Ludat Herbert: Seite 24,38,39,41,42 Anm.142,145,157,164,278
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"An Elbe und Oder"

Aber mit Hilfe des Kaisers war es hier Dietrich, dem Markgrafen der Nordmark aus dem Hause HALDENSLEBEN [142 Über dieses Geschlecht und die Familie Dietrichs von Haldensleben vgl. ausführlich R. Schhölkopf, a.a.O., Seite 93 ff.; ferner S. Lüpke, a.a.O., Seite 10; und H. Modrzewska, in: SSS, Band 1, Seite 433. Über die Anfänge der Geschlechts, das sicher zu den angesehensten gehörte und vermutlich mit dem Königshaus verwandt war, vgl. S. Krüger, a.a.O., Seite 88; und R. Schölkopf, a.a.O., Seite 98; ferner den Hinweis auf die Frauennamen aus der Verwandtschaft der Königin Mathilde bei verschiedenen sächsischen Grafengeschlechtern bei K. A. Eckhardt, a.a.O., Seite 6. Dietrich ist offenbar zunächst Graf unter Gero gewesen (a. 953 dux, Thietmar II, 6) mit Sitz in Magdeburg (vgl. Widukind III, 55), bevor er nach dessen Tod zum Markgrafen der Nordmark aufstieg; vgl. G. Labuda, Fragmenty, Band 1, Seite 284; S. Lüpke, a.a.O., Seite 7, n. 20, und Seite 93.], zu dessen Amtssprengel das Gebiet um Magdeburg und Havelberg mit Ausnahme der Lausitz gehörten, gelungen, die wohl schon vor dem Tod Thietmars (979), des Neffen Geros, eingetretene Schwäche des GERO-CHRISTIAN-Hauses für den Ausbau seiner markgräflichen Stellung zu nutzen [145 Einen Reflex dieses Gegensatzes zwischen Dietrich von Haldensleben (im Bunde mit Bischof Gisiler) bildet das damals großes Aufsehen erregende Verfahren gegen den Grafen Gero von Alvensleben und seinen Besitz (vgl. Thietmar III, 9). Über die Hintergründe vgl. H. Wäschke, in: Mitt. d. V. f. Anhaltinische Geschichte Gesch., Band 14/1, 1922, Seite 69 ff.; sowie R. Schölkopf, a.a.O., Seite 52 f. und 94; und M. Hellmann, Die Ostpolitik Ottos II., Seite 58.]. Dietrich ist damals um 978 im Mittelabschnitt ebenso zur dominierenden politischen Gestalt geworden wie kurz darauf Rikdag im Süden.
Es ist daher kein Zufall, daß die PIASTEN - offenbar zur Sicherung eigener politischer Interessen in diesem Raum - gerade mit diesen Geschlechtern sofort Eheverbindungen geschlossen haben, sobald diese ihre führende Stellung gefestigt hatten: Spätestens 978 schloß Mieszko - sehr wahrscheinlich nach voraufgegangenen kriegerischen Zusammenstößen, vielleicht noch als Auswirkung der Rebellion Heinrichs des Zänkers - den Bund mit Oda, der Tochter Dietrichs von der Nordmark, und nur wenige Jahre darauf sein Sohn Boleslaw die Ehe mit einer Tochter Rikdags. Der Lutizenaufstand, den Thietmar als gerechte Strafe für den Übermut des Markgrafen Dietrich gegenüber den Elbslaven und die Aufhebung des Bistums Merseburg durch Gisiler ansah, der Tod OTTOS II. und die erneuten Thronansprüche Heinrichs des Zänkers, der wieder die PREMYSLIDEN und wenigstens vorübergehend auch die PIASTEN an seiner Seite sah, stürzten die Marken in eine noch ernstere Krise als die erste Rebellion in den 970-er Jahren.
