Spanheimer–Späne
Schachwappen und Konradinererbe
 

Von Josef Heinzelmann

Die Forschungslage

Während die Erforschung der Kärntner SPANHEIMER [1 Ich bleibe bei der zeitgenössischen Bezeichnung des Geschlechtes der SPANHEIMER. Für Ort und Kloster verwende ich natürlich die heutige Form Sponheim.]zu recht gesicherten Ergebnissen schon für das Ende des 11. Jahrhunderts führte, sind bei ihren rheinischen Verwandten trotz zahlreicher Hypothesen und Fälschungen noch immer gewaltige Lücken offen, praktisch bis in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Bevor man versucht, diese Lücken aufzufüllen, ist es nötig, abzuklären, welche der scheinbar gesicherten Konstrukte tragen. Es stellt sich heraus, dass praktisch unser ganzes herkömmliches Wissen infragegestellt werden muss. Man sieht das an dem äußerst hilfreichen Kapitel I bei Naumann-Humbeck [2 Anneliese Naumann-Humbeck, Studien zur Geschichte der Grafen von Sponheim vom 11. bis 13. Jahrhundert, Phil. Diss. Köln 1980/81, Seite 51ff.]. Von den ersten 100 „Regesten zur Geschichte der Grafen von Sponheim“ (bis 1151) betreffen nur noch 22 sicher [3 Nr. 29, 45, 51, 53-57, 62-65, 70f., 76, 78, 86, 89-92.], 4 unter Vorbehalt [4 Nr. 23, 36, 38, 40] die rheinischen SPANHEIMER, der Rest betrifft die Kärntner, mutmaßliche Verwandte, geistliche Personen und Institutionen (darunter allerdings 9 den Kanzler Albert, ein Familienmitglied) und vor allem solche, die als unsicher, zweifelhaft oder als Fälschung bezeichnet oder zu bezeichnen sind.

Es ist nicht nötig, an dieser Stelle eine Übersicht über die bisherigen Veröffentlichungen zum Thema zu geben. Friedrich Hausmann hat die ältesten und älteren Genealogien und Darstellungen der Kärntner, aber auch der rheinischen Spanheimer eingehend zusammengestellt und beurteilt [5 Friedrich Hausmann, Siegfried, Markgraf der "Ungarnmark" und die Anfänge der Spanheimer in Kärnten und im Rheinland. In: JbLkdeNiederösterreich, NF 43 (1977), Seite 115-168]. Johannes Mötsch [6 Johannes Mötsch, Genealogie der Grafen von Sponheim, in JbwestdLG 13 (1987), S. 63ff.] hat diese Literatur nochmals umfassend vorgestellt und für die rheinischen SPANHEIMER eine genaue Genealogie der weiteren Generationen bis zu ihrem Aussterben gegeben [7 Selbst seine Vermutung über den Grabstein des früh verstorbenen Grafensohns Symon in Kastellaun hat sich durch einen epigraphischen Fund Eberhard J. Nikitschs bestätigt (Veröffentlichung in dem Inschriftenband für den Rhein-Hunsrück-Kreis in Vorbereitung).]. Beider Kommentaren ließe sich kaum etwas hinzufügen, gäbe es nicht einen glücklichen neuen Fund. Es stellt sich heraus, dass sie mit ihrer Skepsis noch nicht weit genug gingen. Die von ihnen geäußerten Zweifel an bisheriger opinio communis sind durch diese inzwischen erstmals veröffentlichte wichtige Quelle zu untermauern; die von Mötsch erarbeitete Zusammenstellung der ersten Generationen ist noch mehr abzuschlanken.

Das Ergebnis ist eine Diät-Tafel. Die gesicherte Ausgangslage ermuntert zu neuen Erkundungen genealogischer, heraldischer und besitzgeschichtlicher Art. Das Wunschziel, die Genealogie in frühere Generationen, zumindest bis zum Anschluss an die Kärntner SPANHEIMER zurückzuführen, konnte ich nicht erreichen. Genausowenig kann ich definitiv sagen, wie die nächsten Generationen der SPANHEIMER an Meinhard anzuschließen sind. Diese Untersuchungen führen weit über die Grenzen der Region, ja der Bundesrepublik hinaus und sind noch so lückenhaft, dass sich eine Veröffentlichung nicht lohnt, trotz aller Bemühung und freundlichster Hilfe von Johannes Mötsch selber, Heinz Dopsch, Michel Parisse, Robert Wilsdorf. Gewiss aus technischen Problemen erhielt ich keine Antwort aus Kärntner Archiven und von französischen Heraldikern.

In welch fachlich und zeitlich abgelegene Gefilde man bei einer solchen Untersuchung gelockt wird, mögen zwei Themenkreise belegen, thematisch in sich geschlossene Diskussionsbeiträge, die zu Prüfung und Weiterdenken auffordern sollen. Der heraldische Befund stellt Ansichten über die Anfänge des Wappenwesens in Frage. Mit einigen von der SPANHEIMER-Forschung ausgehenden Erkenntnissen zum dux Cuno de Beckilnheim kann ich Öl ins Feuer der Debatte um Kuno von Öhningen und die Thronfolge Anfang des 11. Jahrhunderts gießen, auch in die bisher sehr ruhige um die Kon-Fiscationen von 966; dabei fanden sich deutliche Spuren von KONRADINER-Erben am Mittelrhein, zu denen die SPANHEIMER gehörten, wahrscheinlich sogar über mehrere Linien. Vorangestellt sei eine kurze Darstellung der Ausgangssituation.

Abt Trithemius als Fälscher

Die Produkte barocker Genealogen über die Kärntner SPANHEIMER entlarvte die Erschließung des Traditionsbuchs von St. Paul im Lavanttal als Phantastereien. Eine hagiographische Quelle aus dem Kloster Disibodenberg rückt jetzt die in Kloster Sponheim (hierzu die Fußnote) erfundenen Sponheim [8 Mötsch meint zurecht, „als Hauskloster kann Sponheim … nicht bezeichnet werden“, weil außer der Gründungsausstattung keine weiteren Schenkungen der Familie geschahen und Sponheim anscheinend auch nicht als Grablege der SPANHEIMER diente. In: Germania benedictina, 9, Die Männer- und Frauenklöster der Benediktiner in  Rheinland-Pfalz und Saarland, in Verbindung mit Regina Elisabeth Schwerdtfeger bearb. von Friedhelm Jürgensmeier, 1999, Artikel Sponheim (von Johannes Mötsch und Wolfgang Seibrich), S. 801ff., hier S. 803.] rückt jetzt die Anfänge der rheinischen SPANHEIMER zurecht.
Deren traditionelles Bild beruht auf den Angaben des Trithemius [9 Chronicon Sponheimense, ed. Marquardus Freher, Johannis Trithemii Opera historica II, S. 236 - 435, Frankfurt 1601.], die dann noch kühn ausgeschmückt werden. Dabei sind diese Angaben, obwohl sie doch von einem der letzten Äbte des Klosters vor der Säkularisation stammen, und einem gelehrten dazu, immer wieder angezweifelt worden, da man Trithemius mehrfache Unzuverlässigkeiten nachweisen konnte. Selbst nach der Entlarvung der Hirsauer Fälschungen wollte man diesseits des Rheines gegenüber Trithemius nicht mehr als Vorbehalte äußern. Zuerst tat dies Büttner [10 Heinrich Büttner, Abt Trithemius und das Privileg Honorius II. für Sponheim. In: ZGO 107 (NF 68), 1959, S. 496ff.], der noch zurückhaltend von „Meinung des geschichtsforschenden Abtes“ spricht, wobei dessen „Vorstellungen und Rückschlüsse über die Vorgänge“ „zunächst nicht mehr Wert als eine moderne Arbeitshypothese“ hätten. Mötsch äußerte noch stärkere Zweifel an den Angaben des Trithemius. Es ist bedauerlich, dass der trügerische Treibsand unter den genealogischen Potemkinaden der ansonsten wichtigen jüngsten Bearbeitung der SPANHEIMER wieder als Fundament dient [11 Heinz Dopsch, Die Gründer kamen vom Rhein. Die Spanheimerals Stifter von St. Paul. In: Schatzhaus Kärntens, Landesausstellung St. Paul 1991 900 Jahre Benediktinerstift 2, Beiträge, Hrsg. v. Ausstellungskuratorium…, S. 43ff.]. Fast jeder Forscher betont, Trithemius sei unglaubhaft, und übernimmt doch seine Angaben und kaschiert ihre Widersprüche zu anderen Quellen mit vagem Geschreibe [12 z. B. Werner Vogt, Untersuchungen zur Geschichte der Stadt Kreuznach  und der benachbarten Territorien im frühen und hohen Mittelalter, Diss. Mainz 1955.]. Nur Mötsch blieb immun und hat – unter ausdrücklichem Vorbehalt – aus Trithemius kaum mehr als Stephans Tod im Jahre 1118 übernommen, was man jetzt eliminieren kann, ja muss [13 Was er inzwischen selber tat: Germania benedictina 9 …, S. 802, Anm. 9, und noch deutlicher in ArchmrhKG 51 (1999), S. 383 ff. (Die Äbte und Prioren des Benediktinerklosters St. Martin zu Sponheim).]. Ich selbst konnte zu dieser Beweisführung beitragen [14 Josef Heinzelmann, Hildegard von Bingen und ihre Verwandten. Genealogische Anmerkungen. In: JbwestdLG 23 (1997), hier S. 16ff. ]. Doch selbst Franz Staab will noch bestimmte Behauptungen des Trithemius gelten lassen, etwa Böckelheim als Geburtsort Hildegards (es könnte vielleicht Geburtsort Juttas sein, s. u.); dabei  lassen sich gerade dank seines Quellenfundes so viele Angaben des Trithemius als schiere Erfindung nachweisen, dass man auch die anderen für erlogen halten muss.

Der angebliche Beginn des Sponheimer Klosterbaus 1101 und die Behauptung, dass Stephan von Spanheim 1118 Februar 25 gestorben sei, ohne ihn zu vollenden, sind nicht nur freie Erfindungen des Trithemius. Sie geschahen wider besseres Wissen, denn Trithemius muss die Uita domnæ Juttæ inclusæ gekannt haben, denn nur ihr kann er den Namen von Juttas Vater entnommen haben. Die Urkunde von 1075 [15 MRUB I Nr. 375: Erzbischof Udo von Trier bekundet die Schenkung eines Gutes zu Olkebach an das Kloster St. Simeon in Trier durch Hugo de Hachenuels. Die Liste der Laien-Zeugen der mit (wirklich gefälschtem?) Siegel erhaltenen Ausfertigung ist nicht identisch mit der eines Duplikats, das Wisplinghoff für das Original hält. Man darf wohl beide Zeugenlisten als authentisch ansehen. (Erich Wisplinghoff, Untersuchungen zur ältesten Geschichte des Stiftes S. Simeon in Trier. In: ArchmrhKG  8 (1956), hier S. 80f.) Es handelt sich um die S(igna) Stephani de Spanheim, in der einen Liste als des dritten von 15, in der anderen als des dreizehnten von 28 Zeugen.] mit der einzigen urkundlichen Nennung eines Stephan von Spanheim kennt er nämlich nicht.
Ich weiß nicht, welche Motive man Trithemius unterstellen soll, schon im Zeitalter des Humanismus war seine Geschichtsklitterung durch erfundene Urkunden und chronikalische Fiktionen nur mit dem Ausdruck Fälschung zu bezeichnen. Er ist einer jener Erfinder von Geschichte, deren Fälschungen neue Erfinder von Geschichte dazu benutzen, ganze Jahrhunderte von Geschichte als erfunden zu bezeichnen [16 Uwe Topper,  Die „Große Aktion“. Europas erfundene Geschichte. Die planmäßige Fälschung unserer Vergangenheit von der Antike bis zur Aufklärung. 1998, S. 53. Ich verzichte darauf, Toppers vielleicht wissenschaftlichere Gewährsleute, etwa Wilhelm Kammeier und Heribert Illig, einzusehen.].

Die Uita domnæ Juttæ inclusæ

Von höchstem Wert für die Mentalitäts- und Kirchengeschichte des Mittelrheingebiets, aber auch für unsere Fragestellung ist die Uita domnæ Juttæ inclusæ, eine bisher verschüttete Quelle, die Franz Staab entdeckt, vorbildlich herausgegeben und übersetzt hat [17 Franz Staab, Reform und Reformgruppen im Erzbistum Mainz. Vom ’Libellus de Willigisi consuetudinibus’ zur ’Vita domnae Juttae inclusae’, Anhang II. In: Reformidee und Reformpolitik im spätsalisch-frühstaufischen Reich… Hrsg. v. Stefan Weinfurter (QAmrhKG 68), 1992, S. 172 ff.. Staab, Aus Kindheit und Lehrzeit Hildegards. Mit einer Übersetzung der Vita ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim. In: Hildegard von Bingen – Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. v. Äbtissin Edeltraud Forster u. d. Konvent der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Eibingen, 1997, S. 58 ff. Original und Übersetzung als Reprint: Staab, Das Leben der Jutta von Sponheim (Sponheim-Hefte 21). 1999.]. Diese Lebensbeschreibung stammt aus dem nächsten Umfeld der Verstorbenen und wurde innerhalb eines Jahres nach ihrem Tod niedergeschrieben. Gewiß geht es da nur peripher um Genealogie, aber was sich dafür auswerten lässt, erweckt völliges Vertrauen.

Juttas Leben

Erzogen wurde Jutta drei Jahre lang von einer wohl irgendwie verwandten Uda vidua de Gillinheym [18 Staab hält Gillinheim für Göllheim.], die höchstwahrscheinlich auch die junge Hildegard erzog. Staab meint, dies sei in Sponheim auf der väterlichen Burg geschehen. Ich glaube, dass dies eher in Göllheim geschah, wenn Gillinheim wirklich mit diesem Ort zu identifizieren ist, und dass diese Uda gewiss nicht eine Art Gouvernante war. Es dürfte wohl eine hochadlige Frau gewesen sein, die eine Art geistlicher Gemeinschaft um sich gesammelt hatte und quasi als Halbnonne lebte. Man denke etwa an die 1110 Januar 13 verstorbene Oda, die Gründerin des Klosters Harsefeld. Sie war die Tochter Hermanns von Werl und jener Richenza, die in zweiter Ehe Otto von Northeim geheiratet hatte. Odas Mann Markgraf Udo II. von Stade starb 1082. Ihr vierter Sohn war Markgraf Rudolf I. von Stade, der Mann der für ihre Verwandten am Mittelrhein so bedeutsamen Richardis. Rudolf und Richardis haben allerspätestens 1108 geheiratet [19 Zu all dem vgl. Richard G. Hucke, Die Grafen von Stade 900–1144. Genealogie, politische Stellung, Comitat und Allodialbesitz der sächsischen Udonen, 1956, vor allem S. 30ff., S. 36, S. 157ff.]. Richardis hat sich gewiss um die nah verwandten Waisen gekümmert und vielleicht die junge, dem geistlichen Stand zuneigende Jutta zu ihrer Schwiegermutter vermittelt. Sie unterstützte ja auch die Klostergründung von Juttas Bruder. Dass Jutta wohl 1107 den Schleier nahm (die ewige Profess legte sie 1112 ab) und drei Jahre später nach dem Tod „der Mutter“, der leiblichen oder geistigen, wieder nach Hause kehrte [20 Heinzelmann, Hildegard… S. 13f.], passt ausgezeichnet zum Todesdatum der Oda. Freilich ist alles nur eine Assoziation, solange die Benennung de Gillinheym nicht erklärt ist.

Ich referiere noch Juttas ewige Profess auf dem Disibodenberg 1112 November 1 und ihren Tod 1136 Dezember 22. Dass ihrer im Kloster Seeon Dezember 21 als Iudita m. (und in Undensberg als Iuta abba.) gedacht wurde [21 MG Necr. 2, S. 235; Necr. 3, S. 197; vgl. Staab, Reform und Reformgruppen…, S. 184 Anm. 165.], kann auf Verbindungen dank ihrer „bayerischen“ Mutter und/oder zu den Kärntner SPANHEIMERN beruhen. In Seeon waren im 12. Jahrhundert die Grafen von Lebenau Vögte, ein Zweig der Kärntner SPANHEIMER. Gegründet worden war das Kloster 999 von dem bayrischen Pfalzgrafen Aribo (IV) und seiner Frau Adala [22 Vater des Mainzer Erzbischofs Aribo (1021-1031) und Großvater von Erzbischof Pilgrim in Köln (1021-1036). Söhne und Enkel gründeten die Klöster Göss, Millstatt und Aldersbach.]. Tyroller [23 Franz Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter. In: Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, hrsgg. v. Wilhelm Wegener, 1962, S. 59, 91, 95, 263f.] denkt sich den Erbgang so, dass die Frau des Sieghardingers Engelbert (III), Adala, eine Tochter Aribos (IV) war, was manche Wahrscheinlichkeit für sich hat. Die Kärntner SPANHEIMER haben jedenfalls über ihre Ahnfrau Richardis diesen Zweig der SIEGHARDINGER beerbt.

Juttas Eltern

Eine Floskel könnte man es nennen, dass Jutta generosam secundum saeculi dignitatem duxit genealogiam, aber die konkrete Angabe, sie sei ex nobilissima Galliae stirpe oriunda überrascht. Nicht selten, etwa im Sprachgebrauch der Kurie, verstand man damals unter Gallia auch das linksrheinische Deutschland. Dies geschieht ja auch in der ersten Vita der Hildegard von Bingen: in Galliae citerioris partibus [24 I, 1, 2 (CCCM 126, 1993). Charakteristischerweise sagt Guibert von Gembloux von Gallien aus in citerio-ris Germanie partibus (CCCM 66A, Epist. XXXVIII Z. 103ff.)]. In der Jutta-Vita kann man den ohne citerior gebrauchten Begriff aber nur auf Frankreich oder eines der damaligen Lothringen beziehen [25 Margret Lugge, „Gallia“ und „Francia“ im Mittelalter. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen geographisch-historischer Terminologie und politischem Denken vom 6. – 15. Jahrhundert. (Bonn-histForsch 15), 1960, referiert die widersprüchliche und völlig unklare Verwendung der Begriffe. Offensichtlich kommt es sehr darauf an, wer wo einen der Namen verwendet. Gallia kann jedenfalls Frankreich, Lothringen (Gallia belgica), aber sogar ganz Deutschland bezeichnen. Im Erzstift Mainz gebrauchte man meines Wissens nicht „Gallia“ für das eigene Land. Vgl. Carlrichard Brühl, Deutschland – Frankreich. Die Geburt zweier Völker, 19952, S. 83–180.].

Das bestärkt die aus dem Namen Stephan abzuleitenden Vermutungen, die SPANHEIMER stammten von dort [26 Mötsch, Genealogie …, S. 70ff.]. Wie, wird leider in der Vita nicht gesagt, indessen gibt es eindeutige Aussagen über die Eltern Juttas: Pater eius … Stephanus de Spanheym clare ortus in matrimonium sortitus est coniugem Sophiam omni prudentia decoratam de clarissima Bauariorum ortam prosapia. Damit wird Mötschs Vermutung bestätigt, sie käme aus Bayern [27 Mötsch, Genealogie …, S. 73ff.]. Dass sie eine Formbacherin sei, halte ich für wenig wahrscheinlich..

Wertvoll sind auch die Angaben, dass Stephan von Sophia die Tochter Jutta inter cetera pignoraadeptus est, dass also das Ehepaar mehr als zwei Kinder hatte; und dass die kleine Jutta, deren Geburt für 1092 zu erschließen ist, vix … triennis orbata est obitu patris. D. h., dass Stephan von Spanheim zwischen 1094 und 1096 gestorben ist (Trithemius behauptet 1118), was also auch das späteste Geburtsdatum für Juttas Bruder Meinhard festlegt.

Genealogisch interessant ist nicht nur, was die Uita positiv aussagt, sondern auch, was sie nicht sagt. Auffällig ist bereits, dass Juttas Vater bei aller Betonung seiner edlen Abstammung keinen Grafentitel trägt. Er war also nicht Graf.

Ich erspare mir hier, ausführlich darzulegen, weshalb ich den 1075 genannten Stephan von Spanheim als den Vater von Juttas Vater Stephan vermute, der eine Erbtochter aus dem Hause SPANHEIM geheiratet hat und auch (1068) Vogt des Wormser Hochstifts war. Juttas Mutter Sophia scheint nämlich in jener Zeit erst geboren zu sein.

Die Beziehungen der rheinischen zu den Kärntner Spanheimern

Streng genommen sind es zwei Geschlechter, die SPANHEIMER genannt werden: Gut belegt sind die „Kärntner“, agnatische Nachkommen des Grafen Siegfried im Lavanttal; zu ihnen gehören auch die „Magdeburger“ mit ihrem cognatischen Umfeld. Auf der anderen Seite haben wir für die „rheinischen“, die sich von Stephan von Spanheim herleiten, keine so dichte Quellensituation, wobei schon zwischen der zweiten Generation (Meinhard) und der übernächsten (Gottfried) ein genauer Filiationsbeweis fehlt, sodass es durchaus möglich ist, dass die Nachfolge nicht im Mannesstamm erfolgte. Über die ersten Generationen haben die Fälschungen des Trithemius einen dicken Firnis geschmiert, den man rigoros beseitigen muss.
Die Benennung „Gallier“ in der Uita domnæ Juttæ inclusæ widerspricht sich nur scheinbar mit Comes Engelbertus ex patre Sigfrido Francorum civis. [28 UB St. Paul, S. 4; Die Kärntner Geschichtsquellen 811-1102 (Monumenta historica ducatus Carinthiae (= MC) 3, 1904, Nr. 488. ] Wahrscheinlich soll dies heißen, dass Siegfried nach salischem Recht lebte. „Franke“ ist auf jeden Fall so doppeldeutig, wie „Gallier“. „Francia“ kann für das damalige Frankreich, für Lothringen und für die fränkischen Herzogtümer Deutschlands stehen. Albert von Stade [29 vgl. Hausmann, Siegfried…, S. 152.] bezeichnet die Tochter des 1118 verstorbenen Magdeburger Burggrafen Hermann als Richardis de Franconia, den in Kärnten aufgewachsenen Erzbischof Hartwig nennen die Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium als vir de principibus Francorum nobilitate clarissimus. [30 vgl. Hausmann, Siegfried…, S. 152.]

Die Herkunftsbezeichnung in der Vita Juttas steht also der Einreihung ihres Vaters als Sohn oder gar Enkel Siegfrieds von Lavanttal nicht im Wege, eher handelt es sich aber um einen (¿angeheirateten?) (Groß-)Neffen, und beide kamen aus einem heute nicht mehr deutschen Gebiet, u. U. aus einem dort zu suchenden Spanheim; die Familie hatte kleinen, gleichbenannten Streubesitz im Naheland, der bei den ständigen Reisen des damaligen Hochadels eine günstig gelegene Station war und Stephans Erbteil oder die Mitgift seiner Frau wurde.

Die sichersten Indizien für den Zusammenhang der beiden SPANHEIMER-Stämme liefern die Traditionsnotizen von St. Paul im Lavanttal. Der Codex Traditionum Monasterii St. Pauli wurde bald nach 1237 von dem Mönch und Priester Wernhard nach älteren Vorlagen (wohl auch von Erzbischof Hartwig) niedergeschrieben. [31 Von Beda Schroll vollständig im UB St. Paul ediert. Dazu u. a. F. Pagitz, Die Urkundenschreiber der St. Pauler Klosterschule bis zum Jahre 1335. In: Carinthia I, 149 (1959), S. 389–444.] Dazu kommt als Realie ein Geschenk aus dem Kloster Sponheim mit einem Bild des Grafen Meinhard an das Kloster St. Paul. [32 Schatzhaus Kärntens …, 1 (Katalog), S. 63f., 2 (Beiträge), S. 56ff, jeweils mit Abbildung und Literatur.]
Die beiden Geschlechter oder Stämme hängen eng zusammen, obwohl dies nicht durch das übliche genealogische Indiz der Namenvererbung bestätigt wird. Das wäre schon eine Warnung für alle, die diese sicher sinnvolle Forschungsmethode überfordern.
Aber eine Namenvererbung gab es doch und zwar betraf sie den Beinamen. In beiden Geschlechtern taucht früh, fast gleichzeitig in den 1070er Jahren, die Bezeichnung von Spanheim u. ä. auf. Opinio communis war bisher, dass sich dieser „Stammsitz“ auf Burg, Ort und Kloster Spanheim, jetzt Sponheim bei Kreuznach bezieht. Es gäbe keinen anderen Ort dieses Namens im deutschen Sprachraum. [33 Hausmann, Siegfried…, S. 143.]

