Hildegard von Bingen
und ihre Verwandten
 

Genealogische Anmerkungen
 

von Josef Heinzelmann
 
 
 
1 VORBEMERKUNG:  2222
1.1 Forschungs- und Wissensstand  3333
1.2  Die Quellen  5544
2 ZUR BIOGRAPHIE DER JUNGEN HILDEGARD 7566
2.1  Das Geburtsjahr  7566
2.2  Schule und Eintritt ins Kloster Disibodenberg  7566
2.2.1  Jutta von Spanheim  7566
2.3  Die Unglaubwürdigkeit des Johannes Trithemius  10599
3 DIE ENGERE FAMILIE HILDEGARDS 1251111
3.1  Die Eltern und Geschwister  1251111
3.2  Der Vater: Hildebert  1351212
3.2.1  Urkundliche Nennungen eines Hildebert  1351212
3.2.2 Nichtnennungen  1651515
3.2.3 Der Vater ist (auch!) Hildebrecht von Hosenbach  1951818
3.2.4 Ein oder zwei Hildeberte?  2151919
3.2.5  Spätere Namensträger  2152020
3.3  Die Mutter Mechthild  2352222
3.3.1  Die Familie „von Merxheim“  2452222
3.4  Geschwister Hildegards   2652525
3.4.1  Hugo, Domkantor in Mainz, (und?) der zum Mönch gewordene Domkanoniker 2652525
3.4.2  Rorich  2752626
3.4.3 Drutwin  2852727
3.4.4  Vier angebliche Schwestern Hildegards  2952727
3.5  Zusammenfassung  2952828
BERMERSHEIM  2952828
4.1  Andere Bermersheimer Besitzer  2952828
4.1.1  Graf Ulrich von Are  2952828
4.1.2 Gothbert von Selzen  3052929
4.1.3 Zwei Hermann von Bermersheim  3052929
4.1.4  Das Kloster St. Alban und die beiden Embricho  3052929
4.1.5 Der Kanoniker Heinrich, Arnold, Ida  3153030
4.1.6 Dietrich von Flonheim  3253131
4.1.7   Durinchart, bzw. Werner von Bolanden  3253131
4.1.8 Diemar von Bermersheim  3253131
4.2  Geburtsort Hildegards ist schwerlich Bermersheim  3353232
ENTFERNTERE VERWANDTE:  3553333
5.1  Erzbischof Arnold von Trier  3553333
5.2  Die Pröpste Wezelin und Giselbert von St. Andreas 3753535
5.3  Prior Anselm von Sponheim, ein Phantom  3853737
5.4  Hildegard eine Spanheimerin?  3853737
5.4.1  Hiltrudis und Ida, Erfindungen des Trithemius  3853737
5.4.2 Beziehungen zum Kloster Sponheim  3953838
FÖRDERER UND WEGGENOSSEN HILDEGARDS  4053838
6.1  Bischof Otto (der Heilige) von Bamberg  4053838
6.2  Erzbischof Heinrich von Mainz und seine Verwandtschaft  4053939
6.2.1  Frideruna und Markward „von Grumbach“  4154040
6.2.1.1  Bernhard, Bischof von Hildesheim 4154040
6.3  Die Hildesheimer Vicedome und Bischof Hermann 4254141
6.4  Die Äbtissinnen Richardis und Adelheid 4354242
6.4.1  Richardis von Stade, Äbtissin von Bassum  4354242
6.4.2 Adelheid von Sommerschenburg, Äbtissin von Gandersheim und Quedlinburg  4354242
6.5  Erzbischof Philipp von Köln (1167–91)  4554343
6.6  „Sekretär“ Volmar und Biograph Gottfried, Pröpste des Rupertsbergs  4654444
SCHENKER(INNEN) FÜR DEN RUPERTSBERG 4654444
7.1  Pfalzgraf Hermann und seine Witwe  4754545
7.2  Gepa  4854646
7.2.1  Gepa und ihre Verwandtschaft  4854747
7.2.2 Stephan von Mörlheim und seine Verwandtschaft  4854747
7.2.2.1 Kinder des Ehepaares  5054848
7.2.2.2  Marquart de Utersdale und der Dominus Sigebodo  5154949
7.2.2.3  Stephan (I) von Mörlheim (1109) und Hirsau  5154949
7.2.2.4 Hirsau und die Diemar/Erckenbrechte 5255050
7.2.2.5 Stephan ein Metz/Lunéville/Huneburger  5355151
7.2.2.6 Auch Stephan von Spanheim ein von Metz?  5355151
7.3 Herzogin Agnes von Lothringen  5455252
HILDEGARD UND UNSERE OFFENEN FRAGEN 5655353
8.1  Warum weihte Hildegard die Eibinger Kirche einem heiligen Giselbert?  5655353
8.2  Hildegards Vita Beati Ruperti confessoris 5655454
8.3 Adelsstolz und Ministerialität  5755555
8.4 Hildegard und ihre Verwandtschaft 5955656
DAS KLOSTER RUPERTSBERG NACH HILDEGARDS TOD 5955757
9.1 Erzbischof Siegfried (II.) von Eppstein und seine Binger Wähler 5955757
9.2  Das Brüsseler Antependium 6055858
9.3 Ein merkwürdiges Heiligsprechungsgutachten 6356161

 

1.1 Vorbemerkung:

Es gibt wahrhaftig vielerlei Vorbehalte, die man vorbringen kann und muss gegen eine einseitige Überbewertung Hildegards als „deutscher Seherin“, als Naturkundiger, als Feministin, als Dichterin, als Musikerin, als geschichtsbestimmender Gestalt, als Autorität in Glaubensfragen und nicht zuletzt als Leitbild aller möglichen Esoteriken. Aber allein die Vielzahl der Bedeutungen und der Beziehungen dieser bemerkenswerten Frau macht klar, dass es lohnt, sich mit ihrer Gestalt zu beschäftigen. Hier soll dies freilich unter einem sehr engen Blickwinkel geschehen, dem der Genealogie.
Wie es in ihrer Zeit üblich war, wurde Hildegards Stellung in ihrer Gesellschaft durch ihre Geburt und ihre Verwandtschaftsbeziehungen entscheidend mitbestimmt. Gerade deshalb fällt auf, dass sie nie Personen als Verwandte anredet oder bezeichnet, selbst solche, die es wohl waren. Das erschwert die Forschung und wird zur Erklärung reizen.
Vielleicht besteht der Wert dieses Beitrags aber eher in dem, was er an Nebenerkenntnissen zu den Führungsschichten am Mittelrhein und zur Bewertung der Quellen beiträgt. Es fiel mir angesichts der Verweigerung Hildegards schwer, mich nicht noch mehr in die frühen SPONHEIMER, die MÖRLHEIMER, die MERXHEIMER oder in die Trithemius-Diskussion zu verlieren. Lohnend wäre das alles gewesen, aber das Thema war anders gestellt. Immerhin konnten hier einige lieb gewordenen Ansichten korrigiert werden.

1.2 Forschungs- und Wissensstand

Der erste „neuzeitliche“, die Genealogie berücksichtigende Biograph Hildegards war – inner-halb seiner Chroniken – Johannes Trithemius. [1 Klaus Arnold, Trithemius (QForschG des Bistums und Hochstiftes Würzburg 23), Würzburg, 2 1990.] Ihm wird noch heute hie und da Glauben geschenkt. Den Wert seiner Darstellung diskutiere ich in 2.32.32.32.3.
Eine viel bessere, trotz einiger Irrtümer vorbildliche und natürlich durch Erschließung weiterer Quellen heute überholte Untersuchung, die auch wichtige Dokumente zuverlässig ediert, stellt das von Stilting verantwortete Hildegard-Kapitel in den von den Bollandisten herausgegebenen Acta sanctorum dar, das nur daran krankt, dass es den Trithemius-Behauptungen glaubt, obwohl es einzelne korrigiert.
Mit der Genealogie Hildegards beschäftigte sich dann Johannes May. [2 Johannes May, Die heilige Hildegard von Bingen aus dem Orden des heiligen Benedikt (1098–1179), 1911, S. 5. – ders., Die Abstammung der hl. Hildegard, in: Der Katholik 31 (1905), S. 298ff. – ders., Die  Familie der hl. Hildegard, in: Der Katholik 37 (1938), S. 143ff.] Seine Einreihung Hildegards in die Adelsfamilie der späteren Rheingrafen beruht, wie Marianna Schrader festgestellt hat, auf dem fundamentalen Fehler, dass er den Mainzer Domkantor Hugo mit einem als Zeuge auftretenden Laien Hugo von Stein verwechselte, der außerdem auch nicht zu den Adligen vom Rheingrafenstein, sondern zu denen von Stein-Kallenfells gehörte.
Zweifellos hat dann Marianna Schrader Hildegard eine in den wichtigen Einzelheiten richtige genealogische Einordnung gegeben. Dass sie es auf eine eher laienhafte und ihrer argen Lebenszeit verhafteten Art tat, verrät schon der Titel der Veröffentlichung, in der sie ihre Erkenntnisse zusammenfasste: „Heimat und Sippe der deutschen Seherin Sankt Hildegard“. [3 Marianna Schrader O. S. B., Heimat und Sippe der deutschen Seherin Sankt Hildegard. 1941.] 1981 hat Adelgundis Führkötter die Schraderschen Ergebnisse neu bearbeitet und unter minder verfänglichem Titel herausgegeben. [4 Marianna Schrader, neu bearbeitet von Adelgundis Führkötter, Die Herkunft der heiligen Hildegard (QAmrhKG 43), 1981.] Die wissenschaftlichen Schwachpunkte hat sie nicht eliminiert. Sie entspringen recht naiven Vorstellungen über die Sozial- und Adelsgeschichte im 11. und 12. Jahrhundert. Schrader/Führkötter suchen einen „Geschlechtsnamen“ Hildegards, den es garnicht gegeben haben kann. [5 Noch kurioser S. 24 „den Familiennamen, den wir suchen“, S. 30: „von Vermersheim ist der Geschlechtsname, Bermersheim der Stamm- und Familiensitz“ (obwohl Vermerssheym nach S. 64, Anm. 13 Schreibweise des Kopisten ist).]
Die Regionalgeschichte und erst recht die Hildegard-Literatur haben die Ergebnisse von Schrader recht unbesehen übernommen. Eine Rezension von Karl Hermann May [6 in: NassAnn 61 (1950), S. 218] bestätigte, was richtig war, fügte weiterweisendes, aber auch Irrtümer hinzu. Neuere selbständige Arbeiten zu Hildegards Genealogie oder zu Einzelfragen gibt es meines Wissens nicht, in den fast unübersehbaren Hildegard-Darstellungen aller möglichen Medien werden, soweit ich es überprüfen konnte, diese Angaben übernommen und häufig noch romanhaft ausgeschmückt.
Bei dieser Forschungslage lohnt es, die Quellen nochmals zu befragen und möglichst auch die für Hildegard wichtigen Personen genealogisch einzuordnen. Stärker als man gemeinhin annimmt, treten Hinweise – Beweise sind es noch nicht– auf verwandtschaftliche Beziehungen untereinander und wohl auch zu Hildegard zutage. Hier geht es also nicht nur um die Abstammung Hildegards. Genealogische Erkenntnisse können aber, das sei vorausgeschickt, so gut wie nichts zur Deutung einer Persönlichkeit beitragen, freilich einiges zu ihrem sozialen Umfeld.

1.3 Die Quellen

[7 Abgekürzt zitierte Quellen: AASS: De S. Hildegarde virgine, magistra sororum ord. S. Benedicti in monte S. Ruperti juxta Bingium in Dioecesi Moguntina (auctore J. S.), in: Acta Sanctorum · ex Latinis & Graecis aliarumque gentium Monumentis servata primigenia veterum Scriptorum phrasi · collecta, digesta, commentariisque & observationibus illustrata Septembris, Tom. 5 (ed. J. Stilting et alii), Antwerpen 1755, S. 629–701 (Stadtbibliothek Mainz Sign. IV°:2°/654). Nachdruck: Migne, Patrologia latina, t. 197, Paris 1882, S. 91–130
Vita: in AASS S. 679f.; zitiert (Buch, Kapitel, Zeile) nach der Neuausgabe cura et studio Monicae Claes in: CCCM 126, 1993 (Seitenzahlen mit * gelten den Einleitungstexten). Vita deutsch: Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen, hsg. eingeleitet u. übersetzt v. Adelgundis Führkötter, 1968
CCCM 66 und 66A: Guiberti Gemblacensis Epistolae…, cura et studio Alberti Derolez, 1988, 1989
CCCM 91 und 91A Hildegardis Bingensis Epistolarium, ed. L. van Acker, 1991, 1993. – Hierzu: Hildegard von Bingen, Briefwechsel, nach den ältesten Handschriften übersetzt und  nach den Quellen erläutert von A. Führkötter, Salzburg 1965
Vita domnæ Juttæ inclusæ: Franz Staab, Reform und Reformgruppen im Erzbistum Mainz. Vom ’Libellus de Willigisi consuetudinibus’ zur ’Vita domnae Juttae inclusae’, Anhang II, in: Reformidee und Reformpolitik im spätsalisch-frühstaufischen Reich… Hrsg. v. Stefan Weinfurter (QAmrhKG 68), 1992, S. 172 ff, zitiert nach Kapiteln und Zeilen.
Registrum bonorum: LHAKo 164/405, fragmentarisch ediert: (MRUb) 2 S. 367
Nekrolog(ium): W. Sauer, Beiträge zur Geschichte der Klöster Rupertsberg und Eibingen, in: NassAnn 17 (1882), S. 1–10 (HSsA Wbn 22 III/7f 139r)
Acta inquisitionis.: Acta inquisitionis de virtutibus et miraculis S. Hildegardis… Ex originali archetypo transcripsit notisque illustravit Dr. Petrus Bruder, in: AnalBolland 2 (1883), S. 116ff
OM: Der Oculus Memorie, ein Güterverzeichnis von 1211 aus Kloster Eberbach im Rheingau, bearb. v. Heinrich Meyer zu Ermgassen, Veröffentl. Hist. Komm. Nassau, XXXI, 1984. (Die Ziffern beziehen sich auf die Kapitel und Paragraphen in Band 2: Edition)
Lehnsbücher… Bolanden: Die ältesten Lehnsbücher der Herrschaft Bolanden, hg. v. Wilhelm Sauer, 1882
MRUb: Heinrich Beyer, Leopold Eltester und Adam Goerz, Urkundenbuch zur Geschichte der … mittelrheinischen Territorien
MzUb: Mainzer Urkundenbuch, 1 (bis 1137), bearb. v. Manfred Stimming, 1932; 2 bearb. v. Peter Acht, in zwei Teilen 1968 und 1997
NassUb: Nassauisches Urkundenbuch, 1: Die Urkunden des ehemals kurmainzischen Gebiets…, bearb. W. Sauer, 1886ff.
Es ist ein schlechtes Zeichen für die Bibliothekskultur des Landes, dass von den 5 einschlägigen, in den letzten Jahren erschienenen Bänden des Corpus Christianorum · Continatio mediaevalis die Mainzer Stadtbibliothek, obwohl regionale Sammelbibliothek, keinen einzigen, die zentrale Universitätsbibliothek nur drei besitzt. In den Präsenzbibliotheken der Seminare waren die meisten Exemplare nicht am Platz. CCCM 126 konnte ich nur dank der freundschaftlichen Hilfe von Herrn Dr. Wilhelmyi, der die Hildegard-Ausstellung im Dommuseum vorbereitet, einsehen und sogar ein paar Tage ausleihen.]

Insgesamt fließen zeitgenössische Zeugnisse für Hildegard garnicht so spärlich. Freilich sind sie für unser Vorhaben sehr beschwerlich auszuwerten. „Da Hildegard selbst von ihren Freunden und Bekannten“ (und Verwandten) „gern nur mit abstrahierenden Benennungen, manchmal fast anonymisiert spricht, ist der Brückenschlag hiervon zu den namenträchtigen Urkunden und Nekrologen zuweilen sehr schwer.“ [8 Franz Staab, Aus Kindheit und Lehrzeit Hildegards. Mit einer Übersetzung der Vita ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim, in: Hildegard von Bingen – Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hg. v. Äbtissin Edeltraud Forster u. d. Konvent der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Eibingen. Freiburg 1997, S. 58 ff., S. 60.] Wenig ergiebig sind mithin die Schriften Hildegards selber [9 Die wichtigsten liegen mittlerweile in kritischen Ausgaben vor.] für ihre Genealogie und sogar für ihre Biographie, genauso wie ihr umfangreicher und in erstaunlicher Dichte erhaltener Briefwechsel; selbst die Auswahl der Adressaten ist wenig aussagekräftig.
Es gibt eine hagiographische Lebensbeschreibung Hildegards. Diese Vita wurde von einem „Sekretär“ Hildegards, einem Disibodenberger Mönch namens Gottfried (s. 6.66.66.66.6) begonnen, der wohl von 1174 an Propst des Rupertsberger Klosters war und schon um die Jahreswende 1175/76 starb. Als von Hildegard erwünschter Probst dürfte er aber über das geistliche und weltliche Umfeld der beiden Klöster und Hildegards gut informiert gewesen sein. Abgeschlossen und literarisch abgerundet hat die Vita der Echternacher Mönch „magister“ Theodoricus. Über diese Vita, ihre Vorstufen, Varianten, Derivate und über die ganze Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte darf man als neusten Stand der Forschung getrost auf die Einleitung zur Neuausgabe durch Monica Klaes verweisen. [10 CCCM 126.] Sie bringt auch die schwer zu klärende Mitwirkung und dann auch eigenständige Bemühung eines weiteren Autors in ein neues Bild.
Dieser, Guibert von Gembloux, hat sich vor allem der geistigen Biographie Hildegards und ihren Werken gewidmet. Staab gibt eine überzeugende Charakterisierung und Bewertung der Biographen Hildegards, [11 Staab, Kindheit… S. 58f. Vgl. auch Gustav Sommerfeldt, Zu den Lebensbeschreibungen der Hildegard von Bingen, NA 35 (1910), S. 572.] wobei Guibert durchaus eine Aufwertung als Quelle erfährt. Tatsächlich wissen wir aus seinem Briefwechsel entscheidendes über Hildegards geistliche Verwandte; offensichtlich haben ihn auch genealogische Beziehungen und biographische Einzelheiten interessiert; darauf deutet selbst die Tatsache, dass er im Alter die Namen ihrer Eltern nicht mehr wusste, aber Platz für sie frei hielt und sie erfragte. Er erwähnt übrigens, dass Hildegards erster „Sekretär“ und langjähriger Vertrauter daran gedacht hatte, ihr Leben zu beschreiben, aber zu früh gestorben sei, um sein Vorhaben zu verwirklichen. [12 CCCM 66, XV, Z. 131f.] Damit dürfte er kaum Volmar gemeint haben, auf den die Beschreibung eigentlich zutrifft, sondern Gottfried, den er auch an anderer Stelle mit Volmar ganz bewusst verwechselt. [13 CCCM 66A, XXVI, Z. 289f. Zu beiden S. 6.6.]
Im übrigen gibt es auch zum Kloster Rupertsberg eine verhältnismäßig gute Überlieferung. Viele Urkunden sind erhalten, dazu ein frühes Besitzverzeichnis mit Angabe der Schenker, das im Barock Registrum bonorum genannt wurde [14 Es gelangte – wohl eine Folge der preußischen Einverleibung Nassaus – 1867 ins LHAKo (164/405). Auf dem Buchrücken nennt es ein Aufkleber Chartularium Rupertsberg XII et XIII saec. Die eigentliche Güterbeschreibung ist von Beyer (MRUb) halbwegs zuverlässig ediert. Eine sorgfältige und vollständige Edition etwa wie die des Oculus Memorie wäre sehr viel wichtiger als viele der Traktate über Hildegard. Die vielen, teilweise sogar ins 12. Jahrhundert zurückreichenden Urkundenabschriften oder gar -originale findet man eher zufällig in zerstreuten Regesten (MRR: Adam Goerz, Mittelrheinische Regesten, 4 Bände, 1876–1886; Böhmer–Will: Johann Friedrich Böhmer, Regesta Archiepiscoporum Maguntinensium. Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe, bearb. von C. Will, 1887–86; Knipping: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter 2, bearbeitet v. R. Knipping (PubllGesRheinGKde 21, 2); A. J. Weidenbach, Regesta Bingensia … /Regesten der Stadt Bingen, des Schlosses Klopp uind des Klosters Rupertsberg, 1853) und Urkundenbüchern (NassUb).], vom Nekrologium [15 Wolf-Heino Struck, Das Arch. des Klosters Rupertsberg-Eibingen im 18. Jh., in: Beitrr. z. Mainzer KG. in der Neuzeit Festschr. für Anton Philipp Brück z. 60. Geburtstag (QAmrhKG 17) 1973, S. 191ff.] nur ein Bruchstück. Die dort bekundeten Vorgänge, das sei hier vorausgeschickt, sind fast immer undatiert und schwer datierbar. Weitere Quellen sind die Acta inquisitionis zur versuchten Heiligsprechung und schließlich als besonders kostbarer Inschriftenträger ein Altar-Antependium aus dem Kloster. Es wurde im 19. Jahrhundert nach Brüssel verkauft; im 17. Jahrhundert hatten sich die Nonnen, die doch ihre Privilegien und Güterverzeichnisse gut aufbewahrten und auf dem Laufenden hielten, des Nekrologs entledigt, dessen Pergament sie zu Einbänden recycleten, als welche einzelne Blätter erhalten blieben und zu Archivquellen zurückgenutzt werden konnten…

2 Zur Biographie der jungen Hildegard

2.1 Das Geburtsjahr

Ich sehe keinen Grund, von dem erstmals durch Stilting [16 AASS, S. 631] eruierten Geburtsdatum „ca. 1098“ abzugehen, obwohl Altersangaben in alten Quellen immer ungenau sind. Die für 1112 feststehende Profess setzt Mündigkeit voraus, lässt also wenig Spielraum für ein nach einigen Angaben, sogar solchen Hildegards selber, zwei Jahre später später anzusetzendes Datum.

2.2 Schule und Eintritt ins Kloster Disibodenberg

Wenn es in der Vita [17 CCCM 126, I, 1, 15ff: Cumque iam fere esset octo annorum … recluditur in monte sancti Disibodi cum pia Deoque dicata femina Iuttha.] heißt, mit gerade acht Jahren sei Hildegard mit der frommen und gottgeweihten Frau Jutta auf dem Disibodenberg Inkluse geworden, so bemerkt bereits Stilting [18 AASS, S. 632.] die Unmöglichkeit dieser Angabe angesichts der urkundlich belegten Gündung der Benediktinerabtei: aut in numeros Dodechini errorem irrepisse, aut Hildegardem alio prius loco vixisse sub disciplina eiusdem Juttæ. (Entweder hat sich in die Zählung des D. ein Fehler eingeschlichen…) Gemeint ist die zutreffende Angabe der Annales Disibodenses, Jutta sei 1136 bei ihrem Tod 24 Jahre auf dem Disibodenberg Inkluse gewesen. Ein Fehler liegt also nicht vor, demnach muss die Alternative (…oder Hildegard hat unter Jutta zuvor an einem anderen Ort gelebt) zutreffen, mit der Einschränkung, dass Hildegard schwerlich unter der Aufsicht der, wie wir jetzt wissen, nicht einmal sechs Jahre älteren Jutta von Spanheim [19 Ich gebrauche die historische Schreibweise für das Adelsgeschlecht, für das Kloster und den Ort den heutigen Namen.]  gestanden haben dürfte. Für Jutta wurde nämlich erst in den letzten Jahren eine unzweifelhaft authentische Quelle wiedergewonnen. Diese Vita domnæ Juttæ inclusæ entstand im nächsten Umfeld der Verstorbenen innerhalb eines Jahres nach ihrem Tod. Franz Staab hat sie entdeckt, vorbildlich kommentiert herausgegeben und in den geistig-historischen Zusammenhang gestellt. [20 Staab, Reform…, S. 172ff.] Staab hat sie jetzt auch für Hildegard ausgewertet und mit einer Übersetzung vorgelegt. [21 Staab, Kindheit… Ich danke Prof. Staab herzlich, dass er mir die Korrekturfahnen vorab überließ.]

2.2.1 Jutta von Spanheim

Juttas Geburt lässt sich mit 1092 errechnen, ihr Vater starb cum vix esset triennis. Erzogen wurde sie zuerst von der Mutter, nach der zartesten Kindheit tradita est litterarum imbui disciplina. Mit 12 Jahren wurde sie schwer krank und uouit deo … sanctæ conversationis propositum. Gegen den Willen ihrer Verwandten (also vor allem des Bruders Meinhard) suscepit sanctae religionis habitum von Erzbischof Ruthard. Wegen des „Exils“ von Ruthard in Thüringen kann dies frühestens Ende 1105 geschehen sein. Dann unterstellte sie sich als Schülerin der gleichfalls als Nonne eingekleideten (wohl irgendwie verwandten) Uda vidua de Gillinheym, was drei Jahre dauern sollte. [22 Gillinheim ist Göllheim, dessen Kirchenpatronat später und wohl schon damals zur Herrschaft Stauf gehörte und nach Udas Zeit im Besitz der Eberstein/Spanheimer war. Vgl.: Handbuch d. hist. Stätten Dtlds. 5, Rheinland-Pfalz, Artikel Göllheim; Anneliese Naumann-Humbeck, Studien zur Geschichte der Grafen von Sponheim vom 11. bis 13. Jahrhundert, 1980/81, S. 144, Reg. Nr. 311 (1248). Hans Werle, Die Anfänge der Grafen von Eberstein in der Nordpfalz, in: MittBlRheinhessLdkde 7 (1959), S. 131f. Uta kann natürlich nicht die gleichnamige Mitgründerin von Herrenalb (1150) sein. – Hermann Schreibmüller, Burg und Herrschaft Stauf in der Pfalz, 1 (Wissensch. Beil. z. Jber. d. K. Humanistischen Gymnasiums Kaiserslautern f. d. Schuljahr 1912/13, Kaiserslautern 1913, S. 34ff.) bringt Gottfried de Stouffen, durch seine Tochter Agnes (†1132) Schwiegervater Rudolf (II) von Habsburg, ins Spiel. Uda von Göllheim als die Witwe dieses Gottfried zu postulieren, ist schiere Raterei.] Mir scheint, dass Jutta eher 1106 oder Anfang 1107 den Schleier nahm, weil dies mit dem Eintritt der achtjährigen Hildegard in eine geistliche Erziehung zusammenfällt, und weil nach den drei Jahren „Internatszeit“ bei Uda dann Juttas Rückkehr nach Hause ins Jahr 1110 fallen würde und die daran anschließenden Auseinandersetzungen mit der Familie nicht mehrere Jahre gedauert haben müssen. Ich möchte danach auch eine Probe- bzw. Novizenzeit von etwa einem Jahr auf dem Disibodenberg als selbstverständlich einschalten. Die feierliche und ewige Profess geschah jedenfalls Allerheiligen 1112. Guibert, der die Vita domnæ Juttæ inclusæ offensichtlich kannte, aber auch den Vita-Beginn des Gottfried, schildert malerisch die Einschließung Juttas mit der achtjährigen Hildegard und einer weiteren Jutta, die zwar niedrigerer Abstammung, aber doch ihre Nichte war. [23 CCCM 66A, Epist. XXXVIII Z. 201ff.…et cum alia Christi famula sibi equiuoca inferioris generis, nepte tamen sua („und mit einer anderen Gottesmagd, die wie sie hieß, von niedrigerer Herkunft, indessen doch ihre Nichte…“). Diese Nachricht bietet nur Guibert. Ich halte sie für vollauf glaubwürdig, nicht nur, weil bei Juttas Tod zwei ihrer ältesten discipulae Jutta hießen, sondern weil ein Hagiograph so etwas nicht erfinden muss und kann. Guibert ist auch der einzige, der Jutta als comiti(!) de Spanehem filia bezeichnet (ebd., Z. 136ff.) Das zeigt, dass er sich für genealogische Beziehungen interessierte und sie halbwegs richtig darstellt, wogegen auch nicht der erst zu seiner Zeit selbstverständliche Grafentitel für die SPONHEIMER spricht. Mit Chronologie kam Guibert nicht so gut zurecht: Er übernimmt Hildegards eigene, eher symbolisch gemeinte Angabe, sie sei im Jahre 1100 geboren, freilich mit dem Zusatz circa (ebd. Z. 105), dazu die Angabe der Vita, Hildegard sei mit 8 Jahren eingeschlossen worden, und die Angabe der Vita domnæ Juttæ inclusæ, Jutta sei 24 Jahre Nonne gewesen, ohne sie miteinander abzugleichen. Oder sah er die Widersprüche? Es fehlt bei ihm die Jahreszahl 1112 bei der Profess, er nennt nur das Tagesdatum: Allerheiligen (Z. 177).]
Dass, wie Staab meint [24 Staab, Kindheit…, S. 64f. Die Burg dürfte damals noch an der Stelle des späteren Klosters gestanden haben, wenn denn dies der Wohnsitz der verwitweten Mutter war.], Ort der Erziehung Juttas durch Uda die Burg Sponheim war, bezweifle ich. Schon während [25 Staab, Kindheit…, S. 65.] der dreijährigen Ausbildungszeit sehnte sich Jutta nach einer Pilgerreise, auf die die fromme Mutter (sie wird auch fromme Wittwe genannt) sie freilich nicht gehen ließ. Ich glaube, dass hier eher die geistige als die leibliche Mutter gemeint ist, bestimmt aber mit folgender Stelle: Jutta diente der würdigen Witwe und arbeitete mit ihr Tag und Nacht mit Fasten, Nachtwachen und Beten ständig für den Herrn. Jeder günstigen Gelegenheit zum Ausreißen kamen der Fleiß und die Wachsamkeit der frommen Witwe zuvor. [26 Hier kann doch nicht die leibliche Mutter gemeint sein! Übersetzung von Staab, Kindheit…, S. 71.] Nachdem die Mutter gestorben war, beschloss das Mädchen, mit seinem Plan nicht länger zu warten, das Vaterland und das väterliche Haus dem Herrn zuliebe zu verlassen…[27 Tatsächlich dürfte in jener Zeit die leibliche Mutter gestorben sein, die vermutlich selber in ein Kloster (kaum Disibodenberg) eingetreten war. Die Urkunde von 1128, die die Schenkung von Nuwenkirchen (zu seiner Lokalisierung s. Fußnote 78787879) durch Graf Meinhard referiert (MzUb Nr. 553, S. 465), sagt ausdrücklich, dass er ein löbliches Gelübde seiner Schwester erfüllte, indem er dem Hl. Disibod diese selbst übergab samt dieser Schenkung mit der selben Freiheit (Herrschaftsrechten?), die ihrer beider Mutter Sophia und nach deren Tod er selber besessen hatte. Domna Sophia, mulier religiosa hatte die Freiheit besagter Kirche von Erzbischof Ruthard erhalten. Dies ist wohl nicht kirchenrechtlich zu verstehen, wenn der Ort nicht in der Mainzer Diözese lag, sondern als Zustimmung eines Miteigentümers oder Lehensherrn. Oder bezieht sich prefate ecclesie auf mulier religiosa, und Sophia hatte dort ein Kleinkloster (Klause, Zelle) gegründet? Höchstwahrscheinlich fand die Schenkung bei Juttas Profess statt, also war Sophia zu diesem Zeitpunkt tot.]  Aber ihr Bruder widersetzte sich. Als Vermittler zog er den (vielleicht entfernt verwandten, s. 6.16.16.16.1) Bischof Otto (I.) von Bamberg hinzu. Auf dessen Rat stimmte der Bruder zu und wählte Jutta das Kloster Disibodenberg zum Aufenthalt. Sie legt praefato patre praesente, also im Beisein Bischof Ottos, 1112 November 1 die Profess ab. [28 Staab, Kindheit…, S. 65, meint, Bischof Otto habe den damals nachweislich noch nicht geweihten Erzbischof Adalbert I. vertreten. Meines Wissens ist zur Abnahme auch einer ewigen Profess nicht einmal die Anwesenheit eines Bischofs nötig. Warum Staab meint, dass Hildegard nur zwei und nicht wie Jutta drei Jahre bei Uda von Göllheim lernte, erklärt er nicht. Vielleicht blieb sie sogar länger bei Uda…]
Dieses Datum und Juttas Tod 1136 Dezember 22 [29 Die von Staab als schwerlich zu Jutta von Spanheim gehörig bezeichneten, aber terminlich passenden Memorial-Eintragungen in Seeon und dem eng verbundenen Indersdorf dürften doch auf die Disibodenberger Inkluse zu beziehen sein. Die Klostervogtei von Seeon war von den ARIBONEN über die SIEGHARDINGER gleichfalls an die SPANHEIMER gelangt, aber wohl in anderem Erbgang als die Grafschaft im Pustertal, nämlich über die Grafen von Tengling. Erster Spanheimer Vogt im Seeoner Nekrolog ist Graf Siegfried III. von Lebenau, † 1164 August 23, aber schon die beiden Frauen seines Vaters, Hiltipurch († … Juli 31), wohl die Erbtochter, und Adelheid († Januar 22, ca. 1148) wurden in Seeon begraben und memoriert. Vgl. Franz Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter…, in: Wilhelm Wegener, Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, 1962, pass.; MG Necr 2, ed. S. Herzberg-Fränkel, S. 217ff. – Freilich verbrachte bereits der älteste Bruder Siegfrieds II., Engelbert II., der 1135 als Herzog von Kärnten abgedankt hatte, seinen Lebensabend als Mönch in Seeon, wo er 1141 April 13 starb, begraben und memoriert wurde: MG Necr. 2, S. 223, und Monumenta boica B 2, S. 162 (Anhang zum Seeoner Necrolog), sowie Heinz Dopsch, 1000 Jahre Seeon· Klostergründung im Zeichen der Kirchenreform, in: Sew – Seeon 994–1994. 1000 Jahre Seeon – Ein Heimatbuch – Beitrr. z. Kloster-, Pfarr- und OrtsG. 1994, S. 67. – Engelbert (II) und Siegfried (II) dürften Vettern etwa 2. Grades der Jutta gewesen sein.] sind wichtig für die Biographie Hildegards. Auch sie wurde mit Jutta auf dem Disibodenberg aufgenommen, dafür gibt es mehrere Belege: Eine zum liturgischen Gebrauch gekürzte Version der Vita gibt an [30 Octo lectiones in festo sanctae Hildegardis legendae, CCCM 126, S. 75ff., Z. 13f. Diese Octo lectiones sollen nach Klaes einen gewissen Einfluß Guiberts und des von ihm gesammelten Materials für eine Vita verraten, ohne dass dieser der Autor gewesen wäre (CCCM 126, S. 146* ff.).], dass sie vor Bischof Otto Profess ablegte und das kann wohl nur gleichzeitig mit Jutta geschehen sein. Auch die Annales S. Disibodi [31 ed. G. Waitz, MG SS 17 S. 25, Z. 12ff.], die von allerdings drei mit Jutta eingeschlossenen sprechen, erwähnen Hildegard. Die Stelle ist freilich wörtlich übernommen aus einem anderen Zusammenhang der Vita domnæ Juttæ inclusæ [32 caput VIII, Satz 12. „…drei ihrer Schülerinnen, die fortgeschrittener waren, nämlich Hildegard und zwei des gleichen Namens wie sie selber…“.], nämlich der Leichenwaschung Juttas: tres eius discipulae, scilicet Hildigardis et suimet uocabili adhuc duae, quae prouectiores erant…
Hildegard war wohl kaum Schülerin der etwa sechs Jahre älteren Jutta im heutigen Sinn; discipula ist hier wohl als Gegenwort zu Magistra gemeint. Jutta brachte ihr freilich den Gesang der Psalmen auf dem zehnsaitigen Psalter bei, die Neumen, bzw. die einfache Notation der Psalmen war das einzige, was Hildegard von einem Manne lernte. [33 Vita I, 1, 18ff.: Iuttha … in psalterio dechacordo iubilare premonstrabat. Ceterum preter psalmorum simplicem noticiam nullam litteratorie uel musice artis ab homine percepit doctrinam…] Vermutlich betrachtete sie Uda/Oda von Göllheim als jene Lehrerin, von der sie sagte: Indocta mulier me docuit (Eine ungelehrte Frau hat mich gelehrt.)
Die Biographen Hildegards, von denen der erste, Gottfried, fast 40 Jahre nach dem Autor der Vita domnæ Juttæ inclusæ, also rund 75 Jahre nach den Ereignissen schrieb, haben die Etappen von Hildegards Eintritts in den geistlichen Stand in eine zusammengezogen, eine erklärliche Ungenauigkeit, die der Glaubwürdigkeit dieser Viten keinen Abbruch tut.
Juttas Tod bedeutet für Hildegard, dass sie nun die Nachfolge als Vorsteherin der Inklusen auf dem Disibodenberg antrat. 1143 September 29 weihte Erzbischof Heinrich (vgl. 6.26.26.26.2) die Disibodenberger Klosterkirche und kam dabei zweifellos auch mit Hildegard zusammen. 1147 begann der Gründungsprozess des Klosters Rupertsberg, der spätestens 1150 mit der Übersiedlung der Nonnen unter Leitung Hildegards abgeschlossen wurde.
Wir haben also festzuhalten (und die vielen wissenschaftlichen und populären Biographien zu korrigieren): Hildegard wurde nicht von der kaum sechs Jahre älteren Jutta erzogen, sondern mit ihr zusammen wohl ab ca. 1106/7 für drei Jahre von und wohl auch bei Uda vidua de Gillinheim, und sie legte erst 1112, also in nach damaligen Vorstellungen (ehe)-mündigem Alter, mit Jutta auf dem Disibodenberg Profess ab. Dass Hildegard nicht schon 1106, also 2 Jahre vor der Einrichtung des Benediktinerklosters [34 MzUb 1 Nr. 436. Entgegen dieser klaren Aussage datiert W. Seibrich, Zur Geschichte des Disibodenbergs, in: Der Disibodenberg, Staudernheim o. J., die Gründung vor, wohl um Hildegard möglichst lange dort gelebt haben zu lassen. Die evtle. Existenz des Benediktinerklosters vor 1098 und seine allmähliche Wiedereinrichtung nach der Rückkehr Ruthards mag zutreffen (Heinrich Büttner, Studien zur Geschichte von Disibodenberg, in: StudMittGBened 52 (1934), S. 24ff.) Frauen als Inklusen konnten aber erst nach der Einsetzung eines Abtes zugelassen werden, und die geschah erst nach Mai 11, aber wohl noch 1108.], auf dem Disibodenberg aufgenommen worden sein kann, ist ein kleiner Fehler der gleichwohl glaubwürdigen Hildegard-Biographen; doch hätte die neuere Biographik – wie Stilting! –auch ohne Jutta-Vita den Widerspruch zur historischen Wirklichkeit feststellen oder zumindest Beispiele anführen müssen, dass es Inklusen auch in Kanonikerstiften (wie 1106–08 wohl eines auf dem Disibodenberg noch irgendwie bestand) gab.

