DIE ZUWANDERER AUS DEN GEBIETEN NÖRDLICH
                                                                       UND NORDWESTLICH DER ALPEN
                                                                IN DER ZEIT LOTHARS I. UND LUDWIGS II.

Schon im Zuge der Ordnung des Reiches durch die ordinatio imperii hatte LUDWIG DER FROMME 817 seinen ältesten Sohn LOTHAR zum Mit-Kaiser und Nachfolger bestimmt und ihm besonders Italien unterstellt. Aber dieser kam weder sogleich nach der Blendung König Bernhards nach Italien, noch übte er, nachdem er 822 endlich in Italien erschienen war, eine eigene Herrschaft aus. Er trat nicht nur immer im Namen seines Vaters auf, er führte auch keine eigenständigen politischen Maßnahmen durch. Er erscheint wesentlich als ausführendes Organ des väterlichen Willens [1
B. SIMSON, Ludwig der Fromme I Seite 240f.].
Eine Änderung trat erst um das Jahr 830 ein. Erst von hier ab wird man die eigentliche Zeit der italienischen Herrschaft LOTHARS I. zählen dürfen. Diese Änderung war aber wesentlich durch die Gesamtentwicklung des Franken-Reiches, nicht durch speziell italienische Ereignisse bedingt. Hier wirkte sich die letzten Endes zur Auflehnung der Kaiser-Söhne gegen ihren Vater führende Entwicklung aus, die - wie allgemein bekannt - durch den im Franken-Reich wirkenden und mit verschiedenen Maßnahmen LUDWIGS DES FROMMEN unzufriedenen hofnahen Adel herbeigeführt wurde. Diesen Kreisen ging es um die Beibehaltung der 817 beschworenen ordinatio imperii, um die Beseitigung des Einflusses der Kaiserin Judith auf die innere und äußere Politik und um die Ausschaltung einiger bei Judith angesehener Berater. Eine Spaltung des Reiches war nicht beabsichtigt; vielmehr sollte dafür Sorge getragen werden, tam gloriosum regnum ne divideretur in partes. - Venerunt in unum pro fide regis et regni, pro salute populi et patriae, pro stabilitate imperii et filiorum successione [2
BM² nr. 874a.].
So weit feststellbar, war der nach Italien gelangte reichsfränkische Adel an der Auslösung der Krise im Franken-Reich nur insofern beteiligt, als Wala, der 822 mit LOTHAR zur Leitung der Staatsgeschäfte nach dem Süden gesandt worden war, bereits 828 auf einem Reichstag in Aachen dem alten Kaiser LUDWIG sehr offen die im Augenblick herrschenden Mißstände und die ungenügend organisierte Kriegführung gegen die auswärtigen Feinde, Dänen, Normannen und Sarazenen, vor Augen stellte [3
Vgl. B. SIMSON, Ludwig der Fromme I Seite 300.] und damit einen guten Auftakt für die Bestrebungen der unzufriedenen Hofadelsgruppe gegeben haben mag. Aber Wala war ja doch kein typischer Vertreter des in Italien tätigen fränkischen Adels, da er nur vorübergehend dort seine Funktion ausübte [4 B. SIMSON, a.a.O. Seite 200.]. In einer italienischen Verwaltungsposition stehende Große hatten hier ihre Hände nicht im Spiel.
Der Adel Italiens wurde erst nach und nach in die Wirren hineingezogen. Dadurch, daß LOTHAR I., um den sich die fränkische Opposition scharte, 831 von seinem Vater nach Italien „verbannt" und auf diesen Reichsteil beschränkt wurde, kam er erst mit den dortigen Großen in engeren Kontakt. Doch alle konnte er dabei für sich und seine Pläne nicht gewinnen. Als er 834 schon die Zügel im Franken-Reich fest in der Hand zu haben schien, den gedemütigten Vater in strenger Aufsicht mit sich führte und die Kaiserin Judith in Torrosa gefangengesetzt hatte, da griffen auf die Nachricht vom Umschlagen der Stimmung zugunsten des alten Kaisers und der Verfeindung LOTHARS mit seinen Brüdern Ludwig in Ost-Franken und Pippin in Aquitanicn einige Große Italiens - offensichtlich zum ersten Male - aktiv in die Auseinandersetzungen ein. Bischof Ratold von Verona, Markgraf Bonifaz II. von Tuszien und Pippin, der Sohn des 817 geblendeten und verstorbenen Königs Bernhard, sowie andere, welche noch gehört haben wollten, daß Judith getötet werden sollte, befreiten die Kaiserin aus ihrer Haft in Torrosa und führten sie LUDWIG DEM FROMMEN zu, der eben wieder die Oberhand gewonnen hatte [5
BM² nr. 926v. - Vgl. im Speziellen Teil: Pippin.]. Der Großteil des Adels verhielt sich jedoch ruhig. LOTHAR, der darauf wieder nach Italien entlassen wurde, entzog den Anhängern seines Vaters selbstverständlich sofort ihre Ämter und Leben. Bischof Ratold kam nicht wieder nach Italien; 836 hielt er sich dafür in Aachen auf, und 838 war er auf einer Reichsversammlung in Nymwegen zugegen [6 BM² nr. 952, wo der am 8.I.836 in Aachen anwesende Bischof Ratald fälschlich mit Bischof Rothad von Soissons identifiziert wird; vgl. dazu E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches I² Seite 120 Anm. 4, Seite 121 Anm. 1, Seite 276 Anm. 2. - Zur Reichsversammlung im Nymwegen vgl. BM² nr. 977a und B. SIMSON, Ludwig der Frome II Seite 159 Anm. 3.], seinen Veroneser Bischofsstuhl übernahm nach offenbar langen und schwierigen Verhandlungen der bisherige Bischof von Vercelli, Noting, ein Angehöriger der Gründersippe von Hirsau [7 Vgl. dazu K. SCHMID, Kloster Hirsau und seine Stifter Seite 30ff.]. Der Markgraf Bonifaz war 838 als Königsbote LUDWIGS DES FROMMEN in Septimanien tätig; seine Position in Lucca übernahm Graf Altanus [8 Vita Hludov. c. 59, MG SS II Seite 644 - B. SIMSON, Ludwig der Fromme II Seite 159, Anm. 2, und 182f.; zu Altanus vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafcn Seite 331 ff]. Und König Bernhards Sohn Pippin ging in den neustrischen Adel ein, in dessen Reihen er von NITHARD öfters erwähnt wird.
