Houben Hubert: Seite 9,13,15-26
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"Roger II. von Sizilien"

Roger I. (ca. 1040-1101) hatte sich in Kalabrien und Sizilien eine Grafschaft aufgebaut, deren Reichtum ihn zum begehrten Bündnispartner europäischer Herrscherhäuser werden ließ. Als jüngster von 12 Söhnen eines kleinen normannischen Adeligen, Tankred von Hauteville, hatte er sich auf kein Erbe stützen können. Er folgte um 1055 seinen Brüdern, die in S-Italien ihr Glück gesucht und gefunden hatten.
Als Roger I. um 1055 in den Süden kam, half er Robert Guiscard bei der Niederschlagung eines Aufstandes. Bald entstanden jedoch Konflikte zwischen den beiden Brüdern. Roger wollte sich in Kalabrien einen eigenen Herrschaftsbereich aufbauen, womit sein Bruder nicht einverstanden war. Ebenso wie Apulien hatte Kalabrien bisher zum Byzantinischen Reich gehört. Die einheimische Bevölkerung versuchte aus der Uneinigkeit der Normannen Nutzen zu ziehen und sie zu vertreiben. Robert Guiscard war also gezwungen, sich mit seinem Bruder zu verständigen und trat ihm die Hälfte Kalabriens ab. Gemeinsam gelang es den Brüdern, ihre Herrschaft zu festigen.
Roger I. hatte bisher im Schatten seines älteren Bruders gestanden. Nun bekam er mit der Eroberung Siziliens Gelegenheit zu eigener Initiative.
Nach der Einnahme Palermos einigten sich die Brüder über die Aufteilung Siziliens, das allerdings erst zur Hälfte erobert war. Robert Guiscard hatte aufgrund seiner Stellung als Herzog von Apulien, Kalabrien und Sizilien formal die Herrschaft über die ganze Insel, wo aber in Wirklichkeit Roger I. recht frei schalten und walten konnte. Ähnlich wie in Kalabrien behielt der Herzog die Hälfte der wichtigsten bisher gemachten Eroberungen (Palermo, Messina und Val Demone) in seinem Besitz. Ende 1072 verließ er die Insel, die er nicht mehr wiedersehen sollte.
Nach der Vereinbarung von 1072 über die Aufteilung Siziliens hätte die Hälfte des noch zu erobernden Teils der Insel an zwei wichtige Unterführer des normannischen Heeres gehen sollen: Serlo, den Sohn des gleichnamigen Bruders Rogers I., und einen gewissen Arisgot von Pozzuli. Sie hatten sich unter anderem in der Schlacht bei Cerami ausgezeichnet. Damit wäre die Herrschaft über Sizilien aufgesplittert worden. Es kam aber anders. Serlon fiel bald in einer Schlacht. Arisgot tat sich 1079 bei der Belagerung von Taormina hervor, danach ist er nicht mehr bezeugt. Roger I. konnte also in Sizilien einen geschlossenen Herrschaftsbereich aufbauen. Im Unterschied zu seinem Bruder in Apulien brauchte er nicht auf andere Normannen Rücksicht nehmen, die sich eigene Grafschaften und Herrschaften erworben hatten. Zwar lassen die Quellen keinen Zweifel daran, dass Roger I. ein Lehensmann Robert Guiscards war, doch war die Stellung des Grafen von Sizilien in der Praxis stärker als die des Herzogs von Apulien.
Um den Rest von Sizilien zu erobern, benötigte Roger I. noch fast 20 Jahre. Er verfügte nur über einige hundert Ritter und wohl ebensoviel Fußvolk; es muß allerdings damit gerechnet werden, dass Malaterra deren Zahl untertreibt, um die Erfolge der Normannen im hellerem Licht erscheinen zu lassen. An eine territoriale Eroberung oder Besetzung war nicht zu denken. Die einzige Möglichkeit bestand darin, von befestigten Stützpunkten aus die zahlenmäßig überlegenen Muslime unter Kontrolle zu halten. Im Süden der Insel konnte man nicht auf die Unterstützung von Christen hoffen. Außerdem mußte der Graf mehrmals Sizilien verlassen, um den Herzog von Apulien Hilfe zu leisten. Roger I. ging daher vorsichtig und abwartend vor. Den Städten bot er milde Kapitulationsverträge an, wobei das Beispiel von Palermo Schule machte. Das eroberte Gebiet wurde an strategisch wichtigen Punkten durch Burgen abgesichert. So dominierte das Kastell von Paterno an den Hängen des Ätna die Ebene von Catania, während die Burg Calascibetta das ihr gegenüberliegende Felsennest Enna in Schach hielt. In Mazara wurde ein Kastell in der Stadt angelegt; von hier schlug Roger 1075 einen Angriff nordafrikanischer Muslime zurück.
