ANHANG

                                      Grafennennungen in Urkundenfälschungen, ungenauen Abschriften und fehlerhaften Editionen

Aus den Erörterungen um die Grafen Ober-Italiens zwischen 774 und 962 müssen verschiedene Grafennennungen herausgehalten werden. Es handelt sich um die Grafennamen, die nur aus Urkundenfälschungen bzw. fehlerhaften Urkundenabschriften und unsachgemäßen Editionen bekannt sind. In diesem Zusammenhang sind zu erwähnen [1
Die in den modernen Editionen SCHIAPARELLIS, MANARESIS usw. enthaltenen und dort schon als Fälschungen gekennzeichneten Diplome, in denen oberitalienische Grafen genannt werden, sind hier verständlicherweise nicht mit verzeichnet.]:

I. ADRALDUS vicecomes palatii.
Dieser scheint in einer Urkunde gegenannt zu sein, die im Chronicon Vulturnense inseriert ist [2
Chron. Vulturn. I, ed. Federici, Seite 329.]. Nach dieser Urkunde vom Januar 872 hatte sich Abt Maio vom S. Vincenzokloster am Volturno bei einem Streit mit Hörigen an Kaiser LUDWIG II. gewandt. Dieser aber Adraldi vicecomiti palatii iussit, ut resideret in iudicio. C. MANARESI i hat neuerdings wahrscheinlich gemacht, daß diese Stelle mit Adraldo vice comiti palatii bzw. Adraldo in vice comitis palatii iussit wiederzugeben ist. Einen ständigen Vice-Pfalzgrafen gab es in Italien nicht [3 C. MANARESI, Intorno al visconte di Palazzo Seite 328ff. Neuedition der Urkunde bei MANARESI, I placiti Seite 261, nr. 72. - Ob Adrald mit dem Grafen Heribald identifiziert werden darf, der im Gebiet von Spoleto öfters in vice comitis palatii handelte, oder ob er ein Graf, ein Gastalde oder ein iudex dieses Gebietes war, lasse ich unentschieden.].

II. ALDEGAR vicecomes.
Er wird in einem als Fälschung erweisbaren Testament des Bischofs Atto von Vercelli (a. 945) als Attos Vater genannt [4
UGHELLI, Italia sacra VI (1. Auflage) Seite 1060. - Dazu vgl. WATTENBACH-HOLTZMANN, Geschichtsquellen, Band 1, Heft 2 Seite 317.].

III. ILDEGERIUS.
Er saß im Oktober 890 in Lugagnano/Val d'Arda zu Gericht; von ihm heißt es dabei: in cuius ipsum comitatum Lucaniano continet oder qui ipsum comitatum continet. Er wird aber niemals Graf genannt und scheint nur ein locopositus des Grafen von Piacenza gewesen zu sein [5
BOSELLI, Delle storie Piacentine I Seite 285 (= MANARESI, I placiti Seite 350, nr. 97). Vgl. dazu auch MANARESI, a.a.O. Seite 337, nr. 93: Noe vicecomes et misso domni imperatoris una cum Rotefredus, in cuius continebat ipsum ministerium. Am Schluß dieser Urkunde unterfertigt Rotefred als locopositus.].

IV. LIUTO(LFUS), Graf von Bergamo.
Er wird in der neueren Literatur über Bergamo - in Beibehaltung einer Hypothese LUPIS (Cod. dipl. Bergom. II Seite 127) - wiederholt genannt [6
Vgl. B. BELOTTI, Bergamo I Seite 225 und Seite 254, Anm. 27.]. Quelle für ihn ist eine nur bruchstückhaft erhaltene Urkunde des Jahres 923, in der es heißt: Plures vices nos reclamavimus ad Liuto [........co]miti comitatu istius Bergomensis et ad vos Giselberto comes [7 MANARESI, I placiti Seite 494, nr. 132 (= CdL Seite 850, nr. 500).]. Hier scheint es sich aber eher um einen Liuto locopositus oder vicarius (Supponis IV.?) comiti(s) comitatu(s) istius Bergomensis zu handeln.

V. ODELBERTUS comes domnorum regem.
Eine nur in Abschrift im Codice Sicardiano erhaltene Urkunde des Grafen Atto von Lecco (Juni 960) zeigt diesen unter den Zeugen [8
CdL Seite 1098, nr. 639.]. Hier dürfte ein Abschreibefehler für iudex domnorum regem vorliegen, zumal auch die nächsten Unterzeichner sich so betiteln [9 Vgl. dazu Skizze Atto von Lecco, Anm. 6.].