Trotz dieser Maßnahmen und dieser Ereignisse im Franken-Reich erfuhr das nordalpine Element im Adel Italiens zunächst noch keine Schwächung. Zwar hörte auch schlagartig die Tätigkeit der aus den Gebieten nördlich der Alpen kommenden Missi auf, die unter Karl d. Gr. und Ludwig d. Fr. (bis 830) dauernd nachzuweisen war, so daß in dieser Beziehung der Einschnitt von 830 schon merkbar wird [9
Die bei V. K r a u s e , Geschichte des Institutes der missi dominici S. 276 ff., gegebene Liste der Missate in Italien beweist eindeutig, daß nach 830 nur noch in Italien tätige Grafen und 1lischöfe zu italienischen Missaren in I rage kamen. Der Großteil der Missi ist von K r a u s c schon identifiziert, so daß bitt auf eine gesonderte ßchandlung dieser Missate verzichtet werden kann.]; aber für den Alemannen Ratold, den Bayern Bonifaz II. und den Franken Pippin brachte nun LOTHAR seinen Anhang aus dem Norden nach Italien. Namentlich bekannt sind die Grafen Hugo von Tours, Lantbert von Nantes, Matfricd von Orleans und Agimbcrt von Pertois, der kaiserliche Oberjägermeister Burgarit, der Obertürwart Richard, Graf Godefrid und sein gleichnamiger Sohn, dann wiederum Wala, die Bischöfe Jesse von Amiens, Elias von Troyes, Herebald von Auxerre und die Erzbischöfe Agobard von Lyon, Bernard von Vienne und Bartholomäus von Narbonne [10 BM² nr. 931d. - B. SIMSON, Ludwig der Fromme II Seite 115-116.]. „Diese waren es, durch deren Abzug das Franken-Reich - wie man sagte - seiner Nobilität beraubt, gleichsam durch Zerschneiden der Sehnen in seiner Kraft geschwächt, durch deren Tod (837) seine Intelligenz vernichtet wurde"[11Vita Hludov. c.56, MG SS II Seite 642.]. Daß sie den damals wichtigsten Teil des fränkischen Adels verkörperten und Ludwig d. Fr. und Judith auch in der Folge sehr darauf Rücksicht nahmen, ist schon verschiedentlich aufgezeigt worden [12 G. TELLENBACH, Königtum und Stimme Seite 61.]. Ein Verwaltungsamt in Italien scheinen diese Leute kaum übernommen, dafür eher in der Art von Emigranten auf den Umschwung der Verhältnisse im Franken-Reich und auf ihre Rückkehr gewartet zu haben. Es ist jedoch ersichtlich, daß sie von LOTHAR mit Gütern für ihren ersten Unterhalt ausgestattet wurden. Wala, cuius consiliis Lotharius maxime utebatur, erhielt das Kloster Bobbio [13 Vita Walac II c.20, MG SS II Seite 567 und CIPOLLA, Cod. dipl. di Bobbio I Seite 136ff., nr. 36.]. Matfrid, qui erat maximus incentor omnium illorum malorum, wurde in den im Veltlin gelegenen Besitz des Klosters St. Denis eingewiesen [14 BOUQUET VIII Seite 384. - BM² nr. 1132. In dieser Urkunde LOTHARS vom 3. Januar 848 ist von einem Matfridus etiam fidelis ministerialis noster et insuper comes, qui eandem nostro retinebat jure beneficiario vallem (Tillinam), die Rede. In ihm wird man einen Sohn des 836 verstorbenen Matfried vor sich haben, auf den diese Besitzungen überkommen sind.]. Hugo, der Schwiegervater Lothars, und seine Gemahlin Ava bekamen den Fiskalhof Locate bei Mailand [15 CdL Seite 228, nr. 128. - Siehe weiter im Speziellen Teil: Liutfrid I. und II. - Eines puerili aetate verstorbenen und in Mailand beigesetzten Hugo gedenkt die Kaiserin Irmingard 835 als Schwester. Er wird 834 mit Hugo und Ava, den Eltern Irmengards, nach Italien gekommen sein (CdL Seite 216, nr. 121; Seite 222, nr. 125 ist nach MANARESI, I placui Seite 365 und 573, eine Fälschung des 12. Jhs.).]. Der Obertürwart Richard erhielt Güter der Kirche von Reggio [16 TORELLI, Le carte Reggiani Seite 29, nr. 10. - BM² nr. 1064.]. Wie Lantbert, fautorum Lotharii maximus, entschädigt wurde und welche Güter die anderen Großen erhielten, ist nicht mehr feststellbar. - Die Exilszeit dieses fränkischen Hochadels währte jedoch nicht lange. Nachdem der greise Wala bereits 836 verstorben war, fielen fast alle diese genannten Großen einer 837 in Italien grassierenden Epidemie zum Opfer [17 BM² nr. 968b.]. Von den genannten weltlichen Großen entrann nur der ehemalige Obertürwart Richard kaum dem Tode; jedoch verstarb auch er bald darauf, im Sommer 839, als er mit LOTHAR I. nach Worms gezogen war [18 Noch am 26. Juni 839 restituierte LUDWIG DER FROMME in Worms seinem ehemaligen Türwart Richard die früher urkundlich geschenkte, jedoch wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung konfiszierte Villa Villance in den Ardennen, da jetzt LOTHAR, mit dem Richard 834 nach Italien gegangen war, mit all seinen Anhängern wieder Verzeihung erhalten habe (BM² nr. 995). Am 17. August 839 bestätigte dann aber LOTHAR I. bereits der Kirche von Reggio den Besitz, den Richard 834 erhalten hatte und welcher nun - migrante autem predicto Richardo de hoc saeculo - zurückgegeben ist (BM² nr. 1064).]. Diese Katastrophe war freilich ein schwerer Schlag für LOTHAR, für die Reichseinheitspolitik und für die in Italien tätige nordalpine Adelsgesellschaft.
Der nordalpine Adel in Italien blieb jedoch weiterhin führend. So weit feststellbar, haben die Franken trotz dieses Verlustes auch unter Kaiser LOTHAR, der den Rat seiner Großen nie gern entbehrte, wie auch unter Kaiser LUDWIG II. die einflußreichsten Positionen inne. An die Spitze der Kanzlei LOTHARS, nachdem dieser 834 nach Italien gegangen war, trat Agilmar, der spätere Erzbischof von Vienne [19
B. SIMSON, Ludwig der Fromme II Seite 119.]. Als LOTHARS und LUDWIGS II. Pfalzgrafen fungierten zum Beispiel damals die Franken Hucpold und Boderad, von denen der letztere vornehmlich durch eine Mission an KARL DEN KAHLEN mit dem Ziel, seinem Herrn LUDWIG II. das Reich seines am 8. August 869 verstorbenen Bruders Lothar II. zu erhalten, hervorgetreten ist. Auch der Graf Heribald, der des öfteren den Pfalzgrafen vertrat, entstammte nachweislich nordalpinen Landen. - Einflußreicher als diese Leute war aber zunächst der Markgraf Eberhard von Friaul, dessen nordalpine Abkunft bekannt ist und der in erster Linie zu denen gehörte, quibus (Lotharius) maxime fidebat oder quibus plurimum nitebatur. Dieser begleitete LOTHAR mehrere Male auf seinen Zügen nach Francien, trat dort als Vermittler auf und versuchte - schon aus dem Interesse, seine eigenen am Niederrhein und in Alemannien gelegenen Besitzungen nicht zu verlieren - zunächst eine Verständigung mit LUDWIG DEM FROMMEN, dann den Ausgleich mit LOTHARS Brüdern, Ludwig dem Deutschen und KARL DEM KAHLEN, herbeizuführen. In ihm wird man einen der communes fideles erkennen dürfen, die von den streitenden Brüdern in diesen Jahren eingesetzt wurden. Als Schwager des Kaisers LOTHAR war er zu einer solchen Aufgabe ja auch denkbar gut prädestiniert. Und seine geschichtliche Bedeutung lag nicht so sehr in der Abwehr von Sarazenen und Slawen, als vielmehr in seinen Bemühungen um die Beibehaltung oder Wiederherstellung des Gesamtreiches. Diese Politik scheint auch Eberhards Sohn und Nachfolger in der Grafschaft Friaul, Unroch, fortgesetzt zu haben. - Ob der in Istrien eingesetzte Hunfrid II., der dem in Alemannien begüterten Grafen-Hause der HUNFRIDINGER angehörte, bei Hofe eine ähnlich einflußreiche Position bekleidete, ist nicht mehr feststellbar.