2.3 Exkurs: Die Unglaubwürdigkeit des Johannes Trithemius

Das Chronicon huius Monasterii Sponheimensis [35 Die lateinischen Zitate nach der von Marquart Freher besorgten Ausgabe der historischen Werke des Trithemius Frankfurt 1601; die deutsche Übersetzung von Carl Velten, Des Abtes Johannes Trithemius Chronik des Klosters Sponheim, Bad Kreuznach 1969, gilt als nicht ganz zuverlässig.] des Johannes Trithemius ist für das 11. bis 13. Jahrhundert als seriöse Geschichtsquelle nicht heranzuziehen. Ob sie für folgende Jahrhunderte und für die spätere Geschichte des Klosters Sponheim stichhaltig ist, muss hier nicht untersucht werden. [36  Johannes Mötsch, Genealogie der Grafen von Spanheim, in: JbwestdLG 13 (1987), S. 63f. weist nach, dass Trithemius nicht einmal die Familienverhältnisse der letzten SPANHEIMER zu Beginn des 15. Jahrhunderts, wenige Jahrzehnte vor Abfassung seiner Chronik, richtig kennt!]  Die bekannten Einwände gegen seine Zuverlässigkeit, [37 Völlig zutreffend die schon von J. Stilting in den AASS geäußerten Zweifel am Besuch des Heiligen Bernhard auf dem Rupertsberg; J. Silbernagl, Johannes Trithemius, Regensburg 1885; sowie H. Büttner, Abt Trithemius und das Privileg Honorius II. für Sponheim, in: ZGO 107 (NF 68), (1959) S. 496ff. und M. Schrader, Trithemius und die heilige Hildegard „von Bermersheim“, in: ArchMittelrhKG 4 (1952), S. 171ff.] vermehrt die eben herangezogene Vita domnæ Juttæ inclusæ, indem sie gleich ganze Reihen von Trithemius-Behauptungen entkräftet.
Offensichtlich hat Trithemius diese Vita aber gekannt! Er sagt selber: Jutta … non sine magnae opinione sanctitatis ex hoc mundo transiuit ad cœlum, cuius vita & conversatio sanctissima satis diligenter conscripta habetur. [38 Chronicon Sponheimensis S. 248, Z 31ff. Karl Hermann May, Beiträge zur Geschichte der Herren zu Lipporn und Grafen von Laurenburg, in: NassAnn 60 (1943/48), S. 1ff.  bezeichnet Trithemius rundweg als Fälscher, aber lässt (S. 37) diesen Punkt gelten: „So mag wenigstens die Bezeichnung des Grafen Stephan als Meinhards Vater auf zuverlässigen Nachrichten beruhen, … die bei eingehenden archivalischen Studien vielleicht noch zu Tage gefördert werden können.“ Der Mann hatte keine schlechte Nase… Die zuverlässige Nachricht fand Staab…]  („J. ging nicht ohne den Geruch großer Heiligkeit aus dieser Welt in den Himmel, ihr Leben und ihre hochheilige Abkehr vom Irdischen liegen sorgfältig genug beschrieben vor.“) Außerdem muss er, da er sich nirgends auf den sonst nur 1075 genannten Stephanus de Spanheim und die entsprechende Urkunde bezieht, den Namen von Juttas Vater aus deren Vita entnommen haben. [39 Ihre Mutter Sophia wird in MzUb 1 Nr. 553 genannt, nicht aber der Vater.] In nicht zu erklärendem Widerspruch zu Juttas Vita behauptet er: Fuit autem inclusa patre Stephano adhuc vivente, [40 S. 247, Z. 50ff. Er kann doch nicht den Satz praefato patre praesente (Vita domnæ Juttæ inclusæ, caput III, S. 176, Satz 10) statt auf Bischof Otto auf den leiblichen Vater bezogen haben! Dies würde bedeuten, dass er seine Quellen sehr oberflächlich gelesen hat!] (J. wurde noch zu Lebzeiten ihres Vaters Stephan Inkluse). Dass Trithemius Stephan an anderer Stelle zum Grafen macht, wäre nur ein historiographischer Lapsus, wie er schon Guibert unterlief. Dass er Juttas Vater, den sie tatsächlich in den ersten Lebensjahren verlor, 1112 noch leben, ja, erst 1118 sterben lässt, ist dagegen positive Fälschung. Staab meint freilich in Umkehrung der Beweislast, „Trithemius kannte … die zeitgenössische Jutta-Vita nicht mehr, da er behauptet, Juttas Vater Stephan habe bei ihrem Klostereintritt noch gelebt.“ [41 Staab, Kindheit S. 83, Anm. 27.]
Es wird in der Vita domnæ Juttæ inclusæ übrigens niemals in Erwägung gezogen, daß die SPANHEIMERIN Jutta Nonne in Sponheim werden und dort für sie eine Klause wie auf dem Disibodenberg eingerichtet werden könnte. Es gab also 1112 keinen Gedanken an Sponheim als Kloster. Pfaffen-Schwabenheim kam nicht infrage; es war ein Stift und gehörte wohl noch Meinhards (künftigem?) Schwiegervater, nicht Juttas Familie. Disibodenberg war aber nicht eine Wahl faute de mieux; Jutta – und Hildegard! – gehörten zu dem Adelskreis, der sich um das Kloster (und damit um Erzbischof Ruthard) scharte.
Der angebliche Beginn des Sponheimer Klosterbaus 1101 durch den damals schon mindestens 5 Jahre toten Stephan von Spanheim und die Behauptung, daß dieser 1118 Februar 25 gestorben sei, ohne ihn zu vollenden, sind freie Erfindungen des Trithemius. Diese bewußten Unrichtigkeiten lassen auch alle anderen Angaben im Chronicon Sponheimense, insbesondere die zu 1044, 1047 und die Weihe der Kirche durch Bischof Buggo von Worms, als aus der Luft gegriffen erscheinen. Trotzdem feierte man 1994 eine 950. Wiederkehr des gegenstandslosen Gründungsdatums. [42 Wolfgang Seibrich, Die vier Gründungen des Klosters Sponheim. Im Selbstverlag: August 1994 (Idar-Oberstein). Sehr wertvoll dagegen Johannes Mötsch, Die archivalische Überlieferung des Benediktinerklosters St. Martin zu Sponheim (1124–1556), in: ArchMittelrhKG 47 (1995), S. 323ff.]
Die Trithemius-Chronik mag eine interessante Kontrafaktur auf mittelalterliche Klosterchroniken sein und als solche eine literarische Leistung von beträchtlichem Erfolg und Folgen. Trithemius hat nicht schlichtweg gelogen, er hat gedichtet. Es gehört zu einer solchen Parodie, dass er uns in der als Epistola … charae posteritatis verfassten Vorrede weismachen will: Integritatem veritatis, quantum ego possum scire, seruaui in omnibus, nec sciens quic-quam falsitatis inserui. [43 S. 236, Z. 35f.] (Ich habe überall der reinen und vollständigen Wahrheit, soweit ich sie wissen kann, gedient, und jedenfalls wissentlich keine Fälschung eingefügt.) Auch das Distichon unisonum, das er als Grab- oder Gedenkinschrift für die beiden Äbte Bernhelm und Craffto widergibt, stammt als poetische Fingerübung gewiss von ihm und nicht aus dem 12. Jahrhundert. [44 Chronicon Sponheimensis S. 255. Vgl. DI 34: Die Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach, Ges. u. bearb. v. Eberhard J. Nikitsch (Die Deutschen Inschriften 34), 1993, Nr. 7†, wo Trithemius unter Berufung auf Velten und Seibrich „zumindest für die das Klosterleben betreffenden, lokalgeschichtlichen Passagen durchaus als zuverlässig angesehen“ wird, weswegen Nikitsch (ebd. Nr. 1) auch von einem „dem Benediktinerkloster vorangegangenen Kollegiatstift“ ausgeht. Historisch belegt ist des Trithemius Autorschaft für die Darstellungen der ersten 24 Äbte im Sommerrefektorium des Klosters (DI 34, Nr. 223) mit Inschriften, ihren Wappen (!) und Bildern. (Die stammen wohl nicht von Trithemius, sondern vom Freskanten.) Die Liste des Trithemius übergeht übrigens den urkundlich für 1202 belegten Abt Tietlibus oder versetzt ihn nach 1302, was aber angesichts der Zeugen in Mötsch, Überlieferung… S. 336, Regesten Nr. 6 nicht angeht.]
Eine gerade in unserem Zusammenhang belangvolle Beurteilung der die Tatsachen ignorierenden Geschichtswerke des Trithemius nähert diese den Inspirationen einer Elisabeth von Schönau und damit auch den Viten Hildegards über die heiligen Disibod und Rupert. [45 Nikolaus Staubach, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Die historiographischen Fiktionen des Johannes Trithemius im Lichte seines wissenschaftlichen Selbstverständnisses, in: Fälschungen im Mittelalter… (MG Schriften 33), Teil 1 (1988) S. 263ff.] Nur hat Hildegard keinen Hehl daraus gemacht, dass sie diese nicht Wissen aus Überlieferung oder Forschen verdankte, sondern in geistiger Schau schrieb, in mystica visione. [46 So beginnt ihre Vita S. Disibodi (AASS 29,2, S. 591)] Trithemius aber gab sich als Historiker aus. Da endet für uns nüchtern positivistische Betrachter die pia fraus. Es lohnt sehr, psychologisch die Entstehung, und geistesgeschichtlich die Wirkung solcher Offenbarungen zu betrachten; jedenfalls missversteht man sie, wenn man ihre Behauptungen als Tatsache nimmt, ob sie nun wie von Hildegard einer lux vivens zugeschrieben werden oder wie bei Trithemius eher einem Willen zum Blenden entspringen.
Erstaunlich ist, dass trotz aller Zweifel an des Trithemius Glaubwürdigkeit nur seine Hirsauer Chronik pauschal verworfen wurde, die SPONHEIMER aber immer nur in Einzelheiten als unhaltbar oder erfunden dargestellt wurde; sie werden meistens mit irgendwelchen frommen Zwecken oder mit Irrtum entschuldigt, um andere Einzelheiten als glaubwürdig retten zu können. Selbst der so kundige Staab beruft sich auf Trithemius. [47 Staab, Kindheit… S. 64 versucht, Böckelheim wieder als Geburtsort Hildegards ins Spiel zu bringen, weil „Trithemius gerade über die sponheimische Geschichte des Mittelalters sehr gute Informationen“ brächte, und belegt dies mit einem wenig überzeugenden Verweis auf F. Staab, Zur Organisation des früh- und hochmittelalterlichen Reichsgutes an der unteren Nahe, in: Gesch. Ldkde 21 (1980), S. 22 mit Anm. 94. Dort ist aber nur am Rande von Trithemius die Rede.]
Ich bleibe dabei: Trithemius hat in seiner Sponheimer Chronik zumindest für die Zeit bis 1250 keine authentischen, gar mittlerweile verlorene Quellen ausgewertet oder überliefert. Im Gegenteil, er hat fiktive Quellen selber geschaffen, um sich die literarische Arbeit zu erleichtern. Ihn als Primärquelle oder auch nur als Sekundärliteratur anzusehen, wäre dasselbe, wie wenn man das „Dreimäderlhaus“ einer Schubert-Biographie zugrundelegen wollte.

3 Die engere Familie H,ildegards

3.1 Die Eltern und Geschwister

Guibert von Gembloux hat in seinem Vita-Entwurf die Namen von Hildegards Eltern mit Freiräumen im Text ausgelassen; gleichwohl bezeichnet er sie als saecularis fastu nobilitatis sublimes, opum terrenarum affluentio exuberantes, famae celebritate illustres … nomen habuere grande, iuxta nomen magnorum qui sunt in terra. [48 CCCM 66A, Epist. XXXVIII, Z. 103ff.] („Herausragend im Stolz weltlichen Adels, überströmend vom Zufluß des Länderreichtums, hochbedeutend durch die Berühmtheit ihres Ansehens… hatten sie einen großen Namen, entsprechend dem Namen der Mächtigen auf Erden…“) Man darf hagiographische Floskeln nicht als adligen Abstammungsbeweis werten. Aber Guibert wollte sie ja mit den ihm nur entfallenen Namen belegen. Sind sie indessen nicht „blind“, sondern in noch so vager Kenntnis der Umstände geschrieben worden, bedeuten sie, daß die Familie nicht zum „kleinen Dorfadel“ (Schrader versetzt diesen Begriff ins ausgehende 11. Jahrhundert) gehörte, sondern zu den Dynasten. Immer kann man sich auf den schillernden Begriff „edelfrei“ einigen.
Übrigens fehlten die Namen auch in T, der ältesten Handschrift der Vita. [49 CCCM 126, S. 35* Anm. 45, und 185* ff.] Es handelt sich um das Autograph Theoderichs. Es scheint so, dass Gottfried (der den Entwurf schrieb), wohl auf ausdrücklichen oder allgemeinen Wunsch Hildegards von ihren Eltern nicht sprechen wollte; denn dass Gottfried die Namen (und mehr, auch über die Geschwister) wusste oder unschwer erfahren konnte, muss man annehmen. Aber der Biograph in Echternach wollte sie nennen und konnte sie sich noch erfragen. Nah verwandte Adelskreise waren zahlreich und der Zeitabstand nicht übermäßig groß, sodass man der Angabe getrost glauben darf.
Aus der endgültigen Vita erfahren wir mithin die Namen der Eltern: Hildebert und Mechthild, …patre Hi(l)deberto, matre Mec(/t)htilde progenita. Qui, licet mundanis impliciti curis et opulentia conspicui… („Sie stammte von dem Vater Hildebert und der Mutter Mechthild. Diese, wenn auch verwickelt in die Besorgungen der Welt und angesehen durch ihren Reichtum …“) Mehr wird über sie nicht gesagt. Man darf aber annehmen, dass Hildegard nicht schon früh Waise wurde wie Jutta; sonst hätten Gottfried oder Guibert dies wohl vermerkt.
Halten wir mit zwei weiteren Angaben Guiberts auch fest: Hildegard war zehntes (nicht unbedingt letztes) Kind ihrer Eltern. [50 CCCM 66A, Epist. XXXVIII Z. 113. Dass sie als das zehnte Kind quasi als „Zehnt“ für Gott den Herrn zum geistlichen Stand bestimmt wurde, wie Guibert meint, bedeutet ja nicht, dass nur dieser Zehnt entrichtet wurde. Sonst wäre ihr weltgeistlicher Bruder Hugo als das zwanzigste Kind anzunehmen, oder Säkularkleriker zählen für Hildegard, bzw. Guibert, als Professionelle und nicht als Gottgeweihte…] Ihr Bruder war der Mainzer Domkantor Hugo (s. 3.4.13.4.13.4.13.4.1).

3.2 Der Vater: Hildebert

Dieser Name, der so vertraut klingt, ist um 1100 am Mittelrhein, ja in ganz Deutschland, äußerst selten. Es ist in unserem Zusammenhang müßig, Namensträger aus der Zeit vor 1000 aufzuzählen, eine Verbindung etwa zu den MEROWINGERN oder dem Mainzer Erzbischof dieses Namens lässt sich sowieso nicht herstellen. Aus jener Zeit haben wir viele Nennungen in den Libri memoriales; der Name geriet im 10./11. Jahrhundert so auffällig ausser Gebrauch wie Pippin, Karl und (weniger) Ludwig, womit ich ihn nicht als KAROLINGER-Name bezeichnen möchte.

3.2.1 Urkundliche Nennungen eines Hildebert

Bei der Seltenheit des Namens ist es kein Problem, alle ungefähr zeitgenössischen Nennungen eines Hildebert (Hildebrecht ist derselbe Namen) aufzuzählen, soweit ich sie vor allem in den Urkundenbüchern mit ihren nicht immer für die Suche nach „Vor“namen geeigneten Registern fand. Fündig wurde ich nur in der Mainzer Diözese, bzw. am Mittelrhein:

Hildebraht, (1084–88), Zeuge für Kloster Lorsch über die Schenkung des leprakranken Heinricus de Fruminstetin in Thüringen, [51 Codex Laureshamensis, bearb. u. neu hg. Karl Glöckner, (Arbb. d. hist. Komm. Volksstaat Hessen) (CL) 119] wohl identisch mit Hildebertus (De seruientibus) 1094 [52 CL 134], und mit Hildibertus de eodem loco [=Winenheim] (Weinheim) o. D. (=1095 Oktober 27). [53 CL 141 ]

Diese Mitglieder der Lorscher Familia sind die Vorläufer einer Lorscher Ministerialenfamilie (s. 3.2.53.2.53.2.53.2.5). Ein Zusammenhang mit den folgenden im Naheraum auftretenden Namensträgern ist nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern wird auch durch andere Indizien gestützt.[54 Auch in dieser Familie gab es offensichtlich Drutwine: CL 134 und 160. Zum gleichnamigen Bruder Hildegards s. 3.4.3.]  Sie sind aber zu vage, um eine konkrete genealogische Beziehung oder gar eine Gleichsetzung mit einem (vielleicht allen) der folgenden Namensträger zu rechtfertigen.
Hildemb. (vel eius heredes persolvunt I unciam in Geisbodesheim) in Gabsheim „Mitte des 11. Jahrhunderts“ Zins-Neuerwerbung eines Propstes Reginhard von St. Alban. [55 MzUb 1 Nr. 569. Dort falsch datiert „vor 1130“ Vgl. Reinhard Schmid, Die Abtei St. Alban vor Mainz im Hohen und späten Mittelalter… (BeitrrGMz 30), S. 54f. Es handelt sich um eine ganze Gruppe solcher Ewigzinsen: Lehilin 8 Unzen, Wezil 1, Hildemb. (im Register falsch „Hildembergus“) 1, Hildelin 10 den., Bertolff 10 den. Möglicherweise handelt es sich ursprünglich um eine einzige Kapüitalaufnahme.] Man könnte in ihm Hildegards Großvater oder Urgroßvater sehen, doch wäre das sehr kühn. Auch hilft es nicht weiter.
Hildebrecht 1104 (letzter) Zeuge für Besitzbestätigung des Klosters St. Peter zu Erfurt durch Erzbischof Ruthard. [56 MzUb 1 Nr. 417, entsprechend in der Fälschung Nr. 419]
Hildebrecht de Hosebach 1112 Zeuge für Kloster Disibodenberg [57 MzUb 1 Nr. 455] (s. unten I.)
Hildebrach 1120 Oktober 16 letzter einer langen Zeugenliste Adalberts I. für das Marienstift in Erfurt. [58 MzUb 1 Nr. 489.]
Hildebertus prepositus 1122 Zeuge in einer Urkunde des Klosters St. Alban.[59 MzUb 1 Nr. 502]
Hiltebertus de Vermerssheym 1126 Dezember 25 Zeuge bei der Schenkung des Edelfreien Udo (von Stade) und seiner Gattin Jutta an Kloster Sponheim [60 MzUb 1 Nr. 545 unter 1127. Überzeugend erscheint mir die Vordatierung (Weihnachtsstil, entsprechend Indiktion und Regierungsjahr KONRAD III.) auf 1126 durch Friedrich Hausmann, Siegfried, Markgraf der „Ungarnmark“ und die Anfänge der SPANHEIMER in Kärnten und im Rheinland, in: JbLdKdeNÖ NF 43 (1977), hier S. 154 Anm. 268; von Mötsch, Überlieferung…, S. 335, Reg. Nr. 4 übernommen.] (II.)
Hildebertus 1130 Zeuge für die Übergabe des Augustiner-Chorherrenstifts Schwabenheim an Erzbischof Adalbert I. durch Graf Meinhard von Sponheim [61 MzUb 1 Nr. 567] (III.)

Ausgenommen den Propst von St. Alban, für den man verwandtschaftliche Beziehungen unterstellen darf, was nicht weiterhilft, da er sonst nicht vorkommt, können sich die Nennungen nach 1100 auf den Vater Hildegards beziehen und müssen daher näher untersucht werden.
Der Hildebrecht von 1104 gehört in einen thüringisch/mainzischen Zusammenhang. Die näher bestimmbaren Zeugen stammen aus Thüringen. Immerhin beginnen die ohne Amt und Beinamen genannten mit der eindeutig mittelrheinischen Gruppe Embrico, Wlferich, Reinboto. Dann folgen vor Hildebrecht noch Ditmar. Saxo. Letzterer kommt sonst in Mainzer Urkunden nicht mehr vor, alle anderen Namen (es muss sich nicht um die selbe Person handeln) erscheinen in dieser Zeit mehrfach am Mittelrhein. [62Vgl. die Schenkung eines Dietmar und seiner Gattin Eila an St. Alban von 1097, bezeugt (u. v. a.) von Embrico frater episcopi. nepotes eius Wo(u)luerih. Wernhere. Stephan. (MzUb 1, Nr. 395), vgl. ebenso Nr. 405 (Lippoldsberg/Hirsau), aber auch Nr. 393 (für St. Jakob, betr. Merxheim).] Da viele Ministerialen und Vasallen des Mainzer Erzbischofs dessen erzwungenen Aufenthalt in Thüringen teilten, lässt sich diese Nennung durchaus auf den Vater Hildegards beziehen, ohne dass man daraus weitere Schlussfolgerungen ziehen dürfte und könnte. [63 Der „Weinheimer“ Hildebert kommt weniger infrage, wenn man an den Gegensatz zwischen Kloster Lorsch und Mainzer Erzbischof in jener Zeit denkt.]  Auch der Hildebrach von 1120 kann ähnlich erklärt werden.

I. 1112:

Die Urkunde stammt aus dem Kopialbuch des Klosters Disibodenberg und ist unverdächtig. Propst Richard von Liebfrauen in Mainz übergibt Abt Burkard und den Brüdern des Klosters Disibodenberg einen Garten in Odernheim (am Glan) gegen eine jährliche Abgabe von 10 Schilling und „tauscht“ mit ihnen gleichzeitig einen Hof unterhalb des Disibodenbergs an der Nahe, der zum Anlegen einer Mühle geeignet ist, gegen die jährliche Lieferung eines Malters Weizen. Die zehn geistlichen Zeugen werden angeführt von einem Anshelmus chorepiscopus.
Nach ihnen folgen Liberi:
(1) Cuno de Hachenfels.
(2) Nebelung de Moschelo.
(3) Gerlach de H°usen.
(4) Hildebrecht de Hosebach.
(5) Hecil de Imiciswilre. und schließlich noch 17 Servientes.
Diese früheste Nennung eines Hildebert/Hildebrecht im Naheraum verdient in unserem Zusammenhang besonderes Interesse, weil die Urkunde für Kloster Disibodenberg in eben dem Jahr 1112 ausgestellt wurde, in dem Hildegard dort als Inkluse aufgenommen wurde. Nieder-/Ober-Hosenbach liegen bei Kirn, also im Einzugsbereich des Disibodenbergs. Gäbe es keine weitere Nennung, sähe man in diesem Hildebrecht ohne weiteres den Vater Hildegards. [64  Schrader/Führkötter, Herkunft …, S. 19 ignorieren die Existenz der Urkunde: „Man könnte aber wohl erwarten, den Namen des Vaters in einer Urkunde des Disibodenberges (Sperrung original) zu finden, dem Hildebert, seitdem sein Kind in der  Frauenklause weilte, nahestand.“ Die irreführende Behauptung verwundert umsomehr, als diese Urkunde des Disibodenberges leicht zugänglich ist!]
Angesichts der bedeutenden Rupertsberger Besitzungen in Bermersheim, von denen mehrere nachweislich von Geschwistern Hildegards stammen, hat Schrader den Vater Hildegards mit dem Hildebert von Vermerssheym von 1126 (sie meint 1127) identifiziert. Gehen wir daher gleich zu den beiden Urkunden, die sie dafür in Anspruch nimmt.

II. 1126 Dezember 25:

Erzbischof Adalbert I. bestätigt Schenkungen des Adligen Udo und seiner Frau an Kloster Sponheim. Dieser Udo ist der älteste Sohn des Markgrafen Rudolf von Stade und dessen Frau Richardis von Spanheim(-Magdeburg) und kam bereits 1130 März 15 zu Tode. Er war also der älteste Bruder der Hildegard so eng verbundenen Richardis. Er erscheint zweimal in den Annales Disibodenbergenses, zu 1128 als Udo Franchenlauf und (was nicht zutrifft) Nachfolger seines Vetters Heinrich Markgraf von Stade, zu 1130 als Udo de Frankenleuf (=Freckleben). [65 Richard G. Hucke, Die Grafen von Stade 900–1144. Genealogie, politische Stellung, Comitat und Allodialbesitz der sächsischen Udonen (Einzelschrr d. Stader G- und Heimatvereins Nr. 8), 1956, S. 44ff.] Seine Frau war Jutta von Winzenburg. – Es bezeugen nach 13 Klerikern:
(1)  Comes Megenhardus advocatus eiusdem ecclesie.
(1) Bertholffus de Eppelssheim.
(2) Adelbertus de Basenheim.
(3) Hiltebertus de Vermerssheym et filius eius Drutwinus.
(4) Roricus de Merkissheim et frater eius Gerlacus.
(5) Udalricus de Steine et filius eius Hugo.
(6) Godefridus et frater eius.
(7) Gerhardus de Emezwilre.                                 vgl. Urkunde I, Zeuge 5
(8) Gerlacus de Husen                                             = I 3
(9) Henricus de Papthenheim.
(10) Ernest vicedominus.
(11) Warinus scultetus.
(12) Ruthardus, quem dicunt Walbote.
(13) Erlewynus.
(14) Folpertus.
(15) Lufridus.
(16) Salemannus.
Obwohl man in anderen Urkunden schon die letzten (ab 11) als Mainzer Ministerialen bezeichnet, folgen nun noch 17 weitere Zeugen De ministerialibus.

III. 1130:

Graf Meginhardus de Spaneheim überträgt das monasterium Pfaffen-Schwabenheim an den Erzbischof; als Zeugen treten auf 12 Clerici, 3 Abbates, und als Laici:
(1) Emmecho comes.
(2) Item Emmecho comes.
(3) Bertoldus comes.
(4) R°u ricus.                                               II 5
(5) Eberhardus.
(6) Hildebertus.
sowie 7 MMinisteriales.
Dass dieser R°uricus (III, 4) identisch sein dürfte mit dem Roricus von Merxheim (II, 5), drängt sich auf. Eberhard (III, 5) bringt uns vielleicht zu einem weiteren Beleg für Hildebert: 1135 [vor Juni 4] [66 MzUb 1 Nr. 598]: Der Freie Eberhard von Stein (Eberhart de Sténe) schenkt St. Alban neun Hufen zu Albig. Nur drei Liberi homines sind Zeugen: comes Emmecho, Godebolt, Hildebrand. Der Name Hildebrand kommt sonst nicht vor, es könnte sich um eine Verschreibung statt Hildebrecht in der nur kopial überlieferten Urkunde handeln.

3.2.2 Nichtnennungen

Stellen wir aber auch Zeugenreihen mit mehreren der vorhin aufgeführten Namen und Betreffen ein, in denen wir Hildebert vermissen. Die älteste ist eigentlich vor seiner Zeit:

IV. 1075 [67 MRhUB I Nr. 375. Die Diskussion um die Unverfälschtheit der Urkunde und welche der beiden Fassungen das Original sei, ist wohl endgültig abgeschlossen bei Erich Wisplinghoff, Untersuchungen zur ältesten Geschichte des Stiftes S. Simeon in Trier, in: ArchMittelrhKG  8 (1956), hier S. 80f.]:

Erzbischof Udo von Trier bekundet die Schenkung eines Gutes zu Olkebach [68 Ich fand es auch bei Wisplinghoff nicht nachvollziehbar identifiziert.] an das Kloster St. Simeon in Trier durch Hugo de Hachenuels. Die Liste der Laien-Zeugen der mit (wirklich gefälschtem?) Siegel erhaltenen Ausfertigung ist nicht identisch mit der eines Duplikats, das Wisplinghoff für das Original hält. Man darf wohl beide Zeugenlisten als authentisch ansehen. Es handelt sich um die S(igna), in Gegenüberstellung:
(1) Heinrici comitis de Laach                                       Heinrici comitis de lach
(2) Diepoldi de Haga.                                                   Diepoldi de haga
(3) Stephani de Spanheim.
(4) Adalberonis de Duna.
(5) Cuononis et Adalberonis de Madelberch.
(6) Euerhardi de Steina.                                         Eberhardi et Burchardi fratrum episcopi VDonis
(7)                                                                         Walrammi et Volconis comitum.
(8)                                                                         Godefridi comitis de Kirchila.
(9)                                                                           Embichonis comitis de Smideburch.
(10)                                                                       Bernonis et filii eius Heremanni.
(11)                                                                      Anselmi de dudelendorf.
(12)                                                                      Wernere de Wiuelcoue (Wevelinghoven)
(13)                                                                      Stephani de Spanheim.  (=3)
(14)                                                                      Volcoldi.
(15) Adalberti de Mirchedesheim.                       Adalberti de mirkedesheim et filii eius Gerlach.
(16)                                                                     Rorici.
(17)                                                                     Ozonis et filii eius morardi.
(18)                                                                    Berewich de confluentia.
(19) Adalberti uicedomni.                                  Adalberti uicedomni.
(20) Hartman de Seleheim.                                Hartmanni de seleheim.
(21) Ottonis de cunz.
(22) Baldewini.                                                     Baldeuuini.
(23)                                                                      Gundolfi.   (v. Braunshorn?)
(24) Costuz.
(25) Sanzonis                                                         Sanzonis.
(26) R°udewini.                                                    R°udewini.
(27)                                                                    Diezonis.

