IV.
                                                         DIE ZUWANDERER UND IHRE NACHKOMMEN
                                                         IN DER ZEIT LETZTEN KAROLINGER
                                                         UND DER SOGENANNTEN
                                                         NATIONALITALIENISCHEN KÖNIGE

Am 12. August 875 verstarb Kaiser LUDWIG II. in der Gegend von Brescia, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, die im Kaisertum und in der Herrschaft über Italien nachfolgen konnten. Für Italien brach damit eine Zeit starker politischer Unruhe und größter Wirrnisse an [1
  ANDREAS VON BERGAMO schrieb damals: Post cuius (sc. Ludovici II.) obitum magna tribulatio in Italia advenit; MG SS rer. Langob. Seite 229.]. Diese Wirren kennzeichnen den gesamten Verlauf der italienischen Geschichte der Zeit von 875 bis 962 [2 Aus diesem Grunde und auch wegen der völlig veränderten Stellung des Adels, der nunmehr auf der Basis eines reichen Familienbesitzes und weltverzweigter Familienbeziehungen den Ablauf der Ereignisse in weitestem Maße mitbestimmte, darf auch dieser Zeitabschnitt als ein innerlich zusammengehörender betrachtet und behandelt werden.].
Ober die Nachfolge im regnum Italiae nach LUDWIG II. hatte die Kaiserin Angilberga bereits drei Jahre vorher Verhandlungen geführt: mit Ludwig dem Deutschen war sie im Frühjahr 872 wegen dieser Angelegenheit in Trient zusammengekommen, KARLDER KAHLE jedoch war im gleichen Jahr einer ähnlichen Unterredung ausgewichen. Und 874 bei einem Zusammentreffen zwischen Kaiser LUDWIG II. und Ludwig dem Deutschen in der Gegend von Verona scheint dasselbe Problem noch einmal behandelt worden zu sein. Welche definitiven Beschlüsse im Augenblick des Ablebens des Kaisers gültig waren, steht allerdings nicht fest. Doch hat es den Anschein, als sei Ludwigs des Deutschen Sohn Karlmann für die Nachfolge ausersehen gewesen [3
Vgl. BM² nr. 1254a,1263b,1275a und 1512a; im Diplom vom 16. Oktober 877 für Casauria (MG DD reg. Germ. ex stirpe Karol. I Seite 289, nr. 4) spricht König Karlmann von LUDWIG II. als demjenigen, qui nobis regnum istud disposuerat.]. Dennoch war zunächst König KARL DER KAHLE aus dem West-Franken-Reich der erfolgreichere Bewerber. Und das war er nicht allein wegen der größeren Skrupellosigkeit, mit der er ans Werk ging, und auch nicht nur dank der Unterstützung, die er vom Papst und der römischen Nobilität erhielt [4 Libellus de imperati potestate Seite 206: Romani pontifices semper per oratores litteras mittebant invitatorias ad Carolum Calvum regem Francorum, invitantes cum clam ... Vgl. weiter den Brief Hadrians II. an KARL DEN KAHLEN von 872 - MIGNE PL 122 S. 1319: numquam aquiescemus, exposcemus auf sponte suscipiemus alium in regnum et in imperium Romanorum nisi te ipsum. - Zur Einladung KARLS DES KAHLEN durch Johann VIII. und die römische Nobilität vgl. neben BM² nr. 1512a auch E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches II Seite 3]. Er war erfolgreicher auch deshalb, weil sich der Großteil der Adligen Ober-Italiens für ihn entschied. 875 wird zum ersten Mal allgemein ersichtlich, welches Ansehen und welche Bedeutung die Großen in der Zeit LUDWIGS II. bereits gewonnen hatten.
KARL DER KAHLE hatte sogleich nach Erhalt der Kunde vom Tode LUDWIGS und nach dem Eingang der päpstlichen Einladung, nach Rom zu kommen, einen Italienzug vorbereitet und angetreten. Durch Angilberga war die Todesnachricht wohl zur gleichen Zeit auch an Ludwig den Deutschen gelangt. Dazu hatte die Kaiserin-Witwe auch eine Versammlung der maiores nati Italiens nach Pavia zur Beratung der Nachfolgefrage einberufen [5
Andreae Bergom. Historia cap. 19, MG SS rer. Langob. Seite 229f. Vgl. auch E. DÜMMLER, a. a. O. Seite 387 f., und BM² nr. 1512a.]. Offenbar wußte sie, daß einige Große mit der von ihr angestrebten ostfränkischcn Lösung nicht einverstanden waren, und mußte auf diese Leute Rücksicht nehmen. Die Versammlung, die im September 875 zusammentrat, endete dann auch mit einem pravum consilium, quatenus ad duo(s) mandarent regi (= reges), id est Karoli in Francia et Hludovici in Baiouria [5a Andreae Bergom. Historia, a.a.O.]. Zwei Parteiungen standen einander gegenüber, und die Kaiserin-Witwe vermochte dabei nicht mehr, ihrer Ansicht und den Abmachungen LUDWIGS II. volle Anerkennung zu verschaffen. Sicherlich spielte dabei eine seit langem schwelende oppositionelle Haltung gegen die wegen ihrer Herrschsucht und Überheblichkeit bei vielen unbeliebte Kaiserin eine starke Rolle [6 Die Abneigung der Großen gegen Angilberga wurde bereits 872 evident. Damals versuchten sie, LUDWIG II. von Angilberga zu trennen und mit einer Tochter des Grafen Winigis von Siena, einer Dame wiederum fränkischer Abkunft, zusammenzubringen; vgl. Ann. Bertin. ad 872, Seite 120. Zu Winigis und seiner fränkischen Abkunft vgl. die folgenden Urkunden: MURATORI, Antiqu. Italicae V Seite 513 (= MURATORI, Ann. Camald. I, App. Seite 20, nr. 6) von 867/Febr.; PIZZETTI, Antichita Toscane 11 Seite 339 (= LISINI, Inventario Seite 494) von 867/...; Chron. Casaur., MURATORI, Script. II, 2 Seite 928 von 860/März; Mem. e doc. di Lucca IV, 2 App. Seite 64, nr. 51 und V, 2 Seite 466, nr. 775 von 865/April; MURATORI, Antiqu. It. I Seite 935 von 870/ ...; MG DD Karl III. Seite 51, nr. 31 von 881/März; MIRATELLI, Ann. Camald. I, App. Seite 25, nr. 7 (= Schneider, Regestum Senense Seite 3, nr. 7) von 881/April.]. Aber auch die Frage, zu welchem Reichsteil die italienischen Magnaten die stärkeren Bindungen behalten hatten, dürfte hier mitentscheidend gewesen sein. Scheinen doch die Großen des östlichen Ober-Italiens zusammen mit Angilberga für die ostfränkische und die anderen für die westfränkische Lösung gewesen zu sein [7 Das darf man wohl daraus schließen, daß ANDREAS VON BERGAMO (MG SS rer. Langob. Seite 230) von den homines, qui se ad Carlito (= KARL III.) coniunxerunt, folgendes schreibt: hoc est Beringherio (= Markgraf Berengar von Friaul) cum reliquis multitudo. Anzunehmen ist auch, daß Suppo II., Arding I. und Egifred, die vornehmlich in der Gegend von Parma und Brescia begüterten Brüder der Kaiserin Angilberga, zunächst zu den quibusdam de primoribus ex Italia ad Karolum calvum non venientibus (Ann. Bertin. ad 875, Seite 127) gehörten. Angilberga war jedenfalls eindeutig für den ostfränkischen Bewerber; vgl. E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches II² Seite 388 f., 402 und III² Seite 48 sowie BM² nr. 1512a-b und 1513a. - Auch zog sich der bald darauf bis nach Mailand vorgedrungene KARL III. schnell über Bergamo nach Verona zurück.]. - Während jedoch noch in Pavia beraten wurde, war KARL DER KAHLE bereits auf dem Wege nach Italien. Schon am 29. September konnte er in Pavia urkunden; die pars maxima multitudo eiusdem provintiae eum (sc. Karolum calvum) cum pace excepit [8 Vgl. BM² nr. 1512b (= TESSIER, Recueil des actes de Charles le Chauve II [1952] Seite 358, nr. 383) und Ann. Vedast. ad 875, Seite 40; vgl. auch Ann. Bertin. ad 875, Seite 127.]. Die von ihrem Vater Ludwig dem Deutschen nacheinander nach Italien abgesandten Brüder KARL III. und Karlmann fanden Unterstützung nur bei BERENGAR VON FRIAUL und dessen Anhang [9 Vgl. Anm. 7.]. Alle weiteren Bemühungen der Ost-Franken waren dadurch zum Scheitern verurteilt. Diese können nur ein Abkommen über eine Vertagung der Entscheidung bewirken. KARL DER KAHLE benutzt jedoch diese Zeit, um nach Rom zu ziehen und die Kaiserkrone zu gewinnen (25.XII.875). Damit ist die Entscheidung gefallen. Als KARL von Rom zurückkehrt, wird er von den Großen Italiens in Pavia nun auch offiziell zum König des regnum ltalicum erhoben. Selbst die Brüder Angilbergas scheinen jetzt dem West-Franken gehuldigt zu haben [10 Da das Wahldekret erhalten geblieben ist, kennt man die Namen derjenigen Magnaten, die die päpstliche Krönung ausdrücklich anerkannten und KARL DEN KAHLEN nochmals zum Herrn Italiens erwählten. Unter diesen finden sich auch Arding und Suppo, die Brüder Angilbergas.]. Nur BERENGAR VON FRIAUL dürfte noch eine Zeitlang in der Opposition gegen KARL DEN KAHLEN verharrt haben [11 Er kam im Februar 876 nicht wie die meisten Großen Ober-Italiens nach Pavia. Seine Unterschrift findet sich nicht unter den damals dort ausgefertigten Urkunden (MG Capit. II Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221). Auch im Frühsommer 877 waren die Bischöfe des Machtbereiches BERENGARS bei der Synode in Ravenna, auf der Papst Johann VIII. KARL DEN KAHLEN nochmals als Kaiser verkünden und preisen ließ (Mansi Conc. coll. XVII Seite 337, App. 117 - Ann. Bertin. ad 877, Seite 135f.), nicht zugegen. Allerdings scheint BERENGAR in ein besseres Verhältnis zu KARLS DES KAHLEN Stauhalter Boso gelangt zu sein. Berengarii, Everardi filii, factione (Ann. Bertin. ad 876, Seite 128) gelang diesem ja die Entführung Ermengardas, der Tochter Angilbergas und LUDWIGS II.; vgl. P. HIRSCH, Erhebung Berengars Seite 119.].
So hatte der Hauptteil der Großen Italiens mit der Ablehnung der Abmachungen LUDWIGS II. und der Opposition gegen Angilbergas Pläne die Entscheidung in der Nachfolgefrage mit beeinflußt. Die Parteinahme der Mehrzahl jener Magnaten hatte den rasch herbeigeeilten West-Franken gestärkt und die Vertreibung der ostfränkischen Streitmacht ermöglicht. Daß ihre Haltung in der Lösung der Nachfolgefrage 875 einen gewichtigen Faktor dargestellt hatte, sollte zwei Jahre später noch einmal deutlich werden. Die Großen Italiens versagten 877, als der Ost-Franken-König Karlmann erneut mit Truppen in Italien einrückte, KARL DEM KAHLEN ihre Hilfe und unterstützten nun vielmehr Karlmann. Ob sie diesen von vornherein als den Stärkeren ansahen, oder ob KARL DER KAHLE ihnen irgendeinen Anlaß zur Verärgerung und zum Abfall gegeben hat, ist nicht überliefert. Ihr Schritt aber bedeutete KARLS DES KAHLEN Flucht und Ende [12
Andreae Bergom. Historia cap.20, MG SS rer. Langob. Seite 230: Karolus Imperator ... audivit, quod Karlomannus, Hludovici filius, contra cum veniret. Cumque exercitum suum adunare vellet et cum eo bellum gerere, quidam de suis, in quorum fidelitatem maxime confidebat, ab eo defecti, ad Carlemannum se coniungeba(n)t. Quod ille videns, fugam iniit et Galliam repedavit statimque in ipso itinere mortuus est. ANDREAS schreibt als Zeitgenosse. Die Ann. Fu1dens. ad 877, Seite 90, äußern schlicht: Carlemannus optimales Italiae ad se venientes suscepit. Allerdings wurde die Wirkung des Abfalls der oberitalienischen Großen noch dadurch verstärkt, daß der westfränkische Adel in diesem Augenblick KARL DEM KAHLEN Gefolgschaft und Waffenhilfe verweigerte. Imperator exspectavit primores regni sui, Hugonem abbatem, Bosonem, Bernardum Arvernicum comitem itemque Bernardum Gothiae markionem, quos secum iIre iusserat; qui una cum aliis regni primoribus, ezceptis paucis, et episcopis adversus cum conspirantes coniuraverunt. Et comperiens eos non venturos, ist audierunt ipse et papa Johannes appropinquare Karlomannum, Imperator fugam arripuit (Ann. Bertin. ad 877, Seite 136). Daß der von ANDREAS VON BERGAMO berichtete Abfall der Großen nicht die Unterstützungsverweigerung der westfränkischen Edlen war, sondern einen Abfall der italienischen Großen darstellt, geht schon daraus hervor, daß die westfränkischen Großen gar nicht mehr nach Italien kamen (eos non venturos), ANDREAS aber ausdrücklich vom Übergang der Abtrünnigen zu dem nach Italien gekommenen Karlmann spricht. Daß die Großen Ober-Italiens KARL DEM KAHLEN ihre Hilfe verweigerten, ist auch aus dem Imperator videns non habere ende ei (sc. Karlomanno) resistere der Ann. Vedast. ad 877, Seite 42, zu erschließen.].
