Josef Heinzelmann
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Dienstag, 2002 Oktober 15
 

Der Name Sophia als genealogisches Indiz und Problem, II. Teil:

Sophia von Salm und von Spanheim, sowie die Vererbung des rheinischen Pfalzgrafenamts

Veröffentlicht in: Archiv für Familiengeschichtsforschung, 6, Seite 285-305
 

Nachdem ich im Archiv für Familiengeschichtsforschung 4 (2000), S. 96–110, unter diesem Titel die Filiation der „Sophia von Mousson“ von Herzog Friedrich III. (nicht seinem Vater, Friedrich II.) sichern und von einer Mutter aus dem Haus der „EZZONEN“ [1 Die Bezeichnung wird nicht nur von Helmuth Kluger, Propter claritatem generis. Genealogisches zur Familie der Ezzonen, in Köln. Stadt und Bistum in Kirche und Reich des Mittelalters, FS f. Odilo Engels, hrsg. Hanna Vollrath u. Stefan Weinfurter, S. 223–258, als unglücklich empfunden, wohl weil nicht historisch belegt. Ich bezeichne als ezzonisch nur Nachkommen des Pfalzgrafen Ezzo und seiner Frau Mathilde und hezelinidisch ebenso ausschließlich Nachkommen von Ezzos Bruder Hezelin/Hermann. Ungenau wäre es, beide und die gemeinsamen Vorfahren EZZONEN zu nennen. Letzte Gesamtdarstellung: Ursula Lewald, Die Ezzonen. Das Schicksal eines rheinischen Fürstengeschlechtes, in: RheinVJBll43 (1979), S. 120–168.]
wahrscheinlich machen konnte, liefere ich hier die versprochene Fortsetzung, die freilich die zeitlich nächsten noch zu erforschenden Sophien umgeht, nämlich die „von Berg“ bei Zwiefalten und die „von Looz“, erste Gattin (? um 1062) von Geza I., König von Ungarn ab 1074.[2 Sie war eine Tochter von Graf Giselbert. So steht es jedenfalls bei den Europäischen Stammtafeln 2 (Die Arpaden, Tafel 154), ohne dass diese Königin Sophia im gleichen Werk bei ihrer Herkunftsfamilie erscheint. Bei Walther Möller, dem Verfasser mindestens ebenso eigenwilliger Stammtafeln, sieht alles ganz anders aus; die Sophien (es soll eine gleichnamige Nichte der Königin gegeben haben) fehlen völlig (Stammtafeln westdeutscher Adelsgeschlechter im Mittelalter 2, S. 136.).]
Es fügt sich günstig, dass dieser Beitrag neben einem von Donald C. Jackman steht, der zumindest in wichtigen Teilen dasselbe Thema behandelt, teilweise mit demselben Ergebnis, teilweise mit ganz anderen. In anderen Kapiteln diskutiert er einen Aufsatz, den ich an anderer Stelle veröffentlicht habe. Es ist unnötig, hierzu ausführlicher Stellung zu nehmen als mit der Feststellung, dass ich bei meinen damaligen Erkenntnissen bleibe, selbst wo ich sie als nicht endgültig bewiesen kennzeichnete und weiter kennzeichne. Der Leser muss selber die Argumente abwägen. Mittelalter-Genealogie dient eben nicht dazu, Ahnenforschern, die eine Linie in den Adel gefunden haben, möglichst viele Plätze auf ihrer Ahnentafel am besten mit Abstammung von KARL DEM GROSSEN oder Ramses II. bequem zum Ausfüllen anzubieten.

I. Sophia, die Frau des Gegen-Königs Hermann von Salm

Den damals noch seltenen Namen der (hinterlassenen) Frau erfahren wir aus einer undatierten, kopial überlieferten Urkunde des Stiftes Göttweig: Sophia. [3 Fontes rerum Austriacarum, 2. Abt., VIII, S. 26, auch Mon. Boica XXIX, 2, S. 55.] Ihre Ehe mit dem Gegen-König bestand 1085, als auf der Synode in Quedlinburg Bischof Otto von Ostia als päpstlicher Legat ihre Legitimität anzweifelte (ex consanguinitate sociatum) und ein Scheidungsurteil forderte, das die Synode vertagte. Die Unklarheit – und nicht nur für uns Genealogen, denen weder Namen noch Abstammungslinien genannt werden – entspringt wohl nicht der Unkenntnis der Versammelten über die Ahnen der Eheleute, sondern der Unsicherheit, ob die in Rom gepredigten strengeren Grenzen des Inzests nun wirklich anzuwenden seien oder nicht. Insofern könnte der Legat sogar eine Ehe 7:7 (!) angeprangert haben.[4 Josef Heinzelmann, Verwandtschaft, Inzestverbote und Arbores consanguinitatis, in: Archiv für Familiengeschichtsforschung, 2002, Heft 1, S. 1.]
Eduard Hlawitschka hat die bisherigen, allgemein nicht akzeptierten Hypothesen als unhaltbar erwiesen und die Umstände der Verwandtschaft und die Namensgebung für Sophia überzeugend dargestellt. [5 Eduard Hlawitschka, Die „Verwandtenehe“ des Gegenkönigs Hermann von Salm und seiner Frau Sophie. Ein Beitrag zu den Familienbeziehungen der rheinischen Ezzonen/Hezeliniden und des Grafenhauses von Formbach/Vornbach, in: Bayern. Vom Stamm zum Staat. FS f. Andreas Kraus z. 80. Geburtstag, hrsg. v. Konrad Ackermann et alii, 1, 2002, S. 19–51. Dass er mir einen Sonderdruck schickte, hat mich nicht nur gefreut, es hat mich elektrisiert, denn an mehreren Stellen berührt und löst er Fragen, die ich mir gestellt habe.  – Ganz anders ist die Erklärung durch Donald C. Jackman, über die ich mich hier nicht auslasse, da sie gleichzeitig publiziert wird. Mir erscheint die Deduktion Hlawitschkas allein überzeugend. In einer prinzipiellen Frage muss ich allerdings Jackman schon hier widersprechen: Ich sehe im 11. Jahrhundert den Brauch einer Namensvererbung nach Vorfahren noch recht streng gehandhabt. Wenn ein griechischer Name wie Sophia einem Kind vergeben wird, muss es eine Blutslinie zu einer früheren Namensträgerin geben. Die Suche nach Familien mit „griechischem“ Hintergrund ist wichtig, sie kann aber nicht so geschehen, dass man den einen griechischen Namen durch einen anderen ersetzt. Warum sollten dann nicht auch andere Familien ihre Kinder frei mit in Byzanz üblichen Namen benennen? Wir haben keinen Anhalt dafür. (Namenwechsel, etwa beim Eintritt in den geistlichen Stand, sind etwas anderes.) (Strich, wenn Jackman seinen Artikel geändert hat.)] Er musste bei HERMANN VON SALM (nie wird er in zeitgenössischen Quellen so bezeichnet, er war aber unzweifelhaft Graf von Salm) die Mutter genealogisch einreihen und bei Sophia, die man schon oft als mit den FORMBACHERN [6 Eine verzweigte und wichtige bayrische Adelsfamilie, die kaum je „Grafen von Formbach“ genannt wurde, aber im heutigen Vornbach einen zentralen Ort hat. Vgl auch Anm. 9.]  verwandt ansah, ihre Eltern zunächst hypothetisch zugrundelegen, um dann eine Ahnentafel zu erstellen, die eine für den Legaten kanonisch fragwürdige und für Genealogen sinnvolle Consanguinität ergibt. Ich darf seine Argumentationskette kurz resümieren.

Hermanns Mutter eine Hezelinidin

HERMANNS Erbansprüche an die Burg Cochem [7 Sie wurden von Armin Wolf, Königskandidatur und Königsverwandtschaft, in: Deutsches Archiv 47 (1991), S. 106–108 in die Diskussion gebracht, vorher bereits von Heinz Renn, Die Luxemburger in der lothringischen Pfalzgrafschaft, in: RheinVjBll 11 (1941), S. 102–118, hier S. 108.], sein und seines Bruders Konrad Name, eine erschöpfende Auswertung der bisherigen Literatur und letztlich die Blutsverwandtschaft zwischen HERMANN und Sophia bringen Hlawitschka nach Diskussion mehrerer Alternativen dazu, als HERMANNS Mutter (und Frau des Grafen Giselbert) eine Tochter des Pfalzgrafen Hezelin (Hermann) und seiner Frau, einer mutmaßlichen Schwester von Kaiser KONRAD II., auf alle Fälle einer SALIERIN, anzusetzen. Dies ist nicht nur unwiderlegbar, sondern auch in hohem Grade wahrscheinlich.

Sophia Tochter Meginhards von Formbach und der Ezzo-Nachfahrin Mathilde von Reinhausen

Sophia erscheint in Göttweig als relicta des schon 1088 September 28 gestorbenen Gegen-Königs, aber wann? Als Zeuge erscheint dabei Otto filius eiusdem regine. Das würde bedeuten, dass er zumindest zeugnismündig, also 12 Jahre alt war. Sehr viel weiter hilft das nicht, da wir weder das Datum der Heirat HERMANNS und Sophias kennen, noch ihr Alter. Das Schenkungsgut, ein predium qoddam Meginoldi dictum irrlichtert mit genealogischer Bedeutung. Wäre der Name des früheren Besitzers aus „Meginardi“ verschrieben, ist eine Leitnamen-Linie zu Meinhard von Formbach zu ziehen. In gleiche Richtung weist die Schenkung an das von den FORMBACHERN bevogtete Göttweig. [8 Erstmals Heinrich Witte, Genealogische Untersuchungen zur Reichsgeschichte unter den salischen Kaisern, in: MIÖG Ergänzungsband 5 (1896–1903, S. 446f., Anm. 3. – „Die formbachschen Göttweiger Vögte stammen aus der von … Meginhard  V. (I.)… begründeten Linie der Windberg-Ratelnberger.“ (Clemens Lashofer, Die Formbacher als Vögte des Stiftes Göttweig, in: StudMittGBened 106 (1995), hier S. 229.] Dies führt Hlawitschka (ich verkürze seine Darstellung auch älterer Ansätze) dazu, Sophie als Tochter des Grafen Meginhard V. von Formbach [9 Die Zählung für Meginhard ist auf verschiedenen Tafeln verschieden, genauso wie die Orthographie für den Namen des Geschlechts (der Ort heißt heute Vornbach). Ich verwende die meistgebrauchte Schreibweise. Richard Loibl, Der Herrschaftsraum der Grafen von Vornbach und ihrer Nachfolger (HistAtlas Byn Altbayern II, 5), 1997, der die aktuellste Übersicht über die Familie gibt, bemerkt S. 53: „In der Literatur dominiert die veraltete Schreibweise Formbach“, begründet aber nicht, warum er ihr nicht folgt.] und seiner Frau Mathilde von Reinhausen einzureihen.
Für Mathilde sind sechs Geschwister belegt: Konrad, Heinrich, Hermann, Udo (Bischof von Hildesheim), Richenza und Beatrix. (Letztere hatte eine Tochter Sophia.) Vater war ein Graf Elle (auch Alvericus, also Alberich, Aubry?) „von Reinhausen“ (bei Göttingen). Die Namenvererbung (Hermann, Richenza, Mathilde, Sophia) weist darauf hin, dass die Mutter (also Elles Frau) eine EZZONIN war, wofür Hlawitschka dann weitere Indizien bringt. [10 Zu Hlawitschkas Indizien füge ich die Memoria eines Ello pbr (Dezember 3) und eines Elvericus pbr. (November 29), beide (evtl. lange) vor 1131 in dem den EZZONEN verbundenen Kölner St. Gereonsstift (Paul Heusgen, Das älteste Memorienbuch des Kölner Gereonsstiftes, in: JKölnGV 13 (1931), S. 1–28.)] Entweder handelt es sich um eine weitere, bisher unbekannte Tochter des Ezzo-Sohnes Liudolf, oder direkt eine der Töchter Ezzos, die zwar als Äbtissinnen belegt sind, aber vorher verheiratet gewesen sein könnten. Die chronikalische Überlieferung des EZZONEN-Klosters Brauweiler ist derart unsicher, einseitig klerikal und schütter, dass Hlawitschka (und die Forschung allgemein) sie zurecht für nicht umfassend hält, dass also ein Nicht-Vorkommen darin nicht als Gegenbeweis angeführt werden kann. Je nach Weg ergibt sich eine Verwandtschaft 3:4 oder 3:5 für HERMANN und Sophia:

                                            Hermann I. Pfalzgraf

                                            oo Heilwig

                    -------------------------------------------------------------------------
              Hermann/Hezelin                                                             Erinfrid/Ezzo

             oo SALIERIN                                                                   oo Mathilde

               ---                                                              entweder ----------------------- oder
             N.N.                                                            Mathilde                                 Liudolf

        oo Giselbert v. Luxemburg                             oo Elle

            ---                                                                 ---                                             ---
       Hermann „von Salm“                              Mathilde                                     Mathilde

                                                                           oo Meginhard V.                         oo Elle

                                                                                 ---                                            ---
                                                                            Sophia                                     Mathilde

                                                                                                                              oo Meginhard V.

