FRANKEN IN ITALIEN VOR 774


KARL DER GROSSE war keineswegs der erste fränkische König, der siegreich in Ober- und Mittel-Italien eindrang und die Möglichkeiten zu einer stärkeren nordalpinen Einfluißnahme auf Italien hatte. Bereits in der Zeit der fränkischen Könige aus dem Geschlecht der MEROWINGER war es mehrmals zur Unterwerfung Italiens gekommen. Die Kampfe der Byzantiner mit den Goten und später mit den Langobarden boten immer wieder Möglichkeiten zu fränkischen Interventionen. So hatten sich schon die Söhne und Enkel Chlodwigs, Childebert I., Chlothar I. und Theudebert I., dann Theudebald, Sigibert I., Childebert II. und einige ihrer Nachfolger mehrmals in den Besitz Ober-Italiens setzen können. Sie hatten entweder selbst oder durch beauftragte Herzöge wie Leuthar, Buccelin, Amingus, Chramnichis, Audwald, Chedin, Uncelin usw. die Unterwerfung erzwingen können, hatten fränkische wie auch alemannische Truppen in den eroberten Gegenden hin- und herschweifen lassen, oft sogar Statthalter eingesetzt, das eroberte Land zumeist aber nur als Ausbeutungsobjekt betrachtet und eine allein in Tributzahlungen sich äußernde fränkische Oberhoheit errichtet [1
Für die Beziehungen der Franken zu Italien in der Zeit vor KARLS DES GROSSEN vgl. den zusammenfassenden Aufsatz von R. HOLTZMANN, Die Italienpolitik der Merowinger und des Königs Pippin Seite 95-132; dazu auch G. LÖHLEIN, Die Alpen- und Italienpolitik der Merowinger im 6. Jh.].
Immerhin war auch in diesen Zeiten schon die Möglichkeit zu einer stärkeren Einflußnahme auf die Geschicke Italiens - besonders Ober-Italiens - durch Zurücklassen und Ansiedeln von Franken und anderen nordalpinen Leuten im eroberten Land gegeben. Fraglich ist nur, ob so etwas tatsächlich vorgekommen ist. Die Quellen, die allerdings spärlich sind, lassen eine bejahende Antwort nicht zu. Daß Franken in den eroberten Gebieten sich festsetzten und siedelten, ist nicht zu bemerken. Sobald Rückschläge und Schwierigkeiten eintraten, verschwanden die Heerführer (duces) mit ihren Leuten wieder aus Italien. Nur Kriegsgefangene aus dem fränkischen Heer werden danach gelegentlich genannt [2
So nennt PAULUS DIACONUS in seiner Langobardengeschichte einen Droctulf ex Suavorum, hoc est Alamannorum, der ca. 575 in Gefangenschaft geriet, sich aber hocharbeiten konnte und als langobardischer Dux eine Rebellion gegen König Autari (584-590) begann (Paul. Diac., Mist. Lang. III, cap. 18 - MG SS r e r. Lang. Seite 101). Der ca. 701 zu seiner Pilgerreise nach Rom aufgebrochene Bonitus, Bischof von Clermont, soll seine mitgenommenen Schätze dazu benutzt haben, um Gefangene loszukaufen (J. ZETTINGER, Berichte über Rompilger Seite 72).].