Die Namen der italienischen Großen, die hier zum ersten Male auf das deutlichste durch ihre Gesinnungsänderung die realen Machtverhältnisse wandelten, sind nicht bekannt. Wenn jedoch König Karlmann darauf seine volle Gunst dem Grafen Suppo (II.) schenkte, dem Sohne des schon einmal erwähntcn Grafen fränkischer Abstammung Adelgis von Parma, dann wird man nicht fehlgehen, wenn man in ihm einen der Hauptakteure des Umschwunges vermutet. Auch Markgraf Berengar von Friaul scheint seinen Anteil daran gehabt zu haben.
Zur Festigung der Position der Grafen und Markgrafen trug in der Folgezeit besonders bei, daß König Karlmann von einer Seuchenkrankheit befallen wurde und, zu einer weiteren intensiven Regierung außerstande, Italien der ungehinderten Machtausübung der Großen überlassen mußte. Übergriffe der Grafen, die jetzt viel skrupelloser und hartnäckiger als früher an der Gewinnung einer starken Machtposition, an der Arrondierung ihrer Verwaltungsbereiche und Privatbesitzungen interessiert waren, nahmen in erschreckender Weise zu. Grafen wie Liutfrid II. und Odelrich von Asti rissen Güter der Kaiserin Angilberga an sich, Graf Cunibert besetzte in den Cottischen Alpen gelegene Güter des Hl. Petrus. Exkommunikationsdrohungen des Papstes für den Fall der Rückgabeverweigerung blieben unbeachtet [13
Vgl. die Skizzen Odelridi I., Liutfrid II. und Cunibert im Speziellen Teil, dazu JAFFE, Regesta nr. 3245, 3297-3302.]. Noch im Februar 882 mußten sich die Bischöfe von Verona, Cremona, Bergamo, Luni und Arezzo de pluribus sibi illatis superstitionibus et iniustis oppressionibus a seculari et publica potestate beschweren [14 Vgl. MG DD Kar1 III. Seite 81-90, nr. 49-54.]. Die Markgrafen Lambert von Spoleto und Adelbert von Tuszien bedrängten in Fortführung ihrer Politik wie unter Kaiser LUDWIG II. den Papst in Rom. König Karlmann mochte das sogar gern gesehen haben, weil der Papst in diesem Augenblick wieder an eine westfränkische Lösung der Nachfolgefrage nach dem erwarteten Tode Karlmanns dachte, selbst die Mühen einer Reise nach West-Franken nicht scheute und schließlich den Herzog Boso von der Provence, der die Kaiser-Tochter Ermengarda geraubt und geheiratett hatte, offen begünstigte [15 BM² nur. 1532a und Ann. Fuldens. ad 878. Seite 91f.]. Wenn Boso damals die italienische Königs- und auch die Kaiserkrone nicht erlangte, so lag das allein am Widerstand der italienischen Großen. Der Papst hatte die Mächtigcn Italiens bereits zu seinem und Bosos Empfang an den Mont-Cenis bestellt, hatte sie darauf sogar zu einer Unterredung nach Mailand gerufen; aber der Graf Suppo II., dessen Stimme in dieser Stunde wohl am bedeutungsvollsten war, die Kaiserin-Witwe Angilberga, die immer noch Ansehen und Anhang hatte, und der Erzbischof Ansbert von Mailand lehnten ab. Auch BERENGAR VON FRIAUL konnte nicht gewonnen werden. Der schon bis nach Pavia gekommene Boso mußte umkehren. Pro delitate senioris (sui) erfolgte nach der Vermutung Johanns VIII. die Zurückweisung der Pläne des Papstes und Bosos durch Suppo II. [16 MG Epist. VII Seite 110, nr. 121, und W. MOHR, Boso von Vienne und die Nachfolgefrage Seite 152.]. Die Großen waren offenbar noch nicht gewillt - und darin scheinen sich alle einig gewesen zu sein -, einen Herzog, das heißt einen Ranggleichen, und dazu einen Nicht-KAROLINGER zu ihrem König erheben zu lassen, solange es noch eine karolingische Königs-Dynastie gab.
Die Nachfolge in der italienischen Herrschaft fiel König Karlmanns Bruder KARL III. zu, zu dessen Gunsten Karlmann - nach päpstlicher Vermittlung - verzichtete. In Ravenna, wo eine Reichsversammlung zusammentrat, an der Papst Johann VIII., der Patriarch von Aquileja, der Erzbischof von Mailand omnesque episcop(i) et comites seu reliqu(i) primores ex Italia teilnahmen, wurde er (am 6. Januar 880) zum König für Italien bestellt [17
Vgl. BM² nr. 1547a, 1588a-1591a und Erchanberti Contin., MG SS II Seite 329.]. Für KARL III. konnte man sich also entscheiden, für Boso nicht [1818 Dennoch erachtete KARL III. eine Gefährdung von Seiten Bosos nicht gering. Er verbannte die Kaiserin-Witwe Angilberga, die bislang immer die ostfränkischen KAROLINGER begünstigt hatte, nun aber nach dem Raub ihrer Tochter (vgl. oben Anm. 11) doch ihrem Schwieger-Sohn Boso Gunst entgegenzubringen schien, nach Schwaben (vgl. Ann. Bertin. ad 882, Seite 153; MG Epist. VII Seite 236, nr. 268, Seite 255, nr. 293, Seite 267 nr. 309; BM² nr. 1609a und 1635a).]. Den Einfluß der Großen, den diese seit einiger Zeit in zunehmendem Maße gewonnen hatten, vermochte KARL indessen nicht mehr zurückzudrängen. Er mußte vielmehr zu allen Regierungshandlungen in Italien ihren Rat, wenn nicht gar ihre Zustimmung einholen. Die Großen Italiens waren nicht nur bei Kaiserkrönung KARLS III. in Rom, im Februar 881, zugegen, sie nahmen auch an den Beratungen teil, zu denen KARL III. im Februar 882 mit Papst Johann VIII. in Ravenna zusammenkam; mit ihnen beriet KARL auch im Mai 883 in Verona und im Januar 885 in Pavia [19 Vgl. BM² nr. 1609a und die auf dem Rückwege von Rom in Siena ausgestellte Urkunde (MG DD Karl III. Seite 51, nr. 31) mit den Namen der mit nach Rom gezogenen oberitalienischen Großen, weiterhin BM² nr. 1627b, 1656b und 1691 f.].
So ist es klar, daß das Ansehen, die Macht und der Einfluß der Großen Italiens seit dem Tode LUDWIGS II. in einer wirklich spürbaren Weise anwuchsen. Der schnelle Wechsel der Herrscher nach 875 hatte ihr Gewicht in der Politik immer mehr verstärkt. Sie hatten bereits eine derartige Eigenständigkeit erlangt, daß unter anderem der spoletinische Herrschaftsbereich des Markgraften Wido 883 als regnum Widonis bezeichnet werden konnte [19a
Ann. Fuldens. ad 883, Seite 110.] Und mußte auch KARL in vollem Maße verspüren, als er 883 den Markgrafen Wido von Spoleto und andere Edle nach der Beschwerde des Papstes absetzte, sie der Lehen beraubte, die schon ihre Väter, Großväter und Ur-Großväter innehatten, und diese multo vilioribus personis gab. Animos optimatum regionis illus (sc. Italiae) contra se concitavit. Es mußte allen Großen sehr gefährlich für ihren eigenen Besitzstand erscheinen, daß nun Benefizien, die durch mehrere Generationen hindurch in einer Familie gleichsam weitervererbt worden waren, nach Anschuldigungen einfach eingezogen werden konnten. Blieb es jedoch bei den meisten Grafen bei der Erregung, so nahmen die Betroffenen selbst die Absetzung nicht ohne weiteres hin. Quod illi graviter ferentes pari intentione contra eum (sc. Karolum) rebellare disponunt. Der von KARL III. nach Spoleto gegen die Rebellen entsandte BERENGAR VON FRIAUL mußte ohne sichtbaren Erfolg zurückkehren. Der geplante Einsatz von Truppen aus Bayern scheint dagegen nicht erst versucht worden zu sein. Unbesiegt mußten WIDO und die Seinen 885 wieder in Gnaden aufgenommen werden [20 Ann. Fu1dens. ad 883, Seite 100 und Seite 110; ad 885, Seite 113. - Vom Aufgebot der Bayern gegen WIDO berichten die Ann. Fu1dens. ad 884, Seite 110: Inde edictum est Baiowarios ad Italiam contra Witonem belligera manu proficiscere.].
Wie Boso von der Provence, der sich nach seinem mißglücken italienischen Abenteuer 879 in seiner Heimat zum König aufwarf, nicht mehr mit Waffengewalt zur Unterordnung und zur Anerkennung KARLS III. gezwungen werden konnte, obgleich der Kaiser ihn selbst bekriegte und dann durch den italienischen Grafen Berard [21
Zu Boso vgl. R. POUPARDIN, Le royaume de Provence Seite 97ff. Zu Berard siehe Näheres im Spezieller Teil; es dürfte sich hier doch wohl um den Sohn des Markgrafen Bonifaz von Tuszien, nicht den gleichnamigen Sohn des Grafen Winigis von Siena handeln, den man aus zwei Urkunden (MITARELLI, Ann. Camaldul. I, App. Seite 25, nr. 7, und LISINI, Inventario Seite 498, mit .. aedova dcl fu Bernardo conte" statt relicta qd. Berard id. comes des Originals) kennt.] bekämpfen ließ, so war auch die Ausschaltung des Grafen von Spoleto nicht mehr möglich. Dessen Verankerung in Mittel-Italien war bereits zu weit fortgeschritten. Die Stellung der Grafen und Markgrafen Italiens ist nun vollständig gefestigt. Sie konnte auch dann nicht mehr eingeschränkt werden, als KARL III. 885 noch die Huldigung der westfränkischen Großen entgegengenommen hatte, das ganze KARLS-Reich noch einmal in seinen Händen vereinte und nach einer Erneuerung der Herrschaftsgewalt KARLS DES GROSSEN zu streben schien. Die Stärksten unter den Großen hatten bereits eine unabhängige, fast königsgleiche Stellung erreicht. Für sie war mit dem Jahre 888, als sie die Nachricht von der Absetzung KARLS III. in Tribut durch Herzog Arnulf von Kärnten und die Meldung von dem bald darauf eingetretenen Tode KARLS erreichte, der Zeitpunkt gekommen, die Geschicke Italiens in ihre eigene Hand zu nehmen.
Daß dieser Entschluß nur neue Wirrnisse heraufbeschwören mußte, war bei der bestehenden Machtverteilung nicht verwunderlich. Suppo II., der
auf Grund seiner Stellung unter den letzten KAROLINGERN am ehesten die Macht über Italien in seinen Händen hätte vereinigen können, war schon verstorben. Die Mächtigen standen nun in den Randgebieten des italienischen Reiches: BERENGAR in der Markgrafschaft Friaul,
WIDO in der Mark Spoleto. Sie hatten sich 883 im Kampf schon als gleichstark erwiesen. Für sie galt in besonderem Maße, was REGINO VON PRÜM für die Mächtigsten unter den Großen in allen Teilen des großen KARLS-Reiches im Jahre 888 feststellte: „sie waren gleich an Vornehmheit des Geschlechtes, Würde und Macht; keiner überstrahlte den anderen so sehr, daß einer sich dazu verstanden hatte, der Hoheit des anderen sich zu unterwerfen." So mußte auch hier wieder die Parteinahme der übrigen Grafen und Markgrafen entscheiden. Wer aber waren diese entscheidenden Großen? Waren es immer noch die Fremdlinge, oder änderte sich in diesem Augenblick das Adelsgefüge zugunsten alter langobardischer und romanischcr Geschlechter?
Einer sehr geläufigen Auffassung zufolge, nach der „nationale Zersplitterung und Fremdherrschaft dir Stigmata der äußeren Geschichte Italiens" vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert waren, hatte Italien nur zweimal die Möglichkeit einer eigenständigen Entwicklung: in der Zeit vom Verfall der karolingischen bis zum Beginn der ottonischen Herrschaft und in den Jahrzehnten der Renaissance [22
Vgl. zuletzt M. SEIDELMAYER, Geschichte des italienischen Volkes und Staates Seite 2f., und besonders G. FASOLI, I re d'Italia Seite VII.]. In diesen Jahrzehnten sei es jeweils frei von Fremdherrschaft gewesen, dafür habe sich aber leider die politische Zersplitterung umso unheilvoller bemerkbar gemacht. In der Tat fiel mit dem Tode KARLS III. zwar der auch in den Gebieten nördlich der Alpen residierende gemeinsame König weg. Bedeutete das aber auch, daß die nunmehr mächtig gewordene fränkisch-alemannische Adelsschicht verschwand, daß die bisherigen Träger der „Fremdherrschaft" mit dem nordalpinen König abzogen? Oder wurden die nach Italien gekommenen Franken, Alemannen usw. in diesem Augenblick gar nicht mehr als Fremdkörper in der romanisch-gotisch-langobardischen Mischbevölkerung Ober-Italiens empfunden? Waren sie in den Vorgang des Werdens des italienischen Volkes so weit hineingewachsen, daß man sie nicht mehr als Fremdlinge anzusprechen hat? Diese Fragen verdienen nicht zuletzt dadurch, daß sie in den großen, viel erörterten Problemkreis des Werdens der italienischen Nation gehören [23 Hierzu vgl. besonders die beiden Aufsätze „Die Entstehung der italienischen Nationalität", und „Das Werden des italienischen Nationalgefühls" von W. GOETZ in seiner Aufsatzsammlung: Italien im Mittelalter, Band I.], besondere Beachtung.