                                                                                                                                   ---
                                                                                                                              Sophia
 

Nachdem ich mich ein wenig intensiver mit den Consanguinitätsregeln beschäftigt habe, halte ich von den zwei Verwandtschaftswegen den über Liudolf für wahrscheinlich. Eine Verwandtschaft 4:3 war kirchenrechtlich innerhalb der Verbotsgrenzen, wenn auch dispensierbar, also auf keinen Fall von den Bischöfen ignorierbar. 5:3 war in der traditionellen Auslegung frei, aber bei den besonders strengen Kirchenlehrern auch verboten. Hier hätten wir deutlich den Gegensatz zwischen den verschiedenen Grenzen der Verwandtschaftsverbote und der Kardinal ist Vertreter der „modernen“ Lehre. – Chronologische Probleme sehe ich nicht, auf der 5er Linie sind inklusive Sophia drei Frauen und Liudolf ist deutlich älter als Mathilde, ebenso Ezzo als Hezelin.
Ich folge Hlawitschka freilich nicht bei der Vermutung, dass der mütterliche Großvater Sophias, Graf Elle von Reinhausen, identisch sei mit dem Grafen Ello/Hello im Engersgau, der nur 1021 und 1022 belegt ist, also amtsmündig und wohl auch verheiratet war. [11 Ob Ello als junger Mann der zweitjüngste Zeuge bei der Grenzziehung der Pfarrei Mörschbach 1006 war, lasse ich dahingestellt, erst recht das Vorkommen in der gefälschten Gründungsurkunde für Oberstenfeld 1016, MzUB 1, Nrr. 242 und 255.] Dem (H)Ello im Engersgau folgt 1034 ein Wigger, 1019 ging ihm der berühmte Otto von Hammerstein voraus, der wohl nie mehr diese Grafschaft zurückerhielt. [12 Helmuth Gensicke, Landesgeschichte des Westerwaldes (VhistKommNassau 13), 1958, § 8, S. 49. Jackman meint dies allerdings nicht, er glaubt Otto und seinen Sohn Udo voll rehabilitiert und bezeichnet „Elli“ als ein „political installment“ (Donald C. Jackman, Criticism and Critique, Sidelights on the Konradiner (Prosopographica et Genealogica 1), Oxford 1997, S. 219, unter Bezug auf E. E. Stengel, Die Frühzeit, in: U. Bockshammer, Ältere Territorialgeschichte der Grafschaft Waldeck (SchrrHessAmtGeschichtlLKde ). Vgl. Donald C. Jackman, The Konradiner. A Study in Genealogical Methodology (Ius Commune, Sonderhh: StudEuropRechtsG 47), 1990, S. 250-64.)] Des REINHAUSENER Elle/Elli sieben Kinder werden nach Hlawitschka und der Evidenz in den 40er Jahren geboren.
Es wundert mich, dass ein so erfahrener Genealoge wie Hlawitschka übersehen hat, dass die von ihm als „namenvermittelnde“ Gattin vorgeschlagene Ezzo-Tochter Mathilde nach 1030 als Äbtissin erscheint, also verwitwet sein müsste. Das geht zwar mit den vermutlichen Daten des Ello vom Engersgau zusammen, nicht aber mit den für die Kinder anzunehmenden Geburtsdaten.
Elle von Reinhausen kann nur Sohn (oder Neffe) des Ello vom Engersgau sein. Die EZZONIN war dann eher des REINHAUSENERS Frau als dessen Mutter. Als diese nehme ich eine KONRADINERIN an. Denn neben den ezzonischen Leitnamen bei seinen Kindern sollte man auch die „konradinischen“ Konrad und Udo sehen. Vielleicht war der Engersgraf irgendwie mit Otto von Hammerstein verschwägert. Das hätte ihn als dessen Nachfolger (oder Vertreter) qualifiziert. Aber auch Liudolf hatte einen Sohn Konrad, der seinen Namen von den mütterlichen Vorfahren haben muss. Insofern wäre dieser Name ein zusätzlicher Beweis für Abstammung über Liudolf.
Über die väterlichen Vorfahren Sophias, die FORMBACHER, müssen wir hier nicht handeln. Ich glaube freilich, dass auch Loibls Darstellung, die ja nicht direkt eine genealogische ist, einige Probleme nicht nur nicht löst, sondern sie auch übersieht. Als Beispiel erwähne ich nur, dass er Meginhard V. schon als Niederaltaicher Vogt zur Zeit des Abtes Gotthard (997–1022) amtieren lässt. [13 Loibl, Herrschaftsraum …, S. 372.] Das heißt, er wäre etwa gleich alt mit Hello vom Engersgau. Dass er dann nicht Vater der Sophia von Salm sein könnte, müsste man Hlawitschka anrechnen. Aber er könnte dann auch nicht Vater der für ihn belegten Söhne Ulrich und Hermann (von Winzenburg–Windberg–Ratelnberg) sein. Halten wir uns an einen nicht so alten Meginhard V., der deren belegter Vater und Mann der Mathilde von Reinhausen war, und der mit einem Bruder Pilgrim 1066 gewaltsam ums Leben kam, wenn dieser Eintrag überhaupt ihm gilt, was keineswegs sicher ist..

Hermanns und Sophias Nachkommen

Kommen wir zu den von Hlawitschka nur am Rande berührten Nachkommen des Gegen-Königs und der Existenz Sophias nach dessen Tode. Halten wir uns vorerst an die beiden belegten Söhne des Gegen-Königspaars: Hermann „von Salm“ und Otto „von Rheineck“. Beider erste zeitlich fixierte Erwähnung ist 1104 Oktober 3: Herimannus Salmucensis comes et frater eius Otto. [14 Heinz Renn, Das erste Luxemburger Grafenhaus (963–1136) (RheinA 39), 1941, S. 159.]
Hermann von Salm (war 1104 mindestens 16 Jahre alt) fungiert später als Vogt von Senones und stirbt 1135. Da er Agnes von Bar-Mömpelgard heiratet, eine Enkelin der Sophia von Mousson, kann seine Mutter Sophia nicht eine Tochter oder Enkelin oder Großnichte dieser frühen Namensträgerin gewesen sein kann. Die gemeinsame Abstammung des Ehepaars von Pfalzgraf Ezzo ist 5:5, evtl 4:5, vorausgesetzt natürlich, unsere Filiationen sind richtig.
 

Agnes --- Dietrich --- Sophia v. Mousson--- N.(¿Sophia?) --- (¿ N.?) -------------
  oo                                                                                                     ?               Ezzo
Hermann --- Sophia --- Mathilde v. Reinhausen --- N. --- Liutold -----------------

Hermanns Bruder Otto von Rheineck († 1150) trägt einen Namen, der im LUXEMBURGER Grafenhaus bis dahin nicht üblich war, also wohl von Mutterseite stammt. [15 Mir scheint, dass Hlawitschka, „Verwandtenehe“…, S. 29 meint, das Auftreten des Namens Otto in des Nachkommenschaft Graf Giselberts erkläre sich durch Otto von Worms, den Großvater der SALIERIN, die verheiratet mit Hezelin als Giselberts Schwiegermutter anzunehmen ist. Von Otto von Rheineck trennen ihn 5 Generationen, in denen der Name nicht erscheint. Dagegen leitet er sich über Sophia von den EZZONEN und OTTONEN sehr viel plausibler und direkter her, und HERMANN VON SALM und seine Frau konnten mit dem Namen ihre königliche Abstammung betonen. Aber auch Otto von Hammerstein (evtl. 4 Generationen vor Sophia) könnte bei der Wahl des Namens mitbedacht sein. – Wenn der Gegen-König und seine Frau mit dem Namen ihre königliche Abstammung betonen wollten, könnte man folgern, dass der jüngere Otto der erste „im Purpur geborene“ Sohn war.] Er heiratet die Witwe des 1113 verstorbenen Pfalzgrafen Siegfried (von Ballenstedt/Laach), Gertrud von Northeim. Zeitweise führt er den Pfalzgrafentitel, den er viel später wohl nicht nur wegen seiner auf etwa 1114 zu datierenden Heirat und als Stiefvater erhalten hat, sondern weil er bereits bestehende Erbansprüche dadurch aktivierte. Es bleibt offen, warum er erst relativ spät geheiratet hat. Er muss ja allerspätestens 1089 geboren sein.
Otto hatte eine Tochter Sophie († 1176, oo 1139 Theoderich von Holland, † 1157) und einen Sohn Otto, der 1149 von Hermann von Stahleck auf dessen Burg Schönburg (über Oberwesel) gefangen gehalten und erdrosselt wird, und zwar im Kampf um die Pfalzgrafschaft. Er war spätestens 1146 mit einer Tochter Albrechts des Bären verheiratet (vgl. unten).

Sophias Geschwister

Der Vater, Meginhard V., soll 1066 mit seinem Bruder Pilgrim, von dem wir sonst nichts wissen, getötet worden sein. [16 Franziska Jungmann-Stadler, Hedwig von Winzberg, in: ZsBayerLdesG 46 (1983), S. 235ff.] Jugmann-Stadler erklärt eine Urkunde von „ca. 1073“, in der anlässlich der bevorstehenden Heirat Udalrichs von der noch nicht ganz durchgeführten Erbteilung mit seinem Bruder Hermann gehandelt wird, als „wohl zu früh datiert“. [17 Jungmann-Stadler, Hedwig von Winzberg, S. 255.] Sei dem, wie dem wolle, bisher kannte man nur drei Söhne Meginhards V.
Udalrich von Formbach: Er hatte neben anderen ungenannten Kindern einen Sohn Konrad und eine Tochter Liutgard.
Konrad: Er starb jung. Sein Name muss von Mutterseite herrühren.
Hermann von Windberg/Winzenberg. Auch sein Name kommt wohl von Mutterseite. Von ihm wird hier noch die Rede sein, ebenso von der jetzt von Hlawitschka eruierten Tochter:
Sophia, verheiratet spätestens 1085, möglicherweise schon ca. 1080 mit HERMANN, dem als Grafen (von Salm) belegten Mitglied des LUXEMBURGER Hauses, der 1081 bis zu seinem Tode 1088 deutscher Gegen-König war. Sie überlebte ihn.