V. 1124 Juni 7[69 MzUb 1, Nr. 522.]:

Erzbischof Adalbert I. beurkundet, dass ihm der dominus Megenhardus de Spanhem und seine Frau Mechthild, sowie Graf Rudolf (von Stade) und seine Frau Richardis die Kirche in Sponheim zur Einrichtung eines Benediktinerklosters übergeben haben. De laicis autem:

(1) Arnoldus urbis prefectus.
(2) Comes Goswinus et filius eius (Punkt?) [70 Eine gewagte Konstruktion aus willkürlicher Interpunktion gewinnt May, Beiträge… S. 2ff. Zur korrekten Interpunktion Mötsch, Überlieferung…  S. 334 (Reg. Nr. 1). Ich erlaube mir übrigens, den als Zeuge genannten Propst Hermann statt zu St. Mauritius in Mainz (MzUb, Mötsch) zum näherliegenden und gleichfalls unter Spanheimer Herrschaft befindlichen Pfaffen-Schwabenheim zu stellen, er erscheint jedenfalls in der zwei oder drei Jahre später ausgestellten Urkunde Regest Nr. 4.]
(3) Gerlacus et frater eius Emicho.
(4) Arnoldus et frater eius (Punkt?) Rubertus de Lurenburg.
(5) Comes Fredericus.
(6) Bertholffus et frater eius Sigefridus (Grafen von Nürings?)
(7) Henricus de Katzenelenbogen.
(8) Rorich et frater eius Gerlach.
(9) Udalricus
(10) Folcoldus [71 MzUb 1 Nr. 519 (1124 April 9): Udalricus de Warthbeche schenkt Erzbischof Adalbert I. die Hälfte von Malsburg (Kr. Wolfhagen), seine Miterbe (nicht unbedingt Bruder) Folcold schenkt die andere Hälfte und erhält das Ganze als Lehen. Die Zeugenreihe spricht für einen Zusammenhang der beiden Namenspaare.]
Dann heißt es ausdrücklich et alii complures de liberis. Wegen der vielen anwesenden Grafen notierte man nicht alle anderen anwesenden Adligen. Entgegengenommen wurde die Schenkung durch die Hand des Vogtes Graf Goswin.

VI. 1127 September 21[72 Die ältesten Urkunden in Schaffhausen, hg. v. F. L. Baumann, in: QSchweizG 3, Basel 1883, Nr. 64, S. 108ff.]:

In Kreuznach bestätigt Meginhardus von Spanheim die Schenkung von Illnau (im Kanton Zürich) durch seinen Schwiegervater Adalbert von Mörsberg an Kloster Allerheiligen in Schaffhausen.
Huius rei testes sunt:

(1) domnus Bernhelmus abbas de Spânheim.
(2) Bertoldus clericus, capellanus de castro Spânheim.
(3) Herimannus parrochianus de Chiriperch.
(4) Gerlach comes de Veldenze.
(5) Rorich de Merchidisheim et frater eius Gerlach et consobrinus eius Drótwin (Trudewin).
(6) Òdalricus de Steine et filius eius Hugo.
(7) Gerlach de Husin.                                                   = I 3, II 9
(8) He(i)nricus de Battinheim.
(9) Gotifrit de Imiziswilere et frater eius Gerhart.      vgl I 5
(10) Emicho de Musscelo(/Muscilo).                            vgl I 2
(11) Òdalrich de Brunishorn
et alii complures de liberis.
de ministerialibus autem Herloch, Gertwic, Marcward, Côno et frater eius Retere, Bernwin. Sigiboto et fratres eius Francho, Friderich, Cònrath, Adilbero, Meginhere, Engilger, Adilbero et fratres eius Gotifret et Lòdiwich, Witigo et fratres eius Gerunch et Welffrith et alii complures.
Am selben Tag teilte Meginhart diese Bestätigung auch dem Bischof Ulrich von Konstanz mit. Hier ist die Zeugenliste der Liberi mit kleinen orthographischen Abweichungen aufgeführt, deren erhebliche ich in der ersten Liste im Kleindruck angezeigt habe.

VII. 1128 [73 MzUb 1 Nr. 553]:
Erzbischof Adalbert I. bestätigt dem Kloster Disibodenberg die bisherigen Schenkungen (darunter die des Grafen Megenhardus für seine Schwester Jutta). Hier stehen Zeuge:

Laici autem: comites
(1) Wilhelmus de Lutzelnburch.
(2) Megenh(art) de Spanh(eim.
(3) Emicho de Kirberch et frater eius Gerlach.
(4) Sigebracht.
 Liberi:
(5) Rorich de Merxh(eim) et frater eius Gerlach.                  = V8, VI 5
(6) Adalbero de Hachenfels.
(7) Folmarus et filius eius Folmarus de sancto Albino.          (Saarbrücken-Warsberg)
Servientes et urbani: …

3.2.3 Der Vater ist (auch!) Hildebrecht von Hosenbach

Aus dieser Zusammenstellung, die man für unseren Zweck schwerlich noch erweitern und vertiefen kann, wohl aber für die Geschichte des Adels im Naheraum, geht eindeutig hervor: Der in der Vita als Hildegards Vater genannte Hildebert erscheint in der anzunehmenden Lebenszeit dieses Vaters im Naheraum, also im Einzugsbereich von Kloster Disibodenberg, mehrfach urkundlich belegt, so selten er anderswo in dieser Zeit ist. (Dass Hildebrecht und Hildebert der selbe Namen sind, wird man nicht bestreiten wollen.) Dass keine Nennung vor 1100 liegt, genau genommen vor 1112, während der Vater doch mindestens ab 1088 verheiratet und damit „Herr“ gewesen sein muss, kann man derzeit nur mit der durch die Gründung von Disibodenberg und Sponheim zunehmenden Quellenzahl und einer mit seinem Alter zunehmenden Bedeutung als Zeuge erklären. Dabei können diese urkundlichen Nennungen (immer ohne den Propst von St. Alban von 1122) sich alle auf den Vater Hildegards beziehen. Bei der damals im Adel geübten Nachbenennung können diese Hildebert-Vorkommen aber auch verschiedenen Personen gelten, die dann freilich miteinander verwandt sein dürften, evtl. sehr entfernt.
Dass der Beinamen nicht immer nach dem selben Ort gewählt wurde, ist nichts ungewöhnliches für jene Zeit, in der die Beinamen selbst für Grafen und Dynasten noch wechseln, wenn sie überhaupt „geführt“ wurden. Sie wurden eben von den Schreibern der jeweiligen Urkunden nach einer gerade naheliegenden Besitzung oder einem Amtsort mehr oder weniger willkürlich „vergeben“, wenn sie eine Verwechslung vermeiden wollten. Es ist naiv, heutige standesamtliche Verfahren in jene Zeit zu projizieren, auch was die Orthographie betrifft.
Unter diesen Voraussetzungen verdient die früheste der „passenden“ Nennungen aus inhaltlichen Gründen besondere Beachtung. Das Erscheinen eines Hildebrecht de Hosebach im Jahre 1112 bezieht sich höchstwahrscheinlich auf den Vater Hildegards, zumal diese in eben jenem Jahr im Kloster Disibodenberg, dem die Urkunde galt, aufgenommen wurde.
Die Bezeichnung nach Niederhosenbach bei Kirn (und um diesen Ort handelt es sich offensichtlich) gibt Hildebert aber eine höhere Bedeutung. Niederhosenbach ist offensichtlich ein bedeutsames Zentrum zwischen Idarwald und Nahe. Der Standort der Kirche hoch über dem Dorf dürfte ein ehemaliger Burgstall sein (ein großer dazu). In Bermersheim gibt es nichts dergleichen, auch keine Möglichkeit dazu. Da Kirchensatz und Zehnt in Niederhosenbach später vom Reich zu Lehen gingen, vermutet Wolfgang Seibrich [74 Wolfgang Seibrich, Die Entwicklung der Pfarrorganisation im linksrheinischen Erzbistum Mainz. Das Archidiakonat St. Martin in Bingen. Die Landkapitel Sobernheim und Kirn im Archidiakonat des Dompropstes (QAmrhKG 29) Mainz 1977, S. 231ff. Die zweite Jahreszahl ist falsch vom Grabmal für den Stiftsherrn (nicht Edelknecht!) Godfridus de Hosinbach von St. Vikctor b. Mainz in der Kirche von St. Johanniesberg abgeleitet. DI 34, Nr. 31, S. 31f, bietet eine bessere und vollständigere Lesung und Datierung als bisher, identifiziert aber (ohne nähere Begründung) Hosinbach mit dem heutigen Oberhosenbach, das freilich bis ins 17. Jahrhundert Volmars-Hosenbach hieß.] hier ehemaliges Reichsgut, das in die Hände von Reichsministerialen gelangt sei. „Wer kommt nun für diese Reichsministerialen in Frage. Der Weg zu den letzten Besitzern, den Schenken von Schmidtburg, führt ganz sicher über die 1112 erstmals und 1342 letztmalig genannten Freien und späteren Edelknechte von Hosenbach“, meint Seibrich in kühnem Sprung über Jahrhunderte hinweg. „Mitglieder dieser Familie tauchen oft in der Nähe der Herren von Steinkallenfels auf, deren Zugehörigkeit zu den Reichsministerialen gesichert ist“, wobei das „oft“ nur mit einem Beleg von 1203 gestützt wird. Aus den nicht gerade zahlreichen urkundlichen Nennungen kann man eine gleichrangige Stellung Hildeberts mit den SPANHEIMERN, den Wildgrafen und den Herren von Stein(-Kallenfels) und denen von Hausen [75 Dieses Hausen ist noch zu identifizieren. Vielleicht handelt es sich um Ober-/Niederhausen an der Nahe. Genauso ist an das Husunin pago Nahcuowe, in comitatu comitis Emichonis zu denken, das Ks. HEINRICH IV.1091 September 21 mit anderen Dörfern auf dem Hunsrück der Domkirche Speyer schenkte (MG DH IV, Nr. 426)]  herauslesen, den wohl wichtigsten Kräften in jenem Gebiet, das damals als Durchgangsland bedeutender Straßen längst nicht so abgeschieden war, wie es heute erscheint. [76 Der Urkataster für Niederhosenbach von 1847 lässt Altstraßen vermuten in den Wegen nach Sonnschied und Bergen („Steinwegsbitz“). Letzterer trifft am „Hahn“ auf die Römerstraße Kirn–Heuchelheim. Nach einer gemeinsamen Überquerung des Hosenbachs teilen sie sich am rechten Ufer wieder, der eine Weg führt in die Flur „In der Zeil“, der andere in drei parallelen Trassen nach Herrstein. Zwischen diesen liegt die Kirche mit ihrem großen Areal (Parzelle 2269), direkt unterhalb davon der in vier Unternummern dargestellte große Pfarrhof mit Nebengebäuden. Bergaufwärts ist die „Acht“, das bedeutet ein „ausgesondertes, unter Sonderrecht stehendes Ackerland eines Herren“ (Wolfgang Jungandreas, Historisches Lexikon der Siedlungs- und Flurnamen des Mosellandes (SchrrRTrierLdesGVolksKde 8) Trier 1962f., S. 2) Bachabwärts liegen „Königswiese“ und „Königsrech“.] Das Reichsgut kann aber auch als ehemaliges SALIER-Gut angesehen werden. Ob die Schenkungen Kaiser OTTOS I. an das Mainzer St. Gangolf-Stift der in den Gemarkungen Hosenbach (und Kirn, Bergen, Wickenrodt) gelegenen Besitzungen der Brüder Megingoz/Megingaud und Lantbert oder Reginzo, die ihnen wegen Räuberei und Übeltaten gerichtlich entzogen worden waren, zu Besitzkontinuität führten, weiß ich nicht. [77 Vgl. die sich in den Namen der Malefikanten teilweise widersprechenden Urkunden MRUb 1 Nr. 202 (Ingelheim 961 Mai 29) und Nr. 207 (Nimwegen 966 Februar 6), bzw. MG DD O I Nr. 226 und 321. Husonbah ist Niederhosenbach und nicht eine Wüstung bei Kirn. Erstaunlich ist, dass der Name Megingoz im weiteren Umkreis der Hildeberte und Hildegards wiederkehrt.]
Diese von mir nur aus der Literatur übernommene Zusammenstellung lässt für Niederhosenbach keine besitzgeschichtlichen Indizien erkennen, wie wir sie für Bermersheim überreich haben. Dies verringert nicht einmal die Wahrscheinlichkeit, ist jedenfalls kein Gegen-Argument. Wenn Hildeberts Familie ihr Zentrum an der oberen Nahe hatte, musste sie es zusammenhalten; leichter trennte sie sich von dem entfernten Splitterbesitz in Bermersheim, so wie die SPANHEIMER beim Klostereintritt Juttas sich von Nuwenkirchen trennten [78 Die im MzUb 1 Nr. 553 gegebene Auflösung mit Neukirchen bei Kaiserslautern kann ich nicht nachvollziehen. Ist Neunkirchen am Potzberg gemeint? Oder das bei Nohfelden? Beides ist fernab der Sponheimer Besitzungen. Auch Naumann-Humbeck, Studien … Sponheim, S. 400, kann mit der Auflösung nichts anfangen und schlägt die Nunkirche, Ks. Simmern, (kaum, es ist eine Feldkirche ohne villa) oder Neukirchen bei Sobernheim (mir unbekannt) vor. Wenn Staab, Kindheit, S. 84, Anm. 65, meint, „Nuwenkirchen … gehörte zu den Gütern, die der Disibodenberg später behielt und dafür dem Rupertsberg eine Entschädigung… überwies“, so bezweifle ich auch das. Jutta war auf dem Disibodenberg und lange vor der Übersiedlung der Nonnen gestorben, Hildegards Gründung hatte keinen Anspruch auf Juttas Ausstattung.]. Umgekehrt lag auch dem Kloster Rupertsberg mehr daran, nahegelegene Güter zu bekommen.

3.2.4 Ein oder zwei Hildeberte?

Die Nennungen zwischen 1104 und 1130, evtl. 1135, führen freilich zu der Frage, ob wir es wirklich mit nur einem oder nicht mit zwei Hildeberten (Vater und Sohn) zu tun haben. Halten wir uns alle Voraussetzungen vor Augen: Es gibt keinen ernsthaften Grund zu zweifeln, dass die 1098 geborene Hildegard das zehnte Kind ihrer Eltern war. Dann müssten diese allerspätestens 1088 geheiratet haben, und Hildebert kann kaum nach 1070 geboren sein, eher sollte man die Heirat auf 1080–85 und seine Geburt auf 1055–65 ansetzen. Dass die Lorscher Belege Hildeberts erste Ehejahrzehnte abdecken, ist nicht sehr wahrscheinlich. So oder so, Hildebert könnte 1130, selbst 1135 noch gelebt haben. Aber auch ein älterer Bruder Hildegards dieses Namens, der ca. 1085/90 geboren ist, könnte durchaus 1126 schon zusammen mit seinem Sohn Drutwin als Zeuge auftreten. Daß ein Drutwin als Bruder Hildegards zu erschließen ist, schließt nicht aus, ja lässt bei der damaligen Namensvererbung sogar vermuten, dass es auch einen gleichnamigen Neffen gegeben haben könnte. Man könnte sogar den an so untergeordneter Stelle in Thüringen erscheinenden Hildebrach von 1120 Okt 16 eher mit einem Sohn des älteren Hildebert identifizieren als mit diesem selbst. Auch mag 1126 eher ein Junior der Adelsfamilie in dem damals schon durch Erbteilungen zersplitterten Bermersheim residiert haben, als dass das Familienoberhaupt damals dort „im Austrag“ saß. Und 1130 ist der Hildebertus eindeutig nach R°uricus und Eberhardus aufgeführt, also minder bedeutend, wohl jünger.
Ich gebe diese Konstruktion von Vater und Sohn Hildebert nur als Denkmöglichkeit. Ihre Wahrscheinlichkeit ist nicht groß, aber doch vorhanden. Ich würde sogar einen geistlichen Sohn dieses Namens für wahrscheinlicher halten; der 1122 auftretende Hildebertus prepositus von St. Alban stammt kaum aus dem Weinheimer Umfeld. Er könnte zu den Geschwistern Hildegards gehört haben. Er stammt kaum aus dem Weinheimer Umfeld. Dann kann es nicht einen weiteren Bruder dieses Namens gegeben haben, wenn sollte. Aber es gibt unzählige Möglichkeiten, dass er Neffe oder sogar Enkel von Hildegards Vater war.
Überhaupt sind auch alle meine Aussagen nur wahrscheinlich, freilich eher mehr als minder: Es gibt nur die eine Nennung der Namen von Hildegards Eltern in der Vita, aber auch keinen konkreten Grund, ihr nicht zu glauben. Auch die übrigen Hypothesen sind frei von Willkür und Widerspruch. Gleichwohl bleibt alles nur Annahme. Ein kluger Kenner der Materie, dem ich meinen Artikel zeigte, schlug mir als Titel vor: „Hatte Hildegard von Bingen Eltern?“

3.2.5 Spätere Namensträger

Bei der Seltenheit des so vertraut und unauffällig klingenden Namens Hildebrecht will ich noch alle Namensträger aufzählen, die mir für eine jüngere Zeit begegnet sind. Damit kann ich auch die Forschungslücken deutlich machen, die ich offen lassen muss.
Zunächst halte ich mich an die im Lorscher Codex überlieferten Namensträger, Nachfolger der oben aufgeführten und vermutlich mit denen im Naheraum irgendwie verwandt.

De familia: Hildebertus, … Hildibertus … 1130 [79 CL 143]
De ministerialibus: … Hildebertus…1148 <März 13 [80 CL 153]
Hildebertus, zunächst Mönch in Fulda, dann Propst in Michelstadt, starb 1148 Oktober 23, nachdem er keine sechs Monate Abt von Kloster Lorsch gewesen war. [81 CL 1, S. 437 (Chronik § 155b)]
De ministerialibus laurishamensibus: … Hildebertus, de Weinenheim (1160 April) [82 CL 163]
Ein Grabsteinfragment in Weinheim gilt einem dieser Hildeberte von Weinheim. [83 DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis II), Nr. 3.]
Hildeberthus, Hildeberthus de Leheim, Hildeberthus de †Herlesheim erscheinen als Schenker und Tauschpartner im 8. Kapitel des Oculus memorie (VIII A 46, 56, 59, 85), vermutlich in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts, Hildeberthus villicus als Schenker in (Mainz-)Laubenheim (OM VIII B 2). Die Umgebung – d. h. der Kreis der übrigen Stifter für die Grangie in Leeheim – ist äußerst aufschlussreich: der größte Teil des Besitzes kam von Anshelmus quidam liber homo de Gumeldingen durch Kauf und Schenkung Erzbischof Adalberts I. († 1137) an Kloster Eberbach. Anselm dürfte mit den von Mörlheim zusammenhängen (s. 7.2.27.2.27.2.27.2.2). Besitz in der nächsten Umgebung hatten (und schenkten oder tauschten) Angehörige der Familie von Wolfskehlen (Wappengemeinschaft mit Stephan von Mörlheim) und Träger der in unsere Zusammenhänge passenden Namen Stephan, Godebert, Walbert, Billung, Burkhard, Arnold, Eberhard, Wezzelo, Nibelung… Enge Zusammenhänge mit den Binger Schenkern für den Rupertsberg zeigt vor allem die Zeugenreihe der ersten Schenkung in Laubenheim.
Auch Hildebreth de Nerstein, der 4 1/2 iurnales in Hahnheim mit Kloster Eberbach tauscht (OM XVII 40), kann in unseren Zusammenhang gehören, er erscheint in der urkundlichen Nachbarschaft von Gernod und Nibelung von Hahnheim. – Diese Hildeberte stehen nicht nur geographisch zwischen denen in Weinheim und denen (inkl. Verwandten) an der Nahe.
Eine Beziehung der Familie an der Nahe gibt es sicher cum fratre Hildebertho de Spanheim. Er erscheint im Oculus memorie [84 OM XIV 54]  mit anderen Besitzern von Teilstücken einer Wiese, die gewiss ein gemeinsames Erbe darstellt. Schon die beiden ersten, Wolframus pater Sifridi de Lapide und Ottho de Sconinburch, sind miteinander verschwägert. Von den anderen erscheint Folcnandus de Longisheim ebenso wie Hildeburgis de Dreisen et filius eius Mengotus unter den Schenkern für den Rupertsberg, letztere in Nachbarschaft mit Margarete de Sconenburch. [85 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 383. – Die Nachbarschaft ist wohl chronologisch, da es sich um Nachträge handelt. Gerade in diesem Bereich ist die Edition im MRUb besonders mangelhaft, so fehlt hermannus de Sibeneich, pro quo data est vinea in Weitersheim, der zu den von Sevenich/Wahlbach gehörte.] Gerne möchte man wissen, was diesen höchstwahrscheinlich mit der Hildegard-Sippe verwandten Hildebert zu einem frater de Spanheim macht; ein Mönch kann doch keine Wiese zum Tauschen besitzen. – Trithemius erzählt, der verstorbene Mönch Hildebert von Sponheim, welcher früher Pastor zu Sponheim gewesen sei, sei 1212 Februar 27 einem Scheintoten in Mandel erschienen. [86 Trithemius, Chron. Sponh., S. 261, MRR II Nr. 1156.] Über die Richtigkeit dieser Behauptung nachzudenken ist müßig.
Ein Hildebert, Neffe des Abtes Bernhelm von Sponheim, der dem Kloster 1150 aus der Eroberung von Konstantinopel (die in Wahrheit mehr als ein halbes Jahrhundert später geschah) eine reiche Beute von Reliquien mitgebracht hätte, ist unzweifelhaft eine Erfindung des Trithemius (im Gegensatz zu dem daneben erwähnten Heinrich von Ulmen, der aber mehr als 50 Jahre später auf den Beute-Kreuzzug ging).
Hiltibertus de Nuhusen schenkt Hirsau eine halbe Hube in Neuhausen bei Pforzheim. [87 Codex Hirsaugiensis § 45a.]
Ein Hiltebertus steht an letzter Stelle einer Hirsauer Urkunde von 1167 [88 Wirtembergisches Urkundenbuch, hg. H. E. von Kausler, I (1849), Nr. 388], direkt nach Eberhard und Friedrich de Sc?ovenburg (Schauenburg), weshalb wohl das Register auch ihn unter diesen Herkunftsnamen stellt. In der neusten Edition gibt es keine nähere Bestimmung. [89 Das Reichenbacher Schenkungsbuch, bearb. von Stephan Molitor (VeröffKommGeschLdskde in Baden-Württemberg A 40) St 149]
Hildebert, Kanoniker in Halberstadt: 1142 April 16 – 1148 Oktober 18, zuletzt Priester, und zugleich Archidiakon in Seehausen. Seine Familienzugehörigkeit ist nicht festzustellen. [90 UB Hochstift Halberstadt 1, Nr. 202, 205, 221; Rudolf Meier, Die Domkapitel zu Goslar und Halberstadt in ihrer persönlichen Zusammensetzung im Mittelalter (mit Beitrr. über die Standesverhältnisse der bis zum Jahre 1200 nachweisbaren Hildesheimer Domherren), Veröff. Max PIanck-Inst f. G. 5/ Studien zur Germania sacra 1), 1967, S. 277.]
Hildebraht zeugt als letzter Hersfelder Ministeriale (nach einem Gerlach) 1150 Juli 29 für Abt Heinrich. [91 Otto Dobenecker, Regesta … historiae Thuringiae, 1, Nr. 1631. In der Vorurkunde mit gleichem Ortsbetreff (1137 = September 13, ebd. Nr. 1343) erscheinen als Zeugen u. a. Reginbodo, Propst von Ohrdruf, und die Hersfelder Ministerialen Folperd von Zelle, Erkenbert von Lengefeld, Folcnand und seine Brüder von Grumbach. Gehört Hildebert zu letzteren? ]

3.3 Die Mutter Mechthild

Sie wird nur in der Vita genannt. Die (korrigierte) Schreibung Methtilde meintbesagt den selben Namen.
In der Urkunde Meinhards von Spanheim von 1127 September 21 (s. o. VI.) erscheint neben den mehrfach gemeinsam auftretenden Brüdern Rorich und Gerlach von Merxheim deren consobrinus Drutwin. Es bedarf keiner Kühnheit, um in ihm Hildegards Bruder dieses Namens zu erkennen, zumal da er einen Bruder Rorich hatte. Die Mütter der beiden Brüderpaare (und jeweils weiterer Geschwister) waren, wenn man Consobrinus wörtlich versteht, Schwestern, und diese brachten den Namen Rorich (wohl auch Hugo) in die beiden Familien, er stammt also aus ihrer Ahnenschaft. [92 Darauf wies schon K. H. May hin, vgl. Fußnote 6666.]  Dagegen scheint Hildebert aus einer entfernteren Gegend eingeheiratet zu haben.
Als Vater Mechthilds drängt sich damit der Roricus von 1075 aus Urkunde IV in unser Blickfeld. In der einen Ausfertigung ist nur Adalbert von Merxheim (15) aufgeführt, in der anderen auch sein Sohn Gerlach und als nächster Zeuge eben Roricus. Das ist kein starkes Indiz dafür, dass sie zusammengehören, mehr zählt, dass sein Name unter den Enkeln Adalberts auftaucht. Zusammengenommen kann dies nur bedeuten, dass Rorich Schwiegervater Gerlachs war, denn diesen muss man als Vater der Brüder Rorich und Gerlach von 1124 (und öfter) annehmen.
Da Frauen des mittelalterlichen Adels meistens sehr früh heiraten, dürfte Mechthild spätestens 1073, frühestens 1060 geboren sein. Dazu passt sehr gut, dass ihr mutmaßlicher Vater 1075 als Zeuge auftritt. Er bleibt ein blasser Namen für uns. Über seine Herkunft aus Trier lässt sich spekulieren, dort erscheint in der ersten Hälfte ein Hochvogt, dort gibt es mehrere höhere Geistliche des Namens Roricus u. ä. Ich habe inzwischen die Übersicht verloren, welche der Trierer Urkunden echt ist; in dem dünnen Nennungsgespinst lässt sich eh kein haltbares Gewebe erkennen.

3.3.1 Die Familie „von Merxheim“

Wichtiger sind für uns sowieso die Nachkommen des Roricus. Aus dem mündigen Auftreten dreier Söhne des Gerlach 1133 (< September 13), von denen Hugo ein predium in Zotzenheim verkauft hat, ergibt sich, dass die Brüder Rorich und Gerlach schon im 11. Jahrhundert geboren sein müssen. [93 vgl. MzUb I, Nr. 586: Der ingenuus homo Gerlach qui dicebatur Uolans, hat die Söhne Hugo, Gerlach und Adelbert.] Dass so alte Herren aber immer wieder als Gebrüder auftreten, lässt mich annehmen, dass Rorich ohne Leibeserben war, vielmehr Gerlach sein vorgesehener Erbe war. Zwischen dem einzigen Auftreten Gerlachs 1075 und dem ersten der Brüder 1124 liegt aber ein halbes Jahrhundert, in dem es sogar zwei Urkunden über drei Schenkungen in Merxheim gab, in denen keiner von ihnen erscheint, obwohl man sie doch dem Beinamen nach als Ortsherren ansehen möchte. [94 MzUb 1, Nr. 393 und 436.] 109[7] (die Urkunde gilt zwei bereits abgeschlossenen, zurückliegenden Vorgängen) begegnen an wenig prominenter Stelle einmal ein Hildebolt und einmal ein Drutuuin. In ihnen Hildebert (der Name Hildebolt hat keine Parallele) und gar seinen schwerlich schon mündigen Sohn zu sehen, hieße die Spekulation zu weit treiben. Warum erscheinen die Gerlache und Roriche nicht? Standen sie in Opposition zur Schenkung? Gab es gerade keinen erwachsenen Vertreter der Familie? Den Ansatz zur Lösung bekommen wir von weither.
1100 Februar 5 bezeugt im Mauritiusdom ein Rorich de Merkethesheim die Schenkung der Güter Schweinfurt u. a. des erblindeten Grafen Otto von Schweinfurt an das Erzstift Magdeburg, verbunden mit einer komplizierten und kostspieligen Entschädigungsregelung für Ottos Mutter Beatrix, die beim Übergabeakt anwesende Vorerbin der Güter, cum advocato suo Sygebodo. [95 Ub des Erzstifts Magdeburg, bearb. v. F. Israël u. W. Möllenberg (GQProvSachs Nr. 18) 1937, Nr. 175. – Es gab im vorigen Jahrhundert eine ganze Reihe von Aufsätzen über diesen Vorgang, s. die neuste Darstellung: Dietrich Claude. Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in das 12. Jahrhundert (Mitteldt. Forschungen 67) 1, S. 373f. – Die Schenkung kam übrigens nie recht zustande; der blinde Otto hatte zwei geistliche Brüder, von denen Konrad wieder weltlich wurde, die Schenkung (wohl nach dem Tod der Mutter 1102) anfocht und schon 1104 fiel. Eberhard war bereits Bischof von Eichstädt, starb 1112 und scheint große Teile des Besitzes geerbt zu haben.] In Empfang nahm die Güter symbolisch Hermann (von Spanheim), der Magdeburger Hochvogt, sub legitimorum testimonium Francorum. Diese 27 namentlich aufgeführten „rechtlichen Franken“ sind keineswegs die einzigen Zeugen, es gibt noch zwei Listen von clericis und militibus, die den Vorgang viderunt. Es sind auch keineswegs „Franken“ im heutigen Sinne, denn sie werden angeführt von den LUDOWINGERN Beringer et Ludowic de Scowenburch; auch unseren Rorich de Merkethesheim (an vorletzter Stelle) kann man gewiss nicht dazurechnen. [96 Die Herausgeber haben anscheinend die Ortsbezeichnungen nur in Franken gesucht. Senepveld ist nicht Sennfeld b. Schweinfurt, sondern Sennfeld bei Adelsheim, nach dem Friedhelm und Heinrich jedenfalls im Cod. Hirs., 30b und 40a benannt sind.] Aber in Sachsen galt er vielleicht als Rheinfranke oder eben als Nicht-Sachse. Viel lohnender ist die Frage, warum Rorich den weiten Weg nach Magdeburg auf sich genommen hat. Der Zeremonie wegen? Hatten die nichtfränkischen Franken irgendwelche potentiellen Erbansprüche? Wir könnten die Angelegenheit als unerklärbar und zufällig abtun, gäbe es nicht noch zwei Namen in dieser Liste, die uns aufhorchen lassen: ziemlich in der Mitte steht Gozwyn de Mergentheym und direkt vor Rorich Athelbrecht de Thiedeburi, eine Ortsbezeichnung, die die Bearbeiter ebensowenig auflösen konnten wie Merkethesheim, das vielleicht nur des Anklangs an Mergentheym so geschrieben wurde.
Dieser Adelbert ist natürlich nicht der Merxheimer von 1075. Ich „übersetze“ Thiedeburi mit Dietfurt und vermute, dass er noch – wie Rorich – sehr jung war und identisch mit Adilbertus, iuvenis praeclarissimae indolis, immatura morte praeventus, dem Sohn der Gepa de Dietfurt, nobilissimis natalibus orta, die im Kloster Zwiefalten Nonne geworden war. [97 Die Zwiefalter Chroniken Ortliebs und Bertholds, neu hg., übers. u. erläutert v. L. Wallach, E. König u. K. O. Müller (Schwäb. Chroniken der Stauferzeit 2), 1978, S. 227. Adelbert war Sohn des (wann) gefallenen Heinrich von Dietfurd oder Nusplingen und einziger Bruder der Adelheid, die als letzte der Familie auch noch von ihrem Mann, Alewicus, Graf von Sulz, dem Mitgründer des Klosters Alpirsbach, verlassen wurde und 1130…32 ins Kloster ging. Nach Hans Jänichen, Die schwäbische Verwandtschaft des Abtes Adalbert von Schaffhausen (1099–1124), in: Schaffhauser Beitrr. z. vaterländischen Geschichte 35 (1958), S. 64, ist Heinrich identisch mit einem Heinrich von Witelsberg, der auch mit einer Gepa vermählt war und von 1087 bis 1125 meist in den Urkunden von Kloster Allerheiligen erscheint. Letzteres macht skeptisch: war die Dietfurter Gepa nicht vor 1125 Konverse?]
Eine ca. 1110 als Konverse lebende Geba bietet nicht nur literarisch, sondern wohl auch genealogisch den Übergang zu dem anderen Zeugen der Schweinfurter Schenkung im Jahre 1100. Goswin von Mergentheim werden wir in 7.2.2.4 nochmals begegnen. Er erscheint mehrfach im Codex Hirsaugiensis, u. a. ca. 1110 als Bruder der Geba conversa et comitissa de Osterfrancken, [98 Das Schwanken in der Nennung des Grafentitels (-amts) bei ihr und ihrem mutmaßlichen Bruder ist eher charakteristisch als ein Gegenargument. Irgendwie könnte auch ein Adalbert de Obernsteten in die Familie gehören, er hat auch (Cod. Hirs., 29a) in Stutpferrich Besitz, wie Reginboto, Rupertus, Geba.] sowie ca. 1103 als Sohn eines Ebo und Zeuge für einen Diemar. Ich stelle all das ohne lange Beweise in den Raum und behaupte dazu auch noch, dass es sich um jenen Goswin handelt, der 1124 (s. o. 3.2.1 V.), aber nicht mehr 1126 (ebd. II.) als Vogt von Sponheim und ältester der Cognatio bezeichnet wird. [99 May, Beiträge…, S 26ff. diskutiert ausführlich seine Figur, ihm entgeht aber der Goswin in der Magdeburger Urkunde, obwohl er den Rorich dort kennt.]