Daß die fränkisch geprägte Führungsschicht Ober-Italiens nicht mit der KAROLINGER-Herrschaft verschwand, zeigen die Untersuchungen zur herkommensmäßigen Zusammensetzung der Führungsschicht Ober-Italiens [24
Vgl. unten Seite 98ff.]. Wie zu Zeiten KARLS DES GROSSEN, LUDWIGS DES FROMMEN, LOTHARS I. und LUDWIGS Il. waren auch unter den letzten KAROLINGERN und in der Zeit der sogenannten nationalitalienischen Könige die wichtigsten Positionen in den Händen von nordalpinen Zuwanderern oder deren Nachkommen. Fränkischer Herkunft waren die Könige, die nach den KAROLINGERN von 888 bis 962 in Italien regierten - wie BERENGAR I., WIDO und LAMBERT, Rudolf von Hoch-Burgund, Hugo von Arles und Lothar, Berengar II. und Adalbert. Den nordalpinen Landen entstammte bzw. zu den Nachkommen eingewanderter Adliger zählte nachweislich auch der Großteil der zur Führungsschicht in dieser Periode gehörenden Männer. Es kann hier darauf verzichtet werden, die Namen der Großen nordalpiner Abkunft einzeln aufzuzählen. Die summarische Feststellung mag genügen: von ca. 96 Grafen und Markgrafen Ober-Italiens, deren Wirken man in dieser Periode feststellen kann, entstammten 74 nachweislich nordalpinen Familien. Von 16 weiteren Grafen ist wegen der Spärlichkeit der Überlieferung eine Herkommensangabe nicht mehr beizubringen. Sicherlich wird aber auch bei ihnen zum größten Teil Abkunft von nordalpinen Familien vorliegen. Denn aus dem romanischen Bevölkerungselement Ober-Italiens stammende Grafen gibt es auch jetzt noch nicht, und den 7 Langobarden, die als Grafen feststellbar sind, scheint dazu der Aufstieg nur durch Ausnutzung besonders günstiger politischer Situationen gelungen zu sein. Indem sie in den politischen Krisenjahren (921,926,945,961) klug die für die Zukunft stärkere Partei erkannten, diese nach Kräften unterstützten und sich deshalb die Gunst der jeweils neuen Herren erwarben, sicherten sich diese Leute - Giselbert I. von Bergamo und sein Sohn Lanfranc, Raginerius von Piacenza, Ragimund von Reggio, Otbert I., der Stammvater der ESTE, und Adalbert-Atto, der Stammvater der später so bedeutenden Herren von Canossa, und ebenso wohl auch Teudald - ihre Karriere. Zunächst war aber an das Aufsteigen langobardischer Geschlechter noch nicht zu denken.
Wie aber steht es mit der Vorstellung, daß die zunehmende Verwurzelung der fränkischen und alemannischen Adligen und Vasallen in ihren neuen Heimatbereichen mit einer vollständigen Angleichung an die romanische und bereits stark romanisierte langobardische Bevölkerung Hand in Hand ging? Waren die Zuwanderer tatsächlich schon vollständig in der romanisch-langobardischen Mischbevölkerung, die damals zur italienischen Nation zu verschmelzen begann, aufgegangen? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen läßt sich nur durch eine eingehende Betrachtung des Verhältnisses der Zuwanderer und ihrer Nachkommen zu ihrem neuen Wirkungskreis wie auch zu ihrer Heimat gewinnen. Sie wird positiv ausfallen müssen, wenn festzustellen ist, daß sich die eingewanderte und nunmehr erstarkte Führungsschicht in ihren Interessen auf den italienischen Raum beschränkte. Sind die Zuwanderer bzw. ihre Nachkommen aber noch zu der Zeit in engen Beziehungen zu ihrer Heimat nachweisbar, in der die Herrschaft der KAROLINGER über Italien längst zu Ende gegangen war und die einzelnen Teile des KARLS-Reiches auseinanderzustreben begonnen hatten, so wird man kaum von einer schon vollständigen Eingliederung sprechen dürfen.
Gewiß war der Prozeß der Assimilierung der Zuwanderer an das Romanentum und das bereits stark romanisierte Langobardentum im guten Fortschreiten. Denn wie hätte sonst BERENGAR VON FRIAUL, ein Sohn des unter LOTHAR I. nach Italien gekommenen UNRUOCHINGER Eberhard, von seinem anonymen Verherrlicher schon als echter Einheimischer betrachtet werden können? [25
Vgl. E. DÜMMLER, Gesta Berengarii Seite 16. Zu dieser Quelle, in der immerhin ein Stück Patriotismus liegt, schreibt aber W. GOETZ, Italien im MA I Seite 74f.: „Dieses zwischen 915 und 924 entstandene Gedicht stammt wohl von einem Grammatiker, der sich den Dank BERENGARS verdienen wollte; italienisch, dem neuen Volkstum entsprechend, ist kaum etwas in diesem Gedicht. Es ist im Geiste altrömischer Erinnerungen geschrieben ... (Der Dichter) ist ein später Römer, nicht aber ein neuer Italiener."] Scheint es doch auch verschiedenen Großen fast nur um die weitere Stärkung ihrer italienischen Machtpositionen gegangen zu sein [26 Vgl. etwa das Kapitel: De principibus qui res sancti Columbani invaseraant der Mircacula sancti Columbani, MG SS XXX, 2 Seite 1001, und die Schrift Bischof ATTOS VON VERVELLI: Polipticum quod apellatur perpendiculum, wo unter Verzicht auf Anführung exakter Einzelheiten und Nennung von Personennamen das Macht- und Besitzstreben der Großen und die verhängnisvollen Folgen gewaltsamer Herrschaft in schneidender Schärfe erörtert werden; zur Erklärung vgl. J. SCHULTZ, Atto von Vercelli; St. Banner, Atto von Vercelli und sein Polipticum; am besten jedoch P. E. SCHRAMM, Studien zu frühmittelalterlichen Aufzeichnungen über Staat und Verfassung Seite 180ff. In diesem Zusammenhang verdient auch der erst neulich bekannt gewordene Heiratsplan Bertas von der Toskana mit dem Kalifen Muktafi in Bagdad Beachtung; vgl. G. LEVI DELLA VIDA, La corrispondenza di Berta di Toscana Seite 21ff.]. Aber noch immer bekannten die meisten dieser Leute bei der Abfassung von Urkunden, ex genere francorum oder alemannorum zu sein; sie zogen noch nicht die später übliche unverbindlichere Erklärung iuxta legem salicam vivere vor. Noch waren Mischehen zwischen eingewanderten Franken und Langobarden bzw. Romanen selten [27 Vgl. oben Seite 45, Anm. 79, und für die Mischehen die Belege im Speziellen Teil, Skizze Rotbett, Anm. 2.]. Noch immer unterhielt die fränkisch geprägte Führungsschicht Beziehungen zu den Heimatländern, aus denen sogar Zuzug nachfolgte. Auch konnte um 883 dem Francus und Suevus, dem Norikus et Sclavus, Bemanus, Saxo, Toringus noch kein Italicus gegenübergestellt werden. Südlich der Alpen befand sich der Italiae populus diverso sanguine mixtus [28 Versus Waldrammi, MG Poetae Lat. IV, 1 Seite 328; dazu vgl. unten Seite 93. - Zur Zeit KARLS DES GROSSEN war in den Reichsgesetzen die Rede von den diversis generationibus borninum, qui in Italia commanent (MG Capit. I Seite 200, nr. 95, cap. 4).].
Das Weiterbestehen von engen Beziehungen und Verbindungen persönlicher, aber auch politischer Art zu den Herkunftsländern, das als bester
Beweis gegen das vollständige Aufgehen der zugewanderten Adelsschicht in der romanisierten Bevölkerung Italiens zu dienen vermag, zeigt sich sogleich bei der Schaffung des sog. nationalitalienischen Königtums.
Herzog Wido von Spoleto, der Nachkomme des 834 nach Italien gegangenen Grafen Lambert von Nantes, war gleich nach Bekanntwerden der Absetzung KARLS III. einer Einladung nach West-Franken, der Heimat seiner Vorfahren, gefolgt und war dort (in Langres) von seinen Freunden und Verwandten, unter denen besonders der mächtige Erzbischof Fulco von Reims erwähnt wird, zum König ausgerufen worden [29
Auf die Einladung deuten die Worte ERCHEMPERTS in seiner Historia Langob. Benevent. c. 79 (MG SS rer. Langob. Seite 263): cupiditate regnandi devictus deceptusque a contribulibus suis. Auch aus LIUDPRANDS Worten (Antapod. lib. 1, cap. 16, Seite 18), wonach WIDO die westfränkischen Großen zu lange warten ließ, so daß diese longa expectatione fatigati bereits Odo erhoben, ist das zu entnehmen. Die Verwandtschaft Widos zu Fulco ist bezeugt in Fulcos Briefen bei FLODOARD, Hist. Rem. IV, c. 3, 5 (MG SS XIII Seite 561, Z. 18 und 42; Seite 566, Z. 21), sowie in den Versus de pontificib. Rom. (MABILLON, Acta sanct. III, 599,604,605): Lambertum augustum, Fulconis carne propinquus. Vgl. auch Ann. Vedast. ad 887/88, Seite 64.]. In diesem Ruf an WIDO in Italien und der nicht zu unterschätzenden Anhängerschaft, die dieser sogleich in West-Franken fand, spiegelt sich recht deutlich, wie sehr zumindest in der Führungsschicht das KARLS-Reich noch als etwa Ganzes betrachtet worden sein muß. War doch auch gerade vorher in der kurzen Episode der noch einmal alle Reichsteile umfassenden Herrschaft KARLS III. wieder die Möglichkeit zu intensivsten Kontakten zwischen Italien, West-Franken und Ost-Franken geboten. Die Klöster Reichenau und St. Gallen hatten neue Besitzungen südlich der Alpen erhalten; an St. Martin in Tours waren 887 die um 830 entfremdeten italienischen Güter restituiert worden [30 Vgl. P. DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 25,98 (dazu MG DD Karl III. Seite 293, nr. 178); Seite 26,232; Seite 123.]; Leute aus den Gebieten nördlich der Alpen waren Bischöfe oberitalienischer Bistümer geworden [31 In Vercelli hatte KARL III. seinen Erzkaplan Liutward, einen Alemannen, ex infimo genere natum (Ann. Fu1dens. ad 887, Seite 105), eingesetzt. Auf den Bischofsstuhl von Novara war dessen Bruder Chadolt gelangt, der zuvor im Kloster Reichenau gelebt hatte (BS SS 78 Seite 18, nr. 14). Wahrscheinlich gehörte auch der Bischof Landalo von Treviso zu diesen unter Karlmann oder KARL III. in Italien eingesetzten Bischöfen; Suevus hic et nobilis erat, apud sanctum Gallum quidem educatus et doctus, cuius Vindinissa cum multis aliis hereditas erat. Vgl. EKEHARDI Casus S. Galli, in: Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte 15 (NF 5) Seite 32f.]. WIDO selbst hatte Besitzungen in West-Franken bewahrt [32 Siehe oben Seite 62.]. Indessen war aber WIDOS Anhang in West-Franken doch nicht so groß; daß er sich gegen Odo, den Sohn Roberts des Tapferen, der von anderen Großen dieses Raumes bereits kurze Zeit vorher zum König erhoben worden war, durchzusetzen hoffen konnte. Er zog es vor, nach Italien zurückzukehren, um hier, wo er eines stärkeren Anhanges sicher sein konnte, dem inzwischen in Pavia erhobenen BERENGAR, seinem Gegner von 883, die Krone streitig zu machen. Eine große Zahl von westfränkischen Anhängern begleitete ihn dorthin. Dieser Anhang maß immerhin so beachtlich gewesen sein, daß dieses Unternehmen WIDOS als ein neuer Eroberungszug aus Francien angesehen werden konnte, bei dem die Einheimischen aus dem Besitz ihrer Güter und Zehen verdrängt werden sollten [33 Vgl. Gesta Berengarii lib.I, v.177, ed. DÜMMLER Seite 90. LIUDPRAND, Antapodosis lib. I, cap. 17, Seite 18, läßt Wido collecto prouc potuit exercitu nach Italien aufbrechen. Zu WIDOS Beistand aus West-Franken vergleiche auch die Gesta Berengarii, lib. II, v. 4: (Widos) sollicitet patria populos tellure quietor, v. 161: Rhodanicus ductor; v. 149 f.: qui nuper ab aruis Sequanicis illectus erat. - Man beachte dazu die Beschlüsse bei der Königserhebung WIDOS, bes. cap. 8 (MG Capit. II Seite 105): Quicumque ab exteris provinciis adventantes, depraedationes atque rapinas infra regnum hocce exercere praesumat, hi cum quibus morantur, auf ad audientiam eos adducant, auf pro eis emendent ... Nach den Ann. Vedast. ad 888, Seite 65, ging WIDO nach Italien cum his, qui se sequi deliberaverant.]. - Da ist zunächst Anscar, der von 879 bis 887 im westfränkischen Gau von Ouche nachweisbar ist und zum Lohn für seinen Einsatz später die Markgrafschaft Ivrea erhielt: mit ihm kam sein Bruder Wido, der im Kampfe fiel. Sie waren ihrem Prätendenten mit 500 Mann gefolgt. Da kamen die Brüder Arduin und Roger, von denen der letztere die Grafschaft Auriate erwarb, dann ein Gauslin mit 300 Reitern, ein Ubert mit 200 Mann, der eine Verspottung des Gegners mit dem Tode büßen mußte, weiter Otho und Milo, die gleichfalls den Tod in der Schlacht fanden [34 Zu den im Speziellen Teil nicht erwähnten Gauslin, Ubert, Otho und Milo vgl. E. DÜMMLER, Gesta Beteng. Seite 23.]. Oberitalienische Große fränkischen Herkomnuns auf Seiten WIDOS waren die Grafen Sigefred von Piacenza, Maginfred von Mailand und Everard (von Tortona), desgleichen der Graf Hubald (von Bologna), um nur die wichtigsten zu nennen. Auch mittelitalienische Große fränkischer Abkunft, wie Alberich, der zukünftige Herr von Spoleto und Camerino, unterstützten ihn.