Engelbert I. wird in der Zeugenreihe einer Seelgerätstiftung für das Kloster St. Peter zu Salzburg, die etwa 1060 bis 1077 Oktober 14 [34 Salzburg. UB 1, 287–8; MC 3, Nr. 335. Wenn Engelbert als Graf im Lavanttal gemeint war, dürfte der Termin erst ab 1064 (Jerusalemwallfahrt und 1065 Tod seines Vaters) anzusetzen sein.] zu datieren ist, als comes de castro Spanheim bezeichnet. Mit dem rheinischen Spanheim war keine Grafschaft verbunden. Auch macht es wenig Sinn, einen Grafen nach einer 600 km entfernten, unbedeutenden (jedenfalls urkundlich noch nicht belegten) Burg in einem ganz anderen Reichsteil zu bezeichnen, von der sein Vater eventuell herkam, in einer Zeit, da man Adligen Beinamen bestenfalls nach ihren Amtssitzen oder Wohnorten oder Herrschaftsmittelpunkten gab. „Spanheim“ hieß, so darf man annehmen, Engelberts Burg bei dem späteren Kloster St. Paul oder eine Burg im Salzburgischen, wo er viele Güter und Rechte besaß. Ich spiele den Ball ins Feld der österreichischen Historiker.
Natürlich ist der Gleichklang der beiden Burgnamen im Nahegau und im Lavanttal (oder dem Salzburgischen) nicht zufällig: Eine ist der anderen nachbenannt, oder beide nach einer noch unbekannten dritten. Die rheinische ist mit wahrscheinlich etwas später (1072 chronikalisch, 1075 urkundlich) belegt als die andere, die außerdem Sitz eines Grafen war. Gleichwohl scheint sie älter zu sein. Das Ur-Spanheim wäre also noch zu finden, bzw. nachzuweisen.

Das geschachte Wappen

Man kann davon ausgehen, dass Wappen von der mittelalterlichen Adelsgesellschaft so genau überwacht wurden, wie es ihrer Bedeutung als „Firmenzeichen“ entsprach. Diese Überwachung war die Kehrseite ihrer Bedeutung als Informationsträger in einem bestimmten sozialen Kontext, und dieser wiederum war in der höchsten Adelsschicht zumindest bis zum Ende der Kreuzzüge gesamteuropäisch.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Wappen unveränderbar und unveräußerlich waren. Aber niemand konnte ein Wappen führen, das einem anderen im selben Geltungsbereich glich, wenn er nicht einen (Erb)anspruch darauf geltend machen konnte oder es vom Besitzer (als Lehns- oder Dienstherr) ver„liehen“ bekam. Und niemand konnte ein anderes Wappen als sein eigenes „verleihen“ oder verändern. Auch die ersten kaiserlichen Wappenverleihungen bestätigen das: Einzelnen Reichsstädten wurde das Recht verliehen, den Adler im Wappen führen zu dürfen.

Nach den älteren und neueren Wappenbüchern scheint es, dass die mit den rheinischen zweifelsfrei (nach verbreiteter Auffassung sogar agnatisch) verwandten Kärntner SPANHEIMER nicht das geschachte Wappen führten. Das verwundert nicht; nach der allgemeinen Auffassung liegt der gemeinsame Ursprung der beiden Zweige vor der Zeit fester Wappenführung.

Meines Wissens gibt es einen zeitgenössischen Beleg des geschachten Schilds für die Kärntner SPANHEIMER überhaupt nicht, und für die rheinischen wohl auch erst für die Zeit um 1250. [35 Johannes Mötsch hat (ArchDipl 33 (1987), S. 459ff einen Aufsatz über die Siegel der Grafen von Sponheim veröffentlicht. In dem hier angesprochenen Zusammenhang hilft er nicht, das älteste erhaltene Siegel stammt von Graf Johann († 1266).] Die Kärntner haben als Erben mit dem Herzogtum das Wappen der Kärntner Herzöge (in Silber schwarz das „Panthier“) übernommen und – z. T. „vermehrt“ – an ihre Amtsnachfolger weitervererbt. [36 Siebmacher, Souveräne  4. Franz Gall, Österreichische Wappenkunde. Handbuch der Wappenwissenschaft, 19922, S. 235. Nicht eingesehen: A. v. Siegenfeld, Das Landeswappen der Steiermark. In: ForschVerf VerwGSteiermark, 3, 1900, S. 257; H. Wiessner, Abriß der historischen Entwicklungs des Kärntner Wappens. In: Kärntner Gemeindeblatt, 77, 1956, S. 22f. – Älteste Wiedergabe im Majestätssiegel König Ottokars 1269, eine weitere beim gemalten Epitaph des letzten Spanheimers, Philipp (†1279), in der ehem. Dominikanerkirche zu Krems (1. Hälfte 14. Jahrhundert) (Elga Lanc, Die mittelalterlichen Wandmalereien in Wien und Niederösterreich… Wien 1983).] Offensichtlich führten sie aber doch zunächst das selbe oder das gleiche Wappen, das später von den rheinischen SPANHEIMERN belegt ist, denn warum sonst sollte das vor 1092 von den Kärntner SPANHEIMERN gegründete Kloster St. Paul im Lavanttal einen von Blau und Gold [37 Siebmacher 17 (Klöster), S. 68.] oder von Silber und Rot geschachten Schild geführt haben? [38 Franz Gall, Österreichische Wappenkunde (Handbuch der Wappenwissenschaft), 19963, S. 235 (oft auch als „Rot-weiß geschacht“ beschrieben.)]
Der Gebrauch eines Wappens ist bei Klöstern gewiss erst im späteren Mittelalter anzutreffen, und es dürfte zutreffen, dass sie, als sie eines zu brauchen glaubten, das der Stifter zu eruieren suchten. Dass man damals in Kärnten zu dem des rheinischen Zweiges der Stifterfamilie gegriffen hätte, erscheint sehr unwahrscheinlich. Das Wappen der spanheimischen Herzöge war bis weit ins 13. Jahrhundert in Gebrauch und ließ sich gewiss durch Siegel und Darstellungen im Klosterarchiv belegen. Und man wollte sich doch wohl lieber mit dem Wappen der heimischen Herzogs- als dem einer entfernten Grafenfamilie zieren.

Man hatte aber für das geschachte Wappen nicht zuletzt in der eigenen Kirche Belege. Das Stiftergrabmal im nördlichen Querhaus ist heute aus drei Teilen verschiedenen Alters zusammengesetzt. „Die älteste Platte von dem ursprünglich als Tumba gestalteten Stiftergrabdenkmal ist die annähernd quadratische Stirnplatte und zeigt nebeneinandergestellt die Reliefwappen des Herzogtums Kärnten und der Spanheimer“ (das Schach). „Beide Wappendarstellungen sind in einer für das 14. Jahrhundert charakteristischen heraldischen Bildung gemeißelt… Die Stirnplatte ist einem ,Grabdenkmal‘ der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuzuordnen.“ [39 Vgl. Abbildung #1 und 2#, entnommen aus: Schatzhaus Kärntens, 1 (Katalog) S. 507f.] Darüber wurde um 1493 ebenso posthum ein freskiertes Votivbild der Stifter angebracht: „In der zentralen Zone sind, von einem Engel gehalten, das St. Pauler Klosterwappen (das Wappen der Spanheimer, welches später(¿?) vom Kloster übernommen wurde) und das Kärntner Landeswappen nebeneinander angebracht.“ Vielleicht gab es sogar noch echte alte Schilde mit Wappen, die in der Kirche aufgehängt waren. Schon der erste Beleg schließt aus, dass die Kenntnis des Wappens nachträglich vom Rhein, gar durch Trithemius, importiert wurde.
Aus der Tatsache, dass beide Zweige der SPANHEIMER dasselbe Wappen führten, lassen sich zwei Schlüsse ziehen:
1. Sie waren verwandt. Ob agnatisch oder durch Einheirat ist damit nicht gesagt. Für diese Verwandtschaft haben wir auch sonst eindeutige Indizien, dies ist nichts neues.
2. Überraschend – und von der Forschung noch nicht diskutiert – ist der Zeitpunkt: Die SPONHEIMER in Kärnten müssen das geschachte Wappen vor 1122 (Übernahme der Herzogswürde) geführt haben. Wieviel früher, läßt sich weder mit der Gründung von St. Paul noch mit der Abzweigung der rheinischen Spanheimer terminieren.
Viel muss es nicht besagen, dass auf dem berühmten Widmungsblatt jenes Evangeliars aus dem 12. Jahrhundert, das im Kloster Sponheim geschrieben wurde und sich noch heute in St. Paul im Lavanttal befindet, der Darstellung des Grafen Meinhard von Spanheim ein Wappen nicht beigegeben ist. [40 Heinz Dopsch machte mich brieflich darauf aufmerksam. Auch nach seiner Meinung „ist die Übereinstimmung des Wappens von St. Paul mit jenem der rheinischen SPANHEIMER sicher kein Zufall.“] In kirchlichem Zusammenhang (und natürlich „en famille“) hielt man es wohl nicht für angemessen ein Wappen hinzuzufügen, das zur Kriegsausrüstung gehörte.

Proto-Heraldik? Frühste Heraldik?

Hier ist offensichtlich ein deutsches Wappen sehr früh, vielleicht schon ins 11. Jahrhundert, zu datieren. Dass die Entstehung der Wappen in Westeuropa ins 11. Jahrhundert zu datieren ist, wollte die deutsche Heraldik (die in den letzten Jahrzehnten praktisch nicht mehr existiert, vor allem verglichen mit dem Aufschwung dieser Wissenschaft in Frankreich und ihrem hohen Stand in England) bisher nicht ernsthaft wahrhaben. Selbst die jüngste Expertenmeinung setzt sie fast ein Jahrhundert später an: „Die Frühformen von Wappenbildern lassen sich im Milieu großer französischer und anglo-normannischer Adelsgeschlechter finden, wo sie vom zweiten Drittel des 12. Jahrhunderts an langsam in Erscheinung zu treten beginnen.“ [41Lutz Fenske, Adel und Rittertum im Spiegel früher heraldischer Formen. In: Das Ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und Verhaltensgeschichte des Rittertums. Hrsg. v. Josef Fleckenstein (VeröffMPIGöttingen 80), 1985, hier S. 88ff.]
Anfänglich gab es das Wappen wohl noch nicht als ein zum Herrschaftssymbol „abstrahiertes“, sondern nur als konkretes Verständigungszeichen; im Krieg und in Kriegsspielen, sprich Turnieren, führten die Adligen (und ihr Gefolge) unverwechselbar bemalte Schilde, also ein reales Wappen, bzw. Fahnen und Wimpel. Schon aus praktischen Gründen wurden diese Embleme mit den Schilden, den Fahnen und der Gefolgschaft „vererbt“ und entwickelten sich so vom individuellen zum „Familien“-Signet. Daher sind die ersten Siegel mit „Wappen“ Reitersiegel mit Schildvorderseite oder mit Wimpel. Daher haben wir auch keine Quellen für den Ursprung des Wappenwesens, da die „Wappen“ zuerst nur praktischen, militärischen, aber noch keinen juristischen Zeichenwert besaßen. Wir bewegen uns in einer Vor-Heraldik, über die mir Léon Jéquier [42 Léon Jéquier, A Propos de l’origine des armoiries. In: 12. Internationaler Kongreß für genealogische und heraldische Wissenschaften München 1974, Kongreßbericht, Hrsg. Hans-Ulrich Frhr. v. Ruepprecht u. a. 1978, Band H, S. 33ff.] die pragmatischste Übersicht gegeben zu haben scheint, mit Fragen, die eine Forschungsaufgabe sein sollen und müssen. Das Schachwappen der SPONHEIMER wäre eine weitere Illustration für seine Ausführungen, die von Michel Pastoureau im Nachwort zur neusten Auflage seines „Traité d’héraldique“ bestätigt und vertieft wurden. [43 Michel Pastoureau, Traité d’Héraldique, 19973, S. 298ff.]
Nun gilt seit den Forschungen von Anthony Wagner gerade unser Wappenbild als eine Art „Leitfossil“, und es wirkt pikant, dass Fenske seine Spätdatierung ausgerechnet an ihm demonstriert. Die Aussage eines Standardwerks [44 Thomas Woodcock/John Martin Robinson, The Oxford Guide to Heraldry, 1988, p. 7ff. Vgl. unsere Abbildungen # und #, entnommen diesem Werk.] legt eine frühere Entstehung nahe: „… variations of checky were borne by descendants of Isabel de Vermandois by her marriages to both Robert de Beaumont, Earl of Leicester (died 1118), and William de Warenne, Earl of Surrey (died 1138)…“ Auch in den Folgegenerationen vererbt sich das Wappen an Schwiegersöhne. [45 Anthony Wagner, Pedigree and Progress. Essays in the genealogical interpretation of History, 1975, S. 205.] Fenske und Wagner finden das Wappen auch für Isabels Bruder Raoul de Vermandois belegt. Es stammt also aus Frankreich, woher wohl auch die SPANHEIMER stammen. Diese VERMANDOIS sind ein Zweig der capetingischen Königsfamilie, für die wir das berühmte Lilienwappen kennen. [46 Die „Lilien“ sind erst später Symbol der französischen Könige und ihres Stammes geworden: Michel Pastoureau, La Fleur de lis: emblème royal, symbole marial ou thème graphique?. In: La Monnaie miroir des rois, Ausstellungskatalog Paris 1978, S. 251–271 (Nicht eingesehen).] Pastoureau betrachtet die Kombination von Blau und Gold als das eigentliche Wappenmotiv der CAPETINGER. [47 Pastoureau, Traité…, S. 308.] Man könnte also vermuten, dass das Schach als Teilung von den Vermandois des alten, karolingischen Stammes geführt worden war. Dazu passt aber nicht, dass es zwei Generationen später auch von den Grafen von Dreux geführt wurde, agnatischen CAPETINGERN. Die Klärung dieser Rätsel muss in Frankreich geschehen.
Immer vorausgesetzt, dass der „Besitz“ eines bestimmten Wappens kontrolliert wurde (zumindest von den Besitzern selbst), und dass diese Kontrolle wie die sonstige „Kultur“ des Adels europaweit zusammenhängend war, kann die – bei den Tinkturen variable und variierte – Wappengleichheit der SPANHEIMER mit den Nachkommen der VERMANDOIS nur auf Verwandtschaft beruhen, da andere Gründe nicht zu sehen sind. Aber wie diese Verwandtschaft sein soll, kann ich mir nicht erklären.
Auffällig ist die geschachte Teilung allemal.

Andere geschachte Wappen in Deutschland: Randerath und Ho(he)nstein

Zu untersuchen bleiben daher auch andere später belegte Wappengleichheiten. Außerhalb unserer Zeitstellung stehen die vielen illegitimen Linien und die Ministerialen der SPANHEIMER, die das Schachwappen, meist vermindert, trugen. Otto Gruber hat ihre Heraldik vorzüglich dargestellt. [48 Otto Gruber, Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels. In Fortsetzung in LkdVjbll 8 (1962) bis 10 (1964), mit Nachtrag und Wappenschlüssel in Sonderheft LkdVjbll. – Ders., Der Adel. In: Zwi-schen Rhein und Mosel. Der Kreis St. Goar, hrsgg. v. Franz-Josef Heyen, 1966, S. 389ff, vor allem, S. 410ff. – Hier will ich nur einen kleinen Fund ergänzen: Heinrich van Mannindal (von Mandel) ist 1376 März 25 Schultheiß von Niederheimbach (Altenberg: Abtei Urk. 509); 1382 August 27 als Heinrich van Mannendaile borchgreue… zu Keyserswerde. Siegel mit Umschrift sigillum heinrici de mannendal Schild geschacht in 5 Reihen zu 6 Plätzen, mit rechtem Freiviertel. (Wolfgang Pagenstecher, Burggrafen- und Schöffensiegel von Kaiserswerth, S. 145, Abb. 47. In: DüsseldorfJb 44 (1947).] Walther Möller hat sich mit ihnen beschäftigt. [49 Walther Möller, Stammtafeln westdeutscher Adelsgeschlechter im Mittelalter, 4 (= NF 1), 1950 (Re-print 1996), S. 98 ff. (Koppenstein und Wolf von Spanheim).] Schwerer zu erklären ist die als fast gleichzeitig anzunehmende Wappenähnlichkeit der SPANHEIMER mit den Herren von Randerath, deren Schild von Rot und Gold geschacht war, [50 Möller, Stammtafeln… 4 (= NF 1), S. 78ff.] und die Wappengleichheit mit den Grafen von Honstein im Harz.

Ich habe zu Goswin „von Mergentheim“, der wahrscheinlich als Meinhards und Juttas Vormund (vielleicht sogar Stiefvater anzusehen ist) keine neuen Erkenntnisse über die hinaus, die ich an dieser Stelle veröffentlichen konnte. [51Heinzelmann, Hildegard …, S. 34ff.] Über ihn könnte die durch das variierte Wappen nahegelegte Verwandtschaft der SPANHEIMER mit den Randerothern laufen, wenn er mit dem Ahnherrn des Goswin (Gozewin) von Randeroth, der 1147 ins Heilige Land fahren wollte, zusammenhängt. [52 RegEB Köln 1 Arnold I Nr. 455. MRUB 1, Nr. 135, S. 200.] Dieser verpfändet für 100 Mark Silber dem Propst und dem Konvent von S. Maria ad gradus in Köln die Hälfte der villa Dorewilere, unter Beistand seines Oheims Hartpern (ein anderer Oheim namens Wilhelm wird gleichzeitig mit einem Kanonikat bekleidet). Die andere Hälfte war früher schon von Megener, dem Bruder des Großvaters von Goswin, dem Stift übertragen worden. Unter den Zeugen nehmen Udelricus de Are et frater eius Otto eine auffällige Stellung ein. Wenn wir diesen Megener mit Meinhard von Spanheim gleichsetzen, was viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, und ein Goswin (von Mergentheim oder sonstwoher) Stiefvater Meinhards (Megeners) war, wäre der mit Namen nicht genannte Großvater Goswins von Randeroth ein Halbbruder des SPANHEIMERS. Man könnte sich dann sogar Gedanken machen, welches Dorweiler gemeint ist, etwa das bei Kastellaun, oder gar die Wüstung bei Bacharach-Steeg? Allerdings müssen noch die Gegenbelege überprüft werden: Das von den Genealogen angeführte Brüderpaar Hartbern (1084-1109) und Meginer (1089–1104) passt freilich ganz und gar nicht zu dieser Konstruktion.

Rätselhaft ist die Wappengleichheit mit den Grafen von Ho(he)nstein im Harz. Ein Comes de Hosteyn (Hoynsten) ist im Prümer Urbar 1222 von Exabt Caesarius [53 MRUB 1, Nr. 135, S. 197 und 200. Das Prümer Urbar, hrsg. Ingo Schwab (Rheinisch Urbare 5, PubllGesrhein Gkde 20), 1983, fol. 40, Komm. 5;  47, Nr. 113, Komm. 3, fol. 50.entar.] zweimal direkt vor den SPANHEIMERN als Prümer Lehnsträger genannt. Gleichzeitig aber und noch ein drittes Mal nach dem Grafen von Katzenelnbogen, es handelt sich also um Burg Hohenstein im Taunus, was eine Beziehung in den Harz nicht ausschließt. Die Honsteiner, die im 13. Jahrhundert das geschachte Wappen führen, sind eines Stammes mit den Grafen von Rothenburg (im Südharz), die wohl zu den Bilsteinern gehören.Deren Wappen ist nicht bekannt. [54 Nach Landau, Die hessischen Ritterburgen, 1, S. 1–25 führten die Grafen von Bilstein an der Werra als Wapen einen quergeteilten Schild, der unten das hohnsteinische Schachbrett, oben ein (auch zwei oder drei) Beile zeigte. Diese sind natürlich als redende Wappenvermehrung zu verstehen. Solange aber ein Beleg fehlt, kann man diese Nachricht nicht verwerten.] Wir haben eine verwirrende Zahl von Herleitungsmöglichkeiten für das HONSTEINER Schach. Keine scheint in einen Zusammenhang mit den Spanheimern zu führen. Doch erinnert der HONSTEINER Leitname, zuerst belegt mit Elger/Adelger „von Ilfeld“, der 1103 Cuno von Beichlingen ermordete, an Adelger von Hengebach, den Schwiegervater Heinrichs I. von Katzenelnbogen († ?1102) und Goswins von Stahleck.

Wichtiger ist die Wappengleichheit mit den Grafen von Ho(he)nstein im Harz. Ausgerechnet der Comes de Hosten ist im Prümer Urbar von Caesarius von Heisterbach [55 fol. 47, Nr. 113, Kommentar.] direkt vor den SPANHEIMERN als Prümer Lehnsträger genannt. Insgesamt sind es 31 homines nobiles ... intitulati. An zweiter Stelle steht schon der Nobilis vir de randenrode, Hohenstein und Spanheim an 12. und 13. Die HONSTEINER, die im 13. Jahrhundert das geschachtete Wappen führen, sind im Mannesstamm Nachfahren der Grafen von Rothenburg (im Südharz), die wohl zu den BILSTEINERN gehören (ein Wappen ist nicht bekannt). Die Erbtochter soll agnatisch eine ORLAMÜNDE gewesen sein. Deren mütterlicher Großvater Konrad, der erste, der sich nach Honstein nannte und wohl auch die Burg gebaut hatte, war der einzige Sohn des LUDOWINGERS Berengar und der Bertradis von Wettin. Berengar hatte diese Herrschaft wohl von seiner Mutter "Caecilia von Sangerhausen" ererbt. Wir haben also eine verwirrende Zahl von Herleitungsmöglichkeiten für das Wappen. Keine scheint in einen Zusammenhang mit den SPANHEIMERN zu führen.

Sehr früh begegnen wir dem rot-weißen Schach auch im Schild der Burggrafen von Würzburg, der späteren Henneberger, wie wir es etwa aus der Manessischen Liederhandschrift für Otto von Botenlauben kennen. Dieses Wappen ist geteilt, oben in Gold ein schwarzer wachsender doppelköpfiger Adler, unten das Schach. [56 Mehrere Abbildungen in dem vorzüglichen Sammelband Otto von Botenlauben. Minnesänger · Kreuzfahrer · Klostergründer, (Bad Kissinger Archiv-Schriften 1), 1994, leider nicht behandelt in dem sehr gründlichen genealogischen Beitrag von Heinrich Wagner, Genealogie der Grafen von Henneberg bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, S. 401ff. Der älteste abgebildete Beleg ist ein Siegel von Beatrix, der Gemahlin Ottos von Botenlauben, 1231. Er führt das selbe Wappen im Siegel. Karl Brandler, Kleine hennebergische Siegel- und Wappenkunde. In: Quellen-Blätter, Heimatkundliche Beilage der Saale-Zeitung für den Land-kreis Bad Kissingen, Nr. 7, 1975, S. 25-27. – Auffallend ähnlich ist das Wappen der Wartberger, bzw. Brandenberger Grafen: im geteilten Schild oben der doppelköpfige Adler, unten zwei Balken (Abb. bei Carl W. Rein, Die erloschenen Adelsgeschlechter des Eisenacher Landes. In: ZsVthürGAlt 4 (1861), S. 215).]
Am Oberrhein gibt es eine Wappenfamilie mit von Silber und Schwarz geschachtem Schild, die man als eine Gruppe von Vasallen und Ministerialen der ZÄHRIN GER ansieht. [57 D. L. Galbreath/Léon Jéquier, Handbuch der Heraldik, 1990, S. 28, unter Bezug auf Walter Merz, Die Burgen des Sisgaus, 1908–1912, 4, S. 52 und 107, Nr. 27.]

Es gibt noch viel zu erforschen.

Meinhards Schwiegervater und die Nellenburger Erbschaft

Adalbert von Mörsberg (1107 auch „von Dill“ [58 MRUB 1, Nr. 415.]), belegt 1098 – 1124, und Dietrich von Bürglen, ab 1101 „von Nellenburg“, waren als nepotes die Erben Burkhards von Nellenburg und nach überwiegender Annahme agnatische Mitglieder der NELLENBURGER. [59 Paul Kläui, Hochmittelalterliche Adelsherrschaften im Zürichgau (Mitt d. Antiquar. Gesellschaft zu Zürich 40,2), 1960, S. 58ff.] Welche Verwandtschaft nepotes genau bezeichnet und ob sie Brüder waren, muss uns zumindest besitzgeschichtlich nicht interessieren; das lässt auch die letzte Veröffentlichung offen, die das Thema streift. [60 Casimir Bumiller, Historiographische Probleme um die Grafen von Haigerloch und Wiesneck. In: ZGO 146 (NF 107), 1998, S. 1, insbesondere S. 25ff.] Die Erbschaft wurde spätestens 1098, d. h. vor dem Tode Burkhards angetreten, denn dieser war Mönch in dem von seinem Vater gegründeten Kloster Allerheiligen geworden. 1098 ist Adalbert Vogt des Klosters. Er war laut Suger von St. Denis ein nobilissimus comes, vir summae discretionis et prudentiae (ein Mann von äußerster Urteilskraft und Klugheit). [61Léon Viellard, Documents et mémoire pour servir à l’histoire du territoire de Belfort, 1884, S. 201, Nr. 148. Die Fortsetzung spiritu timoris, qui ubi vult, spirat haben Naumann-Humbeck und Jänichen im Sinne von „von furchterregendem Sinn, der atmet, wo es ihm passt“ zur Charakteristik gezogen, sie gehört aber zur Partizipialkonstruktion revocatus: „vom Geist der (Gottes-)furcht, der weht, wo er will, zur Umkehr bestimmt“. Deshalb wird Adalbert, der die mit seiner Frau erheirateten Güter dem Kloster hatte entziehen wollen, in dieser Urkunde von 1123/24 befreit vom Anathema, wofür er jährlich 5 Unzen Gold bezahlen wird.]
Im späteren Wirkungsbereich der SPANHEIMER, nämlich in Kaimt, besaß er Weingärten zu Lehen die an den Erzbischof von Trier zurückfielen und c. 1157 von Erzbischof Hillin an das Kloster Himmerod geschenkt wurden (vineas nostras, quas in parochia curtis nostre chemetam habuimus, que de beneficio comitis alberti de morsberh predecessori nostro et nobis libere remanserunt).