II. Die Spanheimer Ahnfrau Sophia „aus Bayern“

Die meines Wissens zeitlich nächste Sophia, für die die Forschung bisher keine Namensherleitung anbieten kann, ist Sophia, die Stammmutter der rheinischen SPANHEIMER. [18 Vgl. Josef Heinzelmann, Spanheimer-Späne. Schachwappen und Konradinererbe, in: JbWestdtLdG 25 (1999), S. 7–68.] Mötsch meinte wegen einer Fülle von Indizien, die zu den FORMBACHERN führen, dass als ihre Eltern Meginhard V. und seine Frau Mathilde infragekommen. [19 Johannes Mötsch, Genealogie der Grafen von Sponheim, in JbwestdLG 13 (1987), S. 63ff.] Dabei kannte er noch nicht den Beleg für ihre bayerische Herkunft, die Uita domnæ Juttæ inclusæ, eine bisher verschüttete Quelle, die Franz Staab entdeckt, vorbildlich herausgegeben und übersetzt hat. [20 Franz Staab, Reform und Reformgruppen im Erzbistum Mainz. Vom ’Libellus de Willigisi consuetudinibus’ zur ’Vita domnae Juttae inclusae’, Anhang II. In: Reformidee und Reformpolitik im spätsalisch-frühstaufischen Reich… Hrsg. v. Stefan Weinfurter (QAmrhKG 68), 1992, S. 172 ff.. Staab, Aus Kindheit und Lehrzeit Hildegards. Mit einer Übersetzung der Vita ihrer Lehrerin Jutta von Sponheim. In: Hildegard von Bingen – Prophetin durch die Zeiten. Zum 900. Geburtstag. Hrsg. v. Äbtissin Edeltraud Forster u. d. Konvent der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Eibingen, 1997, S. 58 ff. Original und Übersetzung als Reprint: Staab, Das Leben der Jutta von Sponheim (Sponheim-Hefte 21), 1999.] Jutta ist danach ca. 1092 geboren und verlor mit drei Jahren den Vater, den Edlen Stephan von Spanheim, der eine Sophia, omni prudentia decoratam de clarissima Bauariorum ortam prosapia zur Frau hatte. Es gab cetera pignora, von denen nur der spätere Graf Meginhard bekannt ist; die mindestens drei Kinder sind wohl in den 1090er Jahren geboren.
Jetzt hat Hlawitschka plausibel gemacht, dass eine Tochter des Ehepaars Meginhard V. – Mathilde den Namen Sophia geerbt haben kann, aber gleichzeitig auch, dass sie die so benannte Tochter die Frau HERMANNS VON SALM war. „Da indessen … Meginhard den Namen Sophie nicht an zwei Kinder gegeben haben dürfte, scheidet [Mötschs] Sicht der Zusammenhänge aus.“ [21 Hlawitschka, „Verwandtenehe“…, S. 50, Anm. 123.] Eine andere Sophia mit einem Geburtsdatum 1060–1075 kann es bei den FORMBACHERN nicht geben.
Der Widerspruch ist meiner Meinung nach keiner. Sophia, Witwe des Gegen-Königs HERMANN VON SALM, kann in einer zweiten Ehe Frau des Stephan von Spanheim geworden sein… Die erste Ehe schied der Tod 1088, die zweite Heirat ist auf spätestens 1092 zu datieren. [22 Ich nehme nicht an, dass Stephan da schon 40 Jahre oder älter war. Er war der Sohn (oder Neffe) des Stephan de Spanheim von 1075 und dieser wohl der mit seinem Bruder Markward 1068 belegte Vogt Stephan von Worms. Über die sichere gemeinsame Abstammung mit den Kärntner SPANHEIMERN will ich nicht spekulieren. Die beiden Grafen Stephan, die früher und später auftreten, gehören kaum zu den agnatischen SPANHEIMERN, sondern eher ins damalige Lothringen. Festzuhalten ist, dass für Stephan von Spanheim nicht mehr als der Besitz von Spanheim selbst belegt ist. Die reichen Besitzungen der Magdeburger SPANHEIMER stammen aus anderer Quelle und berühren sich nirgends mit denen Stephans und seines Sohns, ausgenommen in Hüffelsheim. (Josef Heinzelmann, Magdeburg am Rhein. Der Fernbesitz des Erzstifts im 12. Jahrhundert: Oberwesel, Genheim, „Hagenmünster“, in: JbWestdtLdG 27 (2001), S. 7–36)] Sophia war dann etwa ab 1096 (schon wieder) Witwe. Die Schenkung an Göttweig (1088–1106) könnte also direkt nach dem Tod HERMANNS geschehen sein, den sie dann allerdings wegen der Zeugnismündigkeit des (wahrscheinlich nicht ältesten) mitschenkenden Sohnes Otto schon etwa 1076 geheiratet hätte, oder nach 1096, was eleganter passt. [23 Dass nur der Sohn Otto zustimmt, bleibt erklärungsbedürftig. Wenn er von seinem Bruder Hermann (etwa bei dessen Heirat) schon abgeschichtet war, hätte wohl auch der SPANHEIMER Sohn, falls schon 12 Jahre alt, als Miterbe von seiner Mutter wegen auftreten müssen. Nachdem wir Meinhards Alter anhand der Jutta-Vita korrigieren können, war er spätestens 1112 (gemeinsame Zeugenschaft) mit Adalberts Tochter verheiratet, wahrscheinlicher aber schon 1108. Als vaterloser Erbe hat er gewiss früh, vielleicht schon gleich beim Mündigkeitsalter mit 16 Jahren, geheiratet. Damit wäre ca. 1104 das einzige Terminfenster für die Schenkung.] Die Bezeichnung ihrer Herkunft de Bavaria in der Vita beatae Juttae inclusae trifft wörtlich auf sie zu, wenn sie eine FORMBACHERIN ist. Dass der Autor der Vita sie nicht als Königin(witwe) bezeichnete, könnte man so erklären, dass er die Erinnerung an den unglücklichen Gegen-König nicht gerade auf dem Tablett präsentieren wollte. Der Name Meginhard ihres Sohnes lässt sich bestenfalls bei gezwungenen Konstruktionen von den Kärntner SPANHEIMERN herleiten. Auch Meginhard war mit seiner Frau, der Erbtochter Adalberts von Mörsberg, über Ezzo verwandt, aber weit außerhalb der Inzestgrade (5:6). Charakteristisch ist dabei, dass sie eine Nichte seines ältesten Halbbruders Hermann Graf von Salm war.:

(Mechthild) --- N. (oo Adalbert) --- Dietrich --- Sophia v. Mousson --- (N.) --- (¿ N.?) ----
      oo                                                                                                                                   Ezzo
Meginhard --- Sophia --- Mathilde v. Reinh’sen --- N. --- Liutold ------------------------------

Um die Ahnfrau der rheinischen SPANHEIMER mit der Witwe des Gegen-Königs gleichzusetzen, brauchen wir bessere Anhaltspunkte als eine vielleicht doch zufällige Namens- und Alterskoinzidenz. Dass auch die SPANHEIMER im Investiturstreit (und wohl nicht nur wegen diesem) auf der Seite der Königsgegner standen, ist nicht mehr als ein zusätzliches Indiz. Was Mötsch weiter erwähnt, hilft auch nur begrenzt weiter. Die vielfältigen Beziehungen zwischen Hermanns von Winzenburg Familie und seinen Nachkommen zu den Kärntner SPANHEIMERN und ihrer Magdeburger Linie beweisen wenig für eine zu den rheinischen SPANHEIMERN, ich übergehe sie. Jungmann-Stadlers prosopographische Übersicht zu ihm bietet immerhin neben seinen vielen Aufenthalten im rheinischen Gebiet ein zusätzliches „Verdachtsmoment“:
Hermann von Winzenburg bestätigt 1111 September 4 in zwei Urkunden HEINRICHS V. die Freiheiten des Klosters Allerheiligen bei Schaffhausen. [24 Posse CDSR I,2 S. 28 Nr. 31; Stumpf Nr. 3076f.] Das könnte damit zu tun haben, dass sein mutmaßlicher junger Neffe Meinhard von Spanheim damals schon verheiratet war mit der Tochter Adalberts von Mörsberg, des Schaffhausener Vogts als Erbe der NELLENBURGER.
Als weiteres Indiz gilt, dass der jüngere Otto von Rheineck 1144 die Grafen Otto und Ulrich von Are, deren Mutter man als SPANHEIMERIN ansieht, als seine consanguinei bezeichnet. [25 MRUB 1, Nr. 532, Heinz Renn, Das erste Luxemburger Grafenhaus (963–1136) (RheinA 39), 1941, S. 135 und 154ff. Othalricus/Udelricus/Ulrich erscheint ab 1143 als von Are, 1152 erstmals als Graf, ab 1165/66 auch als Graf von Nürburg. 1197 April 6 wird er zum letzten Mal genannt. Auffällig, obwohl denkbar ist, dass dieser Graf Ulrich von Are und sein Bruder Otto, der die Hochstadener Erbtochter heiratete, als Söhne des Grafen Theoderich I., der von 1087 bis 1126 belegt ist, eine ganze Generation jünger als ihre Brüder Theoderich und Gerhard zu sein scheinen. (Ute Bader, Geschichte der Grafen von Are bis zur Hochstadenschen Schenkung (1246) (RheinArch 107), 1979, vor allem S. 51, S. 102ff. und S. 141ff.) Erklärt wird dies mit einer zweiten Ehe Theoderichs mit einer Spanheimerin!]. Der Wortlaut der Zeugenreihe mit dieser Angabe weckt jedoch Zweifel: Godefridus comes de Spaneheim, comes Otto de Rinecka eiusque consanguinei Otto et Othelricus de Ara. [26 MG D KIII 93 (1143).] Hätte es bei einer Verwandtschaft über Sophia und Stephan nicht mindestens heißen müssen „eorumque consanguinei“, da sie dann mit Gottfried näher verwandt gewesen wäre als mit Otto? Auch wenn man annimmt, dass die Mutter der beiden ARE eine Tochter Sophias aus erster Ehe mit HERMANN war, wären sie mit Gottfried, dem Enkel aus der zweiten Ehe blutsverwandt, wenn auch deutlich entfernter. Dies ist neben dem fehlenden „Regina“ in der Jutta-Vita ein zweites Gegenargument für die spanheimische Witwen-Heirat Sophias, freilich letztlich genauso wenig zwingend wie die allerdings gewichtigeren Indizien, die dafür sprechen.

III. Exkurs: Sophia, die Tochter Luitpolds II. und der rätselhaften Itha

Dieselben Vorfahren wie die Gattin des Gegen-Königs hätte nach Klebel auch die von ihm als ihre Schwester postulierte Itha, die Gemahlin des Markgrafen Luitpold/Leopold II. von Österreich († 1095 Mai 19); die beiden wären Töchter des „Markgrafen“/Fürsten Otto von Mähren-„Olmütz“ (1061-1087) und seiner Frau Euphemia († 1111 April 2) und damit Enkelinnen der Judith/Jutta von Schweinfurt und Urenkelinnen (über Ungarn) der Königin Richenza. [27 Ernst Klebel, Alemannischer Hochadel im Investiturstreit, in: Grundfragen der alemannischen Geschichte. Mainauvorträge 1952 (VortrrForsch 1), 1955, S. 209ff, hier S. 232ff. und Tafel III.]
Ithas [28 Ich benutze diese auch belegte Schreibweise der Übersichtlichkeit halber.] Tochter Sophia heiratete frühestens 1114 den Herzog Heinrich III. von Kärnten, den sie überlebte. Eine weitere Tochter hieß Euphemia und heiratete den ARIBONEN Konrad von Peilstein; eine andere Ida und war vermählt mit Lutold (nicht Luitpold) von Mähren und Znaim († 1112 März 15), Vetter 1. Grades des Otto von Olmütz, den Klebel als Vater der Itha postuliert. [29 Lutold nach Wilhelm Wegener, Genealogische Tafeln zur mitteleuropäischen Geschichte, 1962-69, S. 8. Diese Verwandschaft ist von Lutold aus gezählt 3:4, also kanonisch dispensierbar.] Aber gewichtige Indizien widerlegen Klebels Annahme. Markgraf Luitpold II. hätte mit der Tochter des mährischen Otto eine Nichte Herzog Wratislaws von Böhmen geheiratet, der ihn 1082 in der Schlacht bei Mailberg fast vernichtet hätte. Auch zeitlich passt vieles nicht, erst recht sind andere Konsanguinitätsprobleme unüberwindlich. Zwei von Ithas Enkelinnen durch Luitpold III. heiraten nach Böhmen: Gerberga Herzog Boriwoi II. (von ihr aus 3:1), Gertrud dessen Neffen Wladislaw II. (3:2). All das ist nicht annehmbar.
Ithas Herkunft wird allerdings oft ganz anders dargestellt: Tyroller [30 Tyroller, Genealogie…, T. 13 und S. 188.] postuliert sie als Tochter Ratpotos IV., Grafen von Cham, und der Mathilde (von Wels-Lambach); sein einziges Argument ist an den Haaren herbeigezogen. Faußner lässt Leopold II. mit Suanhild verheiratet sein, die doch als die Frau seines Vaters Ernst auch in der von ihm herangezogenen Melker Traditionsnotiz genannt wird. [31 Hans Constantin Faußner, Zur Frühzeit der Babenberger in Bayern und Herkunft der Wittelsbacher. Ein Kapitel bayerisch-österreichischer Geschichte aus rechtshistorischer Sicht (Studien zur Rechts- Wirtschafts- und Kulturgeschichte 15), 1990, S. 86f.] Lechner dagegen meint in seiner Gesamtdarstellung der BABENBERGER, sie sei eine Witwe Haderichs von Schwarzenburg und stamme aus dem Ratelnberger Zweig der FORMBACHER. [32 Karl Lechner, Die Babenberger. Markgrafen und Herzoge von Österreich 976–1246, 19853, S. 112 mit S. 337, Anm. 17. dies, weil Luitpold III. in einer jüngeren Quelle patruus (also Vatersbruder) von Heinrich und Rapoto, den Enkeln Haderichs, genannt wird.] Er lehnt Klebels Vorschlag ab, Markgräfin Itha und die Gegen-Königin Sophia seien erstens Schwestern und zweitens Töchter Ottos von Mähren. Der zweite Teil von Klebels Behauptung ist, wie dargelegt, nicht haltbar, aber auch der erste kann nicht zutreffen. Elisabeth, Ithas Enkelin (durch Luitpold III.), heiratete Hermann II. von Winzenburg, nach Klebel wäre sie 4:4 verwandt. Diese Nähe ist gewiss erlaubt und erfordert keine Buße. Nun ist aber belegt, dass er nach ihrem baldigen Tod harte Buße wegen dieser Verwandtenheirat tun musste.
Viel zu nahe, nämlich 2:3, wäre es dagegen, wenn Itha (gehen wir die Lechnerschen Möglichkeiten durch) eine Schwester Hermanns I. von Winzenburg und der Sophia wäre.
 