Seit ca. 670 wichen jedoch die feindlichen Begegnungen zwischen Franken und Langobarden einigermaßen guten Beziehungen. Auch in jenen Jahren kamen Franken nach Italien. Mit den meisten Leuten aus dem Franken-Reich, die dann etwa seit der I. Hälfte des 8. Jahrhunderts in Italien
nachweisbar sind, kann aber kaum eine militärische oder politische Einflußnahne im Sinne der fränkischen Könige beabsichtigt worden sein. Es sind vornehmlich Pilger, die ihren Weg zum Grab des Apostelfürstcn Petrus nahmen und Italicn durchquerten, sowie fränkische Mönche, die in ein Kloster auf italienischem Boden eintraten. Solche Pilgerfahrten nach Rom, die gleich nach der Christianisierung der Franken und Altmannen einsetzten, wurden besonders durch die angelsächsischen Missionare gefördert. Der hl. Bonifatius war selbst dreimal nach Rom gezogen, stets begleitet von einer größeren Zahl von Schülern und Freunden; und immer wußte er sich in seiner Missionsarbeit an den römischen Auftrag gebunden. Bekannt sind die Pilgerzüge des Lullus, des späteren Erzbischofs von Mainz, und der Brüder Willibald und Wynnebald, die mit der Geschichte des Bistums Eichstätt und des Klosters Heidenheim eng verbunden sind. Aus der Marnegegend pilgerte der Einsiedler Corbinian nach Rom; auf seinem Lebensweg kam er bald darauf nach Freising. Vom Kloster Fulda drängte es den hl. Sturmi zu einem Besuch der limina apostolorum. Bischof Bonitus von Clermont hatte schon Jahre vorher denselben Weg eingeschlagen. Aber nicht nur höhere und niedere kirchliche Würdenträger, die in großer Zahl zu nennen wären [3
Vgl. dazu die ausführlidten Zusammenstellungen von J. ZETTINGER, Die Berichte über Rompilger aus dem Frankenreich, wo auch die Belege für die im folgenden genannten Pilgerfahrten zu finden sind.] begaben sich auf den Weg nach Rom, auch der Adel und das gewöhnliche Volk wurden vom Gedanken der Romfahrt ergriffen. "Theodo, der Herzog der Bayern, kam (im Jahre 716) mit andern seines Volkes als der erste seines Stammes zu den Schwellen des hl. Petrus, um dort zu beten" [4 Liber pontif. I Seite 398, ed.Duchesne.]. Aus Alemannien pilgerte 744 eine vornehme Frau namens Beata nach Rom, wobei ihr das Kloster St. Gallen behilflich war [5 WARTMANN, Urkundenbuch der Abtei St. Gallen I Seite 12, nr. 10. Dazu vgl. jetzt R. SPRANDEL, St. Gallen Seite 15ff.]. Bald nach der Mitte des 8. Jahrhunderts begab sich der Dux Hunald von Aquitanien nach Rom [6 Liber pontif. I Seite 441.]. Schon 738, bei seiner dritten Reise über die Alpen, fand Bonifatius eine ganze Kolonie von Franken und Bayern in Rom vor. 742 mußte er sogar an Papst Zacharias schreiben, daß verschiedene „ungebildete Leute der Alemannen, Bayern und Franken" als Pilger zur Zeit des Jahreswechsels in Rom weilten und dort manch üblen Brauch sahen und daß die Berichte darüber die Missionsarbeit zu beeinträchtigen vermöchten [7 TANGL, Die Briefe des hl. Bonifacius nr. 50, in: MG Epist. se1. I Seite 84.]. Die Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulos wurden mit der Zeit sogar so häufig, daß unter den Karolingern schließlich mehrere Capitularien darauf eingehen mußten.
Auch die Beschaffung von Reliquien bedingte damals manche Reise nach Rom und an die frühen Stätten des Christentum [8
W. HOTZELT, Translationen von Martyrerreliquien aus Rom nach Bayern im 8. Jahrhundert.]. Nicht selten begaben sich außerdem Bischöfe aus dem Franken-Reich zu Synoden nach Rom [9 Liber pontif. I Seite 473. - Ostersynode 769.].