Heinrich der Zänker muß anfänglich im sächsisch-thüringischen Raum über einen starken Anhang verfügt haben. Der mächtige Graf Wilhelm von Weimar und Markgraf Rikdag zählten neben Gisiler von Magdeburg offenbar zu seinen Stützen, Dietrich von der Nordmark stand vielleicht nur ganz kurze Zeit auf seiner Seite [157 Thietmar IV, 2 nennt ihn mit an der Spitze der sächsischen Großen auf der Versammlung der Gegner Heinrichs in Hohenassel, ebenso seinen Schwiegersohn Dedi (Ziazo). Seine Stellung als Markgraf der Nordmark und Schwiegervater Pribislavs von Brandenburg sowie seine Bindung an die piastischen Interessen als Schwiegervater Mieszkos I. dürften für diesen Schritt entscheidend gewesen sein. Die bei Adam von Bremen (II, 43, Schol. 31) mitgeteilte Nachricht, Dietrich sei abgesetzt worden und 985 im Gnadenbrot der Magdeburger Kirche gestorben, kann sich nicht auf ihn beziehen (vgl. Adam, ed. B. Schmeidler, 1917, Seite 104, b. 1) oder gehört in den Legendenkranz, der sich um Dietrich gebildet hat (vgl. u.a. Hinweise bei H. D. Kahl, Slawen und Deutsche, Seite 617 f.); vgl. auch die ablehnende Stellung bei S. Lüpke, a.a.O., Seite 10 f.; und G. Labuda, Fragmenty, Bd. 1, Seite 229 f.; weder Thietmar noch die zeitgenössischen Annalen wissen etwas von Dietrichs Absetzung (vgl. R. Schölkopf, a.a.O., Seite 95.).]; Ekkehard aber war von Anfang an unter seinen Gegnern.
Da im gleichen Jahr auch Markgraf Dietrich starb, dessen Macht und Einflußbereich der Lutizenaufstand erheblich geschmälert hatte [164 Über die Flucht des Bischofs Folcmar und des Markgrafen Dietrich aus Brandenburg berichtet Thietmar III, 17. Seine Beschreibung von der hier in erster Linie als Verschulden Dietrichs hingestellten Katastrophe (seine superbia und sein Versagen in der militärischenAbwehr werden getadelt; von Adam II, 42 und 43, Schol. 28 und 31), Ann. Saxo zu a. 983, a. 988 und a. 1010, und Helmhold I, 16 noch weiter ausgesponnen) ist mit Vorsicht aufzunehmen, da Thietmars Urteil über Dietrich durch die Abneigung und Feindschaft des Hauses WALBECK gegen die HALDENSLEBENER Grafen beeinflußt ist; so ist auch die in der Forschung weithin verbreitete Auffassung (vgl. W. Brüske, a.a.O., Seite 39 f), Dietrich habe daraufhin sein Amt verloren und sei im Gnadenbrot der Kirche 985 gestorben, durch die neue Forschung verworfen worden (siehe oben Anm. 157). Vielmehr ist Dietrich - vielleicht nach kurzem Schwanken - schon 984 eindeutig auf der Seite OTTOS III. zu finden (Thietmar IV, 2) und 985 gestorben, von den Quedlinburger Annalen als praeclarus gerühmt, in dem Fuldaer Nekrolog als marchio bezeichent. Auch Thietmar berichtet nichts über eine Absetzung Dietrichs. Die Ansicht, die HALDENSLEBEN-Familie habe damals und später die Politik Heinrichs des Zänkers gegen OTTO III. vertreten, ist irrig.], und sein Amt anscheinend für einige Jahre überhaupt nicht mehr besetzt wurde [165 Offenbar ist Dietrichs Sohn Bernhard übergangen worden und das Amt jahrelang unbesetzt geblieben, ehe es Liuthar von Walbeck erhielt (vgl. S. Lüpke, a.a.O., Seite 14); Bernhard hat erst 1009 nach der Mordtat Wirinhers, des Sohnes Liuthars, seine Rechte wieder geltend machen können.], ehe es an Liuthar von Walbeck fiel, war Ekkehard plötzlich zum mächtigsten Mann im Markengebiet geworden.