Höchst einflußreich neben Eberhard von Friaul war aber der der fränkischen SUPPONIDEN-Familie angehörende Graf Adelgis (von Parma). Er ist nicht nur des öfteren am kaiserlichen Hofe nachweisbar und als kaiserlicher Missus unterwegs; auch er trat - wie Eberhard von Friaul - in die Verwandtschaft der Kaiser-Familie ein, und zwar durch Verheiratung seiner Tochter Angilberga an Kaiser LUDWIG II. - Sein Sohn Suppo (II.), der in Parma nachgefolgt zu sein scheint, gehörte vornehmlich in der folgenden Periode zu den einflußreichsten Persönlichkeiten. Er ist als besonderer Anhänger der ostfränkischen KAROLINGER bekannt geworden. Der gleichfalls zur SUPPONIDEN-Familie gehörige Suppo (III.), ein Neffe des Adelgis, trat dagegen schon unter Kaiser LUDWIG II. als consiliurius und archiminister hervor. Er vertrat sogar Kaiser LUDWIG auf der 8. Allgemeinen Synode in Konstantinopel. - Die beiden Grafen Arding und Egifred, die LUDWIG II. 872 mit der Kriegführung gegen die Sarazenen in Unter-Italien betraute, waren desgleichen Angehörige dieser Familie und somit Franken.
Zu den besonders hervortretenden Leuten und in einem weiteren Sinne ebenfalls zur SUPPONIDEN-Familie gehörte auch der von 843 bis 870 als Graf von Piacenza nachweisbare Wifred; auch er ist seinem Herkommen nach Franke. Er intervenierte beim Kaiser, erhielt Aufträge als Missus und vertrat 844 mit Adelgis und anderen die Partei des Kaisers in Rom. - Ein Franke und wohl nicht weniger bedeutend als diese Verwandten des Kaisers war der dux Liutfrid (I.), ein Sohn des 834 mit nach Italien ins Exil gegangenen Hugo von Tours und Schwager Kaiser LOTHARS I., der lange Zeit in Italien waltete, nach dem Tode LOTHARS I. aber nach Lothringen zurückging und dort in die Dienste Lothars II. eintrat.
Ein weiterer enger Berater LOTHARS war der Graf Leo (von Seprio), qui tum apud illum (sc. Lotharium) loci magni habebatur. Er gehörte zur Familie des als Franken erweisbaren Bischofs Amalrich von Como und Nachfolgers Walas in der Abtswürde von Bobbio. Auch er erhielt vom Kaiser Sonderaufträge als Missus. Sein Sohn Johannes war 844 mit LUDWIG II. in Rom, wo die durch die Constitutio Romana 823 von LOTHAR formulierten kaiserlichen Rechte bei der Erhebung des Papstes Sergius II. unbeachtet geblieben waren. Dort galt es, dem Kaisertum volle Anerkennung zu verschaffen.
In Verona war nach Hucpald die Reihe der Grafen nordalpinen Herkommens in dieser zweiten Periode mit Waradus und Walpert fortgesetzt worden. Unter den eifrigen Verfechtern der kaiserlichen Rechte befand sich dann ihr Nachfolger, der Graf Bernard von Verona, der nebenbei durch zwei Missionen in die Gebiete nördlich der Alpen hervorgetreten ist und 855 noch einmal im kaiserlichen Auftrag in Rom tätig war. Auch er ist als Franke erweisbar.
Aber nicht nur diese Leute, auf die LOTHAR und LUDWIG in besonderem Maße hörten, die die schwierigsten Missionen übernahmen und öfters mit dem Kaiser unterwegs waren, entstammten den Gebieten nördlich der Alpen. Von dort kam desgleichen die große Zahl der weniger eng mit dem Kaiser verbundenen Grafen. - So war in Modena der Franke Autramnus Graf. Seine Frau hatte er sich 823 in Gondreville (Gundulfo villa sive palacium regis) geholt. Besitzungen in Italien besaß er zu dieser Zeit schon. - In Bergamo folgten auf einen Marius (834), dessen Herkommen nicht bestimmbar ist, die Grafen Rotcar und Otto, deren Abstammung von nordalpinen Familien wieder sehr wahrscheinlich ist. - Ebenso scheint der Mailänder Graf Alberich ein Franke gewesen zu sein. Seine Stellvertreter, die Vicecomites Walderich und Amalrich, entstammten ebenfalls den jenseits der Alpen gelegenen Landstrichen. Desgleichen war der Vicecomes Maginard von Pombia ein Franke. Auch für den Grafen von Stazzona, Ermenulf, läßt sich die Herkunft aus einem nördlich der Alpen gelegenen Land mit Grund vermuten. Zu den oberitalienischen Grafen fränkischer Abkunft zählt schließlich auch Boso, der vornehmlich durch seine Bemühungen bekannt ist, seine ihm entlaufene Frau Engeltrud wiederzugewinnen, und ein comes Vuldo. Ob die Reihe der italienischen Grafen nordalpiner Herkunft noch um einen
Cuntardus comes, einen Neffen Kaiser LUDWIGS II., zu erweitern ist, muß - da die diesbezügliche Quelle, das Chronicon Salernitanum sehr spät und unzuverlässig ist - unentschieden bleiben.
