EDUARD HLAWITSCHKA

                             
                                             
FRANKEN, ALEMANNEN,
                                              BAYERN UND BURGUNDER
                                                  IN OBERITALIEN
                                                      (774-962)




                                                      VORWORT    

Die vorliegende Arbeit ist entstanden im Zusammenhang mit den Freiburger Forschungen zur Geschichte des hochmittelalterlichen Adels. Den Anreiz zur Beschäfligung mit der Geschichte des oberitalienischcn Raumes empfing ich auf einer Reise durch Oberitalien im Herbst 1953. Die Anregung, mich eingehender in die oberitalienische Geschichte der Karolingerzeit zu vertiefen, erhielt ich von meinem hochverehrtem Lehrer, Herrn Professor Dr. G. Tellenbach, dem ich dafür tiefen Dank schulde. Herrn Professor Tellenbach danke ich auch für die materielle Unterstützung, durch die mir die Anfertigung dieser Arbeit erst ermöglicht wurde. Besondere Förderung erfuhr ich durch die Seminarübungen des Sommersemesters 1954, die Herr Professor Tellenbach im Zusammenhang mit der Vorbereitung seiner Vorträge in Stuttgart, München und Rom über fränkisch-italienische Beziehungen (vgl. Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen Adels, 1957, Seite 40ff.) hielt und in denen ich erste Ergebnisse vortragen durfte.
Diese Arbeit wurde am 29. März 1956 von der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg i. Br. als Dissertation angenommen. Ihre Drucklegung wird durch die großzügige Förderung des Herrn Bundeskanzlers ermöglicht. Ihm sei auch an diescr Stelle mein besonderer Dank ausgesprochen.
Danken möchte ich weiterhin den Herausgebern der „Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte" für die Aufnahme meiner Arbeit in ihre Reihe, sowie den Herren Dr. H. Diener, Rom, für einige Ermittlungen in römischen Bibliotheken und Dr. K. Schmid, Freiburg, für freundschaftlichen Rat und manche Hilfe. Den Staatsarchiven in Mailand, Padua und Siena, dem erzbischöflichen Archiv in Lucca, dem bischöflichen Archiv in Piacenza und der Biblioteca Queriniana in Brescia danke ich für die Überlassung von Fotokopien und Mikrofilmbildern, der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br. für die Beschaffung der benötigten Literatur.

E. Hl.


                                                 INHALT


                                                                                                                 Seite
Einleitung .........................................................................................        11

I. Franken in Italien vor 774............................................................         17
II. Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Italien zur Zeit     
Karls des Großen und Ludwigs des Frommen.................................          23    
III. Die Zuwanderer aus den Gebieten nördlich und nordwestlich der 
Alpen in der Zeit Lothars 1. und Ludwigs II........................................     53  
IV. Die Zuwanderer und ihre Nachkommen in der Zeit der letzten   
Karolinger und der sogenannten nationalitalienischen Könige.............     67  
V. Ausblick auf die Zeit Ottos des Großen und Zusammenfassung   
der Ergebnisse..........................................................................................   94  


Prosopographie der Amtsträger Oberitaliens in der Zeit von 774-962.....   98

Anhang: Grafennennungen in Urkundenfälschungen, ungenauen Ab   
schriften und fehlerhaften Editionen........................................................   294  
Exkurs: Zur Genealogie der Supponiden..................................................   299
Quellennachweis für die nordalpinen Staatssiedler in Italien und ihre     
Nachkommen (774-1000)..........................................................................  310  
Das Namengut der nordalpinen Zuwanderer.............................................  322
Quellen-, Literatur- und Abkürzungsverzeichnis .....................................   329
Register .....................................................................................................  345