Die Mörs-Burgen

Auf allen seinen Besitzungen in Schwaben, der Schweiz und in Lothringen erbaute Adalbert Burgen und benannte sie nach einer Stammburg, wobei nicht sicher ist, welche dies war. [62 Hans Jänichen, Zur Übertragung von Burgnamen. In: AlemannJb, 1959, S. 34ff (nach Paul Kläui): „Sein Hauptsitz war offenbar das bereits 797 erwähnte castrum Mörsperg bei Pfirt im Elsaß… Zur Sicherung seines Zürichgauer Besitzes ließ er den Stammsitz der Herren von Winterthur um 1120 verstärken und hat auf diese Burg den Namen Mörsberg übertragen… hat aber offenbar auch in seinen lothringischen Herrschaften bei Saargemünd eine gleichnamige Burg … erscheint … im 13. Jahrhundert als Kastlanei Mörsberg/Morimund“. Jänichen will ihm „… noch eine vierte Burg Mörsberg zuschreiben, die … bei Pliezhausen (Kr. Tübingen) ausgegraben wurde. Dort … reiche Güter, die um 1100 durch Schenkung an das nellenburgische Hauskloster Allerheiligen in Schaffhausen gekommen waren“ (dessen Vogt er war).] Seinen Beinamen führt er erst nach 1105, laut Paul Kläui und Jänichen nach der Mörsperg (Morimont, im oberen Larg-Tal) bei Pfirt (Ferrette, Dép. Haut-Rhin), die er erst nach dem Tode seines Schwiegervaters Dietrichs „von Montbéliard-Mousson“ in Besitz hätte nehmen können. [63 Der kundige und ideologisch neutrale Paul Stintzi, Mörsperg (Morimont). Das Schloss und seine Herren, 1939, datiert die Erstnennung der Burg auf 1271, die einer sich nach der Burg nennenden (genealogisch sicher nicht von Adalbert abzuleitenden) Familie auf 1240, vermutet aber die Gründung der Burg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.] Diese Burg wird von Kläui als „alter Verwaltungs- und Verteidigungsmittelpunkt“ bezeichnet, „wird doch schon 797 das ,castrum Mörsperg‘ erwähnt“. Diese Erwähnung basiert aber auf einer Fälschung. [64 Ich danke Robert Wilsdorf, Sigolsheim, dem wohl besten Kenner der Geschichte der Grafschaft Pfirt, für diesen und andere gute Hinweise.] Man muss also doch die Burg bei Winterthur als den namengebenden Sitz Adalberts annehmen. Sie ist alt genug dafür, wie Kläui selber belegt. [65 Paul Kläui, Hochmittelalterliche Adelsherrschaften…, S. 60f. Die von Kläui (S. 47f.) sehr gewaltsam konstruierte Vorgeschichte der Burg ist damit natürlich hinfällig, wobei er sich noch fragt: „Bei der Bedeutung, die der Turm für Winterthur hatte, ist es auffällig, daß nach so kurzem Besitz eines Mannes … der alte Namen schon einem neuen wich…“]
Weniger deutlich sehe ich bei Marimont. [66 heute Marimont-les-Bénestroff, Dép. Moselle, Arr. Château-Salins, Canton Albestroff.] Thietmar erwähnt, dass im Zusammenhang mit der tumultuösen Synode von Diedenhofen 1003 HEINRICH II. eine herzoglich-lothringische Burg Morsberg/Marimont zerstörte, auf Bitten „der Bevölkerung“, was immer das heißen mag. [67 Thietmar, Chron. V, c. 27, S. 253 und Adalbold, Vita Heinrici II. imp. c. 19, MG SS IV S. 688. Vgl. Eduard Hlawitschka, Kuno und Richlind von Öhningen. In: Stirps regia. Forschungen zu Königtum und Führungsschichten im früheren Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze… Frankfurt/Bern/New York/Paris 1988, S. 445, Anm. 177.] Dann hätte diese schon lange vor Adalbert ihren Namen gehabt. Oder ist sie die ursprünglich ihm den Namen gebende? Jedenfalls gelangte Mörsberg/Marimont später über die Grafen von Saarbrücken geteilt an deren Sekundogenituren Zweibrücken und (1212) Leiningen. [68 Ingo Toussaint, Die Grafen von Leiningen. Studien zur leiningischen Genealogie und Territorialgeschichte bis zur Teilung von 1217/18, 1982, S. 113 u. ö.]

Unklar ist mir auch noch, ob eine Burg Maurimont, auch Marimont, Morsberg, die von Graf Dietrich von Rixingen (cuens Thierris de Richiercourt) 1242 November als bisheriges Allod dem Bischof von Metz zu Lehen aufgetragen wurde [69 Toussaint, Grafen von Leiningen…, S. 57 (mit Quellenhinweis auf Paul Marichal, Cartulaire de l’évêché de Metz, I, Nr. 29, 1903, ohne Diskussion von Lokalisierung oder Identität).], aber aus zuvor sehr altem Salmschen Besitz stammen soll, eine andere oder dieselbe ist.
Unerkannt war bisher eine Mörsberg oder Mörsburg im späteren Gebiet Meinhards von Spanheim an der nördlichen Grenze der nachweislich von dessen Frau ererbten Herrschaft Kirchberg als Pendant zu Dill im Südteil. [70 So schon Büttner und Kläui. Kurt Hils, Die Grafen von Nellenburg im 11. Jahrhundert. Ihre Stellung zum Adel, zum Reich und zur Kirche (ForschoberrhLG 19), 1967, S. 60, zweifelt zu Unrecht. – Mötsch, Genealogie…, S. 102, meint, dass die Besitzverteilung um Kirchberg beweise, dass die Spanheimer mit den Berthold/Bezelin verwandt waren. Die Herleitung dieses Besitzes von Adalbert von Mörs-berg ist indessen unzweifelhaft, und damit letztlich wohl auch von Hadewig. Wichtig ist auch, dass Spanheimer Fernbesitzsplitter u. a. an der Lahn zur Burg Dill „ressortierten“.] Sie passt gut in diese Reihe. [71 Während „Dass geweßen Dörfel Mörsberg“ im Bereich der Geißwiesen (heutiges Meßtischblatt) zu suchen ist (vgl. die alte Karte von Tranchot und einen Plan von 1750, LHAKo 702/678, abgebildet bei W. Wagner, Ravengiersburg… S. 96, mit genauen Angaben über die auf mehrere Gemeinden aufgeteilte oder gemeinsam verwaltete Flur) fehlt noch die Lokalisierung eines Burgstalls. Infrage kommt die sumpfige Stelle des Dorfs (dieses als Nachfolger der Burg), oder die Burg befand sich auf dem Kronenberg, evtl. auf dem (prähistorischen Grab-?)Hügel auf dessen höchstem Punkt oder östlich der Straße, und das „Dörffel“ war ursprünglich das „Tal“ (aber recht weit entfernt!) Vgl. Josef Heinzelmann, Der Weg nach Trigorium… Grenzen, Straßen und Herrschaft zwischen Untermosel und Mittelrhein im Frühmittelalter. In: JbwestdLG 21, S. 1 ff, insbesondere S. 127ff.] Eine gleichnamige Wüstung lag am nördlichen Fuß des Kronenbergs, auf heute Kappeler Flur. [72 Bernhard Schemann, Die Wüstungen des Vorderen Hunsrücks, Diss. Köln, 1968S. 53ff. Vgl. auch die Grenze der Propstei Ravengiersburg, die die aldte Merßbacher (recte: Mersbu/erger) Straß entlangzieht, laut Hundgedingsweistum, LHAK 4 /4654, abgedruckt bei Willi Wagner, Das Augustiner-Chorherrenstift Ravengiersburg (SchriftenrHunsrückGV Nr. 12), 1977, S. 146f. Diese Grenze ist heute die östliche Gemarkungsgrenze von Kappel. – Nach Wilhelm Fabricius, Erläuterungen zum geschicht-lichen Atlas der Rheinprovinz, VI: Die Herrschaften des unteren Nahegebietes (PubllGesrhein Gkde 12), 1914, S. 113, lag die Wüstung in der Kostenzer Pflege, also auf heute Kappeler Gemarkung.] Die noch genauer zu bestimmende Topographie entspricht der vieler Hunsrückburgen: Sumpfiges Quellgebiet und Nähe einer wichtigen Straßenkreuzung, nämlich der Römerstraße von Trier nach Boppard (heute Hunsrückhöhenstraße) mit einer über Kumbd herziehenden Ostwest-Verbindung, die sich aufteilt in mehrere Äste (Zell, Senheim, Treis), nahe einer von Kirchberg Richtung Norden ziehenden Verbindungsstraße. Das jenseits der Grenze des Nahegaus im Trechirgau gelegene Gebiet um Kastellaun und Bell (eine Wormser Vogtei?) wurde wohl erst durch Meginhard mit dem um Dill/Mörschburg vereinigt, und die minder günstig gelegene, vielleicht noch unfertige Burg zugunsten einer bestehenden oder neuen in Kastellaun aufgelassen.

Die aussätzige heilige Jungfrau Yrmendrut

In den sehr unzuverlässigen Europäischen Stammtafeln [73 Europäische Stammtafeln, hsg. Detlev Schwennicke, XII, Tafel 85.]  ist eine aussätzige Tochter Adalberts namens Irmintrud genannt. Nach dem Schaffhauser Stifterbuch [74 Heinz Gallmann, Das Schaffhauser Stifterbuch. Legende um Stifter und Stiftung des Klosters Allerheiligen, 1995. Ich zitiere daraus, cap. 45, S. 73.]  liegt im Stiftergrab „auch eine gar heilige, edle Jungfrau, die war die Tochter Graf Albrechts, des Stifters Vetter. Diese heilige Jungfrau hieß Irmentrud und war zu Sankt Agnes im Kloster. Gott hatte an sie seine Hand gelegt, so dass sie viele Jahre aussätzig war. Weil sie von ihren weltlichen Verwandten gänzlich verschmäht wurde, starben auch alle ihre Verwandten, die sie verschmähten, unrechten Todes und ohne Erben…“
Wer dieser Graf Albrecht der sicher nicht ganz aus den Fingern gesogenen Legende war, wird verschieden ausgelegt. Die jüngste Veröffentlichung zum Thema hält eine Gleichsetzung mit Adalbert von Haigerloch für gegeben. [75 Bumiller, Historiographische Probleme…, hier S. 28f, mit dem originalen Text der Stelle.] Gallmann identifiziert mit Adalbert von Mörsberg. [76  Gallmann, Schaffhauser Stifterbuch, S. 145f.] Dafür spricht (was Gallmann nicht anführt), dass die „heilige Jungfrau“ ihren Namen (im Original Yrmendrut) von Adalberts gleichnamiger Schwiegermutter (der Frau Dietrichs von Mömpelgard-Mousson-Bar) haben dürfte. Aber darf man Adalbert einen „Vetter“ des Stifters nennen? (Wer ist damit an dieser Stelle gemeint, Eberhard der Selige oder doch Burkhard, sein Sohn?) Bumiller hält die Identifikation des „grave Albrecht“ mit Adalbert von Mörsberg für deshalb ausgeschlossen, weil dieser nicht – wie der im Stifterbuch genannte „Albrecht“ – den Grafentitel getragen hätte. Das Argument ist von vornherein sehr schwach, wenn man daran denkt, wie großzügig Hagiographen mit weltlichen Ehren umgehen. Aber es entfällt völlig, weil Adalbert zumindest am Mittelrhein als Graf erscheint. [77 1108: MRUB 1, Nr. 415, Adalberto de dille, zwar ohne „comite“, aber vor ihm steht ein, nach ihm folgen noch 5 unzweifelhafte Grafen ohne Nennung des Titels. Auch wird sein Schwiegersohn Meinhard erst nach Adalberts Tod Graf (vorher dominus), und zwar zuerst von Mörsberg genannt! – Man vergleiche auch die zeitgenössische Charakteristik als nobilissimus comes (s. o.)]
Damit wäre auch die mehrfach vermutete „Gleichsetzung Adelberts von Mörsberg mit Adelbert von Haigerloch“ möglich, was nach Bumiller „wiederum am fehlenden Grafentitel scheitern muss“. Es scheitert aber wohl eher daran, dass Adalbert von Haigerloch schon vor 1080 erscheint, und (wie auch sein mutmaßlicher Sohn Adalbert von Wiesneck) männliche Nachkommen hatte.
Für eine Yrmentrud „von Mörsberg“ passt die Meldung sturben och alle jr fründe … vnrechtes todes und ân erben sehr viel besser, schließlich erbte die Vogtei des Klosters Allerheiligen (?) (und die von dessen Stiftern auch gegründete Propstei Pfaffen-Schwabenheim) der ferne, arme Meinhard von Spanheim im Hunsrück. Dessen eigenes Erbgut war geradezu mickrig. Er ist deshalb von Adalbert gewiss nicht als Erb-Schwiegersohn kooptiert worden, sondern nur als Mann für eine „überzählige“ Tochter, auf die dann doch das ganze Erbe fiel. Und er hatte vielleicht selber bei seinem Tode keinen Sohn als Erben. Wie das Leben so spielt…

Adalbert Graf im Trechirgau?

Unklar ist und bleibt, ob der 1112 als Graf im Trechirgau belegte Adelbertus der Mörsberger Adalbert oder Adalbert von Saffenburg war. [78 MRUB 1, Nr. 422, unter den Zeugen zweimal Adelbertus comes, sowie auch Meginhardus. Das ist nicht unwichtig, denn es geht um einen (freilich nicht oder nur teilweise vollzogenen) Tausch der Erzbischöfe von Magdeburg und Mainz, nämlich Bennungen gegen Oberwesel, etc. u. a. Hüffelsheim und Traisen, die an Spanheim und Böckelheim und Kreuznach angrenzen. Magdeburger Burggraf und Hochstifts-Vogt war Hermann von Spanheim, der Vater der Richardis…] Ich neige zur zweiten Auffassung, da Meinhard von Spanheim, der ihm sonst in Besitz und Ämtern folgte, nie als Graf im Trechirgau belegt ist, diesem Gau, der sowieso nur ein geographischer Begriff für das Gebiet zwischen Mosel und Mittelrhein war, das  mit dem Maienfeldgau eine Grafschaft bildete. [79 Donald C. Jackman, Criticism and Critique. Sidelights on the Konradiner (Prosopographica et Genea-logica 1), 1997, S. 67 nimmt auf Grund fragwürdiger (MG D OII 101und DO III 64) Grafennennungen an, der Trechirgau hätte im 10. Jahrhundert nicht zu Lothringen gehört, die Grenze der Regna sei die Mosel gewesen. Dagegen: Heinzelmann, Trigorium …, S. 48 ff. mit Karte.]

Adalberts Gattin, „von Mousson/Bar/Mömpelgard“

Meinhard ist als Schwiegersohn Adalberts durch die beiden Urkunden mit Suger von Saint-Denis belegt. [80 Viellard, Documents et Mémoire…, Nr. 153. Neuster Abdruck in Mötsch, Genealogie…, S 115ff.] Für Adalbert als Gatte einer Tochter aus dem erstaunlich gut dokumentierten Hause Bar/Mousson gibt es keinen wörtlichen Beleg. Die Suger-Vereinbarungen zwingen gleichwohl zu dieser Annahme. Der neue Abt von Saint-Denis hat nicht nur die an Adalbert von Mörsberg und dessen Schwiegersohn gelangten Besitzungen zurückverlangt, sondern gleichzeitig auch einen Rechtsstreit mit der Abtei Saint-Mihiel wieder aufgegriffen, der insofern erfolgreich endete, als die (ehedem von Saint-Denis abhängige) lothringische Abtei sich verpflichten musste, für eigentlich Saint-Denis gehörige Güter jährlich 5 Mark (einen beträchtlichen Betrag) zu entrichten. [81 Michel Parisse, In Media Francia: Saint-Mihiel, Salonnes et Saint-Denis (VIIe-XII e siècles). In: Media in Francia. Recueil de mélanges offert  à Karl Ferdinand Werner, 1989, S. 319ff.] Saint-Mihiel aber war Besitz der Herzöge von (Ober)-Lothringen und als allodiale Erbschaft über Sophie von Lothringen, die Gattin Ludwigs von Mousson [82 Georges Poull, La Maison souveraine et ducale de Bar, 1994, S. 23  und S. 69ff.], an deren Erben, in diesem Fall die späteren Grafen und Herzöge von Bar, zuerst an den Sohn Dietrich I., Graf von Bar, Montbéliard, Mousson, ab 1096 auch von Verdun, gegangen. Er war also Schwiegervater Adalberts von Mörsberg.
Wie Adalberts Gattin hieß, ist nicht überliefert, Genealogen nennen sie Mechthild. Wir können dies als Vermutung anhand von Leitnamen akzeptieren, denn wir kennen sehr viele Frauennamen auf ihrer Ahnentafel, wenn auch kaum bei ihren Nachkommen, ausgenommen natürlich die beiden Töchter Irmentrud (nach deren Großmutter mütterlicherseits) und Mechthild (zumindest nach der Ururgroßmutter väterlicherseits und der Großtante).

Mechthild von Dillingen–Kyburg, Witwe oder Tochter Meinhards?

Paul Kläui schließt aus dem Übergang der Mörsberg im Thurgau und der Vogtei über Allerheiligen an Graf Adalbert I. von Dillingen und Kyburg,  dass dieser, der nach 1132, spätestens 1135 mit einer Mechthild verheiratet erscheint, die Witwe Meginhards geheiratet habe, worauf das Mörsbergische Erbe geteilt wurde. [83 Kläui, Adelsherrschaften Zürichgau…, S. 62f.] Dieser Gedankengang ist seitdem unbesehen übernommen worden. [84 Adolf Layer, Die Grafen von Dillingen, in JbhistVDillingen 75 (1973), S. 46ff, hier S. 66.] Die Indizien sind zwingend, freilich könnte man diese Mechthild nicht nur als Meinhards Witwe, sondern genausogut oder besser als seine Tochter ansehen, nachdem wir Meinhards Alter anhand der Jutta-Vita korrigieren konnten. Er war spätestens 1112 (gemeinsame Zeugenschaft) mit Adalberts Tochter verheiratet, wahrscheinlich aber schon 1108. Das Geburtsdatum der Witwe kann also allerspätestens 1100, das einer Tochter könnte schon 1110 liegen. Die genealogische Auffälligkeit ist nicht unbedingt das Alter der Frau, obwohl sie mindestens einen Sohn mit Vierzig bekommen hätte, sondern das des Mannes: Adalbert von Kyburg ist „wohl vor 1080 geboren“, urkundet nach dem Tod seines Vaters Hartmann I. (1131) als Graf von Kyburg und kam 1134 nach dem Tod seines älteren, kinderlosen Bruders Hartmann II. auch zur Herrschaft in Dillingen. 1140 führte er eine Fehde mit Graf Eberhard von Nellenburg, offensichtlich eine nachträgliche Erbauseinandersetzung aus der vorigen oder vorvorigen Generation. Aber schon 1116 bezeugt er ein Vermächtnis für Kloster Allerheiligen. Layer behauptet auch, Adalbert habe in Illnau geschenkt und gevogtet. Ich finde keine Quelle dazu, ebensowenig eine genauere Untersuchung, warum er erst so spät geheiratet haben soll. Seine Söhne Hartmann III. und Adalbert II. treten sofort nach Adalberts Tod 1152 unbevormundet auf. Wenn wir, wie es naheliegt, seine Hochzeit auf etwa 1131, die Übernahme der Grafschaft Kyburg, oder gar früher ansetzen, kann er zu Lebzeiten Meinhards nur eine Tochter geheiratet haben, nicht die Witwe. Eine genaue Prüfung des Besitzes, den diese Mechthild Adalbert in die Ehe brachte, ließe vielleicht erkennen, ob es nur eine Mitgift oder – wie mir scheint – eine den naheländischen Gütern und Rechten gleichwertige Erbportion war. Im zweiten Falle hätte Meinhard keinen erbenden Sohn hinterlassen, und auch Gottfried hätte eingeheiratet. Wie dem auch sei, Adalberts von Dillingen-Kyburg Witwe Mechthild ging ins Kloster Neresheim (dessen Vogt er gewesen war) und starb als Nonne. [85 Fragmenta Necrologii Neresheimensis: März 12: Mechthildis coma in Dilingin soror n. c.; Necrologium… Monasterii Hermetisvillani: März 12: Mahthilt coma (MG Necrologia 1, S. 96 und 427).]

Die Herkunft der nahegauischen Güter: Hadewig, Gattin Eppos von Nellenburg, eine Tochter Hermanns II. von Schwaben?