Von einer kleinen Zahl von Grafen läßt sich infolge allzu spärlicher Nachrichten auch in diesen Zeitabschnitt das Herkommen nicht bestimmen [20
Ungeklärt ist die Herkunft der Grafen Achedeus, Marius von Bergamo, Erembert von Reggio und Leodoinus sowie des consiliarius Theodoricus. Auch einige in der Aufgebotsliste für den Kampf gegen die Sarazenen (MG Capit. II Seite 65 ff, nr. 203) genannte Edle, qui beneficia in Italia habent, lassen sich in den oberitalienischen Quellen nicht mehr fassen. Vielleicht hatte mancher von ihnen sein Lehen im tuszischen oder spoletinischen Raum. - Die 16 namentlich genannten missi, die das Erscheinen der für den Heereszug des Jahres 866 nach Benevcnt aufgebotenen Leute vorbereiten und kontrollieren sollten, scheinen nur Bischöfe und missi episcoporum et comitum gewesen zu sein (Chron. S. Bened. Casin. c. 3, MG SS rer. Lang. Seite 470). Grafen sind darunter nicht genannt.]. Da aber in der Zeit von 830 bis 875 die Führungsschicht Ober-Italiens allein aus fränkischen und alemannischen Großen bestanden zu haben scheint - Langobarden oder Romanen lassen sich als Grafen oder Markgrafen in diesem Zeitabschnitt der Geschichte Ober-Italiens überhaupt nicht nachweisen -, deshalb wird man vielleicht auch in diesen Leuten Zuwanderer vermuten dürfen. Aber auch wenn sich hie und da noch ein langobardischer Großer im Führungskreis gehalten haben sollte, dann wäre zwar nicht von einer vollständigen, aber doch immer noch von einer fast ausschließlichen Führung der nordalpinen Adelsfamilien in Ober-Italien zu sprechen [21 Etwa 30 Grafen und Markgrafen nordalpiner Abkunft stehen bei der prosopographischen Erfassung der Führungsschicht Ober-Italiens in der Zeit von 830 bis 875 nur 5 Edlen unbestimmbarer Abkunft gegenüber; Langobarden und Romanen fehlen gänzlich. Eine genaue Untersuchung der mittelitalienischen Verhältnisse könnte wertvolle Parallelen ergeben. In Tuszien gab es aber immerhin mit dem Grafen Hildebrand einen Amtsträger aus einem dort eingesessenen langobardischen Geschlecht, vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 337ff. Auch der durch eine Urkunde LUDWIGS DES FROMMEN vom 17. August 819 bezeugte Hagano comes Arretinae civitatis (= Arezzo) könnte langobardischer Abkunft gewesen sein; vgl. PASQUI, Arezzo I Seite 35, nr. 23.].
Hatten KARL DER GROSSE und bis 830 auch LUDWIG DER FROMME noch schrankenlos über die nach Ober-Italien geschickten Großen verfügen können, hatten herrschsüchtige bzw. unfähige Markgrafen wie Johannes von Istrien und Balderich von Friaul ohne weiteres zur Rechenschaft gezogen werden können und waren noch diejenigen, die den jungen König Bernhard bei der Auflehnung gegen LUDWIG DEN FROMMEN 817 unterstützten, ohne Auslösung einer neuen Krise geblendet worden, so war die Stellung und Bedeutung der zugewanderten Adligen im Italien LOTHARS I. und LUDWIGS II. keineswegs mehr diejenige straff gehaltener, wenn auch gut geförderter Werkzeuge in der Hand des Königs. Diese aus den Ländern von jenseits der Alpen gekommenen Großen wurden - bedingt auch durch die Schwächung des Königtums in den Auseinandersetzungen nach 830 - mehr und mehr Mitträger und Mitverantwortlicher der kaiserlichen Politik in Italien. LOTHAR hatte bereits einige Leute, quibus maxime fidebat, quibus plurimum nitebatur [22
Ann. Bertin. ad 836 und ad 842 (Seite 12 und Seite 28).].  Auch der junge LUDWIG II. benötigte erfahrene Ratgeber, als LOTHAR I. sich 844 mehr auf die lothringischcn Gebiete seines Mittelreiches zu konzentrieren begann und die Regierung Italiens LUDWIG zuwies. Zu denjenigen, deren Rat er suchte [23 BM² nr. 1180.], gehörten insbesondere Markgraf Eberhard von Friaul, Graf Adelgis von Parma, Pfalzgraf Boderad und die Grafen Bernardus von Verona, Leo von Seprio und Suppo III.
Die größere Mitverantwortlichkeit und Mitträgerschaft in der Politik, die sich etwa bei dem entschlossenen Auftreten der oberitalienischen Grafen 844 in Rom gegen den Versuch des Papstes, sieh der fränkischen Beeinflussung zu entziehen [24
Liber pontificalis II Seite 89ff. = Vita Sergii II. - Vgl. BM² nr. 1115a.], in der Übernahme schwieriger Legationen usw. äußerte, war aber nur eine Seite im Vorgang der stärkeren Einschaltung des Adels. Die Kehrseite war, daß diese Gewalten, die vorher nur als Glieder der Reichsregierung Bedeutung hatten, auch einen stärkeren Eigenwert erhielten. In den weiter vom Zentrum der italienischen Regierungstätigkeit, der Poebene, entfernten Gebieten wirkte sich das besonders aus: in Spoleto, in Tuszien und auch in Friaul. In diesen Grenzgebieten, in denen vorher schon zur Abwehr eventueller Angriffe von Sarazenen, Ungarn und Slawen eine stärkere Machtkonzentration erforderlich war, gelang es einzelnen Familien, die Erblichkeit des Amtes durchzusetzen. In Tuszien behauptete sich trotz eines Rückschlages in den 30er Jahren die Familie des bereits von KARL DEM GROSSEN eingesetzten Bayern Bonifaz in der Führung. In Spoleto setzten sich die Nachkommen des 834 mit LoTHAR nach Italien gekommenen Lambert von Nantes durch. Friaul blieb im Besitz der Familie Eberhards, des nach 828 dort eingesetzten Schwagers LOTHARS I. Aber auch bei den oberitalienischen Grafen schritt diese Entwicklung voran. Die Familie der SUPPONIDEN bietet das beste Beispiel dafür. Bei vielen anderen Grafen läßt sich zumindest die Anbahnung einer solchen Entwicklung feststellen, so etwa bei Boderad, Leo, Liutfrid I. und Alberich von Mailand, die Amt und Würden auf ihre Söhne übertragen konnten. Die Entfaltung einer eigenen Interessenpolitik zeigt sich vielleicht am stärksten bei den Markgrafen von Spoleto. Kann schon angenommen werden, daß das Eingreifen Widos I. von Spoleto (842 bis ca. 860) in die Streitigkeiten zwischen Radelgis und Sikonulf von Benevent nicht ohne Billigung des Kaisers geschah, so ist aber doch auch nirgends eine offizielle Anweisung des Kaisers für Wido, sich dieser Dinge anzunehmen, in den Quellen nachzuweisen. Wido hatte offenbar als Grenzgraf größere Handlungsfreiheiten erhalten. Erst 847 griff LUDWIG II. hier energisch ein. Der Sohn Widos I., Graf Lambert (II.), stand von Anfang an in einer noch selbständigeren Haltung seinen Untertanen und auch dem Kaiser gegenüber. Diese führte schließlich kurz nach 860 zu seiner ersten Vertreibung nach Benevent. Jedoch wurde er wieder in Gnaden aufgenommen. Völlig ohne Zustimmung des Kaisers muß es auch geschehen sein, daß er im Dezember 867 „wie ein Tyrann" in Rom einfiel und die Stadt plündern ließ. Und völlig ohne Mitschuld an der hinterhältigen Gefangensetzung LUDWIGS II. 871 in Benevent kann er auch nicht gewesen sein, da er sofort nach der Freilassung des Kaisers erneut nach Benevent flüchtete, um sich der Rechenschaft vor dem Kaiser zu entziehen.