                                                                     EINLEITUNG

Im Juni 774 ergab sich die Festung Pavia nach zehnmonatiger Einschließung dem Belagerungsheer KARLS DES GROSSEN. Aus allen Städten und Landesteilen kamen die langobardischen Großen herbei, um sich der Herrschaft des siegreichen Königs und seiner Franken zu unterwerfen. KARL nahm zu seinem Titel, eines rex Francorum noch den eines rex Langobardorum an, schickte den gefangenen Langobarden-König Desiderius in ein fränkisches Kloster und übernahm selbst die volle Regierungsgewalt in Italien. Das Langobarden-Reich wurde dem Franken-Reich angeschlossen.
Wie KARL DER GROSSE und dann seine Nachfolger Italien regierten und verwalteten, mit welchen Mitteln und Methoden sie dieses Land dem Franken-Reiche assimilierten, so daß sich nicht nur in kirchlicher Hinsicht, sondern für lange Zeit auch in politischem Sinne mit dem großfränkischen Reiche eine feste Einheit - das solidum Corpus ex diversis nationibus ADREVALDS VON FLEURY - herausbildete, das hat von jeher die Mittelalterforschung beschäftigt. Fragen nach der Art und Weise der Neuordnung des langobardisch-romanischen Staatswesens und nach den Grundzügen der Italienpolitik der KAROLINGER tauchten immer wieder auf, beruhte doch auch mit auf ihrer Lösung die Möglichkeit, Einsichten in das Werden des abendländischen Kulturkreises zu gewinnen.
Im Mittelpunkt des früheren Bemühens, Leitlinien und Grundzüge der Politik KARLS DES GROSSEN und seiner Nachfolger in Italien zu erkennen, stand die Auswertung der Nachrichten aus den Rechtsquellen. Aus ihnen war zu entnehmen, daß KARL DER GROSSE die Gültigkeit der Reichsgesetze auf Italien ausdehnte, daß er spezielle Capitularien für Italien erließ, fränkische Einrichtungen wie das Lehenswesen mit der Commendation, die Prekarie als Form der Nutzung von Kirchengut, die Immunität, wie auch den Königsbann als Strafsatz in Italien einbürgerte, und daß er die fränkische Silberwährung an die Stelle der langobardischen Goldprägungen setzen ließ. Auch Maßnahmen zur Linderung der Not der langobardischen und der romanischen Bevölkerung und zur Festigung der Rechtssicherheit fanden dabei immer wieder Beachtung [1
Vgl. E. MÜHLBACHER, Karolinger S. 105f.].
Bald danach wurde die Einführung des regnum Langobardiae in den fränkischen Reichsverband vorwiegend als ein Problem der Angleichung der vorhandenen langobardischen Verwaltungsinstitutionen an die fränkische Reichsverwaltung behandelt. Vornehmlich von italienischer Seite wurde um die Jahrhundertwende die Ansicht vertreten, daß es bereits bei den Langobarden neben den gewöhnlichen Stadt-Herzögen, den duces, noch die „Duchi Maggiori" gegeben habe. In Anlehnung an eine solche Ordnung hätten auch die KAROLINGER Italien in fünf Großdukate - Italia Austria, Italia Neustria, Tuscia, Emilia und Littorale del mare (oder Liguria) - eingeteilt. Wie die Inhaber dieser großen Dukate in der Langobarden-Zeit obrigkeitliche Befugnisse über die Stadtherzöge wahrgenommen hatten, so seien ihnen in der Karolinger-Zeit wohl mehrere Grafschaften zugeordnet gewesen [2
Vgl. dazu B. BAUDI DI VESME, L'origine Romana del comitato Langobardo e Franco (1903) Seite 368; F. GABOTTO, Le origini signorili del comune (1903) Seite 127-133; DERS., I ducati dell'Italia carolingia (1910); DERS., Contro la negata divisione del regno italico in cinque ducati grandi nell'epoca carolingia (1913).].
Das ist mit Recht bestritten worden, - so etwa von S. PIVANO, der aber im Laufe der Zeit zu den zunächst abgelehnten Gedanken einer Dukatseinteilung Italiens in der Karolinger-Zeit zurückkehrte und schließlich das Vorhandensein von sechs großen karolingischen Dukaten zu beweisen suchte [3