VI. OTO comes de Seuro (Seprio?).
Dieser nach langobardischem Recht lebende Graf soll am 26. August 880 dem Kloster S. Pietro in Cielo d'Oro bei Pavia alle seine im Gebiet von Castano gelegenen Besitzungen übertragen haben [10
Edition dieser Urkunde von E. RIBOLDI in Archivio storico Lombardo 31 (1904) Seite 283, nr. 1.]. Die in Abschrift des 12. Jahrhunderts überlieferte Urkunde trägt folgende Datierungselemente: Anno ab incarnacione domini nostri ijesi cristi. D. CCC. LXX. VII, Kalendas septembres indictione XIII. Weder zum Jahre 877 - wenn man die vollständige Zahl betrachtet - noch zum Jahre 870 - wenn man die VII auf Kalendas septembres bezieht - paßt die Indiction XIII. In diesen Jahren war die Indiction X bzw. III erforderlich. Der Editor verbessert daher zu DCCCLXXX - VII Kal. sept. durch Einschub einer X. Es stimmt dann wohl die Indiction XIII zum Jahre 880, doch halte ich, wenn man durch Einschub hier überhaupt verbessern darf und die Urkunde nicht zu den Fälschungen verweist [11 In S. Pietro in Cielo d'Oro wurde ja, „wie bekannt, fabrikmäßig und in größtem Umfange gefälscht"; vgl. H. BRESSLAU, Reise nach Italien Seite 101.], eine Verbesserung durch Einschub von C statt X für gerechtfertigter; denn zu dem dann zu lesenden Jahre DCCCCLXX ergibt sich gleichfalls die Indiction XIII, es erklärt sich die auffällige Datierung nach christlichen Inkarnationsjahren, die erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts mehr und mehr aufkommt, an Stelle der im 9. Jahrhundert in Privaturkunden üblichen Datierung nach Herrschaftsjahren eines Königs oder Kaisers (vgl. CdL ab nr. 820), und es wird verständlich, daß auch ein iudex sacri palatü, der für das Jahr 880 unerklärlich ist [12 Isulices sacri palacii treten durchweg nur unter Kaisern auf. Im Jahre 880 fungierte aber kein Kaiser in Italien.], als Urkundenschreiber genannt wird.

VII. PEREDEUS de Brandola, comes Vicentinus.
UGHELLIS Abdruck des Testamentes des Bischofs Notherius von Verona (928/November/15) zeigt unter nderem auch diese Untersduift. In der besseren Edition des G. DIONISIUS ist hierfür Peredeo de Brandoolas comitatu Vicentino zu finden [13
UGHELLI, Italia sacra V (1. Auflage Seite 642) 2. Auflage Seite 733. - G. DIONISI, De duobus episc. Aldone et Notingo Seite 103, nr.13.]'.

VIIL RADOIN vicecomes von Piacenza.
Die älteren Drucke zweier Urkunden aus Farfa zeigen diesen Mann im August 801 mit dem Pfalzgrafen Hebroard im Gebiet von Spoleto tätig [14
Regesto di Farfa II Seite 134, nr. 177 und Seite 137, nr. 181 (= FICKER, Forschungen IV Seite 5, nr. 4 und Seite 6, nr. 5); dazu Regesto di Farfa II Seie 124, nr. 171. - Ob der Pfalzgraf Hebroard ein Großer Italiens war oder etwa (in missatischer Funktion?) der öfter bezeugte Kämmerer KARLS DES GROSSEN, Eberhard, ist umstritten; vgl. H. MEYER, Pfalzgrafen Seite 460.]. Von den älteren Editoren ist hier eine vc-Abkürzung fälschlich zu vicecomes anstatt richtig zu vir clarissimus aufgelöst worden [15 Vgl. MANARESI, I placiti Seite 36, nr. 13 und Seite 38, nr. 14; vgl. dazu Seite 28,nr. 10.].