Lamberts Schwager, der Markgraf Adalbert von Tuszicn, betrieb keine andere Politik, doch hielt er sich etwas vorsichtiger zurück. An Lamberts Einfällen in das Kirchenstaatsgebiet beteiligte er sich erst nach dem Tode Kaiser LUDWIGS II. Dann aber stand er Lambert in nichts nach, und Papst Johann VIII. hatte in ähnlicher Heftigkeit über beide zu klagen [25
Über die Stellung der Markgrafen von Spoleto und Tuszien vgl. die noch immer grundlegende Arbeit von A. HOFMEISTER, Markgrafen, besonders Seite 348ff.].
So ist die Zeit LOTHARS I. und LUDWIGS II. durch ein stärkeres Hervortreten des nach Italien gekommenen Adels gekennzeichnet. Dieser konnte seine Stellung festigen; die Grafen begannen mehr und mehr, in ihren neuen Herrschaftsbereichen heimisch zu werden.
Diese Verwurzelung der Grafen nordalpiner Herkunft in ihrer neuen Heimat OberItalien ging jedoch nur langsam vor sich. Obgleich die 830 mit der Auslösung der Krise im Franken-Reich begonnene Abriegelung Italiens, welche im Wegfall nordalpiner Missi ein erstes Kennzeichen erfuhr und 834 schon einmal zur Verrammelung der Alpenpässe führte [26
BM²  nr. 931d. - Vita Hludov. c.53, Thegan c.55 in: MG SS II Seite 639 und 602; vgl. auch Ann. Bertin. ad 837, Seite 14.], im Jahre 843 mit dem Vertrag von Verdun und ein Jahr darauf mit der Unterteilung des Lotharischen Mittelreiches große Fortschritte machte, bestanden ja noch die lebhaftesten Verbindungen zu den Gebieten nördlich der Alpen. Und diese Kontakte hemmten naturgemäß den Prozeß der Verschmelzung der Zuwanderer mit der neuen Heimat.
Die meisten Beziehungen blieben noch zum Lotharischen Mittelreich bestehen. Als im Sommer 846 (oder 847) die Sarazenen weite Teile Mittel- und Süd-Italiens verwüsteten und auch die Peterskirche in Rom ausplünderten, ließ Kaiser LOTHAR I. in seinem ganzen Reich eine Kollekte ausschreiben, deren Ertrag zur Wiederherstellung der Peterskirche und zur Errichtung einer festen Mauer um diesen Stadtteil Roms (civitas Leonina) bestimmt war; und er beauftragte außerdem seinen Sohn LUDWIG II., dem er die Verwaltung Italiens zugeteilt hatte, das Heer des italischen Reiches zu einem Feldzug gegen die Sarazenen aufzubieten. Zur Unterstützung dieses Aufgebotes waren Verstärkungen aus anderen Teilen des Reiches LOTHARS bestimmt. Die Aufgebotsliste nennt neben den Namen derer, qui in Italia beneficia habent und die wohl die Amtsträger in Italien darstellten, auch Leute, die nihil habent in Italia und die sämtlich als Grafen und Bischöfe des provenzalisch-burgundischen Raumes identifizierbar sind [27
MG Capit. II Seite 65ff., nr. 203. - Zur Identifizierung der Leute in der scara Francisa und qui nihil habent in Italia vgl. L. DUPRAZ, Le capitulaire de Lothaire I, Seite 241ff., besonders Seite 274ff.]. Diese Art militärischer Zusammenarbeit ist dann auch für das Jahr 867 nachweisbar, in dem Lothar II. seinem Bruder, dem 850 zum Kaiser gekrönten LUDWIG II., ein fränkisches Hilfscorps aus Lothringen zur Unterstützung nach Unter-Italien entsandte [28 BM² nr. 1239a.].
Nicht weniger ist auch eine politische Zusammenarbeit LUDWIGS II. mit Lothar II. nachzuweisen. Lothar ll. kam 859 nach Italien und trat an Ludwig einen Teil seines Reiches mit den Städten Genf, Lausanne und Sitten ab, um diesen für den Plan der Scheidung seiner Ehe mit Thietberga zu gewinnen und ihm auch die Bekämpfung des Abtes Hucbert von St. Maurice, des Bruders der Thietberga, zuzuschieben [29
MG Capit. II, 464 c. 2: cum postmodum ad fraterem suum Hludowicum imp. in Italiam devenisset ... BM²' nr. 1261g.]. Und als 863 die Lothar II.  völlig ergebenen Erzbischöfe Theudgaud von Trier und Gunther von Köln wegen ihrer Haltung im Ehestreit auf der Metzer Synode und wegen der Übernahme einer Legation zum Papst mit dem Ziele der Rechtfertigung der Synode von Nikolaus I. in Rom abgesetzt wurden, da riefen sie sogleich des Kaisers Hilfe an [30 BM² nr. 1222e, g, h, i und 1228a. - Zu diesen Vorgängen vgl. auch J. HALLER, Nikolaus I. und Pseudoisidor Seite 45ff. LUDWIG II. war über das Verhalten des Papstes zunächst „fassungslos vor Zorn" (seque ipsum furore non capiens); Ann. Bertin. ad 864, Seite 67f.]. - Zwei Jahre darauf verwendete sich LUDWIG II. sogar auf Bitten seines Bruders Lothar beim Papst um eine Ermahnung KARLS DES KAHLEN und Ludwigs des Deutschen, ihrem Neffen das Reich nicht zu nehmen. Die Bitte Lothars an Ludwig II. überbrachte Liutfrid (I.), der Onkel der beiden, welcher noch 846 in Italien waltete und in der Folge nach Lothringen zurückgegangen und dort in die Dienste Lothars II. eingetreten war [31 BM² nr. 1230b. - Im Jahre 865 gedachte LUDWIG II. auch mit Lothar II. in Orbe zusammenzutreffen. BM² nr. 1231a.].
Eine Zusammenarbeit fand somit klar erkennbar auf der Ebene der Könige statt. Das Bewußtsein, daß sie einander durch die Verwandtschaft verpflichtet waren, ging den Herrschern der einzelnen Teilreiche nicht verloren. Öfter kamen sie noch zu Beratungen zusammen. Es ist sogar ein Streben danach, die Reichsteile zu einem Gesamtreich wiederzuvereinen, im Auf und Ab der Geschehnisse zu bemerken [32
Dazu zuletzt O. EBDING, Der politische Zusammenhang zwischen den karolingischen Nachfolgestaaten.]. 885 konnte schließlich KARL III. die Möglichkeit dazu wahrnehmen. Der Gedanke, daß das KARLS-Reich eine Einheit bilde, bestimmte das Denken der Könige. So verteidigte sich zum Beispiel LUDWIG II. gegen den Vorwurf des byzantinischen Kaisers, daß er nicht im ganzen Franken-Reich herrsche und deshalb auch kein echter Kaiser sei, mit einem Satz, der deutlich wie kein zweiter den Gedanken der Reichseinheit und der Zusammengehörigkeit des regierenden KAROLINGER-Geschlechtes erkennen läßt [33 MG Episc. VII Seite 385.- E. DÜMMLER, GdO II² S.269.]: „Wir herrschen im ganzen Franken-Reich, weil wir ohne Zweifel das mit besitzen, was jene regieren, mit denen wir durch Gott ein Fleisch und Blut sind."