Desgleichen führte der von den meisten Großen Italiens in Pavia bereits zum König erhobene BERENGAR den Kampf nicht allein mit seinem oberitalienischen Anhang. Zu seinen Genossen aus dem östlichen Ober-Italien, die freilich den Hauptteil der Kämpfer gegen WIDO stellten [35
  Unter den Helfern BERENGARS sind besonders zu nennen: Graf Waltfred von Verona, BERENGARS Schwäger aus dem Haus der SUPPONIDEN Adelgis, Wifred und Boso, dann ein Graf Alberich aus dem östlichen Ober-Italien, Odelrich (wohl der Graf von Asti) und Berard, Bonifaz, Azzo (Kurzform für Adelbert?), Erard, Oshar, Umfred und Arduin; vgl. Gcsta Berengarii.], hatte sich BERENGAR gleichfalls um Unterstützung von jenseits der Alpen bemüht. Auch für ihn waren die Beziehungen zu den Gebieten jenseits der Alpen wichtig. Hatte er schon nach dem Tode LUDWIGS II. engere Beziehungen nach Ost-Franken unterhalten und die ostfränkischen Bewerber bei den Auseinandersetzungen um die Nachfolge in der italienischen Herrschaft unterstützt [36 Vgl. oben Seite 69f. BERENGAR war auch 887 am Hofe KARLS III. in Waiblingen (Ann. Fu1dens. ad 887, Seite 115) und hatte schon 883 von KARL III. den Auftrag erhalten, den rebellischen WIDO VON SPOLETO niederzuwerfen (Ann. Fu1dens. ad 883, Seite 110). - In engere Beziehungen zu West-Franken trat BERENGAR offenbar erst wieder 920/21 im Zusammenhang mit dem Lütticher Bistumsstreit; dazu vgl. H. ZIMMERMANN, Der Streit um das Lütticher Bistum Seite 26f. und Seite 30.], so wandte er sich jetzt dorthin um Hilfe. Mit 600 Reitern stießen darauf von dort die beiden Brüder Leutho und Bernard zu ihm [37 Gesta Berengarii, lib.Il, v. 84ff., Seite102:
Teutonico ritu sexcentos urguet ouantes
Leutho uiros; etiam simili strepit agmine frater
Bernardus. Stimulans longis calcaribus armos
Alipedum cuncti et cludunt latera ardua parmis:
Germanus sie bella gerit. - - -
].
Aus dem Sieg, den WIDO mit Hilfe des bedeutenderen Teils des in Italien seßhaft gewordenen Adels und vielleicht auch dank der größeren westfränkischen Unterstützung über Berengar und seine Leute errang, resultierten gleich wieder neue Beziehungen zu den Gebieten nördlich der Alpen. WIDO schöpfte zunächst neuen Mut, den Plan seiner Behauptung auch in West-Franken nun doch weiterverfolgen zu können. Die Verbindungen zu Erzbischof Fulco von Reims ließ er deshalb nicht abbrechen. Und dieser scheint nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet zu haben, WIDO erneut herbeirufen zu können [38
Vgl. die immerhin gegen Erzbischof Fulco von Reims, WIDOS Verwandten und Helfer, erhobene Anschuldigung, die dieser 893 in einem Brief an ARNULF VON KÄRNTEN zurückweist: quoad autem iactitatum audierat, causa Widonis hoc eum fecisse, ut hac arte illum subintroduceret in regnum et dimisso puero Karolo se verteret ad Widonem, asserit livore invidiae contra se scienter haec falso fuisse iactata (FLODOARD, Hist. Rem. eccl. IV, c. 5, MG SS XIII Seite 564).]. WIDO selbst mochte durch seine Krönung zum Kaiser am 21. Februar 891 in diesen Plänen nur bestärkt werden: Renovatio regni Fraruorum wurde seine Devise [39 Eine Abbildung der Bleibullen WIDOS an den drei Urkunden seines Krönungstages in Rom findet sich bei G. FASOLI, I re d'Italia Seite 232a; Nachzeichnung bei MURATORI, Antiqu. It. II Seite 817.].
In weit stärkerem Maße suchte aber der unterlegene BERENGAR die Beziehungen nach dem Norden. Er brauchte neue Hilfe gegen seinen Rivalen. Bereits 888 hatte er unter dem Druck der Bedrohung durch WIDO sich in Trient in die (Lehens)abhängigkeit von ARNULF VON KÄRNTEN, dem ostfränkischen Nachfolger KARLS III., begeben und sich damit dessen Wohlwollen und in gewissem Sinne vielleicht auch schon dessen Hilfe gesichert [40
Ann. Fu1dens. ad 888, Seite 117: Italiam equidem cum exercitu aggredi regi (sc. Arnulfo) conplacuit, sed Perangarius ..., missis ante se principibus suis, ipse vero oppido Tarentino regi se praesentavit. Ob id a rege est clementer susceptras. - Dazu und zu der Lehensherrenstellung ARNULFS gegenüber den anderen Nachfolgestaaten vgl. O. BDING, Der politische Zusammenhang zwischen den karolingischen Nachfolgestaaten. Vgl. auch MG SS XXIV Seite 508: Berengarius a Guidone patria pulsus, ad Arnulfum profugus venit.]. Die Unterstützung durch Leutho und Bernard mit ihren 600 Mann mag vielleicht hiermit zusammenhängen. Nach der Niederlage von 889 jedoch bat BERENGAR König ARNULF um wirksamere Unterstützung [41 LIUDPRAND, Antapod. lib. 1, cap. 20, Seite 19: Iam vero Berengarius, cum Widoni resistere copiarum paucitate nequiret, ... Arnulfum regem in auxilium rogat.]. Da ARNULF aber, der dazu noch Lebensherr über die neuen Reiche Frankreich und Burgund geworden war, in Schwaben einen Aufstandsversuch eines unehelichen Sohnes KARLS III. niederzuwerfen und gegen Abodriten, Normannen und das Mährische Reich zu kämpfen hatte, hört man von einem Eingreifen in Italien zunächst nichts. Auch die im März 890 übermittelte dringende Bitte des Papstes Stephan VI., ARNULF möge nach Rom kommen und Italien, das ihm gebühre, von den schlechten Christen und den drohenden Heiden befreien, mußte - quamvis non libens - abgeschlagen werden [42 Ann. Fuldens. ad 890, Seite 118.]. Erst 893, als Gesandte des Papstes Formosus cum epistolis et primoribus Italici regni, das heißt wohl zusammen mit Großen aus dem Machtbereich BERENGARS, nach Bayern kamen und erneut um ein Eingreifen baten, auf daß Italien und die Gebiete des Hl. Petrus den malis Christianis, das heißt in diesem Falle WIDO und seinen Leuten, entrissen werden, hatte ARNULF die Hände frei [43 Ann. Fuldens. ad 893, Seite 122.]. Noch im selben Jahre erschien ARNULFS Sohn Zwentibald vor Pavia, hinter dessen Mauern sich WIDO wohl gewarnt durch ein Schreiben Erzbischof Fulcos von Reims - verschanzt hatte. Dieser Italienzug, blieb ergebnislos [44 Bericht von Zwentibalds Italienzug geben LIUDPRAND, Antapod. lib. I, cap. 20-22, Seite 19f., und Gesta Bereng. lib. III, v. 7-44, Seite 112f. Hierher ist auch die Angabe der Ann. Alemannici ad 893 (MG SS I Seite 53) zu beziehen: Alamanni in Italiam. - Die Warnung Fulcos an WIDO ist ersichtlich aus MG SS XIII Seite 565.]. lm Februar 894 aber zog ARNULF selbst über die Alpen, eroberte Bergamo und zwang die Anhänger WIDOS zur Huldigung [45 Vgl. BM² 2 nr. 1892d-1893a, dazu Ann. Fu1dens. ad 894, Seite 123f., und die Skizzen Ambrosius und Maginfred im Speziellen Teil.]. Die von BERENGAR bei ARNULF gesuchte Hilfe schien sich sogar in eine nette ostfränkische Herrschaft über Italien zu verwandeln. ARNULF begann nach Jahren seiner Herrschaft in Italien zu zählen und setzte eigene Missi für Italien ein [46 Vgl. MG DD Arnulf  Seite 123ff., nr. 123-125, und Seite 211, nr. 140. Als Missus ARNULFS fungierte Bischof Waldo (von Preising) in Italien; MANARESI, I placiti Seite 364, nr. 101.]. Und auch nach seinem baldigen Abzug betrachtete er sich als eigentlichen Herrn Italiens, BERENGAR dagegen nur als seinen Lehensmann [47 Zur Lebensabhängigkeit BERENGARS von ARNULF vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. I, cap. 20 und 22, Seite 19f., dazu Ann. Fu1dens. ad 896: Perngarium ... a fidelitate sua defecisse. Vgl. auch O. EBDING, a. a. O. Seite 65f.]. Die von den italienischen Großen übermittelte Bitte um Erscheinen in Italien war ihm nur ein willkommener Anlaß zur Verwirklichung eigener Pläne, die auf die Erlangung der Kaiserkrone und einer Suprematiestellung über das alte KARLS-Reich abzielten. Konnte das schon BERENGAR nicht wünschenswert erscheinen, so viel weniger noch WIDO und seinem Sohne, dem am 30. April 892 zum Mit-Kaiser erhobenen LAMBERT, der nach des Vaters frühem Tode ARNULFS Gegner werden sollte. Im Sommer 895 baten deshalb nur päpstliche Boten - ohne begleitende Gesandte BERENGARS - um ARNULFS erneutes Erscheinen [48 Ann. Fu1dens. ad 895, Seite 126: Iterum rex a Formoso apostoluo per epistolas et missos mixe Romam venire invitatus est. - Vgl. dazu noch im Speziellen Teil: Waltfred und Maginfred.]. Und als ARNULF noch im Dezember des Jahres in Italien erschien, da wurde zunächst BERENGAR seiner königlichen Macht enthoben, Ober-Italien dafür der Verwaltung der Grafen Waltfred von Verona und Maginfred von Mailand anvertraut. BERENGAR wurde eine Zeitlang in ARNULFS Heer mitgeführt, konnte aber schließlich entweichen [49 Vgl. BM² nr. 1912b und 1913d.]. Kaiser LAMBERT, gegen den sich ARNULFS Zug in erster Linie richtete, flüchtete sich in Anbetracht der schon von seinem Vater gewahrten Beziehungen nach West-Franken, und zwar zu König Karl dem Einfältigen, der dort einige Zeit nach WIDOS Abzug gegen Odo erhoben worden war. Mit diesem, der ARNULF mißtraute und sich nicht sogleich wie Odo in ARNULFS Lebensabhängigkeit begeben hatte, stand er ja nach den Bemühungen seines Verwandten Erzbischof Fulco von Reims im Bündnis [50 Der Aufenthalt Kaiser LAMBERTS in West-Franken ist aus einem Eintrag des Liber memoriales von Remiremont ersichtlich. Eine Edition dieses Gedenkbuches wird in dem von Prof. Dr. G. TELLENBACH geleiteten Freiburger Arbeitskreis von Dr. K. SCHMID und MIR vorbereitet. Zur Interpretation dieses Eintrages vgl. MEINE ausführlicheren Darlegungen in dem Aufsatz: Kaiser Lambert, König Karl der Einfältige und Erzbischof Fulco von Reims.]. So waren für Kaiser LAMBERT die Familienbeziehungen nach der alten Heimat, die sich zusehends zu engen politischen Beziehungen wandelten, noch einmal wichtig geworden. Nur ARNULFS schwere Erkrankung nach der erlangten Kaiserkrönung in Rom, die den Zusammenbruch der bereits im Aufbau begriffenen ostfränkischen Herrschaft in Italien zur Folge hatte, ließ eine Verstärkung dieser Verbindungen nicht mehr notwendig erscheinen.
Waren diese nordalpinen Beziehungen aber bislang vornehmlich von den beiden um die Vorherrschaft in Italien kämpfenden Familien, der Familie
BERENGARS VON FRIAUL und derjenigen WIDOS VON SPOLETO gefördert worden, so zeigen sich in der Folgezeit auch die anderen Großen, deren fränkische Abkunft festgestellt ist, sehr daran interessiert.
Nachdem Kaiser LAMBERT am 15. Oktober 898 bei der Jagd in den Wäldern von Marengo tödlich verunglückt war und König BERENGAR nun endlich die Macht in ganz Ober- und Mittel-Italien zufiel, da konnten sich die ehemaligen Anhanger WIDOS und LAMBERTS, wie es scheint, doch nicht so schnell mit der Herrschaft ihres bisherigen Gegners BERENGAR abfinden. Die wichtigsten ehemaligen Helfer WIDOS und LAMBERTS wie Graf Sigefred von Piacenza, Markgraf Adalbert von Ivrea (Sohn Anskars I.) und Markgraf Adalbert von Tuszien, dessen Mutter ja eine WIDONIN war, suchten nun, da ihre Macht bei einer eigenen Aktion derjenigen BERENGARS im Moment nicht gleich sein konnte, Anlehnung bei König LUDWIG VON DER PROVENCE. Dieser mochte seinerseits durch seine Mutter Ermengarda, die 876 vom dux Boso von der Provence entführte Tochter Kaiser LUDWIGS II. und Angilbergas, noch rege Beziehungen nach Italien unterhalten haben. Ließen sich doch auch Ermengarda und ihr Sohn LUDWIG noch 887 von KARL III. gerade die italienischen Besitzungen bestätigen, und war doch Ermengarda 891, aus der Provence kommend, selbst noch einmal in Piacenza [51
Vgl. MG DD Kar1 III. Seite 267, nr. 165, und Skizze Sigefred, Anm. 11, im Speziellen Teil]. So kommt es, daß im Jahre 900 Italienses poene omnes Hulodoicum .. , nuntiis directis invitant, ut eos adveniat regnumque Berengario auferat sibisque obtineat [52 LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 32, Seite 52.].