Kehren wir aus Schwaben, Franken und Magdeburg wieder zurück nach Merxheim: 109[7] bezeugt an erster Stelle ein Gozuuin comes den möglicherweise zurückliegenden Kauf der Hälfte des dortigen Patronats durch St. Jakobsberg von einem Ludwig, 1108 [100 MzUb 1, Nr. 438.] eine Schenkung eines Ludwig (wohl aus dem Gut von dessen Frau Bezecha) an das gleiche Kloster ein Gozuuin (gleichfalls an erster Stelle). Alles dies und weitere Indizien könnte man zusammenfassen: Dieser Goswin war immer derselbe und durch seine Mutter verwandt mit den „GOSWINIDEN“, hauptsächlich Grafen im Grabfeld, wohl aber auch verwandt mit den Markgrafen von Schweinfurt. [101Heinrich Wagner, Mellrichstadt (Historischer Atlas von Bayern, Reihe I, 29) 1992, S. 70ff.] Zwischen 1124 und 1126 dürfte Goswin gestorben sein. Er tritt gleichzeitig in Zusammenhang mit den Merxheimern und den SPONHEIMERN auf. Wahrscheinlich waren diese nah verwandt. Mir scheint, er hat vor 1100 eine Witwe oder älteste Tochter an der Nahe aus einer von beiden Familien geheiratet. War es gar Sophia, die Witwe Stephans? Aber die (mulier religiosa) ging anscheinend noch ins Kloster, zu seinen Lebzeiten. Oder die Witwe Gerlachs von Merxheim? Oder eine Schwägerin der beiden? Jede dieser Möglichkeiten hieße vordergründig, dass auch Stephan ein Sohn des Roricus, also auch ein Schwager Hildeberts war! Oder war er nur ein Verwandter (Neffe?) Adalberts von Merxheim?
Jedenfalls scheint es so, dass er sowohl für Merxheim als eine Art Vormund Rorichs (1097 garnicht genannt, 1100 als junger, spät zu nennender Zeuge im Gefolge Goswins) als auch für Sponheim als Vogt Meinhards erscheint. Seine nicht immer bezeugte „Grafen“-Qualität entsprach hierzulande eigentlich keinem Amt. Er hat auch seinen gleichnamigen „Vetter“ an den Rhein gebracht, der Liutgard, die Witwe des 1102 verstorbenen Grafen Heinrich von Katzenelnbogen, heiratete, deren Sohn Hermann von Stahleck in der Gründungsgeschichte des Rupertsbergs auftritt.
Ich komme noch einmal auf die merkwürdige Schenkung in Magdeburg zurück. „Bei dem Erwerb von Schweinfurt scheint es sich um eine Gefälligkeit zu handeln, die (Erzbischof) Hartwig Beatrix erwies. Wahrscheinlich war sie eine entfernte Verwandte Hartwigs“ [102 Claude, Geschichte EB Magdeburg… S. 374] und damit auch seines Bruders, des Magdeburger Hochvogts Hermann „von Spanheim“. Dieser weitere SPANHEIMER-Bezug ersetzt nicht die anderen. Der Adel praktizierte schon damals Nahehen an der Grenze des von der Kirche erlaubten. Zwei Verwandte waren deshalb oft über mehrere Linien gleichzeitig verwandt, bzw. verschwägert.
Ich gebe zur Übersicht eine bereinigte, aber nicht endgültig ausgeforschte Tafel der Merxheimer, in die ich vorsichtshalber Goswin nicht aufgenommen habe. Zur weiteren Geschichte der Merxheimer gibt es erst spät wieder genealogisch brauchbare Quellen. [103 Friedrich Toepfer, Ub für die Geschichte des gräflichen und freiherrlichen Hauses der Vögte von Hunolstein, 1866-72, 1, S. 455.]
Wie der 1147–1151 Mai 1 bei der Weihe des Rupertsbergs anwesende Wernhere de Merchesheim unter die Merxheimer einzureihen ist, muss offenbleiben; in der (Anfang 1152 ausgestellten) Gründungsurkunde von Erzbischof Heinrich wird er unter den Zeugen aufgeführt, als letzter der liberi, nach Hûog de Lapide und °Vdelricus de Bruneshor, für die ich auch verwandtschaftliche Beziehungen zu Hildegard annehme. [104 MzUb 2, Nr. 175.] – Die Hinweise von K. H. May auf die ab 1191 belegten Roriche von Saarbrücken/Warsberg/Alben sind begründet; leider gibt es dazu keine neuere Untersuchung. [105 Michel Parisse, Noblesse et chevalerie en Lorraine médiévale. Les familles nobles du XIe au XIIIe siècle, Nancy 1982, S. 345 & 443, befreit die Aufstellung in Walther Möller, Stammtafeln westdeutscher Adelsgeschlechter im Mittelalter, 3, 1936, S. 244ff. von groben Fehlern, ohne für die ersten Generationen neue Daten zu bringen.]

3.4 Geschwister Hildegards

Jetzt waren wir schon bei Vettern Hildegards, und haben die Geschwister noch nicht behandelt! Für Schrader und schon für Johannes May sind Hugo, Rorich und Drutwin, die dem Rupertsberg in Bermersheim Güter schenkten [106 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 367], Hildegards Brüder. Selbst wenn Hugo dabei nicht Domkantor genannte wird, und die drei nicht als Brüder Hildegards bezeichnet werden, ist das wohl richtig.
Auch die Mitbesitzerinnen Irmengarth, Odilia und Judda in Bermersheim werden von Schrader als Geschwister Hildegards angenommen, ebenso die Rupertsberger Mitschwester Clementia, für die in Bermersheim ein Hof und einzelne Stücke an das Kloster kommen. Meines Erachtens ist es keineswegs sicher, dass sie Schwestern Hildegards waren. Sie können auch Nichten oder gar Großnichten gewesen sein oder Seitenverwandte. Vielleicht waren sie auch garnicht verwandt mit ihr. Außerdem schenkten in Bermersheim mehrere andere Personen dem Rupertsberg oder waren dort begütert; Schrader behandelt sie nicht. Ich versuche es in 4444.

3.4.1 Hugo, Domkantor in Mainz, (und?) der zum Mönch gewordene Domkanoniker

Als Bruder Hildegards historisch belegt ist nur Hugo, der Mainzer Domkantor. Guibert von Gembloux berichtet in einem Brief (der nach 1177 März zu datieren ist) [107 CCCM 66A, Nr. XXVI, Z. 346ff. ] seinem Freund, Radulf, Mönch von Villers, der derzeitige Bischof von Lüttich (Rudolf von Zähringen, 1167–1191 August 5) habe in Mainz von Kind auf seine Ausbildung bei Hugo seligen Angedenkens, dem Bruder Hildegards und Domkantor erhalten (a fratre ipsius domne Hildegardis, bone memorie Hugone cantore, ab infantia educatus est). [108 CCCM 66A, Nr. XXVI, Z. 346ff. – Wahrscheinlich hatte Hildegards Bruder maßgeblichen Anteil daran, dass Rudolf von Zähringen 1160 auf den „vom Blut (Erzbischofs Arnold von Seelenhofen) noch rauchenden Mainzer Stuhl erhoben“ wurde (Böhmer–Will 1, S. 378ff.) Hugo weilte kurz vor der Ermordung aber bei Erzbischof Arnold und gehörte schwerlich zu dessen Mördern.]
Hugo erscheint 1152 (vor Februar 15) erstmals, und zwar als Mitglied des Mainzer Domkapitels. 1156 bis 1163 erscheint er als Domkantor. Er ist also erst in vorgerücktem Alter zu diesen Würden gelangt, da er kaum lange nach (eher etwas vor) Hildegard geboren sein dürfte. 1170 und 71 ist ein Heinrich Domkantor. [109 MzUb 322 Anm. 10.]  Hugo ist wohl zwischen 1163 und 1170 gestorben. Oder stieg er in eine höhere Würde auf? Belege für das Domkapitel sind in jenen Jahren rar, speziell für die Kustodie garnicht existent. Aber dann hätte Guibert seiner nicht als cantor gedacht. Es ist angesichts der jähen Wechsel auf dem Mainzer Stuhl aber auch durchaus möglich, dass Hugo seiner Würde entsagte oder entsagen musste, Mönch (auf dem Disibodenberg, auf dem Rupertsberg?) wurde und 1176 (nach dem Tode Gottfrieds, des Biographen) quasi als Praepositus auf dem Rupertsberg fungierte und bald starb.
Der eben erwähnte Brief Guiberts erwähnt auch, dass bei seiner Ankunft auf dem Rupertsberg ein leiblicher Bruder Hildegards loco praepositi die äußeren Belange des Klosters wahrnahm, ein Mönch, der vordem Domkanoniker in Mainz gewesen sei, und der bald danach starb. [110 CCCM 66A, Nr. XXVI, Z. 307ff.und 324ff.] Beziehen kann sich das auf Hugo, aber ein Rückbezug fehlt völlig, außer dem bone memorie, aber das ist doch eher so gemeint, dass Hugo schon geraume Zeit tot war. Ich habe auch das Gefühl, dass Guibert deutlich zwischen einem Kanoniker und einem Kantor unterscheiden will, und dass er mit dem bone memorie ausdrücken will, dass er Hugo gar nicht mehr kennengelernt hat. Aber, wie heißt es schon im „Datterich“ Niebergalls: „Mit Gefiehle kenne se nix beweise…“ Nirgendwo sonst gibt es einen Anhaltspunkt für einen zweiten Domkanoniker als Bruder Hildegards, der doch in den Urkunden für den Rupertsberg erscheinen sollte, wenn es nicht der Kanoniker Heinrich ist, den wir in 4.1.5 kennenlernen, wobei ihm natürlich nur die undatierbaren Belege deutlich vor 1200 gelten.
Die X solidi aus Bermersheim, die Erzbischof Adalbert I. 1128 [111 MzUb 1, Nr. 554.]  unter den Einkünften qu™  a fratribus collata sunt in refectionem beurkundet, könnten von dem späteren Domkantor (oder seinem möglichen Bruder) gestiftet worden sein, womit wir den frühesten – allerdings sehr schwachen – Beweis seiner Zugehörigkeit zum Domkapitel hätten.
Ich kann mir nicht recht erklären, warum er im Registrum bonorum immer nur als Hugo erscheint, ohne jeden Hinweis auf seine nennenswerte geistliche Würde und seine Verwandtschaft zu Hildegard. Gehört dies zu ihrer Stilisierung als eine Frau ohne Familie?

3.4.2 Rorich

H°ugo et fratres eius Roricus et Trutwinus erscheinen, wie gesagt, im Registrum bonorum als Schenker in Bermersheim. In der Bestätigungsurkunde von 1158 [112 MzUB 2, Nr. 230.] erscheinen nur Hugo cantor de domo et frater eius Drutwinus et alii quidam fideles. Hier sind ihnen 5 1/2 Mansus als Schenkung bezeugt, was in etwa dem im Registrum bonorum aufgezählten Umfang entspricht. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die beiden Nennungen nicht auf die selben Personen zu beziehen. Dann war Rorich der ältere der beiden wahrscheinlich weltlichen Brüder Hugos, und damit Hildegards. Wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätte man wohl auch ihn 1158 in der Bestätigung der Schenkungen genannt.
Dass der im Rupertsberger Nekrolog unter XIII kal. Dec. (19. November) eingetragene Roricus sacerdos et canonicus in Tholegia in die Verwandtschaft Hildegards gehört, kann man getrost annehmen. Allerdings ist der Eintrag vom Herausgeber durch Nonpareille-Druck einer Hand des 13./14. Jahrhunderts zugewiesen. Wahrscheinlich geht es um den 1233 genannten Roricus sacerdos, den eine Besessene binomium vocabat Henrice Rorice, obwohl sein Zweitname Heinrich bis dahin in jener Gegend unbekannt war. [113 Acta inquisitionis. S. 120, Z. 11ff. Er erscheint auch S. 127, Z. 39, und im (1236 bis 1251 zu datierenden Nachtrag) S. 128, Z. 47.] Keinesfalls war dieser sacerdos et canonicus in Tholegia Hildegards Bruder Roricus.
Da die Abtei Tholey in der Gegend von Niederhosenbach alten, aber schwer zu definierenden Besitz hatte [114 Seibrich, Entwicklung der Pfarrorganisation …, S. 226 u. ö. Tholey war ein Benediktinerkloster, dem im 11. Jahrhundert die dortige Pfarrei St. Johannes inkorporiert wurde. Roricus muss also an anderem Ort Kanoniker gewesen sein.], muss eine persönliche Beziehung einer dort gleichfalls (Lehen?) besitzenden Adelsfamilie zum Kloster recht natürlich erscheinen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass eine der maßgeblichen Vögtefamilien des Klosters die sogenannten Folmare (von Metz-Lunéville) waren. [115 Kanoniker gewesen sein. Für den Bliesgau klargestellt hat dies Wolfgang Haubrichs, Die bliesgauischen Ortsnamen des Fulrad-Testaments II, JbwestdtLG 3 (1977), S. 26, Anm. 246] Wir werden immer wieder auf diese Großfamilie zurückkommen und ihren Leitnamen Volmar, Gottfried, Stephan begegnen.
Schrader/Führkötter [116 M. Schrader und A. Führkötter, Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen. Beiheft z. ArchKulturg 6, 1956, S. 149 Anm. 97. – CCCM 91 A, Nr. 208 überschreibt den Brief ad Hugonem fratrem suum, als wäre dies so sicher…] machen auf einen Brief Hildegards aufmerksam, in dem diese Hugoni de Toleun schreibt, er möge seinen Bruder R. nicht in Gedanken anklagen. Sie erkennen in diesem R einen Rorich und die beiden als das belegte Brüderpaar Hildegards. Wenn dies zutrifft, dürfte der Brief wohl vor Hugos Zeit im Mainzer Domkapitel einzureihen sein, denn einen Kanoniker, gar einen Kantor am Mainzer Domstift als Hugo von Tholey zu bezeichnen, wirkt gezwungen. Eher handelt es sich um ganz andere Personen und Namen.

3.4.3 Drutwin

Fraglich bleibt, ob der Bruder Hildegards, der ja 1158 schon recht betagt gewesen sein muss, identisch oder verwandt ist mit dem Drutwin, der von Werner von Bolanden mit dessen Burg in Weinolsheim belehnt wurde, zusammen mit Friedrich, Dietrich und Eberhard. Dieser wohl spätere Drutwin kommt zusammen mit einem Embercho als de Winoldesheim vor. [117 Lehnsbücher…Bolanden, S. 32 und ]
Es liegt nahe, beim Namen Drutwin auf dessen Vorkommen bei den LAURENBURGERN zu verweisen. Irgendwie in Verbindung mit ihnen steht Trudewinus de Grispach (Griesbacherhof b. Schaffhausen), der 1111 Mai 6 für sein und seiner verstorbenen Gattin Gepa Seelenheil dem Koster Allerheiligen den mansus Aschach schenkt. [118 Jänichen, schwäbische Verwandtschaft …, S. 21f.; Urkunden… in Schaffhausen, hg. Baumann, Nr. 47]  Er ist seit 1087 belegt, Bruder des Eberhard von Metzingen und Onkel des Schaffhauser Abtes Adalbert, die bei der Gründung der Propstei Lipporn (später Kloster Schönau im Taunus) eine – noch nicht völlig geklärte – Rolle spielten.
Aber auch der Druytwinshoff, den Otto von Schönburg 1166 als Eigen besaß, läßt aufhorchen. [119  MG DF I, Nr. 507]

3.4.4 Vier angebliche Schwestern Hildegards

Irmengarth, Odilia, Judda sind mit dem Domkantor Hugo Mitbesitzerinnen eines noch nicht geteilten, unbestellten Grundstückes in Bermersheim, also Miterbinnen und Verwandte. [120 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 368] Aber ob sie seine und Hildegards Schwestern, Schwägerinnen, Basen, Nichten und untereinander Geschwister sind, bleibt offen.
Die Rupertsberger Mitschwester Clementia, deren Ausstattung in Bermersheim das Registrum bonorum an gleicher Stelle überliefert, war schwerlich eine Schwester Hildegards, sondern eher eine Nichte oder gar Großnichte von ihr. Durch welchen Elternteil, ist nicht zu eruieren, am ehesten durch einen selber nicht als Schenker genannten.[121 Ob man Clementem sororem (de vico Drectenhusen) (Acta inquisitionis. S. 120 Z. 36ff) mit ihr gleichsetzen kann, ist arg unsicher.]

3.5 Zusammenfassung

Von den mindestens 10 Kindern Hildeberts und Mechthilds stehen Rorich, Drutwin, Hugo als Brüder Hildegards fest, dazu kommt eventuell ein namenloser Domkanoniker, der Mönch wurde und 1176 auf dem Rupertsberg stirbt. Von mindestens 5 Geschwistern Hildegards wissen wir weder Geschlecht noch Namen noch Lebensdaten. Nach aller Wahrscheinlichkeit gab es zahlreiche Neffen und Nichten Hildegards. Von keinem haben wir Namen und Filiation.

4 Bermersheim

4.1 Andere Bermersheimer Besitzer

Nach den freilich spärlichen Quellen scheint es nicht so, dass Kloster Disibodenberg in Bermersheim begütert war (etwa durch die Mitgift Hildegards, die wir überhaupt gerne lokalisiert wüssten) und diesen Besitz dann an den Rupertsberg weitergegeben hätte oder auch nicht. Auch, warum von den Verwandten Hildegards so viel unkultiviertes Land geschenkt wurde, bedarf noch der Klärung, ebenso der Zusammenhang der übrigen dort im 12. Jahrhundert erscheinenden Grundbesitzer. Deutlich hat man den Eindruck, dass es sich hier um durch Erbteilung bis zur Ineffektivität, ja zum Brachfallen zerstückelte Güter handelt.

4.1.1 Graf Ulrich von Are

Schon 1158 wird seine Schenkung urkundlich bezeugt. [122 MzUb 2, Nr. 231.]  Im Registrum bonorum heißt es, dass comes °udalricus et uxor eius c°unegunt dem Rupertsberg ein Allodium übertrugen et pro quo etiam Gerlibo de sobernheim duas marcas dedimus. [123 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 369. ]
Offensichtlich hatte dieser Gerlib Mit-Erbenrechte; wenn man ihn identifizieren könnte, käme man bestimmt weiter. Aber trotz seines extrem seltenen Namens scheint dies nicht möglich. Halten wir uns also an den Grafen, der offenbar über seine Frau an den Bermersheimer Besitz kam. Warum sonst hätte sie als Schenkerin mitauftreten müssen? Othalricus/Udelricus/Ulrich erscheint ab 1143 als von Are, 1152 erstmals als Graf, ab 1165/66 auch als Graf von Nürburg. 1197 April 6 wird er zum letzten Mal genannt.
Ich beziehe mich im folgenden auf eine gewiss verbesserbare Darstellung. [124 Ute Bader, Geschichte der Grafen von Are bis zur Hochstadenschen Schenkung (1246) (RheinArch 107), 1979, vor allem S. 51, S. 102ff. und S. 141ff.] In ihr wird der (nicht sehr große) Besitz Ulrichs in Bermersheim als SPANHEIMER Erbe bezeichnet, mit zwei völlig unzutreffenden Begründungen: Die SPANHEIMER seien gerade in der Alzeyer Gegend besonders begütert gewesen, und der Domkantor Hugo sei ein SPANHEIMER. Ich kann nicht prüfen, ob die ganze Darstellung auf so haltlosen Behauptungen beruht. Aber mir erscheint es auch fragwürdig, obwohl denkbar, dass dieser Graf Ulrich von Are eine ganze Generation jünger als seine Brüder Theoderich und Gerhard sein soll, als Sohn einer zweiten Ehe (mit einer SPANHEIMERIN!) des Grafen Theoderich I., der von 1087 bis 1126 belegt ist.
Bis diese Fragen geklärt werden, nehme ich an, dass der Bermersheimer Besitz von (Graf) Ulrichs Frau Kunigunde stammt, deren Bruder oder Neffe Gerlib von Sobernheim sein mag. Sie dürfte wie Ulrich in den 1120er Jahren geboren sein, gehört also schon in die Enkelgeneration Hildeberts (womit ich nicht behaupten will, dass sie seine Enkelin sei.) Ulrichs mutmaßlicher Bruder Hugo, 1149 Domkustos in Köln, 1168 Domdekan, ab 1152 Propst des Kölner Mariengredenstiftes, starb 1179 November 14. Sein Name stammt jedenfalls nicht, wie Bader meint, von den SPANHEIMERN. Aber in der Familie Hildeberts kam er vor… Hoffentlich wird man auch den 1137 als Kölner Erzbischof gestorbenen Hugo, den Gründer von Knechtsteden, nicht immer weiter mit den fantasievollen Chronisten des 18. Jahrhunderts als SPANHEIMER bezeichnen und daraus dann auch noch ableiten, dass Hugo ein Leitname der SPANHEIMER war…

4.1.2 Gothbert von Selzen

Schon 1158 wird bezeugt, dass er mit seiner Frau für 40 Mark einen Mansus dem Kloster verkauft habe, im Registrum bonorum wird nur mehr von einem Predium und einem Kaufpreis von 37 Mark gesprochen. Der seltene Vorname erscheint 1146 bis 1229 bei den Edelherren von Leiningen. [125 Ingo Toussaint, Die Grafen von Leiningen. Studien zur leiningischen Genealogie und Territorialgeschichte bis zur Teilung von 1317/18, 1982, S. 233f.] Im Oculus Memorie begegnen wir ihm besonders in Kapitel VIII A. [126 Neben den Herren von Wolfskehlen und Schenkern u. a. des Namens Hildebert, s. 3.2.53.2.53.2.53.2.5 und 7.2.2.57.2.2.57.2.2.57.2.2.5.] Dabei handelt es sich nicht immer um den jüngeren Bruder des ohne Frau und Kinder verstorbenen Ritters Walbrunus von Oppenheim, der Eberbach den Grundstock zur Grangie Dienheim übertrug, mit Zustimmung des älteren Bruders Baldemar, unter Einspruch des jüngeren Godeberthus, bezeugt u. a. von Boemund, Truchseß des Grafen von Leiningen.

4.1.3 Zwei Hermann von Bermersheim

Der Hermann, der Stücke für 18 Mark den Nonnen vom Rupertsberg verkaufte, [127 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 369.]  kann nicht mit dem Hermann von Bermersheim identisch sein, der mit der Eberbacher Grangie in Dienheim tauscht und Zeuge steht, [128 OM XXIV 64 und 90.] denn dies dürfte im 2. Viertel des 13. Jahrhunderts geschehen sein, der Verkauf an den Rupertsberg mindestens 20, vielleicht 90 Jahre früher. Immerhin belegt der Name, dass es in Bermersheim im 13. Jahrhundert noch einen Ortsadel gab.

4.1.4 Das Kloster St. Alban und die beiden Embricho

1194 [129 MzUb 2 608.] bestätigt Abt Heinrich II von St. Alban einen Tausch von St. Alban zinspflichtigen Gütern in Bermersheim, die bisher Embricho clericus, filius Herbordi in Albicho, hereditario iure ad ipsum devoluta besaß, gegen 1 Hof und 69 iugera in Albig aus dem Besitz des Klosters Rupertsberg. Zeugen sind die laici: Heinricus de Albicho, hugo, Gozwinus, Hertwicus, °Udode Butensheim, Brunicho de Eberbach et plures alii. Embricho von Albig wird zwischen 1209 und 1219 mehrmals, zuletzt als familiaris noster in Eberbacher Urkunden genannt. Er war damals Kanoniker an St. Stephan.
Über die Schenkung in Albig gibt es keine Vorurkunde, auch nicht über die in Bermersheim, wenn nicht eine von 1154 gemeint ist: Heinrich, Abt zu St. Alban, vermacht seinem Kloster durch Kauf erworbene Güter an mehreren Orten, darunter Bermersheim, Büdesheim und Bingen. [130 MzUb 2 199. ] Abt Heinrich bezahlte für die Bermersheimer Erwerbung (predium) 22 Mark, weit weniger als für die an den anderen Orten. Freilich hat St. Alban in Bermersheim noch 1276 Mai 1 einen (diesen?) Hof, den es jetzt Kloster Rupertsberg zur beständigen Nutznießung verleiht. [131 Heinrich Eduard Scriba, Regesten der bis jetzt gedruckten Urkunden zur Landes- und Ortsgeschichte des Großherzogtums Hessen, 1847ff, 3 (1851) Nr. 1855, nach Georg Christian Joannis, Rerum Moguntiacarum Scriptores, 2 (1722) 765 Extr. – Nach Schmid, Die Abtei St. Alban …, S. 280 handelt es sich um eine Quelle oder einen Brunnen (fontem). St. Alban besaß auch spätestens 1184 die Kirche und damit den Zehnt in Bermersheim.] Auch der unbekannte Verkäufer dieses Besitzes gehörte zu den „Bermersheimer Erben“, wenn wir noch immer an einem solchen Konstrukt festhalten wollen.
Einen anderen Vorgang und einen anderen Embricho meint die zweifach im Registrum bonorum [132 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 369 und 383.]  unter vine™  in Bermersheim eingetragene Schenkungs-, nicht Tauschnotiz: Embercho (bzw. Embricho de binguia) pro quo data est huba et dim. et fundus domus cum edificio ipsius pingui in salzgassun. Dieser Embricho von Bingen bzw. seine Verwandten, die für sein Seelenheil schenken, [133 Er erhielt dementsprechend (noch im 12. Jahrhundert) ein Anniversar im Rupertsberger Nekrolog unter November 24, wo die Schenkung nochmals festgehalten ist.] gehören also auch unter die Bermersheimer Erben.

4.1.5 Der Kanoniker Heinrich, Arnold, Ida

Heinrich, Kanoniker an St. Martin (welchem?) verkaufte dem Kloster Rupertsberg eine weitere Hube in Bermersheim zum moderaten Preis von 10 Mark. Es könnte sich um den Domkanoniker handeln, der zuerst 1199 November 30 [134 MzUb 2 Nr 701.] als Heinricus de Stahelecke erscheint und bis 1211 meist als einziger einfacher Domherr neben dem Dekan Friedrich erscheint. Als dann 1213 ein Gottfried dessen Nachfolger wurde, dürfte er für diesen zum Domkantor aufgerückt und vor 1217 gestorben oder in eine höhere Würde aufgestiegen sein. [135 Letzte Nennung als Heinr. v. Stahleck 1211 November 18 (Boehmer-Will, XXX, Nr. 172, vgl. Beitrr. z. Mzer. Gesch, 20: Urkunden des Stadtarchivs Mainz, I, Nr. 41); erste als Heinrich, cantor 1213 Dezember 23 (ebd. Nr. 221). Nach Boehmer-Will, XXX, Nr. 290 war 1217 dann ein Christian (gleichzeitig Propst von St. Viktor) Domkantor, wohl der spätere Erzbischof „Chr. von Weisenau”.] Jedenfalls lässt sich dieses Verschwinden nicht mit einer Amtszeit 1209 bis 1226 als Propst zu Bingen vereinbaren. [136 Weidenbach, Reg. Bing. …, Nr. 107. Er stützt sich freilich auf die gefälschten Urkunden von 1220 (s. 7.37.37.37.3) und verwechselt vielleicht mit dem Nachfolger, Heinrich von Ravensberg (ebd. Nr. 120).]
Ich habe mich mit Heinrichs von Stahleck und mit des gleichnamigen späteren Straßburger Bischofs Genealogie und Prosopographie intensiv befasst und bin mir sicher, daß er identisch ist mit dem 1196 [137 MRR II 783.] als Zeuge genannten Pfarrer Heinrich von Bacharach. 1211 macht der Domkanoniker Heinrich de Stalecke dem Kloster Altenberg eine Schenkung von Rechten aus dem St. Petersacker bei Bacharach, mit Zustimmung seines älteren Bruders Giselbert und seines jüngeren Bruders Arnold. Giselbert siegelt als Gisilbertus de Brunshorn mit den drei Jagdhörnern der Braunshorn im Wappen, und Arnold in einer Bestätigungsurkunde ebenso. [138 Hans Mosler, Urkundenbuch der Abtei Altenberg (Urkundenbücher der geistlichen Stiftungen des Niederrheins 3) 1 (1912),  Nr. 66 und 67; Achim Baumgarten und Elisabeth Scheeben, Das Wappen der Edelherren von Wahlbach, in: Hunsrücker Heimatblätter, Jg. 27, Nr. 72 (Dez. 1987), S. 45ff. (mit guter Siegelabb.)]
Nach allem, was ich in anderem Zusammenhang erforscht habe, ist dieser Heinrich von Stahleck ein naher Verwandter der von Dicka [139 Heinrich de dikke verkäuft Rupertsberg 1 1/2 Morgen Brache in Langenlonsheim (MRUb 2, N. Nr. 14, S. 372). S. auch 9.19.19.19.1.], Wahlbach und (agnatisch!) Braunshorn; diese wiederum scheinen mit den Grafen von Are verwandt zu sein. Es verwundert kaum, Heinrich unter den Schenkern für den Rupertsberg zu finden. Aber dass er Besitz in Bermersheim hatte, überrascht. Halten wir fest, dass sein mutmaßlicher Großvater Ulrich von Braunshorn schon in der ersten Urkunde für den Rupertsberg als Zeuge erscheint. Da er nicht unbedingt zum Gefolge des Erzbischofs Heinrich gehört, lässt schon dies auf Beziehungen zu Hildegard und ihrer Gründung schließen. Dass er im Registrum bonorum als Schenker von 2 iugera Weingarten zu Longesheim (Langenlonsheim) auftritt, bekräftigt diese Vermutung.
Ob dem Verkauf des Heinrici canonici de s. Martino der Eintrag Heinrichus canonicus de Mogontia qui dedit nobis I. marcam im Rupertsberger Nekrolog unter Dezember 2 entspricht, erscheint sehr zweifelhaft, da dieser Eintrag von Sauer der anlegenden Hand des 12. Jahrhunderts zugeschrieben wird, während Heinrich von Stahleck doch bis mindestens 1217 gelebt hat. Beide Belege, besonders das Anniversar, könnten auch den mutmaßlichen zweiten Bruder Hildegards im Domkapitel meinen, für den Besitz in Bermersheim zu erwarten ist, und der dann Heinrich hieße.
Arnold und Ida, die je ein iugerum Weingarten in Bermersheim schenken, sind angesichts der Allerweltsnamen nicht zu identifizieren, ja nicht einmal in Zusammenhänge zu bringen. Allerdings wird man bei Arnold zuerst an die Braunshorner denken, etwa an den eben genannten Bruder des Domherrn Heinrich von Stahleck. Die Schenker Arnold und Ida sind aber eher ein bis zwei Generationen älter, ebenso wie Heinrich.

4.1.6 Dietrich von Flonheim

Andere Rätsel gibt ein weiterer Eintrag des Registrum bonorum auf, das unter Bermersheim von einem Kauf um erhebliche 55 Mark berichtet. Verkäufer war Dominus dietericus de flanheim cum consensu uxoris et filiorum suorum… per manum domini sui irsuti comitis. Ein – nicht geistlicher – Dominus, der einen Dominus hat, lässt über den Wortgebrauch sinnieren. Flonheim gehörte wesentlich zum Herrschaftsbereich und Besitz der Wildgrafen. Warum ist Dietrich dann Vasall oder Ministeriale des Raugrafen? Zu seinem Besitz in Bermersheim kam er offensichtlich durch seine Frau, die mit ihren Kindern dem Verkauf zustimmen musste. Man darf sie also als Miterbin an dem imaginären Gesamtgut Bermersheim ansehen. [140 MzUb 2 Nr. 231: Werner Sohn des Dietrich von Flonheim 1170.]

4.1.7 Durinchart, bzw. Werner von Bolanden

Nach dem ältesten Lehnsbuch der Herrschaft Bolanden (in diesem Teil wohl textlich aus den 1180er Jahren) [141Lehnsbücher … Bolanden, S. 32; Albrecht Eckhardt, Das älteste Bolander Lehnbuch. Versuch einer Neudatierung, in: ArchDipl 22 (1976), S. 317ff.] hat ein Durinchart einen halben Mansus in Bermersheim dem Werner (II.) von Bolanden zu Lehen aufgetragen. Der seltene Name lässt auf Beziehung zu dem im jüngeren Lehnsbuch als Lehnsträger in Blödesheim genannten Durenkart de Eppensheim schließen. [142 Lehnsbücher…Bolanden, S. 45] Dieser dürfte mit seinem Bruder Eberhard ein Stiefsohn des Rudegerus de Hargesheim gewesen sein. [143 Lehnsbücher…Bolanden, S. 40. Es fällt auch auf, dass ein Rudegerus de Bisschovesheim (wahrscheinlich Bischheim b. Kirchheim-Bolanden) Güter zu Lehen auftrug in Gauersheim, wo auch Roricus sagittarius, ein Eigenmann des Bolanders, Lehen innehatte. (ebd. S. 31)] Wenn wir an der Vorstellung festhalten, Bermersheim habe einmal (wann? unter Hildebert oder früher?) eine Besitzeinheit gebildet, gehört Durinchart zu den Erben in unbestimmbarem Generationsabstand.

4.1.8 Diemar von Bermersheim

Im Rupertsberger Nekrolog erscheint unter Dezember 22 Dimarus de Bermersheim (frühe, aber nicht die anlegende Hand). Zwar ist nicht ausdrücklich gesagt, dass er dort Besitz hatte, aber warum sollte er sonst nach dem Ort benannt sein? Der Name Die(t)mar erscheint bei den Familienkreisen um Kloster Eußerthal und den Trifels als entscheidend (s. 7.17.17.17.1). Er ist uns bereits mit einem anderen Namensträger begegnet (3.2.13.2.13.2.13.2.1, Fußnote 62626263).