Nach dem Abschluß der Eroberung von Sizilien (1091) gliederte Roger I. ein ansehnliches Kontingent muslimischer Soldaten in sein Heer ein, es handelte sich vor allem um Bogenschützen.
Bei der Unterwerfung Maltas (1090) befreite Roger I. dort gefangengehaltene Christen, wahrscheinlich in die Hand muslimischer Piraten gefallene Pilger und Kaufleute. Er hoffte, sie würden sich auf Sizilien niederlassen. Der Graf förderte die zahlreichen kleinen griechischen Klöster, die während der arabischen Herrschaft ziemlich heruntergekommen waren. Er ermunterte auch die Einwanderung von Italo-Griechen aus Kalabrien. Daneben gründete er einige große lateinische Abteien wie S. Bartolomeo auf der Insel Lipari (vor 1085) und S. Salvatore di Patti an der gegenüberliegenden Küste, die 1094 in Personalunion vereint wurden, ferner S. Agata in Catania (1091), das gleichzeitig als Domkapitel diente, sowie das Nonnenkloster S. Maria di Messina (vor 1101). Die im Nordosten der Insel gelegenen Abteien trugen zur Latinisierung dieses vorher gemischt griechisch-arabischen Gebietes bei.
Nach dem Sieg von Cerami (1063) schenkte Roger dem Papst Alexander II. (1061-1073) vier erbeutete Kamele, wofür sich dieser mit der Entsendung einer Fahne bedankte, die der Graf in den späteren Schlachten vorantragen ließ. Es könnte sich um die Petrusfahne gehandelt haben, die die Päpste manchen Herrschern zur religiösen Legitimierung militärischer Unternehmen schenkten. Tatsächlich ist Roger auf einigen Münzen als Ritter mit einer Fahnenlanze dargestellt.
Erst nachdem er den größten Teil Siziliens erobert hatte, "begann der Graf fromm zu werden". Er wollte, so Malaterra, nicht undankbar sein für die von Gott erhaltenen Wohltaten. Um 1086/90 gründete er die Bistümer Syrakus, Catania, Agrigent und Mazara del Vallo. Papst Urban II. sanktionierte dieses Vorgehen. Durch die Opposition HEINRICHS IV. und des Gegen-Papstes Clemens III. (1080-1100) befand sich Urban in einer schwierigen Lage. Während der ersten Jahre seines Pontifikats hielt er sich unter dem Schutz der Normannen vorwiegend in S-Italien auf. Dank seiner konzilanten Haltung erreichte er es, dass der Graf 1096 das Bistum Troina mit dem alten Bischofssitz Messina vereinigte und die Residenz des Bischofs dorthin verlegte. Ein Versuch Urbans, mit der Ernennung eines Legaten auch Sizilien unter die Kontrolle der römischen Kirche zu bringen, scheiterte am energischen Widerstand Rogers I. Der Papst war gezwungen, dem Grafen und seinen Erben die Ausübung der apostolischen Legation zu verleihen. Die Grundlage für die Errichtung einer vom Herrscher kontrollierten Landeskirche war gelegt. Damit hatte der Graf von Sizilien eine Stellung erlangt, wie sie kein anderer Fürst in Europa hatte.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts war Roger I. eindeutig die dominierende Gestalt auf der süditalienischen Bühne. Nur dank seiner Hilfe konnte sich sein Neffe und Lehnsherr, Herzog Roger Borsa (1085-1111), gegen seinen von der Thronfolge ausgeschlossenen Halbbruder Bohemund I. durchsetzen. Allerdings mußte er sich mit der Reduzierung des Herzogtums auf das Gebiet des früheren Fürstentums Salerno abfinden. Der Graf von Sizilien ließ sich seine Hilfe gut bezahlen: Roger Bursa mußte ihm die in seiner Hand befindlichen Teile Kalabriens und Siziliens abtreten. 1096 versprach er Roger I. die Hälfte Amalfis, wenn er ihm helfe, die Stadt, die sich gegen seine Herrschaft erhoben hatte, zu unterwerfen. Die Belagerung mußte jedoch aufgegeben werden, da Bohemund und andere Normannen es vorzogen, am 1. Kreuzzug teilzunehmen. Als der 1098 volljährig gewordene Fürst Richard II. von Capua den Grafen von Sizilien um Hilfe bat, sein väterliches Erbe antreten zu können, verlangte Roger I. dafür das Anrecht auf die Herrschaft über Neapel. Wo der Herzog von Apulien nicht in der Lage war, Frieden zu stiften, griff der Graf von Sizilien ein. So schlichtete Roger einen Streit zwischen dem Grafen von Principato in Kampanien und der Abtei SS. Trinita in Venosa im Nordosten der Basilicata, in der Robert Guiscard und andere seiner Brüder begraben waren.
