CXX.    MILO,


der Graf von Verona, hat, aus kleineren Verhältnissen in Mosezzo stammend, wo sein Vater Manfred lebte, aber nicht Graf oder Markgraf war [1
Vgl. Skizze Maginfred von Lomello.], seinen Aufstieg genommen: schon in früher Jugend kam er nach Verona, wohl an den Hof des Grafen Ingelfred, in dessen Gefolge er zweimal - 906 und 914 [2 GLORIA, Padua I Seite 39, nr. 26 - Verona. 906/September/1 - bei den Zeugen: Milo ex genere Francorum; GLORIA, Padua I Seite 45, nr. 29 - Verona. 914/Dezember/1 - bei den Zeugen: Signum + manu Milonis vasso domno regis Francorum testis.] - zu finden ist, und damit auch in enge Beziehungen zu König BERENGAR. Seine Laufbahn begann er als Königsvasall; 910 und 914 ist er als solcher nachweisbar [3 SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 196, nr. 73 und Seite 201, nr. 74 von 910/November, und GLORIA, Padua I Seite 45, nr. 29 von 914/Dezember/1.]; wie aus der Antapodosis LIUDPRANDS VON CREMONA hervorgeht, gehörte er sogar zur Leibwache des Königs [4 LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 73, Seite 69f.]. Eine gewisse Anhänglichkeit an seinen Herrn bewies er 929 damit, daß er dessen Tod rächte und den BERENGAR-Mörder Flambert ergreifen und hinrichten ließ [5 LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 73, Seite 70. - Eine Landschenkung, die Milo für treue Dienste von BERENGAR erhielt, ist in Milos Testament (vgl. Anm. 15) erwähnt.].
Auch unter König Hugo, der im Sommer 926 die Herrschaft über Italien an sich reißen konnte, war er zunächst noch Königsvasall; eine Urkunde vorn 11. Juli 929, laut welcher Milo die auf eigenem Grund und Boden in Ronco gegründete Marienkirche mit verschiedenen Besitzungen ausstattete, zeigt ihn als vassus regius mit seiner Gemahlin Vualperga [6
BIANCOLINI, Dei vescovi e governatori di Verona Seite 120, nr. 3: Millo vassus regis filius bone recordationis Manfredi una cum Vulperga mea dilecta comite lege Francorum viventes. - Auch in einer Urkunde vom 15. November 928 wird Milo noch nicht als Graf genannt. Milo rogatus manu mea subscripsi scheint er selbst unter diese Urkunde geschrieben zu haben; daneben findet man Sigibaldo vasso ut supra Miloni erwähnt (DIONISI, De duobus episc. Aldone et Notingo Seite 103, nr. 13).]. 930/31 wurde er dann Graf von Verona [7 LIUDPRNAD, Antapod. lib. III, cap. 42, Seite 95: Venerat autem cum praefato Ildoino monachus quidam Raterius nomine, qui ab religionem reptemque liberalium artium peritiam Veronae episcopus constituitur, ubi et Milo, quem supra memoravimus, comes habebatur. Die Einsetzung Rathers zum Bischof von Verona erfolgte im August 931 (vgl. E. WEIGLE, Zur Geschichte des Bischofs Rather von Verona Seite 349-358). In der Zeit zwischen Juli 929 und August 931 müßte demnach Milo Graf geworden sein. Er wurde der Nachfolger der Grafen Ingelfred und Egitingus.]. Trotz dieser Beförderung war Milos Verhältnis zu Hugo aber kein gutes. Als Herzog Arnolf von Bayern zu Jahresende 933 in Italien einrückte, nachdem sein Sohn Eberhard von rebellischen italienischen Großen als neuer König gegen Hugo ausgerufen worden war, wurde er in Verona a Milone comite atque Raterio episcopo libenter, ut qui eum invitarant, aufgenommen [8 LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 49-52, Seite 100f. Zu dieser Opposition italienischer Großer, zur Einladung Arnulfs von Bayern und zum folgenden Italienzug Arnulfs vgl. die Quellenzusammenstellung bei K. REINDEL, Die bayerischen I,uitpoldinger Seite 163ff.]. Graf Milo gehörte also zur Opposition, von der er sich aber in dem Augenblick, als das Unternehmen Arnolfs zusammenbrach, geschickt zu trennen verstand. Er übergab sich in Hugos Gnade, wurde vor der von Arnolf geplanten Verschleppung nach Bayern bewahrt und behielt auch weiterhin seine Grafschaft. Im August 941 erhielt er von Hugo und Lothar sogar Güter in Ronco prope Monte und in corte Spoletina in der Grafschaft Parma zu Geschenk [9 SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 178, nr. 60. In der Urkunde vom 11. Juli 929 wird bereits eine Güterschenkung Hugos an Milo in Ronco erwähnt.]. Trotzdem war aber doch wohl die Aussöhnung nur oberflächlich. Sobald er von der bewaffneten Rückkunft des (941) nach Schwaben gehobenen Markgrafen Berengar von Ivrea aus Deutschland erfuhr, wandte sich Milo sofort diesem zu und verließ das Gefolge Hugos, in dem er sich gerade gutgehalten zu haben scheint, eilte nach Verona und übergab diese Stadt dem neuen, bald siegreichen Herrn Italiens [10 LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 27, Seite 146.]. Am 13. April 945 war er dann auch zusammen mit Berengar II., dem summus consiliarius regni, sowie den anderen Abtrünnigen von Hugo - den Grafen Maginfred (von Parma), Aledram, Obert, Laufranc, Arduin und Adalbert - in Pavia [11 SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo e di Loth. Seite 232, nr. 80 (= MANARESI, I placiti Seite 551, nr. 144).].
