CVIII.    LIUTFRID I.


In der 846 oder 847 erlassenen Aufgebotsliste für den Feldzug Kaiser LOTHARS gegen die Sarazenen findet sich unter den aufgebotenen Leuten, qui in Italia beneficia habent, ein Liutfridus [1
MG Capit. II Seite 65ff., nr. 203 - zu Oktober 846; von L. DUPRAZ umdatiert auf Sommer 847 (Vgl. Skizze Boderad, Anm. 1). ]. Es ist bislang kaum daran gezweifelt worden, daß dieser Liutfrid, der neben dem Herzog Eberhard von Friaul, einem Wido und dem Grafen Adalgis (dem Schwiegervater Kaiser LUDWIGS II.) auch als Anführer in der prima scara des Aufgebotes aufgeführt wird, mit jenem Leodfridus dux identisch ist, dem ein italienischer Nachahmer des SEDELINUS ein Lobgedicht widmete [2 MG Poetae Lat. III Seite 237, nr. 8. - E. DÜMMLER (NA 4, Seite 317) hält den Dichter für einen in Mailand lebenden Schotten.] und dessen missus Paulitius mit dem Pfalzrichter und missus LUDWIGS II., Garibaldus, unter anderem am 26. Februar 845 in Trient zu Gericht saß [3 MANARESI, I placiti Seite 160, nr. 49 (= FAINELLI, Cod. dipl. Veronese Seite 255, nr. 178 und MURATORI, Antiau. It. II Seite 971). - Diese Identifizierung nehmen schon vor: A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 384, Anm. 6; S. PIVANO, I ducati del regno italico Seite 316; P. HIRSCH, Erhebung Berengars I. Seite 87 etc.], um dort die Klage des Abtes Audibert vom Marienkloster ad portam Organi von Verona gegen Leute zu untersuchen, die in comitatu tridentino wohnhaft waren und dem Kloster geschuldete Dienste verweigerten.
Dieser Liutfrid muß aus verschiedenen Gründen der Bruder der Gemahlin Kaiser LOTHARS I., Irmingard, und Sohn des aus dem ETICHONEN-Haus stammenden, 834 mit LOTHAR I. und vielen anderen fränkischen Großen nach Italien ins Exil gegangenen Grafen Hugo (von Tours) und seiner Gemahlin Ava gewesen sein [4
Vgl. BM² nr. 931d und F. VOLLMER, Die Etichonen Seite 163ff.]. Man kennt nämlich einen zweiten Liutfrid, der in den Jahren nach 876 in Italien nachweisbar ist, der in ganz engen Beziehungen zur Kirche Johanns des Täufers in Monza stand, in welcher Hugo und Ava bestattet worden sind, der Güter aus dem Hugo- und Ava-Besitz in Händen hält, der seinen Kindern ETICHONEN-Namen gibt und dessen Todestag - wie auch der Hugos und Avas - im Necrolog von Monza vermerkt ist, - der also zum ETICHONEN-Geschlecht gehört [5 Vgl. Skizze Liutfrid II.]. Nun enthält der Necrolog von Monza aber in der gleichen alten Eintragsweise ein weiteres O(biit) Littefredus [6 FRISI, Memorie storiche di Monza III Seite 120: V. Kal. iunii ... O(biit) Littefredus.], das man vielleicht schon auf unseren Liutfrid I. beziehen darf. Wie sollte aber auch der zweite, nach 876 nachweisbare Liutfrid, der nachweisliche ETICHONE, den Ava-Besitz erhalten haben, wenn nicht durch einen auch in Italien tätigen Zwischenerben; Hugo von Tours war ja bereits am 20. Oktober 837 durch eine weit um sich greifende Epidemie dahingerafft worden, und seine Gattin Ava war - laut Necrologangabe - schon zwei Jahre nach ihm verstorben [7 Vgl. BM² nr. 931d und 968b und Skizze Liutfrid II. Anm. 7.]. Zwischenerbe muß aber nach den Bestimmungen des für die ETICHONEN gültigen salfränkischen Rechtes der Sohn [8 Vgl. unten Seite 305.] Hugos und Avas gewesen sein, der ja nachweisbar ist und Liudfrid hieß. Seine Existenz ist dadurch erwiesen, daß Lothar II. (durch seine Mutter Irmingard ein Enkel Hugos von Tours und Avas [9 Den Abschluß der Ehe LOTHARS I. mit Irmingard, der Tochter Hugos von Tours, bezeugen: NITHARD I c 3; Vita Hludov. c. 34; THEGAN c. 28; Ann. Xant.; Ann. regni Franc. ad 821.] 860 einen Romzug vorbereitete, indem er seine Legaten Liutfridum dilectissimum avunculum nostrum et Waltharium fidelem nostrum bei Nikolaus I. vorsprechen ließ [10 MG Epist VI Seite 209, nr. 1 (ad 860) und Seite 213, nr. 3. - avunculus = Bruder der Mutter.], daß Lothar II. 862 seine Konkubine Waldrada faventibus sibi Liutfrido avunculo suo et Vualterio zur Königin erhob [11 Ann. Bertin. ad 862, S. 60 und MG 1?pist. VI S. 215, nr. 5. ~~] und 865 zur Vorbereitung des geplanten Romzuges noch einmal Liutfridum avunculum suum zu seinem kaiserlichen Bruder LUDWIG II. nach Italien schickte [12 Ann. Bertin. ad 865, Seite 75.]. Dazu wird in der Gründungsurkunde für das Kloster Vezelay (858/59) von Gerard von Roussilon noch der gratissimorum Hugonis et Bavae amabilibusque filiis et filiabus ipsorum ... affinitate et propinquitate etiam nobis junctis, idest Leufredi et Adalardi comitum praeclarissimorum, gedacht, womit also die Filiation Hugo von Tours - Liutfrid I. direkt bezeugt ist [13 QUANTIN, Cartulaire general de l'Yonne I Seite 78, nr. 43. - Zur Datierung vgl. R. LOUIS, Girart, comte de Vienne Seite 60f., Anm. 4. Zu Graf Gerard vgl. F. VOLLMER, Die Etichonen Seite 169ff.].