Führten diese Beziehungen der Großen somit zur Einladung König LUDWIGS VON DER PROVENCE, so daß dieser im Oktober 900 von einigen Grafen begleitet [53
Niederburgundische Grafen in seiner Begleitung sind: Graf Adelelm (von Valence) - SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. nr. 2,3,6,10,11, + 2, + 3, + 6, und POUPARDIN, Recueil des actes des Rois de Provence nr. 28,42,52; Graf Rotbald - Dipl. Lodovico III. nr. 6; ein Robaldus comes Provincie finibus wird etwas später erwähnt in Chron. Nova1ic. Seite 260; auch die nur in LUDWIGS DES BLINDEN Begleitung nachweisbaren Grafen Ailulf, Raterius und Liutfrid (Dipl. Lodov. III. nr. 3,16,18) scheinen aus der Provence gekommen zu sein. Die beiden letzteren sind jedenfalls in den provenzalischen Urkunden LUDWIGS anzutreffen (vgl. POUPARDIN, Recueil nr. 28 und 42, dazu R. POUPARDIN, Provence Seite 178, Anm. 9).] nach Italien ziehen und im Februar 901 in Rom sogar die Kaiserkrone erringen konnte, so waren es aber bald darauf dieselben Großen Italiens, die LUDWIG verließen und BERENGAR erneut ein Übergewicht verschafften, das zur Vertreibung LUDWIGS (902) ausreichte. Als jedoch 905 dem Markgrafen Adalbert von Tuszien, der Berta, die Tochter König Lothars II. von Lothringen und Witwe des Grafen Thiebald von Vienne, zur Frau genommen hatte und dadurch besonders enge Beziehungen nach der Provence haben mußte, die Herrschaft BERENGARS erneut lästig fiel, da geschah es wiederum, ut consulto eodem Adelberto marchione ceteri ltalienscs principes propter eundem Hulodoicum, ut adveniret, transmitterent [54 LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 36, Seite 54. - Man beachte auch, daß die Markgrafen von Tuszien noch 879 comitata in Provincia posita zu verwalten hatten (siehe oben Seite 63) und auch schon aus dieser Zeit gute Beziehungen nach der Provence erhalten geblieben sein können.]. Und LUDWIG erschien noch einmal in Italien. Wie aber die rebellischen Grafen Hilfe in den alten Stammländern jenseits der Alpen suchten, so bediente sich auch BERENGAR diesmal wieder dieses Mittels. Er begab sich nach Bayern und brachte von dort Verstärkung mit [55 Regino, Chron. ad 905, Seite 150, berichtet, daß BERENGAR in Baioaria exulabat und von dort contractis undique copiis Veronam pervenit.]. A Perengario et Bauguaoriis wurde danach LUDWIG in Verona gefangengenomrnen und geblendet [56 Ann. Alemannici, MG SS I Seite 54. - Diese Nachricht wird dort allerdings fälschlich zum Jahre 902 gesetzt, nachdem LUDWIGS 1. Italienzug und die Kaiserkrönung richtig zu 900 und 901 gegeben sind. So auch die Ann. Einsidlens. ad 902, MG SS III Seite 140.]. - So ist Anfang und Ende auch dieses Abschnitts italienischer Geschichte durch die alten Beziehungen nach der Provence und nach Bayern bestimmt. Und wenn einige der Großen Ober-Italiens - vornehmlich diejenigen, die die Partei des noch nach West-Franken gezogenen WIDO gebildet hatten [57 So vor allem Adelbert von lvrea, der Sohn des 888 mit WIDO nach Italien gezogenen West-Franken Anskar, dann Sigefred von Piacenza und Mailand wie auch Markgraf Adelbert von Tuszien.], - dabei die Vereinigung Italiens mit der Provence für möglich hielten, dann konnte doch wohl bei ihnen eine echte Verwurzelung, ein völliges Aufgehen im italienischen Lebensbereich noch nicht eingetreten sein. Das zeigen auch die wenig später sichtbar werdenden Beziehungen zu Hoch-Burgund. Aber vorher brachte das Jahr 907 noch ein Nachspiel zu den Italienzügen LUDWIGS DES BLINDEN. Dieses zeigt, daß auch die auf der anderen Seite der Alpen erstarkte, aus altfränkischen Geschlechtern hervorgegangene Führungsschicht noch Italien in den Bereich ihrer politischen Überlegungen einbezog. In diesem Jahre versuchte offenbar Markgraf Hugo von der Provence, der Sohn Thiebalds von Vienne und der nach dessen Tode nach Tuszien weiterverheirateten KAROLINGER-Tochter Berta, welcher für den geblendeten Kaiser LUDWIG die Regierungsgeschäfte besorgte, mit einigen anderen Großen wieder in Italien einzufallen [58 Datierung und Bewertung des 1. Italienzuges Hugos sind sehr kontrovers; vgl. zuletzt G. FASOLI, I re d'Ltalia Seite 233 ff., wo auf die bisherige Literatur eingegangen wird. Neben LIUDPRAND geben noch CONSTANTINOS PORPHYROGENITOS, De administr. imp., cap. 26, Seite 227, und die Miracula sancti Apollinaris (MG SS XXX, 2 Seite 1343 ff.) davon Nachricht. LIUDPRAND schreibt in seiner Antapodosis lib. III, cap. 12, Seite 79, daß Hugo vor der Übernahme der italienischen Herschaaft (926) erat longo ex tempore multis argumentis ... perclitans, si forte regnum posset obtinere Italicum. Hic enim et Berengarii iam nominati regis (nicht imperatoris!) tempore cum multis in Italiam venerat; sed quia regnandi tempus ei nondum advenerat, a Berengario territus est atque fugatus. Der nicht immer genaue CONSTANTINOS setzt einen Italienzug Hugos in die Zeit der Kämpfe BERENGARS mit Rudolf II. von Hoch-Burgund (923/24) (siehe unten S.84). Die miracu1a S. Apollinaris berichten hingegen: Anno igitur incarnationis DCCCC XI, defuncto sancte Valentinensis ecclesie episcopo, Remegarius... vocatur episcopus. Anno itaque revolvente (also 912) ... Ugo inclitus marchio qui tunc rem publrcam sub imperatore Ludovico regebat Italiam provehebatur. Hic namque in suo auxilio episcopos atque comites habebat. Wie aber schon R. POUPARDIN, Provence Seite 261, nr. 2, bemerkt, muß in dem von den Miracula gegebenen Datum ein früher Abschreibefehler vorliegen. Der genannte, in Valence eingesetzte Remegarius unterzeichnet nämlich schon als Bischof die an und für sich undatierte Urkunde über die Wiederherstellung des Klosters Saint-Barnard de Romans mit gleichzeitiger Einsetzung des Abtes David (Cartu1. de Saint Barnard, nr. 30 bis). Diese Urkunde wiederum muß aber, da sie von Erzbischof Alexander von Vienne erlassen ist, notwendigerweise nach dem 30. April 907, dem Todestag Raginfreds, des Vorgängers Alexanders, liegen; und sie maß andererseits aber auch wieder vor dem November 908 erlassen sein, wo der mit der undatierten Urkunde eingesetzte David schon im Amt steht (Cartul. de Saint-Barnard, nr. 68). Ist somit Bischof Remegarius schon 907-908 im Amt, so maß das Datum der Miracula auf alle Fälle - und zwar doch wohl auf DCCCC VI - abgeändert werden. Verlesungen von X und V sind ja nicht selten. Das ist ja auch die Zeit, in der Hugo schon für den geblendeten LUDWIG regierte. Es sind somit zwei Zeitansätze für einen früheren Italienzug Hugos gegeben: 907 und 923/24. - Da nun LIUDPRAND ausdrücklich Hugo als longo ex tempore und multis argumentis periclitans erwähnt, wird man sich nicht mit der Mehrzahl der in dieser Frage hervorgetretenen Historiker (vgl. G. FASOLI, Seite 233 ff.) für einen einzigen Italienzug Hugos vor seinem endgültigen Erscheinen in Italien 926 auszusprechen brauchen, sondern mit G. FASOLI (Seite 235) zumindest zwei Einfälle Hugos vor 926, eben einen nur in den Miracu1a und einen nur von CONSTANTINOS berichteten, annehmen dürfen. Jedoch wird man gegenüber G. FASOLI, die den 1. Italienzug auf 912 datiert, in Beachtung des Hinweises POUPARDINS diesen Zug zu 907 setzen müssen. FASOLI stützte sich in ihrer Argumentation für 912 auf Äußerungen A. HOFMEISTERS , der merkwürdigerweise bei seiner Edition der Miracula in den MG SS XXX, 2 auf POUPARDINS Hinweis keine Rücksicht nahm, dafür aber eine Urkunde König BERENGARS I. vom 19. September 913 (SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I Seite 244, nr. 91) heranzog. In dieser BERENGAR-Urkunde ist von einem infidelis noster Boso die Rede, den A. HOFMEISTER mit dem Bruder Hugos zu identifizieren geneigt ist, welcher nach dem Bericht CONSTANTINS an Hugos früherem Italienzug teilnahm. Doch ist mit diesem infidelis - wie im Speziellen Teil, Skizze Boso III., Anm. 5, dargelegt wird - kaum der provenzalische Boso, sondern der gleichzeitige italienische Graf aus dem Hause der SUPPONIDEN gemeint; und man wird diese Konstruktion gänzlich beiseite lassen müssen. Ein Datierungsvorschlag C. W. PREVITE ORTONS, Italy and Provence Seite 340, der bei G. FASOLI noch nicht beachtet ist, geht von der schon bei F. GINGINS LA SARRAZ, Les Hugonides Seite 132, vorgebrachten Idee eines inneren Zusammenhanges zwischen dem Italienzug Hugos und der von LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 55, S. 63, berichteten Inhaftierung Bertas von Tuszien und ihres Sohnes Wido aus. Hugo hätte die Alpen überschritten, um Mutter und Halb-Bruder zu Hilfe zu eilen. Da aber im Jahre 915, in dem nach allgemeiner Annahme die Inhaftierung Bertas erfolgt sein soll, BERENGAR in den Urkunden der Toskana als König anerkannt und eine Rebellion auf diese Weise nicht feststellbar ist, vermutet PREVITE ORTON, daß die Inhaftierung Bertas und der Italienzug 917/18 oder 920 vor sich gingen, wo durch Lücken im Urkundenbestand von Lucca die Nichtanerkennung BERENGARS nicht mehr erkannt werden könne. Hier begibt sich PREVITE ORTON aber in das Feld der reinen Konjekturalhistorie, mit der eine Auseinandersetzung nicht geführt zu werden braucht. Schon die Unterstellung, daß die Urkundenschreiber von dem geplanten Abfall Bertas gewußt haben sollen, dem BERENGAR durch Inhaftnahme zuvorkam, erscheint mir verfehlt. Daß der erste, auf 907 datierte Italienzug tatsächlich auch ein Kriegszug und nicht nur - wie R. POUPARDIN, Provence Seite 219, Anm. 1, und Bourgogne Seite 47, Anm. 3, vermuten möchte - eine fromme Pilgerfahrt war, ist doch wohl aus der starken Begleitung zu erschließen; die episcopi atque comites, die Hugo in suo auxilio habebat, wären für eine Pilgerfahrt doch nicht notwendig gewesen.]. Die Gründe, die ihn dazu bewogen, sind unbekannt. Aber einerlei, ob er nur einen Vergeltungszug für die Blendung seines Herrn durchführte oder ob seine Mutter, die „große Berta" von Tuszien, ihm damals schon die Herrschaff über Italien zu verschaffen gedachte, - aus der Tatsache des Italienzuges Hugos spricht doch das rege Interesse, das man in der regierenden Gesellschaft der Provence an Italien und der dort herrschenden Führungsschicht behielt.
Beziehungen der Adelsgesellschaft Ober-Italiens zu Hoch-Burgund treten im Jahre  921 ans Licht. Pfalzgraf Odelrich, qui ex Suevorum sanguine duxerat originem, war damals bei seinem Herrn, dem inzwischen (915) zum Kaisertun, gelangten BERENGAR, in Ungnade gefallen. Er fand jedoch Anhänger. Der Markgraf Adalbert von Ivrea, der früher schon LUDWIG VON DER PROVENCE unterstützt hatte, Pfalzgraf Odelrich, Erzbischof Lampen von Mailand und der schon als Missus eingesetzte kaiserliche Vasall langobardischer Abkunft Giselbert nonnullique alii principes Italiae standen bald darauf in offener Rebellion gegen den Kaiser. Sie schickten Boten an König Rudolf II. von Hoch-Burgund mit der Bitte, er möge nach Italien kommen und BERENGAR vertreiben. An ihn wandten sie sich - wie LIUDPRAND VON CREMONA bemerkt -, weil er durch seine Ehe mit der Tochter Herzog Burchards von Schwaben seine Grenze im Norden gesichert und seine Macht wesentlich vermehrt hatte und deshalb BERENGAR durchaus gewachsen schien. Rudolf scheint aber auch seit längerem schon bessere Beziehungen zu einigen oberitalienischen Großen unterhalten zu haben; hatte sich doch der Graf Bonifaz (von Bologna) mit seiner Schwester Waldrada vermählt. - Nach einem Schlag gegen Odelrich und die Verschwörer, den BERENGAR durch ihm verbündete Ungarn ausführen ließ, ging dann noch eine zweite Gesandtschaft (Giselbert) nach Burgund ab, der es gelang, den anscheinend schon seit der ersten Einladung auf ein größeres Unternehmen vorbereiteten Rudolf innerhalb von 30 Tagen zu einem Italienzug zu bewegen [59
Nachricht von dieser Empörung geben LIUDPRAND VON CREMONA, Antapod. lib. II, cap. 57-65, Seite 63ff., und FLODOARD, Annales ad 922, Seite 7 und ad 923, Seite 18/19, desgleichen Seite 198 und 213. - Vgl. dazu weiter die im Speziellen Teil gegebenen prosopographischen Skizzen der hier genannten Personen.]. Dieser oder schon der ersten Gesandtschaft gehörte wohl auch Samson an, ein oberitalienischer Graf fränkischer Abstammung, der König Rudolf zum Zeichen seiner Huldigung und der der anderen Verschworenen eine Lanze überbrachte und ihn mit dieser in den Besitz des regnum ltaliae investierte, - eine Lanze, von der man offenbar, um Rudolf volle Aussicht auf Erfolg zu geben, behauptete, sie enthalte Nägel aus dem Kreuze Christi und sei deshalb siegverleihend [60 Zur Geschichte der Hl. Lanze gibt es eine umfangreiche Literatur. Hier seien nur zitiert: A. HOFMEISTER, Die hl. Lanze (1908); A. BRACKMANN, Die politische Bedeutung der Mauritiusverehrung, Sitzungsbericht der Berliner Akadeie, Phil.-hist. Kl. 1937; H.-W. KLEWITZ, Die hl. Lanze Heinrichs I., in DA 6, 1943; A. BRACKMANN, Zur Geschichte der hl. Lanze, in DA 6, 1943; W. HOLTZMANN, König Heinrich I. und die hl. Lanze (1947); P. E. SCHRAMM, Die „Heilige Lanze", in Herrschaftszeichen und Staatssymbolik II (1955).].