4.2 Geburtsort Hildegards ist schwerlich Bermersheim

Ich habe den Eindruck, dass nur für deutlich größere Ortschaften in Rheinhessen derart viele Besitzübertragungen im 12. Jahrhundert dokumentiert sind wie für Bermersheim, und dass außer bei Durinchart (2.3.7) in keinem der angeführten Fälle eine Verwechslung mit Bermersheim bei Worms möglich ist. Für die meisten dieser erstaunlich vielen Bermersheimer Besitzer lässt sich eine Beziehung zu Hildebert mit Fug und Recht vermuten. Aber wie diese Beziehungen konkret aussehen, muss offenbleiben.
Schrader und Führkötter und erst recht die in Mode gekommene Hildegard-Touristik machen großes Aufhebens um den Geburtsort der Seherin. Schrader konnte die Behauptung des Trithemius einer Geburt in Böckelheim (gleichgültig, ob Wald- oder Schlossböckelheim oder Gau-Bickelheim damit gemeint war) als Erfindung bezeichnen. Aber ihre Identifikation des Geburtsorts mit Bermersheim war gleichfalls nur eine Behauptung, die nicht zu belegen ist, so hübsch die angebliche Taufkirche dort auch sein mag und so sehr sie die Renovierung wegen des Hildegard-Jahrs verdient hat. Beim „Unterwegssein“ der Menschen im Mittelalter übten die Führungspersonen vom kleinsten Adligen bis zum König ihre Geschäfte im Herumreisen aus. Ihre Frauen waren gewiss etwas sesshafter, aber sie mussten je nach Rang repräsentativ wohnen. Hätte Hildebert nur Bermersheim oder gar nur Teile davon besessen, wäre er gerade als liber homo anerkannt worden, er hätte gewiss nicht einen nomen grande gehabt und unter die opulentia conspicui gezählt. Bermersheim war ein schon in vorangehenden Generationen mehrfach geteilter, einzelner Splitterbesitz der Familie (sonst müssten alle im 12. Jahrhundert belegten Besitzer im Ort Hildeberts Nachkommen sein).
Unter diesen Umständen ist es unwahrscheinlich, dass Hildebert 1098 in Bermersheim wohnte und seine Frau Mechthild dort mit Hildegard niederkam. Mit größerer Wahrscheinlichkeit könnte man Niederhosenbach als Geburtsort Hildegards postulieren. Die Nennung 1112 als ein Herrschaftsmittelpunkt Hildeberts ist ihrer Geburt doppelt so nahe wie diejenige Bermersheims von 1126.
Diese Jahreszahlen führten zudem (3.2.43.2.43.2.43.2.4) zu der Frage, ob wir es nicht mit zwei Hildebert (Vater und Sohn) zu tun haben. Die Wahrscheinlichkeit dieser Konstruktion ist gering, aber doch vorhanden. Sie verringert zusätzlich die sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass Hildegard in Bermersheim zur Welt kam. Mit sehr viel mehr Recht kann sich Niederhosenbach Geburtsort Hildegards nennen, aber mehr als eine freilich naheliegende Vermutung ist auch das nicht.
Vor und um 1100 sind Hildebert und Mechthild meines beschränkten Wissens nur durch die Vita belegt. Es ist gleichwohl kaum wahrscheinlich, dass sie in einer ganz anderen Landschaft (Thüringen? Lorsch/Weinheim? Lothringen?) lebten. Dagegen spricht die von den zeitgenössischen Biographen vieldeutig gegebene Herkunftsangabe für Hildegard. Die Vita (I, 1, 2) lautet: In Romana republica … in Galliae citerioris partibus; der Wallone Guibert formuliert [144 CCCM 66A, Epist. XXXVIII Z. 103f.]: In territorio Maguntine civitatis, que in citerioris Germanie partibus sita est. Beide scheinbar widersprüchlichen Angaben meinen dasselbe: das linksrheinische Gebiet des deutschen Reiches, bzw. des Erzbistums (nicht der Stadt) Mainz, zu dem Bermersheim wie Hosenbach gehörten. Das citerior gewährleistet diese Interpretation. [145 So auch bei Schrader/Führkötter, Herkunft… S. 57, Anm. 11.] Nicht selten, etwa im Sprachgebrauch der Kurie, verstand man damals unter Gallia auch das linksrheinische Deutschland. [146 Margret Lugge, „Gallia“ und „Francia“ im Mittelalter. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen geographisch-historischer Terminologie und politischem Denken vom 6. – 15. Jahrhundert. (BonnHistForsch 15), 1960, referiert die widersprüchliche und völlig unklare Verwendung der Begriffe. Offensichtlich kommt es sehr darauf an, wer wo wann einen der Namen verwendet. Gallia kann jedenfalls Frankreich, Lothringen (Gallia belgica), aber sogar ganz Deutschland bezeichnen. Im Erzstift Mainz gebrauchte man meines Wissens nicht „Gallia“ für das eigene Land.] In beiden Fällen geht es um die Heimat Hildegards (fuit …, bzw. orta est). Es geht nicht um den standesamtlichen Geburtsort (obwohl Guibert ihn angeben will, denn er fügt municipio bei und lässt den Namen offen, der dann nie ergänzt wird, wohl weil er längst vergessen war) und nicht um die Herkunft ihrer Eltern.
Keine Parallele zu dieser Beschreibung der Heimat Hildegards sehe ich in der Vita domnæ Juttæ inclusæ, wo es heißt, die Lehrerin Hildegards sei ex nobilissima Galliae stirpe oriunda. [147 Staab, Kindheit…, S. 62.] In diesem Fall kann man den Begriff (ohne citerior) nur auf Frankreich oder eines der damaligen Lothringen beziehen. Auch geht es hier nicht um Heimat oder Geburtsort Juttas, sondern um den Stammsitz oder die Rechtsheimat des Geschlechts. Das bestärkt die aus dem Namen Stephan abgeleiteten Vermutungen, die SPANHEIMER stammten von dort. Die Benennung „Gallier“ für Stephan widerspricht sich nur scheinbar mit der für seinen in „bayerischen“ Landen lebenden Verwandten Comes Engelbertus ex patre Sigfrido Francorum civis. [148 UB St. Paul, S. 4; Mc 3, Nr. 488.] Wahrscheinlich soll dies heißen, daß Siegfried, der Stammvater der Kärntner SPANHEIMER, nach salischem Recht lebte. Auch Albert von Stade [149 MG SDS XVI, 326]  bezeichnet die Tochter des 1118 verstorbenen Magdeburger Burggrafen Hermann (von Spanheim) als Richardis de Franconia. Franke ist auf jeden Fall so doppeldeutig wie „Gallier“. Es kann für große Teile Frankreichs, für Lothringen und für die fränkischen Herzogtümer Deutschlands stehen.

5 Entferntere Verwandte:

5.1 Erzbischof Arnold von Trier

Verwandter Hildegards war zweifellos der Trierer Erzbischof Arnold (I.) (1169-84). [150  Hans-Jürgen Krüger, der sich in den Siebziger Jahren intensiv mit Erzbischof Arnold beschäftigte und über ihn den Beitrag im Lexikon des Mittelalters verfasste, gab mir binnen zwei Tagen, nachdem ich endlich herausbekommen hatte, dass er in Bolivien lebt, eine ausführliche Facs-Antwort, die ich diesem Kapitelchen unterlegen konnte, wofür ich herzlich danke.] Eine Urkunde über des Erzbischofs Abkommen mit Arnulf/Arnold von Walecourt [151 MRUb 2, Nr. 61, S. 101ff. Auch bei Jean-Noël Mathieu, Le Lignage de Walcourt en Lorraine, in: Les Cahiers Lorrains 1997, Nr. 2, S. 115ff. ist Erzbischof Arnold nicht als Familienmitglied erwähnt.] galt in der Literatur als Beleg für die Verwandtschaft zwischen den beiden. Doch ist der dafür herangezogene Passus qualiter Arnolphus de walecurt, aduocatus in curia nostra marceto, cum non esset nobis ita familiaris sicut ei expediret kein Beweis; familiaris kann man hier nicht als „blutsverwandt“ verstehen, es ist eindeutig lehnsrechtlich gemeint (entsprechend dem Sprachgebrauch im Liber annalium): Der Vogt von Merzig ist Mitglied der „Familia Treverensis ecclesiae“, also des Trierer Lehnshofes. Er war, wie aus dem ganzen Zusammenhang hervorgeht, seinem Lehnseid nicht gerecht geworden (propter iniurias quas in eadem curia nobis inferebat).
Obwohl es eine Vita von Erzbischof Arnold gibt, sind die Angaben über seine Herkunft sehr spärlich. In Köln [152 Kölner Schreinsurkunden des zwölften Jahrhunderts, ed. R. Hoeniger (PubllGesRheinGKde I), 2, 1, N 9 V 9: Arnoldus Treverensium archiepiscopus dedit cognato suo Heinrico comiti de Kessele et uxori sue Alveradi comitisse, eo tempore quando licuit et potuit, domum in Grabegazen… (ca. 1180–85). Ob es sich um die selben domus et area handelt, die c. 1188-1203 a comite de Kessele Henrico et fratre eius Conrado et a matre eorum et a mundibordo eius comite Friderico… verkauft werden (ebd. N 11 VII 18), oder jene, die ca. 1202–12 von einem Gerardus de Kessele et uxor eius Uda (ebd. N 11 VI 45 und N 13 I 8) besessen werden, weiß ich nicht. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich bei den Verkäufern 1188–1203 um die unmündigen Söhne des von Erzbischof Arnold beschenkten und den zweiten Mann ihrer Mutter, Graf Friedrich von Altena; 1194 ist als dessen gewiss zweite Frau eben eine Alveradis genannt (Knipping, 2 Nr. 1481). Er war Urgrossneffe von Friedrich I., Neffe von Friedrich II., Bruder von Adolf und Vetter von Engelbert, alles Erzbischöfen von Köln.] findet sich eine Urkunde, in der er Graf Heinrich von Kessel seinen Cognaten nennt. Dass Arnold einerseits mit den Grafen von Kessel, andererseits mit Hildegard verwandt war, heißt noch nicht, dass diese untereinander verwandt waren.
Dafür gibt es freilich weitere Verdachtsmomente: Die Grafen von Kessel besaßen zwischen Rhein und Mosel im Machtbereich der Pfalzgrafen einzelne Güter und Rechte, die erst später belegt sind. So verkauft 1295 der letzte des Stammes, Walram, Dompropst zu Münster, der in den weltlichen Stand zurückkehrt, dem Pfalzgrafen 4 Wingerten und 1 Baumgarten zu Steeg (b. Bacharach) sowie die Dörfer Snorbach (Schnorrenbach) und Erbscheit (Ebschied) für 86 kölnische Mark an Pfalzgraf Rudolf. [153 LHAKo 4, 20 - 23. – J. Mötsch, Adliger Fernbesitz auf dem Hunsrück. Die Herren von Wildenburg/Eifel und die Grafen von Kessel, in: RheinVjBll 58 (1994), S. 113ff.] In diesem Schnorrenbach hatte der pastor dauid de Snarbach amtiert, der uns als Schenker eines Zinses für den Rupertsberg begegnet (das dort auch einen Mansus zum Gedächtnis an Eigel et Guda geschenkt bekommen hatte). [154 MRUb 2 S. 384 und 383.]
Noch auffälliger ist eine weitere Beziehung. Unter Erzbischof Arnold I. von Köln (1138–51, zuletzt regierungsunfähig) wurden Kölner Güter in Senheim an den Grafen Walter von Kesle zu Lehen gegeben, von diesem aber an den Freien Olrich von Brunishor weiter verlehnt. 1184 sind sie im Besitz von dessen Sohn Warner. Dieser und der jetzige Graf von Kessel resignieren nun – unter Vermittlung von Erzbischof Arnold von Trier! – das Lehen dem Erzbischof Philipp (von Heinsberg), der Warner (und nur diesen) mit 100 Mark Silber und einer Rente von 10 Fuder Wein aus Bacharach, also sehr reichhaltig entschädigt. [155 Knipping, 2, Nr. 1228.] Zeuge unter den Klerikern ist Gisilbertus s. Andree prep. Ulrich von Braunshorn und Propst Gisilbert kommen in nächster Umgebung Hildegards vor. Gisilbert ist Neffe eines Nepos von ihr. Die von Kessel und von Braunshorn sind verwandt, so nahe, wie die Nachbarorte Ebschied und Braunshorn.
Krüger machte mich auch auf ein weiteres gemeinsames Auftreten Erzbischof Arnolds mit einem Grafen von Kessel aufmerksam, das in unserem Zusammen von Bedeutung ist, wobei aber Arnold unter Umständen einfach als zuständiger Diözesanbischof handelt. Es handelt sich um die Gründung des Benediktinerinnenklosters Seligenstatt bei Seck. [156 Das Johanniterhaus Pfannstiel und die Klöster Seligenstatt und Walsdorf. Regesten 1156–1634, bearb. von Wolf Heino Struck (Quellen zur Geschichte der Klöster und Stifte im Gebiet der mittleren Lahn bis zum Ausgang des Mittelalters 4, VeröffHistKommNassau 12), 1962, Nr. 1531, S. 64.] Er bekundet 1181, daß Mechthild, Rheingräfin (ringravia) und ihre Miterben Siegfried und Friedrich von Runkel, Ulrich von Bickenbach, Siegfried und Hartmann, Winand und Arnold von Seck das Kloster dem hl. Petrus aufgetragen haben, und gestattet Wahl des Provisors. Zeugen sind: Der Graf von Nassau, der Graf von Kessel (Kesele), Bruno von Isenburg, Florentius von Kempenich, Magister Walter von Bonn, Dietrich und Gottfried, Kapläne, sowie Ministerialen. Die Beurteilung dieser Personen wird davon abhängen, ob die Rheingräfin näher zu identifizieren ist. [157 Struck identifiziert sie falsch mit einer gleichnamigen Wildgräfin, Frau des Grafen Manasse von Rethel.] Der Graf von Kessel könnte als Verwandter des Erzbischofs rein zufällig als Zeuge hinzugezogen worden sein, eher war aber auch er mit der Rheingräfin verwandt.
Erzbischof Arnold ist meines Wissens der einzige Briefpartner Hildegards, der sie seine Verwandte nennt. Sie selber geht in der Antwort darauf nicht ein. Er schrieb ihr zwischen Wahl und Weihe einen (mithin auf 1169 zu datierenden) Brief, Arnoldus, dei gratia Treuerorum Ecclesie humilis electus, dilecte in Christo cognate sue Hildegardi de sancto Ruperto. [158 CCCM 91, Nr. XX, S. 56.] Noch erstaunlicher ist, was er danach schreibt: Amicitia cognatione celestis est, quia senium ei non obest, sed confert, et ubi uera est, stare nescit, sed in aliquo crescit et proficit cotidie. Cum autem ab ineunte etate ulnis ueri amoris nos amplexati sumus, miramur cur uos adulatorem plus uero amico diligatis … Fratrem nostrum, prepositum sancti Andree, hic adulatorem uestrum reputamus, nos autem uerum amicum intelligi uolumus. („Freundschaft, die durch Verwandtschaft entsteht, ist ein Himmelsgeschenk, da ihr das Alter [mit seinem Verfall] nicht schadet, sondern zuträglich ist, und wo sie wahr ist, weiß sie nicht stehen zu bleiben, vielmehr wächst sie und und schreitet täglich fort. Da wir aber uns von Jugend auf in wahrer Liebe mit unseren Armen umfangen haben, wundern wir uns, weshalb Ihr den Schmeichler mehr als den echten Freund liebt… Unseren Bruder, den Propst von St. Andreas, halten wir für diesen Eueren Schmeichler, wir aber wollen uns als einen echten Freund verstanden wissen…“)
Was sich dahinter an menschlicher Wirklichkeit verbirgt, kann man geradezu erstaunlich nennen. Wir erfahren, dass Arnold von Jugend an verwandtschaftliche Liebe zu Hildegard hegte, wenn hier nicht gar statt als Pluralis modestatis das nos wörtlich zu verstehen ist und gegenseitige Zuneigung meint. Das hieße, dass sie etwa gleich alt waren und sich gegenseitig von Jugend auf kannten und schätzten. Darauf weist auch die merkwürdige Formulierung ulnis amplexati, die nicht auf einen übertragenen Sinn schließen lässt. Die verwandtschaftliche Liebe spielt Arnold gegen einen Schmeichler aus, den Hildegard ihm vorziehe. Dieser Schmeichler ist aber kein anderer als Arnolds Nachfolger [159 Man muss also annehmen, dass gleich nach der Wahl Arnolds zum Erzbischof sein Nachfolger in St. Andreas gewählt (oder gar von ihm providiert) wurde.] im Amt des Propstes von St. Andreas in Köln, Wezelin, der laut Guibert ein nepos und vertrauter Helfer Hildegards war, und der wahrscheinlich auch mit ihm, Arnold, nah verwandt war. Frater noster nennt Arnold ihn freilich im geistlichen Sinne, während die cognatio zu Hildegard nur genealogisch gemeint sein kann; sein leiblicher Bruder kann Wezelin nicht gewesen sein, er gehörte zu einer jüngeren Generation.

5.2 Die Pröpste Wezelin und Giselbert von St. Andreas

Wezelin wurde also als Nachfolger Arnolds 1169 Propst von St. Andreas in Köln. Er war ab 1173 eine Zeit auf dem Rupertsberg „Sekretär“ Hildegards. Sie erwähnt ihn im Epilog zum Liber divinorum operum – wie es so ihre Art ist – als beatus homo und Quidam etiam homo, qui de nobili gente erat, Wezellinus prepositus scilicet sancti Andree in Colonia, betont also seinen Adel (der bei dieser Würde vorauszusetzen ist), erwähnt aber nicht, dass er ein jüngerer Verwandter von ihr ist. Das erfahren wir von Guibert von Gembloux in seinem Brief an Radulf von Villers: Reverende memorie domnus Wescelinus, nepos eius (Hildegards) et familiarissimus ei, sancti Andree Coloniensis prepositus…[160 CCCM 66A, Epist. XXVI, Z. 828ff.]
An gleicher Stelle geht es um Wezelins Nachfolger. Cuius obitu comperto, … a domno Gilleberto canonico, nepote ipsius… qui ei in domo et in prepositura successit … Dieser sein Neffe Gillebert – hier noch Kanonikus – erscheint als Propst bis 1185, sein Nachfolger Theodericus ist ab 1192 belegt. Gillebert (die Namensform erscheint, soviel ich sehe, nur bei Guibert) war fraglos ein Giselbert, während K. H. May [161 s. Fußnote 6666]  behauptet, „daß Gilbert und Hildebert nur verschiedene Formen ein und desselben Namens sind“. Ein wohl anderer, vielleicht verwandter Giselbert erscheint 1194 bis 1210 als Dechant neben Propst Theoderich. [162 Knipping, 2 und 3 Register] Es scheint möglich, dass Gillebertus der Zeuge Gisilbertus praepositus des auf 1195 datierten Grundstückstausches zwischen dem Rupertsberg und St. Servatius in Maastricht ist, obwohl sich dies mit den vorgenannten Daten nicht verträgt. [163 MRUb 2, Nr. 144; Registrum bonorum S. 94–96.] Wezelin erscheint nicht in den für mittelalterliche Memorialüberlieferung wenig ergiebigen Anniversarienaufzeichnungen von St. Andreas aus dem 17. Jahrhundert, [164 Hist. Archiv d. Stadt Köln, Bestand 201, 8A, wo als vermutlich ältester Stiftsgeistlicher erst der Nachfolger seines Neffen, der bis 1220 belegte Propst Theodoricus, unter September 11 erscheint.] wohl aber im Rupertsberger Nekrolog unter November 26. [165 Nekrologium S. 4, Eintrag von später Hand!] Angeblich starb er im Jahre 1185, in dem auch Giselbert gestorben sein soll. [166 Hildephonse Herwegen, Les Collaborateurs de sainte Hildegarde, in: RevBénéd 21 (1904), S. 192–203, 302–315, 381–403, hier S. 390f., unter Bezug auf Jost, Sancta Colonia. Die Gotteshäuser und Seelsorger in dem Decanate der Stadt Köln. Heft 13–16, p. 360.] Ob dies mit dem oben zitierten Brief Guiberts an Radulf zusammengeht?
Wezelin wird nicht ohne Grund eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung des Wiesbadener „Riesenkodex“ mit Werken und Briefen der gerade verstorbenen Hildegard zugeschrieben. [167 Schrader/Führkötter, Echtheit… S. 177ff.] Eine Merkwürdigkeit bleibt es, dass Wezelin ca. 1173 vom Papst mit der Untersuchung der Differenzen zwischen Hildegard und dem Kloster Disibodenberg beauftragt wurde. [168 CCCM 91, Epist. XR ] Alexander III. wusste gewiss, dass er einen Verwandten Hildegards mit seinem geradezu ultimativen Schreiben ausstattete; die daraufhin durch Wezelin erreichte Berufung Gottfrieds als Propst auf dem Rupertsberg entsprach sicherlich dem Wunsch Hildegards als zweitbester Lösung. Sie wollte wohl Wezelin und dieser wäre es wohl auch gerne geworden. Der Brief des Papstes schaltete ihn wohl bewusst als Kandidaten aus.
Es darf hier noch vermerkt werden, dass weder cognatus noch nepos eindeutige Bezeichnungen sind, letztere bezeichnet nicht nur Enkel und Neffen, sondern jeden deutlich jüngeren Verwandten, der kein Bruder ist. Es kann angenommen werden, dass das Kapitel von St. Andreas in Köln in jenen Jahrzehnten von einer Familie, bzw. Sippe majorisiert wurde, deren geistliche Angehörige sich in die Pfründen wählten und für die Aufnahme von Nepoten sorgten, und deren weltliche Angehörige dort in Amt und mit Besitz erscheinen, wo St. Andreas seine Besitzschwerpunkte hatte.
St. Andreas besaß nicht nur durch erzbischöfliche Schenkung das Patronat in Bacharach, sondern auch Güter und Rechte in Ockenheim. [169 Franz Staab, Ockenheim im Früh- und Hochmittelalter. Von der Vielzahl der Grundherren zur Mainzer Ortsherrschaft, in: Der Jakobsberg. Berg – Wallfahrt – Kloster – Aus Ockenheim, hrsg. von den Benediktinermissionaren Jakobsberg (Beitrr. z. G. d. Gau-Algesheimer Raumes 21) o. J. (1987), hier S. 182ff. – Der Übergang dieser Güter und solchen in Engelstadt und Stadecken an das Mainzer Mariengredenstift ist auch belegt durch eine Urkunde von 1301 Januar 1 im Historischen Archiv der Stadt Köln (201/1/57). Schon 1220 waren Güter in Herlisheim (Herrnsheim), „welche ihnen zu entlegen waren“, an Kloster Neuhausen bei Worms für 500 Mark verkauft worden.] Gerade hier ist ein Zentrum der Schenkungen und Käufe für den Rupertsberg. Das kann kein Zufall sein. Offen muss freilich bleiben, ob die Güter von St. Andreas von den um dieses Stift zentrierten Familien stammen, als Mitgift der Kanoniker etwa, und die Schenkungen an den Rupertsberg quasi einem Nebenkloster dieser Familien galten, um Töchter auszustatten, oder ob es sich um Kölner Fernbesitz aus der MEROWINGER-Zeit handelt, der an das Stift übertragen wurde, und von dem die Familien, aus denen die dortigen Stiftsherren und natürlich auch die Vögte stammten, sich große Teile aneignen konnten, die sie später teilweise wieder verschenkten, nämlich an den Rupertsberg. Für alten Kölner Fernbesitz sprechen die Argumente Staabs. Wenn er offen lässt, ob die dortigen Güter der Markgräfin Richardis aus Sponheimer Vogteigut Prümer [170 Dass die Sponheimer Vögte Prüms ausgerechnet in Ockenheim waren, ist nirgends belegt.] oder Magdeburgischen Ursprungs sind, macht er deutlich, wie schwierig es ist, Besitzgeschichte und Genealogie eindeutige Aussagen abzuringen. Selbst die Unterscheidung zwischen fernen Großbesitzern, für die das jeweilige Schenkungsgut einen abgelegenen Streubesitz bildet, und Ortsansässigen ist nicht immer möglich. In unserem Fall müssen wir wohl in das Spiel mit den vielen Unbekannten auch noch die dem Stift St. Andreas Nahestehenden miteinbeziehen.
Jedenfalls lässt sich vermuten, dass schon Erzbischof Arnold I. (†1151) von Köln, der zuvor Propst von St. Andreas war, aus dieser Groß-Familie stammte, die auch mit Hildegard verwandt oder zumindest verschwägert war.

5.3 Prior Anselm von Sponheim, ein Phantom

Zwei Passagen der Sponheimer Chronik [171 Trithemius, Chronicon…, S. 248 und 256. Zum übrigen vgl. K. H. May (wie Fußnote 6666)] beschäftigen sich mit einem Anselm, der 43 Jahre lang dort Prior gewesen und 1179 Dezember 21 gestorben wäre. Er wird geradezu als Vorbild eines Benediktiner-Priors beschrieben, als gut, mild, umgänglich und auf Disziplin bedacht, und vor allem: bibliothecam non mediocriter auxit. Beim ersten Eintrag weiß Trithemius, dass Anshelmus … de militare genere natus in Bickelnheim sei, im zweiten nennt er ihn dazu noch cognatus s. Hildegardis. Wolfgang Treffler, Freund und Briefpartner des Trithemius, gestorben 1521 als Mönch und Bibliothekar des Klosters St. Jakobsberg vor Mainz, hat die Nachricht in das dortige Nigrologium(!) einfließen lassen. Solange dieser Anselm nicht irgendwie und irgendwo bestätigt wird, halte ich ihn für eine Ausgeburt des Trithemius.

5.4 Hildegard eine Spanheimerin?

Es hat nichts zu sagen, daß S. Hildegartein Schachbrett-Wappen (mit einem Kessel im Freiviertel) zugeschrieben wird. Es geschieht dies in einem Holzschnitt in einem Druck von 1524 [172 Köbel, Die Legende des heiligen Ruprecht, Oppenheim 1524, Neudruck Mainz 1887.], wo dem Heiligen Ruprecht – genauso anachronistisch und unzutreffend – das Wappen der Herzöge von Lothringen (drei Adler im Schrägbalken) beigegeben ist. Beides geht auf Angaben des Trithemius zurück.
Abgesehen von der engen Verbindung zu ihrer „Magistra“ Jutta und dem Auftreten Hildeberts in drei Urkunden Meinhards von Spanheim gibt es so gut wie keine direkten Beziehungen zur naheländischen Grafenfamilie, die auch nicht, wie Trithemius behauptet, der Gründung Hildegards reiche Schenkungen machte.
Alle späteren Beziehungen Hildegards gehen eindeutig zum Magdeburger Zweig der SPANHEIMER Gesamtfamilie: Die Schenkungen der Markgräfin Richardis, die Aufnahme von deren Tochter Richardis und deren Enkelin Adelheid, vermutlich auch die – möglicherweise verwandtschaftlichen – Beziehungen zu Erzbischof Heinrich und zu den Hildesheimer Vicedomini. Dass Graf Gottfried von Spanheim Zeuge bei zwei Urkunden für den Rupertsberg steht, sagt wenig darüber, ob er ihm nahestand. Beschenkt hat er es jedenfalls nicht.

5.4.1 Hiltrudis und Ida, Erfindungen des Trithemius

Die neuste Genealogie der SPANHEIMER [173 Mötsch, Genealogie …, S. 65ff., kennt noch nicht die Vita domnæ Juttæ inclusæ, sowie einzelne weitere, bisher unbeachtete Quellenhinweise. Die Frühgeschichte der SPANHEIMER ist ein äußerst dankbares Thema, ich habe dazu schon sehr viel Material gesammelt und will es in absehbarer Zeit publizieren.] zeugt von großer Skepsis gegenüber den Angaben des Trithemius. Dass Hiltrudis, Nonne auf dem Rupertsberg und Vertraute Hildegards, Tochter des Grafen Meinhard, eine Erfindung des Trithemius sei, wird für sie „fast zur Gewissheit“. [174 Mötsch, Genealogie… S. 79.]
Das selbe gilt für eine Ida, die Trithemius 1189 Nonne auf dem Rupertsberg werden und in einer Vision in den Himmel geraten lässt, aber auch ihre Schwester Margarete von Hohenfels, die lange Jahre Priorin auf dem Rupertsberg gewesen sein soll.[175 Mötsch, Genealogie… S. 89, Trithemius/Velten, S. 31.]
Ein mäßiger Ersatz für die vielen Streichungen in der Stammtafel (S. @@) eine abgeschlankte) ist Juttas und Meinhards Nichte Jutta (et cum alia Christi famula sibi equiuoca inferioris generis, nepte tamen sua). [176 s. Fußnote 23232323.] Die Formulierung der Jutta-Vita weist auf die ambivalente Rangstellung der frühen SPANHEIMER hin. Zur Herkunft des Stammvaters Stephan gibt 7.2.2.67.2.2.67.2.2.67.2.2.6 Diskussionsargumente, andere Hinweise zur Familie in 6.56.56.56.5.

5.4.2 Beziehungen zum Kloster Sponheim

Genausowenig gab es engere Beziehungen Hildegards und des Rupertsbergs zum Hauskloster der mittelrheinischen SPANHEIMER, Sponheim. Trithemius behauptet, dass 1202 der Mönch Petrus von Bingen, abgesetzter Prior in Sponheim, auf Wunsch Erzbischof Siegfrieds II. und des Rupertsberger Konvents vom Sponheimer Abt zum Propst eingesetzt worden wäre. [177 Trithemius/Velten, S. 34, Nachfolger 1226 der Sponheimer Mönch Johannes, ebd. S. 40.] Das ist genauso unglaubhaft wie die Behauptung, dass 1208 der Abt von Sponheim einen Streit um die Wahl der Meisterin entschieden habe. [178 Trithemius/Velten, S. 35.] 1224 soll dann mit der Aufnahme von Sponheimer Inklusen der Rupertsberger Konvent bei Erzbischof Siegfried durchgesetzt haben, dass er dem Abt von Sponheim unterstellt wird. [179 Trithemius/Velten, S. 40.]
Nichts von alledem darf man als historische Tatsache ansehen.

6 Förderer und Weggenossen Hildegards

6.1 Bischof Otto (der Heilige) von Bamberg

Seine Beziehungen zu Hildegard sind über Jutta von Spanheim vermittelt, deren Eintritt in das Kloster Disibodenberg er protegierte. Er stand offensichtlich Juttas Eltern (verwandtschaftlich?) nahe. Bischof Otto steht auch den Kärntner SPANHEIMERN nahe, er baute Kapellen im Lavant- und im Kanaltal [180 MG SS 12, 909 und S. 836]  und vertauscht (1111–1122) mit Erlaubnis Kaiser HEINRICHS V. dem Spanheimer Hauskloster St. Paul durch die Hand des Grafen Heinrich das Gut „Bischofdorf“. [181Monumenta historica Ducatus Carinthiae III (811–1202), hg. August von Jaksch, 1904, Nr. 543.]
Seine genaue genealogische Zuordnung ist bisher noch nicht gelungen; seine Mutter als STAUFERIN zu bezeichnen, wie es Decker-Hauff [182 H. Decker-Hauff, Das Staufische Haus, in: Die Zeit der Staufer, Geschichte, Kunst, Kultur. Ausstellungskatalog  (1977) 3, S. 339ff. Zahlreiche seiner sich pauschal auf angebliche Lorcher Aufzeichnungen berufenden Behauptungen haben sich als Trithemiaden des 20. Jahrhunderts herausgestellt, vgl. Klaus Graf, Staufer-Überlieferungen aus Kloster Lorch, in: Von Schwaben bis Jerusalem, Facetten staufischer Geschichte, hg. Sönke Lorenz und Ulrich Schmidt, 1995, S. 237ff.] tut, wirkt willkürlich. Als seine Brüder begegnen ein Landfried und ein zuletzt als Mönch belegter Luitfried sowie ein Friedrich „von Mistelbach“. Die Namenkonstellation Otto und Friedrich weist meiner Meinung nach eher ins Andechser Haus, das so viele Bischöfe von Bamberg stellte (meistens des Namens Otto). Eine neuere Untersuchung hierzu kenne ich nicht.[183 Vgl. Klaus Guth in: Bautz, Biograph.-Bibliograph. Kirchenlexikon 6, Sp. 1368ff. ]

6.2 Erzbischof Heinrich von Mainz und seine Verwandtschaft

Einer der engsten Mitarbeiter (und wohl auch ein Verwandter) von Erzbischof Adalbert I. ist Heinrich, 1122 belegt als Propst von St. Victor (dessen Vögte möglicherweise schon damals die Saarbrücker Grafen waren), 1128 als Dompropst. 1142 wurde er Erzbischof. „Heinrich gehörte zwar auch dem Dynastenadel seiner Herkunft nach an, aber seine Familie, die auch nach der thüringischen Wartburg ihren Namen hatte, konnte sich an Bedeutung keineswegs mit dem Saarbrücker Hause und den wirklich großen Fürstengeschlechtern der Zeit messen.“ [184 Heinrich Büttner, Erzbischof Heinrich von Mainz und die Staufer, in: ZKG, 4. Folge, 69 (1958), S. 247ff, hier S. 249.] Diese Definition scheint mir voreilig gezogen. Heinrich muß nicht ein weiterer Bruder der zwei von ihm als seine Verwandten genannten und gewiß eng vertrauten gräflichen Brüder von Wartburg gewesen sein.
Erzbischof Heinrich war nach zeitgenössischen Quellen (zumeist eigenen Urkunden) verwandt mit seinem Nachfolger als Propst von St. Viktor, Gerlach/Gerlaus, der auch Domdekan war (1144-1151) [185 Bis jetzt anscheinend noch nicht genealogisch eingereiht. Der Name läßt auf einen ISENBURGER schließen. Aber auch die Gerlache in unserer Urkundenreihe (3.2.13.2.13.2.13.2.1 und 2) könnte man zu ihm stellen.], sowie mit einer Frideruna von Grumbach (Frau und Mutter eines Markward) und den Grafen Wigger/Wicker und Gottfried von Wartburg, die Brüder waren. Die Wartburger gelten, ohne dass eine Filiation vorgeschlagen wird, als Agnaten der Grafen von Bilstein an der Werra [186 Karl Kollmann, Die „Grafen Wigger“ und die Grafen von Bilstein (Diss. Göttingen 1978), 1980.]; diese wiederum sind wohl mit den im Westerwald mächtigen Grafen von Bilstein eng verwandt. [187 Hellmuth Gensicke, Landesgeschichte des Westerwaldes (VeröffHistKommNassau 13), 19582, §36 (S. 133ff).] Dazu kommt, daß Erzbischof Heinrich – ebenso wie sein Vorgänger – mit Propst Ludwig von St. Peter verwandt ist. [188 Noster cognatus nennt ihn Erzbischof Heinrich im Sommer oder Frühherbst 1149 (MzUb 2, Nr. 123), kurz vor Ludwigs Tod. – Erzbischof Adalbert II. hatte nach seiner Ernennung 1138 die von ihm seit 1130 innegehabte Propstei St. Peter in Mainz seinem consanguineus Ludwig überlassen (MzUb 2, Nr. 12). Es handelt sich bei diesem Ludwig, den wir aus einer Trierer Quelle als einen ISENBURGER kennen (wenn es sich bei dem abgelehnten Kandidaten für St. Florin wirklich um den Propst von St. Peter handelte), um einen Enkel Ludwigs II. von Arnstein. Eine Verwandtschaft der ARNSTEINER mit den Grafen von Saarbrücken ist ihrerseits sehr wahrscheinlich, folglich dürfte die zwischen Adalbert II. und Propst Ludwig über dessen Arnsteinische Mutter laufen, s. J. Heinzelmann, Ludwig von Arnstein und seine Verwandtschaft…, in: GenealJb 33/34 (1993/94), S. 261ff. und ders., Nachträge zu Ludwig von Arnstein…, in: GenealJb 36 (1996), hier S. 71f.] Seiner Verwandten Frideruna half 1147 er bei der Gründung des Klosters Ichtershausen.
Er war überhaupt ein intensiver Förderer der Klöster; Hildegard erhielt von ihm nicht nur kirchliche Unterstützung bei der Gründung „ihres“ Klosters. Er hatte sie spätestens 1143 bei der Schlussweihe der Disibodenberger Kirche kennengelernt (s. 2.2.12.2.12.2.12.2.1). Er schenkte omni iure, quo ad episcopalem manum respiciebat ihrer Klostergründung auch die Mühlstatt Mulenwert im Rhein, die erstaunlicherweise weder im Registrum bonorum noch in späteren erzbischöflichen Bestätigungen erscheint. [189 MzUb 2, Nr. 175.] Sie setzte sich gegen seine Absetzung ein.[190 MzUb 2, Nr. 193ff. ]
Aus einer noch nicht abgeschlossenen Untersuchung über Erzbischof Heinrichs Verwandtschaft ziehe ich hier nur die für den Rupertsberg wichtigen heran:

6.2.1 Frideruna und Markward „von Grumbach“

Da der Name Frideruna bei den BILSTEINERN offensichtlich in zwei Generationen vorkommt, ist es nicht gewagt, die Frideruna von Grumbach, die eine Verwandte von Erzbischof Heinrich war, mit diesem über die BILSTEINER verwandt sein zu lassen. Dies wird dadurch bestärkt, daß ihr zweiter Sohn Otto sich nach Wiggershausen benannte, einem Ort, der unzweifelhaft nach einem Wigger benannt wurde, was ein Leitname der „BILSTEINER“ war. Diese ihre Herkunft ist bisher von der Forschung über die Grumbacher nicht behandelt worden. [191 Friedrich Hausmann, Die Edelfreien von Grumbach und Rothenfels, in: Festschr. Karl Pivec (Innsbrucker Beitrr. z. Kulturwissenschaft 12), 1966, S. 167 - 199, dort frühere Literatur; Hans Jänichen, Herrschafts- und Territorialverhältnisse um Tübingen und Rottenburg im 11. und 12. Jahrhundert. 1. Teil : Die freien Herren (Schrr. z. swdt. LdKde 2), 1964, 10f., 37ff. u. 44, Stammtafel 3.] Das heißt dann wohl auch, daß Markward (II.) von Grumbach seine engen Beziehungen zu König KONRAD III. über Erzbischof Heinrich angeknüft haben dürfte…

6.2.1.1 Bernhard, Bischof von Hildesheim

Zu Friderunas Verwandtschaft gehört aber auch Bischof Bernhard von Hildesheim, der ihr 1133 Juli 3 Reliquien des Hl. Godehard überließ. Seine Familienzugehörigkeit ist nicht unbekannt, wie einige Forscher schreiben. [192 Wolfgang Heinemann, Das Bistum Hildesheim im Kräftespiel der Reichs- und Territorialpolitik vornehmlich des 12. Jahrhunderts (QDarstGNS 72) 1968, S. 129f.] Bernhard war ein Bruder des Propstes Lambert von Neuwerk (in Halle) [193  Lutz Fenske, Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen (Veröff MPI f. G 47), 1977, S. 367ff. vor allem nach der Vita Lamberti praepositi monasterii Novi operis MG SS 30, 2, S. 947ff.; Die Hildesheimer Bischöfe von 815 bis 1221 (1227), bearb. v. Hans Goetting, Germania sacra NF 20, 3, S. 339ff.], als dessen weltliche Brüder Swidhardus, Opertus, Everardus genannt sind, viri tam divitiis quam saeculari gratia pollentes. Opertus’ Tochter Eveza war mit Graf Heinrich von Bodenburg vermählt. Sehr viel weiter führen diese Angaben freilich nicht.
Bernhard war seit etwa dem Beginn des Jahrhunderts bis 1119 Oktober Leiter der hochangesehenen Hildesheimer Domschule, in der damals der spätere Mainzer Erzbischof Adalbert II. studierte; dann wurde er Dompropst, 1130 Bischof. Er erblindete bald nach 1144. Er wurde (wie Heinrich I. von Mainz) auf Betreiben FREIDRICH BARBAROSSAS 1153 (zwischen April 23 und Juni 7) abgesetzt (oder seine Resignation wurde akzeptiert) und starb bald danach (1153 Juli 20). Bernhard förderte die Verehrung des dann auch heiliggesprochenen Amtsvorgängers Godehard, dem Erzbischof Adalbert II. 1135/36 die bischöfliche Hofkapelle am Mainzer Dom weihte und von dem Frideruna für ihre Klostergründung Reliquien erhielt.
Man bringt Bischof Bernhard – ohne echte Beweise, aber doch nicht willkürlich – auch mit den vicedomini von Hildesheim (s. 6.36.36.36.3) zusammen, die von 1108 bis 1154 mit zwei Bernhard auftreten, später auch Grafen von Wassel genannt werden. Der zweite heiratete (etwa 1130) eine Fritherun, Erbtochter der Edelherren von Veckenstedt. [194 Georg Bode, Das Erbe der Edelherren von Veckenstedt und der Vicedomini von Hildesheim, Grafen von Wassel. Eine familiengeschichtliche Studie. In: ZHarzV 43 (1910), S. 1ff. u 61ff.] Deren Großmutter Frideruna, eine Tochter Kunos von Wippra, war c. 1070 die Gattin Walos (I) de Vakenstide.
Unsere Friderun(a) vererbte neben thüringischen Gütern zumindest solche in Franken und Schwaben. Da ihr Gatte Markward (I.) 1099 bis 1113 in Urkunden vorkommt und sie erst an einem 23. Januar zwischen 1149 und 1157 gestorben ist, dürfte ihre Heirat nicht lange vor 1099 gelegen haben.
Eine comitissa Friderun, Witwe eines (Grafen) Stephan, und eine illustris matrona Friderun, Verwandte Erzbischof Friedrichs I., dürfen nicht zu genealogischen Schlüssen verleiten. Sie sind Schimäre, weil Erfindung des Fälschers Schott [195 MzUb 1, Nr. 359 und II, 610.]; fast denkt man, er hätte sie wegen der hier diskutierten genealogischen Zusammenhänge konstruiert.

6.3 Die Hildesheimer Vicedome und Bischof Hermann

Das Gelände am Rupertsberg war bestenfalls zum Teil Besitz von Kanonikern der Mainzer Kirche gewesen. [196 Vita I, 5, 44ff. – Maria Laetitia Brede(IBMV), Die Klöster der Heiligen Hildegard · Rupertsberg und Eibingen, in: Hildegard von Bingen 1179–1979. Festschr. z. 800. Todestag der Heiligen, hg. v. Anton Ph. Brück (QAmrhKG  33), Mainz 1979, S. 77, meint irrtümlich, Hermann sei Propst von Heiligkreuz in Mainz gewesen.] Ob die Vita damit den oder die Brüder Hildegards meint? Die Schenkungen in Bingen sind nur teilweise mit den Namen der Schenker belegt. Oder gab es einen besonderen Förderer, der einen Grundstock zusammengekauft hatte, etwa Pfalzgraf Hermann oder Erzbischof Heinrich? Der zentrale Teil mit der Kirche gehörte jedenfalls zwei Brüdern, Hermann, Propst vom heiligen Kreuz in Hildesheim, ab 1161 Bischof ebendort, und Graf Bernhard, Vicedom von Hildesheim; dieser war bei der Beurkundung der Schenkung bereits verstorben. Den unmündigen Neffen des Propstes Hermann wurden gewiss dem Wert der Liegenschaft nicht entsprechende 20 Marcae gezahlt, eher eine Anerkennungsgebühr für den Verzicht auf das Verwandten zustehende Anfechtungsrecht. [197 Außer in der Bestätigungsurkunde von 1158 und im Registrum bonorum begegnet die Transaktion auch in Hildegards Vita S. Ruperti: „Nur noch einige wenige Weinberge gehörten damals [1147] zu dieser Kirche, und solche kauften wir mit unserem Geld von dem Herrn Hermann, Bischof von Hildesheim, und seinem Bruder, dem edlen Manne, Bernard mit Namen…“ (Übers. in: P. Bruder, St. Rupertus Büchlein, 1882, S. 44.) Hildegard weiss also, dass der (Mit-)schenker mittlerweile Bischof geworden war, und nennt seinen Bruder, das Registrum bonorum unterschlägt den Bischof ganz, vielleicht weil nur eine Unterlage über die 1158 bereits vollzogene Abfindung für die Erben vorlag, oder weil es nach des Bischofs Tod nur noch auf den vorweggenommenen Verzicht seiner Erben ankam.]  Bischof Hermann war Bernhards (I.) dritter Sohn. Er starb auf der Rückreise von einer durch Schiffbruch und andere Unglücke überschatteten Pilgerreise 1170 Juli 10 in Susa.[198 Die Hildesheimer Bischöfe … Goetting… S. 400ff.; Meier, Domkapitel … (Fußnote 90909091), S.96 u. ö.]
Die Vicedomini von Hildesheim, die sich später nach dem Ort Wassel nannten, erscheinen mit einem Bernhard (I.) 1108 [199 Bode, Erbe …, S. 1ff.; Heinemann, Bistum Hildesheim …, S. 326f und 84ff.] und hatten im Bistum die Stellung des Hochvogts. Wegen der Binger Besitzungen vermutete man schon ihre Herkunft vom Rhein. Die Diskussion dürfte mit der Darstellung Petkes abzuschließen sein. [200 Wolfgang Petke, Kanzlei, Kapelle und königliche Kurie unter Lothar III. (1125–1137) (Forsch. z. Kaiser- und PapstG. des MA. Beihh. zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 5), 1985, vor allem S. 398ff.] Danach haben „eher die nicht bekannte Gemahlin oder eine Vorfahrin Bernhards I.“ den nicht allzu bedeutenden rheinischen Besitz auf Bernhards Söhne vererbt. Wahrscheinlich stammt aus gleicher Quelle auch der Name des dritten Sohnes, des späteren Bischofs Hermann. Besitz- (die benachbarten Güter in Bingen) und Namensvererbung legen also eine Spur zu den spanheimischen Burggrafen von Magdeburg.
Zu den rheinischen Verbindungen Bernhards (I.) gehört auch sein zweimaliges Intervenieren für das Kölner Kloster St. Pantaleon bei Güterübertragungen aus Bopparder Ministerialenfamilien (Roricus! Cezolfus!) [201 Theodor Josef Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins I, Nr. 304 und 313. MG D LIII Nr.16 und 40.]  Wenn wir bedenken, dass Vögte von St. Pantaleon [202 Hans Joachim Kracht, Geschichte der Benediktinerabtei St. Pantaleon in Köln 965–1250 (Studien z. Kölner KG 11) 1975, S. 126: Die Herren von Wevelinghoven als Untervögte belegt 1141-66, die Grafen von Kessel, als (rechtsrheinischer?) Obervögte 1141-66. s. 5.15.15.15.1.] auch unter den Schenkern für den Rupertsberg begegnen, wird man dies nicht für ganz zufällig halten.

6.4 Die Äbtissinnen Richardis und Adelheid

6.4.1 Richardis von Stade, Äbtissin von Bassum

Von allen Biographen behandelt wird das Verhältnis Hildegards zu ihrer Schülerin und Vertrauten Richardis, weil es für Hildegards Ansprüche an ihre Umgebung auch in menschlicher Hinsicht höchst charakteristisch ist.
Richardis war die Tochter der (Mark-)Gräfin Richardis von Stade, der Erbin des spanheimischen Burggrafen Hermann von Magdeburg, die Hildegards Gründung sehr förderte. Möglicherweise lebte die verwitwete Markgräfin von Stade in ihren letzten Lebensjahren vor ihrem Tod 1151 auf dem Rupertsberg, was Staab [203 Staab, Ockenheim… S. 206, Anm. 61.] zwei Mainzer Nekrolog-Einträgen Richardis de sancto Ruperto zum September 17 entnimmt. Freilich will dazu Hildegards Brief an sie nicht recht passen. [204 Schrader/Führkötter, Echtheit… S. 135] Chronologisch mag man noch hinnehmen, dass Tod und Brief auf 1151 zu datieren sind, die Ernennung der jungen Richardis dann auf spätestens Anfang September gesetzt werden müsste. Aber wieso schreibt Hildegard einer alten, kranken Konverse im eigenen Haus? Wieso schreibt sie ihr auf Latein? Sind ihre Briefe nicht als Mitteilungen sondern als literarische Erzeugnisse anzusehen? Ich ziehe es vor, die Richardis de sancto Ruperto zum September 17 für eine Dritte, eine Nonne, zu halten, für die des Namens halber gleichfalls Magdeburg/Spanheimer-Abstammung wahrscheinlich ist, und das Datum nicht auf 1151 in die Rekonstruktion der Vorgänge um die junge Richardis einzubeziehen. Zu erwägen ist auch, ob diese durch die Berufung nach Bassum nicht auch der dem Tode nahen Mutter in Nord-Niedersachsen näherkommen sollte. Sie wäre von ihr getrennt worden, wenn die Mutter auf dem Rupertsberg gelebt hätte.
Die junge Richardis kann spätestens 1125 geboren sein, da ihr Vater Rudolf 1124 Dezember 6 starb. Sie war 1130 noch nicht mündig. [205 Hucke, Stade, S. 36.] 1141 war sie bereits Vertraute und Mitarbeiterin Hildegards, die sie in der Einleitung des Scivias „eine adlige Dame, Tochter der genannten Markgräfin“ nennt. Wohl 1151 oder Anfang 1152 wird sie zur Vorsteherin des fernen Klosters Bassum ernannt, auf Vermittlung von Erzbischof Heinrich und ihres Bruders Hartwig, Erzbischofs von Bremen, vor allem aber wohl auf Drängen ihres Schwagers Hermann von Winzenburg, gegen den Wunsch Hildegards. Der WINZENBURGER ist jener Graf Hermann, den Hildegard in ihrem Schreiben an Erzbischof Hartwig nennt, und wohl auch der quidam horribilis homo, von dem sie im gleichen Brief spricht [206 CCCM 91, Epist. XII, Zeile 37, bzw. 13ff. Gewiss ist es nicht der rheinische Pfalzgraf Hermann, wie Führkötter, Briefwechsel, S. 97 meint.]. Damit haben wir aber einen Terminus ante quem für Brief und Vorgänge: Spätestens Mitte Februar 1152 wird Hildegard von der Ermordung Hermanns erfahren haben.
Die junge Richardis starb freilich bald, was Hildegard beinahe wie eine Strafe des Himmels beschreibt. Erzbischof Hartwig berichtet den Tod seiner Schwester in einem Brief an Hildegard (IV Kal. Nov. obiit). [207 CCCM Epist. XIII, datiert „a. 1152“, Führkötter zieht überzeugend die Reichsversammlung in Würzburg im Oktober 1152 zur Datierung heran.] Richardis starb also schon 1152. [208 Hucke, Stade, S. 54, setzt „etwa 1154“ an.]

6.4.2 Adelheid von Sommerschenburg, Äbtissin von Gandersheim und Quedlinburg

Bei Hildegard erzogen wurde auch Adelheid, die Tochter des Pfalzgrafen Friedrich II. von Sommerschenburg und der Liutgard von Stade. [209 Hucke, Stade, S. 55ff.; Heinz-Dieter Starke, Die Pfalzgrafen von Sommerschenburg (1088-1179), in: JbGMitteldtld 4, 1955, S. 1 ff.] Liutgard war wie Richardis eine Tochter des Markgrafen Rudolf von Stade und der Gräfin Richardis von Spanheim(-Magdeburg). Ihre 1130 oder wenig später geschlossene Ehe mit dem sächsischen Pfalzgrafen wurde spätestens 1144, angeblich wegen zu naher Verwandtschaft geschieden. Darauf heiratete sie den Dänen-König Erik Lam, und nach dessen 1146 August 27 (als Mönch!) erfolgtem Tod den Grafen Hermann II. von Winzenburg, mit dem zusammen sie 1152 in der Nacht von Januar 29 auf 30 ermordet wurde. Es scheint, dass Luitgard einen nicht gerade vorbildlichen Lebenswandel führte. [210 Hucke, Stade, zitiert Saxo grammaticus: natu quidem nobilem, sed non tam pudicitia quam parentela conspicuam.] Jedenfalls übergab sie ihre kleine Tochter Adelheid nach der Trennung ihrer ersten Ehe ihrer Mutter Richardis, die wie schon die Tochter Richardis nun auch die Enkelin zur Erziehung (und wohl auch zur Vorbereitung auf den geistlichen Stand) Hildegard anvertraute.
Auch Adelheid zog 1147/48 mit Hildegard auf den Rupertsberg. 1152/53 wurde sie zur Äbtissin von Gandersheim gewählt oder bestimmt. Bis zu seiner Ermordung war nämlich ihr Stiefvater Hochvogt des reichsunmittelbaren Stifts, danach wurde ihr leiblicher Vater von Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSA zum Hochvogt von Gandersheim bestimmt. [211 Germania Sacra, NF 7: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz. Das Bistum Hildesheim 1: Das reichsunmittelbare Kanonissenstift Gandersheim, bearb. v. Hans Goetting, 1973, S. 232.] Ende 1152/Anfang 1153 wurde sie von Bischof Bernhard von Hildesheim [212 Zu seiner Verwandtschaft mit dem Mainzer Erzbischof Heinrich s. 6.26.26.26.2] geweiht und leistete ihm den Oboedienzeid. Hildegard erlaubte ihr die Übernahme der Würde und stand mit ihr bis 1167 in Briefwechsel. [213 Schrader-Führkötter, Echtheit, S. 96, 138ff.] Da hatte Adelheid (zwischen 1160 Juli 3 und 1161 Juli 2) bereits auch die Leitung des Reichsstifts Quedlinburg übernommen, wo sie danach hauptsächlich residiert zu haben scheint. Ihr Vater war Vogt auch dieses Klosters. Sie stellte die Stiftskirche Gandersheim nach dem dritten Brande wieder her, die Weihe spendete 1168 Bischof Hermann von Hildesheim, der Vorbesitzer des Rupertsbergs, unter Assistenz von Erzbischof Hartwig von Bremen, dem Onkel der Adelheid, und drei weiteren Bischöfen. Nach dem kinderlosen Tode ihres Vollbruders, des Pfalzgrafen Adalbert, erbte sie 1179 als Letzte ihres Geschlechts den Allodialbesitz der SOMMERSCHENBURGER, den sie an das Erzstift Magdeburg verkaufte. Sie starb 1184 Mai 1.[214 Goetting, Gandersheim, S. 304ff.]

6.5 Erzbischof Philipp von Köln (1167–91)

Ich schließe hier gleich ihren Vetter an, der zu hohen geistlichen Ehren kam und große Liebe zu Hildegard empfand, wie es nicht zuletzt sein herzlicher Briefwechsel mit ihr (schon als Domdekan [215 CCCM 91, Epist. XV „a. 1163 (?)“: quia maternam pietatem uestram diligimus… Vgl. Schrader-Führkötter, Echtheit, S. 131 u. ö.]) und mit Guibert von Gembloux bezeugt, mehr noch die Tatsache, dass er immer wieder die Begegnung mit ihr suchte. Für Hildegard war er fidelis amicus meus. [216 AASS 668, Nr. 168]
Adelheids gleichnamige Tante väterlicherseits Adelheid von Sommerschenburg war nämlich verheiratet mit Goswin (II.) von Heinsberg. [217 Starke, Pfalzgrafen von Sommerschenburg …, S. 24.] Deren Kinder waren Gottfried, Erbe des väterlichen Besitzes, Goswin, 1158–68 kaiserlicher Podestà in italienischen Grafschaften, ein Kleriker Hermann, die Töchter Uda, Mechthilde, Salome, Hezela und Gertrud, und eben der auf Wunsch BARBAROSSAS zum Kölner Erzbischof gewählte Philipp.
Dieser war also durch seine Mutter mit den Magdeburger SPANHEIMERN nah verschwägert. Durch seinen Vater könnten aber auch Beziehungen zu den rheinischen SPANHEIMERN bestanden haben. Bei den frühen Herren von Heinsberg setzen die Genealogen die seit 1051 vorkommenden Belege mit dem Namen Goswin in immer wieder verschiedene Konstellationen. Entweder gehört der 1124 Juni 7 (s. 3.2.23.2.23.2.23.2.2, Urkunde V.) als Senior des Hauses SPANHEIM und Vogt des Klosters belegte Graf (!) Goswin irgendwie dazu, oder diese Goswine kommen aus den Niederlanden. (Ich tendiere eher für ein Sowohl-als auch als ein Entweder-Oder.) In alle Richtungen muss näher untersucht werden, auch die Tatsache, dass Erzbischof Philipp ebenso mit Graf Balduin V. vom Hennegau blutsverwandt gewesen sein soll wie es in der gleichen Quelle von den SPANHEIMERN auf Sponheim behauptet wird, wobei bisher nur Verschwägerungen zur Erklärung der Blutsverwandtschaft angeboten wurden. [218  Gisleberti chronicon Hannoniense. MG SS 21, S. 539 und 537. Hierzu Mötsch, Genealogie…, S. 84f.]
Festzuhalten ist in unserem Zusammenhang, dass der junge Philipp von Heinsberg erzogen wurde von Gottfried, Scholasticus an S. Andreas in Köln, der später Mönch in Heisterbach unter Abt Caesarius war. Also kann die Erziehung nicht lange vor Philipps erstem Auftreten 1156 August 11 gleich als Domdekan liegen.[219 Stimming 2, Nr. 906.]

6.6  „Sekretär“ Volmar und Biograph Gottfried, Pröpste des Rupertsbergs

Hildegard beklagte sich bitter, dass Volmar, der jüngere, unermüdliche und hilfreiche Amanuensis zu früh gestorben sei. Das muss 1173 gewesen sein. Ich vermute, dass er – und darauf deutet nicht nur sein Name – in ihren Verwandtenkreis gehört. Freilich fand ich keinen Hinweis, wie er genealogisch einzuordnen sei, ausser seinem Namen, mit dem er gut in den Clan der Volmare, Markwarde, Stephane, Gottfriede passen würde.
Dasselbe gilt auch für seinen – nicht direkten – Nachfolger Gottfried, den Biographen, wenngleich dieser Name nicht so charakteristisch ist. Er amtierte als Propst auf dem Rupertsberg ab 1174/75 und starb bald, spätestens Anfang 1176. Da er nach einer Auseinandersetzung zwischen Hildegard und dem Abt von Kloster Disibodenberg, in der Propst Wezelin von St. Andreas vermittelte, eingesetzt wurde und offensichtlich Hildegards Vertrauen hatte, kann man annehmen, dass er Hildegards Wunschkandidat aus dem Kreis der Disibodenberger Mönche war,– was wiederum zu der Annahme verführt, er sei ein Verwandter von ihr gewesen.

7 Schenker(innen) für den Rupertsberg

Schon in den vorigen Kapiteln sind Schenker und Schenkungen mitbehandelt. Sie und die folgenden bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Namensbestand an Schenkern, Verkäufern, Vorbesitzern und zu Memorierenden, die wir in der Rupertsberger Überlieferung, vor allem im Registrum bonorum, besitzen. Ihn vollständig zu behandeln, wird nur mit elektronischer Datenverarbeitung möglich sein, und dazu gehört, dass wir auch die anderen zeitgenössischen Quellen (zumindest als suchfähiges Register) zum Abgleich erschließen müssen. Dies ist mir nicht möglich, ist auf absehbare Zeit auch nicht zu verwirklichen. Bis jetzt habe ich nur die Rupertsberger Namen und Zusammenhänge gespeichert.
Dabei wäre die genealogisch-prosopographische Untersuchung der Donatoren (und Zeugen) für den Rupertsberg im 12. Jahrhundert ein zwar mühsames und schwer darstellbares Unterfangen, aber ein bei der Quellenlage nicht aussichtsloses und recht ertragreiches auch. Etwa ein Drittel von ihnen wird wohl nie zu identifizieren sein. Die Mehrzahl führt nicht weit. Aber eine doch erhebliche Minderheit unter ihnen dürfte deutliche und weitreichende Beziehungen erkennen lassen. Ich griff mir bisher nur einzelne Schenkerkomplexe heraus, die mir besonders verlockend erschienen, und glaube wahrzunehmen – „glaube“ insofern, als ich die Genealogie eher für eine von den schönen Künsten halte als für eine Wissenschaft, für die alle anderen Hilfswissenschaften sein müssen, was sie natürlich auch ist –, dass sich in dem Wirrwarr von Namen und Erb-Gütern oder -Ämtern deutliche Cluster [220 Ein Cluster ist in der Musik ein Zusammenklang ohne äußere, etwa harmonische Ordnungsprinzipien, aber doch ein Zusammenklang und kein „weißes Rauschen“ chaotischer Geräusche.] heraushören lassen, die sich in der gewiss nicht immer genau zu rekonstruierenden zeitlichen Abfolge verwandeln, spalten, neu amalgamieren. Gewisse Namenpaare oder -konstellationen kehren wie Leitmotive wieder, bei denen wir hin und wieder sogar von tatsächlicher Verwandtschaft erfahren, in den vieldeutigen Begriffen jener Zeit, wo Vater auch für Stiefvater stehen kann, Bruder für Voll-, Halb-, Stief- und geistlichen Bruder, angeblich auch für Schwager, von Wörtern wie nepos, consanguineus, und  cognatus ganz zu schweigen. Die Beinamen, die Generationen von Stammtafelerstellern für standesamtliche Familiennamen hielten, sind so trügerisch wie die Besitzerbfolgen und die Stammtafeln selber. Wir tappen überdies bei den demographischen Rahmenbedingungen im Dunkeln: Gab es im Vergleich mit dem einfachen Volk (bei dem sich in den folgenden Jahrhunderten nicht viel geändert haben dürfte) bei Adligen dank besserer Pflege und Ernährung nicht doch eine geringere Säuglingssterblichkeit und eine geringere Kindbettsterblichkeit der Frauen? Dafür aber eine sehr starke Sterblichkeit bei den heranwachsenden und erwachsenen Männern mit ihrem todsuchenden und -bringenden Lebensstil auf Turnieren, Fehden, Heerfahrten, wo sie auch Seuchen ganz anders ausgesetzt waren als die Frauen und Kinder daheim? Hatten die Weltgeistlichen dagegen eine höhere Lebenserwartung? (Anders die in den Orden: Die Zisterzienser waren ja geradezu Menschenvernichtungsanstalten…) Mithin dürfte es sehr viel mehr Zweit- und Drittehen gegeben haben, als man gemeinhin annimmt und die genealogischen Tafelwerke uns vorführen; dafür sorgte bereits das Lehnswesen, das für die Ämter (Vogteien usw.) mündige Amtsträger voraussetzte, den Anspruch unmündiger Erben aber auch nicht übergehen durfte. Und immer wieder kam es vor, dass die Haupterben, ja ganze Zweige wegstarben und ein armer Verwandter aus irgendwelchen Randgebieten oder ein glücklicher Schwiegersohn alles erbte.
All das kann im Einzelfall ganz anders aussehen, all das muss an der Realität überprüft werden. Und dann haben wir noch immer keine Aussagen über die durchschnittliche Kinderzahl und das durchschnittliche Heiratsalter. Bei Frauen nehme ich es mit 15 Jahren (+/– 3) an, bei Männern hängt es ganz von der familiären und „beruflichen“ Situation ab. Wer mit 18 eine Grafschaft übernehmen muss oder darf, wird nicht mit der Heirat warten wie einer, dessen (Stief-)Vater sich nicht aufs Altenteil begeben will. Welche Erbschaftsstrategien möglich sind, lehrt uns eine aufschlußreiche Untersuchung, [221 Karl-Heinz Spieß, Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts (VjschrSozialWirtschaftG Beih. 111), 1993.] die man aber doch nur in Analogie vorsichtig auf das hohe Mittelalter anwenden darf. Sitten und Bräuche ändern sich selbst in einer so konservativen Gesellschaft wie der mittelalterlichen rascher als Konjunkturen und Klimate, und all das hat Auswirkungen auf die Demographie…
Da ich mit dieser Untersuchung noch lange nicht, wenn überhaupt je, fertig werde, und die konkreten Ergebnisse auch wenig zu Hildegard selber beitragen, hier nur einzelne Anmerkungen, punktuell und pauschal, für zwei prominente Schenkerinnen und für eine minder bekannte quasi als Stichprobe.

7.1 Pfalzgraf Hermann und seine Witwe

Die als Förderin und Briefpartnerin Hildegards auftretende Witwe Herrmanns von Stahleck ist nach einigen Hinweisen nicht seine erste Frau des Namens Gertrud, also nicht die Schwester König Konrad III. und Tante Kaiser FRIEDRICHS. Diese wäre zwischen 1142 und 1149 und noch vor 1150 soll Pfalzgraf Hermann dann Gertrud von Wettin geheiratet haben. [222 Ich mache mir nicht die Mühe, diese mehrfach in der Literatur behandelte, aus der Genealogia Wettinensis rührende Annahme außer durch Decker-Hauff, in: Die Zeit der Staufer III, S. 351 zu belegen. Seine Angaben über die STAUFER-Abstammung der zweiten Gertrud erscheinen mir sehr brüchig.] Die STAUFER-Verwandtschaft der Gertrud sollte man nicht unbesehen übernehmen, die Genealogia Wettinorum ist kein Fantasieprodukt.
Überraschend ist, dass Hugo von Stein (de Lapide) ihr (und nicht des Klosters!) mundiburdius bei der Besitzübertragung in Würzburg war. [223 MzUb 2, Nr. 231.] Die Umstände sind so gewichtig, dass das kein Zufall war oder er es als Lehnsmann tat. Er erscheint ja schon 1152 direkt neben dem Pfalzgrafen und dessen Stiefbruder in der Gründungurkunde des Rupertsbergs. [224 MzUb 2, Nr. 175.] Die wahrscheinlichste (aber kühne) Erklärung wäre, dass er (wie?) ein Erbe des verstorbenen Pfalzgrafen war.

7.2 Gepa

Zahlreiche Weingärten in Ockenheim schenkt Domna Gepa pro recordatione sua et mariti sui  Stephani aliorumque parentum suorum. [225 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 370.] Nur 4 iurnales scheinen ihr Eigentum zu sein, für die anderen wendete sie insgesamt 40 Mark auf, dazu 12 1/2 für Weinberge in Münster. Auch in Volxheim schenkt sie, anscheinend Eigenbesitz, fast 50 iurnales. [226 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 373f.] Welche Güter sie in Bingen schenkte, ist aus den mir zugänglichen Quellenveröffentlichungen nicht zu ersehen.
Die Stiftungen sind für liturgische Zwecke und das festliche Begehen von über einem Dutzend Anniversarien bestimmt. Namentlich bezeichnet werden leider nur das eigene und das ihres in uigilia apostolorum Philippi et Jacobi (April 30) verstorbenen Mannes Stephan, die eines domini sigebodi, sowie filisuHildigardis und marquardi de °utersdal.
Fraglos handelt es sich um die Stifter des Klosters Eußerthal (Utersdal, Uterina vallis), Stephan von Mörlheim und seine Frau Gepa. Das hat zuerst Doll erkannt. [227  L. Anton Doll, Beobachtungen zu den Anfängen des Zisterzienserklosters Eußerthal und zur Entwicklung der Haingeraide, in: MittHistVPfalz 68 (1970), S. 194ff.] Seine Erkenntnisse wird man erheblich erweitern können.
Die Gründung von Eußerthal ist 1148 bis spätestens 1150 zu datieren, sie geschah durch die Eheleute und, wie eine Urkunde von 1152/53 aussagt, ihre Tochter Adegard. 1168 November 26 bestätigt Kaiser FRIEDRICH I. die Schenkung des homo liber Stephanus … concedente et ultro volente uxore sua nomine Gepa muliere religiosa liberis quoque consentientibus. Eine Urkunde von 1179 [228 Stephan Alexander Würdtwein, Nova Subsidia Diplomatica, Bd. 12, Heidelberg 1789, S. 103, Nr. 31.] erzählt, dass Stephanus vir nobilis & Deo devotus die Kapelle in Mörlheim sibi a progenitoribus suis iure hereditario libere derelictam cum sua contectuali Gepa zur Gründung Eußerthals geschenkt habe, was jetzt angefochten worden wäre. Das muss 1176/77 im Zusammenhang mit Ansprüchen des Grafen Simon von Saarbrücken auf diese Kapelle geschehen sein, auf die dieser dann in einem undatierten Schreiben [229 Würdtwein, Nova subs. 12, S. 96, Nr. 26] consentiente uxore mea Mathilde ac liberis nostris verzichtet.

7.2.1 Gepa und ihre Verwandtschaft

Man darf annehmen, dass Stephan 1150 nicht mehr der jüngste war, er hatte mit Gepa bereits Kinder, von denen Adegard 1152/53 immerhin schon der Nennung wert war, sodass Gepa nicht nach 1125 geboren sein kann. Am wahrscheinlichsten liegt ihre Geburt etwa 1115-20 und ihr Mann war etwa fünf Jahre älter. Gepa scheint spätestens 1168 den Schleier genommen zu haben (mulier religiosa), evtl. auf dem Rupertsberg, denn für sie dürfte der Eintrag (November 28) Gebba conversa nostri conventus im Nekrolog gelten. Auch Stephan dürfte Konverse, wohl in Eußerthal geworden sein (Deo devotus).
Der Name Gepa/Geba ist am Mittelrhein selten. Zu nennen ist freilich eine Geba de Nerstein et filius eius Ruperthus, Schenker in Astheim für die Eberbacher Grangie Haßloch, direkt neben einem Stefen de Nerstein der in Gensen schenkt. [230 OM XV A 20, 31, 32. Die zeitliche Stellung passt nach allem Anschein. Die ersten Schenkungen dieser Grangie nennen uns mehrere vom Rupertsberg her bekannte Namen.] Natürlich denkt man dabei an den gleichnamigen Ort in der Pfalz, wo Stephan von Mörlheim Besitz hatte, [231 Doll, Beobachtungen… S. 201, Anm. 41.] aber näher liegt doch Geinsheim gegenüber Nierstein und im Umkreis von Haßloch (dem bei Rüsselsheim). Kinderlos scheint die Geba gewesen zu sein, die 1143…1153 gemeinsam mit ihrem Mann Arnold, Ministeriale und Bürger von Mainz, einen Erbvertrag mit den Brudern Dudo, Meingot und Hartwin schloss.[232 MzUb 2, Nr. 188.]