Hermann II. ----- Hermann I. -----------------------------------
   oo                                                                               Meginhard V.
Elisabeth ----- Luitpold III. ----- Itha (oo Luitpold II.) -----

Die Verwandtschaft wäre 3:4, wäre Ithas Vater nicht Meginhard V., sondern einer von dessen Brüdern. Allerdings darf es auch Thiemo II. nicht sein [33 So wird Itha, freilich mit Fragezeichen, eingereiht auf Tafel 4 bei Clemens Lashofer, Die Formbacher als Vögte des Stiftes Göttweig, in: StMittGBened 106 (1995), S.221–246.], weil dann Luitpold III. („der Heilige!“) mit der Kaiser-Tochter Agnes 4:3 verwandt gewesen wäre. (Ita, die Gattin von Thiemo II. war eine Enkelin der Kaiserin Gisela aus früherer Ehe.) Diese Nähe ist zuweilen anzutreffen, wenn auch nicht bei strikten Gregorianern; sie erfordert keinesfalls strenge Buße.

Luitpold III. --- Itha (oo Luitpold II.) ---Ita (oo Thiemo II.) ---Liudolf --- (I./II.? Bruno v. Brschw.)
      oo                                                                                                                     Gisela
Agnes --- HEINRICH IV. --- HEINRICH III. ----------------------------  (III. oo KONRAD II.)

Hierzu gibt es ein zweites, endgültig kontradiktorisches Schema consanguinitatis für eine Enkelin der Itha:

Willibirg --- Elisabeth (oo Otakar) --- Itha (oo Luitpold II.) ---------
    oo                                                                                               Thiemo II.
Ekbert II v. Formb. --- Ekbert I. -----------------------------------------

Ebensowenig kommt auch Friedrich von Formbach als Vater der Itha infrage:

Sophia --- Itha (oo Luitpold II.) ---------------------------------------------------------------
    oo                                                                                                                          Friedrich
Sieghard v. Schalla --- Ida (oo Frdr. v. Formb.) --- (Gebh. v. Suppl. oo) Hedwig --------

So bliebe von den Söhnen Thiemos I. (neben dem angeblich kinderlosen Ulrich IV.) nur Heinrich I. als möglicher Vater der Itha, aber vom Namensgut wirkt das besonders unwahrscheinlich.
Itha, die spätestens 1062 geboren sein muss (1095 ist ihr Sohn großjährig) ist auch nicht an der mährischen Euphemia Schwester Sophia anzuschließen. Dieses Schema ist sowieso theoretisch, weil Ulrich I. von Weimar/Istrien und seine Frau nachweislich keine Tochter hinterließen:

Hermann II. --- Hedwig (oo Hermann I.) --- Poppo II. v. Istrien -----
    oo                                                                                                 Sophia (oo Ulrich v. Weimar)
Elisabeth --- Luitpold III. --- Itha (oo Luitpold II.)  nicht: -------------

Mathilde von Reinhausen bringt zu den FORMBACHERN die Namen Sophia, Hermann, Otto und (bisher nicht beachtet) Konrad. Itha schleppt bei den BABENBERGERN ein: Sophia, Ida, Euphemia, wohl auch Gerberga und Otto, Gertrud und Elisabeth, aber nicht Hermann und Konrad. Das weist in die „ungarische Konstellation“. [34 Es löst die Probleme nicht, wenn man Luitpold II. zwei Ehen zuschreibt, denn dann müsste man nicht nur für Luitpold III. das patruus der Haderich-Enkel mit Stief- statt mit Halbbruder auflösen, sondern auch im Namensgut seiner Kinder das Otto (für den berühmten Geschichtsschreiber) erklären. Eher wäre es möglich, dass Euphemia von Ungarn vor Otto „von Mähren“ schon einmal verheiratet war. Einen Anhaltspunkt dafür habe ich nicht, ihr vermutliches Alter spricht dagegen.] Itha dürfte mithin Schwester Euphemias und Sophias, also eine Tochter Belas I. aus seiner Ehe mit einer Tochter (namens Richza?) Mieszkos von Polen und der EZZONIN Richeza sein. Da dann (ich folge der inzwischen allgemeinen Annahme [35 Loibl, Herrschaftsraum…, S. 106ff. Merkwürdigerweise wurden heraldische Beobachtungen noch nicht in die genealogischen einbezogen. Das von Tuta gegründete Kloster Suben führt als sein und seiner Stifter Wappen (in Blau 6 (3:2:1) goldene Lilien) und Kastl fast das selbe (in Rot 6 (3:2:1) goldene Lilien); das bedeutet etwas, obwohl es in protoheraldische Zeiten  zurückgeht.] ) die Tuta regina von Suben Ithas Stiefmutter gewesen wäre, ist durchaus eine enge Beziehung des BABENBERGERS über die wahrscheinlich „ungarische“ Itha zu den FORMBACHERN gegeben.

Exkurs vom Exkurs: Sophia von Ungarn, die Frau Ulrichs von Weimar-Orlamünde

Euphemias und gewiss auch Ithas Schwester Sophia „von Ungarn“ jedenfalls war 1060/61 (noch als Kind) von ihrem Vater Bela mit dessen Gefangenen, Wilhelm IV. von Weimar verlobt worden. Bei der Brautfahrt ist Wilhelm dann 1062 gestorben. Sein Neffe Ulrich heiratete die Braut. 1067 wurde er als Nachfolger seines Vaters Poppo Markgraf von Unterkärnten und Krain.
Die unbezweifelbare Weimar-ungarische Ehe lässt für die thüringische Regionalgeschichte bisher übersehene Konjekturen zu. Denn der Orlagau und die Saalfelder Besitzungen der EZZONEN waren denen der WEIMARER direkt benachbart und gehörten Königin Richeza von Polen bis zu ihrem Tod 1063. Und die junge Sophia von Ungarn war deren Enkelin! Wahrscheinlich sind diese Güter nicht nur an Erzbischof Anno von Köln gelangt, sondern zum Teil auch über Sophia an die WEIMAR-ORLAMÜNDER. [36 Diese naheliegende Möglichkeit wird nicht behandelt von Susanne Mayer, Königin Richeza und ihr mitteldeutscher Besitz in Coburg und Saalfeld, in: Pulheimer BeitrrGHeimatK, Jahresgabe 11 (1987 S. 95–116, und Peter Lange, Zur Geschichte der Grafschaft Weimar-Orlamünde, in: Thüringen im Mittelalter: Die Schwarzburger, hrsg. v. Thür. Landesmuseum Heidecksburg, Rudolstadt, 1995, vor allem S. 185f.] Bisher war eine solche Überlegung vielleicht deshalb unterblieben, weil man die Kölner Urkunden und Überlieferungen um Erzbischof Anno (zu denen letztenendes auch die in Braunweiler gehört) für objektiv und uneigennützig hielt.
Ulrich von Weimar/Istrien starb schon 1070. Seine Witwe [37 Lashofer, Formbacher …, Tafel 3, gibt ihr das Sterbedatum 1070, statt ihrem Mann.] hat dann Herzog Magnus von Sachsen († 1106) geheiratet. Aus dieser Ehe hatte sie Eilika, die Frau Ottos von Ballenstedt und Mutter Albrechts des Bären.

IV. Nochmals Hermanns und Sophias Nachkommen: Sophia, Frau Albrechts des Bären

Albrechts Frau – sie ist als Sophia belegt – wird inzwischen als Tochter Hermanns I. von Winzenburg angenommen, so bereits bei Cohn und Weiland. [38 L. Weiland, Forschungen zur deutschen Geschichte 6 (1867), S. 529. Zuletzt Lutz Partenheimer, Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt, 2001.] Das ist unmöglich, weil 2:3, wenn man sie als Tochter von dessen weimarisch/istrischer Frau ansieht und aus deren Herkunft ihren Namen ableitet:

Sophie --- Hedwig (oo Hermann I. v. Winzenbg.) --- Poppo v. Istrien --- I. oo Ulrich
   oo                                                                                                                     Sophia
Albrecht d. Bär --- Eilika (oo Otto v. Ballenstedt) ------------------------- II.oo Magnus

Dank Hlawitschka wissen wir jetzt, dass auch Hermann selber den Namen Sophia weitergeben konnte. Wenn also die brandenburgische Sophia – was auch chronologisch besser passt – aus seiner vermuteten ersten Ehe stammt (aus der er zumindest auch einen Sohn Konrad hatte), war sie mit Albrecht nur über Ezzo verwandt, im unproblematischen Grade 4:4.
Aber auch bei dieser Hypothese gießen die Consanguinitätsregeln Wasser in den Wein. Eine namentlich unbekannte Tochter Albrechts heiratete den jüngeren Otto von Rheineck. [39 Warum diese Tochter neuerdings nicht mehr bei Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln, NF 1,2, Nr. 182 erscheint, wird nicht erklärt. Annales Paludenses, MG SS 16, S. 81 sagen klar: Otto iunior de Rinegge… Adelberto marchione socero illius interveniente… Socer ist nun einmal in erster Linie der Schwiegervater. Übrigens könnte diese Tochter nach Ottos gewaltsamem Tod Nonne in Lammspringe oder gar Äbtissin in Quedlinburg (nur in den Europ. Stammtafeln) geworden sein. Vgl. aber auch Anm. 46.] Erlaubbar (4:3) ist das nur unter einer Voraussetzung, die auch chronologisch naheliegt, nämlich, dass Sophia, die Frau Albrechts, nicht eine Tochter, sondern eine Enkelin Hermanns von Winzenburg aus dessen erster Ehe war. [40 Diese Frau ist unbekannt; Jungmann-Stadler, Hedwig von Winzberg, S. 265, vermutet, dass sie eine Eversteinerin war, Loibl, Herrschaftsraum …, folgt ihrer These von einer 1. Ehe Hermanns S. 379, nicht aber S. 385. Ich glaube, dass der mit Konrad „von Winzenburg“ auftretende Konrad von Everstein nicht der Schwager sondern eher ein Verwandter war, und zwar ein in Reinhausen Mit-Erbberechtigter. Schließlich grenzt sein Besitz an Leine und Werra an den Bereich der REINHAUSENER (aber genauso muss man ihn in Zusammenhang mit den NORTHEIMERN und den DASSEL untersuchen). Dieser Konrad erscheint ab 1116, ab 1125 als Graf. Er ist überhaupt der erste, der nach Everstein (im Solling bei Amelungsborn) genannt wird, und kommt natürlich nicht aus dem Nichts. Angesichts der Allianzen seiner Nachkommen (sein Enkel – lt. d. Europ. Stammtafeln XVII, Nr. 82 sein Großneffe – heiratet eine polnische Prinzessin, Witwe v. König Alfons VII. von Aragon, dessen Sohn eine bayrische Pfalzgräfin, Witwe eines Wildgrafen), war oder wurde dies eine bedeutende Familie (D. Joh. Meyer, Zur Genealogie der Grafen von Everstein (Weser), in: NiedersächsLdesVFamKde, Hann., Sonderveröff 7 (1954) S. 142ff.) Vor 1100 gab es streng genommen noch keine „Eversteiner(in)“. Da Konrads v. E. Mutter 1116 bis wahrscheinlich 1122 noch lebte, dürfte er nicht viel älter als der junge Konrad „von Winzenburg“ sein. Es wird daher kaum der FORMBACHER Onkel sein, den wir in Bayern aus dem Blickfeld verloren, der sich diese neue Herrschaft schuf (d. h. erheiratete oder ererbte). – Dass des WINZENBURGERS Sohn Konrad aus erster Ehe erst ab 1122 und dann fast immer als comitis Heremanni filius o. ä. erscheint, also als (noch) nicht selbständig, schließt ihn als Schwiegervater des Bären sowieso aus. Heiratsdatum und Lebensspannen Hermanns, aber auch der Sophia und ihrer Schwester, der Äbtissin Beatrix, müssen genauer überprüft werden, als es mir möglich ist. Bei den zahlreichen Kindern des Bären bedürfen noch einige Namen (Dietrich, Bernhard, nach meiner Deduktion auch Hedwig) der Herleitung, die über den nicht-formbachischen Elternteil dieser Sophia Auskunft gibt.]
 

