und ihr neuer Gemahl Hugo. Einige Monate später führte Alberich einen bewaffneten Mob gegen das Castel Sant'Angelo, die Engelsburg. Hugo gelang die Flucht über die angrenzenden Stadtmauer, versteckt in einem Korb und lediglich mit einem Nachthemd bekleidet, aber Alberich II. konnte seine Mutter Marozia und seinen Stiefbruder Papst Johannes XI. gefangensetzen und in den Kerker werfen.
Nachdem sich Alberich zum Herrscher Roms ernannt hatte, ließ er Johannes XI. frei. Allerdings stand er im Lateranpalast unter Hausarrest, wo er nur wenig mehr tun durfte als das heilige Abendmahl auszuteilen. Marozia jedoch blieb im Kerker der Engelsburg, und das immerhin für die Dauer der nächsten 50 Jahre.
Ganz so streng hätte Alberich II. wirklich nicht sein müssen, hatte er doch selbst einen unehelichen Sohn, Octavian, der später Papst Johannes XII. (955-963) [Richtig ist: Octavian war der Sohn Alberichs II. aus seiner Ehe mit König Hugos Tochter Alda.] wurde. Er war der erste Papst, der seinen Namen änderte. Außerdem hieß es von ihm, daß zu seinen zahlreichen Mätressen "eine der Konkubinen seines Vaters" zählte.
Alberich regierte Rom die folgenden 22 Jahre und ernannte die nächsten fünf Päpste, von denen einer, Marinus II. (942-946), angeblich der Sohn einer gemeinen Frau und eines Geisterbeschwörers" war.

MAROZIA WIRD MIT 94 JAHREN AUS DEM KERKER BEFREIT

Lange nach Alberichs Tod im Jahre 954 erbarmte sich schließlich Papst Johannes XV. (985-996) Marozias. Im Jahre 986 hob er die Strafe der Exkommunikation auf und schickte einen willfährigen Bischof, der alle Dämonen austreiben sollte, von denen die 94-jährige Frau angeblich immer noch besessen war. Dann sollte sie hingerichtet werden. Einen Tag vor ihrer Hinrichtung erhielt sie in ihrer Zelle Besuch vom Kaiser der Heiligen Römischen Reiches, dem sechsjährigen OTTO III. Zwar war sie Gefangene des Papstes und nicht der weltlichen Behörden, aber er wollte einmal die Frau sehen, die Geliebte eines Papstes gewesen war, die Mutter eines zweiten, die Tante eines weiteren und die Großmutter wieder eines anderen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hatte sie immerhin acht Päpste gemacht. Zwei waren erdrosselt, einer mit einem Kissen erstickt und vier weitere abgesetzt und unter nie ganz geklärten Umständen beseitigt worden.
Ein junger Bischof folgte OTTO in Marozias Zelle. "Marozia, Tochter des Thephylakt, weilst du noch unter den Lebenden?" fragte der Bischof eine Gestalt, die wie ein Haufen alter Lumpen auf dem Stroh in einer Ecke des schmutzigen und verwahrlosten Verlieses lag. "Ich, Bischof Johannes Crescentius von Protus, befehle dir im Namen der Heiligen Mutter Kirche zu sprechen."
Ohne sich zu rühren, flüsterte Marozia, das Gesicht zur Wand gedreht: "Ich lebe, Eure Exzellenz, ich lebe." Nach einer langen Pause fügte sie hinzu: "Für all meine Sünden, Vergebung ... Vergebung."

UM DANN HINGERICHTET ZU WERDEN

Dann verlas der Bischof den Hinrichtungsbefehl. "Insofern du, Marozia, von Anfang an und bereits im Alter von 15 Jahren während der Herrschaft des Heiligen Vaters Papst Sergius gegen die Rechte des Stuhls Petri konspiriert hast, dem Beispiel deiner satanischen Mutter Theodora folgend ..."
Ihr wurde zur Last gelegt, mit ihrem Sohn Papst Johannes XI. versucht zu haben, die Weltherrschaft an sich zu reißen, und daß "sie es gewagt habe, wie Isebel in alten Zeiten noch einen dritten Ehemann zu nehmen". Sie wurde sogar für die Sünden ihres Enkels Johannes XII. verantwortlich gemacht, obwohl sie während seiner skandalösen Herrschaft bereits im Kerker geschmachtet hatte. Er war schließlich der Sohn des Mannes, der sie ins Gefängnis geworfen hatte.
"Dein Enkelsohn Papst Johannes XII.", lautete die Anklage, "war gegen sich selbst meineidig, indem er seinen Eid gegenüber dem großen Kaiser brach. Er stahl den Kirchenschatz und flüchtete zu den Feinden Roms, wurde von der Heiligen Synode abgesetzt und durch Leo VIII. ersetzt. Dann kehrte der Abtrünnige nach Rom zurück, zwang Leo VIII. zur Abdankung, schnitt dem Kardinaldiakon Nase, Zunge und zwei Finger ab, häutete Bischof Otger, schnitt Notar Azzo den Kopf ab und enthauptete 63 Geistliche und Adlige Roms. Im Verlauf der Nacht des 14. Mai 964, während er verbotenen und schmutzigen Verkehr mit einer römischen Matrone hatte, wurde er vom wütenden Ehegatten der Matrone im Akt der Sünde überrascht. Der Ehemann schlug ihm in gerechtem Zorn mit einem Hammer den Schädel ein und befreite so seine böse Seele vom Zugriff Satans ..." Marozia muß todunglücklich gewesen sein, diesen Heidenspaß nicht selbst erlebt zu haben.
Als der junge Bischof den Hinrichtungsbefehl verlesen hatte, legte ein Henker, der heimlich in die Zelle geschlichen war, ein Kissen über ihr Gesicht und erstickte die alte "zum Wohlergehender Heiligen Mutter Kirche und des Friedens des römischen Volkes".