S. PIVANO, Contro 1'asserita divisione del regno ital. in cinque ducati grandi (1912); DERS, Il comitato di Parma e la marca lombardo-emiliana (1922); DERS., I ducati del regno italico nell'eta carolingia (1940). Auf PIVANOS Gedanken zum Teil bauend N. G. GUASTELLA, La marca settentrionale ... (1940).]. Am nachhaltigsten sprach sich jedoch A. HOFMEISTER gegen derartige Kombinationen aus [4 A. HOFMEISTER, Markgrafen und 'Markgrafschaften Seite 247ff.]. Er sah die Umformung der langobardischcn Dukate in ein System fränkischer Grafschaften als das Kernstück der Italienpolitik KARLS DES GROSSEN an. Seine Ansicht fand allgemeine Anerkennung. Klar ist sie in den folgenden Sätzen formuliert: „Eine gewisse Übereinstimmung der langobardischen und der fränkischen Verfassung war (774) unstreitig vorhanden. Insbesondere dürfen die beiderseitigen Grundlagen der Verwaltung, das langobardische Herzogtum und die fränkische Grafschaft trotz wesentlicher Verschiedenheiten wohl nebeneinander gestellt werden ... Bei der Einführung Italiens in den fränkischen Staatsverband traten an die Stelle der Herzoge, duces, nach fränkischer Weise Grafen, comites. Die Dukate waren von nun an Comitate, Grafschaften." Erst im Laufe des 9. Jahrhunderts sei durch die Gunst der politischen Verhältnisse eine Stärkung der Stellung einzelner Grafen und damit die tatsächliche und rechtliche Heraussonderung der Markgrafen und ihrer Familien eingetreten [5 A. Hofmeister, a.a.O. Seite 216 und 224.]. Man wird aber der Leistung KARLS DES GROSSEN nicht ganz gerecht, wenn man die Einbeziehung Italiens in das Franken-Reich und seine Umformung zu einem Glied des fränkischen Reiches ausschließlich auf dem engen Sektor einer Verwaltungsangleichung betrachtet. Schon A. HOFMEISTER wandte daher sehr viel Aufmerksamkeit den einzelnen Personen zu, denen letztlich die Heraussonderung der Marken zuzuschreiben ist. Zu einer Zeit, in der die Staatswesen arm an Institutionen waren und eine feste Bürokratie kaum kannten, war ja doch die Regierung eines Staates in der Hauptsache auf einen Kreis von vertrauten Helfern angewiesen, die ein einigermaßen kontinuierliches Funktionieren der Regierungstätigkeit besorgten [6 Vgl. dazu G. TELLENBACH, Europa im Zeitalter der Karolinger Seite 415 und DERS., Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 40 ff.]. Auf persönlichen Beziehungen und Bindungen des Königs zu seinem Adel beruhte wesentlich das Bestehen der staatlichen Ordnung; diese ersetzten, was dem frühmittelalterlichen Staat an objektiven Herrschaftsmitteln und Einrichtungen fehlte. Die Herrschaft der KAROLINGER fußte nicht so sehr auf straff durchgebildeten Institutionen. Die Verwaltungseinrichtungen in Italien, die sich aus der spätantike über die Goten- und Langobarden-Herrschaft hinweg gut gehalten hatten, wurden selbstverständlich auch von den KAROLINGERN nicht völlig vernachlässigt. Die Stadt blieb wie ehedem der Mittelpunkt der Verwaltung, und auch die neuen Grafen rückten in diese jeweils um eine größere Stadt gruppierten Verwaltungssprengel ein. Anders als in den fränkischen Kerngebieten oder gar in den von den Franken erst östlich des Rheins gewonnenen Landstrichen liegt hier der fränkischen Herrschaft und Verwaltung eine in sich gut gegliederte und begrenzte Sprengeleinteilung zugrunde, so daß auch mit Recht vom comitatus Veronensis, Mediolanensis, Astensis etc. als fester Verwaltungsordnung gesprochen werden kann. Entscheidend für das Funktionieren der Verwaltung war aber doch, von welchen Menschen diese nur spärlich ausgeprägte Verwaltungsordnung getragen wurde. Soll deshalb die Frage nach den Leitlinien und Grundzügen der karolingischen Italienpolitik hier wiederum gestellt und eine neue Antwort angestrebt werden, so muß unser Interesse sich vorwiegend dem Personenkreis zuwenden, mit dem KARL DER GROSSE und seine Nachfolger Italien regierten.
Forschungen, die mit der Fragestellung nach den Trägern der Herrschaft der KAROLINGER in den verschiedenen Teilgebieten des großen KARLS-Reiches nördlich der Alpen unternommen wurden, haben gezeigt, daß die Angliederung eines neuerworbenen Landes an die alten fränkischen Kerngebiete jeweils von einer Durchdringung des gewonnenen Landstriches mit Franken begleitet war [7