Seiner Tätigkeit in den folgenden Jahren in Verona gedenkt der Bischof Rather, mit dem Milo bei der Einladung Herzog Arnolfs 933/34 im Bunde stand, den er aber bald verließ und dem Zorne König Hugos auslieferte, nur mit Abneigung [12
MG Briefe der deutschen Kaiserzeit I, Rather von Verona, Seite 33ff., nr. 7. - Brief Rathers an Papst Agapet II., in dem sehr ausführlich die Geschichte des Streites um das Bistum Verona abgehandelt ist.]. 3 1/2 Monate Haft habe Rather durch Berengar II., dessen Aufstieg er zunächst (944/45) lebhaft begrüßt hatte, und durch dessen Freund Milo ertragen müssen, bevor er sein 934 verlorenes Bistum zurückerhielt; und während der zwei folgenden Jahre der 2. Veroneser Bischofsperiode Rathers habe Milo dann alles getan, um des Bischofs Stellung zu untergraben. Urheber allen Übels und Ärgers in dieser Zeit sei er gewesen, - obgleich er der Verteidiger und Vormund des Bischofs sein wollte und allgemein auch als sein Freund galt. Alle Geistlichen, (mit Bistumsbesitz ausgestatteten) [13 Vgl. oben Seite 35, Anm. 49.] Milites, Colonen und Diener habe er gegen den Bischof in Schutz genommen, ja diese sogar verpflichtet, Nachrichten über den Bischof zu sammeln und ihm zu hinterbringen. Und als ein Bote König Lothars im Mai 948 Rather seines Bistums verlustig erklärt habe, da sei das in bestimmtem Maße auch geschehen, damit er nicht mehr durch Milos übergroße Arglist verstümmelt, getötet oder gefangen weggeschleppt werden könne. - Es ist im ganzen ein trübes Bild, das Rather von Milo malt. Wieviel davon allerdings nur Tendenz Rathers in eigener Sache ist, maß noch untersucht werden.
Von Berengar II. scheint Milo schließlich noch mit der Wiederaufrichtung der Mark Friaul, die nach dem 1. Italienzug OTTOS I. (951) zu zerfallen drohte [14
Vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 385. Beim 1. Italienzug OTTOS DES GROSSEN war Milo auf die Seite der Deutschen übergetreten, um seinem Neffen Milo an Stelle des verbannten Rather das Bistum Verona zu sichern; vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 208.], betraut worden zu sein. Sein am 10. Juli 955 abgefaßtes Testament [15 UGHELLI, Italia sacra V, 2. Auflage Seite 737 (1. Auflage Seite 648).] zeigt ihn jedenfalls als marchio; die Grafschaft Verona, die er bislang verwaltet hatte, war damals schon in die Hände seines Neffen Egelrich übergegangen [16 Vgl. Skizze Egelrich.].
Graf Milo entstammte einem in Italien eingewanderten salfränkischen Geschlecht, ex genere Francorum oder lege viventes salica bezeichnen er und seine Gemahlin Vualperga (Suralperga) sich selbst öfters [17
Vgl. die in Anm. 2, 6 und 15 zitierten Urkunden. ]; und auch sein Bruder, Graf Maginfred von Lomello, und dessen Sohn Egelrich legen das gleiche Zeugnis ihrer Herkunft ab.