Otto v. Rheineck --- Otto v. Rheineck --- Sophia (oo Herm. v. Salm) ---------
      oo                                                                                                          Meginhard V.
N.N. --- Sophia (oo Albrecht d. Bär)  --- [N.N.] Hermann I. v. Winzenbg. ---

Exkurs nach Michaelstein

Sophia, Albrechts Frau, und ihre Schwester Beatrix, als zweite ihres Namens Äbtissin von Quedlinburg, galten auch als Töchter (oder, wegen der evidenten chronologischen Unmöglichkeit, als Schwestern) BARBAROSSAS. [41 So zuletzt H. Gaiser, Orta de stemmate regali Friderici (ZsWürttLdesG 40 (1981), S. 221–229, in Anlehnung an H. Decker-Hauff, Das staufische Haus, in: Die Zeit der Staufer. Geschichte, Kunst, Kultur. Ausstellungskatalog 3 (1977), S. 339–374. Gaiser stellt an den Beginn die von Decker-Hauff angeblich aus dem „Rote Buch von Lorch“ gerettete, in Wirklichkeit frei erfundene Liste der Kinder Herzog Friedrichs von Staufen. (Richtiggestellt bei Klaus Graf, Staufer-Überlieferungen aus Kloster Lorch, in: Von Schwaben bis Jerusalem. Facetten staufischer Geschichte, Hrsg. Sönke Lorenz und Ulrich Schmidt, 1995, S. 209–240, hier S. 233ff.) Besonders absurd ist die Tatsache, dass er auf die sich aus dieser und anderen Hypothesen ergebenden Nahehen (u. a. zweimal 3:2) in den nächsten Generationen hinweist. So wurden in einer Festschrift für Decker-Hauff dessen Phantasien – freiwillig oder unfreiwillig? – nur zwischen den Zeilen als weder mit der längst bekannten Inschrift noch mit dem Kirchenrecht verträglich dargestellt. – Meine Tatsachendarstellung verdanke ich einem Vermerk von Hermann Kuhr im Landeskirchlichen Archiv Wolfenbüttel vom 25.08.1994, zitiert in einer freundlichen und umfasssenden Nachricht von Jürgen Engelking vom Landeskirchlichen Archiv Wolfenbüttel. Dort befindet sich ein Abguss der Inschrift auf der Bleikiste in Michaelstein, auf die mich zuerst Klaus Graf hinwies, sowie ein noch nicht veröffentlichter Aufsatz von H. Kuhr.] Die Annahme geht auf die Inschrift einer (im Dreißigjährigen Krieg) verlorenen Grabplatte aus Messing im Zisterzienserkloster Michaelstein (b. Blankenburg/Harz) zurück, die schon in der 1492 in Mainz gedruckten Sachsenchonik Konrad Botes, die man wegen ihrer exzellenten Illustrationen loben kann, referiert und bei Merian anscheinend vollständig überliefert wurde. [42 Matthäus Merian, Topographia und eigentliche Beschreibung … in den Herzogtümern Braunschweig und Lüneburg…, Frankfurt/Main, 1654, S. 156.]  Quia lubrica et brevis constat vita hominis, per me quisquis sciat, quae in hoc hospitio tenetur peregrina, orta de stemmate Regali Friderici. Nunc sum pulvis et vermis. Lector mihi deprecare, quod et tu cupis expectare. Per XXIII annos Abbatissa praefui. Incarna-tionis Domini MCLXI anno Indict. VIII Idus Julii.
1878 wurde das Grab und darin ein schon 1612 bemerktes Bleikästchen wiedergefunden und darin neben Knochenresten ein Bleistreifen mit der Aufschrift 1612 bemerkt. Kästchen mit Gebeinen wurden wieder begraben. 1930 grub man es wieder aus. „Nun gab es die erste Überraschung. Auf der oberen Platte des Kastens stand nämlich eine lange Inschrift, die bei seiner ersten Entdeckung seltsamerweise unbemerkt geblieben war.“ Sie wurde von Museumsleiter Fink in Braunschweig entziffert und von ihm und Karl Bürger publiziert. [43 A. Fink, Die Bleikiste der Äbtissin Beatrix I. von Quedlinburg und Gandersheim, in: Die Denkmalpflege 1932, S. 177. Karl Bürger, Ein überraschender Fund im Beatrixgrabe im Kloster Michaelstein, in: ZsHarzV 1932, S. 13ff, das Zitat auf S. 15.]
Wie nun deutlich wurde, gehen die modernen Verwechslungen auf mittelalterliche zurück. Beatrix, die spätere(?) Schwägerin Albrechts des Bären, war seit 1123 Äbtissin des Kanonissenstifs Herse (Neuenheerse). In zeitlicher Übereinstimmung mit der Bestallung Albrechts als Herzog wurde sie 1138 Äbtissin in Quedlinburg. Sie wurde Mitgründerin von Michaelstein und wohl in Quedlinburg begraben. Ihr Todesdatum lässt sich auf 1060 und April 2 datieren. [44 So L. Weiland, Chronologie der älteren Äbtissinnen von Quedlinburg und Gandersheim, in: ZsHarzV (1875). S. 475ff., nach dem zweiten Quedlinburger Nekrolog, sowie Anno Domini 1160 domina Sophia marchionissa obiit, quam pie memorie soror eius Beatrix, abbatissa Quidilingeburgensis, octavo die moriendo subsecuta est (Annales Paludenses, MG SS 16, S. 92). Hierzu Partenheimer, Albrecht…, S. 247 FN 528. Im Necrologium Herisiense März 25: Obiit Sophia marchionissa.] Später erbat sich das Kloster Michaelstein ihre Gebeine. Bei der Erfüllung des Wunsches verwechselte man offensichtlich in Quedlinburg ihre Überreste mit denen einer ersten Äbtissin Beatrix, deren Todesdatum, 1061 oder 1062 Juli 13, gut belegt ist. Während auf der Michaelsteiner Grabplatte Orta de stemmate regali FRIDERICI gestanden haben soll, fand sich auf der Bleikiste orta de stemate regali. / Filia fui secu[n]di [imp]eratoris, tertii regis HINRICI. Nur ist dieser Inschrift jetzt als Sterbedatum 1161 angegeben (MCLXI an[n]o) mit zur ersten Beatrix gehörenden Tagesdatum III ydus Iulii. Dass die Gründerin von Michaelstein keine Tochter BARBAROSSAS sein konnte, hatte schon Merian moniert. Er erwähnt, dass manche sie für seine Schwester hielten.
Als man in Michaelstein wohl im 15. Jahrhundert die Grabplatte beschriftete, wurde die Vorlage auf dem Kästchen verstümmelt und verschlimmbessert, sodass sie den falschen Vater nennt. Aber schon das Bleikästchen referiert nicht mehr korrekt. Es kontaminiert eine Inschrift für die ältere Beatrix mit dem angenommenen Todesjahr der jüngeren. [45 Bürger hält das Datum für das einer Exhumierung der Überreste von Beatrix I., um sie im Bleikästchen in der Quedlinburger Stiftskirche nach deren Umbau wieder beizusetzen.] Epigraphiker mögen beurteilen, wann ungefähr diese Inschrift in der erhaltenen Form entstand. Bisher wird sie in die Zeit kurz nach der Mitte des 13. Jahrhunderts gesetzt. Sie ist sicher eine verkürzte Abschrift einer älteren, die vermutlich in Hexametern abgefasst war. Gleichwohl bleiben noch immer viele Fragen offen, nicht zuletzt die: Wessen Gebeine waren in dem Bleikästchen? Kaum die der zweiten Beatrix, vielleicht die der ersten, eher andere.
Nur eines steht fest: Beatrix und Sophia haben nichts mit den STAUFERN zu tun. Man sieht, nicht zuletzt an Gaisers groteskem Aufsatz, wie vorsichtig man mit Überlieferungen aus zweiter und dritter Hand sein muss.

Zwei Frauen Albrechts namens Sophia?

Nun behaupten einzelne Forscher, Albrecht der Bär sei zweimal verheiratet gewesen, zuerst mit einer Sophia von Rheineck, dann mit einer Sophia von Assel. [46 Otto von Heinemann, Albrecht der Bär. Eine quellenmäßige Darstellung seines Lebens, Darmstadt 1864; Gerlinde Schlenker, Die Rolle der Askanier und Albrecht des Bären, in: Die Altmark – eine Region in Geschichte und Gegenwart (BeitrrRegionalLdesKultur Sachsen-Anhalts 8) 1998, S. 8–19. Partenheimer, Albrecht…, S. 320 FN 1261f.] Auch das ist wohl eine Verwechslung: Heinrich von Assel war ein Sohn Hermanns I. von Winzenburg, die RHEINECKER waren seine Cousins. Die anachronistischen Herkunftsbezeichnungen heißen wohl dasselbe: Eine Nachkommin des Meginhard V. und der Mathilde, und sie gelten einer Person namens Sophia.
Deren Winzenburger Connection haben wir genügend behandelt. Eine RHEINECKERIN im engeren Sinn kann Sophia nicht gewesen sein, da Otto 1113 noch unverheiratet gewesen sein muss, und Albrecht wohl 1123 heiratete, auch hat Otto eine andere Tochter Sophia. Hermann von Salm käme als Vater der Sophia infrage; dann wäre das socer für Albrecht gegenüber Otto dem jüngeren als „angeheirateter Onkel“ zu verstehen, wenig wahrscheinlich zwar, aber nicht unmöglich. Ein kleiner Pluspunkt noch für diese Kombination: Der Name Dietrich für einen Sohn Albrechts ließe sich so erklären, aber die anderen neuen Namen nicht. Insgesamt aber ein Punktsieg für eine einzige Sophia und diese als Enkelin Hermanns I. von Winzenburg.

Noch einiges zu den Winzenburgern

Am Ende der sehr verschiedenen Fäden, die wir aufgriffen und manchmal weiterverfolgten, zeigten sich immer wieder Verwandtenehen knapp außerhalb der verbotenen Grade. Ich halte dies geradezu für eine Tendenz. [47 Sehr schön formuliert das Armin Wolf, Stammten die Grafen von Northeim aus dem Hause Luxemburg?, in: NiedersächsJbLdG 69 (1997), S. 434: „…lässt sich wiederholt feststellen, dass Deszendenten eines gemeinsamen Vorfahren einander heirateten, sobald die vierte Generation erreicht war…“; ders. Zur Kontroverse um die Herkunft der Grafen von Northeim aus dem Hause Luxemburg. IRheinVjBll 65, 2001, 400-406.] Aber auch andere (nicht immer harmonische) Interaktionen zwischen den Protagonisten dieser Verwandtschaftsgruppen könnte man anführen. Beweise sind das freilich nicht.
Zu 1112 April 4 erscheint der WINZENBURGER in einer Fälschung noch des 12. Jahrhunderts, die HEINRICH V. die Stiftung des Klosters Laach bestätigen lässt, an der Hermanns salmisch/luxemburgische Neffen Otto und Hermann interessiert waren. [48 Zuletzt: Inventar und Quellensammlung zur Geschichte der alten Abtei Laach, bearb. Bertram Resmini (VeröffLdArchivverwaltung Rheinland-Pfalz 64), 1995, Nr. 3.] Si non e vero, e ben trovato; ich glaube nicht, dass Hermann v. W. in die Urkunde kam wie Pontius ins Credo. – 1114 Juni 16 interveniert er mit mehreren geistlichen und weltlichen Fürsten für die Zelle Hirzenach. [49 Urkunden und Quellen zur Geschichte von Stadt und Abtei Siegburg (bearb. E. Wisplinghoff), 1, 21985, Nr. 26.]
Sein Sohn Hermann II. von Winzenburg steht zweimal Zeuge für die Erbtochter der Magdeburger SPANHEIMER, Richardis von Stade in Angelegenheiten, die ihre rheinischen Besitzungen und Kloster Sponheim betreffen. [50 MzUB I, Nr. 527 und 587] 1144 Dezember 29 und 31 ist er mit seinem mutmaßlichen Schwager Albrecht dem Bären bei der großen Versammlung in Magdeburg, bei der es um das Erbe der im Mannesstamm ausgestorbenen STADER geht. 1148 heiratete er Luitgard von Stade, die zweimal verwitwete Tochter der Richardis. [51 Fast eine Ehe über Kreuz: Udo „von Freckleben“ († 1130 März 15), der älteste Sohn der Richardis, war angeblich mit einer Jutta von Winzenburg verheiratet.] 1150 oder etwas später erbaute er die Burg Schöneberg (Sconenberg) bei Hofgeismar; wahrscheinlich benannte er diese der Schönburg über Oberwesel nach, auf der sein Cousin Otto von Hermann von Stahleck ermordet worden war. [52 1152 belehnt Erzbischof Heinrich von Mainz einen Bertold mit der Burg, der Ahnherr der Herren von Schonenberg wird, die weiterhin auch Herren von Everscutte und Vögte von Neuenheerse waren. Äbtissin von Neuenheerse war Beatrix, eine nahe Verwandte (Halbnichte?) des zweiten WINZENBURGERS (s. Anm. 44 u. ö.)]
Die Schwester seiner Frau, die jüngere Richardis (von Stade), ist spätestens 1125 geboren, da ihr Vater Rudolf 1124 Dezember 6 starb. Sie war jedenfalls 1130 noch nicht mündig. [53 Hucke, Stade, S. 36] 1141 war sie Vertraute und Mitarbeiterin der Seherin Hildegard, die sie in der Einleitung des Scivias „eine adlige Dame, Tochter der genannten Markgräfin“ nennt. Wohl 1151 oder Anfang 1152 wird sie zur Vorsteherin des fernen Klosters Bassum ernannt, auf Vermittlung des Mainzer Erzbischofs Heinrich und ihres Bruders Hartwig, Erzbischofs von Bremen, vor allem aber wohl auf Drängen ihres Schwagers Hermann II., gegen den Wunsch Hildegards. Der WINZENBURGER ist also jener Graf Hermann, den Hildegard in ihrem Schreiben an Erzbischof Hartwig nennt, und wohl auch der quidam horribilis homo, von dem sie im gleichen Brief spricht [54 CCCM 91, Epist. XII, Zeile 37, bzw. 13ff. Gewiss ist es nicht der rheinische Pfalzgraf Hermann von Stahleck, wie Führkötter, Briefwechsel, S. 97 meint.]. 1152 Januar 30 wurde er mit seiner Gattin von Ministerialen ermordet. Ein Teil seines Erbes fiel an Albrecht den Bären.