Hier seien in Auswahl nur genannt: (für Alemannien) H. BÜTTNER, Franken und Alamannen in Breisgau und Ortenau; I. DIENEMANN-DIETRICH, Der fränkische Adel in Alemannien im 8. Jh.; H. DANNENBAUER, Bevölkerung und Besiedlung Alemanniens in der fränkischen Zeit; J. FLECKENSTEIN, Fulrad von St. Denis und der fränkische Ausgriff in den süddeutschen Raum; (für Bayern) E. KLEBEL, Bayern und der fränkische Adel im 8. und 9. Jh.; (für Sachsen, Thüringen und Hessen) W. SCHLESINGER, Die Entstehung der Landesherrschaft; H. BÜTTNER und I. DIETRICH, Weserland und Hessen im Kräftespiel der karolingischen und frühen ottonischen Politik; Th. MAYER, Königtum und Gemeinfreiheit im frühen MA Seite 335; F . SCHNEIDER, Staatliche Siedlung im früheren MA, besonders Seite 16ff. und Seite 39.]. So ist es der Untersuchung wert, ob auch die Eroberung des regnum Langobardorum mit einer stärkeren fränkischen Einflußnahme Hand in Hand ging. Gibt es also auch in Italien während der KAROLINGER-Zeit Franken oder andere nordalpine Zuwanderer? Wann, wie, in welcher Menge und zu welcher Aufgabe sind sie dorthin gekommen?
Das Auftauchen von Franken, Alemannen, Bayern und Burgundern in Italien unter KARL DEM GROSSEN und seinen Nachfolgern hat in Forschung und Literatur zur Geschichte Italiens im 8., 9. und 10. Jahrhundert bislang keine größere Beachtung gefunden. Zwar machte bereits 1888 E. DÜMMLER auf ein stärkeres Hervortreten von Franken, Alemannen und Bayern in der höheren Führungsschicht Italiens aufmerksam und wiesen um die Jahrhundertwende auch P. DARMSTÄDTER, L. SCHIRMEYER und der Jurist K. NEUMEYER auf ein beachtlich starkes Vorkommen nordalpiner Stammesrechtsbezeugungen in Italien hin [8
Vgl. E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches III² Seite 13ff.; P. DARMSTÄDTER, Das Reichsgut in der Lombardei Seite 17; L. SCHIRMEYER, Kaiser Lambert Seite 17, Anm. 3; K. NEUMEYER, Die gemeinrechtliche Entwicklung Seite 85.], doch wurde damit das Interesse der Historiker an diesem Problemkreis nicht geweckt [9 Vielleicht hängt dies damit zusammen, daß von italienischer Seite der Einfluß der germanischen Völkerschaften auf Italien ganz allgemein recht gering eingeschätzt wurde - vgl. etwa C. CIPOLLA, Delta supposta fusione dei germanici coi italiani (1900), dagegen erst 1938/39 W. GOETZ in: Italien im MA, Band 1 - weshalb auch eine eingehende Untersuchung dieser Materie wenig erfolgversprechend erschien. Lediglich L. SCHÜTTE, Fränkische Siedlung in den Abruzzen, ist 1911 in einer knappen Studie den Anregungen nachgegangen. Sein Beitrag ist bislang völlig unbeachtet geblieben.]. Man beschränkte sich darauf, die bereits getroffenen Feststellungen zu erwähnen [10 Vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen und Markgrafschaften Seite 227; E. MAYER, Italienische Verfassungsgeschichte Band I Seite 48; P. HIRSCH Die Erhebung Berengars I. Seite 26.]. Zumeist verwies man für ein Einrücken von Franken in italienische Verwaltungspositionen auf eine allgemein gehaltene Angabe des ADREVALD VON FLEURY: die Königspfalz sei verödet, weil KARL seinem Sohne Pippin so viele edle Franken zur Stützung seiner italienischen Herrschaft gegeben habe [11 Adreva1di Floriac. mirac. S. Benedicti c. 18, M G S S XV S. 486: Qua de re primatibus populi ducibusque contigit palacium vacuari, eo quod multos ex Francorum nobili genere filio contulerit, qui cum eo regnum noviter susceptum tuerentur et regerent.]. Gelegentlich führte man auch das bekannte Wort aus der Vita Hludovici des sogenannten Astronomen an, daß nämlich durch die Abwanderung eines großen Teiles des fränkischen Adels im Gefolge des 834 von seinem Vater nach Italien verwiesenen LOTHAR I. die Kraft des Reiches versiegt sei und Francien seine Nobilität und Weisheit verloren habe [12 Vita Hludov. c. 56, M G S S I I S.642; vgl. unten S.55.]