Dieser Gedanke der Zusammengehörigkeit der Reiche war aber nicht nur bei den Königen lebendig geblieben. Auch bei vielen Großen war er noch immer vorhanden. Für manchen Adligen mag die Reichseinheit sogar lebenswichtig erschienen sein. Durch die Teilung des Reiches liefen ja viele der in Italien eingesetzten Großen Gefahr, ihren heimatlichen Besitz zu verlieren. Konnte ihren das sehr erwünscht sein? - sicher nicht. Eberhard von Friaul meinte zu der Möglichkeit, daß seine Söhne seinen heimatlichen Besitz durch einen dort herrschenden Künig verlieren könnten: quod absit. Es gab viele Grafen und Markgrafen, die diesseits und jenseits der Alpen begütert waren.
Und die Beziehungen dieser Leute zu ihren Heimatländern waren noch sehr rege. Der Markgraf Eberhard von Friaul zum Beispiel hatte bei all den Wirren der Bruderkriege seinen Besitz in Alemannien und am Niederrhein nicht verloren; er vermochte ihn 863/64 unter seine Kinder zu teilen. Doch berücksichtigte er dabei auch die Möglichkeit, daß sich sein gutes Auskommen mir den Herrschcrn der verschiedenen Teilreiche, in denen die Besitzungen lagen, nicht auf seine Söhne übertragen ließe. Hec divisio omni modo inter eos (sc. filios) ut ita permaneat volumus, excepto si aliquis rex Langobardorum vel Francorum vel etiam Alamannorum, quod absit et fieri non credo, alicui illorum de supradictis germanis suam proprietatem ita a nobis divisam per violentiam sine causa abstulerit; tunc volumus, quod residuum fuerit, ut conventientes in unum equaliter inter eos dividant illud [34
Testament Eberhards von Friaul bei COUSSEMAKER, Cartulaire du l'abbaye de Cysoing Seite 1, nr. 1 (= D'ACHERY, Spicilegium II Seite 876). Zur Datierung des Testamentes vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 326,]. Nach dem Tode wurde Eberhard aus Italien sogar in das westfränkische Kloster Cysoing, sein Hauskloster, überführt. Seine Nachkommen sind wie in Italien, so auch in West-Franken nachweisbar.
Auch die späteren großen Rivalen der Familie Eberhards von Friaul, die WIDONEN, hatten zumindest ihren Allodbesitz in West-Franken gewahrt. Wenn Kaiser KARL III. im Jahre 882 einen zwischen Uuido comes und dem Kanonikus Otbert vom Kloster Faverney geschlossenen Präkarievertrag bestätigt, dann kann das freilich - da das Kloster Faverney in West-Franken lag, wo KARL III. damals gar nicht zu gebieten hatte - nur des Grafen Wido wegen geschehen sein, welcher als italienischer Markgraf zu dieser Zeit schon der Gewalt KARLS unterstand  [35
MG DD Karl III. Seite 103, nr. 61.]. Die im Jahre 834 eingezogenen Güter des nach Italien emigrierten fränkischen Adels waren ja auch im Jahre 839 den Betroffenen oder deren Nachkommen zurückerstattet worden, nachdem 836 schon de restitutione rerum ecclesiis Dei in Francia constitutis, quae in Italia sitae a suis (das heißt Anhängern LOTHARS I.) pro libitu fuerant usurpatae, verhandelt worden war und sich LOTHAR I. damals auch bereits in Verhandlungen um die ehrenvolle Wiederaufnahme der im Zusammenhang mit der Befreiung Judiths aus Italien verbannten Anhänger Ludwigs d. Fr. eingelassen hatte [36 Ann. Bertin. ad 839 und ad 836, Seite 20 und 12.]. Wenn WIDO in West-Fancien noch begütert war, dann kann es auch gar nicht verwundern, daß er sich 888 nach der Absetzung KARLS III. durch ARNULF VON KÄRNTEN aus Italien nach West-Franken begab und sich dort zum König erheben ließ. Auch hatte er dabei ja noch die Hilfe von so einflußreichen Verwandten wie Erzbischof Fulco von Reims, zu dem deshalb auch in dieser Zeit die Verbindungen nicht abgebrochen gewesen sein dürften [37 Siehe unten Seite 76, Anm. 29.].
In der Erzdiözese Mainz scheinen die Erbgüter gelegen zu haben, die Engeltrud, die Tochter Matfrids (von Orleans), ihrem Gemahl, dem in Italien tätigen Grafen Boso, in die Ehe mitbrachte. Auf diese Besitzungen erhoben die Töchter Bosos mit Unterstützung des Papstes noch in den 70er
Jahren des 9. Jahrhunderts Anspruch; sie waren nämlich von der ungetreuen Engeltrud, die mit einem Vasallen namens Wangar aus Italien geflüchtet war, an andere Verwandte und an einen spurius (wohl einen Sohn aus dem Verhältnis Engeltruds mit Wangar) gegeben worden. Hatte aber Engeltrud ihre Verfügungen ohne Zustimmung des rechtmäßigen Gatten Boso und unter Mißachtung des Erbrechtes der Töchter vorgenommen, dann ist es ofensichtlich, daß die Töchter beim Vater in Italien geblieben waren.
Der Markgraf Adalhert von Tuszien hatte noch lebhafte Beziehungen nach der Provencc. Papst Johann VIII. bat im April 879 Boso von der Provencc, er möge beachten, daß Markgraf Adalbert und seine Gemahlin Rotilda ihre comitata in Provincia posita, sicut jam tempore longo tenuerunt, ita deinceps pro nostro amore securiter habeant [38
MG Epist. VII Seite 138, nr. 171.]. Dabei bleibt es allerdings ungewiß, welcher Zeitraum mit dem jam tempore longo gemeint ist und wie diese Familie in den Besitz der comitata in Provincia posita gelangte. Daß sie aus dem Erbe jenes Bonifaz stammten, der wegen der Befreiung der Kaiserin Judith aus ihrer Haft in Tortona nicht mehr nach Italien zurückkehren konnte, dann in der Provencc tätig war und sie somit von LUDWIG DEM FROMMEN als Entschädigung erhalten haben könnte, ist wohl wahrscheinlich, wenn auch nicht exakt zu beweisen [39 Vgl. dazu A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 343f. - Die Beziehungen dieser Familie nach der Provence erhellen aber auch noch daraus, daß der Sohn Adalberts und Rotildes, Adalbert der Reiche von Tuszien, sich in Berta, einer Tochter Lothars II. und Witwe des Grafen Thiebald von Arles, seine Frau aus der Proccnce holte (E. BRANDENBURG, Nachkommen Karls des Großen Seite 3 und Seite 87). Mit Graf Gerard (siehe Spezieller Teil) war dazu ein weiteres Mitglied dieser Familie in der Provence tätig.].