V. Zuguterletzt: Heinrich von Laach, ein Bruder des Gegen-Königs

Während Renn [55 Renn, Luxemburger … Pfalzgrafschaft, S. 108 ff.] den allgemeinen Nachweis für eine Abstammung des Pfalzgrafen Heinrich von den LUXEMBURGERN wohl erbracht hat, ist die genaue Einordnung noch unklar: „Die Abstammung Heinrichs von Laach, der 1085 von HEINRICH IV. die Pfalzgrafenwürde erhielt, konnte bisher nicht völlig geklärt werden.“ [56 Markus Twellenkamp, Das Haus der Luxemburger, in: Die Salier und das Reich, Hrsg. v. Stefan Weinfurter, 1922, 1, S. 475–502, hier S. 489.] Im Stadium der Hypothesen sei hier gleich eine weitere hinzugefügt: Warum sollte Heinrich nicht ein Bruder des Gegen-Königs gewesen sein? So wäre auch er ein Sohn Giselberts und dessen von Hlawitschka als HEZELINIDIN nachgewiesener Frau. Damit hätten nach dem Erlöschen der HEZELINIDEN im Mannesstamm die Brüder an erster Stelle der Erbberechtigten gestanden und die Belehnung mit der Pfalzgrafschaft wäre einerseits nach außen politisch und erbrechtlich erforderlich, in der Designation des jüngsten freilich der Versuch HEINRICHS IV., ihn durch Begünstigung von dem nächstälteren abzuziehen.
Hlawitschka zieht diese naheliegende, aber zunächst noch hypothetische Konsequenz aus seinem Vorschlag nicht, es geht ihm ja auch um anderes. Seine kreative, inzwischen wohl gesicherte Konjektur von der hezelinidischen Mutter HERMANNS VON SALM lässt sich also nicht nur ergänzen, sondern auch ausdehnen. Sie wird zum Schlüssel für die bisher sehr gequälte Diskussion über die weitere Vererbung des Pfalzgrafenamts nach dem Aussterben der HEZELINIDEN sine herede, was nicht mehr heißt als „ohne Sohn oder Sohnessohn“. [57 Als letzte Äußerung hierzu: „Das Erlöschen der alten Pfalzgrafenfamilie gab dem König die seltene Gelegenheit, über das Amt ohne Bindung an die Blutserben zu verfügen“ bei Meinrad Schaab, Geschichte der Kurpfalz, 1 (Mittelalter), 1988, S. 29.] Hier lösen genealogische Erkenntnisse einmal mehr allgemeingeschichtliche Fragen.
Ich bin so oft auf der Prüfung durch die Konsanguinitätsregeln herumgeritten, dass ich sie auch hier vornehmen muss. Nun kennen wir von Heinrich von Laach eine einzige Ehe und keine Nachkommen. Die Frage reduziert sich also. War er mit Adelheid von Weimar-Orlamünde verwandt? Das lässt sich verneinen. Renn behauptet unbegründet, „Die Kirche hätte die Heirat Heinrichs von Laach mit der Gattin [recte Witwe] seines Vetters sicherlich nicht gestattet.“ [58 Renn, Luxemburger … Pfalzgrafschaft, S. 109. Auf S. 107 gliedert er Pfalzgraf Hermann sogar als Neffen Heinrichs von Laach ein. Nicht nur Georg Droege, Pfalzgrafschaft, Grafschaften und allodiale Herrschaften zwischen Maas und Rhein, in: RheinVjBll 26 (1961), S. 2, übernimmt die unbewiesene Behauptung.] Es handelt sich um eine affinitas wohl des 5. Grades, die niemals ernsthaft verboten war.
Renn führt auch chronologische Probleme ins Feld. „Erst 1075 begegnen wir Heinrich von Laach zum ersten Male…[59 MRUB 1, Nr. 375: Henrici comitis de Lache.] 1085 erhält er die Pfalzgrafenwürde und vermählt sich erst dann.“ Sein – immer unter meiner Annahme – ältester Bruder Konrad unternimmt 1059 schon einen Kriegszug und heiratet 1065. Der Vater Giselbert erscheint 1030, als Graf von Salm 1036, von Luxemburg 1047, dessen Vater Friedrich dürfte um 985 geheiratet haben. Das sind erstaunlich große Generationsabstände, die man vergeblich mit der Annahme zweier Giselberte (Vater und Sohn) zu erklären suchte (s. u.). Ich kann sie vorläufig nur so erklären, dass jüngere Söhne bei den „LUXEMBURGERN“ erst heiraten durften, wenn sie eine besonders vorteilhafte Braut fanden, oder der älteste Bruder keine Nachkommen mehr erwarten konnte.
Kompliziert wird die Sache zusätzlich durch eine umständlich formulierte Nachricht des Marianus Scotus aus dessen letztem Lebensjahr in Mainz, wenn es sich nicht um eine spätere Einfügung handelt. Suevi in autumno [1081] Chounradi fratrem Herimannum Henrici de Laacha fratris filium pro Rodolfo faciunt regem. [60 MG SS 5, S. 562] „Des Konrad [Grafen von Luxemburg] Bruder“ konnte man den Gegen-König HERMANN nennen, „den Sohn des Bruders von Heinrich von Laach“ aber nicht, wie Renn in seinen beiden Arbeiten nachweist. Ich füge ein Argument hinzu: So bedeutend war Heinrich von Laach 1081 wahrhaftig noch nicht, dass er – ohne Nennung Giselberts – als genealogischer Richtpol hätte dienen können. Bleiben wir bei der einfacheren Erklärung, es handele sich um einen späteren Zusatz und Konrad, HERMANN und Heinrich waren Brüder.
Dabei sind die Beziehungen zwischen den beiden jüngeren durchaus eng: HERMANN erscheint 1088 als Herr des ehedem hezelinidischen Cochem (ob es ein noch ungeteiltes Erbe war?), später Heinrich von Laach (kaum als Vormund für HERMANNS Söhne, eher nach Erfolg in einem Erbschaftsstreit). Hermanns Sohn Otto beerbt den ohne eigene Nachkommen verstorbenen Heinrich, zumindest dem Anspruch nach. Beide werden eher mit den „Gleibergern“ als mit den „LUXEMBURGERN“ zusammengebracht. Bei Heinrich geht es um vielleicht auch anders zu erklärende Erbgänge, zu Hermann heißt es in den Casus monasterii Petrishusensis [61MG SS XX, S. 647, (cap. 39)]: genere Francum de Glicberg. [62 Donald C. Jackman verlautet im Internet in seiner kurzen Darstellung der Grafen „von Gleiberg“: Der erste Graf „whose identity is based solely here…“, sei „Count William of Gleiberg (fl 1139–58), who can be affiliated with considerable confidence as Hermann II of Salm’s eldest son“. Das würde vorzüglich in unseren Zusammenhang passen, aber wie immer muss man gegenüber Jackmans Behauptungen Vorsicht walten lassen. Hat er recht, kann Willehelm comes de L°uzelenburc im Mainzer Stadtprivileg Adalberts II. nicht mit dem Gleiberger identisch sein (so Karl Hermann May, Die Grafschaft an der mittleren Lahn, in: HessJbLdesG 25 (1975), hier S. 8), weil sein Vater Comes Herim(annus) de Salmis et frater eius Otto de Rinch erst nach ihm erscheinen (MzUB 1, Nr. 600). – Zu den früheren Nennungen Renn, Grafenhaus …, S. 113ff. May reiht Wilhelm und seinen mutmaßlichen Cousin Otto unter die Nachkommen Konrads I. von Luxemburg ein, weil er sie als Enkel von dessen Witwe Clementia auffasst. Hier bietet sich aber die Bedeutung Neffen, jüngere Verwandte für nepotes an, wenn auch die Herleitung des Namens Wilhelm offen bleibt.] Twellenkamp meint, Heinrich von Laach „stammt aber wohl ebenfalls aus der Gleiberger Linie des LUXEMBURGER Hauses.“ [63Vgl. Anm. 56.]  Dazu müsste man aber erst einmal diese Gleiberger Linie definieren.
Auf alle Fälle stehen sich innerhalb der älteren LUXEMBURGER der Gegen-König und der Pfalzgraf genealogisch besonders nahe. So lässt sich Hlawitschkas Hypothese erweitern und bekräftigen: Wenn HERMANN eine hezelinidische Mutter hatte, dann stammte von ihr auch Heinrich, ein hezelinidischer Haupterbe. Bisher erklärte man, er habe die Pfalzgrafschaft erheiratet. Dies geschah aber erst 1085, doch ist er schon 1075 Graf „von Laach“. [64 MRUB 1, Nr. 375, an erster Stelle der Laienzeugen: S. Heinrici comitis de Lach.] Dass Laach ein luxemburgisches Erbteil war, ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist handelt es sich um hezelinidische Erbschaft oder um die Mitgift seiner Mutter. Die Frage wird dadurch noch schwieriger, dass ein (Graf) Gerhard von Hochstaden die Hälfte des Laacher Sees (also wohl der Fischereirechte) und einen halben Mansus dem Kloster Maria Laach schenkt, vielleicht erst kurz vor der Beurkundung 1139 März 23. [65 Inventar und Quellensammlung zur Geschichte der alten Abtei Laach, bearb. v. Bertram Resmini, VeröffLdArchVerwaltung Rheinland-Pfalz 64, 1995, S. 52, Nr. 9. MRUB 1, Nr. 506: Dimidium mansum. et dimidiam partem lacus a Gerardo comite donatum.] Im Nekrolog von Maria Laach erscheint III Non. July (Juli 5) Gerardus Comes de Hostade, qui contulit dimidietatem loci ecclesiae nostrae.[66 Hätte Julius Wegeler in seiner Edition des Kalendarium defunctorum monasterii beatae Mariae virginis in Lacu, in: AnnHistVNiederrrh 26/27 (1874), S, 268–316, loci für laci verlesen? Vgl. Emil Kimpen, Ezzonen und Hezeliniden in der rheinischen Pfalzgrafschaft, in: MIÖG Ergbd. 12, (1932), S. 1–94, hier S. 24.]
Da ist außerdem die Schenkung an Kloster Comburg, die auf die Erwählung Erzbischofs Ruthard (1088) datiert ist.[67 WürttUB 1, Anh. S. 394. (Comburger Schenkungsbuch), Nr. 4. Warum Gerhard Lubich, Zur Bedeutung der Grafen von Comburg und Rothenburg, in: Württembergisch Franken 81 (1997) die Urkunde nur nach der Amtszeit des genannten Vogts Rugger auf 1085–1093/95 datiert, ist unklar. Die Datierung wurde nicht wie zahlreiche andere Details in der Besprechung des Aufsatzes durch Heinrich Wagner in MainfrkJbGKunst 50 (1998), S. 279ff. korrigiert oder ergänzt. Die nur im Schenkungsbuch überlieferte Urkunde scheint nicht in Comburg, sondern am Rhein ausgestellt worden zu sein.] Pfalzgraf Heinrich schenkt – ausdrücklich uxoris sue venerande Adelheidis consensu – 3 Teile eines Gutes in Creglingen. In Creglingen hatte bereits sein luxemburgischer Onkel, Herzog Heinrich von Bayern, 1045 beliehenen Besitz. Von Bedeutung könnte sein, dass er die Stiftung in liberas manus comitis Gozuuini vornimmt.
„Graf“ Goswin „von Mergentheim war durch seine Schwester Geba Schwager des Comburger [68 Eigentlich müsste man schreiben: Kamburger. Aber in Württemberg schreiben Historiker die moderne, pseu-domittelalterliche Schreibung Comburg vor. Heinrich, ein jüngerer Bruder, hatte seinen Sitz in Rothenburg.]  Grafen Heinrich. Er scheint mit dem ersten Vogt des Klosters Sponheim identisch zu sein, und war wohl ein Onkel des Goswin von Stahleck, mit dem ihn Kimpen freilich gleichsetzt. [69 Kimpen, Ezzonen …, S. 79ff.] Dass die Beziehungen verwandtschaftlicher Art sind, zeigt sich noch 1140, wenn Hermannus comes de Staheleck neben drei Brüdern von Lobenhausen für eine Hirsauer Schenkung Zeuge steht. [70 CodHirs 46b, WürttGQu 1 (1887), S. 41. Die Lobenhausener (Grafen im Maulachgau?) als Verwandte der Comburger: Rainer Jooß, Kloster Komburg im Mittelalter. Studien zur Verfassungs-, Besitz- und Sozialgeschichte einer fränkischen Benediktinerabtei (ForschWürttFrken 4), 1987, S. 38f. Zu Goswin: Josef Heinzelmann, Hildegard von Bingen und ihre Verwandten. Genealogische Anmerkungen, in: JbWestdtLdesG 23 (1997), S. 35f. u. ö. Der Schenker Egino von Assenheim (b. Ludwigshafen) scheint mit den Dietmaren/Goswinen verwandt, wurde auch Egeno Putridus genannt und starb als Mönch in Hirsau (CodHirs 57b f.)] Wenn wir dann noch sehen, dass der große Förderer Hirsaus und Comburgs, der Mainzer „Bürger“ Wignand und seine Frau Adelheid zwei Töchter hatten, die Geba und Rilint [71 Graf Heinrich von Comburg und seine Frau Geba schenken ein predium quod Rilinde in hereditatem contigit (in Talheim, Gde. Vellberg) quod comes habuit (Comburger Schenkungsbuch, Nr. 2, z. Zeitpunkt s. Gustav Bossert, Zur älteren Geschichte des Klosters Komburg, WürttFrken NF 3 (1888), S. 17). Diese Rilinde dürfte eine Schwester oder die Mutter der Gräfin Geba gewesen sein.] hießen, zeichnen sich Zusammenhänge auch mit unserem Thema ab.
Die Zeugen sind noch nicht genau identifiziert:
Heinricus, postea dux effectus et frater eius Cunradus de Mereheim. Kimpen hält die beiden fälschlich für Heinrich den Fetten von Northeim und seinen Bruder Kuno von Beichlingen, Renn für Heinrich von Limburg, der tatsächlich später Herzog wurde und dessen Bruder Konrad einen Sohn Hermann von Merheim hatte. [72 Vgl. Europ. Stammtafeln NF 1,2, Tafel 203, 229 und 235.] Diese Namen dürften durch die Mutter Konrads, Jutta, eine Tochter Giselberts und also Tante des Laachers und des Gegen-Königs, in die Familie gekommen sein, was Hlawitschkas Konjektur bestätigt.
Gerlach de R°umarsdorf et frater eius Willehelmus et Richuuin. Während das Württembergische Urkundenbuch als Ramersdorf in Bayern auflöst, steht inzwischen fest, dass es sich um Rommersdorf (Ks. Neuwied) handelt, Gerlach also ein Isenburger war, für den ein Bruder Wilhelm freilich nicht belegt ist. Dementsprechend liest Gensicke nach frater eius einen Punkt und hält Reginbold für gemeint. [73 Hellmuth Gensicke, Landesgeschichte des Westerwaldes (VeröffHistKommNassau 13), 1987, S. 172 Anm. 11.] Da die Urkunde nur kopial überliefert ist, verbietet sich eine Festlegung. Auch Wilhelm und Richwin suche ich im Rheinischen.
Ruggerus comes de Rotenburc et Heinricus frater eius. Die Brüder des Klosterstifters.
Was brachte Heinrich von Laach dazu, das ferne Comburg zu beschenken? Die Beziehungen zwischen den Klöstern Comburg und Brauweiler sind schon dargestellt. [74 Zuletzt Jooß, Kloster Komburg, S. 21, und Heinz Wolter, Abt Wolfhelm von Brauweiler (1065–1091) und die Einführung der Siegburger Reform im Kloster Brauweiler, in: AnnHistVNRh 174 (1972, S. 35–50, hier S. 39. Diese Beziehungen umfassen auch Laach und Lorch, worauf selbst ein so akribischer Historiker wie Klaus Graf hinweist (Staufer-Überlieferungen …, S. 221f.)] Sicher waren sie nicht die Ursache, dass Heinrich privaten Streubesitz an die ferne Neugründung übergab. Eher vermute ich verwandtschaftliche Beziehungen – am ehesten über Graf Gozwin –, aber ich habe beim besten Willen keine Idee, wie sie genau beschaffen waren. Mit unserem eigentlichen Thema hat das aber nichts zu tun.