IX. RICHOINUS comes Patavinus.
Um die Verhandlungen mit Byzanz zu beenden, die KAR DER GROSSE zur Anerkennung seines Kaisertums eingeleitet hatte, wußte LUDWIG DER FROMME im Sommer 814 nach KARLS Tode eine Gesandtschaft nach Konstantinopel entsenden. LUDWIG beauftragte - wie die Annales regni Francorum in der Edition Kurzes besagen - Nordpertum Regiensem episcopum et Richoinum Patavinum comitem mit der schwierigen Mission, welche 815 erfolgreich beendet wurde [16
Ann. regni. Franc. ad 814/15, Seite 141/43.]. Richoin erscheint hierbei als Graf von Padua. Die Kennzeichnung Richoins als Patavinum comitem zeigen jedoch nicht alle Handschriften. Die Handschriftengruppe C, die - nachdem die Handschriften der Klasse A mit dem Jahre 787 und die Handschriften der Gruppe B in der Mitte des Jahres 813 enden - die Reichsannalen bis zum Jahre 837 fortführt, bietet Ricboinum Pictauinum comitem, desgleichen die Handschrift D 3. Dem steht nahe E 6 aus der Gruppe der stark überarbeiteten Reichsannalen (= Ann. Einhardi), - und zwar mit der Schreibung Pitauinum comitem. KURZE scheint sich bei der Entscheidung für Patavinum comitem demnach auf D 1 und D 2, sowie auf die Handschriften E 1 - E 5 und E 7 verlassen zu haben. Die Richtigkeit dieser Entscheidung darf aber vielleicht mit Recht in Zweifel gezogen werden. Zeigt doch auch die bald nach 840 verfaßte Vita H1udovici, die in den Kapiteln 23-43 die Reichsannalen ausschreibt, bei der Darlegung der Ereignisse der Jahre 814/15 Northbertum Regiensem episcopum et Richoinum Pictavium comitem [17 Vita H1udov. cap. 23/25, MG SS II Seite 619f. - Abweichung in einigen Handschriften: Pictavuna comitem.]; ebenso nennt der um 1025 schreibende ADEMAR VON CHABANNES bei der Wiedergabe der Geschehnisse von 814/15 Richoin - wieder in Anlehnung an die Reichsannalen - als Pictavinus comes [18 ADEMAR DE CHABANNES, Chronique Seite 109 und Seite 111.]. Dazu ist zu beachten, daß bis zum Jahre 1000, obwohl eine stattliche Anzahl Paduaner Urkunden überliefert ist, kein einziger Graf von Padua bezeugt wird und daß der einige Male genannte comitatus Patavensis von Friaul aus mitverwaltet worden zu sein scheint [19 Vgl. hierzu E. ZORZI, Il territorio Padovano Seite 43f.]. Andererseits ist aber das mehrmalige Auftreten von Grafen mit Namen Richoin in Poitiers (Pictavium) und im benachbarten Nantes auffällig. In der Chronik von Nantes erscheint ein Richowinus, der Nantes verwaltete (und dazu wahrscheinlich Poitiers) und 841 bei Fontenoy fiel. KARL DER KAHLE gab darauf Rainaldo vero Pictavensi ... comitatum Namneticum et Pictavensem [20 Chronique de Nantes Seite 8f.]. Eine Urkunde des Cartulaires von Redon wurde 835 tenente Richovino comptatum Namneticum ausgestellt [21 Vgl. Chronique de Nantes Seite 8, Anm. 1.]. Die Annales Bertiniani berichten zum Jahre 844, daß ein Richuinus comes zusammen mit einigen anderen Grafen im Gau Angouleme, der südlich an das Poitou angrenzt, in die Gefangenschaft des aufständischen Pippin II. von Aquitanien geriet [22 Ann. Bertin. ad 844, Seite 31.]. Bereits 811 unterzeichnete ein Rihwin comes zusammen mit anderen Grafen des nordalpinen Raumes - Grafen des italienischen Verwaltungsbereiches sind nicht nachzuweisen - das Testament KARLS DES GROSSEN [23 EINHARD, Vita Caroli cap. 33, Seite 41.] - So wird man hier wohl eher einen Grafen von Poitiers als von Padua vor sich haben. [24 G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 65f. schlug eine Identifizierung des Grafen Richwin von Padua mit dem von 802 bis 820 nachgewiesenen Thurgaugrafen Rihwin, Ripoin oder Rifoin vor, hielt aber auch eine Gleichsetzung mit jenem im Rheingau, Wormsgau und Lobdengau reich begüterten Riphuuinus für möglich, der 792-793 im Begriffe stand, in Longobardiam cum domno ... iam dicto rege (sc. Karolo) zu ziehen (vgl. dazu die Urkunden bei WARTMANN, UB St. Gallen I sowie oben Seite 42, Anm. 69). - Sollten eingehendere Studien die Berechtigung der Entscheidung KURZES erweisen, dann wird man vor allem diesen zweiten Identifizierungsvorschlag näher erwägen müssen.].