. Findet man deshalb heutzutage in der Literatur überhaupt etwas über Franken, Alemannen, Bayern und Burgundern in Italien, so beschränkt sich dies zumeist auf die Erwähnung einiger weniger allgemein bekannter Geschlechter wie WIDONEN, UNRUOCHINGER und SUPPONIDEN [13 Unter den neueren italienischen Forschern scheint allein G. BARNI geneigt, stärkere nordalpine Einflüsse anzunehmen. In seinem Aufsatz „Alamanni nel territorio lombardo" wandte er sich aber nur der Zuwanderung von Alemannen zu. Die viel stärkeren fränkischen Einflüsse erwähnte er daneben fast gar nicht. Da BARNI jedoch die im 9. und 10. Jahrhundert in Italien bezeugten Alemannen vornehmlich als Nachkommen einer vor-karolingischen, über Rätien nach Ober-Italien gelangten alemannischen Siedlergruppe annahm, verbaute er sich den Weg für alle weitergehende Erkenntnis. - G. FASOLI, I re d'Italia S. XXI und Momenti di storia Seite 11, erkennt die Wichtigkeit der Frage des fränkischen Einflusses; sie unterläßt jedoch eingehende Untersuchungen und genauere Angaben.]. Demgegenüber soll aber hier einmal untersucht werden, ob es wirklich nur die wenigen, der fränkischen Reichsaristokratie angehörenden Familien waren, die in Italien Fuß faßten, und ob tatsächlich - wie erst jüngst wieder geäußert wurde - nur eine „sehr geringfügige fränkische Zuwanderung" [14 E. ZÖLLNER, Die polar. Stellung der Völker im Frankenreich Seite 133.] nach 774 in Italien erfolgte. Es soll geprüft werden, ob und in welcher Anzahl nicht auch noch andere, weniger bekannte fränkische und alemannische Adlige nach Italien kamen, weiterhin, ob nicht auch kleinere Leute, Vasallen und landarme Siedler, auf dem Boden des regnum Langobardiae angesiedelt wurden. Und es wird zu untersuchen sein, ob in personeller und bevölkerungspolitischer Hinsicht eine planmäßige Einflußnahme auf Italien - besonders Ober-Italien - erfolgte oder nicht, gegebenenfalls, welche Nachwirkungen diese Seite der karolingischen Politik für Italien hinterließ. Dazu wird vielleicht das immer außer acht gelassene Problem der Fortdauer der italienisch-nordalpinen Beziehungen nach dem Vertrag von Verdun (843) eine gewisse Beleuchtung erfahren können.
Die Quellen für unser Untersuchungsgebiet sind vornehmlich die Italienischen Privatrechtsurkunden der Zeit von 774 bis 1000. - Es sind die Notizen über Schenkungen frommer, gottesfürchtiger Leute aller sozialen Schichten an Klöster und Kirchen, es sind die Urkunden über Kauf-, Verkauf- und Tauschgeschäfte mit Häusern und Ländereien, wie auch die Aufzeichnungen über Rechtsstreitigkeiten und deren Beilegung, in denen oftmals etwas über die Herkunft der handelnden Personen zu finden ist. Ex genere Francorum oder Alemannorum zu sein, bekennt in diesen Urkunden manch einer bei der Darlegung seines Rechtsstandes; andere geben nur an, daß sie nach der lex salica leben, was bei der Personalität des mittelalterlichen Rechtes die Zugehörigkeit dieses Mannes nicht zum Land, sondern zum Stamm der Franken voraussetzt. Öfters heißt es in den Urkunden auch nur: ... exinde legitimam facio tradicionem per cultellum, festucam notatam, wantonem et vasonem terre atque ramum arboris et taliter me de hoc quod dedi warpivi et absasito feci et ad partem emptoris ad proprietatem habendum reliqui  ... oder: pergamenam cum atramentario de terra elevavi.  Diese Rechtsformeln jedoch stammen aus den Srtammesrechten. Im römischen und langobardischen Recht kommen sie nicht vor [15