Manch eitler der vom religiösen Enthusiasmus über die Alpen Getriebenen blieb dann auch in Italien. Vornehmlich waren dies Mönche [10
Die Häufigkeit von Pilgerfahrten von München nach Italien ergibt sich besonders aus der Regina Magistri cap. I (HOLSTENIUS, Cod. Reg. I Seite 321f.; dazu L. TRAUBE, Zur Textgeschichte der Regina Magistri In: Abhandlungen der Bayrischen Akademie der Wissenschaften XXI [1898] Seite 635).]. Diese traten in bereits bestehende Klöster ein oder gründeten solche neu. Zwei der bedeutendsten Klöster Mittel-Italiens verdanken so fränkischen Mönchen ihre Gründung: Farfa und S. Vincenzo am Volturno. Von langer Pilgerfahrt aus dem hl. Land zurückkehrend, gründete der aus der Maurienne, dem südöstlichen Gallien, stammende Thomas im Gebiet von Acutianum in der Sabina sein Kloster. Und vornehmlich aus fränkischen Mönchen muß sich in der Folgezeit der Konvent zusammengesetzt haben, denn die nächsten fünf Nachfolger des ca. 720 verstorbenen Abtes Thomas entstammten gleichfalls der Maurienne oder Aquitanien [11 Constructio Farfensis, Lectio I und X, in Fonti 33 Seite 3 und 17ff.:
Thomas - Maurigena exortus provincia (
716? oder 720?); Aunepertus - Aquitanea Tolosane civitatis exortacs provmcrt (716-724?); Lucerius - Maurigena ortus provincia (724?-740?); Fulcoaldus - natione Aquitanus, ex nobili ortus prosapia (740?-759?); Wandelbertus - Aquatania ortus, consanguineus quoque prefati Fulcoaldi abbatis (759?-761?); Alanus - regione exortus Aquitania (761?-769?). Vgl. hierzu wie zum Folgenden H. GRASHOFF, Langobardisch-fränkisches Klosterwesen Seite 34ff.]. Auf einen Abt ex Anglorum gente und einen Mann aus der Sabina folgte dann der Ragambadus ... in Gallia civitate ortus, danach Altbertus Parisius civitate exortus Galliarum und schließlich Mauroaldus, natione Francus, Warmatia oriundus civitate [12 Constr. Farf. Lectio XII.]. Das Kloster S. Vincenzo wurde nach der Anregung des Thomas zwar von drei Beneventanern, seinen Schülern, erbaut, doch auch hierher müssen viele fränkische Mönche gekommen sein. Bereits lange vor 774 war der als Schriftsteller hervorgetretene Ambrosius qui et Autbertus, ex Galliarum provincia ortus, hier Mönch geworden. Wenn 781 sodann zehn Mönche, und zwar quinque ex genere Francorum et quinque ex genere Langobardorum, sich für die Treue ihres Abtes Potho verbürgen mußten, so kann man vielleicht daraus entnehmen, daß die Hälfte des Konventes aus Franken bestand [13 MABILLON, Acta Sanctorum o. S. B. III, 2 Seite 234; Cod. Carol. ep. 66 und 67, in: MG Epist. III Seite 593f. - Vgl. dazu das Chron. Volturn. I, ed. FEDERICI, Seite 107ff., 125ff., für Autpert Seite178 und ebenso S. ABEL-B. SIMSON, Karl der Große Seite 465f.]. - Mit Polwald, dem dritten Nachfolger des Thomas in Farfa, kamen auch dessen Mutter und Schwester nach dem Süden. Ihnen übergab Herzog Trasemund von Spoleto das Kloster S. Petri in Classicella (ca. 740) [14 Regesto di Farfa II nr.18, S.30.]. 751 gründete der Dux von Spoleto Lupus das St. Georgskloster bei Rieti für langobardische und fränkische Nonnen [15 Regesto di Farfa II nr. 22, Seite 32.]. Auch der Bischof Moderamms von Rennes muß sich nach einer Pilgerfahrt (717) zum weiteren Aufenthalt in Italien entschlossen haben, wenn ihm tatsächlich König Liutprand die Leitung der Abtei Berceto übertragen haben sollte [16 FLODOARD, Hist. Remensis eccl. I c. 20, in: MG SS XIII Seite 434f., allerdings ohne Angabe seiner Quelle. War auch das Kloster S. Maria in Cinglia, wo Gisulf II. 747 „fremde Nonnen" ansiedelte (TROYA, Cod. dipl. Longob. 4 Seite 250, nr. 604), für Frauen aus dem Franken-Reich bestimmt? - Daß das Kloster Novalese in den Alpen, nordwestlich von Susa, sich stark nach dem FrankenReich ausrichtete (vgl. G. TELLENBACH , Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 43), kann nicht verwundern; scheint es doch schon außerhalb des langobardischen Herrschaftsbereiches gestanden zu haben. Pippin (dep.), Karlmann (768 und 770) und KARL DER GROSSE (773) urkundeten für dieses Kloster als fränkische Könige, und die Langobarden richteten ihre Verteidigung gegen die Lüge Pippins und KARLS doch auch niemals auf der Paßhöhe des Mt. Cenis nordwestlich von Novalese ein, sondern stets an den Klausen von Susa, südöstlich dieses Klosters. Vgl. B M² nr. 76e, 81c, 157d; dazu auch P. DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 200 ff.].