X. SEXTULUS.
UGHELLI (Italia sacra V Seite 721, nr. 51) schreibt: Extat in archivio canonicorum Veronen. documentum permutationis factae a Notherio episcopo cum comite Sextulo an. 855. Indict. III. Dieser Hinweis, für den der urkundliche Beleg nicht mehr beizubringen ist, wird neuerdings für das Vorhandensein eines Veroneser Grafen Sextulus ins Feld geführt [25
Vgl. FAINELLI, Cod. dipl. Veronese Seite 295, nr. 193.]. In Verona waltete im Jahre 855 aber ein Graf Bernard. Man wird deshalb Sextulo wohl eher als Ablativ des Ortes neben der Zeitangabe an. 855 deuten müssen, zumal es auch in Ober-Italien eine große Menge von Orten mit Namen Sesto neben Quinto und Settimo gibt.

XI. WILBERTUS marcbio.
Dieser wird in zwei von E. DÜMMLER in den Gesta Berengarii edierten Briefen Papst Johanns VIII. genannt. In den MG Epist. VII (Seite 332, nr. 5 und Seite 333, nr. 7) sind diese beiden Schreiben jedoch schon als Epistolae dubiae gekennzeichnet.

XII. BERTARIUS, ISELMONDUS, VILLERADUS
werden in der „Historiola scripta omnium rerum memoria dignam (sie) que Brissiane civitatis acciderunt imperantibus Franchis" des RIDOLFUS NOTARIUS als Grafen erwähnt. Sie sind anderweitig nicht nachweisbar und müssen wie die ganze Historiola - als eine Erfindung des BIEMMI angesehen werden [26
Zum Nachweis der Apokryphität des Werkes vgl. die Zusammenstellung der Streitschriften bei S. PIVANO, Il comitato di Parma Seite 17ff. Vgl. auch schon S. ABELl-B. SIMSON, Karl der Große I² Seite 188, Anm. 5. ].

XIII. MORINUS comes, ROBERTUS comes, LAMBERTUS comes, SIGINFREDUS comes, GUIRADUS comes, RAGIBERTUS comes.
Die Unterschriften dieser Grafen finden sich unter einer auf den 29. Dezember 877 datierten Urkunde des Bischofs Wibod von Parma [27
BENASSI, Cod. dipl. Parmense I Seite 34, nr. 13 (= AFFO, Parma I Seite 289).]. Diese Urkunde, auf die die Parmenser Bischöfe seit der OTTONEN-Zeit ihre Ansprüche auf omne ius publicum et quicquid ad regalem pertinet exactionem omnino in integrum tantum infra civitatem Parmensem et pratum quod vocatur Regium gründeten, ist jedoch eine Fälschung [28 Vgl. C. MANARESI, Alle origini del potere dei vescovi Seite 228ff.]. Einer Vorurkunde, die bei der Fälschung benutzt worden sein könnte, scheinen die Grafennamen nicht entnommen zu sein; vielmehr scheint man sie, obgleich sie zum Teil vor, zum Teil nach 877 bezeugt sind, zu den 34 (!) anderen Zeugenunterschriften hinzuerfunden zu haben, um dieser Urkunde eine größere Glaubhaftigkeit zu verleihen.

XIV. RACHIBERTUS de ista civitate Cremona comes, ANSPRANDUS vicecomes ista civitate, MEZOLOMBARDUS comes de pago et vico de plebe Altavilla, USPINELLUS de Casamaiore fitem comes, ROLANDUS comes de Buxito, REGINALDUS comes, HINGELBERTUS comes vir magni ficus, GERULPHUS comes, ARNULPHUS vicecomes.
Alle diese Grafen, die in sechs im Archivio storico italiano, ser. II, tom. 2 (1855) Seite 28f. gedruckten Cremoneser Urkunden genannt werden, müssen aus unseren Erörterungen herausbleiben, da diese Urkunden Fälschungen des 1778 geborenen ANTONIO DRAGONI sind [29
Zu DRAGONI und seinen Fälschungen vgl. die in Studi Parmensi I, vol. in onore di T. MARCHI (1951), Seite 399 gegebenen bibliographischen Hinweise.].