Gab es im 11. Jahrhundert eine Gleiberger Linie des Luxemburger Grafenhauses?

May meint, der spätere Gegen-König sei mit dem Herimannus de Glizberge gemeint, der ohne Grafentitel 1070 November 4 in Mainz für das Kloster Jakobsberg an sehr prominenter Stelle noch vor dem STAUFER Pfalzgraf Manegolt von Schwaben und mehreren Grafen erscheint. [75 MzUB 1, Nr. 327. May, Grafschaft … Lahn, S. 5. Es ist dies die erste urkundliche Benennung nach dem Gleiberg, und die einzige im 11. Jahrhundert. Alle anderen Nennungen sind chronikalisch, also retrospektiv.] Für einen kaum nach 1000 geborenen Sohn Hermann jenes Friedrich „vom Moselgau“ († 1019), der eine Schwester Ottos von Hammerstein geheiratet haben soll, bringt Renn Nennungen aus den Jahren 1045 und 1056, er hält ihn für identisch mit dem Herimannus comes de Glizberg, der 1075 HEINRICH IV. in der Schlacht an der Unstrut so entscheidend geholfen hat (was für den späteren Gegen-König unwahrscheinlich ist). [76 Renn, Grafenhaus …, S. 130ff.] Die chronologischen Argumente, mit denen er zurecht ablehnt, dass Hermann, der Sohn Friedrichs, der Pfalzgraf Hermann II. (1060–1085) sei, gelten wohl auch hier. Ein 75-jähriger in der Schlacht? Plausibler wäre es, diese Gleiberg/Luxemburger Hermanne als drei Personen anzusehen. Am einfachsten wäre dann Hermann II. als kinderloser Sohn Hermanns I. von Gleiberg einzureihen, dessen Erbe auf seine Cousins HERMANN (VON SALM) und Heinrich von Laach überging. Renn widerlegte Genealogen, die zur Lösung der Widersprüche der anderen Belege mit der Angabe des Marianus Scotus zwei Giselberte (Vater und Sohn) einsetzten. Ich kombiniere diese Annahme zu folgender, ich betone, rein hypothetischer, Tafel.

    +---------------+--------------------------+---------------------------+-------------------------------------------+--------------------------------
|Heinrich    Giselbert,                   Friedrich, Hz. N–L.  ? Theoderich, Adalbero, Uda,          Hermann I. von Gleiberg  (1045, ’56)
Hz. Bayn.  Gf Lux. u. Salm                                          Gisela, Otgiva, Imiza

              ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------+?-----------------
       Giselbert II, Gf.                    Heinrich v. Laach                                              Hermann II. von Gleiberg
       Lux. u. Salm                               + 1095/96                                                        1075
                                                  ohne leibl. Kinder                                                   ohne leibl. Kinder
 

  ---------+----------------------------------------------------------------------------
Konrad                           Hermann, Gegen-König                                N.N.
Gf. Lux.                                + 1088
(1059-1086)                   oo Sophia von Formbach                              oo N.N., Gf.v. Hillesleben

    ---                            -----------------------------------------------
  8 Kinder                Hermann I. von Salm Graf                  Otto von Rheineck

                 -------------------------------------?------                ----------------------------------
              Heinrich I.                           Wilhelm                Otto von                         Sophie
              Graf von Salm                     von Gleiberg          Rheineck
                                                                                          + 1149

Gegen die Annahme zweier Giselbert spricht Renn überzeugend. Ich habe noch einen Einwand: Die Nachkommen Konrads I. von Luxemburg haben so offensichtlich keinen Anteil am hezelinidischen Erbe Heinrichs von Laach, dass er aus einer ersten Ehe seines Vaters stammen dürfte, was auch die Altersunterschiede zu seinen Brüdern erklärt. Wenn wir die HEZELINIDIN als zweite Frau von Giselbert II. annehmen, wäre Heinrich von Laach nicht ihr Sohn, sondern ihr Schwager.
Bleiben wir also bei nur einem Giselbert. Für seine hypothetische erste Gattin ließe sich ein Indiz in dem Namen von Heinrichs nie so recht von den Genealogen akzeptierten Bruder finden, des Bischofs Poppo von Metz († spätestens 1106). [77 Hugonis Chron. (MG SS 8, S. 473 zu 1092: Metenses … elegerunt quendam clericum nomine Popponem, fratrem Henrici Comitis Palatini. Dass Poppo hier nicht als Bruder seines Vollbruders Konrad genannt wird, sondern seines Halbbruders, wäre erklärlich: Konrad war tot, und Heinrich hatte ein hohes Amt.] Allerdings muss dann auch der Name Konrad für den ältesten Sohn erklärt werden, den Hlawitschka von der hezelinidischen Gattin Giselberts herleitet und als Indiz dafür nimmt, dass Hezelins Gattin eine Schwester KONRADS II. war. Zur Verdeutlichung reicht eine wieder verknappte Tafel, wieder beginnend mit den Kindern des 1019 gestorbenen Grafen Friedrich „vom Moselgau“. [78 Er soll mit einer Schwester Ottos von Hammerstein, also Tochter Heriberts von der Wetterau, verheiratet gewesen sein, die ihm Gleiberg zugebracht hätte. Ich hege äußerste Skepsis hinsichtlich dieser Allianz. Dass vor den LUXEMBURGERN die KONRADINER Gleiberg besessen hätten, ist nirgends belegt oder nachgewiesen. Unter den Namen der 10 belegten Kinder Friedrichs erscheint neben den „luxemburgischen“ (Heinrich, Friedrich, Adalbero, Giselbert, Dietrich, Uda) kein Heribert, kein Konrad, kein Gebhard, kein Otto, kein Udo, kein Megingoz, kein Gottfried, keine Irmgard, keine Gerberga! Aber Hermann, Otgiva, Gisela! Irmintrud (Imiza) könnte zwar der mütterlichen Großmutter nachbenannt sein, aber dieser Name erscheint schon bei einer Schwester Friedrichs, weil auch luxemburgisch. Auch die Enkel ändern das Bild nicht. Dass Hermann und Gisela konradinische Namen seien, behauptet Renn (Luxemburger Grafenhaus, S. 114), wohl nur, weil sie in anderen Linien bei KONRADINER-Nachkommen vorkommen. Man muss mit Argumenten ex negativo sehr vorsichtig sein, aber bei so vielen Kindern (und Kindeskindern) glaube ich mich schon berechtigt, die erstmals von Schenk von Schweinsberg vorgeschlagene Verbindung aus dem Schema consanguinitatis für Otto von Hammerstein und den Verwandten der Adelheid von Vilich als vielleicht doch zu glatt anzuzweifeln.]
Doch vorher bleibt noch die Verwandtschaft mit den Are zu erwähnen. „Wir können nur vermuten, dass aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen den Are und den Rheineck die Grafen von Are irgendwann mit der Vogtei (von Maria Laach) belehnt wurden.“ Schon 1163 scheint Ulrich (von Are-Nürburg) das Amt ausgeübt zu haben. [79 Ute Bader, Geschichte der Grafen von Are bis zur Hochstadenschen Schenkung (1246) (Rheinisches Archiv 107), 1979, S. 279; Ruth Gerstner, Die Geschichte der lothringischen und rheinischen Pfalzgrafschaft von ihren Anfängen bis zur Ausbildung des Kurterritoriums Pfalz (Rheinisches Archiv 40), 1941, S. 70, weist darauf hin, dass Erzbischof Arnold von Köln 1146 Otto von Rheineck praefatorum principum (es sind dies Heinrich von Laach, Siegfried und Wilhelm) successor nennt. „In diesem Fall handelt es sich aber nur um die Vogtei von Laach.“ Zumindest seit 1075 wurde „Laach“ als proprietas besessen, gestiftet, bevogtet und vererbt, und dies mindestens bis ins 13. Jahrhundert. Auch dies bestätigt unsere oben vorgeschlagene Filiation (Anmerkung 25).]
 