So fand Rudolf in Italien eine große Anhängerschaft vor, und BERENGAR wurde wieder einmal auf die Gebiete von Verona und Friaul zurückgedrängt. In seiner Umgebung sind nur noch die Grafen Grimald, Guntari und Ingelfred - alle drei alemannischer Abkunft - und der sonst nicht weiter bekannte Graf Hubert anzutreffen. Im Gefolge Rudolfs finden sich außer Markgraf Adelbert von Ivrea dessen Söhne Berengar II. und Aaskar II., (Vice)graf Gariard, Graf Samson, Graf Bonifaz (Schwager des HOCH-BURGUNDERS), Graf Wilhelm (wohl der Stammvater der italienischen ALEDRAMMIDEN) und der nun für seinen Einsatz mit der Grafschaft Bergamo belohnte Langobarde Giselbert. Und diese Großen waren es auch, die Rudolf in der Schlacht von Fiorenzuola das Übergewicht über BERENGAR verschafften.
Da Rudolf aber seinen Sieg nicht ausnützte, sondern sich noch einmal nach Burgund zurückzog, fand in der Regierungszeit BERENGARS eine weitere Berührung mit der Provence statt. Wenn man der Nachricht des CONSTANTINOS PORPHYROGENITOS trauen darf, hatte BERENGAR aus der Provence noch einen Einfall abzuwehren. Von dort her versuchte in dieser Krisenzeit Markgraf Hugo - wie schon 907 - sein Glück in Italien. Bis Pavia sei er zusammen mit seinem Bruder Boso und einem Hugo Taliapherni sowie einem kleinen Heer vorgedrungen. Dann aber habe BERENGAR den Eindringlingen die Zufuhr abschneiden können. Als diese sich ergeben und geschworen hätten, nicht wieder nach Italien zu kommen, habe BERENGAR sie den Rückzug antreten lassen [61
Constantini Porphyrogeniti De administrando Imperio liber, cap. 26, Seite 227ff. - CONSTANTIN setzt diesen Bericht zwischen seine Schilderung der Schlacht von Fiorenzuola (17. Juli 923) und den Vermerk über den Tod BERENGARS durch Flambert in Verona. Daß dieser Bericht über einen Italienzug Hugos nicht mit der in den Miracula S. Apollinaris erzählten Heerfahrt Hugos zusammengebracht werden darf, dazu vgl. Anm. 58.].
Während der langen Regierungszeit BERENGARS waren die Verbindungen zu den Ländern jenseits der Alpen nie abgerissen. Auch nach BERENGARS Tode (7.IV.924) und nach der Rückkehr Rudolfs II. aus Hoch-Burgund richteten sich die Nachkommen der Zuwanderer noch nicht ausschließlich auf Italien aus.
Die Intrigen, die innerhalb der so einflußreich gewordenen Adelsschicht gesponnen wurden, führten, noch bevor der Burgunder-König Rudolf recht Fuß fassen konnte, dazu, daß Markgraf Hugo aus der Provence nach Italien gerufen wurde. Den Weg durch das westliche Ober-Italien zu nehmen, war für diesen zun;ichst nicht möglich. Dort hatten Rudolf und sein Schwiegervater Herzog Burchard von Schwaben ihre Streitmacht versammelt. Wenn Hugo darauf den Seeweg nach Pisa wählte, wo sein Halb-Bruder Markgraf Wido von Tuszien gebot, dann zeigt das einerseits, wer Hugo mit herbeigerufen hatte, und andererseits, daß die alten Beziehungen, die zwischen dem tuszischen Herrscher-Haus und der Provence bestanden, wirksam geblieben waren [62
Vgl. oben Seite 63 und 81. - Zur Einladung und Italienfahrt Hugos vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 12 und 16-18, Seite 79 ff., dazu die Bemerkungen im Speziellen Teil, Skizze Adalbert von Ivrea.].
Bemerkenswrt ist bei dieser Entwicklung, daß nach längerer Zeit mit dem Herzog Burchard von Schwaben wieder einmal ein Großer des ostfränkischen bzw. des entstehenden Deutschen Reiches in die italienischen Wirren hineingezogen wird. Für diesen müssen die Vorgänge in Italien an und für sich schon von Interesse gewesen sein; hatte doch noch sein Großvater Adalbert im Jahre 873 Güter im Gebiet von Tortona erworben [63
Vgl. oben Seite 64 und G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 56f.]. Vielleicht erhob er auf diese noch Anspruch. Oder hatte er Verwandte in der in Italien tätigen Adelsgesellschaft, an die die ehemals rheinauisehen Güter über seinen Großvater Adelbert gelangten? Näheres bleibt unbekannt. Auf dem Rückwege von einem Erkundungsritt nach Mailand fand er vor Novara, von Rudolfs Gegnern gestellt, den Tod. Seine wenigen Begleiter traf das gleiche Los in der S. Gaudentiuskirche, in die sie sich geflüchtet hatten (29.4.926) [64 G. W AITZ, Heinrich I. Seite 84, Anm. 3.].
Auch unter König Hugo, der nach dem Abzug Rudolfs II. vom tuszischen Herrschaftsbereich seines (Halb)-Bruders Wido aus nach Ober-Italien weiterziehend bald allgemeine Anerkennung fand und dort die durch den unentwegten Machtkampf verfeindeten Adelsgruppen wieder versöhnen konnte [65
Vgl. SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 6, nr. 2 vom 3. September 926, wo Erzbischof Lambert von Mailand und die Markgräfin Ermengarda - nach LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 7-12, Seite 77 ff., die Exponenten der beiden verfeindeten Adelsgruppen - gemeinsam bei Hugo in Pavia intervenieren.], hielten die Beziehungen zu den Ländern jenseits der Alpen an. Hugo behielt ja nicht nur weite Besitzungen in seiner Heimat [66 SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo nr. 16,18,34,43,76.], er holte auch nach und nach, was ihm später zum Vorwurf gemacht wurde [67 LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 18, Seite 140: Non clam te est, domine mi, quam invisum rex Hugo imperio se duro Italicis cunctis effecerit, praesertim cum et concubinarum filiis acBurgundionibus sit dignitates largitus nec ullus inveniatur Italicus, qui aut expulsus aut non dignitatibus omnibus sit privatus.], eine große Menge Vertrauter aus Nieder-Burgund herbei und übergab ihnen Ämter in Italien. - Einer der ersten, der auf diese Weise nach dem Süden gelangte, war der Kaplan Gerlannus, den Hugos Gemahlin Alda (ex Francorum genere Teutonicorum) mitbrachte und mit einem Bistum ausgestattet wissen wollte. Er wurde schließlich Abt von Bobbio und Hugos archicancellarius [68 Miracula sancti Columbani, cap. 8 (MG SS XXX, 2 Seite 1001). Gerlannus ist als cancellarius vom 17. Februar 927 - 12. Mai 928 und als ardricancellarius vom 12. November 928 - 24. Juni 936 in den Urkunden Hugos nachweisbar; vgl. SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite VIII.]. Es folgten zum Beispiel Sarilo, der später zum Pfalzgrafen erhoben werden sollte, und Azzo comes Burgundiae, Stammvater der Marsergrafen [69 Leon. Chron. Mors. Cassin. I, 61 in MG SS VII Seite 623. Zu den Grafen von Marsi vgl. H. MÜLLER, Topographische und genealogische Untersuchungen Seite 47 und 54ff.]. Darüber hinaus zog Hugo eine große Menge Verwandter nach sich. Noch vor 931 erschien Hugos Bruder Boso, der früher schon Hugos Italienpläne kräftig unterstützt hatte und 926 in Hugos provenzalischer Stellung nachgefolgt war [70 Er erhielt nach der Absetzung Lamberts, eines Halb-Bruders Hugos, die Mark Tuszien; vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 47, Seite 99, und IV, cap. 11, Seite 109f. Boso ist ab 931 in Italien nachweisbar; SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 85, nr. 28. - A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 405; R. POUPARDIN, Provence Seite 207.]. Bereits 929 hatte Hugo seinen Neffen Theobald aus dem Hause der Vicegrafen von Vienne mit der Verwaltung der Mark Spoleto betraut [71 A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 419.]. Daneben trat Theobalds Vater Ingelbert zeitweilig in Ober-Italien als Graf hervor. Um 928 kam auch Bischof Hilduin von Lüttich zu König Hugo, cui affinitatis linea iungebatur. Er erhielt das Bistum Verona ad stipendii usum, ab 931 sogar das Erzbistum Mailand [72 LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 42, Seite 95; MG Capit. II, Seite 378, nr. 290 und MG Briefe der Deutschen Kaiserzeit I: Rather von Verona, nr. 7, Seite 35ff.]. Den gleichen Weg schlug nicht viel später der Erzbischof Marsasse von Arles ein, ein weiterer nepos König Hugos. Ihm wurden die Bistümer Verona, Trient und Mantua zugewiesen [73 LIUDPRAND, Antapod. lib. IV, cap. 6-7, Seite 105; lib. V, cap. 26, Seite 145; Hist. Ottonis cap. I, Seite 159; MG Briefe I, Rather von Verona nr. 7, Seite 35ff.]. Daß Hugo auch seine eigenen Söhne nach Italien brachte und dort mit Ämtern versorgte, ist hinreichend bekannt [74 E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 134ff., R. POUPARDIN, Provence Seite 223f.].
Für die Verbindungen Italiens mit der Provence schien zunächst aber bedeutungsvoller als das langsame Fluktuieren der Adligen zu werden, daß Hugo 928 versuchte, im raschen Zugriff die Provence seiner italienischen Herrschaft anzugliedern. Gleich nach Bekanntwerden des Todes LUDWIGS DES BLINDEN zog er in seine Heimat, wo er durch seine einstige Stellvertreterschaft LUDWIGS noch Rechte gehabt zu haben scheint und wo er für seine Pläne noch die Hilfe vieler Verwandter erhoffen konnte. Noch lebten ja dort sein Bruder Boso, sein Neffe Erzbischof Manasse von Arles, ein zweiter Neffe Graf Hugo, sein Schwager Ingelbert und dessen Brüder Ratburn und Erzbischof Sobo von Vienne [75
FLODOARD, Annalen ad 928, Seite 43; R. POUPARDIN, Provence Seite 226ff. Zur Genealogie der Verwandten Hugos in der Provence vgl. R. POUPARDIN, a. a. O. Seite 356, und C. W. PREVITE ORTEN, Italy and Prorcnce Seite 344ff., wo allerdings vieles sehr hypothetisch bleibt.]. Da er aber nicht der einzige Bewerber war, sondern in König Rudolf (Raoul) von West-Franken einen ebenso zielbewußten Konkurrenten fand, mußte die Lage ungeklärt bleiben. Hugo urkundete zwar als italienischer König in der Provence, doch mußte er die Grafschaft Vienne an Odo, einen Sohn des Grafen Herbert von Vermandois und Untergebenen König Raouls, zu Lehen geben. Die Erhebung eines selbständigen Königs der Provence - etwa Karl Constantins, des Sohnes LUDWIGS DES BLINDEN - wurde immerhin verhindert. Aber schon einige Jahre später sollte Hugo zum Verzicht auf seine Rechte in der Provence genötigt werden. Den Anstoß dazu gab wieder eine Konspiration der italienischen Großen nordalpiner Abkunft, die sich diesmal sogar um den königlichen Halb-Bruder Markgraf Lambert von Tuszien sammelten, nach der Inhaftierung ihres Führers wiederum Hilfe bei Rudolf II. von Hoch-Burgund suchten und damit die nordalpinen Beziehungen in schon mehrmals bewährter Art zur Besorgung eines Gegen-Prätendenten gegen ihren unbequemen Herrscher benutzten. Rudolf sollte nun kommen, um König Hugo zu vertreiben. Dieser aber erwirkte mit einer weiteren Gesandtschaft nach Hoch-Burgund, daß Rudolf auf einen Einfall in Italien verzichtete. Im sogenannten italienisch-burgundischen Vertrag überließ er dem HOCH-BURGUNDER in nicht ungeschickter Weise dafür seine Anrechte auf die Provence, wo Karl Constantin inzwischen stärker hervortreten konnte und auch der Einfluß aus West-Franken zugenommen hatte [76 LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 47/48, Seite 99f.; dazu W. HOLTZMANN, Kg. Heinrich I. Seite 28ff. Der italienisch-burgundische Vertrag kam wohl im Sommer 933 zustande.].