Die NELLENBURGER, von deren Erbe über Adalbert von Mörsberg beträchtliche Teile an die SPANHEIMER gelangten, sind jetzt verführerisch plausibel als ein agnatischer Zweig der KONRADINER dargestellt worden. Donald C. Jackman leitet sie ab von dem Maifeld-Grafen Eberhard, über Burkard, Graf im Zürichgau und Markgraf der bayrischen Ostmark, den er als dessen Sohn wahrscheinlich macht, und dessen vermutlichen Sohn Manegold zu Eppo. [86 Donald C. Jackman, The Konradiner. A Study in Genealogical Methodology (Ius commune 47), Frankfurt 1990, S. 244–250; in der eingehendsten Auseinandersetzung und Wertung der umstrittenen Studie nicht angezweifelt (Christian Settipani – Jean-Pierre Poly, Les Conradiens: un débat toujours ouvert. In: Francia 23/1, S. 135–166). S. a. Jackman, Criticism ……, S. 205 u. ö. Wenig befriedigend Hans Kläui, Die Grafen von Nellenburg. In: Genealogisches Handbuch zur Schweizer Geschichte, hrsg. Schweizerische Heraldische Gesellschaft, 4, 1980, S. 179ff.]
Im Zusammenhang mit der SPANHEIMER-Forschung besonders wichtig ist Eppos Frau Hedwig/Hadewig, die Mutter Eberhards des Seligen von Nellenburg (des Gründers von Kloster Allerheiligen in Schaffhausen), weil sie auf ihrem Erbgrund das Frauenkloster Pfaffen-Schwabenheim gründete und dort ihren Lebensabend verbrachte. Sie ist also die Brücke zu den früheren Besitzern dieser Güter im Nahegau, die dann über ihren Sohn Burkhard und Adalbert von Mörsberg auf die Spanheimer kamen.
Ebbo, comes de Nellenburc, consobrinam Heinrici regis, Hadewigam nomine, de curia regis duxit uxorem, heißt es ad annum 1009 in einer nicht ganz zeitgenössischen, aber unverdächtigen Quelle. [87 Annales Scafhusenses, Zusätze zu Bertolds Chronik, MG SS 5, S. 388. Der Herausgeber G. H. Pertz datiert diese Zusätze auf 1118, was schon deshalb überzeugt, weil sehr viel später und sehr viel früher dem Ebbo nicht der an und für sich anachronistische Beiname „von Nellenburg“ gegeben worden wäre. Die etwas vage auf 1009. Temporibus his datierte Nachricht wird von späteren Chronisten wiederholt.] Nimmt man das (nach der damaligen Etymologie ) [88 Josef Heinzelmann, Verwandtschaft, Inzestverbote und Arbores consanguinitatis, in: Archiv für Familiengeschichtsforschung 6, (2002), S. 2–18, hier S. 17.] wörtlich (Kusine über der Mutter Schwester), müsste ihre Mutter wie die HEINRICHS II. aus dem burgundischen Königshaus stammen. Dies gilt in der genealogischen Literatur als ausgeschlossen, wahrscheinlich, weil HEINRICHSII. Mutter nur Halbschwestern hatte. Als ob Halbschwestern nicht auch Schwestern wären! Wir kommen gleich auf andere consobrini in gleichem Sinne, aber erst sehen wir uns noch die Verrenkungen an, die dieses Scheinproblem verursacht hat.
Nach der vorherrschenden Meinung ist Hadewig „eine Tochter des lothringischen Grafen Gerhard, eines Bruders der Mutter Kaiser KONRADS,“ (nicht Heinrichs!) „Adelheid, und der Eva von Lützelburg, der Schwester der Kaiserin Kunigunde.“ [89 Hils, Nellenburg…, S. 18, unter Bezug auf W. Gisi, Hadewig, Gemahlin Eppos von Nellenburg, Mutter Eberhards des Seligen, des Stifters von Allerheiligen. In: AnzschweizerG, NF 4 (1885), S. 347–355.] Damit wäre sie keine consobrina, sondern eine neptis uxoris Heinrichs II. Diese kühne Interpretation scheitert auch mangels Masse: Gerhard und Eva hatten ausser Siegfried und wohl der Äbtissin Berscinda keine Kinder, wie Hlawitschka festhält. [90 Hlawitschka, Anfänge … Habsburg-Lothringen, S. 90.]  Wie die LUXEMBURGER oder die Familie Gerhards zu Besitz im Nahegau gekommen sein sollen, bleibt auch offen.
Ein plausiblere Einordnung Hadewigs schlug K. A. Eckhardt vor. [91 Karl August Eckhardt, Eschwege als Brennpunkt thüringisch-hessischer Geschichte (BeitrrhessG 1), 1964, S. 89ff.] Jackman hat sie aufgegriffen und modifiziert. [92 Jackman, Konradiner…, S. 244ff.] Hadewig wäre danach eine Tochter von Herzog  Burkhard III. (nach anderer Zählung II.) und jener Hadewig, die eine Schwester von Herzog Heinrich II. von Bayern war. Damit wäre sie zwar eine Nichte von Kaiser HEINRICHS Vater, nicht von dessen Mutter, aber man befände sich wenigstens im semantischen Umfeld des Begriffs consobrina.
Problematisch ist dabei allerdings, dass die jungen Brautleute viel zu nahe verwandt wären, nach römischer Zählung 3:3 (Beide als Urenkel von Herzog Arnulf von Bayern, † 937). Sie wäre nach Burkhards Arbor consanguinitatis [93 S. Abb. 7. Dort freilich falsch  als P(ro)amitae filii eingetragen. ] die neptis amitae magnae des Bräutigams. Dies konnte Kaiser HEINRICH unmöglich hinnehmen, auch in der nahen Verwandtschaft nicht. Jackman nimmt diese nur vermutete Eheverbindung mangels wirklich belegbarer Beispiele geradezu als Paradigma für mittelalterlichen Adelsinzest und redet sich darauf hinaus, dass die Heirat wohl noch vor HEINRICHS Königwahl stattfand. [94 Donald C. Jackman, Das Eherecht und der frühdeutsche Adel. In: ZRG GA 112, 1 (1995), S. 158–201, hier 171ff, mit hanebüchener Auslegung des Wortes consobrina in Anm. 53.] Das ist aber chronologisch ganz und gar unwahrscheinlich, denn der chronikalische Heiratstermin dürfte zutreffen, obwohl Paul Kläui und Jackman ihn früher ansetzen möchten. Es wäre überdies abwegig, anzunehmen, dass die Braut bei der Heirat schon mindestens etwa 35 Jahre alt war, denn Herzog Burkhard starb 973 November 12, seine „940/5“ geborene Frau, 994 August 26. Ihr Hochzeitsdatum ist nicht bekannt, als wahrscheinlich gilt „um 954“, als Burkhard Herzog für den amtsenthobenen, aufständischen Kaiser-Sohn Liutold wurde. [95 Winfrid Glocker, Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Studien zur Familienpolitik und zur Genealogie des sächsischen Kaiserhauses (DissmaG 5), 1989, S. 286.] Da könnten bis zur „ca. 1009“ heiratenden Hadewig zwei Generationen von Frauen, ja sogar von Männern hypothetisch eingeschoben werden, zumindest eine, wenn man Hadewig als ein sehr spätes Kind ihrer Eltern ansieht, die nach allgemeiner Annahme aber kinderlos blieben.
Consobrini Kaiser Heinrichs II. werden im nachweislich strengsten Wortsinn die Grafen Hermann und Rudolf von Werl genannt. [96 Quedlinburger Annalen zu 1019 (MG SS 3, S. 84).] Ich möchte auch die consobrina Hedwig so verstehen, nämlich als eine Tochter der Gerberga von Burgund, freilich nicht von Hermann I. von Werl, sondern von Gerbergas zweitem Mann, Herzog Hermann II. von Schwaben. Dieser hinterließ drei Töchter, von denen Mathilde und Gisela feststehen. Als dritte wird Beatrix, Gattin von Herzog Adalbero von Kärnten angesehen, wofür es aber keine Beweise gibt. [97  Ich teile die Vorbehalte, nicht aber die Lösungsvorschläge von Gerd Wunder, Beiträge zur Genealogie schwäbischer Herzogshäuser, 1. Herzogin Beatrix von Kärnten. In: ZswürttLG 31 (1972), S. 1 ff.)  – Jackman, Konradiner, S. 134, Anm. 220 umgeht jede Diskussion: „…source evidence is sufficiently clear that for brevity’s sake a demonstration is here dispensed with.“ Ich möchte wissen, welche evidente Quelle eine Beatrix als Tochter Hermanns II., bzw. Adalbero als dessen Schwiegersohn belegt. Jackman erregt meinen Zweifel auch mit der Behauptung, dass sie ihren Namen von einer angeheirateten Tante bekommen habe. Der langwährende Kampf um Kärnten zwischen dem SALIER Konrad d. J. (1012 nach dem Tode seines Vaters des Herzogtums privatus) und Adalbero, ist auch nicht recht zu verstehen, wenn der eine Sohn der Mathilde und der andere Mann ihrer Schwester ist. – Natürlich ist das Ehepaar Adalbero von Kärnten und Beatrix als solches belegt, und sein Sohn, Bischof Adalbero von Bamberg wird vom selben Hermann dem Lahmen, der uns über die tresque filias Hermanns II. informiert, consobrinusKaiser HEINRICHS III. genannt, was nicht dazu zwingt, Beatrix als Schwester von Kaiserin Gisela anzusehen. Wahrscheinlich ist hier für consobrinus statt der Bedeutung Geschwisterkind Geschwisterenkel.]
Hermanns Töchter waren Nichten der Gisela von Burgund, der Frau Heinrichs des Zänkers und Tochter König Konrads von Burgund aus erster Ehe, also echte Geschwisterkinder (consobrinae) Heinrichs II. im damaligen Sinne: Kinder zweier Schwestern, Geschwister als Antonym für Gebrüder. (Den Begriff „Halb“geschwisterkind gibt es weder im Deutschen noch im Lateinischen.) Wenn ich Hadewig unter sie einreihe, ist auch ihr Namen zu erklären. Sie wäre über ihre burgundische Großmutter Mathilde die Großnichte jener Hadwig, die mit Herzog Berthold von Bayern verlobt, vielleicht auch kurze Zeit vermählt war, und hätte nach ihr den Namen. [98 Glocker, Verwandten der Ottonen…, S. 281.] Dass Hadewigs Urenkel Adalbert von Mörsperg die Ururenkelin ihrer mutmaßlichen Schwester Mathilde geheiratet hat (3:4), wäre unschwer zu dispensieren gewesen.
Regionalgeschichtlich interessant wird es, wenn man diese Abstammungslinien der Schwiegereltern Meinhards über Hadewig und Mathilde hinaus verlängert (Siehe die Ahnentafel auf S. #). Beide waren, die erste mutmaßlich, die zweite sicher, Töchter des Herzogs Hermann II. von Schwaben (†1003). Dieser aber war Sohn des Herzogs Konrad von Schwaben. So weit reichte die genealogische Erinnerung im adligen Selbstverständnis jener Zeit wohl zurück; schließlich war das auch eine Frage der Ableitung von Herrschaft und Besitz, d. h. ihrer Legitimation. Darum kann ich von den Spanheimern aus in einen Historikerstreit (Diskussion kann man die Auseinandersetzungen schon nicht mehr nennen) eine neue Qualität der Quellenbewertung einbringen.

Ist Dux Cuno de Beckilnheim Herzog Konrad von Schwaben?

Herzog Konrad von Schwaben gilt namhaften Historikern als wahrscheinlich identisch mit einem erst 1128 genannten Herzog Kuno von Böckelheim. [99 Ergebnis einer überzeugenden Diskussion aller Argumente bei Eduard Hawlitschka, Wer waren Kuno und Richlind von Öhningen? Kritische Überlegungen zu einem neuen Identifizierungsvorschlag. In: ZGO 128 (1980) S. 1–49, mit Nachträgen wiederabgedruckt in: ders., Stirps regia. Forschungen zu Königtum und Führungsschichten im früheren Mittelalter…, 1988. Settipani/Poly, Les Conradiens… stimmen ihm bei. Jackman, Konradiner…, S. 75 ff. postuliert einen gleichnamigen Vater Konrads von Schwaben, der Herzog im Elsaß gewesen wäre. – Beckilnheim wird allgemein mit Wald- und/oder Schlossböckelheim gleichgesetzt, Gau-Bickelheim ist wenig wahrscheinlich.] Herzog Konrad von Schwaben aber gilt noch mehr Historikern für eine Person mit dem viel diskutierten „Kuno von Öhningen“. Die Öhningen-Diskussion stellen wir als zunächst ferner liegend zurück. Umso interessanter ist die Frage, ob, bzw. welcher Herzog Konrad (auch Herzog Konrad von Kärnten, ein Salier, wurde ins Spiel gebracht) mit dem Dux Cuno gleichgesetzt werden darf. Für die Regionalgeschichte stellt sich die Frage natürlich umgekehrt: Wer war Dux Cuno?
Dass Kuno und Konrad der selbe Namen sind, bezweifelt niemand. Schon Fabricius [100 Fabricius, Erläuterungen …, S. 81. –]  hat die Identifikation mit dem Schwaben-Herzog vorgezogen, allerdings auch den Salier Herzog Konrad I. von Kärnten, † 1011, für möglich gehalten, ebenso Irmgard Dietrich. [101 Irmgard Dietrich, Das Haus der Konradiner. Untersuchungen zur Verfassungsgeschichte der späten Karolingerzeit. Diss. masch. Marburg 1952, S. 250ff. Eine gänzlich verfehlte Interpretation, u. a. mit der falschen Behauptung, Herzog Konrad von Schwaben sei kinderlos verstorben (gegen die Annales Heremi ad 997, MG SS III, S. 144: Chuonradus dux obiit. Herimannus filius eius in ducatum successit), und der Datierung auf „ca. 975“, wo Konrad von Kärnten wohl noch nicht geboren war, sicher aber noch nicht Frau und Tochter gehabt haben kann zieht die kühnsten Folgerungen für eine angebliche salische Herrschaftstradition (Vogt, Untersuchungen … Kreuznach …, vor allem S. 83ff.) Der Vorwurf unsauberer Argumentation trifft natürlich weniger den jungen Promovenden als seine akademischen Lehrer, die schon vorher  – freilich vor der Klarstellung durch Dietrich – eine Dissertation mit dieser unhaltbaren Behauptung durchgehen ließen (E. Salden-Lunkenheimer, Die Besitzungen des Erzbistums Mainz im Naheraum, Diss. Mainz 1949 (HeimatkdlSchrR Lankreises Bad Kreuznach 1) 1968).] Konrad von Kärnten war aber erst nach dem Tode seines Vaters Otto († 1004 November 4) Herzog und – was schwerer wiegt – nachweislich (in höchstwahrscheinlich einziger Ehe) seit mindestens 1002 mit Mathilde, der Enkelin eben des Herzogs Konrad von Schwaben, vermählt. Hlawitschkas Argument, dass der SALIER in keinem Moment seines nicht allzu langen Lebens Herzog und gleichzeitig Gatte einer Jutta war, ist zwar richtig, zählt aber wenig für eine Beurkundung fast anderthalb Jahrhunderte später, wo man halt wusste, dass der Mann am Ende Herzog gewesen war. Auch dass „KONRADINER“ des 9. und 10. Jahrhunderts im Nahegebiet vereinzelt als Besitzer zu belegen sind, zählt nicht sehr als Argument (der Salier könnte Böckelheim von seinem Schwiegerurgroßvater geerbt haben); wenig zählt auch, dass man frühen SALIER-Besitz hier überhaupt nicht belegen kann. Dagegen haben wir für den Herzog von Schwaben eine originale zeitgenössische Beurkundung, die zeitlich und örtlich nahe liegt: Als Kaiser OTTO III. 996 November 6 dem selben Willigis den Binger Wald schenkte, tat er dies cum consensu Conradi ducis ceterorumque quam plurimorum fideliumnostrorum. [102 MG DOIII 233; MzUB I 236 mit vielen falschen Lokalisierungen.] Die Zustimmung Konrads (und es kann sich hier nur um den Herzog von Schwaben handeln [103 Nicht nur aus chronologischen Gründen. „Zusammen mit Erzbischof Willigis von Mainz und Herzog Bernhard von Sachsen bildete er nach Thietmars Zeugnis den Kern der Anhänger Ottos III.“ (Zotz, Breisgau…, S. 159 unter Hinweis auf Thietmar, Chronicon IV 4, S. 134 und Annales Quedlinb. A. 984, MG SS 3, S. 66).]) hatte irgendwelche rechtliche Gründe, er war wohl Besitzer benachbarter Güter, vielleicht mit Nutzungsrechten oder als Miteigentümer. Es ist nicht verboten, hier an den späteren reichen Besitz der Richardis-Verwandtschaft gerade um Bingen zu denken.

Jutta und Dux Cuno

Bisher übersehen wurde, dass die Urkunde [104 MzUB I, Nr. 553, hier S. 463.], in der dux Cuno de Beckilnheim et uxor eius Jutta belegt sind, für das Kloster Disibodenberg ausgestellt und ausdrücklich von Megenh(art) de Spanh(eim) bezeugt ist und auch seine, bzw. seiner Mutter Schenkung beim Klostereintritt der domne Jutte darin aufgeführt wird, müssen wir die Nachricht im Lichte der Spanheimischen Familien- und Besitz-Vorgeschichte sehen. Der Passus lautet: Eodem tempore (also zur Zeit von Erzbischof Willigis 975–1011) dux Cuno de Beckilnheim et uxor eius Jutta diviciis, potencia et nobilitate precipui ob remedium animarum suarum et pro recordacione filie sue Ude iam ididem(!?) defuncte instinctu et rogatu eiusdem venerabilis archiepiscopi duos agros viginti iugera secundum veram et firmam estimacionem hominum continentes salice terre et duos mansos a colonis possessos in villa Boys (Boos) sancto Dysibodo in proprietatem contradiderunt. Diese Schenkung war keineswegs so umfänglich, dass man ihrer weit über ein Jahrhundert später und noch dazu derart ausführlich und hervorhebend gedenken musste; der Besitz scheint auch nicht gefährdet gewesen zu sein und es gab sicher vor der Neugründung des Disibodenbergs noch manche andere Schenkung ähnlichen Ausmaßes, die von Erzbischof Adalbert nicht bestätigt wurde. Alles deutet darauf hin, dass dieser Passus der Urkunde, ähnlich wie der über die neue Schenkung Nuwenkirchen der Spanheimer anlässlich der Gelübde Juttas, von dieser inspiriert wurde, die sich in der Nachfolge der Uda sah. Uda (Oda ist ein bei den KONRADINERN nicht unerwarteter Name) war also auf dem Disibodenberg in irgendeiner Weise, zur Erziehung, evtl. bei einem verwandten Kleriker, oder auch nur zufällig, etwa zu einer Wallfahrt, und ibidem defuncta. (Oder bezieht sich das ibidem auf Böckelheim? [105 Dies scheint Hlawitschka, Kuno und Richlind von Öhningen…, S. 433, anzunehmen.]) Der Wiederkehr des Namens Jutta [106 In unzähligen genealogischen und historischen Arbeiten wird Jutta, Juditta u. ä.  durch „Judith“ ersetzt. Es handelt sich aber nicht um den biblischen Namen, sondern um einen aus dem Lemma Eud-/*Eutha- entweder mit dem Kosesuffix –itta oder durch Geminierung (und evtl. Sprossvokal) abgeleiteten, der also mit Uda/Oda verwandt, aber nicht identisch ist, entsprechend Udo/Odo – Otto. Vgl. Ernst Förstemann, Altdeutsche Personennamen. Ergänzungsband, verfasst von Henning Kaufmann, 1968, S. 220. Jackman, Konradiner…, S. 165 Anm. 22: „As to the Germanic name Uda functioning as a diminutive of the biblical name Judith, there is unfortunately no clear and irrefutable documentation.“ Naja, selbst wenn es die gäbe, bliebe er wohl bei seinem Irrglauben.] (und desjenigen ihrer Lehrerin Uda) wurde 1128 gewiss Bedeutung beigelegt. Jutta von Spanheim leitete wohl ihren Namen von der Herzogsgattin Jutta her, wenn auch derzeit nur ihre Schwägerin als Nachkomme bestätigt werden kann. Für die von mir vermutete Abstammungslinie dürfte der Name Jutta als Fingerzeig dienen.
Diese Überlegungen sind für die Geschichte des mittleren Nahegebietes (und vielleicht darüber hinaus) von Belang. Verständlich wird, warum die Burg Böckelheim1044 im Besitz des Herzogs Gottfried (Godefroi le Barbu) von Lothringen war, der als agnatisch verwandter Nachfolger von Kuno/Konrads Schwieger(ur)enkel Friedrich III. das Amt und wohl auch die Amtsgüter geerbt hatte, aber eigentlich nicht die Allodien, zu denen Böckelheim gehörte. Es wurde ihm vom Kaiser (einem echten Urenkel Kunos von Böckelheim über seine Mutter Gisela) kriegerisch weggenommen, vielleicht auch im Namen der jungen aus der Vormundschaft inzwischen entlassenen Sophia oder Beatrice, den Töchtern Friedrichs II. oder III. [107  Ein Besitzanfall an Herzog Gottfried über seine zweite Frau Mathilde von Canossa, der zuunrecht behauptet und zurecht verneint wurde, kann nicht herangezogen werden; diese Heirat liegt ein Jahrzehnt später. Das sieht schon Fabricius, Erläuterungen …, S. 81, Anm. 4 so. Dietrich sieht den Erbgang über Mathilde und Herzog Friedrich II., mit der großen Abschwächung, dass sie Mathildes Vater, Herzog Hermann II., nur für einen Neffen, nicht einen Sohn Konrads (des dux Cuno) ansieht. Die anderen von mir angeführten Argumente (Binger Wald, Nachbarorte) bringt bereits sie vor. Besonders grotesk ist Wolfs Versuch, im Anschluss an Vogt, Untersuchungen … Kreuznach …, vor allem S. 83ff. (vgl. Anm. 10198) doch wieder den SALIER einzusetzen, auch noch in dem um Anmerkung 91a ergänzten Reprint von Wer war Kuno ,von Öhningen‘ im GenealJb 39, hier S. 27ff. Dass er Dietrichs Dissertation von vornherein abwertend zu einer nur schwer „lesbaren Kopie“ macht, könnte die Gegenfrage provozieren, ob seine gebetsmühlenhaft wiederholten Auslassungen leicht lesbar seien. Natürlich hat er Recht, wenn er den von Dietrich vorgeschlagenen Erbgang „abenteuerlich“ nennt. Er kannte aber die korrekten Abstammungen, die er unterschlägt. „Falls Mathilde von Schwaben wirklich Vorbesitzerin gewesen sein sollte, so kann sie übrigens Böckelheim ebensogut von ihrem ersten Gemahl, dem salischen Herzog Konrad von Kärnten († 1011) erhalten habe. Dazu muss man nicht ihre schwäbische Verwandtschaft bemühen. Auch das … Argument, der von Gisela von Schwaben abstammende Kaiser HEINRICH IV. habe später Böckelheim besessen, überzeugt nicht. HEINRICH IV. war bekanntlich SALIER, was den Besitz in Böckelheim viel leichter erklärt als ein hypothetischer Erbgang über seine Großmutter Gisela von Schwaben.“ Mathilde konnte kein Saliergut aus ihrer ersten Ehe an Kinder der zweiten Ehe bringen, da sie zwei Saliersöhne hinterließ. HEINRICH IV. war bekanntlich SALIER aus einer ganz anderen Linie als Konrad von Kärnten und dessen Söhne. Glaubt Wolf wirklich an seine unhaltbaren Konstrukte? Er zitiert Franz Staab, Zur Organisation des früh- und hochmittelalterlichen Reichsgutes an der unteren Nahe. In: GeschLKde 21, S. 23ff., aber diskutiert nicht dessen  genealogische und besitzgeschichtliche Darstellung, die die seine an Plausibilität weit übertrifft.]
Ohne jeden Beweis wird im Handbuch der historischen Stätten selbst in der letzten Auflage der dux Cuno de Beckilnheim mit dem Kärntner Herzog Konrad identifiziert.[108 Hdb der historischen Stätten Deutschlands, 5: Rheinland-Pfalz und Saarland, hg. Ludwig Petry, 19883.] Im Lexikon des Mittelalters wird der Kärntner Herzog („wohl“) nur einschränkend genannt, was Wolf gleich als völlige Identifikation aufführt. [109 LexMA 1, 1983, Artikel Böckelheim (Reinhold Kaiser). –  Armin Wolf, Quasi hereditatem inter filios. Zur Kontroverse über das Königswahlrecht im Jahre 1002 und die Genealogie der Konradiner. In: ZRG, GA 112 (1995), S. 64–157, hier S. 116ff.] Wolf geht ausführlich auf die Urkunde ein, weil diese von denen als Beweis für ihre Auffassung angesehen wird, die den dux Cuno de Beckilnheim mit dem Schwaben-Herzog Konrad gleichsetzen, und nicht glauben wollen, dass dieser mit der OTTONIN Richlind verheiratet war.
Für Wolf spricht gegen die Identität des dux Cuno mit Herzog Konrad von Schwaben, dass in der Urkunde von 1128 „außer der Tochter Uda keine weiteren Kinder des Herzogspaares von Böckelheim genannt werden, weder Hermann noch andere bekannte Kinder Konrads von Schwaben“. [110 Wolf, Quasi hereditatem…, S. 117. Und warum sind bei Kuno von Öhningen in der Welfen-Genealogie nicht existente Kinder genannt, existente Kinder nicht genannt?] Er verlangt, dass in der Urkunde auch die lebenden Kinder vom durch die Schenkung erwirkten Seelenheil teilhaben sollten und daher genannt werden müssten. Der Unsinn dieser Forderung erweist sich aus der Folgerung, „dass das Paar Kuno und Jutta zum Zeitpunkt der Stiftung keine weiteren Kinder hatte, jedenfalls keine, die noch zum elterlichen Haushalt gehörten“. Der Nachsatz macht die ganze Überlegung hinfällig, die sonst dazu führt, dass Wolf Herzog Konrad von Kärnten eine zumindest halbwüchsige Tochter ohne weitere Kinder aus erster Ehe zuschreiben muss, aber auch, dass die von Jackman vorgeschlagene Identifikation mit einem Herzog Konrad vom Elsaß genauso unmöglich wäre, denn der soll ja der Vater Konrads von Schwaben (und dreier weiterer Kinder) sein, die also auch genannt sein müssten. Ich muss hoffentlich niemandem Beispiele dafür anführen, dass Eltern für ein einzelnes verstorbenes Kind eine Memorial-Stiftung einrichteten und nur sich selber miteinbezogen. In einem „Hauskloster“ hätten sie vermutlich auch die eigenen Eltern und weitere Kinder in die Fürbitten einschließen lassen, das war hier nicht der Fall. Wenn über diese Schenkung freilich eine förmliche Urkunde ausgestellt worden war, konnten darin die Kinder des dux Cuno durchaus genannt sein, nämlich als zustimmende Zeugen. Mindestens 13 Jahrzehnte später genügte die Bestätigung durch den örtlichen Erben, nämlich Meinhard im Namen seiner Gattin.
Schließlich müssen wir auch eine ungefähre Zeitstellung für die so viel später bezeugte Schenkung finden: Es wird allgemein angenommen, dass Erzbischof Willigis den Disibodenberg als Kanonikerstift zu Beginn seiner Amtszeit einrichtete, also bald nach 975. [111 Die jüngste, kundigste Monographie (Eberhard J. Nikitsch, Kloster Disibodenberg. Religiosität, Kunst und Kultur im mittleren Naheland (Große Kunstführer 202), 1998, S. 7), datiert salomonisch „Nach 975“. Auf die Annales Disibodenbergenses kann man sich nicht verlassen, sie notierten ursprünglich 977 und Erzbischof Ruotbert, den Vorgänger Willigis’ und korrigierten dann zu Willigis und 975.] Es bedurfte aber wohl einer gewissen Anlaufzeit, und wenn Uda nicht völlig zufällig dort starb, oder wenn sie in Böckelheim starb und auf dem Disibodenberg begraben wurde, kommen wir in die beiden letzten Jahrzehnte des Jahrtausends. Eine Grenze wäre der Tod ihres Vaters 997. Wann die Mutter Jutta starb, ist nicht feststellbar. Hlawitschka meint, ihr gelte der Eintrag einer domna Juditta in Einsiedeln zum November. [112 Hlawitschka, Wer waren Kuno und Richlind…, S. 18ff bringt noch immer nicht widerlegte gewichtige Argumente für die Gleichsetzung dieser Domna Juditta mit der Gattin Konrads von Schwaben.] Das mag sein, ist sogar wahrscheinlich, hilft uns aber nicht weiter, nicht einmal chronologisch.
Wegen der in ihren Folgerungen unübersichtlichen Diskussion der Beweisführung hier einmal ein „Entscheidungsbaum“ mit Wahrscheinlichkeitsprozenten statt der üblichen Dezimalzahlen zwischen 0 und 1. Bei dieser Berechnung von Wahrscheinlichkeiten (es geht nicht um Wirklichkeit, die kennt nur 100 oder 0 %, wahr oder unwahr) habe ich die Prozentzahlen natürlich nach meiner eigenen Schätzung eingesetzt:
Die 1128 beurkundete Schenkung des dux Cuno de Beckilnheim
a) berichtet Tatsachen, überliefert durch kirchliche Quellen und Familientradition: 80 %,
b) ist unbewusstes Missverständnis 10 %
c) oder eine bewusste Entstellung von Tatsachen: 5 %
d) ist eine reine Erfindung [113 Eine Entstellung oder Erfindung ließe deutliche Spuren ihres Zwecks deutlich werden.] : 5 %.
Im Falle a) und b) (80 + 10 %):
aa) sind die Namen vertrauenswürdig: 80 % von 90 % = 72 %,
ab) ist nur der des Mannes korrekt: 5 % von 90 % = 4,5 %
ac) sind alle drei erfunden oder falsch wiedergegeben: 15 % von 90 % = 13,5 %.
Im Falle aa) und ab) (72 + 4,5 %)
aaa) ist der Herzogstitel vertrauenswürdig, weil Nachfahren kontrollierten und die Besitzgeschichte es nahelegt [114 Das heißt nicht unbedingt, dass Kuno/Konrad schon zum Zeitpunkt der Schenkung Herzog war. ]: 70 von 76,5% = 53,55 %
aab) bedeutet er wie so oft nur eine postume Aufwertung: 30 %.
Im Falle aaa) handelt es sich eindeutig um Herzog Konrad von Schwaben oder, aus chronologischen Gründen freilich mit sehr viel geringerer Wahrscheinlichkeit, um seinen von Jackman postulierten Vater Herzog Konrad vom Elsaß, und die Schenkung hat spätestens 997 stattgefunden. Der salische Herzog Konrad kann nur in einem Falle aba) gemeint sein, also mit 70 von 5 von 90 %, also 3,15 % Wahrscheinlichkeit. Die Schenkung müsste dann in den letzten Jahren von Willigis’ Amtszeit geschehen sein, nicht „ca. 975“, wie Vogt meint.
Die Bezeichnung Kunos nach Böckelheim in der Urkunde von 1128 könnte mit Ansprüchen oder Mitbesitz Meinhards zu tun haben. 1222 bezeugt eine Randnotiz des Caesarius von Heisterbach zum Prümer Urbar, dass der Graf von Spanheim auf Burg Böckelheim seinen Sitz hat und den nahelegenen Prümer Besitz in Weinsheim zu Lehen trägt. [115 MRUB 1, S. 161 Nr. 135 A 1.] 1235 hat Graf Simon von Spanheim von seinen Gütern in Waldböckelheim dem Speyerer Domkapitel Zins zu zahlen. Beim Verkauf an Erzbischof, Dompropst und –kapitel von Mainz, gibt 1278 der Bischof von Speyer seine Zustimmung, wohl als Lehensherr. Dass die Speyerer Rechte von den salischen Kaisern stammen, ist so sicher wie der genaue Zeitpunkt hierfür unsicher ist. Man könnte sich eine Art Paragium vorstellen: Die Erben des dux Cuno teilten – nach der Ausschaltung des Usurpators Gottfried von Lothringen – so, dass der SALIER die Lehnsherrschaft (die er dann Speyer schenkte) und ein SPANHEIMER oder NELLENBURGER Vorfahr das Lehen erhielt. Damit bleibt leider offen, wer 1105/06 direkter und indirekter Herr der Burg war, als Kaiser HEINRICH IV. von seinem Sohn dort gefangen gehalten wurde, doch zuerst wird man an Adalbert von Mörsberg denken.