Pribislav selbst war mit Mathilda, einer Tochter des Markgrafen Dietrich von der Nordmark, vermählt, das heißt also einer Schwester der zweiten Gemahlin Mieszkos I. [278 Pribislav war also zugleich verschwägert mit Mieszko I. und dem WETTINER Grafen Dedi (Ziazo), dem Patrizius von Rom, der mit Thietburga, einer weiteren Tochter des Markgrafen Dietrich von Haldensleben, vermählt war (siehe oben Anm. 268; vgl. Thietmar VI, 50; Ann. Saxo a. 983).]
Dietrich, der Markgraf der Nordmark, der einem der ältesten und hochangesehensten Geschlechter Sachsens entstammte, königsnah und mit den Widukind-Nachkommen und BILLUNGERN versippt, der besonders unter OTTO II. in hoher Gunst gestanden und an Ansehen und Einfluß die Nachkommen der GERO-CHRISTIAN-Familie überflügelt hatte, muß am Ausgang der 970-er Jahre zu den machtvollsten Persönlichkeiten im Markengebiet gehört haben. Erweist sich auch das, was schon Adam von Bremen und nach ihm noch bösartiger Helmond über ihn und seine Schuld am Ausbruch des Lutizenaufstandes berichteten, als eine frühe Legende, so dürfte doch die Auffassung richtig sein, dass sein strenges Regiment zum Aufstand gegen die deutsche Herrschaft und ihre Kirche beigetragen hat. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Erzbischof Gisiler von Magdeburg hatte sicherlich gleichfalls eine wichtige Voraussetzung für seine Machtstellung gebildet. Die eine seiner Töchter, Thietburga, war mit dem Grafen Dedi, dem späteren Patrizius von Rom, verehelicht, einem nahen Verwandten Rikdags, in dessen Hand damals - zu Beginn der 980-er Jahre - das Gebiet der drei Marken im Süden erstmals vereinigt war; eine andere, Oda, hatte Mieszko sich erwählt. Da bekanntlich dessen Sohn Boleslaw kurz darauf die Ehe mit einer Tochter Rikdags einging, waren diese drei beim Ausbruch des Lutizenaufstandes mächtigsten Geschlechter jener Landschaften eng durch Familieninteressen verbunden.
Schon daraus ist evident, daß Pribislav der Fürst der Heveller gewesen ist, mit dem sich Dietrichs dritte Tochter Mathilda vermählte. Wann diese Hochzeit stattgefunden hat, wissen wir nicht, sicherlich aber vor 983; daß diese Ehe in erster Linie den Zweck gehabt haben dürfte, der Herrschaft, die Dietrich über seine Mark von der Burg Brandenburg ausübte, ist wohl anzunehmen.
Wenn man aus den Andeutungen in Thietmars Chronik und Bruns Adalbertsvita Schlüsse ziehen darf, so scheint es hier - vielleicht im Zusammenhang mit dem ersten Aufstand Heinrichs des Zänkers - sogar zu größeren militärischen Auseinandersetzungen der Markgrafen Hodo und Dietrich mit Mieszko gekommen zu sein, über deren Ergebnis wir nichts wissen. Die Ehe Mieszkos mit Oda ist daher jedenfalls ganz gewiß als Unterpfand eines friedenstiftenden Paktes zwischen den Kontrahenten aufzufassen.
Der Überfall der Luitizen im Sommer 983 hat Dietrich zur Flucht und zur Preisgabe seiner Stellung in Brandenburg gezwungen. Neben Gisiler von Magdeburg finden wir auch ihn - wenn auch nur vorübergehend - auf der Seite Heinrichs des Zänkers, den er aber ebenso rasch wie die PIASTEN verließ , um sich Theophanu und dem jungen OTTO anzuschließen. Als Markgraf Dietrich 985 starb, wurde sein Sohn Bernhard in der Nachfolge übergangen; die Gründe hierfür sind unbekannt.