Gegen Jahresende 933 ist es aber schon wieder ein neuer Aufstand, der die vorhandenen Beziehungen über die Grenze hinweg nach Bayern ans Licht treten läßt. Longobardi Eparhardum filium Arnolfi ducis in dominum acceperunt [77
Annalen ex annalibus Iuvavensibus antiquis excerpti, MG SS XXX, 2 Seite 743.]. Eine Gesandtschaft einiger verschworener italienischer Großer muß damals also zu Herzog Arnulf nach Bayern gekommen sein, die Vertreibung König Hugos erbeten und ihm oder seinem Söhne die Herrschaft über Italien angetragen haben [78 Vgl. dazu auch die bei K. REINDEL, Die bayerischen Luitpoldinger Seite 163ff. verzeichneten späteren Quellen.]. Deshalb folgt auf diese Nachricht der älteren Salzburger Annalen auch sogleich die Mitteilung: Eodem anno Arnolfus dux et Udalpertus archiepiscopus cum Baiowariis iter hostile in ltaliam fecerunt. Diejenigen, deren Beziehungen nach Bayern hier offenbar wurden, waren der Graf Milo von Verona, ein Mann fränkischen Herkommens, und vor allem der 931 gegen den Willen König Hugos auf den Veroneser Bischofsstuhl gelangte ehemalige Mönch aus dem Kloster Lobben in Belgien, Rather, der 928 mit dem aus Lüttich vertriebenen Bischof Hilduin nach Italien gekommen war [79 Zum Leben Rathers vgl. die ausführlichen Studien von A. VOGEL, Ratherius von Verona und das 10. Jh., 2 Bände, und von F. WEIGELE (vgl. Literaturverzeichnis). Wie eng Rather mit seiner Heimat nördlich der Alpen noch verbunden war, geht schon daraus hervor, daß er in seinem Leben noch viermal dorthin zurückkehrte: - das erste Mal, nachdem er 936 aus Hugos Haft entkommen war, das zweite Mal, nachdem er 945 mit Berengar II. wieder in Italien eingezogen war, aber bereits 948 wieder sein Bistum verlor und vertrieben wurde, das dritte Mal, nachdem er 951 mit OTTOS I. Sohn Liudolf nach Italien gekommen war, aber nicht wieder als Bischof von Verona eingesetzt wurde, und das vierte Mal, nachdem er 961 durch OTTO I. die dritte Einsetzung in Verona erfahren hatte, aber 967 wegen der Verwendung von beneficia militaria für den Lebensunterhalt von niederen Klerikern den Protest des für die militärische Schlagkraft verantwortlichen Grafen von Verona hervorgerufen hatte und der politischen Einsicht und Gewalt des Kaisers weichen mußte.]. Arnulf von Bayern wurde von ihnen libenter, ut quicum invitarant, in Verona empfangen [80 LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 49-52, Seite 100f.]. Möglicherweise war Rather sogar ein Verwandter Herzog Arnulfs, wenn auch der Grad der Verwandtschaft nicht mehr bestimmbar  ist. Als jedenfalls König Hugo rasch zum Gegenschlag mit Truppen in diese Gegend geeilt war, das bayrische Aufgebot zum Rückzug gezwungen wurde und Verona zuvor noch der Plünderung verfiel, da schonten die Bayern Bischof Rather propter consanguinitatem, quam cum illorum habeba(t) primoribus ipsoque, ut dicebat, principe" [81 Eigene Angabe Rathers in MG Briefe der Deutschen Kaiserzeit I Seite 13ff., nr. 1. Dieser Brief Rathers - zu seiner exakten Deutung vgl. F. WEIGLE in DA 5 Seite 378ff. - ist neben LIUDPRANDS Schilderung und den kurzen Angaben der älteren Salzburger Annalen die wichtigste Quelle für die Ereignisse von 933/34.]. Aus dem Wissen um die Verwandtschaft Rathers zu einigen Führern des bayrischen Aufgebotes wird aber überhaupt erst die Einladung an den Bayern-Herzog recht verständlich. Auch dieser Italienzug ist damit noch wesentlich als Nachwirkung des Überwechselns eines Mannes aus dem Norden nach Italien und dessen noch nicht vollständiger Assimilierung an den italienischen Lebensbereich gekennzeichnet.
In den nächsten Jahren sollten noch weitere solche Beziehungen der Adelsschicht Italiens zu den Gebieten nördlich und nordwestlich der Alpen sichtbar werden. So kam zum Beispiel Abt Odo von Cluny nach Italien, um für König Hugo in Rom zu vermitteln [82
E. SACKUR, Die Cluniacenser I Seite 359ff.]. Auch die Angliederung Hoch-Burgunds an Italien sollte durch König Hugo noch einmal versucht werden [83 Hugo zog nach dem Tode Rudolfs II. sogleich nach Burgund und heiratete Rudolfs Witwe. Seinen Sohn und Mit-Regenten Lothar verlobte er mit Rudolfs Tochter Adelheid. Der Plan mißlang, da einige burgundische Große sich bereits des zur Nachfolge ausersehenen Knaben Konrad bemächtigt und diesen OTTO DEM GROSSEN übergeben hatten; vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 110.]. Es darf bei all dem aber nicht übersehen werden, daß die seit längerer Zeit in Italien ansässigen Adels-Familien die mit König Hugo aus der Provence und aus Burgund neu angekommenen Adligen schon mit großer Zurückhaltung betrachteten. Die Burgundiones werden in den Quellen bereits dem Italicus gegenübergestellt [84 Vgl. oben Seite 85, Anm. 67, und auch unten Seite 93.]. Zudem wandelt sich die Art der Verbindungen nach den Ländern jenseits der Alpen natürlicherweise mit der zunehmenden Assimilierung der alten Adelsschicht. Bei den Kontakten mit den Heimatländern, die der zugewanderten Adelsschicht in Stunden der Gefahr von Nutzen waren, hatte bislang die persönliche Bindung, die Verwandtenbeziehung, zumeist eine große Rolle gespielt. Mehr und mehr verlor jedoch das verwandtschaftliche Moment an Gewicht. So wie es Gewohnheit wurde, daß die in Italien erstarkten Adligen - um sich keinem Herrn recht beugen zu müssen - immer wieder einen neuen Gegenkandidaten gegen ihren jeweiligen König aufstellten, quantinus alterum terrore coherceant [85 LIUDPRAND, Antapod. lib. I, cap. 37, Seite 27. Die gleiche Auffassung findet
sich andeutungsweise auch bei ANDREAS VON BERGAMO (vgl. oben Seite 68) und beim Mönch BENEDIKT vom Monte Soracte (ZUCCHTTI, Il Chronicon di Benedetto Seite 178ff. und 184).
], so wurde es - wie es scheinen will - auch langsam Tradition, sich nach der Provecnce oder nach Burgund zu wenden. Die Frage der persönlichen Bindungen trat dabei in den Hintergrund. Schon bei den Einladungen an Rudolf II. von Hoch-Burgund scheinen die persönlichen Beziehungen nicht allein ausschlaggebend gewesen zu sein. Dies wird etwa am Langobarden Giselbert ersichtlich, der maßgeblich daran beteiligt war und der damals in die Führungsschicht aufsteigen konnte. Offenkundig wird die Verlagerung von der persönlich bestimmten zur mehr oder weniger rein politischen Beziehung aber erst an den Ereignissen, die auf den mißglückten Versuch, Hoch-Burgund an Italien anzugliedern, folgten. Hugos Burgund-Unternehmen hatte OTTO DEN GROSSEN auf den Plan gerufen und die Blicke der eigenen unzufriedenen Großen auf eine Persönlichkeit gelenkt, zu der die führende Adelsgesellschaft Italiens zwar bislang weder in verwandtschaftlichen noch in sonstigen persönlichen Beziehungen stand, die aber die Macht besaß, Hugos großem Ehrgeiz Schranken zu setzen.
Der erste, für den OTTO I. von Bedeutung werden sollte, war Markgraf Berengar von Ivrea. König Hugo hatte bei seinen Bestrebungen, die Macht des Hauses von IVREA zu schwächen, bereits Anskar II., Berengars Bruder, nach Spoleto und Camerino versetzt, dann aber, da er offenkundig gegen Hugo agitierte, 940 durch den Pfalzgrafen Sarilo, einen seiner Leute aus Burgund, bekriegen und töten lassen. Die Verschwörung, die Berengar darauf gegen Hugo zu schmieden begann, war auch bald aufgedeckt worden. Damals griff Berengar, ein Enkel des ehemaligen Grafen Anskar von Ouche, nicht mehr auf Beziehungen nach West-Franken, das heißt nach der Heimat seiner Vorfahren, zurück. Er floh nach Aufdeckung seiner Pläne vielmehr zu Herzog Hermann von Schwaben, der ihn zu OTTO I. weiterleitete [86
Ausführlicher Bericht bei LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 10, Seite 135. - Die Flucht Berengars von Ivrea scheint im Herbst 941 erfolgt zu sein. Noch im Februar
941 hält er nämlich in Mailand ein Placitum ab (CdL Seite 951, nr. 558), und im Juli 941 wird noch zur Landbegrenzung bei einem Gütertausch in Casalmaggiore angegeben: a sero Berengario marchio ... (CdL Seite 961, nr. 563). Das läßt darauf schließen, daß er damals noch nicht geflüchtet war und seine Güter noch besaß. Auf den Herbst 941 deutet auch die Angabe LIUDPRANDS, daß Wila ihrem Gemahl Berengar bald nachfolgte und zur Winterszeit (941/42) - tempore brunaae - die Alpen überqueren maßte.
]. Seine Verbindungen nach West-Franken scheinen schon abgerissen oder zumindest bedeutungslos gewesen zu sein. Entscheidend für das Handeln Berengars von Ivrea wurde die politische Überlegung. Nur der deutsche König, der bei der Bevölkerung Italiens - wie bezeugt wird [87 LUIDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 48, Seite 100: (Heinricus), cuius ex hoc apud Italos nomen maxime tunt clarebat, quod Danos ... tributarios faceret.] - schon seit den Siegen HEINRICHS I. über Dänen und Ungarn in hohem Ansehen stand und der eben noch Hugo in Burgund entgegengetreten war, sollte eine dem eigenen König ebenbürtige Macht dar, die erfolgversprechend in das Kräftespiel auf italienischem Boden einbezogen werden konnte. Nur er konnte Berengar die erhoffte Hilfe gewähren.




OTTO I. unterstützte Berengar, und zwar - wie es scheint - nachdem dieser sich in seine Lebensabhängigkeit begeben hatte [88
Die Frage, ob sich Berengar v. Ivrea 941 Otto 1. kommendicrte, ist sehr umstritten, doch scheinen die Argumente der Verneinet gegen zwei klare Quellenbelege nicht stichhaltig genug zu sein. - W i d u k i n d v. C o r v c i sagt nämlich im Zusammenhang mit der Unterwerfung Berengars 11. in Augsburg 952, daß dieser tunc tarnen renovata fade coram omni exercitu farnulatui regis se cum filio subiugavit, da er schon Olim Hugonem Jugiens regi (sc. Ottoni) subderetur (W i d u k i n d, lib. III, cap. 11, S. 110). Der zweite Beleg findet sich bei H r o t s v i t h a , Gesta Oddonis v. 675-680 (M G S S I V S. 317 f.). Zur Deutung vgl. C h r. F i c t z, Geschichte Berengars von Ivrea S. 10, wo auch die Frage der Lehensabh:ingit;keit Berengars von Otto 1. nach ausgiebiger Erörterung bejaht wird.]. Er lehnte nicht nur König Hugos Bitte um Auslieferung Berengars ab; er gestattete diesem in der Folge vielmehr, in Schwaben ein kleines Heer anzuwerben [89 L i u d p r a n d , Antapod. lib. V, cap. 17 und 26, S. 139 und 145.] , mit dem er zu Anfang 945 nach Italien zurückkehren und Hugo die Macht entreißen konnte.
Die politischen Beziehungen zu den Gebieten jenseits der Alpen auf Grund alter persönlicher Bindungen hatten politischen Beziehungen ohne jeden erkennbaren persönlichen Hintergrund Platz gemacht. Beim Betrachten der Nachwirkungen der Verpflanzung von so vielen Adligen aus den Gebieten nördlich und nordwestlich der Alpen nach Italien darf aber auch das nicht außer acht gelassen werden. Sind doch diese neuen Beziehungen nur zusammen mit den voraufgegangenen Wechselbeziehungen recht verständlich. Sie stehen in der Tradition der vorangegangenen Bindungen und Kontakte.
Es ist aus keiner Quelle ersichtlich, daß OTTO DER GROSSE bereits vor dem Eintreffen Berengars von Ivrea Italien als Aufgabenfeld in seine politischen Pläne einbezogen hatte. Einmal von einem Großen Italiens, der dazu noch sein Lehensmann geworden war, um Hilfe gebeten, verlor aber OTTO I. Italien nicht mehr aus seinen Augen. Nachdem Berengar am 15. Dezember 950 nach einer Übergangsstellung als summus consiliarius bei König Lothar, dem Sohne Hugos, ohne auf OTTO Rücksicht zu nehmen, das Königtum in Italien übernommen hatte und OTTO darin den Versuch erblicken mußte, die übernommene Abhängigkeit abzuschütteln, kam es zum Eingriff des deutschen Königs. Er zog 951 nach Italien, ut resisteret superbienti Berengario und um einen in seinen Augen verkehrten Zustand zur rechten Ordnung zurückzuführen: distortum ad rectitudinem cogere [90
Hierzu vgl. Vita Mathildis poster., cap. 15, MG SS IV Seite 293 und MG Briefe der Deutschen Kaiserzeit, Rather von Verona, Seite 41, nr.7.]. Damit begannen aber auch schon die Rückwirkungen aus jener Einbeziehung des deutschen Königs in das Kräftespiel der oberitalienischen Großen. Man hatte sich eben nicht - wie bei LUDWIG DEM BLINDEN, Rudolf II. von Hoch-Burgund und Hugo - an einen Mann gewandt, der nur kam, wenn er gerufen wurde; OTTO war in diesem Beziehungsverhältnis von vornherein der stärkere Teil und war auch nicht gewillt, einmal geknüpfte Faden politisch ungenutzt zu lassen.