Dieses starke Auftreten von fränkischen Mönchen im italienischen Raum, das schon wie eine „monastische Eroberung (Italiens) vor der politischen" anmutet [17
H. GRASHOFF, Langobardisch-fränkisches Klosterwesen Seite 36.], berechtigt zur Frage, ob nicht mit Hilfe dieser Mönche KARLS DES GROSSEN Eroberung des Langobarden-Reiches vorbereitet wurde. Standen doch auch in den Gebieten nördlich der Alpen die Ausbreitung des Glaubens, die Einrichtung von Klöstern und die Schaffung der kirchlichen Organisation in engem Zusammenhang mit der Ausdehnung der fränkischen Staatsgewalt. Parallelen zu den fränkischen Klostergründungen in Inner-Alemannien, im bayrischen Grenzgebiet, in Sachsen usw., die tatsächlich einen eminent politischen Zweck verfolgten, dürfen hier jedoch wohl nicht gezogen werden. Es ist ja noch immer ein Unterschied, ob ein Land wie Alemannien der Oberhoheit der fränkischen Könige unterstellt war und in dem es nur noch galt, letzte Unabhängigkeitsbestrebungen mit Hilfe der Kirche auszuschalten, oder ob ein Land wie Ober-Italien unter der Herrschaft der von den Franken unabhängigen Langobarden-Könige lebte. Erfolgten doch auch gerade diese Klostergründungen im Zusammenwirken mit den langobardischen Herzögen, nicht im Gegensatz zu ihnen. Dazu ist außerdem zu bedenken, daß auch Angehörige anderer Völkerschaften, bei denen das Streben nach politischem Einfluß im italienischen Raum ausgeschlossen erscheint, vorübergehend oder auch dauernd in Italien lebten und dort in monastischen Belangen neben Romanen, Langobarden, Provenzalen und Franken eine Rolle spielten. Abt Wigbert von Farfa (769?-770?) war Anglorum gente exortus [18 Constructio Farfensis Lectio XlI, Fonti 33 Seite 18]. Das S. Dalmaziuskloster in Lucca verdankte der Adeltruda, Saxa, Dei ancilla, filia Adelwaldi qui fuit rex Saxonum Ultramarino, seine Gründung [19 Mem. edoc. di Lucca V, 2 Seite 107, nr. 186 und Seite 109, nr. 187.]. Der Bischof Donatus von Fiesole war hingegen ex genere Scotorum; er schenkte im Jahre 850 die Kirche S. Brigida zu Piacenza dem Kloster Bobbio und bat, daß im Falle des Durchzuges einiger schottischer Pilger zwei oder drei von ihnen von dem an dieser Kirche eingesetzten Praepositus aufgenommen und verpflegt werden [20 Cod. dipl. di Bobbio, ed. Cipolla, Seite 165, nr. 44. Vgl. dazu R. Davidsohn, Florenz I Seite 82ff.]. Überhaupt sind Pilgerfahrten von „Engländern" nach Rom im 8. Jahrhundert äußerst oft vorgekommen. Wie Beda berichtet, „pflegten viele von dem Volke der Angelsachsen, Hoch und Niedrig, Laien und Kleriker Männer und Frauen, nach Rom zu pilgern" [21 BEDA, Hist. eccles. V, 7 (MIGNE PL XCV Seite 238). Zu den Pilgerfahrten der „Engländer" nach Rom vgl. weiter die bei E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 114, Anm. 1 gegebenen Quellenhinweise sowie bes. W. LEVISON, England and the Continent in the eigth Century Seite 36ff. und W. J. MOORE, The Saxon Pilgrims to Rome, der eine Liste von englischen Rompilgern im 7. und 8. Jh. aufstellt.]. Auch aus Dalmatien und Bulgarien kamen Pilger in den italienischen Raum [22 C. L. BETHMANN, Die Evangelienhandschrift zu Cividale Seite 117 und A. CRONIA, Revision der slavischen Eigennamen im alten Evangeliar von Cividale Seite 8.].