Nur an enge Verwandte gab Roger I. Lehen aus: Syrakus an seinen unehelichen Sohn Jordan und nach dessen Tod an seinen Neffen Tankred, den Sohn Wilhelms; Ragusa an seinen Sohn Gottfried; Troina an einen weiteren Sohn namens Malgerius; Paterno, Butera und andere Orte an seinen Schwager Heinrich Del Vasto. Großzügiger war Roger gegenüber Klöstern und Kirchen. Ihre Grundherrschaften konnten ihm nicht gefährlich werden. Bei der Verwaltung Kalabriens und Siziliens stützte er sich auf normannische Landsleute wie Robert Borrell, Robert Avenal, Wilhelm von Hauteville und Gosbert von Lucy; daneben auf lateinische Geistliche. Seit den 80-er Jahren des 11. Jahrhunderts griff der Graf immer stärker auf griechische Beamte aus der ehemals byzantinischen Verwaltung zurück.
Durch die Eroberung von Sizilien war Roger I. von einem mittellosen Abenteurer zu einem der angesehensten Fürsten Europas geworden. Könige hielten um die Hand seiner Töchter an. Dabei spekulierten sie vor allem auf die Mitgift, die vom sprichwörtlich reichen Grafen zu erwarten war. So etwa König Philipp I. von Frankreich, der nach der unrechtmäßigen Verstoßung seiner Gemahlin Berta (1092) um die Hand von Rogers Tochter Emma angehalten haben soll. Zwei Heiraten von Töchtern Rogers mit Königen kam aber zustande. Als der 1087 zum deutschen König gekrönte KONRAD, der Sohn HEINRICHS IV., sich 1093 gegen seinen Vater erhob und in Mailand zum König von Italien krönen ließ, rieten ihm Urban II. und Mathilde von Canossa, eine Tochter Rogers I. zu heiraten. So könne er das erlangen, was ihm bisher noch fehle, um ein richtiger König zu sein: eine Gemahlin und Geld. 1095 fand die Hochzeit mit Maximilla, so der vermutliche Name der Braut, statt. KONRADS gegen den Vater gerichteten Pläne scheiterten aber bald. Nach seinem Tode (1101) kehrte die Grafentochter in den Süden zurück. Eine andere Tochter Rogers, deren Namen unbekannt ist, wurde 1097 mit König Koloman von Ungarn (1095-1116) vermählt.
Für Malaterra war der Graf von Sizilien das Idealbild eines Ritters: "Er war sehr schön, hochgewachsen, von gut proportionierter Gestalt, äußerst redegewandt, klug im Entschluß, weitsichtig in seinen Plänen, freundlich und leutselig zu allen, stark an Körperkraft, im Kriegsdienst unbändig". Er heiratete dreimal. Von den beiden ersten Frauen, den Normanninnen Judith von Evreux und Eremburga von Mortain, hatte der Graf mehr als 10 Kinder. Als er um die 50 war, vermählte er sich mit der kaum 15-jährigen Adelheid del Vasto (1089/90). Zwei Schwestern Adelheids wurden mit zwei Söhnen Rogers verheiratet bzw. verlobt: die eine mit dem trotz seiner unehelichen Geburt zunächst als Nachfolger betrachteten Jordan, die andere mit Gottfried, der jedoch vor der Hochzeit starb. Adelheids Bruder Heinrich bekam eine Tochter des Grafen zur Frau. Durch dieses komplexe Heiratsbündnis verband Roger I. seine Familie eng mit den ALERAMIDEN, einer mächtigen Adelsfamilie aus N-Italien, die in Ligurien und Piemont beheimatet waren.
Aus der Ehe mit Adelheid gingen zwei Söhne hervor, Simon und Roger II., und wahrscheinlich auch mindestens eine Tochter. Die junge Frau des Grafen verstand es, die aus früheren Ehen geborenen Söhne von der Erbfolge ausschließen zu lassen. Im Juni 1101 starb Roger I. Er wurde in Mileto in Kalabrien beigesetzt. Dort hatte er eine Benediktinerabtei gegründet, die zu seiner Grablege bestimmt war. Seine Gemahlin ließ ihn in einem antiken römischen Marmorsarkophag beisetzen, über den ein aus Porphyrstein errichteter Baldachin angebracht wurde. Dies war ein Hinweis auf hohe Apirationen: Porphyr war eigentlich dem Kaiser vorbehalten.