Diese Einbeziehung OTTOS DES GROSSEN in den Kampf der politischen Kräfte südlich der Alpen führte schließlich zur deutschen Vorherrschaft in Italien. Die Huldigung der Großen Ober-Italiens 952 in Pavia, die Verheiratung OTTOS mit Adelheid, der Witwe des 950 verstorbenen Königs Lothar, welche OTTO zugleich einen weiteren Rechtstitel auf Italien einbrachte, und die abermalige Lebenshuldigung Berengars II. sowie seines Sohnes Adalbert 952 auf einem Reichstag in Augsburg sind die bekannten Meilensteine auf dem Wege zu diesem Ziel [91
Hierzu vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 184ff. und 190-209.]. Ein erneuter Abfall Berengars II. und ein mißglückter Kriegszug Liudolfs, des Sohnes OTTOS, 956/57 gegen die ihrer Verpflichtung untreu gewordenen Könige Berengar und Adalbert vermochten den Beginn der deutschen Herrschaft in Italien nur kurzfristig zu verzögern [92 E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 285ff.]. Nachdem jedoch noch einige Große Italiens vor Berengar II. geflüchtet waren, bei OTTO aber Zuflucht gefunden hatten, und nachdem sogar Papst Johann XII. und die reliqui pene omnis Italiae comites et episcopi OTTOS Eingreifen erbeten hatten [93 Vgl. Skizzen Otbert und Adelbert-Atto im Speziellen Teil; dazu Contin. Reginonis ad 960, Seite 170; LIUDPRAND, Hist. Ottonis cap. I, Seite 159f.; SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo e di Berengario II. Seite 332, nr. 14; sowie E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 317f.], stand OTTOS zweiter Italienzug fest. Er führte 961 zur erneuten Unterwerfung Italiens und am 2. Februar 962 zur Kaiserkrönung OTTOS in Rom.
Die Diskussion über die Gründe, die OTTO I. bewogen, Italien und die Kaiserkrone zu erwerben, ist seit HEINRICH VON SYBEL und JULIUS FICKER unter den Historikern nicht mehr verstummt. Ausgangspunkt für fast alle Überlegungen war dabei die nordalpine politische Lage. Um die Herrschaft über den deutschen Episkopat besser in die Hand zu bekommen, habe OTTO Italien und Rom gewinnen müssen. Auch wurde geäußert, zur Missionspolitik im Osten sei eine ständige Kontrolle über das Papsttum sehr erforderlich gewesen, oder die Angliederung Italiens hätte sich als notwendig für die Verhinderung einer eigenständigen Südpolitik der im deutschen Reich mitvereinten süddeutschen Stämme erwiesen. Dazu habe ein Zwang der Tradition bestanden, indem nämlich das Vorbild KARLS DES GROSSEN auf OTTO gewirkt habe. Ebenso könne die Legende vom bevorstehenden Weltuntergang bei einer Nichtfortführung des Römischen Reiches OTTO nicht unberührt gelassen haben usw. Jedoch sind gegen alle Gründe auch ebensoviel Gegengründe laut geworden, so daß nun mehr oder weniger der Eindruck entstanden ist, daß OTTO überhaupt keine plausiblen Gründe zwingender Art für seine Italien- und Kaiserpolitik hatte. Damit ist aber die ganze Südpolitik wieder recht rätselhaft geworden [94
Zu den einzelnen Thesen ausführlich M. LINTZEL, Die Kaiserpolitik Ottos des Großen (1943). Einige Überspitzungen in LINTZELS Darlegungen weist F. RÖRIG zurück in seinem Aufsatz: Die Kaiserpolitik Ottos des Großen, Gedanken zu dem gleichnamigen Buche M. Lintzels Seite 203ff. Vgl. jetzt auch G. TELLENBACH, Otto der Große, in: Die Großen Deutschen I Seite 49f.].
Vom Blickwinkel Italiens aus betrachtet ist aber das Eingreifen OTTOS im Süden durchaus verständlich. Man muß es im Zusammenhang mit den soeben ausführlich dargelegten Beziehungen betrachten, dir die seit 875 in ungeheurer Weise erstarkte, aus dem Franken-Reich stammende Führungsschicht Italiens zu den Großen in den Heimatländern jenseits der Alpen unterhielt. Diese Beziehungen hatten sich zunächst mehr auf die engeren nordalpinen Verwandten konzentriert. WIDOS Verbindungen zu Fulco von Reims, die Angilbergas zu Boso von der Provence und LUDWIG DEM BLINDEN, diejenigen des Grafen Bonifaz von Bologna zu Rudolf II. von Hoch-Burgund und auch die der Markgrafen von Tuszien und von Ivrea zu Hugo von der Provence wurden als Beispiele schon angeführt. In der Stunde der Gefahr hatte ein italienischer Markgraf nun aber auch Hilfe bei einem Nichtverwandten gesucht. Diese Einbeziehung OTTOS I. und Deutschlands in das Auf und Ab der Politik südlich der Alpen war zu dem Zeitpunkt, als die verwandtschaftlichen Bindungen sich zu lockern begannen und als die anderen Nachbarstaaten Italiens - Nieder-Burgund, Hoch-Burgund und Frankreich - entweder selbst eines eigenen Herrschers entbehrten oder nur einen unfähigen Regenten aufzuweisen hatten, ein logisches Fazit der bisherigen Entwicklung. Die Tendenzen dieser Großen, die darauf hinausliefen, Hilfe in den Heimatländern zu holen, sobald eine Stärkung der königlichen Macht auf Kosten der gräflichen oder markgräflichen eingeleitet werden sollte, mußten beim Ausfall anderer Möglichkeiten auch OTTO erreichen. OTTO ergriff hier nur die gleichen Möglichkeiten, die vorher schon LUDWIG DEM BLINDEN VON DER PROVENCE und Rudolf II. von Hoch-Burgund geboten waren, er nutzte sie jedoch in meisterhafter Weise zu seinen und des Deutschen Reiches Gunsten. Eine andere Frage ist allerdings, warum OTTO die ihm gebotenen Möglichkeiten aufgriff. Eine Notwendigkeit, ein direkter Zwang der politischen Situation bestand dazu nicht. Doch warum sollte OTTO sich nicht für die Steigerung von Macht und Ansehen entscheiden? Warum sollte er die Vorteile, die sich ihm mit der Beherrschung Italiens boten, ausschlagen? Konnte er damit ja zugleich alles das erreichen, was sein entschiedenes Handeln notwendig gemacht haben soll: bessere Beherrschung des deutschen Episkopats und bessere Durchführbarkeit einer Ost- und Missionspolitik bei Unterstützung durch einen gefügig gemachten Papst, Verhinderung der eigenen Südpolitik der süddeutschen Stämme usw. Und er richtete seinen Blick und sein Tun nur auf ein Land, das schon KARL DER GROSSE, sein Vorbild - wenn man die Krönung OTTOS in Aachen in dieser Richtung deuten darf -, KARL III. und ARNULF beherrscht und verwaltet hatten. Er nahm lediglich die Tradition seiner Vorgänger wieder auf. Sicherlich wußte er dabei, daß er in ein Land zog, in dem viele Franken und Alemannen, deren König er doch war, ehedem eine Heimat gefunden hatten und in dem vielleicht da und dort die teutonica lingua auch noch gesprochen wurde [95
LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 14, Seite 79f. gibt zum  Beispiel folgendes als Grund für den Tod Burchards von Schwaben 926 vor Novara (siehe oben Seite 85) an: Vor der Stadtmauer von Mailand reitend habe Burchard lingua propria, hoc est Teutonica, seinen Begleitern seine Pläne offenbart in der Hoffnung, von den Italienern nicht verstanden zu werden. Aber ein einfacher Mann, welcher eius tamen loquelae scius erat, konnte das verstehen, das Gehörte Weitermelden und somit die Sammlung von Burchards und Rudolfs lI. Gegnern herbeiführen.].
Das Eingreifen OTTOS I. fällt aber schon in die Zeit, in der der Prozeß der Verschmelzung des Italiae populus diverso sanguine mixtus zum italienischen Volk seiner Vollendung entgegenging. Karlmann, KARL III. und ARNULF VON KÄRNTEN hatten zum Beispiel eine zusammenfassende Bezeichnung für die Bewohner Ober- und Mittel-Italiens wie das später übliche Italienses oder Italici noch nicht anwenden können. Beim Zählen ihrer Regierungsjahre in Italien kamen noch Zusammenstellungen wie rex Bauariorum et in Italia (nicht et Italicorum) zustande [96
Vgl. oben Seite 75 und MG DD Kar1mann Seite 301, nr. 12 und Seite 302, nr. 13.]. Zur Zeit OTTOS I. aber dürften die aus verschiedenen Völkerschaffen stammenden Bewohner Ober- und Mittel-Italiens schon zu einem Volke verschmolzen gewesen sein. OTTO konnte sich 951 bereits rex Italicorurn nennen [97 MG DD Otto I. Seite 219, nr. 139 und Seite 219, nr. 140.]; auch bei dem zur Zeit OTTOS schreibenden Bischof LIUDPRAND VON CREMONA wurde, wie dann bei den folgenden Schriftstellern, der seit der Antike bekannte geographische Begriff Italien schon auf die Gesamtheit der Bewohner dieses Raumes angewandt [98 Bei LIUDPRAND ist übrigens - wie auch bei OTTO I., der sich in anderen Urkunden noch rex Langobardorum nannte - die Subnominierung aller Bewohner Ober- und Mittel-Italiens unter dem Begriff Italienses noch nicht völlig vollzogen. An einigen Stellen bezeichnet LIUDPRNAD als Italienses nämlich nur die Bewohner Ober-Italiens und setzt diese in Gegensatz zu den Tuskern und Spoletinern. (Italia als Ober-Italien ist ja auch in den Urkunden zum Beispiel König Hugos Tuszien und Spoleto gegenübergestellt). Meist faßt er aber mit dem Ausdruck Italici die Bewohner der Gebiete des ehemaligen karolingischen regnum ltaliae zusammen. Diese Unsicherheit zeigt, daß sich hier etwas Neues anbahnte Entscheidend ist jedoch bei allem, daß die Anwendung eines vereinheitlichenden landschaftlichen Begriffs auf die aus verschiedenen Wurzeln stammende Bevölkerung dieses Raumes möglich geworden war. Der früheste urkundliche Beleg für die Zusammenfassung aller Bewohner (Reichs)-Italiens als Italienses bzw. Italici ist meines Wissens in einer Urkunden des Bischofs Giseprand von Tortona aus dem Jahre 946 zu finden. Dort wird berichtet, daß König Hugo pro remedio anime sue cunctorumque regum Italicorum die Abtei Vendersi der Kirche von Tortona unterstellte (SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 362, nr. 9). Nach SCHIAPARELLI, I dipl. die Berengario I Seite 15, nr. 3 fänden sich Italici bereits in einem BERENGAR-Diplom vom Jahre 888 genannt. Doch wie schon bei der Edition dieses Abkommens mit Venedig in FORSCHUNGEN X Seite 279 und in MG Capit. II Seite 143, nr. 238 bemerkt wurde, scheint gerade dieses (in den Text sich auch nicht geschickt einfügende) Wort von der Einbeziehung einer Glosse (ita dicis?) in einige der erhaltenen Abschriften herzurühren. Vorstufen für die Zusammenfassung der Bewohner Italiens als Italienses bzw. Italici sind schon in den 915-924 verfaßten Gesta Berengarii insofern zu finden, als dort einige Male dem Gallicus heros WIDO und dem Germanus ARNULF
König BERENGAR als Italus princeps gegenübergestellt wird (ed. DÜMMLER Seite 81, lib. I v. 28) und als die Leute BERENGARS, die freilich in der antikisierenden Tendenz des ganzen Gedichtes noch als Etrusker, Latier, Tyrrhener usw. bezeichnet werden, more Italo die Lanzen führen (Seite 102, lib. II v. 96). Der ager Italus ist nach diesem Gedicht das Ziel Zwentibolds (Seite 112, lib. III v. 9). Einmal läßt der anonyme Dichter jedoch auch schon einen gewissen Hubert seine Gegner als O Itali ansprechen (Seite 108,
lib. Il v. 201); das aber könnte auch eine Anspielung auf die alten Italiker darstellen. - Das alte Begriffspaar Roma et Italia bzw. Romani et Itali wirkte in der Dichtung ja bis in diese Zeiten fort: so bei dem Verfasser des Epitaphium HIudarii imperatoris, bei WANDELBERT VON PRÜM, WALAHFRID STRABO, SEDULIS SCOTUS und HEINRICUS VON AUXERRE (Poetae Lat. II Seite 241,592,596,667; I Seite 371; III Seite 203,441). - Vgl. auch Seite 75, Anm.25.]. Vom lange bekannten geographischen Begriff her wurde der Name für die werdende völkische Einheit entlehnt. Der völkische Mischungsprozeß war damals zu einem gewissen Abschluß gelangt. Die aus dem Franken-Reich Zugezogenen waren mehr und mehr in die langobardisch-romanische Mischbevölkerung Italiens eingegangen. lm Prozeß der Herausbildung der italienischen Nation hatten sie ihre eigene Sprache, ihr fränkisches oder alemannisches Stammesbewußtsein und ihre Beziehungen nach der Heimat aufgegeben. Sie hatten sich in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts den damals in gegenseitiger Verschmelzung stehenden Langobarden und Romanen mehr und mehr angeglichen. Gelegentlich waren sie mit ihnen sogar schon in Mischehen eingetreten. Die nunmehr beginnende Herrschaft der Deutschen war für sie bereits etwas Fremdes [99 Vgl. dazu G. GRAF, Die weltlichen Widerstände in Reichsitalien gegen die Herrschaft der Ottonen. - Das erste unzweifelhaft nationale Empfinden wird nicht lange nach 972 bei dem Mönch BENEDIKT vom St.-Andreas-Kloster auf dem Monte Soracte spürbar. Ve regnum Italie, a multis depressus nationibus! ... Vee populum Italico! klagt dieser verschiedentlich (vgl. ZUCCHETTI, Il Chronicon di Benedetto Seite 37 und Seite 162, bes. aber Seite 186; dazu P. E. SCHRAMM, Kaiser, Rom und Renovatio I Seite 66f.). Von da an häufen sich auch die Belege für ein eigenständiges nationales Bewußtsein der aus dem großen Verschmelzungsprozeß hervorgegangenen Italiener.].