Desgleichen kann die Nachricht darüber, daß im Jahre 725 eine gewisse Ermendruda in Mailand einen aus Gallien gebürtigen Knecht verkaufte, wobei ein Ratchis v(ir) h(onestus) franco als Zeuge zugegen war, wohl kaum als ein Zeichen einer bewußten fränkischen Unterwanderung gewertet werden. Auch wenn man noch das nicht unbestrittene Auftreten von zwei (oder sechs?) alemannischen Zeugen in Campione am Lnganer See (ca. 721-724) in Betracht zieht, reicht das nicht aus, an etwaige bewußte fränkische Bestrebungen denken zu dürfen, Einfluß auf dieses Land gewinnen zu wollen [23
SCHIAPARELLI, Cod. dipl. Longob. I Seite 126, nr. 36 und Seite 235, nr. 81 (= CdL Seite 16, nr. 4 und Seite 133, nr. 73). Zur zweiten Urkunde vgl. G. BARNI, Alamanni Seite 141ff., dessen Tendenz jedoch abzulehnen ist (vgl. oben Seite 14, Anm. 13), und besonders G. P. BOGNETTI, Longobardi e Romani Seite 382, Anm. 2.].
Die endgültige Eroberung Ober- und Mittel-Italiens durch die Franken war erst eine Folge der zu welthistorischer Bedeutung gelangten Verbindung zwischen den KAROLINGERN und dem Papsttum, die sich vor der Mitte des 8. Jahrhunderts anbahnte. Diese Verbindung fand ihren Ausdruck in der Hilfe, die der Papst für Pippin bei der Schaffung des karolingischen Königtums leistete (751). Bedeutsamer wurde sie indessen, als Pippin dafür auf Bitten Papst Stephans II. hin (753/54) in Italien eingriff, in zwei Feldzügen (754 und 756) das langobardische Heer schlug und dem Papst die von den Langobarden zu verhindern gesuchte Bildung eines eigenen Territoriums in und um Rom ermöglichte. Diese Verbindung verstärkte sich schließlich mehr und mehr durch den wachsenden Gegensatz von Papsttum und fränkischem Königtum gegen die Langobarden, als der Langobarden-König von der Bedrängung des Papstes nicht abließ und für den Franken-König unliebsame verwandtschaftliche und politische Beziehungen zum bayrischen Herzogs-Haus knüpfte, ja sich anschickte, in innerfränkische Angelegenheiten einzugreifen.