 
Heinrich II.,         Giselbert                                   Friedrich                      Hermann I.                             ¿Theoderich?, Adalbero,
Hz. Byn.              Gf. Lux. u. Salm (1047–59)      Hz. N–L.                    von Gleiberg                             Uda, Gisela, Otgiva, Imiza
–1047               ¿I.oo N.? II.oo Hezelinidin          (1046–65)
                            |            |                                                                                | ________   _ 
                                                                                                                                               |
|                      |                            |                                |                    . |                                  ¿|
Konrad        Poppo               Hermann,                        2 Tö.            Heinrich v.                   Hermann II. 
Gf. Lux        Bf Metz            Gegenkönig, † 1088?                           Laach                           von Gleiberg
(1059–86)                            oo Sophia v. Formbach                        † 1095/6 ohne             1075 ?
                                                                                                         leibl. Kder                  ohne Kinder
| ________                            | ________________________ ________ ________ ________  
|8 Kinder                                |                                                     |                                             | 
                                           Hermann I., Gf v. Salm                    Otto von Rheineck                  N.  oo? Theodor. v. Are 
                                              | __ _ __ ___ _                              | __ _ __ _ __ _                       | __ _ __ _ __ _
                                              | Heinrich I     ¿|?Wilhelm             Otto II. v          Sophie               Ulrich             Otto
                                              Gf v Salm        v. Glei-                 Rheineck          oo                     v. Are-            v. Are-
                                                                     berg                      † 1149             Holland             Nürburg          Hostade

Schließlich darf ich noch auf die Memorien zu Januar 21 und Juni 6 für eine Sophia l. im wenig konsultierten Maria-Laacher Nekrolog hinweisen. [80 Wegeler, Kalendarium…  Bei der späteren Abschrift des Nekrologs wurde die Reihenfolge innerhalb der einzelnen Tageseinträge verändert: Zuerst Geistliche, dann Stifter, dann andere Laien, sodass eine chronologische Einordnung gänzlich unmöglich ist.] Da Gegen-König HERMANN nicht erscheint, dürfte hierbei, wenn überhaupt, eher als an seine Frau an nachbenannte Enkelinnen usw. gedacht werden. Immerhin erscheinen auch: Hermannus comes (¿von Salm?) September 12, Otto comes palatinus (von Rheineck) Dezember 3, Otto comes iunior, qui dedit duos mansos (von Rheineck) (Juli 7) [81 Die Wittelsbachischen Pfalzgrafen namens Otto hatten keine Beziehungen zu Maria Laach.]. Mit gebührender Vorsicht geselle ich Hermanns und Sophias Nachkommen einen Meynhardus monachus im Laacher Nekrolog zu (Juni 4), sowie einen Etcelinus m(onachus) (November 9) und einen Stephanus de Brabantia, qui dedit IIII sol. colon. in ludensdorp (Dezember 16). Illustris domina Gertrudis, comitissa palatina, uxor illustrissimi principis Sigefridi comitis palatini reni erscheint Februar 15, aber auch Dezember 12: Gertrudis comitissa, illustris principis Sifrigdi(!) comitis palatini reni uxor, wenn es sich hier nicht um zwei Frauen Siegfrieds oder eine Verwechslung handelt. Der Name Siegfried ist zweimal vertreten, zu März 9 als Pfalzgraf, und Juni 6 als comes. Eindeutig ist zu März 28 Adteleydis, generosa comitissa, conthoralis illustris comitis Henrici palatini reni et domini de lacu, fundatoris monasterii nostri und Oktober 23 Memoria illustris ac generosi Henrici comitis palatini Reni, qui proprio in patrimonio presens monasterium fundavit, wobei die falsche Jahresangabe Ao. 1093 wohl erst bei der Abschrift hinzukam. Warum (April 14) Gertrudis Regina erscheint, also die 1146 verstorbene Gattin Konrads III., müsste näher untersucht werden. SPANHEIMER verzeichnet das Kalendarium nicht. Hugo, der Kölner Erzbischof von 1137, schwerlich ein SPANHEIMER, ist als solcher aufgenommen (Juli 1).

Zum Abschluss

Hlawitschkas Auflösung der änigmatischen Verwandtenehe HERMANNS VON SALM hat sich als tragfähig erwiesen. Dass weitere Hypothesen auf ihr aufbauen können, sagt wenig; dass diese sich als plausibel erweisen, sagt schon mehr.
Auf alle Fälle zeichnet sich hier in zwei entscheidenden Amtsfolgen eine genealogische Wirklichkeit ab, die die übliche Vererbbarkeit des Anspruchs auf bestimmte Ämter auch beim Pfalzgrafenamt erkennen lässt. Wahrscheinlich trifft sie bei allen Neubesetzungen zu, und doch scheinbar auch nicht. Denn häufig gab es nähere Folgeberechtigte, als die, die eingesetzt wurden. Außerdem muss man sich klarmachen, dass bei jedem Erbfall die Bezugsperson für die Nähe der Verwandtschaft eine andere war. [82 Das behauptete Recht durch Abstammung vom Erstgekrönten (KARL DER GROSSE, HEINRICH I.) oder Ersterwerber oder Erstbelehnten (H. C. Faußner, Die Verfügungsgewalt des deutschen Königs über weltliches Reichsgut im Hochmittelalter, in: DA 29 (1973), S. 345–449, hier S. 401) dürfte mit dem späteren „Senioratsrecht“ kontaminiert sein. Es verwässerte sich von Generation zu Generation. Irgendwann war nicht mehr zu unterscheiden, ob agnatische Linie oder doppelte oder gar dreifache über Frauen oder eine eine Generation nähere die bessere „Anwartschaft“ bedeutete. Und nach acht Generationen dürften so ziemlich alle gleichzeitigen Hochadligen unter den Nachkommen des „Seniors“ sein.] Wenn ein Sohn oder amtsfähiger Sohnessohn, evtl. ein Bruder des Verstorbenen da war (bei den Pfalzgrafen fast anderthalb Jahrhunderte nicht), ein heres also, konnte der König ihn nicht übergehen. Beanspruchten aber Seitenverwandte das Amt, konnte der Lehensherr sich den ihm geeignet erscheinenden aussuchen. Ich kenne keine bessere Darstellung über „geblütsrechtlichen Folgeanspruch“ und „Auswahlrecht“ (auf Pfalzgrafen bezogen, freilich die bayerischen) als Faußners: „War kein (ich ergänze: rechtsfähiger) Sohn vorhanden…, so hatte (der König) das Auswahlrecht unter denen, die … die geblütsmäßige Voraussetzung hatten.“ [83 Faußner, Frühzeit der Babenberger…, S. 42.] Sollte man gleiches nicht auch bei den rheinischen Pfalzgrafen annehmen, von denen die meisten söhnelos starben?
Erbrecht an Eigentum ging nach römischem Recht 7 Filiationsschritte weit, ausgehend vom ak-tuellen Erblasser, nicht von einem Ersterwerber. Nähere Verwandte schlossen die ferneren aus. Die Volksrechte haben andere Regelungen. So wurde jeder Erbfall zu einem praktischen Problem. Wahrscheinlich wurde bei einem Erbfall ohne Söhne zwischen den Verwandten und den Vertretern der Krone die Belehnung schon des Friedens halber ausgehandelt, damit gerechte Portionen aus Eigentum, Ämtern und Lehen entstünden.
Die von Jackman behaupteten Linien entsprechen nicht immer einer Nachfolge hereditario jure. [84 Das „rechte“ Lehnsrecht (ius feudorum) mit seiner Unterscheidung von Allod und Feudum wurde erst unter BARBAROSSA durchgesetzt (Faußner, Verfügungsgewalt…, S. 426).]  Wir machen es uns sowieso zu leicht, wenn wir jeden Amtsnachfolger von vornherein als Sohn und jede Nachfolge ohne erkennbare Verwandtschaft als „political installment“ ansehen. Auf keinen Fall z. B. dürfte Adalbero von Eppenstein, weil er Schwippschwager des 1011 verstorbenen SALIERS Konrad gewesen wäre, dessen Herzogtum Kärnten bekommen haben, unter Umgehung von Konrads minderjährigen Sohn und auch nicht als dessen Vormund, unter Umgehung auch von Konrad „dem Älteren“. In diesem Fall habe ich einen waghalsigen Einfall, den ich ungeprüft in den Raum stelle: Alle Indizien (Folgerecht im Herzogtum Kärnten, die consobrinus-Frage, die Enkelnamen Heinrich und Liutold) deuten darauf, dass Adalberos ihm das Folgerecht vermittelnde Frau Beatrix eine Tochter Herzog Ottos „von Worms“ und Schwester Konrads war. [85 Den Namen Beatrix kann ich so freilich auch nicht ableiten, aber da Ottos Frau Jutta noch immer ein leerer Schatten ist, und da Heinrich III. eine Schwester Beatrix hatte, ist das kein Gegenbeweis. Ob Beatrix überhaupt die erste Frau Adalberos war, ist nicht bewiesen. Ihr Namen wird anscheinend nicht weitergegeben. Die Nennung von 1025 betrifft nicht sie, sondern eine matrona.]
Auch bei der berühmten Stelle quasi hereditatem inter filios (Reginonis abbatis Prumiensis chronicon cum continuatione Treverensi, ed. Friedrich Kurze, MG SS rer. Germ., 1890, s. a. 949), aus der Jackman ableitet, dass Graf Udo bei seinem Tode 949 seine Ämter entfernten Verwandte zukommen ließ, und nicht den belegten nahen, muss man das ottonen-zeitliche Folgerecht anwenden. Dabei ist hereditas eigentlich der damalige Fachausdruck für „vererbbares Lehen“, nicht für „Erbeigentum“ oder Besitz ad dies vitae (Hätte Udo „vom Rheingau“ entgegen dem Gebrauch seiner Zeit seine Lehen und Ämter nur auf Lebenszeit innegehabt?) Für den vieldeutigen Satz des Continuator Reginonis habe ich noch eine weitere, bisher nicht diskutierte Auslegungsmöglichkeit: Udo teilte seine Grafschaften und sonstigen Beneficia, wie man Grundstücke teilt (man denke nur an die wohl seit damals geteilte Grafschaft „Unterlahngau“). – Am wahrscheinlichsten erscheint mir aber noch immer, dass er selber das königliche Designationsrecht ausüben durfte, weil er keine amtsfähigen, nicht geistlichen Söhne mehr hatte, oder auch, weil er die Kinder von vorverstorbenen Söhnen oder Schwiegersöhne und -enkel (mit)berücksichtigen wollte. Und dabei hat er gewiss seine engsten Verwandten und nicht entfernte Vettern berücksichtigt. Es hätte sonst argen Aufruhr der Übergangenen gegeben. Durch das ihm zugebilligte Designationsrecht konnte er auch aus Anteilen seiner proprietates (über die er natürlich selber testieren konnte) und seiner beneficia vernünftigere Erb-Portionen schnüren.
Ich schließe mein Folgerungslabyrinth und lasse gewiss mehr Fragen offen als diese.