7.2.2 Stephan von Mörlheim und seine Verwandtschaft

Doll trennt den Gründer von Eußerthal von und verbindet ihn zugleich mit einem anderen Stephan von Mörlheim, der 1109 vom Kloster Reichenbach mit Erbgütern in Geinsheim abgefunden wurde, weil er geltend machte, der Reichenbach übertragene Besitz seines dort eingetretenen Bruders Conrad sei bei der väterlichen Teilung zu groß bemessen worden. [233 Codex Hirsaugiensis, ed. Schneider, 1887, § 35b (=Cod. Hirs.); WirttbgUB 1 Nr. 267.]
Selbst wenn dieser Stephan, der 1109 das Familiengut gewiss nicht nur für seine Nachkommenschaft, sondern zuerst einmal für sich erhalten wollte, noch sehr jung war, ist es wohl kaum mit Werle „der gleiche Stephan von Merlheim, der gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts die Zisterzienser nach Eußerthal rief“, [234 Hans Werle, Die Fundatoren der Zisterze Eußerthal, in: BllPfzKiG 23, 1956, S. 74ff.] und der sich noch 1176 oder später gegen die Ansprüche des Grafen Simon verwahrte. Doll legt die Existenz zweier Stephan von Mörlheim in verschiedenen Generationen nahe. Er bringt aus dem älteren Speyer Domnekrolog einen miles Steuen, † Januar 23, als Alternative, qui dedit curiam in Gense, sowie Äcker in Dutensuelt. Es gibt aber (zu August 4 und (frater) 12) noch weitere Stephane in dieser Quelle. Zum Gedächtnistag im Registrum bonorum passt keiner. [235 Dezember 1 erscheint ein Stephen als Erbe einer Guda und Vorerbe eines Draubodo. – Hansjörg Grafen, Forschungen zur älteren  Speyerer Totenbuchüberlieferung mit einer Textwiedergabe der Necrologanlage von 1273 (QAmrhKG 74), 1996. – Die Gegenprobe auf Geinsheim bringt unter Februar 4 einen Crafto, für den sein gleichnamiger Sohn 2 Mark und einen ferdo zum Kauf von Gütern dort gab (also von Verwandten im Erbvergleich), Februar 19 den Cunradus portenarius, der Äcker und einen halben Hof dort schenkt, Februar 27 einen Eberhardus frater mit Übertragungen in Essingen, Gense und Kirrweiler, März 3 eine Adelheit mit fast 2 iugera Acker, März 10 ein Bertholt diaconus mit über 4 iugera und einem Viertel Hof, April 28 eine Bertha mit Erträgnissen, immer in Geinsheim, Juni 16 die Cristina, Mutter des Crafto (s. Februar 4), September 24 Ditherus prepositus sancti Widonis (Propst v. St. Guido erw. 1159–86) mit über 5 iugera Äcker, September 27 Winehart frater mit einem Hof und 3 J. Wingert, sowie andere, eindeutig nach dem 12. Jahrhundert anzunehmende Gedächtnisse.] Haben sich Stephan und Gepa mit Speyer verkracht?
Da Mathilde, die Frau Simons von Saarbrücken, mit ihren Kindern ausdrücklich in die aufgegebenen Ansprüche auf Teilhabe an der Kirche in Mörlheim einbezogen wurde, dürften diese über sie gelaufen sein. Es wird allgemein angenommen, dass sie eine Tochter Meinhards von Spanheim und seiner Frau Mechthild von Mörsberg war. [236 Zuletzt Mötsch, Genealogie Sponheim, s. 79 mit Anm.] Damit wäre sie eine Enkelin Stephans von Spanheim, der bald nach 1092, der Geburt seiner Tochter Jutta (s. 2.2.12.2.12.2.12.2.1), gestorben ist. Er ist mit keinem der in westdeutschen Urkunden belegten Grafen Stephan identisch, er hat es nie zu diesem Amt gebracht, was alles die Vita domnæ Juttæ inclusæ unwiderleglich deutlich macht. Einzig die Nennung eines Stephan de Spanheim 1075 [237 MRUb 1, Nr. 375] ohne Grafentitel bezieht sich unzweifelhaft auf den Vater Juttas und Meinhards. [238 Auch der Mainzer Ministeriale Stephan, der Sohn des Embricho und Neffe Erzbischof Ruthards, lebte später. Eine Verwandtschaft ist allerdings möglich, da er als Zeuge häufig in „spanheimischen“ Wirkungsbereichen auftritt. Gerade aus diesem Verwandtenkreis kommen die meisten Schenker für den Rupertsberg.] Identisch kann er sein mit einem Wormser Vogt Stephan (1068) [239 UB Stadt Worms I, Nr. 55], der mit seinem Bruder Markwart zu den Grafen von Lunéville/Metz zu gehören scheint, die mit den de Meti später die Wormser Vögte stellen.
Der mögliche Erbanspruch Mathildes und die Korrekturen an den Lebensdaten Stephans bekräftigen die Vermutung Dolls, es gäbe genealogische Zusammenhänge zwischen den Brüdern Conrad und Stephan von Mörlheim und den SPANHEIMERN, die er freilich noch ganz in den Verkleisterungen durch Trithemius und Witte sieht, und seiner berechtigten Invektive gegen Werle, es gäbe keine Straßburger Lehensrechte an den Besitzungen der Mörlheimer. Allerdings könnte es auch eine direkte Erbberechtigung der SAARBRÜCKER geben: Warum war 1112 der Mainzer Erzbischof Adalbert I. von Saarbrücken in seiner Auseinandersetzung mit HEINRICH V. allenfalls auf Burg Trifels zu verzichten bereit, als der Kaiser für seine Freilassung die Abtretung bestimmter Güter verlangte? Welche Rechte hatte er daran, ererbte oder erdiente? [240 Friedrich Hausmann, Reichskanzlei und Hofkapelle unter Heinrich V. und Konrad III. MG Schrr 14 (1956), S. 32.] Behielt er sie oder Teile davon?

7.2.2.1 Kinder des Ehepaares

Ich setze die Adegard von 1152/53 nicht identisch mit der im Registrum bonorum genannten Tochter Hildegard, obwohl einer Nonne auf dem Rupertsberg der fremde Name leicht in den geläufigen verrutschen konnte. Es ist der selbe Name Ha(r)degardis, den eine Enkelin des Ramsener Klosterstifters Berthold von Winzingen trägt.[241 F. X. Remling, Urkundliche Geschichte der Abteien und Klöster im jetzigen Rheinbayern, I, 1836, Beil. 17 und 18; letztere auch Stumpf 4538.] Weitere Kinder sind namentlich weder im Zusammenhang mit Eußerthal bei Namen genannt, noch im Registrum bonorum.
Die D(omi)na Gepa, soror Ingebrandi de algesheim, die 1195 dem Rupertsberg eine Wiese für 4 Mark auf 8 Jahre und danach für anderthalb Mark auf drei Jahre übergibt, scheint mir nicht, wie Staab [242    Staab, Ockenheim…, S. 206, Fußnote 71.]  meint, mit der Stifterin identisch. Dagegen spricht weniger das biblische Alter, das sie erreicht hätte, sondern vor allem die für eine dem Kloster nahestehende Greisin (die vermutlich sogar als Konverse im Kloster lebte) merkwürdige Bezeichnung nach einem Bruder, der bisher noch nicht aufgetreten war. Ingebrand in Algesheim ist offensichtlich mit einem Schenker für Kloster Eberbach identisch, dem Sohn eines Embricho. [243 OM VII, 4, 9, 14.] Diesen häufigen und im Zusammenhang mit dem Rupertsberg besonders häufigen Namen mit einer bestimmten Person zu verbinden, ist nicht möglich. Nicht identisch kann der Gepa-Bruder mit einem Ingebrant sein, der mit seinen Brüdern Dietmar und Giselbert und seinem Vater Hugo und seinem Onkel Meginlach und dessen Kindern Hugo, Dietmar, Judda und Demodis [244 Vielleicht die Demodis von Stromberg des Registrum bonorum (1 Wingert in Bingen) MRUb 2, N. Nr. 14, S. 384.] Einspruch gegen eine Schenkung erhob, [245 Einer der letzten ursprünglichen Einträge im Registrum bonorum (MRUb 2, N. Nr. 14, S. 385).] wohl aber scheint er verwandt gewesen zu sein, denn es handelt sich um Güter in Volksheim, wo Gepa schenkte und neben ihr eine Methildis pro filia sua, die sich als Domina Methildis de triuels herausstellt. [246 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 373f und 384.] Die Namen gehören auch in die Verwandtschaft der Mörlheimer. Wenn man freilich die Gepa von 1195 als eine Tochter von Stephan und Gepa ansieht, hätte man auch deren Bruder Ingebrand als Sohn einzureihen. [247 Vgl. zum Namen auch DI 34, Nr. 1, Grabplatte für einen gewählten (?) Mönch (?) Ingebrandus (?) 2. H. 11./1. H. 12. Jahrhundert (?) in der Klosterkirche Sponheim.] Eher sind es Enkel.
Methildis de triuels als Mutter Stephans anzusehen, hieße beinahe, sie zu den Geschwistern Hildegards zu stellen…

7.2.2.2 Marquart de Utersdale und der Dominus Sigebodo

Der Marquart von Eußerthal, dem ein weiteres der von Gepa gestifteten Rupertsberger Anniversarien gilt, ist von Doll bereits identifiziert als einer der ersten Eußerthaler Mönche, der gewiss ein Verwandter der Gründer war. [248 Doll, Beobachtungen… S. 200. Neben ihm nehmen der Cellerarius Werner von Weiler-Bettnach und ein Konverse Folmar die Schenkung der Grafen von Lobdeburg entgegen (ca. 1152).] Im Rupertsberger Registrum bonorum fehlt bei ihm allerdings die Bezeichnung „Monachus“, was nicht viel besagen will. Der an gleicher Stelle erwähnte „Dominus“ Sigebodo könnte ein Domherr in Speyer gewesen sein. [249 Grafen, Forschungen Speyerer Totenbuch-Überlieferung…, Einträge zum Januar 29 und August 21.]

7.2.2.3 Stephan (I) von Mörlheim (1109) und Hirsau

Beschäftigen wir uns noch mit dem früheren Stephan von Mörlheim, der wohl nicht viel älter als Hildegard war, denn bei ihm kann man bei der ermüdenden Suche nach Beziehungsspuren zu überraschenden Zusammenhängen gelangen. Sein wohl älterer Bruder Konrad galt als non obscuro genere exortus, und übertrug mit sich selber dem Kloster Hirsau reiche bona quae hereditario iure possedit. Bei der Abfindung Stephans [250 Cod. Hirs., 35b–36b; WirtbgUB I, Nr. 267; Abweichungen bei Karl Otto Müller, Traditiones Hirsaugienses, in: ZwürttLdG IX (1949/50), S. 26f und 39f, hier folgt auf die Urkunde der Dank- und Segensvers [O GENITRI]X PIE CONRADO BENEDIC PRO MUNERE TANTO.] in Odenheim (b. Bruchsal) hielt man eine lange Zeugenreihe fest. Ich greife einige besonders interessante Namensanklänge heraus: … Erckenbertus de Merlenheim et Diemarus filius eius, Volmarus de Swabecheim (Suabeheim), Gotefridus de Offenbach,… iudices (Schiedsrichter); Volmarus, comes de Hune(i)burg(c) et filius eius Volmarus, Hartmannus de Ucklingen,…  Marcwardus de Dand(es)statt … Marquart de Heimfelt, … Mege(i)nlach de Setingen (Tetingen) … Dietericus franci …
Ein Stephanus de Merlenheim erscheint noch einmal im Codex Hirsaugiensis, um 1140, unter Abt Volmar. [251 Cod. Hirs., 49b.] Er bezeugt eine Schenkung des Klerikers Megingos in Stetten (b. Brackenheim). Ebendort schenkte, bzw. verkaufte eine ganze Familie: Gerung (Brüder Hugo und Rudolf) von Hohenrieht, seine Schwestersöhne Drutwin (mit einem Sohn) und Megingos, der Kleriker. Offensichtlich gehören zur Familie Hartwig, damals noch Speyerer Dekan, dann Propst und Camerarius, der 1156 Abt in Hirsau wurde und nach 8 Wochen starb, [252  Sein und seiner Eltern Anniversar war mit 22 Mark auf Stetten ausgestattet (Müller, Traditiones Hirsaugienses, S. 44).] ein Diemarus de Mentzingen mit Frau und den Söhnen Diemar und Walther, u. a. Die Namen Drutwin und Megingoz begegnen uns im Rupertsberger Umkreis, auch Die(t)mar. Was dieser Stephanus de Merlenheim mit dem Clan zu tun hat, lässt sich nicht sagen. Es handelt sich sicher um den Mann der Geba oder dessen Vater.

7.2.2.4 Hirsau und die Diemar/Erckenbrechte

In Hirsau gab es auch eine Anniversarstiftung von Diemarus de Merleheim, [253 Müller, Traditiones Hirsaugienses, S. 44: anderthalb Mark aus Derdingen.] wohl dem obengenannten Sohn des Erkenbert. Die Namenskonstellation gibt es doppelt, nämlich mit einem gleichnamigen Mönch von Hirsau, vorher miles quidam de Rutingen, dessen Vater Erckinbertus de Rutingen 15 Huben in Kälbertshausen (Ks. Mosbach) schenkte, die der Hirsauer Tochtergründung Schönrain überlassen wurden. [254 Cod. Hirs., 32a–35a.] Der Eintrag geht über zu seinem Sohn Diemar, der Mönch in Hirsau wird und alle seine Habe dem Kloster überträgt. In der danach festgehaltenen Schenkungsurkunde von 1103 Januar 16 heißt es, dass er, cum inter capitaneos [255 Capitaneus nennen die Hirsauer, bzw. Reichenbacher nur diesen Diemar und seinen gleichnamigen Onkel! Das seltene Wort begegnet uns auch in der Vita S. Hildegardis I, 3, 21: Sie spricht vom Mainzer Domkapitel (oder einer Art Priorenkolleg?) als den capitaneis ecclesie.] principes provincie, que dicitur Osterfrancka, genere et possessione preditus non parve estimationis haberetur, auf den Ruf Gottes sich und seine Habe dem Kloster übertrug. Die lag hauptsächlich in Röttingen an der Tauber, ubi ipsius mansio precipue erat. (In diesem „wo er hauptsächlich wohnte“ wird sehr deutlich, wie die alten Zunamen vergeben wurden.) Diemar besaß in Rutingen zwar die salica terra und 7 Huben mit einem Weinberg, aber es gab zahlreiche Mitbesitzer. Von denen setzten Hirsau als Erben auf den Todfall ein: Richolff eine (und eine im benachbarten Nassau), Rihmunt eine, Adalbert eine halbe. Ihre Erträgnisse übertrugen an Hirsau filii Rauenoldi aus drei Huben und zwei Mühlen, Megingos aus zwei Huben und drei in Strüth (Ks. Aub), Engelwart aus drei und großem Besitz in Laudenbach. Von weiteren Indizien seien erwähnt die Spitzenzeugen (nach Grafen) Ebo et filius eius Goswinus de Mergentheim, Gerunc de Rutingen et duo filii fratris sui Rihmunt et Adelbert, Embrich et frater eius de Rathersheim sowie ein Tausch über Kauf/Verkauf mit einer Schenkung der Geba, die ein Viertel von Rutingen besitzt.
Diese schenkte um 1110 [256 Cod. Hirs., 28a–b.] als conversa et comitissa de Osterfrancken neben viel Geld und Geldeswert acht von ihr gekaufte Huben in Westheim [257 Man könnte dortige Mitschenker und -besitzer mit ihr in Verbindung bringen…], acht in Strüth (s. o.), die früher domnus Diemarus besaß, in Stupferich sechs von Reginboto comite de Malsga (Malsch) gekaufte, 12 eigene. Die Rechtsübergabe geschah durch die Brüder Luf und Gosmar in Gartach, den Besitz in Frubrechtshusen sollte das Kloster ihrem Bruder Goswin [258 Es könnte sich um den Goswin von Mergentheim handeln, der mit seinem Vater 1103 für Diemar Zeuge stand, und selber vier Huben in Ostheim schenkte.] um 30 Mark verkaufen, was auch geschah.

Der Vorbesitzer in Strüth scheint identisch mit dem Diemarus de Triuels, der um 1080 eine besonders reiche Schenkung an Hirsau machte, die Abt Wilhelm als Gründungsgut an Kloster Reichenbach weitergab, weswegen sie auch im dortigen Schenkungsbuch erscheint, mit der Angabe Diemarus quidam, capitaneus de Driuels, veniens Hirsaugiam ad conversionem. [259 Cod. Hirs., 27a–b; Reichenbacher Schenkungsbuch … (Vgl. Fußnote 89898990) P20, 123, St19. Ist Diemar auch nach Reichenbach mitgegangen?] Im nächsten Eintrag erscheint Erchenbertus de Rotingun, zweifellos der Vater des Hirsauer Mönchs Diemar und ein Bruder Diemars von Trifels, im drittnächsten ein C?ono de Tahenstein, der wie Diemar in Obrigheim und Katzenbach schenkte. Aus dem Reichenbacher Schenkungsbuch [260 Reichenbacher Schenkungsbuch …P 123] geht hervor: Diemars von Trifels Nepos war der Dominus Meginlach von Obrigheim, sein Schwestermann der Straßburger Hochstiftsvogt H(einrich). [261Hans Werle. Der Trifels als Dynastenburg, in: MittHistVPfalz 51 (1953), S. 111ff.] Aus diesen und weiteren Angaben könnte man schon eine hübsche Stammtafel eines Geschlechts der Diemar/Erkenbrechte zusammenstellen.
Die Familie jener Geba, die wohl die Frau des ältesten Erkenbrecht war, wird in Umrissen deutlich. Wenn sie – und nicht eine ihrer in Schwaben verwirrend häufigen Nichten oder Kusinen gleichen Namens (s. 3.3.13.3.13.3.13.3.1) –  ihren Namen der ungefähr drei Generationen jüngeren Rupertsberg-Stifterin vererbte, dann eher über ihre Verwandten Reginboto, Sigebodo, Richolff. Stephan von Mörlheim hätte dann eine entfernte Verwandte im mindesten dritten Grad geheiratet, was gut zu den mittelalterlichen Heiratsstrategien passt.
Sein Vater  von 1109 war aber mit den Diemar/Erkenbrechten schon des neuen Namensguts halber nicht agnatisch verwandt, denn sein und Conrads Vater hatte offensichtlich eingeheiratet, eine Tochter oder Nichte oder Schwester Diemars von Trifels, die ihm reichen Besitz in der Vorderpfalz zubrachte. Für seine Herkunft gibt es aber nicht nur die selten zu eindeutigen Ergebnissen führende Namensvererbung.

7.2.2.5 Stephan ein Metz/Lunéville/Huneburger

In der Eußerthaler Klosterkirche wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts [262 Dies ergibt sich aus den Ornamenten und der Schriftgestalt, obwohl „altmodische“ gotische Minuskeln verwendet werden. Die Qualität der Bildhauerarbeit ist hoch.] (also kurz vor der Säkularisation durch Kurpfalz) ein Wappen-Gedenkstein gesetzt, der den miles Steffan von Merlheim als Stifter nennt. Die Inschrift lautet: Arma dni Steffani strenui ac nobl’ milit’ de merlheim qui funda’ hoc monasterium Anno 1148.

Der Stein gibt als Stephans Wappen vier (2 x 2) paarweise sich an Händen haltende Arme mit großen Hängeärmeln (nicht „zwei verschlungene Hände“ wie Doll meint). Dies ist offensichtlich eine Variation des Wappenbilds der noch länger mit dem Kloster verbundenen Adligen von Scharfeneck (de Meti), die einen einzelnen Arm (der in den Fingern einen Ring hält) im Wappen führten. Auch die von Wolfskehlen gehören dazu. Noch näher steht es dem Wappenbild der von Wahlbach, wo zwei gekreuzte Arme mit Hängeärmeln in den Fingern je einen Ring halten. Diese Wappengruppe kennzeichnet eine eng umrissene Adelsgruppe, von denen einzelne Familien als Abkömmlinge der Grafen von Metz/Lunéville (Leitnamen Volmar, Gottfried, Stephan) gesichert sind.
Ob der Abt des Klosters den Stein in Abwehr von kurpfälzischen Ansprüchen setzen ließ, und ob er das Wappen in Anlehnung an dasjenige der Scharfenecker „erfand“, muss offenbleiben. Die Verbindung mit den Scharfeneckern ist auf alle Fälle so oder so wahrscheinlich. Auch die Namensverbindung deutet ja in dieselbe Richtung.

7.2.2.6 Auch Stephan von Spanheim ein von Metz?

Wir wollen hier nicht auch noch Dolls Vorschlag prüfen, dass auch Stephan von Spanheim zu diesen „METZERN“ gehört. Wenn ja, dann hat er eingeheiratet; sein Sohn Meinhard hat ja ebenfalls durch eine glückliche Heirat sein Glück gemacht und kam sogar zum Grafentitel. Gegen diese Hypothese spricht nicht die „bayerische“ Herkunft seiner Frau Sophia, denn damit könnten auch die Kärntner SPANHEIMER gemeint sein, sondern, dass in Stephanus de Spaynheym clare ortus [263 Vita domnæ Juttæ inclusæ II pass.] das de Spaynheym nicht als Ergänzung zum Namen, sondern als Prädikativ zu ortus zu verstehen ist. Die nicht unwahrscheinliche Metzer Konnektion (für die auch das ex nobilissima Galliae stirpe oriunda spricht) läge eine Generation früher, und brächte nicht nur den Namen Stephan in die Familie, sondern auch den seines Enkels Gottfried.
Wesentlich für uns sind die im Familienkreis der Eußerthaler Stifter irrlichternd auftauchenden Namen, die wir aus dem Registrum bonorum und auch sonst im Umkreis Hildegards kennen: Embricho, Megingoz, Reginbodo, Drutwin, Dietmar, Geba… Das kann kein Zufall sein, aber die genealogische Wirklichkeit dahinter ist schwer zu erkennen. Man ordne ein Puzzle mit 1000 Teilen, von denen mindestens 600 fehlen, 100 doppelt sind, zumal wenn die Bildseite arg undeutlich ist…

7.3 Herzogin Agnes von Lothringen

Die beste Biographie und die genauste Genealogie der auch als Thomasse erscheinenden Agnes von Bar, die nach dem 1213 Oktober 8 oder 9 erfolgten Tod ihres Mannes, des Herzogs Friedrich II. von Lothringen, zur Förderin zahlreicher geistlicher Institute, nicht zuletzt des Klosters Rupertsberg wurde, bietet Poull. [264 Georges Poull, La Maison souveraine et ducale de Bar, préface de Michel Parisse. Nancy, 1994, S. 151f. – ders., La Maison ducale de Lorraine, devenue la Maison impériale et royale d’Autriche, d’Hongrie et de Bohème, préface de Hubert Collin. Nancy, 1991, S. 51 bringt zu ihrem Mann und ihren Kindern mehr.] Agnes starb 1226 Juni 19 und wurde in der Abteikirche von Beaupré begraben. In ihrem Testament bedachte sie zahlreiche Klöster und Kirchen, nicht aber den Rupertsberg.
Ein Problem kann man vom Tisch wischen: Wieso Philipp (IV. von Bolanden, I. von Hohenfels) erklärt, Agnes sei die amita, also die Vatersschwester seiner in ihrer Herkunft unbekannten Frau Elisabeth. Der Vorschlag Möllers [265 Stammtafeln II, Nachträge und Berichtigungen zu I, S. 5] erschien mir die einzige plausible Lösung. [266 Nur sie würde das – überwindliche – Ehehindernis einer Verwandtschaft vierten Grades beseitigen: Philipp war über Beatrix und Wildgraf Gerhard Urenkel einer Tochter Renauds I. von Bar, seine Frau wäre als Vollnichte der Herzogin Agnes gleichfalls Ururenkelin desselben Renauds I. gewesen.] Es gibt eine viel einfachere. Die hierzu führenden drei Urkunden sind moderne Fälschungen, vermutlich von Schott. Sie finden sich – weil in ihnen ein Wilhelm de Turri als Zeuge erscheint – abgedruckt bei K. A. Schaab [267  K. A. Schaab, Die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gensfleisch genannt Gutenberg zu Mainz … mitt mehr als dritthalb Hundert noch ungedruckten Urkunden, welche die Genealogie Gutenberg’s, Fust’s und Schöffer’s in ein neues Licht stellen, 2. Band, 21855, S. 353ff, Nr. 200f, 203.] –, als Fundort ist jeweils angegeben „Aus einer Abschrift – Unter den Bodmann’schen Manuskripten“. Das allein weckt schon höchsten Verdacht. Außerdem geht es hier um Gensinger Güter Agnete quondam (!, sie lebt doch noch und heißt in anderen Quellen auch als Witwe „Herzogin“) ducisse de Nancei, die sie 1220 von Abt und Konvent des Disibodenbergs käuft und – wie Erzbischof Siegfried 1220 (o. D.!) bestätigt [268 Böhmer/Will, RegMzEB, 2, XXXII Nr. 364 äußert keinen Fälschungsverdacht]  – zusammen mit einem Weinberg in Münster und einer curia(m) in pinguiam quondam Comite de Veltencen dem Kloster Rupertsberg schenkt zu einem Jahrtag für sich und ihre Mutter (matris eius comitisse uidelicet Adelheidis). 1239 September 22 verzichtet dann Philipp, Herr zu Hohenfels zugunsten des Rupertsbergs auf alle Rechte, die ihm auf die Güter zustehen könnten, die die nobilis matrona Ducissa de Nanzeia (hier also kein quondam!) nostre uxoris amita in Gensingen erworben habe.
Es muss nicht einmal untersucht werden, ob diese drei Urkunden diplomatisch und sprachlich angreifbar sind (sie scheinen es zu sein). Inhaltlich sind sie es. Nach dem Registrum bonorum hat die hirzogen dem Rupertsberg tatsächlich ein Gut gekauft, und zwar daz nuwe gut … zu Longesheim. [269 So heißt es in einer (von Beyer auf 1210–1220 datierten) Aufzählung aller Güter in Langenlonsheim, MRUb 2, N. Nr. 14, S. 387.] Im letzten Nachtrag [270 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 390, „Handschrift von 1210“. Er gehört zu den Rechtstiteln unter Longesheim S. 371.] ist noch einmal davon die Rede: bona que Domna agnes ducissa emit in longesheim pro domino Reinhardo de cella et uxore eius domina guda. Von weiteren Schenkungen und von den geschenkten Gütern ist nichts in der doch recht dichten Überlieferung des Rupertsbergs zu finden. Die 1219 erfolgte Schenkung Konrads von Münster [271 MRUb 3, 117] ist allerdings auch nicht im Registrum bonorum, wohl aber als Urkunde überliefert.
Die Schenkung der Langenlonsheimer Güter (mit der Zweckbestimmung, 10 Pelze für die Nonnen anzuschaffen) wird von Erzbischof Siegfried III. 1234 September 10 bestätigt. Hätte es 1220 tatsächlich eine Bestätigung für früher geschenkte Güter gegeben, wäre doch wohl gleichzeitig die jüngste Schenkung abgesichert worden.
Allerdings könnte es eine noch ältere Schenkung gegeben haben: Aus dem Registrum bonorum f. 51 geht hervor, dass das Kloster 1204 einem Godefridus auf 12 Jahre einen Weinberg in Rudensheim verpachtet, quam domina Agnes (die spätere Herzogin?) … pro XII. marcis ad refectionem infirmarum nostrarum emit. [272 NassUB I,1 Nr. 911.]
Kommen wir wieder auf die fragwürdigen Urkunden von 1220. Die Mutter der Herzogin hieß nicht Adelheid, wie der Fälscher uns vormacht, sondern Lauretta. Bei Poull findet sich auch nichts davon, dass ihr Vater Thiébaut I. von Bar, der ca. 1176 bei seiner Heirat mit Lauretta von Looz als etwa Sechzehnjähriger mit einer Sekundogenitur ausgestattet wurde, eine Witwe geheiratet hätte. Lauretta starb vor 1184 und Agnes war offensichtlich ihr einziges (überlebendes) Kind. Auffällig aber ist, dass die ersten der unzähligen kriegerischen Taten Thiébauts auf ein Hilfeersuchen von Erzbischof Arnold von Trier (s. 5.15.15.15.1) geschahen und dass er nach Arnolds Tod den antikaiserlichen Kandidaten Volmar unterstützte. Von seiner eigenen Familie her gab es nichts, was ihn etwa als Trierer Vasallen dazu verpflichtet hätte. Sollte seine vor 1184 verstorbene Frau irgendwelche Verbindungen zu Arnold in die Ehe gebracht haben? Sie war jedenfalls die Tochter von Graf Ludwig I. von Looz, dem Mainzer Prefectus († 1171) und dessen Frau Agnes. Diese förderte Heinrich von Veldeke [273 J. Baerten, Agnès de Metz, comtesse de Looz et protectrice du poète Henri van Veldeke, in: Hommage au Prof. Paul Bonenfant. Bruxelles, 1965, S. 57–64]  und war eine Tochter des Grafen Volmar (V.) von Metz und seiner Frau Mathilde von Moha, die ihrer Tochter die Herrschaft Longwy vererbte. Wenn Agnes auch keine Erbtante der Bolander ist, wie Möller wollte, sie gehört wohl zur entfernteren Verwandtschaft Hildegards, mir scheint, eher über ihre METZER Großmutter als den Mainzer Großvater. Im übrigen scheint mir die Beziehung zum Rupertsberg nicht in ihre letzten Lebensjahre zu fallen: Die Schenkung in Langenlonsheim liegt vor 1219, die von Gensingen ist eine Schimäre, im Testament und in ihrem erstaunlich gut belegten Lebenslauf erscheinen der Mittelrhein und Kloster Rupertsberg nicht mehr.

8 Hildegard und unsere offenen Fragen

8.1 Warum weihte Hildegard die Eibinger Kirche einem heiligen Giselbert?

Der Fakt ist überliefert. [274 AASS S. 670, Nr. 177: hoc monasterium, S. Giselberti memoriae sacrum…] Das Patrozinium hat sich nicht erhalten, ist meines Wissens auch noch nicht diskutiert worden. [275 Brede, in: Hildegard 1979, sagt lapidar: „1165 … konnte Hildegard … die Kirche über den Reliquien des heiligen Giselbert wieder weihen lassen…“ Werner Lauter und Uwe Groß berichten das Faktum als unerklärt (St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen, Schnell, Kleine Kunstführer 2308, 1997).] Laut der Gründungsurkunde [276 MzUb 2, Nr. 111.] war das Vorgängerkloster als Augustiner-Doppelstift (also prämonstratensisch?) gedacht und 1148 ausdrücklich in honorem beate Marie matris von Bischof Wigger von Brandenburg [277 Vermutlich einem Verwandten von Erzbischof Heinrich, s. 6.16.16.16.1. Zu ihm: Das Bistum Brandenburg, bearb. v. G. Abb und G. Wentz, (Germania Sacra I, 1) 1929. Allerdings scheint er, da sein Bistum in heidnischer Hand war, schon länger in Mainz quasi als Weihbischof fungiert zu haben. 1142 Mai 28 und 29 weihte er zwei Kapellen auf dem Disibodenberg (MG SS 17, 26)] geweiht worden.
Dass Hildegard einen Großneffen namens Giselbert hatte und dieser (damals schon?) im geistlichen Stand lebte, dürfte mit der Verehrung eines Heiligen Giselbert nichts zu tun haben. Genausowenig der gleichnamige Kaplan Erzbischof Heinrichs und der gleichnamige Sohn eines (Ministerialen) Arnold, die 1148 die Gründung und Dotation bezeugt hatten.
Eher könnte es sein, dass die Verfasser der Vita den Namen verwechselt haben. Meinte Hildegard Gisilarius, den Weggefährten des Hl. Rupert von Salzburg, der zusammen mit Chuniald die älteste Kirche Wiens gründete und dem hl. Rupert (von Salzburg) weihte? [278 Georg Predota, Der liturgische Kult der Salzburger Heiligen Rupert und Virgil, Chuniald und Gislar, theol. Diss. masch., Graz 1967 (nicht eingesehen).]
Von den verschiedenen Gilbert/Giselbert, die als Heilige verehrt wurden, kommen garnicht die nach 1180 gestorbenen und schwerlich die auf den britischen Inseln infrage. Auch der heilige Bischof von Meaux (†1009 oder 1015, sein Tag war Februar 13) wurde nur in seiner Diözese und in der von Soissons verehrt. Gilbert le grand, Abt von Cîteaux, starb 1167 (Oktober 17), der selige Märtyrer Gislebertus, Abt von St. Peter in Erfurt, dann Reinhartsbrunn und Admont kam auf dem 1. Kreuzzug 1101 Oktober 1 in Chorozaim um. (Er war nicht heiliggesprochen, aber in der Mainzer Kirche und wohl auch im Adelskreis um sie zuhause.) Ein Gilbert, der mit seiner Frau Petronilla und seiner Tochter Ponzia ein Prämonstratenserkloster gründete, starb 1152 Juli 6 als Abt von Neuffontaines.
Am überraschendsten erscheint mir ein Gilbert von Fontenelle, wo er durch seinen Protektor Wilhelm den Eroberer 1063 der 30. Abt wurde und 1089 September 4 starb. Zuvor lebte er mit Maurillus in verschiedenen Ländern, u. a. Italien, als Einsiedler, wurde dann Mönch in Fécamp und später in Fontenelle. Er soll aus edler Mainzer Familie gestammt sein! [279 AASS Septembris VII, pp. 770 ff.]

8.2 Hildegards Vita Beati Ruperti confessoris

Nur wenn der als „Bekenner“ verehrte Patron Salzburgs mit dem namengebenden Schutzheiligen des Binger Klosters identisch ist, ergäbe die Wahl seines Gefährten Gisilarius einen Sinn. Hildegard hat freilich in ihrer 1170 verfassten Vita Beati Ruperti confessoris, den Schutzheiligen ihres Klosters nicht mit dem – angeblich Wormser und später – Salzburger Bischof gleichgesetzt. [280 Zu ihm, der höchstwahrscheinlich der ursprüngliche Patron auch des Binger Kirchleins (wie der Volkspfarrkirche von St. Paulus in Worms) war, vgl. Hl. Rupert von Salzburg 696–1996, Katalog der Ausstellung im Dommuseum zu Salzburg und in der Erzabtei St. Peter, Salzburg 1996, wo leider der Rupertsberg überhaupt nicht erwähnt ist.] Ihre nach eigener Aussage auf Inspiration beruhende Darstellung enthält einen historischen Tatsachenbezug in der Grenzbeschreibung des praediums von Rupert. [281   Heinzelmann, Der Weg nach Trigorium. Grenzen, Straßen und Herrschaft zwischen Untermosel und Mittelrhein im Frühmittelalter, in: JbwestdLG 21, 1995, S. 64f.]