Darf man aus der Meldung auf ein Kanonissenstift schließen?

Auf keinen Fall ist aus der Disibodenberger Seelgerätestiftung „bereits für diese Zeit auf die Existenz einer Frauenklause beim Willigisstift zu schließen“, wie es Seibrich tut. [116 Germania benedictina 9 …,  S. 128. Die ersten Entdecker dieser Denkmöglichkeit sprachen sogar von einem Kanonissenstift.] Aus der bloßen Denkmöglichkeit macht er gleich einen Schluß, zwei Seiten weiter bereits eine Tatsache: „Nachricht aus der Willigis-Epoche, während der am Kanonikerstift eine Klause nachgewiesen ist.“ Deren Existenz soll bis ins 12. Jahrhundert weitergedauert haben, denn es wird wird dann gleich fälschlich angenommen, Hildegard (von Bingen) sei bereits 1106 von ihren Eltern auf den Disibodenberg gegeben worden, und andererseits von „Hildegards Weihedatum 1115“ gesprochen, was immer das bedeuten soll. Jutta und Hildegard (und zwei andere Jungfrauen) legten (evtl. nach einer Noviziatszeit) 1112 am Allerheiligentag auf dem Disibodenberg ihre ewigen Gelübde ab, wurden eingekleidet und eingeschlossen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde die Frauenklause für sie eingerichtet und sie waren die ersten Inklusen.
Ein dux Cuno wird auch ein weiteres mal retrospektiv genannt: Als Grenznachbar bei der Umschreibung der Pfarrei Schlossborn, die danach von Erzbischof Willigis dem von ihm gegründeten Stift St. Stephan in Mainz inkorporiert wurde, was beides anlässlich der Weihe des Kirchenbaus in Stein 1043 von Erzbischof Bardo beurkundet wird. [117 MzUB 1, Nr. 284.] Erfolgt sei die Grenzziehung tempore OTTONIS iunioris imperatoris, den Staab als Otto II. oder III. versteht. [118 Franz Staab, Reich und Mittelrhein um 1000, in: 1000 Jahre St. Stephan in Mainz. Festschrift, ed. Helmut Hinkel (QAbhMittelrheinKG 63), 1990, pp. 59-100, hier S. 73 n. 56.]  Die Namen der Anrainer und Besitzer können durchaus auch bei der Beurkundung durch Bardo aktualisiert worden sein. Dies meint offensichtlich mein erster wirklicher „Lehrer“ Adam Gottron, mit dem wir zusammen in Schlossborn waren und einen Teil der Grenze abgingen. [119 Adam Bernhard Gottron, Die Pfarrgrenze von Schlossborn nach der Bardo-Urkunde von 1043, in: ArchMrhKG 1 (1949), S. 268ff., hier S. 271: „In Herzog Kuno… darf man… Konrad von Kärnten sehen, der 1057… Somit hätten die Konradiner…“] Jedenfalls dürfte Herzog Kunos Besitz den Oberlauf des Urselbachs umfasst haben.
Mit aller Vorsicht ist die Grenzbeschreibung durch Willigis nicht in seinen ersten Jahren als Mainzer Erzbischof vorgenommen worden. Es gibt keinen Anlass, sie lange oder überhaupt vor die Gründung von St. Stephan zu datieren, dessen materielle Ausstattung sowieso vom Kaiserhaus und offensichtlich auf Betreiben Theophanus kam. Die Inkorporation einer Kirche war eher ein seelsorglicher Auftrag, den man nur einem funktionierenden Stift gab; die damit verbundenen Zehnten stellten wohl noch keinen „Mehrwert“ dar. Eine neue Untersuchung stellt fest, „dass es im mittelrheinischen Raum vor der Mitte des 10. Jahrhunderts keine Zehntterminationen gegeben hat, dass … die älteste Mainzer sogar erst ins Jahr 1006“ fällt. [120 Roman Deutinger, Die ältesten mittelrheinischen Zehntterminationen, in Arch MrhKG 54 (2002), 11ff., hier S. 35. Erstaunlicherweise behandelt er die Schloßborner Grenzziehung nicht.] Es gibt kein Indiz dafür, aber auch keinen endgültigen Beweis dagegen, dass die Schloßborner schon 980 durchgeführt worden wäre. Es ist nur extrem unwahrscheinlich.

… oder ein Herzog Konrad vom Elsaß?

Ich gestehe, bei den vorangehenden Überlegungen Jackmans Vorschlag weitgehend beiseitegelassen zu haben, Herzog Konrad von Schwaben sei der Sohn eines Herzogs Konrad vom Elsass, der 982 starb und den er mit einem bekannten KONRADINER, dem bisher nur als Ortenaugraf und Sohn Gebhards, aber nicht als Herzog belegten Konrad identifiziert. In verwirrender Rabulistik nimmt Jackman den dux Cuno de Beckilnheim als Beweis dafür, dass dieser Konrad Herzog vom Elsaß war, um den nachweislich mit einer Jutta vermählten dux Cuno nicht mit dem Herzog Konrad von Schwaben gleichsetzen zu müssen, dem („Graf Kuno von Öhningen“) der Welfenchronist eine Ehe mit der als Tochter OTTOS I. bezeichneten Richlind nachsagt, die von Wolf als Enkelin OTTOS I. postuliert wird, um den angeblichen Thronbewerber von 1002, Herzog Hermann II., den Sohn Konrads, als LUDOLFINGER-Erben bezeichnen zu können.
Alle meine Argumente in Beziehung auf die Spanheimer gelten zwar auch, wenn man die Abstammung eine Generation weiter zurück verlegt. Ich habe nur einen Einwand: Wenn der dux Cuno de Beckilnheim schon 982 gestorben ist, erschiene mir seine Schenkung zu früh.  Sie erfordert eine Reihe von mehr oder weniger Zeit erfordernden Voraussetzungen, die mit dem Amtsantritt Willigis’ (975) und der vielleicht auf 977 (oder gar noch später) zu datierenden Gründung des Stifts Disibodenberg zusammenhängen. Dass Konrad von Schwaben eine Schwester namens Jutta hatte, könnte natürlich dafür sprechen, dass auch ihre Mutter so hieß. Der Name ist aber schon seit dem ersten mit einer Jutta verheirateten Udo im „Haus“ der KONRADINER heimisch. Ich kann Jackmans Hypothese vorerst nur als extrem unwahrscheinlich ablehnen. [122 Gerd Althoff, Rezension von Jackman, Konradiner. In: HJL 41 (1991), S. 333–335, lehnt diesen Vorschlag Jackmans besonders deutlich ab.]  Auch die Nennung in der Urkunde Bardos bezieht Jackman auf die ersten Amtsjahre des Willigis und in die Zeit OTTOS II., und zwar ausdrücklich unter Berufung auf Staab, der dies überhaupt nicht hergibt, ja eher OTTO III. als Entsprechung des iunioris imperatoris ansieht. [123 Donald C. Jackman, The Position of the Counts of Sponheim as Heirs of the Konradiner.Apropos a Recent Investigation.in Archiv für Familiengeschichtsforschung 2002 # ]
Weil ich noch ein überraschendes, bisher übersehenes Argument aus der Regional- und Reichsgeschichte in der Hinterhand habe, mache ich mir den Spaß, in die Debatte um Kuno von Öhningen einzusteigen, die sich zu einem amüsanten Historikerstreit ausgewachsen hat, der mit harten Bandagen und mancherlei Finten ausgetragen wird. [124 Die neuste, sehr parteiische Darstellung in Armin Wolfs „Nachwort 1999“ … (vgl Anm. 107104), S. 49ff., disqualifiziert sich am Ende selber, wenn sie die Nennung der OTTO-Enkelin Richlint in den Europäischen Stammtafeln, Neue Folge I,1, von Detlef Schwennicke als Argument wertet. Richlint dürfe „durch Aufnahme in dieses Standardwerk der europäischen Genealogie … als ,kanonisiert‘ gelten.“ Auf einen Ausrutscher mehr oder weniger kommt es im pseudo-genealogischen Abracadabra auch nicht mehr an.] Dabei werde ich mir und den Lesern die Mühe machen, Jackmans Erfindung des Elsässer-Herzogs zu widerlegen. Eigentlich sollte er sich die Mühe machen, Beweise aufzutischen oder wenigstens Wahrscheinlichkeiten.

.… oder Chuono nobilissimus comes de Oningen?

Die Ermittlungen um den Grafen Kuno von Öhningen und seine Nachkommen gehen von der mehr als fragwürdigen, weil in vielen Punkten nachweislich falschen welfischen Überlieferung aus. [125 Jackman, Criticism …, S. 113, sagt in einem anderen Zusammenhang: „From a genealogical standpoint, (dieser Fall) … leaves little possibility of the Welf chronicles’ accuracy.“] In der Genealogia Welforum wird von Rudolf („von Altdorf“) berichtet, er sei mit einer Ita von Öhningen verheiratet gewesen, „deren Vater war der sehr edle Graf Kuno, ihre Mutter war aber eine Tochter Kaiser OTTOS DES GROSSEN“ (in der späteren Historia Welforum wird zugesetzt: „namens Richlint“). „Dieser Kuno zeugte vier Söhne, Egebert, Markgraf von Stade, Leopald, Liutold, Kuno, und vier Töchter, von denen eine unseren Rudolf, die zweite einen von Rheinfelden, die dritte einen König der Russen und die vierte einen Grafen von Andechs“ (Historia: „Diessen“) „heiratete“. [126 Genealogia Welforum, cap. 4, bzw. Historia Welforum, cap. 6. In: Historia Welforum, hrsg. (und übersetzt) v. Erich König (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 1), 1938, S. 76 bzw. S. 12. Ihren Charakter als „erste Chronik, die ausschließlich der Geschichte eines Fürstengeschlechts gewidmet ist“ betont Karl Schmid, Geblüt, Herrschaft, Geschlechterbewusstsein. Grundfragen zum Verständnis des Adels im Mittelalter, aus dem Nachlass hrsg. u. eingeleitet v. Dieter Mertens und Thomas Zotz (VortrrForsch 44), 1998, S. 79 mit Anm. 236 und S. 129ff.]
Unter den acht genannten Kindern Kunos fehlt Konrads von Schwaben Nachfolger und Sohn Hermann II., der eine besonders illustre Nachfahrenschaft hatte. Das allein diskreditiert schon die ganze Meldung. Von den genannten Kindern hat Ekbert sicher, Leopald höchstwahrscheinlich gar nicht existiert, auch bei den Töchtern ergibt sich Interpolationsbedarf. Dass ein Herzog in einer postumen Quelle nobilissimus comes genannt wird, kann man nicht damit erklären, dass er zu Beginn seiner Ämterlaufbahn Graf war. Eine chronikalische Nachricht ergeht im Nachhinein und hält sich mithin an die letzte, höchste Ehre des Vorfahren. Bewerten wir die Quelle: Von den 16 behaupteten Tatsachen (comes, Kuno, Öhningen, Richlint, filia OTTONIS MAGNI, Ita, Ruodolf, Egebertus marchio de Stadin, Leopaldus, Chuono, alia filia, tertia, quarta, quidam de Rinvelden, rex Rugorum,comes de Andhese/Diezon) sind 3 nachweislich falsch (comes, Egebertus marchio de Stadin, Leopaldus), alle anderen sind – außer natürlich den Namen Rudolfs und seiner Frau Ita, aber nicht ihrer Filiation – mehr oder meist weniger wahrscheinlich, was selbst Wolf und Jackman zu Konjekturen zwingt. Nachweislich richtig, 100 % wahrscheinlich, also sicher, ist keine einzige.
Darum muss man nicht nur den Namen und die Angabe „Kaisertochter“ für die Frau dieses Kuno mit Vorsicht behandeln. Wolf muss sie in „Kaiserenkelin“ uminterpretieren, was ja schon zeigt, wie unzuverlässig die Quelle ist. Selbst wenn in der ganzen Meldung ein „echter Kern“ nachgewiesen wurde, wird aus dem Sämling kein sortenechter fruchtbarer, tragender Baum erwachsen können. Man mag den Grafen Kuno von Öhningen als einen Reflex des Herzogs Konrad akzeptieren. Das Bild ist aber derart verzerrt, dass man daraus auf keine Wirklichkeit zurückschließen darf. Ich lasse hier unerörtert, dass in beiden WELFEN-Chroniken sehr viele andere Fehler oder Erfindungen nachgewiesen wurden, was das Vertrauen in die Nachricht zu Kuno von Öhningen nicht gerade stärkt. Wolf aber behauptet: „In der Historia Welforum heißt nun die Gemahlin Kunos von Öhningen Richlint. Hier liegt also ein Quellentext (!!) vor. Es gibt aber auf der anderen Seite keinen einzigen Quellenbeleg, dass Kuno von Öhningen oder Konrad von Schwaben mit einer Judith verheiratet gewesen sei.“
Letzteres stimmt wörtlich. Nicht mit einer Judith, sondern mit einer Jutta war der Herzog verheiratet [127 Vgl. Anm. 106103. Die WELFEN-Chronisten, aber auch Wolf und Jackman sind mit Namen überhaupt sehr großzügig: Reginlind ist so gut wie gleich mit Richlind, deren Kosename ist (wohl richtig) Richeza, aber da auch Richwara und Richgard diesen Kosenamen tragen können, werden auch sie mit Richlind gleichgesetzt. Irmtrud ist gleich Irmgard, Embricho gleich Emicho usw.]. Die Quelle dafür ist unverdächtig, weil es sich eben nicht um die tendenziöse Verherrlichung eines Hauses handelt. Auch die Domna Juditta in der Einsiedler Überlieferung passt als Indiz für eine schwäbische Herzogin dieses Namens gut, ohne letzte Sicherheit zu geben. Versuchen wir trotzdem, die Kaisertochter oder -enkelin Richlint zu retten. Jede Hypothese, die nicht von vornherein unmöglich ist, muss man durchspielen.
Erste Möglichkeit: Falls es den Vater Konrad vom Elsass gegeben hat, könnte dieser der Kuno von Öhningen sein. Dann wäre sogar der Markgraf von Stade (freilich als Schwiegersohn) zu erklären. Denn Herzog Konrads von Schwaben nachweisliche Schwester Jutta (also eine mögliche Tochter dieses möglichen Konrads vom Elsass) war mit dem Stammvater der STADER, Heinrich, verheiratet. Meiner Meinung passt sogar Ita besser in diese Generation, da ihr Mann Rudolf ein Altersgenosse Konrads von Schwaben sein dürfte. Dabei könnte man auch die Nachricht von der Kaisertochter tel quel nehmen. So verschieben sich die Filiationen um eine Generation, was besitz-genealogisch keine Schwierigkeit darstellt, wohl aber chronologisch zu überprüfen wäre. Mir ist das die Mühe nicht wert, vor allem nicht in unserem Zusammenhang.
Zweite Möglichkeit: Konrad von Schwaben hatte zwei Frauen. Wolf schließt das aus unter Berufung auf eine freilich überzeugende Fußnote. [128 Wolf, Wer war Kuno …, S. 53, Anm. 85.]
Dritte Möglichkeit: Jutta  war die Kaisertochter.
Vierte Möglichkeit: werden wir wieder ernst.
Der Reichenauer Memorial-Eintrag
Denn zu allererst muss man eine Reichenauer Memorialüberlieferung [129 MG Libri mem. N. S. 1, S. 135. Dass diese Namengruppe in unseren Zusammenhang gehört, hat als erster Karl Schmid erkannt.]  mitheranziehen, deren Interpretation zwischen Wolf und Hlawitschka besonders umstritten ist. Sie lautet:


Cuonradus comes
Liutoldus laicus
Cuonradus laic.
Herimannus
Ita Iudita

Richlint Ruo-
dolf Vuelf Hein-
rich Heinrich

Unter der Voraussetzung, dass Konrad von Schwaben den Eintrag eröffnet, liegt der Zeitpunkt vor 983, da er noch Graf genannt wird. Wäre „Konrad vom Elsass“ gemeint, müssten wir noch etwas weiter zurückgehen. Dass die zwei von der Welfenchronik erfabelten Söhne fehlen, wundert nicht, wohl aber an welcher Stelle und wie Herzog Hermann erscheint. Im Vergleich zu Liutold und Konrad (beide als laici bezeichnet) müsste er, weil ohne Bezeichnung, noch ein Kind und eigentlich zum geistlichen Stand bestimmt sein. Wer aber waren die nach ihm aufgeführten Frauen? Voraussetzen darf man, dass sie dem familiären Rang nach eingetragen wurden, etwaige Verstorbene natürlich zuerst. Wenn Ita also eine Tochter des Cuonradus comes sein soll, war sie zum Zeitpunkt des Eintrags schon tot. Nur dann kann Iudita (so Hlawitschka) und/oder Richlint (so Wolf) seine Gattin sein. Am logischsten erscheint mir: Ita war die noch lebende Schwiegermutter, Iudita die Gemahlin Konrads und Mutter der Kinder, Richlint die Tochter, mit der Ruodolf verheiratet war, sie steht ja auch direkt vor ihm.
Uff! Das hieße doch, Iudita/Jutta war eine Kaiserenkelin und tatsächlich Gattin Konrads, die Frau Rudolfs hieß Richlint. Eine charmante Wendung. Aber chronologisch geht das nicht. Die Tochter des 957 gestorbenen Herzogs Liudolf, der 947/8 Ida, die 986 Mai 17 verstorbene Tochter Herzog Hermanns I., geheiratet hatte, kann nicht schon 982 (spätester Termin für den Gedenkeintrag) zwar mehrere Enkel gehabt haben, aber noch nicht jene Kinder, die aus der Welfenchronik im Eintrag noch fehlen. Außerdem ist Ita als Gemahlin Rudolfs gut belegt.
Wolf würde folgende Variation vorschlagen: Ita ist Konrads Schwiegermutter, Iudita seine Mutter, Richlint seine Frau. Nur fehlt dann die Gattin Rudolfs.
Noch besser gefiele Wolf und Jackman wohl folgende Möglichkeit: Nach dem Grafen Konrad sein Schwiegervater Liutoldus, weil er als Herzog abgesetzt worden war, nur mit der Bezeichnung laicus. Dann sein Vater Cuonradus, dann sein Sohn Hermann, dann Schwiegermutter und Mutter und Gattin. Aber wieder fehlt dann die Gattin Rudolfs!
Wenn aber Rudolf der eigentliche Mittelpunkt des Eintrags wäre – zu einem Zeitpunkt, wo er selber noch nicht Graf ist!! – könnte man Ita für seine Frau, Iudita für seine Schwiegermutter (also doch die Frau des Cuonradus comes) halten und Richlint für eine Schwester oder – unerklärlicherweise vor den Söhnen – für seine wohlbelegte Tochter, die die Historia Welforum fälschlich Richgarda nennt (Richarda in der Genealogia). [130 Der richtige Name im Chronicon Eberspergense, MG SS 20, S. 13.] Es ist gut möglich, dass wegen dieser Namensverwechslung vom „Welfen-Historiker“ das unverstandene Richlint zur Schwiegermutter Rudolfs, das heißt zur Frau Kunos von Öhningen gemacht wurde.
Lassen wir diese Deutungsversuche, es gibt noch mehr; aber keine Interpretation deckt sich mit der WELFEN-Überlieferung und den Interpretationen von Wolf und Jackman oder auch Hlawitschka. An einer Harmonisierung der Historia Welforum mit dem Reichenauer Eintrag kann man sich nur verheben. Ich habe nämlich den Eindruck, dass die Verfasser der Genealogia und der Historia Welforum diesen Eintrag gekannt und hier den „Grafen“ Konrad und den Namen Richlint und vielleicht auch die Söhne Liutold und Konrad her haben. Sie fanden, evtl. von den Reichenauer Mönchen darauf hingewiesen, „ihre“ WELFEN Rudolf, Ita usw. in dem Eintrag und reimten sich das übrige zusammen. Genau so kannten sie die Chronik Thietmars und den Continuator Reginonis (mit der Erzählung von dem Kuno, der Geschlechtsverkehr mit einer Kaiser-Verwandten gehabt haben wollte) sowie die Schluchsee-Schenkung, wo sie den Stader Markgrafen Eggebert usw. fanden. Nach eigener Aussage arbeiteten sie ja summa diligentia investigantes ac multum in diversis chronicis et historiis sive antiquis privilegiis quaerendo laborantes.[131Historia Welforum, c. 1.] Dass ihnen diplomatisches Rüstzeug und eine reichhaltige historisch-genealogische Sekundärliteratur und eine sichere chronologische Stütze fehlten, darauf muss man gefast sein; man darf auch nicht erwarten, dass sie nur richtige Nachrichten fanden und sie nur richtig auswerteten. Alles mehr oder weniger zufällig Zusammengetragene verwurstelten sie in zwei Stufen mit Familienerinnerungen zu einem halb erfundenen, halb wahren Verhau, aus dem man nichts, aber auch garnichts zur Grundlage einer wissenschaftlichen These machen darf. Wenn wir – vielleicht nicht einmal alle – Quellen entdecken, aus denen sie kritiklos rezipierten, dürfen wir diese nicht als bestätigende Parallel-Überlieferung ansehen, sondern müssen mit komparatistischem Blick untersuchen, wie sie missverstanden, umgedeutet, vermanscht und weitergesponnen wurden. Genealogia und Historia Welforum sind Literatur. Genausowenig wie sie darf man in künftigen Jahrhunderten Wolfs, seiner Parteigänger und seiner Kontrahenten Texte als Quelle nehmen, ausgenommen für bestimmte Mentalitäten der Geschichtswissenschaft Ende des 20. Jahrhunderts.
Mithin gibt keine der bisherigen Quellenauslegungen und -konjekturen die Genealogie des Herzogs Konrad von Schwaben (und seines wahrscheinlich garnicht existenten Vaters Konrad vom Elsaß) korrekt wieder, schon deshalb, weil die Quellen so vage sind, dass aus ihnen tragfähige Annahmen nicht hervorgehen können. So wie ich die hinreißend widersprüchlichen Deutungen anzweifle, kann man natürlich auch meine Zweifel bezweifeln.
Ich schlage mich nicht auf die Seite der Parodisten, wenn ich nochmals eine Denkmöglichkeit anfüge. Der letzte Name der Reichenauer Memorialnotiz, angeblich eine Dublette, könnte nämlich Konrads von Schwaben Schwager Heinrich von Stade bezeichnen, denn man muss wohl Vuelf Heinrich für die beiden Enkel Welf und Heinrich ansehen. [132 Wolf sieht Welf Heinrich als Doppelname für Welf an, eine aparte Idee. Settipani/Poly, Conradiens …, S. 144, folgert nicht nur aus dieser Einschätzung den „aspect un peu divinatoire“ der Identifikationen.] Dann dürfte aber auch Iudita Heinrichs von Stade Gattin meinen und dann wäre Richlint mit größter Wahrscheinlichkeit eine weitere Schwester oder eine Tochter Konrads. Oder doch die Gattin Konrads? Der Eintrag: Graf Konrad, drei Brüder oder Söhne, zwei Schwestern, eine dritte Schwester oder Tochter oder seine Frau, Schwager 1 (kaum Schwiegersohn) mit zwei Söhnen, Schwager 2, ergäbe eine gewisse Kohärenz. Sicher haben die Mönche auf der Reichenau wie alle ihre Zeitgenossen sich wenig um Systematik in unserem Sinne geschert, aber Alter und Rang waren ihnen wichtig. Genauso sinnvoll wäre der Eintrag, wenn man ihn auf Jackmans Herzog Konrad vom Elsaß bezieht: So oder so müssten wir in den Personen nur die lebenden Vertreter zweier Generationen sehen. Aber so oder so oder so oder so fehlen einige der doch als zum Zeitpunkt der Eintragung lebend zu vermutenden Familienmitglieder, darunter die wohl erst später im Naheland verstorbene Uda. Kurz, der Reichenauer Eintrag ist im Gegensatz zur Historia Welforum eine Primärquelle, leider eine fast unmöglich korrekt auszuwertende.