Die Additio tertia zu den leges Langobardorum gibt genaue Hinweise für den langobardischen Urkundenschreiber, wie er das feststehende Urkundenformular bei Romanen, Saliern, Ripuariern, Alemannen, Bayern, Burgundern und Goten abzuwandeln hat. Unter anderem heißt es da für das Verkaufsurkundenformular:... Sic trado ei ad proprium et huic notario ad scribendum. - Habes precium iusta cartam? - Habeo - Dic: „totos vos Togo tangere". Si est Romanus, similiter dic; sed si est Salichus, si est Roboarius, si est Francus, si est Gothus vel Alarmannus venditor: „pone cartulam in terram, et super cartam mute cultellum, festucnm notatam, wantonem et wasonem terrae et ramum arboris et atramentarium" et in Alarnanna wandilanc, et levet de terra; et in eo cartam tenente die traditionem ut supra diximus. Et adde in istorum cartulis et Baioariorum et Gundebadorum - nam in Baioaria et Gundebada non ponitur insuper cultellum -: „proheredes" et „repetitione", et tolle: „esponde te", et matte: „obliga te".... et adde: „warpi te", cetera sunt similia . . . - Und für Schenkungsurkunden gilt das gleiche. De donationum cartulis omnino similiter preter: „babes precium?" nam in his dicitur: "habes launecbild?" - Habeo (M G L L IV Seite 595ff.). In den ca. 8000 italienischen Privatrechtsurkunden aus der Zeit vor dem Jahre 1000, die bei der Vorbereitung dieser Arbeit durchgesehen werden maßten, waren in nicht einem einzigen Falle diese nordalpinen Rechtsformeln bei einem nach der lex Langobardorum lebenden Teilhaber eines Rechtsgeschäftes angewendet. Zum Problem der professiones iuris in Italien vgl. F. CALASSO, Medio evo del diritto Seite 109ff. (mit Literatur). Auf die Beobachtung, die sich an der Quellenzusammenstellung auf Seite 310ff. leicht gewinnen läßt, daß im 10. Jahrhundert das salfränkische Recht die anderen nordalpinen Stammesrechte in Italien in zunehmendem Maße überwiegt, hoffe ich an anderer Stelle näher eingehen zu können. Vgl. dazu vorläufig P. VACCARI, Studi sull 'Europa precarolingia e carolingia Seite 158f.]. So kann man in diesen Fällen zwar nicht die genaue Stammeszugchörigkcit der Personen, dafür aber immerhin ein nicht näher bestimmtes Herkommen derselben aus den Landen nördlich und nordwestlich der Alpen erkennen. - Es gehörte zu den Rechtsbräuchen der damaligen Zeit, daß ein Rechtsakt zumeist in Gegenwart von mehreren Personen vorgenommen wurde, die nach dem gleichen Recht wie der jeweils die Urkunde ausstellende Käufer, Verkäufer, Tauschpartner etc. leben [16 Dazu vgl. M G L L I Seite 211, cap. 6, und den Quellennachweis für die nordalpinen Staatssiedler (Seite 310ff.).]. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß wir auch die Namen von vielen Zuwanderern erfahren, die nicht mit einem eigenen Rechtsakt hervorgetreten sind.
Die Königsurkunden liefern kaum Anhaltspunkte zur Frage der Herkunft einzelner Personen. Sie zeigen dafür, in welcher Stellung und Gunst die führenden Persönlichkeiten, deren Herkommen man mit Hilfe der Privatrechtsurkunden bestimmen kann, am Hofe standen. Sie geben Hinweise auf die politische Rolle und Wirksamkeit der hervorragenden Persönlichkeiten des Reiches und tragen somit dazu bei, die politische Bedeutung manches Zuwanderers zu ermitteln.
Nicht anders verhält es sich mit den erzählenden Quellen. Sie nennen bei der Darlegung der verschiedenen Ereignisse nur die wichtigsten Personen. Selten jedoch berichten sie etwas über das Herkommen derselben. Wo sie aber genealogische Nachrichten mit einflechten, helfen sie mit, die stammesmäßige Abkunft eines Markgrafen oder Grafen zu bestimmen; denn oft ist ein genannter Verwandter durch Privaturkunden mit eindeutigem Rechtsformular schon bekannt. Das aber gibt Aufschluß für eine ganze Familie.
Eine bislang in der italienischen Geschichtsforschung kaum beachtete Quelle sind die Gedenkbucheinträge. Sie enthalten eine Fülle genealogisch auswertbaren Materials. Erst im Zusammenhang mit der geplanten Neuedition des Gedenkbuches von S. Salvatore in Brescia und der Randnotizen in einem Evangeliar zu Cividale durch die MGH wird vielleicht die Entschlüsselung vieler dieser Einträge möglich sein. Hier konnten diese Quellen nur in wenigen Fällen herangezogen und benutzt werden.