Die zwei Feldzüge Pippins von 754 und 756 hatten zwar fränkische Siege gebracht, Abt Fulrad von St. Denis hatte die Schlüssel erschiedener von den Langobarden besetzter Städte der Pontapolis in Empfang nehmen und dem Papst übergeben können, und eine Tributzahlung hatte den Langobarden auferlegt werden können, aber fränkische Truppen, Verwaltungsfachleute oder gar Siedler waren auch diesmal nicht im Lande geblieben. Zu einer stärkeren fränkischen Einflußnahme im Sinne des fränkischen Königtums war es noch nicht gekommen. War doch überhaupt ein politisches Vorgehen gegen die Langobarden damals bei vielen fränkischen Großen unbeliebt. Einige von ihnen, mit denen sich Pippin zu beraten pflegte, sollen sich nach dem Bericht Einhards vor den Feldzügen dem Wollen des Königs sogar so sehr widersetzt haben, daft sie offen erklärten, sie würden den König verlassen und vom Heereszug nach Hause zurückkehren [24
EINHARD, Vita Caroli c. 6, Seite 8.]. Das Langobarden-Reich wurde in der Folge häufiger Zufluchtsort für politische Gegner des fränkischen Königs. Schon 612 (oder 613) war dorthin der von König Theuderich aus dem Franken-Reich ausgewiesene irische Missionar Columban mit vielen seiner fränkischen Schüler gezogen. In Bobbio hatte er dann sein von Franken häufig aufgesuchtes Kloster gegründet [25 H. GRASHOFF, Langobardisch-fränkisches Klosterwesen Seite 24ff.]. Auch Pippins Stiefbruder Grifo hatte bereits nach seinen mißglückten Empörungen versucht, nach Italien zu entfliehen, war allerdings von fränkischen Grenzgrafen getötet worden (753). Desgleichen hatte sich ca. 750 schon Pippins Bruder Karlmann, der Macht entsagend, in ein italienisches Kloster zurückgezogen [26 Zu Grifo vgl. BM² nr. 73b, zu Karlmann, der erst auf dem Monte Soracte, später in Montecassino lebte und der offenbar die Politik Pippins nicht billigte, vgl. BM² nr. 53a-f und R. HOLTZMANN, Italienpolitik Seite 127f.]. Nun war es KARLS DES GROSSEN Schwägerin Gerberga, die nach dem Tode König Karlmanns sich sofort zu (ihrem Vater) König Desiderius nach Pavia zurückzog. Von den fränkischen Großen, die sich in nicht geringer Zahl unter den Schutz der Langobarden begaben, ist besonders der Graf Autgar bekannt, der zu Zeiten König Pippins mehrmals an Gesandtschaftsreisen nach Rom beteiligt war. Er setzte sich 773/74 sogar mit den Langobarden gegen das in Italien einrückende Heer KARLS DES GROSSEN zur Wehr [27 Vgl. BM² nr. 142a und nr. 158d.].
Durch die vor 774 in Italien lebenden Franken, vornehmlich Mönche und politische Gegner des fränkischen Königs, war also KARLS DES GROSSEN Eroberung des Langobarden-Reiches (773/74) in keiner Weise besonders günstig vorbereitet. Die Italienpolitik KARLS mußte allein vom Franken-Reich her geplant und betrieben werden. Die im Codex Carolinus überlieferten Briefe zeigen recht deutlich, mit welcher Sorgfalt man am Hofe Pippins und danach KARLS DES GROSSEN die Ereignisse in Italien verfolgte. Die auch sonst in der fränkischen Politik führend hervorgetretenen Großen wie der Abt Fulrad von St. Denis, die Brüder König Pippins - Hieronimus, Bernhard und Remedius von Rouen -, die Abte der berühmten Königsklöster St. Martin in Tours, Murbach und Jumieges sowie verschiedene dem König nahestehende Bischöfe, Grafen und Adlige wurden in diesem Zusammenhang immer wieder zu Missionen nach Rom herangezogen. Eine genaue Kenntnis der politischen Situation, der örtlichen Verhältnisse und der führenden langobardischen Schichten muß damit an den fränkischen Hof gelangt sein [28
Vgl. G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 44f.]. - Der Hinweis auf diese Persönlichkeiten, die Pippin und KARL DEM GROSSEN als „Experten der fränkischen Italienpolitik" zur Verfügung standen, führt uns bereits zu dem neuen Abschnitt hin, der uns - in der Zeit nach 774 - nun nicht mehr hauptsächlich fromme Pilger und Mönche, sondern eine ganz andere Gruppe von nordalpinen Zuwanderern in Italien, vornehmlich Leute in hochpolitischer Funktion, zeigen wird.