Herzinach und Braubach

Die Identität des dux Cuno de Beckilnheim mit Kuno von Öhningen und dem Grafen Konrad des Memorialeintrags wäre bestärkt, wenn man des letzteren hypothetischen Sohn Liutold mit dem gleichnamigen Vater der Adelheid von Achalm gleichsetzen darf, wofür er freilich ein wenig früh geboren wäre. Denn laut der Zwiefalter Chronik [133 Die Zwiefalter Chroniken Ortliebs und Bertholds, neu hrsg, übersetzt u. erläutert von Luitpold Wallach u. a. (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 2), 1978, S. 40ff.]  ging die optima curtis iuxta Renum Herzinach nomine (der wertvolle Hof Hirzenach am Rhein) an Adelheids Enkel Burchart (Bischof von Utrecht) und Otto (von Lechsgemünd), die Söhne ihrer Tochter Mahthildis de Horeburc. [134 Über diese Familie hat Karl August Eckhardt ein veröffentlichungsreifes Manuskript hinterlassen, das sich allerdings in seinem Nachlass im Staatsarchiv Marburg nicht mehr finden lässt. Aus einigen erhaltenen Seiten und einer Stammtafel-Skizze lässt sich bereits erahnen, welch wichtige Erkenntnisse uns dadurch verloren gehen. Vgl. auch Eckhardt, Kuno von Horburg. Ein Beitrag zum Thema ,Latein für Sippen-forscher‘ in: Mélanges offerts à Szabolcs de Vajay… , 1971, S. 154ff.] Diese doch leicht zugängliche Stelle entging bis heute sämtlichen Regionalhistorikern.[135 Zuletzt Martin Schoebel, dem Verfasser des Artikels Hirzenach in: Germania benedictina… 9, S. 165ff. Schon hier – die Originalhandschrift Ortliebs von 1135 bietet den Namen – begegnet also die Form auf –ach, alle anderen alten Nennungen enden auf –awe. (Manfred Halfer, Die Flurnamen des o-beren Rheinengtals. Ein Beitrag zu Sprachgeschichte des Westmitteldeutschen (Mainzer Studien zur Sprach -und Volksforschung 12), 1988, S. 31).] Die spätere Besitzgeschichte gehört nicht hierher, wohl aber die Vorgeschichte. Ursprünglich war es wohl ein Bestandteil des Fiscus Boppard, in und an dem es erheblichen konradinischen Besitz gab. [136 Dietrich, Konradiner…, S. 258ff.]  Aus der Zwiefalter Nachricht quibus ex materna dote … in hereditatem devenisset geht hervor, dass Hirzenach ein Teil der Mitgift oder des Erbguts der Mahthildis war. Auf ihre Schwester Willibirg, Gattin des Grafen Werner III. von Grüningen/Hessengau († 1066) kamen große Besitzungen rechts des Mittelrheins (u. a. halb Braubach), die dann über die Bilsteiner und Gisonen an die Ludowinger gelangten.[137 Der Erbgang ausführlich bei Eckhardt, Eschwege, S. 72ff.]  Auch dieser Erbgang hat wahrscheinlich seinen Ausgang von Liutold, dem möglichen Sohn von Graf/Herzog Konrad, genommen.
Werner III. könnte aber einen Teil seiner rheinischen Besitzungen auch über seine agnatische oder kognatische Verbindung zu den NELLENBURGERN ererbt haben. Wie Werner I. († 1040 August 22) an den zweifellos ihm nahe verwandten Eppo von Nellenburg (und damit dessen Frau) anzuschließen ist, ob als Schwiegersohn oder, so Eckhardt, [138 Eckhardt, Eschwege, S. 86ff.] als Sohn, braucht uns hier nicht zu kümmern. So oder so hat er über Eppos Frau Hadewig (wenn meine Hypothese zutrifft) eine Erblinie zum dux Cuno de Beckilnheim. Jackman hält ihn allerdings für Eppos jüngeren Bruder, sodass er Schwager, aber nicht Erbe Hadewigs wäre.[139 Jackman, Criticism …, S. 203ff.] Die Besitzungen um Kreuznach, Pfaffen-Schwabenheim und Dill gingen freilich nicht an ihn, sondern an seinen Bruder oder Schwager Eberhard den Seligen, von dem sie weiter an die SPANHEIMER gelangten. Die Heirat Werners III. mit Willibirg wäre – vorausgesetzt, Hadewig war eine Tochter Hermanns II. und Luitold dessen Bruder – 5:4 zum gemeinsamen Vorfahren, dem Herzog Konrad = dux Cuno de Beckilnheim = Kuno von Öhningen, also kanonisch unverfänglich.

Noch mehr Anmerkungen zur Öhningen-Debatte und zu den Konradinern

Grundsätzlich ist diese Diskussion um „Kuno von Öhningen“ und seine ottonische Gattin meiner Ansicht entschieden: „Wenn man schon um jeden Preis einen ,geblütsrechtlichen‘ Anspruch Hermanns“ (II., Herzog von Schwaben) „postulieren will, dann läge es wohl doch näher, die unbestreitbare, allgemein bekannte ottonisch-karolingische Deszendenz von dessen Gemahlin Gerberga ins Feld zu führen (Anm: Unter ihren Ahnen bis zur 4. Generation befinden sich neun (!) Könige, darunter drei KAROLINGER…).“ [140 Brühl, Deutschland – Frankreich., S. 633.]
„Erbrecht“ war überhaupt so eine Sache. [141 Eine kurze Übersicht über die Probleme: Gerd Althoff, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbindungen im früheren Mittelalter, 1990, S. 53–61.] Selbst bei persönlichem Eigentum (Allodien) ist der Erbgang für bestimmte Epochen und Rechtsgebiete nicht vorhersagbar: Erbten nur die Söhne, und zu gleichen Teilen? Die Töchter nur ersatzweise? Was war mit Kindern vorverstorbener Söhne? usw. usw. Bei Lehen ist der Erbgang noch schwieriger zu verstehen, denn der Lehnsherr hatte ja ein Interesse, einen handlungsfähigen Amtsinhaber zu bekommen. Dafür gab es sehr verschiedene Wege. Ganz ähnlich beschreibt Wolf [142 Wolf, Quasi hereditatem…, S. 69ff.] die Erbansprüche der Thronkandidaten von 1002, eine andere Materie, allerdings mit dem gleichen Prinzip der Auswahl dritter Seite unter den Prätendenten. Eine eindeutige Rechtslage hätte zu einem bestimmten Bewerber geführt. Die Frage wurde – ohne Wolf zu fragen – auf dem Machtwege gelöst: Wenn es in der Macht des verstorbenen Kaisers gelegen hatte, seinen Nachfolger zu designieren, setzte er ihn durch. Wenn einer der Kandidaten den Thron machtvoll usurpierte wie HEINRICH II., setzte er sich durch. Wenn die Wahlversammlung der Fürsten einen ihnen möglichst genehmen Herrscher aussuchte (Idealisten mögen sagen: einen möglichst geeigneten), setzten sie den auf den Thron. Von Vorteil war für den Aspiranten in jedem Fall verwandtschaftliche Nähe, ja zu wem? Zum gerade verstorbenen Herrscher? Zu OTTO DEM GROSSEN? Zu KARL DEM GROSSEN? Zu den einflussreichsten Wählern? War nicht manchmal die Abstammung vom bisherigen Herrschergeschlecht geradezu kontraproduktiv? Man denke an die im 10. Jahrhundert geradezu verpönten KAROLINGER oder später LOTHAR VON SUPPLINBURG? [143 Vgl. auch Karl Schmid, Geblüt, Herrschaft, Geschlechterbewusstsein. Grundfragen zum Verständnis des Adels im Mittelalter, aus dem Nachlass hrsg. u. eingeleitet v. Dieter Mertens und Thomas Zotz (VortrrForsch 44), 1998…, S. 75ff. ]

Quasi hereditatem inter filios

Ebrechtliche Fragen bestimmen auch die Diskussion über die Herkunft Herzog Konrads. Er und seine aus Thietmars Chronik erschlossenen Geschwister (Udo (II), Graf Heribert und Jutta, die Stammmutter der STADER und Großmutter Thietmars) hielt man bisher für Sühne Udos (I). Jackman rangiert sie in einen ganz anderen Konradinerzweig, mit einem negativen und einem positiven Argument.
Ersteres ist Jackmans Interpretation der Stelle des Regino-Continuators [144 Reginonis abbatis Prumiensis chronicon cum continuatione Treverensi, ed. Friedrich Kurze, MG SS rer. Germ., 1890, s. a. 949.], Udo comes obiit, qui permissu regis, quicquid beneficii aut praefecturarum habuit, quasi hereditatem inter filios divisit. Er versteht diesen Satz so, dass 949 Graf Udo (I) vom König erlaubt bekommen habe, seine Lehen und Ämter unter Verwandte wie Erbbesitz unter Söhne zu verteilen, nicht „unter seine Söhne“. Udo hätte nur zwei ihn überlebende Söhne gehabt: Udo, der 950 Bischof von Straßburg werden sollte und bis 965 lebte, und Otto von Grabfeld, der als sein Sohn durch die sogenannte Notiz von St. Omer (auf die wir gleich zu sprechen kommen) ebenso belegt sei wie die Abstammung Konrads von Schwaben von Udos Cousin Gebhard.
Dabei kann man unangenehme Fragen nicht unterdrücken. Warum sollte Udos 938 gefallener Sohn Gebhard (von dem wir zufällig wissen) nicht schon Kinder gezeugt haben? Und hatte Udo vielleicht noch weitere Kinder, die bloß in den Quellen nicht auftauchen, weil sie vor dem Vater gestorben oder Frauen waren? Hätte der Sohn Udo Kleriker werden dürfen, wenn er der Stammhalter war? Er wurde Bischof von Straßburg, gerade ein Jahr nach der kaiserlich genehmigten Teilung quasi hereditatem… Ein Zufall? Bloß aufgrund der Notiz im Hammersteiner Prozess mit Jackman Graf Otto im Grabfeld als überlebenden Sohn Udos einzusetzen, ist auf jeden Fall gegen den gesunden Menschenverstand, da dieser dann doch wohl Alleinerbe gewesen wäre. Hätte Udo ihn (gar mit Zustimmung Ottos!) enterbt, hätte der Continuator Reginonis das ganz anders formuliert. Schließlich: Wenn Udo (I.) keine lebenden Nachkommen hatte, hätte er dann nicht eher seinen ihm noch im selben Jahr in den Tod folgenden Bruder Hermann I., Herzog von Schwaben [145 Fried, Prolepsis …… S. 100 erkennt sehr deutlich, dass OTTO I. sich mit dem Privileg ins eigene Fleisch schnitt, denn Hermanns einzige Tochter Ita war seit 948 mit dem Thronfolger Liudolf vermählt. Und da sollten Udos gewiss üppige Beneficia und Vogteien an dessen Vettern und deren Söhne gehen, statt wenigstens zum Teil an die Nichte und damit an deren Mann, seinen Sohn? Trotzdem bezeichnet Fried „Jackmans Deutung“ als „weder unmöglich noch unwahrscheinlich.“] (mit)bedacht, statt Konrad, den – nach Jackman einzigen – Sohn seines Vetters Gebhard?
Jackmans Auslegung der Stelle in der Continuatio erscheint mir überzeugend, wenn man mit Settipani/Poly und Johannes Fried [146 Settipani/ Poly, Conradiens…, S. 138; Johannes Fried, Prolepsis oder Tod? Methodische und andere Bemerkungen zur Konradiner-Genealogie im 10. und frühen 11. Jahrhundert. In: Papstgeschichte und Landesgeschichte. Fs. f. Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag, hrsg. v. J. Dahlhaus, A. Kohnle u. a. (BeihefteAKulturG 39), 1999, S. 69ff (hier S. 97).] die Konsequenz zieht, Udo seien „zum Zeitpunkt der Privilegierung“, seine Lehen und Vogteien wie Erbbesitz unter Söhne zu verteilen, „solche Söhne überhaupt abzusprechen“. Ich ziehe gegen Jackman und Wolf die weitere Konsequenz: Der 910 verwaist als puer genannte, also kaum nach 900 geborene Udo verteilte seine Ämter und Lehen am Ende seines Lebens nicht unter entfernte Verwandte, sondern unter Enkel und evtl. Schwiegersöhne.
Mit den vier Geschwistern sind gewiss nicht alle Erben aufgezählt. Dass aber diese vier nicht von dessen Vetter Gebhard sondern von Udo abstammen (freilich nicht unbedingt wie in traditioneller Auffassung als seine Kinder, sondern, was auch ihre Lebens-, genauer ihre Todesdaten zu bestätigen scheinen, eher als Enkel über einen unbekannten Sohn oder eine Tochter [147 Die änigmatischen, jedenfalls noch nicht enträtselten „Litaneien“ mit Konradiner-Namen im Liber memorialis der Reichenau böten auch dafür Anhaltspunkte.]), verraten schon ihre Namen. Jackman muss wegen der VERMANDOIS-Namen Heribert und Kunigunde [148 So hieß Thietmars Mutter, eine Tochter Heinrichs des Kahlen, dem Mann der Jutta, was Jackman übersieht, sowie die von ihm für realistisch gehaltene Konrad-Tochter, die nach Andechs heiratete.] dem Grafen Gebhard vom Ufgau eine hypothetische Frau Adela aus diesem Geschlecht geben, wohingegen eine Tochter Heriberts I. von Vermandois (wohl namens Kunigunde) als Gemahlin Udos zuverlässig belegt ist. [149 Ihre Ururgroßmutter Kunigunde war die Frau König Bernhards von Italien. Sicher gab es in den Zwischengenerationen uns unbekannte Namenträgerinnen. – Adela hieß nach Werner die Frau Heriberts II., diese beiden hatten tatsächlich eine gleichnamige Tochter, die 937 Graf Arnold I. von Flandern heiratete, der 964 März 27 starb. Wo Jackman seine Adela unterbringen will, weiß ich nicht; gewarnt hätte ihn schon ein Blick in Erich Brandenburg, Die Nachkommen Karls des Großen, Faksimile Nachdruck von 1935 mit Korrekturen und Ergänzungen versehen von Manfred Dreiss und Lupold von Lehsten (Bibliothek klassischer Werke der Genealogie 1), 1995, SS. 3f und 114. Dieser Einwand wird von Settipani/Poly, Conradiens:…., hier S. 149, 153 und 155ff. nicht vorgebracht, weil sie Jackmans Ansicht schon die Quellenbasis abstreiten.] Auch die Namen Hermann, Ita und Udo passen besser oder nur zu Nachkommen Udos. Mit erstaunlicher Präpotenz verdreht Jackman bei den STADERN auch das Vorkommen von Udo, weil er die Abstammung von Udo (I) leugnet: „The name Udo can be observed entering the house of Stade as the sole onomastic heritage from the KONRADINER. Apparently this occurred in a rather unusual way: … for the names Judith and Liuthar both include an –ud- component.“ [150 Jackman, Konradiner…, S. 165.]
Schließlich wird in Jackmans Hypothese die Heirat des Wetterau-Grafen Heribert mit Irmintrud, Tochter Meingauds und Enkelin des Maienfeldgrafen Eberhard (II) zu einer Nahehe 3:3, denn Heriberts Großvater wäre der Bruder dieses Eberhard. [151 Jackman, Criticism ……, S. 166. Hier setzt er diesen Meingaud als ältesten Sohn Eberhards (II) ein, der in hohem Alter 998 in Geldern starb und das Kloster Vilich gründete, wo seine Tochter Adelheid Äbtissin wurde. S. 225 auf  Tafel 2 ist nur der Neffe  Meingaud, Graf im Ladengau, angeführt.] Jackman sieht in der Nahehe ausdrücklich kein Problem, und übersieht – wie bisher auch seine Kritiker – dabei die Folgerung für Otto von Hammerstein: Wenn HEINRICH II. Otto vernichten wollte, wie zuletzt Johannes Fried unterstrich, hätte er ihn leicht als illegitimen Sprössling einer unerlaubbaren Nahehe um sein Erbe bringen können.

