XCV.    HUNFRID (I.),


der in den Jahren zwischen 306 und 823 nachweisbare Graf von Chur [1
Unfredus vir inluster Reciarum comis wird er in einer 806 (807)/Februar/7 in curte ad Campos (= Rankweil/Vorarlberg) in mallo publico ausgestellten Gerichtsurkunde für das Kloster St. Gallen genannt (WARTEMANN, UB St. Gallen I Seite 177, nr. 187). Im Jahre 808 war er mit dem Grafen und praefectus in aula palatina Helmgaud als missus in Italien tatig, wobei er auch Mißhelligkeiten zwischen Papst Leo III. und König Pippin beilegen half (BM² nr. 431b und 513k). 823 wurde der Hunfridus comes Curiensis mit dem Abt Adalung von St. Vaast nach Rom gesandt, wo die beiden Anhänger einer kaisertreuen Parteiung, der Primicerius Theodor und der Nomenclator Leo, von Verfechtern der Unahhängigkeitspolitik des Papstes Paschalis überfallen und enthauptet worden wann und wo es galt, nun eine genaue Untersuchung durchzuführen und die Ordnung wiederherzustellen. Bevor es jedoch zu einer Untersuchung kam, reinigte sich Paschalis geschickt durch einen Eid (Ann. regni Franc. ad 823, Seite 161f. - THEGAN c. 30, MG SS II Seite 597 - Vita Hludov, c. 37, MG SS II Seite 627. - Vgl. L.M. HARTMANN, Geschichte Italiens III Seite 112). In Venonia (= Rankweil-Vorarlberg) villa Unfredi comitis stellte LOTHAR I. am 4. Juni 823 auch eine Urkunde für die Kirche von Como aus (CdL Seite 185, nr. 101). - Eine Urkunde LUDWIGS DES FROMMEN vom 12. Juni 819 für das Kloster Pfävers, in der Hunfrid von Chur magister palatii genannt wird, ist eine späte Fälschung (UB der südlichen Teile des Kantons St. Gallen I Seite 30, nr. 27).], wird durch den Bericht über die Translatio sanguinis Domini [2 MG SS IV Seite 446f.] zugleich auch als Verwalter Istriens erwiesen. In Istrien scheint er der Nachfolger des dux Johannes gewesen zu sein.
Er, der eo tempore totam Hystriam tenebat und auch eo tempore Reciam Curiensem tenebat, segelte im Auftrag KARLS DES GROSSEN nach der Insel Corsica, um dort die Reliquie des Blutes Christi zu holen, von der später ein Teil in das Kloster Schutts (zwischen Zürich-See und Wallensce) gelangte. Über seine Tätigkeit in Istrien ist allerdings nichts bekannt. Seine istrische Position maß er an einen seiner Söhne weitervererbt haben; denn zu dem Sohn Hunfrids, qui tune tempore Hystriam tenebat, flüchtete ein anderer Sohn - namens Adalbert -, als der Graf Ruodpert vom Argengau ihn aus Rätien vertrieb [3
Translatio, a.a.O. Seite 448, c. 15. - Zu den Italienbeziehungen der sogenanntenHUNFRIDINGER" vgl. auch G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 55f.].
Welchem der nordalpinen Stämme Hunfrid angehörte, ist nicht bekannt. Einige sehen ihn als Alemannen, andere als Franken an; wieder andere vermuten, daß er „dem franco-burgundischen Geschlecht der WARINIDEN entstammte, das sich bei der Aallösung des alemannischen Herzogtums im Lande festgesetzt hatte" [4
Zum Beispiel neigt G. TELLENBACH, Königtum und Stämme Seite 51 der Annahme einer alemannischen Stammeszugehörigkeit Hunfrids zu; E. MEYER-MARTHALER, Rätien Seite 75 spricht von „wahrschcinlieh fränkischcr Abstammung". Die francoburgundische Herkunft Hunfrids vermutet E. ZÖLLNER, Die politische Stellung Seite 102, gestützt auf M. CHAUME, Les origines I Seite 531.].