Aus der Familie des Grafen Hugo von Tours ging Liutfrid I. nach 846 wieder nach Lothringen zurück. Sein Sohn Liutfrid II. blieb zwar in Italien, doch muß auch er seine Beziehungen nach der Heimat des Geschlechtes aufrechterhalten haben. Als Papst Johann VIII. ihn 879 wegen der Aufnahme einer aus dem Kloster entflohenen Nonne und wegen der Besetzung von Gütern der Kaiserin Angilberga exkommunizierte, da war es ihm gar nicht klar, ob Liutfrid sich im Moment in Italien aufhielt; er traf jedenfalls die Bestimmung: si infra regnum Italicum consistit, intra dies triginta ... et si extra regnum Italicum esse videtur, infra dies sexaginta habeat omnia sub vera satisfactione reddita [40
MG Epist. VII Seite 212, nr.241.]. Und spätestens 883/84 trat Liutfrid II. auch, tatsächlich das Erbe seines Bruders Hugo im Elsaß an. Noch zu Anfang des 10. Jahrhunderts konnte ein Humfridus de Italia natus, der offenbar zu den Verwandten dieses Liutfrid zählte, im Elsaß Güter an den Bischof von Straßburg verkaufen  [40a BRUCKNER, Regesta Alsatiae Seite 557, nr. 692.].
Die Verbindungen über die Alpen und die Grenzen der Reichsteile hinweg wurden aber nicht nur von den Großen Italiens gewahrt. Auch nördlich der Alpen ist man dauernd an Italienbeziehungen interessiert. Drei Urkunden des Klosterchartulars von Rheinau geben einen ersten Aufschluß. Eine Urkunde aus dem Jahre 871 zeigt, daß ein (wohl im alemannischen Alpgau tätiger Graf Adalbert dem Kloster Rheinau 100 Pfund für die Überlassung von illa hereditale sita in Tartonense pago zahlte [41
Cartular von Rheinau Seite 16, nr.11.], welche wiederum der Klosterherr von Rheinau, Wolvenc, im Jahre 858 seinem Klostcr übergeben hatte [42 MG DD Ludwig der Deutsche Seite 128, nr. 90 (= Cart. v. Rheinau Seite 13, nr. 10).]. Zeigt sich hierin einerseits ein Interesse des Grafen Adalbert an Beziehungen nach Italien, so ergibt sich andererseits, daß Wolvene 858 noch über das verfügen konnte, quicquid illi in Italia in pago Ueronense et Tartonense hereditario iure provenit, und daß er zumindest bis zu diesem Zeitpunkt an den fränkisch- oder alemannisch-italienischen Beziehungcn teilhatte. Die Interessen des genannten Grafen Adalbert an der Verbindung mit Italien scheinen - wenn die Wolvenes schon abgeklungen sein mögen - aber eher noch gewachsen zu sein. 873 übertrug er totam hereditatem ... in pago Alpigouve et in villa nuncupata Gurtwila dem Kloster Rheinau, - jedoch in eam scilicet racionem, ut ... econtra in Italia accipia(t) locum in pago Tartonense situm, vocabulo Gaves, diebus vite ... tantum tenendum [43 Cartular von Rheinau Seite 17, nr. 12. Zu den Italienbeziehungen des Klosters Rheinau und des Grafen Adalbert vgl. auch G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 52 ff., sowie K. SCHMID, Königtum, Adel und Klöster zwischen Bodensee und Schwarzwald Seite 252ff.].
Die Familie der WELFEN zeigte zumindest in ihrem burgundischen Zweig Interesse an den italienischen Belangen. Rhodulfus humilis comes nee non et monasterii Sancti Mauricii Agaunensis abba, der spätere erste König von Hoch-Burgund, verwaltete noch Besitzungen in Italien, und zwar in regno Tusciae villam mancupantem Paterno et Aciano cum appendiciis suis [44
BENASSI, Parma I Seite 159, nr. 24 von 877/März/25. (Unvollständig gedruckt bei MURATORI, Ant. It. III Seite 156). BM² nr. 1254 registriert diese Urkunde als Diplom des Grafen und Abtes Konrad von S. Maurice und bringt sie mit den Verhandlungen KARLS DES KAHLEN mit Angilberga 872 in S. Maurice zusammen.]. Er übergab diesen Besitz, der wahrscheinlich altes Klostergut seit den Tagen KARLS DES GROSSEN war - rectores iam fati monasterii semper tenuerunt -, im Jahre 877 der Kaiserin-Witwe Angilberga. Daß die Beziehungen dieser Familie nach Italien damit nicht abbrachen, erweist die Verheiratung einer Tochter Rudolfs I. mit dem Grafen Bonifaz (von Bologna). Auch das Eingreifen Rudolfs II. von Hoch-Burgund in die italienische Politik von 922 bis 926 macht dies deutlich.
Zwischen Istrien und Rätien dürfte durch die Nachkommen Hunfrids I. in dieser Zeit noch enger Kontakt bestanden haben. Hunfrid II. von Istrien und der Graf Adalbert von Rätien waren Brüder. Zu dem ersteren war schon ca. 820 Graf Adalbert geflüchtet, als er vom Argengau-Grafen Ruodbert in seiner rätischen Position bedrängt wurde.
Eine Verbindung aus Alemannien nach dem Kloster Bobbio in der Zeit nach dem Vertrag von Verdun wird dadurch dokumentiert, daß ein Wolfart aus Wangas in pago Turgauge prope marcha Recie (= Wangen) diesem italienischen Kloster 848 einige Besitzungen in der marca Tucunnie (= Tuggen) übertrug [45
Codice dipl. di Bobbio I, ed. Cipolla, Seite 159, nr.41.]. Ein Gegenstück findet sich etwa in der 863-885 erfolgten Schenkung Otberti castaldi de Langobardia ad sanctum Emmerammum (von Regensburg) [46 WIDEMANN, Die Traditionen des Hochstifts Regensburg und des Klosters St. Emmcram I Seite 61, nr. 61. Vgl. dazu auch WARTMANN II, Anhang 15, wonach ein Alemanne Erchanbold (811-839) Güter in fine Clusina an St. Gallen tradierte. Zu dem lange bewahrten Besitz Fuldas in Ober-Italien vgl. im Speziellen Teil Skizzen Hadumar II. und Bernard von Verona.]. Weitere Zeugnisse dieser Art ließen sich bei einer gründlichen Durchsicht der nordalpon Quellen sicherlich noch finden [46a Abt Grimald von St. Gallen (841-872) zum Beispiel dedizierte ein Psalterium Optimum glossatum an Bischof Noting von Brescia, das später an die Kaiserin Angilberga gelangte; vgl. K. SCHMID, Kloster Hirsau Seite 71, Anm. 181.]. Die Besitzverflechtungen der Kirchen und Klöster über die Grenzen der Reichsteile hinweg hörten mit mit dem Jahre 843 also noch keineswegs auf; das ist ein Zeichen dafür, daß man noch immer unter dem Eindruck des großen Karls-Reiches stand und daß die Trennung noch nicht als endgültig erachtet wurde. An der Erhaltung dieses Gedankens hat der Adel mit seinen weiten Beziehungen, mit seinen weiten Beziehungen und vielen Möglichkeiten einen nicht  zu unterschätzenden Anteil gehabt. Konnte doch gerade seine Verankerung in mehreren Reichsteilen in dieser Hinsicht als Vorbild wirken.