Die Schemata consanguinitatis

Welches Argument bringt Jackman vor, um diese Erben Udos zu Nachkommen seines Vetters Gebhard zu machen? Es ist eigentlich ein einziges: das rätselhafte Schema consanguinitatis für Otto von Hammerstein und seine Frau Irmingard/Imiza. Eine der dort vorkommenden Filiationsfolgen lautet: Gebehard genuit Cunonem… Cuno genuit Cunonem. [152 MG Const. I, S. 639.] Man hat viel gerätselt, was diese mit dem Gegenstand des Eheprozesses nicht zusammenhängende Notiz eigentlich soll.
Fried bietet die Erklärung, die sich wohl am weitesten vom gesunden Menschenverstand entfernt, weswegen es sich anbietet, sie als Maßstab zu nehmen. [153 Fried, Prolepsis ……, S. 73ff.] „Eine nach der günstigsten Zählweise kanonisch gewöhnlich noch zulässige Ehe im Verhältnis 4:4 hätte für Braut und Bräutigam jeweils 30 Aszendenten, deren Geschwister und ihrer aller Nachkommen auflisten müssen, um die Verwandtschaft der beiden Ehegatten ausschließen zu können. Wer besaß eine Übersicht über die Gesamtheit dieser 60+x Personen und die Stelle oder die Stellen, an denen sie sich unzulässig überschnitten? Wer betrieb Ahnenforschung in diesem Stil? …“
In einer Gesellschaft, die von Geblütsdenken und Erbanspruch beherrscht war wie der mittelalterliche Adel, wo jeder als Herrschaftswissen nicht nur (schon wegen möglicher Erbschaften, Protektion und Einladung zu Familienfeiern) die eigenen aktuellen Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch bis zu einem großen Grade die der wichtigsten Konkurrenten und Verbündeten kannte, war man nicht so blöde, bei der Erforschung einer Blutsverwandtschaft nach Friedschem Rezept vorzugehen. Der Normalfall war sowieso, dass man seine Cousins und Cousinen 3. Grades (um nichts anderes geht es) kannte. Aber Fried meint: „Angesichts solcher Verhältnisse ist evident, dass manch eine Adelsehe eingegangen wurde, ohne eine tatsächlich bestehende, eheverhindernde Verwandtschaft zu bemerken.“ Dabei hätten Brautleute und ihre Eltern es leicht gehabt, Konsanguinität festzustellen: Sie hätten nur die jeweilige Ahnentafel bis zur Ururgroßelterngeneration (das sind inklusive der normalerweise noch lebenden Eltern, der Großeltern und Urgroßeltern tatsächlich 30 Menschen) vergleichen müssen. Warum sollten sie nicht diesen einfachen Weg gegangen sein, in einer Zeit, wo man sehr wohl über Familienverhältnisse und Erbgänge bescheid wusste und genealogisch dachte?
Fried verwechselt auch Ahnen- mit Verwandtschaftstafeln. [154 Leider irren traditionelle Genealogen ähnlich, wenn sie den frühmittelalterlichen Adel in Stammtafeln darstellen zu können glauben. Ich träume von einer CAG (Computer aided Genealogy), die für eine bestimmte Person je nach Wunsch eine Ahnen-, eine Nachfahren- und eine Verwandtschaftstafel ausgibt, letztere u. U. sogar chronologisch definiert: alle Verwandten und Verschwägerten, die zu einem bestimmten Zeitpunkt leben. Basis müsste eine kritische Prosopographie sein, die gerade bei den KONARDINERN noch fehlt. Gemutmaßte und gesicherte Tatsachen  wären nach dem Grad der Wahrscheinlichkeit zu unterschieden.] Am gravierendsten ist aber sein Missverständnis der Arbores consanguinitatis. [155 Fried, Prolepsis ……, S. 74ff, unter Verwendung von H. Schadt, Die Darstellungen der Arbores Consanguinitatis und der Arbores Affinitatis. Bildschemata in juristischen Handschriften, 1982. Wir drucken als Abb. 7 des besseren Verständnisses halber Frieds Abb. 1 nach, deren Vorlage in der StUB Ff nach Schadt wohl die Signatur Ms. Barth. 50, Fol. 143 tragen dürfte  (bei Fried nicht angegeben).] Sie „boten die Abstammungslinien in Gestalt eines ,Baumes‘, in dessen Mitte die fragliche Person, ego oder ipse, ihren Platz hatte…“ Er hat sich seine eigene Abbildung 1 nicht genauer angesehen, denn darin fehlt gerade das Feld für den Probanden (Ego), weil jedes Feld einen Verwandtschaftsgrad bedeuten soll, und Ego mit sich selbst natürlich nicht „verwandt“ ist. Gravierender ist es, dass Fried dieses System des Baumes nicht versteht. Alle mit den korrekten lateinischen Bezeichnungen ausgefüllten Felder zeigen verbotene Verwandtschaft, je weiter weg desto entfernter. Bei den Nachfahren gibt es jeweils nur zwei Felder nebeneinander: filius und filia, nepos und neptis usw. Ähnliches gilt für die Aszendenten: pater und mater, avus und avia usw. Bei den Seitenverwandten wird hier die Sache wegen der genauen lateinischen Verwandtschaftsbezeichnungen schwieriger, neben dem pater steht patruus/amita, neben der mater steht avunculus/matertera. Deren Abkömmlinge schließen sich waagerecht an. (Täten sie es senkrecht nach unten, sähe das einer Nachfahren-, bzw. Verwandtschaftstafel ähnlich, senkrecht nach oben, einer Ahnentafel.) Dementsprechend stehen auf der Vaterseite etwa patruelis/amitina oder (zwei Kästchen höher, eines nach links) propatrui/proamitae nepotes, auf der Mutterseite symmetrisch dazu: consobrinus/consobrina und proavunculi/promaterterae nepotes. Es entsteht eine Figur mit der Silhouette eines Baums, eine hohe Abstraktion für Kirchenrechtler. Man kann die Felder entlang hickeln wie beim Kinderspiel „Himmel und Hölle“ und kommt beim letzten Sprung zum Ehepartner hoffentlich aus dem höllischen Inzestgebiet in den Himmel erlaubter Ehe. (Bei den frühsten Varianten sind jedem Feld noch die genauen Gradzahlen mit eingeschrieben.) Dass der Proband zahlreiche Kinder haben konnte (sie sind alle filius oder filia, da gibt es keine Seitenverwandten) und bestimmt auch einen Großvater mütterlicherseits hatte, brauchte eine solche Arbor consanguinitatis nicht wiederzugeben, denn die Verwandtschaftsbezeichnungen waren zu finden: Auch die Brüder der Enkel sind Enkel, beide Großväter hießen avus. Eine Arbor consanguinitatis würde, wenn sie mit konkreten Personen ausgefüllt wäre, geradezu platzen, weil in jedem Kästchen mehrere Namen stünden. Und je weiter die Kästchen oberhalb vom (evtl. zu denkenden) Ego entfernt stehen, desto voller wären sie mit Personen, die untereinander garnicht verwandt sind.
Ein derartiges Schema konnte in einem Streitfall wie dem Hammerstein-Prozess kaum helfen, weil es nicht die jeweils real existierende Verwandtschaft wiedergab, sondern in seiner Abstraktion nur Konsanguinitätsränge. Fried hält trotzdem – ich vereinfache zulässig – die Arbores für eine Art Ab-Fragebogenformular für Inzest-Inquisition. Fried hätte sehen müssen, dass sie dafür nicht geeignet waren. In der Abbildung (auf die er sich beruft, die er sich aber nicht näher angeschaut zu haben scheint) variieren einige Bezeichnungen und sind einige der äußeren Felder noch frei. Viele der Abweichungen dieses „Typs 5C“ (Bezeichnung Schadts [156 Schadt, Darstellungen…, S. 113f, Beispiele für Typ 5B S. 79 und Abb. 21.]) vom „Ideal“ kann man nur als Fehler bezeichnen: Patruus magnus  und Propatruus werden zu Propatruus magnus, Atavunculi filii und Atmaterterae filii stehen nicht in einem Feld, Abnepos und Atnepos sind vertauscht, auf den Trinepos folgt Trinepotis nepos… Die Fehler waren beim mechanischen Abschreiben weitergeschleppt worden und hatten sich immer mehr kumuliert. Das Ergebnis war blanke theologische Theorie, die sich nie in der Praxis bewähren musste.
Ein Rätsel bleibt die Notiz von Saint-Omer. Wozu und wieso sind da zuerst drei Filiationslinien dargestellt, zwei davon als Schema consanguinitatis, das nicht zu einem Brautpaar führt, also schon gar nicht zu dem inkriminierten Ehepaar, dessen Schema mit Item ex alia parte angeschlossen wird? Sie führen alle über Männer zu Männern, bieten aber weder die agnatische Linie des Bräutigams (für ihn ist gerade der Vater angegeben), noch vollständig seine agnatische Verwandtschaft. Fried meint nun, diese Linien seien Relikte einer Prüfung in seinem Sinne. „Dass die ihnen zugeordneten Namen aufgeschrieben wurden und die Notiz erhalten blieb, ist ein einzigartiger Glücksumstand. Er gestattet den Einblick in die Prüfungspraxis inkriminierter Ehen bei unterstellter, aber noch nicht verifizierter Verwandtschaft. Sie bestand in der Aktualisierung beider Seiten des Verwandtschaftsschemas für den Einzelfall.“ Kurz und gut, Fried meint, wir hätten hier so etwas wie das Regest einer Stasi-Akte, genauer einer Kirchensicherheits-Akte. Vernünftige Menschen wären jedenfalls nicht so umständlich vorgegangen, und selbst die überwachungssüchtigsten Mönche und Bischöfe hätten gewusst, dass nicht nur reine Männer- oder Frauenlinien zu prüfen sind, sondern die viel zahlreicheren Mischlinien.
Wann wurde überhaupt geprüft? Auf bloßen Verdacht hin? Auf Geheiß des missgünstigen Kaisers, wie Fried meint? Hatten Mönche Geheimarchive mit Personenstandsakten? Die Betroffenen und ihre Familien wussten doch nach Fried so gut wie nichts von ihren Vorfahren?
Ich schaue nicht lange nach einschlägiger Literatur. Ich setze voraus, dass solche Eheprozesse zumindest in der Beweisaufnahme mündlich waren. Es gab also ein Verfahren wie später die Aufschwörung bei Aufnahme in ein Domkapitel: Angesehene Männer aus der Verwandtschaft (oder der Nicht-Verwandtschaft) mussten unter Eid erklären, wer die 4 ersten Ahnengenerationen von Bräutigam und/oder Braut waren. [157 Fried, Prolepsis ……, S. 85: „Die Vorfahren des Hammersteiners dürfte ohnehin Erkanbald oder Aribo von Mainz selbst… inquiriert haben, da ältere Verwandte, denen an sich die Inquisitionspflicht oblag, fehlten… (Vgl. Burchard, Decr. VII,21, MPL 140, Sp. 783D)“. Woher weiß Fried, dass sie fehlten?] Vielleicht gab es differierende Aussagen wegen durch frühen Tod nicht erinnerter Zwischengenerationen oder bei Kettenehen. Eine gefundene und bestätigte Verwandtschaft dann als Deszendenzlinien von dem gefundenen gemeinsamem Vorfahren(paar) darzustellen, war kein Problem für den notierenden Geistlichen. So stand denn in der Notiz von St. Omer:  Godefridus et Gerbirhc nepos et neptis. Godefridus genuit Irmingardam. Gerbirhc genuit Imizam. Imiza genuit Ottonem. Daraus ging der Grad der Verwandtschaft deutlich hervor, wenn man, eben nicht im Wortsinn der Arbores!, nepos et neptis als Cousin und Cousine 1. Grades versteht, die weder patrueles noch consobrini sind. [158 Sie waren natürlich Enkel und Enkelin des gemeinsamen Ahnherrn, aber nicht des Ego. In diesem Zusammenhang erklärt sich augenfällig die Begriffsausdehnung des Wortes nepos von Enkel zu Cousin als Mit-Enkel gemeinsamer Großeltern.]
Zur Sicherheit konnte der Inquisitor sein Schema in einer Arbor consanguinitatis abzählen. Ich glaube nicht, dass er es tat, jedenfalls zeigt die Aufzeichnung von St. Omer keine Spur davon. Sonst hätte es im zweiten Teil etwa geheißen: „Arbor Ottonis: Mater Imiza –Avia Gerbirhc – (Proavia/Proavus X) – (Proavunculus oder Promatertera Y) – Proavunculi (oder Promaterterae) filius Godefridus – Proavunculi (…) neptis Irmingarda; oder umgekehrt (ich kürze ab) „Arbor Irmingardis: Pater – … … – Patrui magni (sive amitae magnae) filia Gerbirhc – (…) neptis Imiza – (…) pronepos Otto“, und hätte mit dieser Methode nach Lehrbuch genauso festgestellt, dass die Ehe innerhalb der verbotenen Grade war, weil jedes Kästchen einem kanonischen Verwandtschaftsschritt entsprach. Genau genommen hätte schon genügt: „Ottoni non licet nuptias inire cum Irmingarda, nepte proavunculi (sive promaterterae) sui (suae) quia eius in gradu sexto est consanguinea.“
Nach Jackman [159 Jackman, Konradiner…, S. 26, Figure 2-5.] wäre die Ahnenschaft bis in die 5. Ahnengeneration geprüft worden, Fried meint „Die Agnaten-Genealogie reicht sechs Generationen zurück.“ [160 Fried, Prolepsis ……, S. 81.] Zumindest letzteres wäre überflüssig gewesen, denn die auf den Arbores der Vollständigkeit halber theoretisch verbotene Verwandtschaft 6:1 ist biologisch kaum möglich. [161 Auch eine Ehe durchaus mögliche 5:2 wurde wohl selten inquiriert: Ein Ahnherr bekommt mit 18 eine Tochter, in ihrer Linie folgen drei Töchter, die mit 15 gebären. Der letzten Tochter heiratet mit 15 einen Witwer von 30 Jahren, Sohn eines 40jährigen und der wiederum ist das letzte Kind des jetzt 40jährigen Ahnherrn. Wir haben also für die Töchter-Linie 5x15 + 18 = 93 Jahre, für die der Söhne 110 Jahre bis zur Geburt des Ahnherrn, sodass man die Häufung kurzer Fristen nicht einmal derart strapazieren muss, um den Fall für möglich zu erklären. Dies zu inquirieren, müsste man eine Generation weiter zurück prüfen, also insgesamt 62 Vorfahren für jeden Ehepartner. Fried hätte sich also zu seinen Ungunsten verrechnet…] Was sollen aber die ersten Filiationslinien der Aufzeichnung aus St. Omer? Ich kann mir nur vorstellen, dass sie den Zeugen galten, die die Ahnentafeln „aufschwuren“, um deren Zusammenhang mit dem Ehemann klarzulegen, also ihre Sachkenntnis oder Unvoreingenommenheit. [162 Oder ging es um Verpflichtung zur Blutrache, bzw. zum Wergeld? Beide Belege stammen aus St. Omer, was natürlich ein Zufall ist, aber doch an eine seltsame Regelung erinnert, die sehr gut beweist, wie weit das „genealogische Gedächtnis“ reichte. – Blutrache war nämlich erlaubt, wenn Opfer und Rächer in Sepulveda (Spanien) im 13. Jahrhundert einen gemeinsamen Ururgroßvater hatten.Vgl. Marc Bloch, Die Feudalgesellschaft, revidierte, aber noch immer nicht fehlerfreie Übersetzung 1999, S. 195, mit Fußnote 147: „Der gleiche Verwandtschaftsgrad erlaubte nach dem Recht von Oudenarde, einen Teil des Blutgeldes zu empfangen, und machte in Lille zur Auflage, zu seiner Bezahlung beizutragen. In St. Omer ging man in diesem letzten Fall soweit, die Verpflichtung von der Existenz eines Großvaters des Urgroßvaters… abzuleiten.“ (A. Giry, Histoire de la ville de Saint-Omer, Bd. 2, S. 578, c. 791). Das erklärt, weshalb das kanonische Recht das Verbot von Ehen Blutsverwandter bis zum siebenten Grad ausdehnen konnte, ohne allzu anmaßend zu sein.“] Solange wir den Zweck nicht genau erkennen, können wir auch nicht sagen, um wen es geht, und wenn wir das nicht wissen, dürfen wir diese unklare Quelle nicht auswerten. Aller Wahrscheinlichkeit nach (auch wenn es nicht um Zeugen ginge) müssten die Probanden doch Zeitgenossen des Prozesses sein, also Mitte der 1020er Jahre gelebt haben. Die bisherigen Deutungen bleiben immer im 10. Jahrhundert, ein Gestochere im Dunkel früherer Generationen.
Wäre die Aufzeichnung aber eine Art Stammtafelgerüst der KONRADINER, müsste man sie als lückenhaft und problematisch bezeichnen, könnte jedenfalls darauf keine glaubhaften Hypothesen aufbauen. Das zeigt sich schon an den ganz verschiedenen Ansätzen, wie man in der Aufzeichnung den unverbunden auftauchenden Heribert in den Zusammenhang stellt. Dass ein paar Namenfolgen in den rudimentären Stammtafeln, die man von den Konradinern erstellen kann, als Filiationslinien erscheinen, besagt angesichts der Namenvererbung wenig. Einen Gebehard mit Sohn Cuno und Enkel Cuno kann es in jeder Generation ein- oder zweimal gegeben haben. Warum soll nicht der 939 bei der Belagerung von Belecke gefallene gleichnamige Sohn Udos (I) gemeint sein? Mit dem ersten Cuno wären wir bei einem der möglichen „heredes quasi filii“ und dem ersten oder zweiten Glied der Filiationskette (nach Jackman) Konrad vom Elsaß – Konrad von Schwaben – Konrad Graf von Ortenau, ob mit oder ohne den ungesicherten Elsässer. Diese Lösung erscheint mir sehr viel plausibler als die Konstruktion Jackmans, der die Reihe in den Erberhardinischen Ast der KONRADINER-Agnaten versetzt. Jackman wie ich müssen freilich einräumen, dass Udo, der nepos des Gebehard (sie sind filii duorum fratrum) in der Luft hängt. Als Udos (I) Vater Eberhard 910 gegen die Ungarn fiel, hinterließ er nach dem Continuator Reginonis nur zwei Söhne, eben Udo und Hermann. Hermann aber hatte keinen Sohn. Der 939 gefallene Gebehard kann Brüder und Schwestern gehabt haben, aber keinen patruelis Udo. Der Gebhard Jackmans hat zwar einen patruelis Udo, nämlich Udo (I), aber der hat keinen ihn überlebenden Sohn Otto (Graf im Grabfeld), weil das, wie wir sahen, mit der Verteilung quasi hereditatem nicht zu vereinbaren ist. [163 So auch Fried, Prolepsis…, S. 98, insbesondere Anm. 83. Jackman, Konradiner…, S. 21f.]
Diese Diskussion ist freilich überflüssig, denn meine wie Jackmans und jede bisherige Lösung entspricht nicht der Forderung, dass die Probanden, also Otto und Konrad, um 1020 gelebt haben sollen. Außerdem: Wenn wir Fried glauben, dass der Adel sich seiner Ururgroßeltern nicht erinnern konnte, dürfen wir auch einer Verwandtschaftsdarstellung nicht vertrauen, die sechs Generationen zurückgeht, selbst wenn sie von schriftkundigen Mönchen aufgezeichnet wurde. Wir sollten uns in unserem Wissensdurst nicht an diesen Strohhalm klammern, um aus ihm in dieser quellenlosen Zeit die blasse Limonade vergifteter Erkenntnis zu saugen.

„Illegitimität“

Fried zufolge betrieb Kaiser HEINRICH II. den Prozess gegen die schon länger bestehende Ehe von Otto von Hammerstein und Irmgard um „ohne Waffen, allein auf das Recht gestützt, zum Vernichtungsschlag gegen die KONRADINER auszuholen… Denn Ottos und Irmingards gemeinsame Kinder wären dann illegitim gewesen… ihr Besitz wäre an den König gefallen.“ Dabei beruft er sich auf Burchard von Worms. [164 Decr. VII, 1, MPL 140, Sp. 779B. (Fried, Prolepsis …, S. 71).] Nach dieser Regel und nach Jackmans KONRADINER-Genealogie wäre übrigens Otto selber das Kind einer 3:3-Nahehe und damit illegitim und zu enterben gewesen (s. o.) Schon neun Seiten später behauptet Fried etwas anderes (jetzt das Richtige): „die Illegitimität einer Ehe schloss die Kinder aus dieser Verbindung von der Erbfolge aus und ließ die Allodien an die rechtmäßigen Erben, fehlten solche, an den König fallen.“ [165 Fried, Prolepsis …, S. 71.] Nun, rechtmäßige Erben hätten wahrhaftig nicht gefehlt. Otto hatte zwei Schwestern mit Nachkommenschaft, und außerdem gab es die Nachkommen seines Onkels Konrad von Schwaben und… und… Und auch Irmingard hatte nahe Verwandte.
Wieder 12 Seiten weiter wechselt Fried nochmals die Rechtsauffassung im Zusammenhang mit drei Urkunden OTTOS I., der konfiszierten KONRADINER-Besitz an das Magdeburger Mauritius-Stift quasi als Startkapital für das zur Gründung vorgesehene Erzbistum schenkte. Diese für die westdeutsche Landesgeschichte wichtigen Vorgänge sind noch nicht genügend diskutiert.

Die Kon-Fiscation von 966

Bei den drei gleichzeitigen Schenkungen an Magdeburg [166 MG DD OI 331ff.] wird ausdrücklich gesagt, die Güter seien nach einem Urteil der höchsten Adligen in den Besitz des Kaisers gelangt (iudicio optimatum Francorum in nostrum imperiale ius devenit //iudicio procerum nostrorum Vuormaci?,e  diiudicatum est, idcirco, quia hi, qui idem pr?,e dium habuerunt antea, iudicio omnium primatum Francorum … ?sco nostro legaliter addictum), und zwar seien sie den Vorbesitzern namens Konrad und Eberhard abgesprochen worden, weil diese unrechtmäßige Besitzer seien (exhaeredes et inlegales sunt adiudicati//non legitime esse probati sunt).
Wer waren dieser Konrad und dieser Eberhard? Wenigstens sind sich fast alle Forscher einig, dass sie zu den „KONRADINERN“ gehörten. Aber eine genauere Identi?zierung der beiden war nicht möglich. Jackman meint, die Enteignung datiere auf das Jahr 950, als ein sehr mächtiger KONRADINER namens Konrad in offenen Gegensatz zum kaiserlichen Haus geriet. [167 Jackman, Konradiner…, S. 234f.]  Eberhard sei nicht sein Bruder, sondern sein Vetter gewesen, der damals Graf im Lahngau war. Bei der Schenkung von Speyerdorf aber heißt es ausdrücklich unter Bezug auf Konrad und Eberhard idem fratres. [168 MG D OI Nr. 333, letzter Druck MzUB 1, Nr. 208d.] Verwirrenderweise gibt Jackman den beiden Enteigneten dafür den Grafentitel, wovon in den Urkunden nichts steht. Er referiert auch, dass dieser Eberhard (III) eine besondere Stütze des ottonischen Kaiserhauses war und immer OTTOS I. Vertrauen genoß. Deshalb seien diese Güter auch erst kurz nach seinem im Mai 966 erfolgten Tode vom Kaiser an das Magdeburger Stift vergeben worden. Fried dagegen erklärt, die beiden Enteigneten seien Söhne einer wegen Inzests ungültigen, aber zu Lebzeiten nicht angefochtenen Ehe des Grafen Eberhard (III.) im Lahngau gewesen, der zu Beginn des Jahres 966 gestorben war. [169 Fried, Prolepsis …, S. 103ff.]

Welchen Rechtsgrund hatte die Kon?skation?

Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten, warum jemand das Verfügungsrecht über einen Besitz verlor: Ein Allod wird zur Bestrafung eingezogen/ein Erbanspruch wird als unberechtigt erklärt/ein – vom Besitzer zum Privatvermögen gezogenes  – Amtsgut fällt (mit dem Amtsauftrag) an den Lehnsvergeber zurück.
Eine Straf-Kon?skation fand ein halbes Jahr zuvor statt ob latrocinia et malefacta der Brüder Megingaldus und Reginzo (nicht aber ihres ältesten Bruders Landbert). [170 MRUB I Nr. 225 und 226, 966 02 04 und 06.] In diesem Falle wird nicht von einem iudicium optimatum Francorum gesprochen wie in zwei unserer Urkunden (in der dritten wird dieses Hochadelsgericht sogar tautologisch ins Feld geführt). Der Fall „Konrad und Eberhard“ war also prekärer, die beiden Herren wichtiger. Und ihr Verbrechen war geringer: nur ihr Besitztitel war non legitime.
Im Fall von Oberwesel lässt sich wohl etwas mehr sagen als bei den anderen Schenkungsgütern: Oberwesel hatte 820 unter LUDWIG DEM FROMMEN unzweifelhaft einen königlichen Fiskus gebildet.[171 Heinzelmannn, Trigorium… pass. – Weitere Nennungen für die Folgezeit in den Miracula Sti. Goaris lassen sich nicht genau datieren.]  Es ist unwahrscheinlich, dass er in der Zwischenzeit an einen Adligen verschenkt wurde. Daraus folgt die Unwahrscheinlichkeit, dass er jetzt bei diesem oder einem seiner Erben im Rahmen einer Bestrafung als Allod kon-?sziert wurde.
Überhaupt ist es unwahrscheinlich, dass Konrad und Eberhard Eigengüter zur Bestrafung entzogen bekamen. Die Magdeburger Geistlichen hätten gewiss darauf gedrungen, dass eine so problematische Vorgeschichte ihres  Eigentums genau dargestellt wurde.
Als einfachste Erklärung für die Kon-Fiscation gilt, dass Konrad und Eberhard unebenbürtige Söhne waren oder aus einer wegen Inzest gelösten Ehe stammten und deshalb nicht erben durften. Dies kann innerhalb des an Söhnen und Vettern reichen Hauses der KONRADINER durchaus vorgekommen sein. In einem solchen Falle hätte aber der nächste legitime Erbe den Besitz übertragen bekommen, eine Kon-Fiscation hätte es nur bei Mangel an Erben gegeben, also nicht bei den KONRADINERN. Daher kann es sich nicht um illegitime Abstammung handeln.
Erstaunlich ist immerhin, dass zahlreiche Forscher dieser Meinung anhängen.[172 Zuletzt Fried, Prolepsis …, S. 103ff. Georg Friedrich Böhn, Salier, Emichonen und das Weistum des pfalzgräflichen Hofes zu Alzey. In: GeschLkde, X (1974), S. 82ff., kommt zu dem noch erstaunlicheren Schluss, es handele sich bei Konrad und Eberhard um die 946 ohne Namensnennung erwähnten Brüder Konrad des Roten, und zwar seien sie Bastarde gewesen. Gleichzeitig seien sie – die Bastarde! – die in DOI 10 und 51 937 und 942 genannten Grafen des Nahegaues gewesen (in umgekehrter Reihenfolge, und offensichtlich älter als ihr legitimer Halbbruder!) Fried kommt nicht auf diese saliomanische Identifikation zurück, aber seine Argumente sind kaum besser.] Gleichwohl wollen in immanentem Widerspruch dazu die Anhänger dieser Erklärung die enteigneten Bastarde Konrad und Eberhard unbedingt mit legitimen KONRADINERN identifizieren.
Bleibt also als Tatbestand nur die Rückführung angeeigneter Amtsgüter, auf die Konrad und Eberhard keinen Anspruch erheben durften, weil sie nicht (mehr) mit den dazugehörigen Ämtern betraut waren. Sie sind teilweise noch nicht einmal endgültig lokalisiert. [173 Gogunheim ist Genheim, nicht Jugenheim, was ich hier nicht näher begründen kann. – Ob das Hagenenmunistar wirklich mit dem Mainzer Altmünster identisch ist? Die Zuweisung baut auf der zumindest für Oberwesel nicht vollzogenen Tauschurkunde von 1112 (MzUB I, Nr. 450) auf, wo von einer ecclesia sancte Marie… in civitate in comitatu Arnoldi die Rede ist. Merkwürdige Formulierung für Mainz nur nach dem Namen des Burggrafen! Außerdem wird zwischen 966 und 1112 nirgendwo Altmünster als magdeburgisches Eigenkloster erkennbar. Allerdings besaß Magdeburg später Fährrechte, die mit Altmünster verbunden sein dürften (mündl. Hinweis von L. Falck). Auch die spätere Vogtei über die Besitzungen Altmünsters (Obervogtei Zweibrücken, lokale Vögte zumeist Zweige der Schönburger über Oberwesel) wie über andere Schenkungsgüter weist in die gleiche Richtung.] Welches Amt, welche Ämterkombination aber war mit Gütern von Kesselheim bis Speyerdorf ausgestattet? Ein einfaches Grafenamt kann es nicht gewesen sein, denn die Güter verteilen sich auf vier Gaue (Speyer-, Nahe, Trechir- und Maienfeldgau). Um Amtsgüter des „ruhenden“ fränkischen oder des lothringischen Herzogtums handelt es sich kaum, Kesselheim und Oberwesel gehörten zu Lothringen, Speyerdorf, Genheim, Hüffelsheim und Mainz zu Franken. Wahrscheinlicher ging es um ursprünglich kirchliche Amtsausstattungen, eines Laienabts, eines Vogts oder dergleichen. Oder um Prekarien auf Lebenszeit eines Vorbesitzers, die nicht geräumt wurden. Es scheint so, als ob sie irgendwie zusammengehören, obwohl ihr Übergang an Magdeburg in drei Urkunden verbrieft wurde.

Wann wurde konfisziert? Wer waren die beiden „Enteigneten“?