Gab es also einen Sohn Liutfrid der 834 mit LOTHAR I. nach Italien ausgewanderten und 837 bzw. 839 in Monza bestatteten Eheleute Hugo und Ava, so wird man diesen aus so angesehener Familie stammenden Mann ohne weiteres in dem zu Anfang angeführten dux Liutfrid erblicken dürfen. Man wird auch sagen können, daß unser Herzog Liutfrid wohl mit seinem Vater Hugo und Kaiser LOTHAR I. 834 nach Italien kam und hier lange Zeit in angesehener Stellung fungierte [14
Ob man deshalb in dem Liutfredo misso domno Ramberto episcopo, der am 12. Oktober 842 Güter für 18 Silbersolidi in vico Gide (Umgebung von Brescia) kauft, eine weitere Nennung unseres dux oder comes Liutfrid hat, muß fraglich bleiben (CdL Seite 256, nr. 147); vgl. auch CdL Seite 246, nr. 140: varallus noster (sc. Ramperti) Liuthfredus.], nachher aber in die Dienste Lothars II. eintrat, von Italien und LUDWIGS II. nach dem lothringischen Teil des Mittelreiches überwechselte - wo er ja bereits am 25. August 849 in Remiremont bei Kaiser LOTHAR I. für eine Besitzbestätigung an das Kloster Münster-Granfelden (einer Art Eigenkloster dieses Geschlechtes) intervenierte [15 BMG nr. 1137. Zu Münster-Granfelden vgl. Fr. VOLLMER, a.a.O. Seite 140.] und im Juni 860 bei der Beratung der drei Könige Ludwig der Deutsche, KARL DER KAHLE und Lothar II. in Koblenz zugegen war [16 MG Capit. II Seite 154, nr. 242.] - und seinen (Sohn [17 Die Filiation Liutfrid I. - Liutfrid II. ist nicht direkt bezeugt. Sie ist aus der Nachfolge im Besitz von Monza zu erschließen. Auch findet sie sich in einer Urkunde vom 6. Oktober 885, laut welcher ein Litefredus gloriosissimus comes de comitatu cremonesi filius bone memorie Liutfrido comitis Güter an die Cremoneser Kirche schenkte. Diese Urkunde ist jedoch eine Fälschung des 12. Jahrhunderts, zu deren Verfertigung allerdings ein echtes Diplom Liutfrids II. als Vorlage gedient haben dürfte; CdL Seite 557, nr. 332; dazu Astegiano, Cod. dipl. Cremoncsc Seite 29.] und) Erben Liutfrid II. in Monza und im Dienste Kaiser LUDWIGS II. zurückließ.
Liutfrid I. scheint um 865/66 verstorben zu sein, da er 865 ja noch in den Annales Bertiniani genannt wird, jedoch am 19. März 866 dem Kloster Münster-Granfelden von Lothar II. auf Bitten seines Sohnes Hugo, des Hugo comes quondam illustris avunculi nostri Lutfridi filius [18
BM² nr. 1310. - Der Vermerk in den Ann. Alamanni et ad 864: Ebarhart, Liutolf, Erchanker, Liutfrid, Ruodolf regni principes obierunt (MG SS I Seite 50) wird deshalb als Eintragung zum falschen Jahr angesehen werden müssen und auf 865 oder 866 zu beziehen sein. Vgl. auch Skizze Eberhard von Friaul, Anm. 6.], verschiedene Besitzungen bestätigt werden.
Liutfrid war ein Kind des Elsaß, wo das ETICHONEN-Geschlecht reiche Besitzungen und auch eine starke politische Machtstellung besaß. Er war wie sein Vater Hugo von Tours auch Franke, so daß es ganz erklärlich ist, daß vassi teutisci sich 845 um den Missus Liutfrids in Trient aufhalten und daß später Vasallen ex genere francorum die Urkunde Liutfrids II., ihres Herrn, unterzeichnen [19
Die Familie Liutfrids I. war mit der Eberhards von Friaul in enge verwandtschaftliche Bindung getreten. Eine Ava, offenbar Liutfrids I. Tochter, war mit Eberhards Sohn Unruoch vermählt. Vgl. zu dieser Auswertung von zwei Einträgen des Gedenkbuches von Brescia (Valentini, Cod. necrol.-liturg. Seite 9 und Seite 43 = Orig. f. 8r und f. 25r) vornehmlich P. HIRSCH, Erhebung Berengars Seite 87f.].