8.3 Adelsstolz und Ministerialität

Bekannt ist Hildegards adelsstolze Antwort auf die Frage von Tenxwindis, Meisterin des Kanonissenstifts St. Marien in Andernach, ob denn nicht auch Töchter aus nichtadligem, gar aus armem Hause gute Nonnen sein könnten und warum sie keine aufnehme. [282 CCCM 91, Epist. LII: Außerdem – und das scheint uns nicht weniger merkwürdig – gewährt Ihr nur Frauen aus angesehenem und adligem Geschlecht den Eintritt in Eure Gemeinschaft. Nichtadligen und weniger Bemittelten hingegen verweigert Ihr fast durchweg die Aufnahme… Hildegard antwortete (ebd. LIIR): (Gott) hat acht, dass der geringere Stand sich nicht über den höheren erhebe, wie Satan und der erste Mensch getan, da sie höher fliegen wollten, als sie gestellt waren. Welcher Mensch sammelt seine ganze Herde in einen einzigen Stall, Ochsen, Esel, Schafe, Böcke, ohne dass sie auseinanderlaufen?… Und sie gibt ihrer auch für die damalige Theologie fragwürdigen Ansicht überpersönliche Autorität: So spricht das lebendige Licht und nicht ein Mensch… (deutsch nach: Führkötter, Briefwechsel…, S. 200ff).] Wenn sie meint, der niedere Stand solle sich nicht über den höheren erheben, und man sperre ja auch nicht Ochsen, Esel, Schafe, Böcke zu einer Herde und in einen Stall zusammen, will sie offensichtlich in ihrem Kloster nicht das Friedensreich des Jesajas schaffen, in dem Lamm und Löwe friedlich nebeneinander weiden. [283 Zu diesem Thema kenne ich keine bessere Darstellung als das Unterkapitel „Soziale Verpflichtungen und Dienste: Mönchsein in der Adelsgesellschaft des Mittelalters“ bei Klaus Schreiner, Hirsau und die Hirsauer Reform, in: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Hirsau St. Peter und Paul 1091–1991, 2 (bearb. v. K. Schreiner), 1991, S. 70 ff.] Vielleicht rührt aus dieser (um ein heutiges Wort zu gebrauchen) reaktionären Haltung auch ihre Scheu, von der eigenen Verwandtschaft und von ihrem eigenen Adel zu sprechen. Sie will den starken Reformgruppen möglichst keine Angriffspunkte bieten.
Im Registrum bonorum findet sich dementsprechend S. 29 unter der Überschrift IHS. Fundatio Monasterii S. Ruperti est MCXLVII eine aus drei Absätzen (Paragraphen) bestehende „Verfassung“ des Klosters. Der dritte beginnt Obedientia und interessiert hier nicht. Die ersten beiden lauten: In usum uirginum uere ex patre et matre nobilium de quarum illustri generatione et familia nullum sit dubium: quibus substituuntur sorores ignobiles ad seruitia monasterii et uirginum: cedat monasterium: – Nulla suscipiatur quæ non ex dote in monasterij bonum, quid conferat, a propinquis monasterium recipiat, ad conseruationem et ampliationem eiusdem: pro ratione temporum et iudicio Dominæ matris Magistræ. Das Latein hätte – so scheint es mir jedenfalls – der Feile eines Propstes Volmar bedurft. Aber auch ohne das eine oder andere Prädikat oder Objekt erkennt man, was gemeint ist: („Das Kloster sei eingeräumt zu Brauch und Nutzen wahrhaft von Vater und Mutter adliger Jungfrauen, über deren erlauchte Abstammung und Verwandtschaft kein Zweifel besteht; Ihnen sind die nicht-adligen Schwestern zum Dienst an Kloster und Jungfrauen unterstellt. – Keine werde aufgenommen, die nicht zum Besten des Klosters ein Gut, das sie einbringt, als Ausstattung von den Verwandten für das Kloster erhält, zu dessen Bewahrung und Vermehrung nach dem weltlichen Vorteil und dem Dafürhalten der Frau Äbtissin.“) Diese Betonung der Adelsqualität hat sich bei den Nonnen bis zur Aufhebung des Klosters in Eibingen gehalten. [284 Vgl. Struck, Archiv.  (wie Fußnote 15151515)]
Man darf den Tenxwind-Brief freilich nicht auf einen Gegensatz hier Ministerialen-, da Adelstöchter reduzieren. Denn unter den Schenkern und Freunden des Rupertsberg, vermutlich in der allernächsten Verwandtschaft Hildegards finden wir immer wieder „Ministerialen“, etwa die Rheingrafen, die Reinbode/Walberte [285 CCCM 66A, Epist. XXXIII Z. 37: Äbtissin Ida berichtet ca. 1185 an Guibert von Gembloux vom Tod des Binger Vogts mit den Worten Walberti nostri familiaris. Der fast gleichzeitige Brief einer Nonne Gertrud an den selben (ebd. Epist. XXXV Z. 23f.) vom Tod familiaris nostri Walberti militis.– Ich glaube Walberts vermutlich sogar agnatische Abstammung von den „Grafen von Malsch“ aus meinem Material erschließen und darstellen zu können.], die vielen Embricho/Arnold/Megingoz [286 Es handelt sich um mindestens zwei Gruppen, beide zumindest ursprünglich „edelfrei“. Die Namensspuren Christian, Hartwich etc. führen eventuell zu den Magdeburger Spanheimern. Es wird Jahre dauern, bis die unzähligen Nennungen in Urkunden und Quellen wie dem Registrum bonorum, dem OM, den Nekrologen usw. wenigstens weitgehend aufgearbeitet sein werden. Ich verzichte darauf, von den bisherigen, notgedrungen sehr unvollständigen Gesamt- und Einzeldarstellungen besonders angreifbare zu nennen oder meine Behauptungen mit nur vorläufigen Beweisen zu untermauern.] aus dem Mainzer Umkreis, oder die Schönburger [287 Bei diesen ist die „Ministerialenqualität“ besonders kompliziert und daher deutlich: Weil das erste explizit namentliche Vorkommen eines Schönburgers (MRUb 1, Nr. 605ff. zu 1158) 1159 ihn unter Ministeriales regis einreiht, scheint diese Frage von vornherein beantwortet. Dem ist aber nicht so. Denn erstens kann Otto als ein „von Schönburg“ in dem Worms/Trier/Nassauer Rechtsakt von 1159 garnicht ein Reichsministeriale im üblichen Sinne gewesen sein, weil die Schönburg mit Oberwesel ja erst 1166 vom Erzstift Magdeburg ans Reich getauscht wurde. Zweitens muß 1166 ja mindestens eine Familie im Komplex Wesel „frei“ gewesen sein, also wohl die des Otto, der von Barbarossa in einer separaten Urkunde (MG DF I, Nr. 507) das Verbleiben in diesem Stand ausdrücklich zugesichert bekam. Drittens scheinen die anderen aufgezählten Ministeriales regis auch keine Reichsministerialen gewesen zu sein, bestenfalls waren es Mainzer Ministerialen. Die Rubriken unterscheiden zwischen den Vertretern der beteiligten drei Parteien, und denen des offensichtlich vermittelnden Königs. – Es scheint also, daß der Begriff Ministeriales regis im älteren Sinne gebraucht wurde, nämlich als beauftragte Amtswalter des Königs. Der später eindeutige Begriff ist also noch nicht fest.] und als prominenteste die Bolander. Bei allen ist die Standesdefinition schwankend oder unklar.
Symptomatisch halte ich die (2.2.12.2.12.2.12.2.1) erwähnte Notiz Guiberts, in der er die alia Christi famula sibi equiuoca inferioris generis, nepte tamen sua mit Jutta von Spanheim (nach seiner Meinung damals schon Schwester eines Grafen, nach ihrer Vita immerhin ex nobilissima Galliae stirpe oriunda) eingeschlossen werden lässt. Diese Spannweite des sozialen Ranges bei großer genealogischer Nähe hat offensichtlich das Zusammengehörigkeitsgefühl, zumindest das vor Gott, noch nicht zerstört.
Mir erscheint der Kreis der Schenker für den Rupertsberg aus einem weitflächigen Gewebe solcher Zusammenhänge zu bestehen; Domini neben Bürgern, Ministerialen neben Dynasten, und alle fühlten sich dem Rupertsberg und seinen Insassen verbunden, auch verwandtschaftlich, und alle gehörten auch im modernen Sinne zur Familia Hildegards, denn die meisten waren mehr oder weniger weit mit ihr verwandt oder verschwägert. Das war beiden Seiten durchaus bewusst, denn damals kannte man alle seine Verwandten bis mindestens zum 5. Grad, schon wegen der Möglichkeit, sie zu beerben… Genealogisch lassen sich bei diesen Familien jedenfalls die liberi homines von den ministeriales nicht trennen, weiß man nicht immer genau, wie man einen bestimmten einzelnen Vertreter einzuordnen hat, selbst in verschiedenen Lebensaltern oder in bestimmten Funktionen wechseln sie vom einen zum andern Stand, was letztenendes heißt, dass es diese strikte Standestrennung garnicht gab, aus der die konservative Genealogie (und weitgehend auch die Geschichtswissenschaft) so gerne ein unumstößliches Gesetz machen wollte. [288 Hierzu als besonders differenzierenden Beitrag: Thomas Zotz, Die Formierung der Ministerialität, in: Die Salier und das Reich, hg. v. Stefan Weinfurter ..., 3, 1991, 3 ff.]

8.4 Hildegard und ihre Verwandtschaft

Wir haben im Verlauf unseres Rundblicks mehrmals erlebt, dass Hildegard fast eine Scheu davor hat, einen Verwandten ihren Verwandten zu nennen. Sie achtete zwar darauf, dass diese Verwandten als hochadelig bezeichnet wurden, aber so, als hätte sie selber nichts mit ihnen zu tun. Diese Auffälligkeit soll und kann hier nicht erklärt werden. Sie kann psychologische oder religiöse Gründe haben, aber auch dadurch entstanden sein, dass die Briefe nur in zur „Veröffentlichung“ bestimmten Abschriften, bzw. Übersetzungen erhalten sind. Insofern hat auch Hildegards nächste Umgebung teil an dieser Einstellung, und es scheint zumindest nach dem Registrum bonorum, dass diese im Kloster auch nach Hildegards Tod beherrschend blieb.
Auch kann man verstehen, dass Hildegard ihre genealogische Nähe zu hohen geistlichen Würdenträgern nicht hochspielte. Zu den zahlreichen behandelten – ich gebe zu, nirgends haben wir alle Zwischenglieder und den ganz genauen Zusammenhang – kommen meiner Ansicht (die Verdachtsmomente erspare ich an dieser Stelle mir und dem Leser) als entfernter mit Hildegard verwandt auch die Mainzer Erzbischöfe Arnold von Seelenhofen und Christian von Buch in Betracht, was es ihr, neben dem Bruder (den Brüdern?) im Domkapitel erlaubt haben dürfte, ihre Gründung heil durch die für das Erzbistum riskanten staufischen Zeiten zu bringen.
Hildegard wollte gegenüber der Christenheit legitimiert sein nicht durch ihren Adel und nicht durch ihre Verwandtschaft, sondern durch die Gesichte, mit denen Gott sie begnadete, wie sie immer wieder betont. Jedenfalls tabuisierte sie geradezu ihre Verwandtschaftsverhältnisse.

9 Das Kloster Rupertsberg nach Hildegards Tod

9.1 Erzbischof Siegfried (II.) von Eppstein und seine Binger Wähler

Der Mainzer Domherr und (spätere) Binger Propst Heinrich „von Stahleck” (s. 4.1.54.1.54.1.54.1.5) und der häu?g in engen Beziehungen mit ihm auftretende, nah verwandte oder verschwägerte Domdekan Friedrich de Dicka waren die beide Wählern des „päpstlichen” Mainzer Erzbischofs Siegfried II., der 1200 in Bingen aus dieser dreiköpfigen Minorität gewählt wurde und weltlichen Rückhalt hatte in seiner consanguinitas, seinem Bruder Gottfried von Eppstein, den verschwägerten Brüdern Werner von Bolanden und Philipp von Hohenfels, dem Rheingrafen Wolfram und den „Reinboden” von Bingen, vor allem aber auch in dem welfischen Pfalzgrafen. Friedrich von Dicka und Heinrich von Stahleck sollten mit Siegfried II. sein Kölner Exil teilen, da sich der staufische (Gegen-)Bischof Lupold in Mainz zunächst behaupten konnte. [289 Böhmer-Will 2, S. 120ff.]
Den Domherrn Heinrich kennen wir als Schenker für den Rupertsberg, erst recht die Reinbode (zu ihnen gehört Walbert). Die von Dicka (zu denen wohl der Schenker Alexander [290 MRUb 2, N. Nr. 14, S. 382.] gehört), sind mit den von Kessel verwandt, als Verbindungsglied scheinen die Braunshorner zu figurieren, die vermutlich sogar mit Hildegard verwandt waren. Rheingrafen erscheinen mehrmals als Schenker für den Rupertsberg. Erzbischof Siegfried erscheint als Stifter auf dem Antependium, evtl. auch sein Bruder Gottfried; Philipp von Hohenfels heiratete deutlich nach 1200 jene Beatrix „von Ehrenfels“, die 1219 [291 MRUb 3, Nr. 117]  mit ihrer Mutter (Cometissa de Eberstein et filia eius de Erenvels) erste Zeugin für die Schenkung des Cunradus de Munstere et uxor eius Bertha war, zusammen mit ihrer Mutter, der Gräfin von Everstein. Diese, Agnes von Wittelsbach, hatte in erster Ehe Wildgraf Gerhard geheiratet, der 1198 noch lebte, und in zweiter den Grafen Albert von Everstein. [292 Die Schreibung mit v ist norddeutsch, wird aber nur von Genealogen streng durchgehalten. D. J. Meyer, Zur Genealogie der Grafen von Everstein (NdSächs. LdV. f. Familienkde., Sonderveröff. 7, 1954).] Sie war eine Nichte des Mainzer Erzbischofs Konrad († 1200) und die Schwester des bayrischen Pfalzgrafen Otto, der 1208 König PHILIPP ermordete. 1222 befreite dann Ludwig (von Wittelsbach), Pfalzgraf und Herzog von Bayern ad instantiam precum dilecte consanguinee nostre de Everstein comitisse alle Klostergüter unter seiner Jurisdiktion von allen Abgaben. [293 MRUb 3, Nr. 191.]
Der Kreis der Wähler Siegfrieds überschneidet sich mithin vor und sogar noch lange nach 1200 mit dem der Förderer Hildegards und des Rupertsberg. Beide haben enge Beziehungen zur Erzdiözese Köln. Von Hildegards Beziehungen zu St. Andreas und Erzbischof Philipp haben wir gehandelt. Das Kloster wurde bald nach dem Tod Hildegards von Siegburger Mönchen (wohl vorübergehend) geistlich betreut. [294 CCCM 66A, Epist. XXXIII Z. 21ff.: Äbtissin Ida berichtet dies Guibert ca. 1185.]

9.2 Das Brüsseler Antependium

Es scheint, dass kirchliche Stellen den Verkauf und staatliche den Export dieses künstlerisch wie historisch einmaligen Denkmals erlaubten. [295 Im Diözesanarchiv Limburg soll eine Akte über den Verkauf und seine Genehmigung liegen. Guy Delmarcel, Het antependium van Rupertsberg, Duits borduurwerk van de 13de eeuw, in: Bulletin des Musées royaux d’art et d’histoire 61 (1990) S. 119ff., beschreibt die Umstände der Erwerbung.] Man kann nur froh sein, dass die deutschen Truppen, die zweimal Belgien überfielen, das Kunstwerk nicht vernichtet haben, und dass es von den königlich belgischen Museen 1977 für die STAUFER-Ausstellung in Stuttgart und sowohl 1979 als auch 1998 für die Hildegard-Ausstellungen ausgeliehen wurde bzw. wird.
Für Ikonographie und kunsthistorische Einordnung scheint noch immer ein Artikel aus dem Jahr 1977 maßgebend zu sein. [296 Leonie von Wilckens, Das goldgestickte Antependium aus Kloster Rupertsberg, in: Pantheon 35, 1 (1977), S. 3 ff. R. Groenwoldt geht nicht darüber hinaus: „Die Zeit der Staufer, 1, Stgt. 1977, S. 638f (Nr. 805).] Darin wirkt vor allem die mit Vorbehalt gegebene Identifizierung der zahlreichen Stifterfiguren und damit der Entstehungszeit noch nicht endgültig.
Die Mitte des querrechteckigen Mittelfelds nimmt eine Mandorla mit dem thronenden Christus ein, in den vier Zwickeln die Evangelistensymbole. Heraldisch rechts stehen die Patrone Maria und Petrus, links S. RUPERTUS  und S. HILDEGARDIS. Auf den Seitenfeldern rechts Johannes der Täufer mit Maria Magdalena und links St. Martin. Alle Figuren sind mit Namen bezeichnet, auch die zahlreichen Stifter und Adoranten, bis auf einen anonym unter Magdalena knieenden Laien. Ansonsten sind dies rechts und links der Mandorla mit allen Insignien seiner Würde (Mitra, Pallium, Krummstab) in Messgewändern in Proskynese liegend SIFRIDVS ARCHIEPISCOPUS und ANGNES DVCISSA. Ähnlich unter den Seitenfeldern GODEFRIDVS und ADELHEIDIS. Auf gleicher Höhe, in der rahmenden Leiste unten, 10 Büsten: En profil zum Weltherrscher aufschauend, beten mit erhobenen Händen je 5 verschleierte Frauen, Nonnen des Rupertsberger Convents, GVDA SOPHIA IDA AGNES DNA ELISa (oder ELISb?) – IDA SOPHIA MEHTILD ADELHEIDIS GERDRVDIS. Rechts außen schließt sich ohne Abbildung nochmals der Name GVDA an. Noch unter ihnen, teilweise außerhalb der Bordüre, ein CVNRADVS, offensichtlich nicht zur ursprünglichen Komposition gehörend, aber kaum viel später hinzugefügt.
Von den Namen sind mehrere unschwer zu identifizieren. Die Herzogin Agnes haben wir eben behandelt. Erzbischof Siegfried ist wahrscheinlich II., sein gleichnamiger Neffe folgte ihm Ende 1230.
Entscheidend ist die Identifizierung des GODEFRIDVS und der ADELHEIDIS. Seine Kleidung ist die eines Laien; wie bei CVNRADVS und dem anonymen Stifter hat sein Übergewand (einen Mantel wie die anderen hat er nicht an) eine Hermelinbordüre. Adelheid dagegen scheint – mir liegen nur Abbildungen vor – den Schleier zu tragen wie die zehn Nonnen, während die Herzogin Agnes mit einem Gebände auf dem Kopf und in ebenfalls hermelinverbrämtem Mantel über gegürtetem Unterkleid weltliche Gewänder trägt. Die Symmetrie zwischen diesen beiden Figuren auf den Flügeln ließe ohne diese Attribute verschiedenen Standes an ein Ehepaar denken, und da zunächst an den 1218 zuletzt belegten, wohl auf dem Kreuzzug  gestorbenen Grafen Gottfried III. von Sponheim und seine 1223 als Witwe erscheinende Frau Adelheid von Sayn. [297 Mötsch, Genealogie …, S. 91f.]  Dies kann nicht sein, weil diese Adelheid nicht den Schleier nahm, sondern in zweiter Ehe Graf Eberhard  von Eberstein heiratete; es wäre angesichts der Distanz der SPANHEIMER zum Rupertsberg auch überraschend.
Wenig wahrscheinlich ist die Identifizierung der beiden Figuren mit der einzig 1201 Januar 1 (nicht 1200 oder 1205) [298 Weidenbach, Binger Reg. Nr. 102 („1200“), NassUB I,1 Nr. 312 („1205“); MRR IV, Nachtr. Nr. 2316 („1205“). Im Registrum bonorum ist der Tausch eindeutig „M.CC.J in primo die Januarii“ datiert.] belegten Äbtissin Adelheid (dann hätten die stickenden Klosterfrauen gewiss nicht an den drei Buchstaben für D(omi)na gespart) und dem in der Urkunde neben ihr genannten procurator Gottfried von Weiler. Was Procurator hier bedeutet, wird sowieso nicht ganz klar: Am ehesten ist es der bevollmächtigte Vertreter vor Gericht. Es könnte angesichts der ganz lokalen Beschränkung der Angelegenheit und der Beteiligten auf Rüdesheim ein einfacher Pächter sein (vgl. 7.37.37.37.3). Außerdem tritt neben ihm Helwicus de Ibingen als Vertreter des Klosters auf.
Es lässt sich die Zuordnung dieser beiden Figuren aber auch zu den jeweils vor ihnen dargestellten Personen denken. GODEFRIDVS ist dann eher der Bruder Erzbischof Siegfrieds, Graf Gottfried von Eppstein, † vor 1223 Dezember 19. [299 Datum in den Tafelwerken wegen dem Auftreten seiner Söhne in Boehmer/Will 2, Nr. XXXII 457.] Er erscheint 1215 als weltlicher Spitzenzeuge in seines Bruders großer Bestätigungsurkunde für das Kloster, aber anscheinend auch im Nekrolog unter Dezember 25 als Godefridus l(aicus). de Erpenstein. [300 MRUb 3, Nr. 41.] Freilich sollte man ein comes beim Namen im Nekrolog wie auf dem Antependium erwarten.
Eine unanfechtbare Identifikation der ADELHEIDIS gelingt noch weniger. Die angebliche Mutter der Herzogin Agnes mit diesem Namen hat es nicht gegeben. Auch unter deren Stiefmüttern, Halbgeschwistern und Kindern findet sich der Name nicht. Da Agnes’ Onkel Gerhard II. von Rieneck (1158–93) mit Adelheid von Geldern verheiratet war, könnte man freilich eine Kusine vermuten oder eine Generation weiter die Frau des Mainzer „Burggrafen“ Ludwig II. von Rieneck (†1243), Adelheid v. Henneberg, unterstellen. Aber das wäre im Nebel gestochert.
Auch bei den Schenkerinnen im Registrum bonorum finde ich keine wirklich passende Adelheid; die wichtigen erscheinen vor 1200, und dazu als damals bereits gestorben.
1207 Mai 1 schenkte angeblich Rheingraf Werner der Jüngere dem Rupertsberg für eine ins Kloster gegangene Schwester Adelheid vor Antritt einer Kreuzfahrt einen Hof in Kempten. [301MRUb 2, Nr. 227] Aber diese Adelheid wäre dann wohl die ADELHEIDIS in der Reihe der Nonnen, wenn… ja, wenn die Urkunde echt wäre. Da sie nur in Kindlingers Sammlung überliefert ist, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Schott’sche Fälschung, dafür spricht nicht nur, dass es um die Genealogie der Rheingrafen geht, sondern auch, dass Schenkung und der angeblich geschenkte Hof in Kempten nicht im Registrum bonorum erscheinen.[302 Auch MRUb 3, Nr. 1052 halte ich aus gleichem Grund für eine Fälschung. Auf dem Rupertsberg gab es übrigens keine „Inklusen“.]
CVNRADVS: Schon von Wilckens identifiziert ihn als den Cunradus de Munstere et uxor eius Bertha, der 1219 alle seine (ihre) Güter dem Rupertsberg schenkt. [303 MRUb 3, Nr. 117]
Es wäre ungewöhnlich, wenn bei den Stifterfiguren Lebende und Verstorbene ohne unterschiedliche Darstellung nebeneinander erschienen. Solange hier kein Indiz aufgezeigt wird, sollten wir annehmen, dass alle, die sich stiftend hier vereinigen, d. h. alle, die vereinigt eingestickt wurden, eine lebendige Gebetsgemeinschaft bildeten, jedenfalls zum Zeitpunkt der Stiftung. Dazu gehört, dass ihre Lebensdaten ein gemeinsames Fenster haben. Sehen wir nach:

Sifridus Archiepiscopus      Siegfried II. (von Eppstein)                            amtiert 1200–1230
Agnes ducissa                     Agnes von Bar, Wwe. d. Hz. v. Lothringen   † 1226 Juni 19
Gotefridus                          Gf. Gottfried I. von Eppstein ?                        († ca. 1222?)
Adelheid                             ? ?                                                                      ? ? ?
Cunradus                           Konrad von Münster                                        schenkt 1219

Danach wäre das Antependium also spätestens 1223 in Auftrag gegeben worden, eher fünf Jahre früher; denn die offensichtlich bedeutende Schenkung des Konrad von Münster führte dazu, dass er noch nachträglich untergebracht wurde, was dann wohl 1219 geschehen wäre.
Von den Nonnen haben wir zu wenig Nennungen, um Sicheres über alle auf dem Antependium verewigten aussagen zu können. Die Äbtissin Elisa(beth) war nicht 1208 eingesetzt nach einer nur von Trithemius erfundenen zwiespältigen Wahl. Sie erscheint urkundlich nur 1235. [304 MRR 2, Nr. 2191.] Dies ist neben der Nennung von Adelheid 1201 (s. o.) das einzige urkundliche Auftreten einer Rupertsberger Magistra oder Abbatissa in mehr als 50 Jahren! Dass keine als Zeugin in öffentlichen oder privaten Urkunden erscheint, wundert nicht; aber auch bei den vielen Schenkungs- und Verpachtungsnotizen im Registrum bonorum werden ihre Namen nicht genannt.
Elysa (als magistra) und mehrere Nonnen begegnen uns im Bericht zum Heiligsprechungsprozess 1233 Dezember 16, dessen Nennungen zeitlich nicht genau, aber frühestens 5 Jahre davor einzuordnen sind: [305 Acta inquisitionis. pass.] Agnes war danach priorissa; weiter genannt werden der Äbtissin leibliche Schwester (ohne Namen; wenn sie dargestellt ist, wird es wohl eine der beiden Ida sein), die custodissa Beatrix [306 Sie war mit 12 Jahren schon zu Lebzeiten Hildegards auf den Rupertsberg gekommen und stammte aus Koblenz, Acta inquisitionis., S. 120.], Odilia celleraria [307 Sie hatte noch 6 Jahre Hildegard erlebt. Acta inquisitionis., S. 121.], Sophia cantrix; als einfache Nonnen werden Clementis [308 Der Akkusativ Clementem ist wohl so zu verstehen. Sie stammte aus Trechtingshausen, verschaffte ihrem Bruder Haare Hildegards (mit den Haaren Hildegards wurde ein besonderer Kult getrieben) und wurde dafür von (der lebenden?) Hildegard gepeitscht. Acta inquisitionis. S. 120f.]  und, freilich nicht ausdrücklich als soror, Gotta (Guda) erwähnt, schließlich eine Konverse Hedewigis [309  Auch sie erlebte Hildegard noch, ebd. S. 123.].
Wenn wir nun aber die Reihe der Nonnen als Anhaltspunkt für die Datierung des Antependiums nehmen, kommen wir auf einen deutlich späteren Terminus post quem. Die Schwestern spendeten wohl kaum Geld oder Gut, wie die weltlichen Stifter, sie brachten wohl nur Arbeit und Gebete ein. Die 11 dargestellten Nonnen dürften kaum den ganzen Konvent dargestellt haben, sondern eine Auswahl nach Würde, Amt und Anciennität. So oder so fehlen die custodissa Beatrix und die Odilia celleraria, die im Inquisitionsbericht als besonders bedeutend erscheinen, weil sie Hildegard noch persönlich erlebt hatten.
Als Lösung sehe ich nur, dass die Stifter den (gewiss erbetenen) Auftrag und die nötigen Gelder vor 1126 gaben, sich die Herstellung der Figuren aber solange hinzog, bis Beatrix und Odilia gestorben waren, weswegen der Konvent die Namen ihrer Nachfolgerinnen einsticken ließ, ebenso wie als 11. Namen Guda, zu der es kein Bild gibt. Die betenden Büsten waren fertig und sowieso keine Porträts. Nach ihrer frühestens 1228, spätestens 1233 abgegebenen Zeugenaussage dürften die Greisinnen nicht mehr lange gelebt haben.

9.3 Ein merkwürdiges Heiligsprechungsgutachten

Dass Hildegard von ihren geistlichen Töchtern und den Personen in ihrer geistigen und geographischen Nähe als Heilige angesehen und verehrt wurde, wird nicht nur durch dieses An-tependium bezeugt. Folgerichtig bestrebte man sich, in einer immer besser organisierten Kirche vom Heiligen Stuhl auch die förmliche Heiligsprechung zu erreichen. Die ersten Schritte – von Seiten der Äbtissin und des Konvents – sind meines Wissens nicht dokumentiert. Papst Gregor IX. (1227–1241) forderte Laterani VI kalendas februarii. Pontificatus nostri anno primo (das ist 1228 Januar 27 im Annuntiationsstil, auch wurde Gregor erst 1227 März 19 gewählt) vom Mainzer Dompropst Gerbodo (belegt 1223–35), sowie von Walther (belegt 1217–1245) und Arnold (belegt 1216–34), Dekan und Scholasticus von St. Peter in Mainz einen besiegelten Bericht über Hildegards Leben, Berufung, Ruf, Verdienste und Wundertaten nach Befragung glaubwürdiger Zeugen an. Dieser Auftragsbrief ist dem angeforderten Bericht vorangestellt, den die drei Inquisitoren erst 1233 Dezember 16 nach Rom schickten. Dieser Bericht ist im besiegelten Original [310 Jetzt im LHA Koblenz. Bester Druck: Acta inquisitionis.] erhalten, überliefert im Archiv des Klosters. Der Papst hatte nämlich 1237 Mai 6 das Original zur Verbesserung oder Neuanfertigung zurückgeschickt, und auf diesem sind auch einige Ergänzungen der Inquisitoren vermerkt, unter ihnen jetzt auch der Mainzer Domscholaster und Binger Propst Johannes (belegt als solcher 1236–51, sodass die Ergänzungs-Notizen auf 1237–51 zu datieren sind). Offensichtlich wurde aber eine Reinschrift davon nicht nach Rom gesandt und ebensowenig ein ganz neues Dokument, denn 1243 November 24 mahnte Innozenz IV. die Erfüllung ihrer Aufgabe an. Spätere Prozess-Akten oder -Daten sind nicht bekannt.
Wortlaut und Inhalt des Protokolls taugten wenig dazu, die Kurie zu überzeugen. Fast alles beruht nur auf Hörensagen und wird mit deutlicher Distanz berichtet, ohne dabei den Anspruch auf Objektivität zu erheben. Allerdings genügte es zur Heiligsprechung ja auch, wenn viele Gläubige von der Heiligkeit überzeugt waren. Für eine genaue Evaluation fehlen mir Vergleiche, ausgenommen die nur ein halbes Jahrhundert später festgehaltenen Miracula des Knaben Werner in Bacharach, ein Muster an Nachprüfbarkeit und Sachlichkeit im Vergleich zu den Acta inquisitionis.
Ob nun mangelnde Verfahrenskenntnis oder mangelnder Eifer oder gar Sabotage am Werk war, und ob es nun nur die erzbischöfliche Umgebung oder sogar auch die Nonnen auf dem Rupertsberg waren, die den Heiligsprechungsprozess so halbherzig betrieben und ihn im Sande verlaufen ließen, mag man je nach Wunschdenken interpretieren.
Wie die Viten, aber erst recht der Heiligsprechungsprozess berichten, zog Hildegard schon vor, erst recht nach ihrem Tod Besessene, Fallsüchtige, Seelen- und Geisteskranke an und wurde von ihnen als Heilerin angerufen und verehrt. Spuren davon sind ja noch heute wirksam.
Es scheint, dass diese Verehrung den Nonnen im Rupertsberger Kloster unwillkommen war. Beaufsichtigung, evtl. Heilung solch prekärer Kranker, etwa durch Exorzismen, war enorm aufwendig und in mancherlei Hinsicht gefährlich. Der Konvent war ja von Hildegard auch zu ganz anderem Zwecke gegründet worden: Zur Unterstützung ihrer „Propaganda“ (das Wort im ursprünglichen kirchlichen Sinne gebraucht). Allerdings wurde auch diese Aufgabe von den Nonnen nicht weiter wahrgenommen, vielmehr auslaufen lassen, nachdem geistliche Konsulenten wie Guibert, Wezelin und Giselbert gestorben oder abberufen waren, und nachdem Hildegards Denken und Andenken, ihre Werke, ihr Wirken im Riesenkodex niedergelegt worden waren. Sie versuchten nicht, einen Hildegard-Kult aufzubauen und nach außen wirken zu lassen. Sie machten keine Versuche, Guibert, der sich freilich bald nach Hildegards Tod kaum mehr für deren Gesichte und Denken, sondern außer für seine Ämter und seine Karriere nur mehr für St. Martin interessierte, oder ähnliche Gestalten an sich zu binden. Sie fanden Sehertum obsolet oder zumindest ihre eigenen Fähigkeiten übersteigend. Die beträchtlichen Kapazitäten des Skriptoriums dienten bald nur noch der Gütererfassung, die nicht viel hinter der der Eberbacher Mönche zurückstand, also auf der Höhe der Zeit gewesen sein dürfte, was eine brauchbare Edition des Registrum bonorum bestimmt erweisen dürfte.
Natürlich bedeutete dieser Rückzug aus dem öffentlichen Wirken keine Distanzierung von Hildegard. Sie wurde auf dem Rupertsberg und in Eibingen durchaus als lokale Heilige wie anderswo andere Klostergründerinnen verehrt, durchaus im Bewußtsein ihres einst weltweiten Wirkungskreises. Ihr Erscheinen als Heilige auf dem Antependium, noch dazu unter beglaubigender Assistenz des Erzbischofs, sagt nicht mehr und nicht weniger; ebenso die halbherzige Unterstützung des Heiligsprechungsunternehmens, die vielleicht schlichtem Unvermögen entsprang (was aber dieselben Folgen hat). Es genügte den Nonnen, dass sie selber Hildegard als Heilige verehren durften. Eine Kanonisation hätte zusätzliche Ansprüche bedeutet. Um Ansprüche zu reduzieren, um ruhig ihren Besitz genießen zu können, vernichteten die Nonnen im 17. Jahrhundert sogar den mittelalterlichen Nekrolog, der sie zu Gedenk-Gebeten verpflichtete; nichts anderes als ein Betrug an all den Frommen, die für ein „ewiges“ Gedächtnis ihren Vorgängerinnen Grundstücke und Einkünfte übertragen hatten, die der Konvent gerne für sich behielt. Gleichwohl standen diese Eibinger Nonnen eher in der geistigen Hildegard-Nachfolge als das meiste, was heute im Namen Hildegards Geschäfte macht.