Da man im Falle nicht ganz klarer Rechtsverhältnisse sich in jenen Zeiten meistens darauf einigte, die strittigen Güter einfach der Kirche zu übereignen, wobei der bisherige oder in seinem Anspruch nicht ganz zu übergehende Besitzer als Vogt eingesetzt wurde, ist eher zu erwarten, dass Rechtsstreit und Kon?skationsurteil der Schenkung nicht lange vorausgingen. Dem steht nicht einmal das antea in einer der drei Urkunden entgegen.
Jackman weist aber mit Recht darauf hin, dass OTTO I. die Schenkungen nur ein paar Wochen nach dem Tode von Eberhard (III) vornahm, der als Graf im (Nieder-)Lahngau 958 [174 Jackman, Konradiner…, S. 110.]  und im Auelgau 966 [175 Jackman, Konradiner…, S. 123.] belegt ist und 962 an erster Stelle vor seinen Brüdern und anderen das Ottonianum bezeugt. [176 Jackman, Konradiner…, S. 241 u. ö.] Er stand mithin dem Kaiser nahe. Wenn er – wie Jackman meint – keine Nachkommen hatte, mussten seine drei Brüder ihn beerben. Zu ihnen gehörte Udo, der 963/64 als Graf des Maienfelds bezeugt ist. Vergessen wir nicht, dass Kesselheim im Maienfeld lag, Oberwesel in dem mit dem Maienfeld zu einer Grafschaft verbundenen Trechirgau. Dieser Graf Udo (v. Maienfeld/Trechirgau) wurde noch 966 nach Umtrieben in Nord-Italien aus dem Reiche verbannt. [177 Jackman, Konradiner…, S. 242, dort auch die weiteren Quellenangaben. Fried, Prolepsis…, S. 104, Anm. 98, meint er sei zurückgekommen, um – vergeblich – das Erbe zu reklamieren.] Hängt die Schenkung oder gar die Kon-Fiscation evtl. damit zusammen? Hatte der Kaiser zwar hingenommen, dass der ihm zugesprochene Besitz bei Eberhard (III) verblieb, da dieser ein zuverlässiger Gefolgsmann war? Und hatte er nach dessen Tod ein altes Urteil rechtskräftig werden lassen? Oder, wahrscheinlicher, hatte er einen fragwürdigen Rechtstitel oder ein obsoletes Amt bei Eberhard noch geduldet, führte aber nach dessen Tod das Urteil herbei, um zu verhindern, dass diese Güter der längst verstorbenen Konrad und Eberhard über Eberhard an seinen missliebigen Bruder gingen? Das Urteil der Großen und die Kon-Fiscation datieren also eher von 966, kurz vor der Schenkung an Magdeburg.
Eines ist aber auch deutlich: Die beiden Brüder können im August 966 kaum mehr gelebt haben (das antea und die Verwendung des Perfekts), schon weil – unseres Wissens – damals kein Eberhard bei den Konradinern im volljährigen Alter stand. Eberhard (IV), später Graf des Maingaus, dürfte noch nicht erwachsen gewesen sein. [178 Jackman, Konradiner…, S. 117f., 239. Fried, Prolepsis…, S. 84, Anm. 39, erkennt ihn nicht als Konradiner an.] Jackman reiht ihn ein als Neffen Eberhards (III) ein und zwar als Sohn von dessen jüngstem Bruder Konrad, Graf des Ladengaus, † ca. 986, einem recht engen Vertrauten der Ottonen. Natürlich wäre es möglich, diesen Eberhard als Sohn auch eines der älteren Brüder oder gar als Sohn von Eberhard (III) selber einzuordnen. Der – gewiss ältere – Konrad der Urkunde wäre dann sein Bruder gewesen. Ein solcher ist nicht belegt. Und warum sollten sie und zwar zugunsten des Kaisers enterbt worden sein? Bloß, damit der nähere Erbe, Udo von Maienfeld, keinen Anspruch erheben sollte? Auch reicht die Zeit zwischen Mai und August kaum für einen so komplizierten Vorgang.
Wir müssen also in einer früheren Generation suchen, und da gibt es seit Konrad Kurzbold und seinem Bruder Eberhard (II) mehrere denkbare Paare, vor allem, wenn man  nicht nur nach Brüdern sucht. Auf die Tatsache, dass der 892 ermordete Graf Meingoz, der eigentliche Erblasser dieser vielen Ämter und gewiss auch Güter, gleichzeitig Laienabt von St. Maximin war, lässt sich eine verlockende Hypothese bauen. Die Funktion des Laienabts ging offensichtlich mit seinen anderen Gütern und Ämtern an die KONRADINER über, nachdem Konrad und Gebhard das Lehen St. Maximin von Gerhard und Matfried 906 zurückerobert hatten. [179 MRR I, 816. –Maßgeblich für die  – noch nicht endgültige – Integration Lothringens ins Ostreich, nach-dem der Friedensschluss von St. Goar 899 zwischen Karl III. von Frankreich und dem lothringischen „König“ Zwentibold dessen Ermordung nicht verhindern konnte. Maßgeblich waren dafür die KONRADINER Konrad, und Gebhard, die für Ludwig das Kind faktisch die Herrschaft ausübten. Dritter der Brüder war Eberhard (I). 925/26 setzte HEINRICH I. endgültig den „Anschluß“ Lothringens an das deutsche Königreich durch,und zwar vor allem dank der Hilfe Giselberts. Während seiner zwischenzeitlichen Herrschaft stützte sich Karl III. auf seinen verhaßten Günstling Hagano, den er vielleicht mit St. Maximin und/oder dem Aachener Marienstift belehnte. Es erscheint prüfenswert, ob das Hagen-Münster von diesem seinen Namen hatte, denn dessen „Erbmasse“, zumindest seine heimgefallenen Lehen, fielen natürlich an die Verbündeten: Giselbert, die KONRADINER, die SALIER und den deutschen König, der seine Ansprüche allerdings erst 966 durchsetzen konnte.] Jedenfalls ist 909 Januar 1 Euurardus/Euerhardus Laienabt des Klosters (wohl König KONRADS I. Bruder Eberhard, Graf im Lahngau, später „fränkischer“ Herzog, vielleicht aber auch Eberhard (II), Graf im Maienfeld, der Bruder Konrad Kurzbolds). [180 in Germania benedictina … 9, Artikel Trier St. Maximin, hier S. 1017ff. und 1077 (Diese Passagen von Theo Kölzer); MRUB I, Nr. 153f.; Theo Kölzer, Studien zu den Urkundenfälschungen des Klosters St. Maximin vor Trier (10. bis 12. Jahrhundert). (= VortrrForsch, Sonderbd. 36), 1989, vor allem S. 52ff. ] 926 verfügt Graf (später Herzog) Giselbert darüber. 966 war die Zeit der Laienäbte für St. Maximin vorüber, es war wieder ein Reichskloster. Die vielleicht gleichnamigen Erben der Laienäbte Konrad und Eberhard besaßen aber vielleicht noch immer Pertinentien, die dem Kloster entfremdet waren.
Diese ganze Argumentation krankt indes daran, dass OTTO I. korrekterweise die Güter – wenn sie denn zu St. Maximin gehört haben – dem Kloster zurückgeben musste, statt sie seiner Lieblingsgründung Magdeburg zu übereignen. Bis zu einem gewissen Grade konnte er freilich über den Besitz eines Reichsklosters verfügen. Vielleicht sind die Urkunden deshalb als Konfiskation von Konrads und Eberhards Gütern formuliert, weil da nicht stehen sollte, dass sie eigentlich St. Maximin gehörten. Möglicherweise gab die Trierer Abtei stillschweigend ihre Zustimmung. Gerade in jener Zeit unternahm ja St. Maximin eine Reforminitiative, die insbesondere Magdeburg beeinflusste, und die Kaiser restituierten der Abtei eine Reihe entfremdeter anderer Güter. [181 Als Schlüsselfigur scheint dafür der spätere Erzbischof Adalbert zu figurieren. Zu ihm Theo Kölzer, Adalbert von St. Maximin, Erzbischof von Magdeburg (968–981). In: RhLB 17, 1997, S. 7–18.]
Andere Herleitungsmöglichkeiten der konfiszierten Güter aus Kirchengut knüpfen sich an die Würde eines Laienabts von Hornbach, die wir gleichfalls bei den Walaho/Meingoz–Vorfahren der KONRADINER und SALIER finden. Oder an das Marienstift in Aachen, dem (895/99) König Zwentibold den Ort Kesselheim am Rhein geschenkt hatte. [182 MRR I 804, dort weitere Editionen genannt. Es handelt sich um die frühere Aachener Pfalzkapelle. Dietmar Flach, Untersuchungen zur Verfassung und Verwaltung des Aachener Reichsgutes (=VeröffMPI Göttingen 46), 1976, behandelt die auswärtigen Besitzungen des Stiftes nicht.]
In jedem Fall lässt sich aber annehmen, dass Konrad und Eberhard die fraglichen Güter nicht zur gesamten Hand, wie Fried meint, sondern nacheinander, bestenfalls nebeneinander besaßen. Gemeint waren wahrscheinlich (genauer: am wahrscheinlichsten) entweder die frühen, noch als Brüder zu identifizierenden Laienäbte dieses Namens, vielleicht auch Konrad Kurzpold und sein Bruder Eberhard (II). Letzter Besitzer war vermutlich Eberhard (III).
Meiner Meinung nach war das Urteil des Wormser Tages trotz der gewichtigen Wortwahl (die ja ungefährlich war, wenn es sich um längst tote Personen handelte) nichts weiter als die Feststellung, dass diese Güter keine Allode darstellten, als die sie von Konrad und Eberhard beansprucht worden waren, sondern nur Beneficia und Praefecturae, deren Oberbesitz vom Kaiser an das Moritzstift Magdeburg abgetreten wurde, die aber dem Lehensnehmer als Lehen nicht weggenommen wurden. In ähnlicher Weise wurden bald sogar Grafschaften an Bischöfe verschenkt, die dadurch eben nicht Amtsträger, sondern nur Lehensherren wurden.
Zurecht erinnern sich Jackman und Fried in diesem Zusammenhang an die Phrase quasi hereditatem. Vielleicht stammten die „beneficia aut praefecturae“ aus dem Nachlass Udos (I) und waren weiterhin „quasi hereditates“ behandelt worden, obwohl die Erlaubnis OTTOS I. nur für Udo allein galt. Wahrscheinlicher aber war hier festgehalten, dass permissu regis nur Udo (I) quicquid beneficii aut praefecturarum habuit, quasi hereditatem unter seine Erben verteilen durfte, nicht aber Konrad oder Eberhard oder generell die anderen KONRADINER, vor allem aus dem Eberhard-Zweig. Der Continuator Reginonis hätte also 949 in weiser Voraussicht festgehalten, was später dem Magdeburger Erzbischof zur Rechtsgrundlage für den Fernbesitz am Rhein dienen sollte.
Ich korrigiere mich und alle, die sich bisher mit den beiden Vorgängen beschäftigt haben: Es war Erzbischof Adalbert von Magdeburg selber, der diesen Hinweis nachträglich auf den Punkt gebracht hat. Schließlich hat niemand anderer als er die Fortsetzung der Reginoschen Chronik verfasst, und zwar erst ab 966, als er Abt von Weißenburg geworden war. Er soll zwar erst im Herbst 967 endgültig für den noch zu gründenden Magdeburger Stuhl vorgesehen worden sein, aber gewiss hat zumindest er selber schon ein Jahr vorher auf dieses Amt spekuliert, das er dann 968 antreten konnte. [183 Zuletzt: Kölzer, Adalbert…, S. 11ff. Ernst Karpf,  Herrscherlegitimation und Reichsbegriff in der Ottonischen Geschichtsschreibung des 10. Jahrhunderts (HistForsch 10), 1985, S. 47 ff. Karl Hauck, Erzbischof Adalbert von Magdeburg als Geschichtsschreiber. In: FS W. Schlesinger (MitteldtF 74), 2, 1974, S. 276–353, hier S. 267. Hierzu auch Wilhelm Wattenbach/Robert Holtzmann, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Die Zeit der Sachsen und Salier (Neuausgabe, besorgt v. Franz-Josef Schmale, 1, 1967, S. 166ff.]  Seine Chronik entstand in engem Kontakt mit dem Hof, insbesondere OTTO II., quasi in Fortsetzung der karolingischen Reichsannalistik. Dass er die Konfiskation von 966 darin nicht erwähnte, ist leicht zu erklären: Sie war (wahrscheinlich auf sein Zutun hin oder in seiner Gegenwart, nämlich in Worms und im Elsaß) in einem günstigen Moment nach dem Tod Eberhards (III) durchgeführt und in deutlichen Urkunden festgehalten worden und hatte als Routine-Aktion keinen Widerspruch gefunden. Vielleicht hat Adalbert selber in der nicht recht zu durchschauenden Rolle, die er zwischen St. Maximin und Magdeburg spielte, Kaiser OTTO I. auf diese zu requirierenden Güter hingewiesen. Dass seine Abtei Weißenburg, zu deren Abt er Anfang 966 erhoben wurde und die 967 vom Kaiser die Immunität verliehen bekam, 968 an Magdeburg geschenkt wurde, fällt in diesem Zusammenhang ebenso auf wie die irgendwie gleichzeitige Schenkung des westfälischen Kanonissenstifts Borghorst, das Bertha, nach Althoff seine Schwester, ebenfalls 968 gründete. [184 Gerd Althoff, Das Neckrolog von Borghorst. Edition und Untersuchung (VeröffHistKommWestf  40), 1981, S. 21765ff.  Die aus Annalen und Urkunden gewonnenen Familienverhältnisse sind wohl korrekturbedürftig: Bertha hätte zuerst einen Liutbert geheiratet, von dem eine Tochter Bertheida (mit zwei Kindern Bernhard und Thuring) Bertha überlebte. In zweiter Ehe hätte sie einen. 934 Dezember 14 verstorbenen Grafen Bernhard geheiratet. Die 926 Juni 30 geborene Tochter aus dieser Ehe Hathewig wurde die erste Äbtissin von Borghorst. Da Adalbert um 930 geboren sein dürfte, kann er nur ein Sohn oder Neffe Berthas sein oder gar eine Generation später an sie anzuschließen sein.] Seine familiären Beziehungen werden sehr divergent angegeben. Möglicherweise treffen alle Vermutungen gleichzeitig zu, die lothringische (einfacher linksrheinische) Herkunft (sein mutmaßlicher Vater Adalbert mit Maximiner Lehen in Remich [185 …Adalberto, huius nostri Adalberti genitori… in den 962/963 von dem Maximiner Mönch Sigehard geschriebenen Miracula s. Maximini c. 16 MG SS 4, S. 233.] ) und die Verschwägerung nach Westfalen (seine Schwester in Borghorst), [186  S. auch Dietrich Claude, Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in das 12. Jahrhundert (Mitteld-Forsch  67), 1, S. 77ff. und 114ff. sowie die Artikel in NDB und LexMA. – Unbrauchbar: Herjo Frin, Die Herkunft Adalberts, des ersten Erzbischofs von Magdeburg. In: JbfrkLF 54 (1994), S. 339–345.]  sowie eine besondere Nähe zu den KONRADINERN. Wenn man aus der Continuatio schließen darf, stand Adalbert den Vertretern des Gebhardiner-Zweigs (Udo (I) und Herzog Hermann I.) besonders positiv gegenüber. Die Borghorster Necrolog-Einträge legen eine Beziehung Berthas zur Familie Herzog Hermanns I. nahe; daher auch die engen Beziehungen zu Essen, dessen damalige Äbtissin Mathilde († 1011 November 5) Enkelin Hermanns war, und zu den OTTONEN, insbesondere Adalberts Wirken in der Königskapelle als Notar des Kanzlers Liudolf. [187 Althoff, Necrolog…, S. 271ff. Josef Fleckenstein, Die Hofkapelle der deutschen Könige (Schrr MGH 16), 2 (1966), S. 37f. Nach Liudolfs Tod wurde Adalbert Mönch in St. Maximin…] Das schließt die von Althoff betonten Beziehungen zu den Billungern nicht aus.

„Die Konradiner“ ganz allgemein

Ich glaube zunächst einmal, dass die Forschung hier ein ganz anachronistisches agnatisches Prinzip zugrunde legt. Wenn die Quellen günstiger wären, könnte man gewiss viele der getrennt benannten und scheinbar garnicht verwandten „Häuser“ Mitteleuropas ebenso fiktiv nach einem gemeinsamen agnatischen Vorfahren zusammenfassen. In der damaligen Lebens- und Herrschaftswirklichkeit hatte der Schwiegervater gewiss mehr Bedeutung für einen Adligen und stand ihm näher als ein agnatischer Vetter 4. oder höheren Grades. Wir müssen dies bei genealogischen Betrachtungen immer so sehen, auch bei Meginhard von Spanheim. [188 Schmid, Geblüt,…, insbesondere S. 75ff.]
Eine weitere Prämisse der bisherigen Forschung entspringt falschem Ehrgeiz. Alle KONRADINER oder wen man dafür hält sollen in einer lückenlosen Stammtafel vereinigt werden. Diesem Ziel zuliebe werden Dinge zurechtgebogen, die in höchstem Grade unwahrscheinlich, aber nicht unbedingt nachweisbar falsch sind. Der Mut zur unabänderlichen Lücke fehlt, über die schlechte Quellenlage sollen Erfindungskraft und Kombinationsgabe hinwegtäuschen. Auf Jackmans Tableaus [189 Jackman, Konradiner…, S. 271 ff.] (die ganz andere Ahnentafel etwa bei Hlawitschka brächte wahrscheinlich ein ähnliches Ergebnis) gibt es 36 (+ 17 in Filiation, Existenz oder Namen besonders unsichere) Konradiner, dazu 6 (+ 4) Geistliche, aber nur gerade 14 (+ 9) Gattinnen und 16 (+ 7) Töchter, von Ihnen allein 12 (+1) bei den Nachkommen Herzog Konrads, bei denen auch die einzigen Kettenehen (1 x 2, 2 x 3 Heiraten) zu finden sind. Nach allen demographischen und historischen Erfahrungen kann das nicht stimmen. Es muss mehr Geistliche, auch solche in leitenden Positionen, gegeben haben, und viel mehr Töchter (und Schwiegersöhne), auch mehr Wiederverheiratungen. In den etwa zwei Jahrhunderten die Jackman erfasst hat, dürfte es drei mal so viele männliche Familienmitglieder gegeben haben, wovon allerdings die Hälfte nicht ins mündige Alter gekommen sein mag. Und ebensoviele Töchter. Natürlich kann niemand die Lücken füllen, aber man muss sich ihrer bewusst sein.
Die beiliegende Tafel (S. #) soll nur zur Orientierung dienen, um meinen Text und meine Vorschläge zu verdeutlichen. Sie ist also nicht so komplett, wie es sein könnte, und enthält nur die Vermutungen, die im Text eine Rolle spielen.

Zurück zur Besitzgeschichte der Spanheimer

Nun habe ich viele Seiten Papier mit vorwiegend einreißender, nicht aufbauender Kritik an der bisherigen Forschung gefüllt. Aber nach Walter Benjamin ist es der destruktive Charakter, der Wege sieht, wo andere imposante Gebäude errichtet haben. Ich sehe keine Wege, die Gebäude kommen mir gleichwohl sehr pappedeckeln vor.
Es eröffnen sich aber verwirrende Perspektiven. Von den 966 konfiszierten Gütern grenzt Hüffelsheim/Treisen direkt an Böckelheim, Böckelheim an Sponheim, Boos und Bockenau, Genheim direkt an den Binger Wald, der Fiscus Oberwesel bis 820 direkt an die Gemarkung von Hirzenach. „Angrenzen“ heißt in der Mehrzahl dieser Fälle, dass eine frühere Zusammengehörigkeit vermutet werden muss. Leider gibt es die Erforschung von alten Grenzen noch nicht als Historische Hilfswissenschaft.
Zwar können einige der Magdeburg geschenkten Güter an die Familia des Erzstifts gelangt sein, vorzugsweise an dessen Hochvögte, zuletzt eben die SPANHEIMER, und die Besitzgeschichte täuscht genealogische Kontinuität nur vor. Die Vögte, also Inhaber der Besitzungen als beneficia, könnten in genealogischer und juristischer Nachfolge der Konfiszierten von 966 stehen.
Noch mehr, ich hege den Verdacht, anders kann man es nicht nennen, dass der unter alle möglichen Familien in Sachsen, Kärnten, Schwaben, Lothringen verstreute rheinische Fernbesitz, von dem so vieles bei den SPANHEIMERN und vor allem bei den von ihnen geförderten geistlichen Institutionen (Disibodenberg, Sponheim, Rupertsberg) wieder zusammenkam, aus letztlich ein und der selben Quelle stammt. Besteht doch mittelalterliche Besitzgeschichte nicht nur in fortschreitendem Zertrümmern, sondern genauso in ständigem (Wieder)-Einschmelzen.
Soweit der Erbgang über die Magdeburger SPANHEIMER (Erzbischof Hartwig und seinen Bruder Hermann) zu laufen scheint, richtet sich das Augenmerk zunächst auf die Ahneltern Siegfried im Lavanttal und seine Frau Richgard. Sie müssen nach der St. Pauler Überlieferung bereits ihre Beziehungen zum Mittelrhein gehabt haben. Ihr Sohn Hartwig begann seine klerikale Karriere in Mainz unter den Fittichen des verwandten Erzbischof Sigfrid I. Auch Hermann verdankte das Magdeburger Burggrafenamt wohl einem Erb-Anspruch, sei es  durch seine noch unbekannte Frau, vermutlich eine BILSTEINERIN, sei es auch über seinen Vater. Ich glaube a priori nicht, dass der SPANHEIMER Hermann nur durch Nepotismus seines erzbischöflichen Bruders zum Magdeburger Hochstiftsvogt eingesetzt wurde. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Ich bin mir sicher, dass Hartwig nur deshalb Erzbischof geworden war, weil es diese Verwandt- oder Schwägerschaft gab, in die gewiss ein Teil des Domkapitels einbezogen war, päpstlicher Vorschlag hin oder her.
Darüber hinaus kann Richardis auch über ihren Mann an rheinischem Erbe teilgehabt haben, da Heinrich „der Kahle“ – von dem alle Stader „UDONEN“ abstammen – vermählt war mit Jutta/Juditha, der Schwester Kunos „von Böckelheim“. Beider Tochter Kunigunde heiratete 972 Graf Siegfried von Walbeck, unter dessen fünf bekannten Söhnen Friedrich Burggraf von Magdeburg wurde. Ein weiterer Sohn war der Chronist Thietmar. Der nannte viele, aber nicht alle Verwandten. Vielleicht gab es auch eine Tochter, die Siegfrieds von Spanheim Mutter wurde.
Ob die Stifter aus fernen Landen, die ein halbes Jahrhundert später den Rupertsberg beschenkten oder sonstwie mit Fernbesitz in unserem Raum belegt sind, auch in diesen sowieso nicht genau festzulegenden Erb-Kreis gehören, wage ich nicht zu entscheiden. Ihre Besitzsplitter passen jedenfalls gut in das Patchwork, dem ein vielleicht großer, aber schwerlich geschlossener Bezirk in konradinischer Hand vorausging.
 

Ergänzung:
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Prof. Dr. Wilhelm Störmer machte mich aufmerksam auf eine nobilis matrona Ota, die von einem Grafen Chono und einem Herimannus um ihr Gut Burgbernheim mit Burg, Forst und zugehörigen Dörfern beraubt worden sei, die es an das Bistum Würzburg vertauscht hatten. Sie erhält 1000 Januar 1 von OTTO III. ihr Recht, aber das Gut bleibt bei Würzburg (gewiss wurde sie mit dem Tauschobjekt entschädigt). Störmer meint mit gutem Grund, dass die bisher nicht weiter untersuchten drei Personen wohl eng mit einander verwandt waren und „Namen der mächtigen KONRADINER-Sippe tragen“.[190 Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern, Abt. II: Franken und Schwaben vom Frühmittelalter bis 1800, Band 1: Franken von der Völkerwanderungszeit bis 1268, bearbeitet von Wilhelm Störmer, 1999, S. 85f und 257f.]
Brieflich weist er mich auch auf eine Frau Yrmengard hin, die von HEINRICH II. die ihm von Graf Konrad (wohl dem vorigen und Graf im Rangau) übertragenen Güter Herzogen-Aurach und Langenzenn auch nach dem Tode des Kaisers noch als Leibgeding besaß. Nach ihrem Tode sollten die Güter an die Bamberger Kirche fallen, der sie schon bei der Auftragung zubestimmt worden waren. Guttenberg denkt bei diesem Grafen Chunrad an einen Grafen im Rangau und den Bruder Chuno des Bischofs Eberhard von Bamberg. [191 E. v. Guttenberg, Regesten der Bischöfe … von Bamberg… Nr. 181.]