Allerdings darf die zugleich auch erkennbare Tendenz zur Verringerung dieser Beziehungen nicht übersehen werden. Fast aus jeder Quelle, die über einen in anderen Reichsteilen gelegenen Besitz eines Großen oder eines Klosters berichtet, ist auch die wachsende Sorge um die Erhaltung dieser Güter ersichtlich [47
Eberhard von Friaul zum Beispiel mußte bei Abfassung seines Testamentes in Erwägung ziehen, daß seine Söhne nicht die gleiche vermittelnde Haltung bei den Königen der Teilreiche fortzusetzen vermöchten und hier oder dort ihren Besitz verlieren könnten; vgl. oben Seite 62.]. Um den Verlust zu verhindern, wurde der Papst verschiedentlich zu Vermittlungen angerufen [48 Bekannt ist die Stellungnahme des Papstes für die Töchter des Grafen Boso (I.), die jedoch fruchtlos geblieben zu sein scheint. Auch die päpstliche Bitte um Schonung der in der Provence gelegenen Güter des Markgrafen Adalbert von Tuszicn (vgl. oben Seite 63) muß hier erwähnt werden.], gelegentlich wurden solche Besitzungen Treuhändern anvertraut [49 Das Kloster Fulda übertrug seine in der Umgebung von Verona gelegenen Güter (842-856) dem Grafen Bernhard von Verona zu Schutz und Fürsorge; vgl. unten im Speziellen Teil, Skizze Bernardus Anm. 17.], oft wurden diese auch verkauft oder verschenkt [50 Zu den italienischen Besitzungen von S. Maurice und Tongern-Lüttich vgl. oben Seite 64 und Seite 31, Anm. 25. Zum Verkauf der italienischen Besitzungen des Klosters Rheinau vgl. ebenfalls oben Seite 64. (Die Besitzbestätigung HEINRICHS III. nr. 240 beruht auf dem Diplom Ludwigs des Deutschen nr. 90. Daß Rheinau 1049 noch in Italien begütert war, ist unwahrscheinlich.) Hier ist auch der Verkauf des elsässisdien Besitzes jene, oben Seite 63 erwähnten Humfridus de Italia zu beachten.]. Verloren gingen ihren Inhabern noch im 9. Jahrhundert offenbar alle diese genannten Besitzungen [51 Nachdem Kaiser LOTHAR I. am 3. Januar 848 einem früheren Versprechen gemäß dem Kloster St. Denis die bereits einmal entfremdeten Güter restituiert hatte, „ist in späterer Zeit von Rechten von St. Denis in Veltlin nicht mehr die Rede" (P. DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 81). Die italienischen Besitzungen des Regensburger Klosters St. Emmeram sowie der St-Gallische Besitz in fine Clusina (Chiusi) wie auch die an das Kloster Bobbio geschenkten alemannischen Güter sind jeweils nur einmal belegt. In späteren Besitzbestätigungen tauchen sie nicht mehr auf; sie sind wahrscheinlich bald wieder veräußert oder entfremdet worden.]. Das gilt auch für die Klöster Reichenau, St. Gallen und St. Martin in Tours, die um 900 wieder im Besitz italienischer Güter anzutreffen sind; die Reichenauer Besitzrechte an Tremezzo und Gravedona stammen nämlich erst aus der Zeit König Karlmanns; das Klösterchen Massolo am Lago Maggiore, das 904 von König BERENGAR dem Kloster St. Gallen best:itigt wurde, war erst unter KARL III. - und zwar über KARLS Kanzler Liudward von Vercelli - an dieses Kloster gekommen; St. Martin in Tours dagegen mußts in der Zeit von ca. 830 bis 887 eine Entfremdung des italienischen Besitzes über sich ergehen lassen [52 Dazu vgl. P. DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 98f.; Seite 122f.,128 und 249; Seite 232. Zu den italienischen Besitzungen von St. Martin in Tours vgl. auch FLODOARD, Hist. Rem. eccl. IV, MG SS XIII Seite 565, Zeile 13.].
Wie manche Urkundenfilschung erweist, wurden die Ansprüche auf die verlorengegangenen Besitzungen aber noch lange aufrecht erhalten [53
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I Seite 363, nr. + 1- Fälschung für St. Martin in Tours.]. Die vollständige Ausrichtung auf einen Reichsteil ging eben nur langsam vonstatten. Hemmend auf das Auseinanderleben der einzelnen Teile des großen KARLS-Reiches nach den Bruderkriegen wirkte ja auch der Gedanke des einen imperium Christianum, der besonders in Theologenkreisen damals cine Rolle spielte und der durch seine Entsprechung in der Lehre vom einen Gott, der einen Kirche und dem einen Glauben seine Rechtfertigung erfuhr [54 HRABANUS MAURUS schrieb schon um 830: Differentia non debet esse in diversitate nationum, quia una est ecclesia catholica per totum orbem difjusa; vgl.
Epistolarum Fuldensium fragmenta, MG Epist. VS.520.
]. Während dieser Gedanke jedoch nie zu echtem Einsatz herausforderte, wie ja auch die ihm zugrunde gelegte Auffassung von der immerwährenden Vereinigung aller Christen in einem Reich eine seinen Vertretern wohl auch bewußte Fiktion war [55 Die Christen im oströmischen Reich werden ja völlig außer acht gelassen. Vgl. schon G. TELLENBACH, Königtum und Stämme Seite 65ff.], so ging es aber für den Adel und auch für manches Kloster um Wahrung oder Verlust der eigenen Position. Und diese gab man eben nur allmählich auf. Das beste Beweisstück dafür, wie eng die Beziehungen aus Italien nach dem alten Frankenreich blichen, obgleich die Auseinanderentwicklung spürbar einsetzte, und wie sehr der nach Italien gelangte Adel noch gesamtfränkisch dachte, ja noch keineswegs an einer Loslösung und Verselbständigung Italiens interessiert war, ist das Verhalten der oberitalienischen Großen beim Eintreffen des Gerüchtes vom Tode Kaiser LUDWIGS II. in Benevent 871 an Stelle der Meldung von LUDWIGS hinterhältiger Gefangennahme durch Herzog Adelchis: Karolus (calvzas) missos ab Italia plurimorum suscepit, qui cum invitabant, Italiam ire ...[56 Ann. Bertin. ad 871, Seite 117.] Viele der nach Italien gekommenen fränkischen Großen gedachten, da LUDWIG II. keinen Sohn und Nachfolger hinterließ, Italien unter Karl dem Kahlen, der damals wegen seiner Politik der starken Hand in Lothringen der zukunftsstärkere Herrscher zu werden schien, mit dem West-Franken-Reich wieder zu vereinen.