Hildebrand Ruth: Seite 43,45,50,85
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"Herzog Lothar von Sachsen"

Da ist nun die Grafschaft Beichlingen, für die nun der Name des Wiprecht von Groitzsch steht. Wiprecht war in den letzten Jahrzehnten als Emporkömmling aus dem Raum der Nordmark zu einem beinahe fürstlichen Rang gelangt. Nach dem Tode Kunos von Beichlingen heiratete er 1110 dessen Witwe, sein Sohn am gleichen Tag deren Tochter. Er und sein Sohn verteidigten also die alte Grafschaft Beichlingen.
Da ist zunächst 1113 das Treffen des Pfalzgrafen Siegfried, Wiprechts von Groitzsch und Graf Ludwigs in Warnstedt bei Quedlinburg, dem der blitzschnelle Überfall des kaiserlichen Grafen Hoyer von Mansfeld zur Katastrophe machte. Wiprecht fiel verwundet in Gefangenschaft, der Pfalzgraf wurde zu Tode verwundet.
Der 1113 gefangene Wiprecht von Groitzsch hatte Mohrungen, Leisnig und zwei slawische Gaue an den Getreuen HEINRICHS V., Hoyer von Mansfeld, abgeben müssen, der bereits seit einiger Zeit die einstige wettinische Grafschaft in Teilen des Schwabengaus und des Hassegaus von ihm zu Lehen trug. Hoyer hielt das ganze Gebiet ringsum, das Groitzscher Land und vielleicht auch die pfalzgräfliche Unstrutlandschaft unter harter Bewachung. Die beiden Söhne Wiprechts lebten wie Wegelagerer, sich versteckend und hin und hergetrieben, fanden sie endlich bei ihrem Verwandten, dem Erzbischof Adelgot von Magdeburg, Unterschlupf .
Nach dem Tode des Markgrafen Heinrich von Eilenburg waren die Marken Meißen und Lausitz frei. HEINRICH V. gab sie Wiprecht von Groitzsch zu Lehen. Er erregte damit die Empörung der Fürsten Ostsachsens, der alten Geschlechter, die größeren Anspruch zu haben glaubten. Wiprecht hatte seit seiner ersten Heirat mit Judith, der Tochter des Böhmen-Königs Wratislaw, immer wieder seine Finger in den komplizierten böhmischen Angelegenheiten gehabt. Wenn also HEINRICH V. gerade ihm beide Marken zu Lehen gab, seinem jahrelangen Todfeind, so dürfte diese böhmische Verflechtung der Grund für seine Ernennung gewesen sein, aber ebenso auch die Machtstellung, die der überaus tüchtige Aufsteiger im Laufe seines Lebens hier im Osten erworben hatte. Durch seine erste Frau besaß Wiprecht die Gaue Nisani (Dresden) und Budissin (Bautzen). Eben, 1118, hatte er von seinem Verwandten, dem Erzbischof Adelgot von Magdeburg, die Burggrafschaft Magdeburg verliehen bekommen, die auch die reiche magdeburgische Salzstadt Halle mit einschloß. Und zwischen Magdeburg und Halle, Dresden, Bautzen und Thüringen zogen sich seine reichen Besitzungen und Lehen bis nach Dornburg an der Saale, Beichlingen und Morungen hin. Im Besitz diese beiden Marken wäre Wiprecht im Osten der entscheidendste Mann geworden: statt vieler einzelner Rechte hätte er nun ein einheitliches Gebiet beherrscht.
Hier schritt LOTHAR ein und mit ihm einige führenden Fürsten O-Sachsens. LOTHAR nimmt für Konrad von Wettin Partei und setzt ihn in die Mark Meißen ein. Die Chronik von Lauterberg bezeichnet die Mark Meißen gleichsam als Konrad von Wettin zustehende Erbschaft. Richenza als die Tochter Gertruds von Braunschweig und als Halbschwester des WETTINERS Heinrich von Eilenburg nimmt die Mark Meißen in Anspruch, damit sie dem für das Geschlecht der WETTINER repräsentativen Konrad von Wettin gegeben werde. Brunonische und wettinische Traditionen sollen damit gegen den Emporkömmling Wiprecht von Groitzsch gewahrt bleiben. Die Provokation, die die Einsetzung Wiprechts bedeutet, wird sofort durch LOTHAR beantwortet.
Für die Vergabung der Mark Lausitz an den ASKANIER Albrecht bringen die Quellen keine erbschaftliche Motivierung. Möglich ist das, denn seine Großmutter beziehungsweise Urgroßmutter könnte Adalbert, für den LOTHAR jetzt die Bahn ebnet, auf Markgraf Otto von Orlamünde hinweisen, der beide Marken in einer Hand vereingt hatte. Persönlich stand LOTHAR diesem jungen, etwa 23 Jahre alten Mann, dem späteren Albrecht dem Bären, damals besonders nahe. Dessen Vater Otto, Vormund der unmündigen Söhne von LOTHARS Schwägerin Pfalzgräfin Gertrud, war einige Wochen vorher gestorben. Wichtig erscheint auch, dass LOTHARS Schützlinge sich in beiden Marken der Zustimmung der herrschenden Adelsgesellschaft versichern, also eine Art landeigener Mitbestimmung gegen HEINRICH V. und Wiprecht mobil gemacht wird. Aus all diesen Gründen ist es nicht statthaft, die Einsetzung der Grafen als herzogliche Amtshandlung LOTHARS anzusehen, als einen Beweis dafür, dass LOTHAR alte stammesherzogliche Rechte durchgesetzt habe. Niemals vorher hatte ein Herzog einen Markgrafen eingesetzt. Das Recht hatte nur der König. Eher wird man folgern, LOTHAR habe hier mit der Legitimation der Verwandtschaft eingegriffen, um eine für ihn und andere Fürsten bedrohliche Position abzuwenden. Selbstherrlich gewiß - seine Maßnahmen waren wiederum ein deutlicher Affront gegen HEINRICH V. Sie fielen völlig aus dem Rahmen des Rechts. Mit allen militärischen Konsequenzen und mit Erfolg führte er sie zu Ende. HEINRICH V. und Wiprecht hatten in dem nun beginnenden Kampf gegen LOTHAR den Böhmen-Herzog Wladislaw zum kriegerischen Bundesgenossen, ebenfalls engagierte sich Erzbischof Adalbert von Mainz für die Partei HEINRICHS V. LOTHAR aber gelingt es den drohenden Zusammenschluß der beiden kaiserlichen Heere, des böhmischen und des mainzischen, zwischen Elbe und Mulde zu verhindern und durch geschickte Verhandlungen die Böhmen zum Abzug zu veranlassen. Er dringt bis tief in die Lausitz ein, bis nach Lebusa, wo der berühmte Ministeriale Heinrich Haupt die Stellung HEINRICHS V. und damit Wiprecht verteidigt. LOTHAR, so berichtet der Paderborner Annalist mit einigen Stolz: "victor uti semper consuevit", er macht damit die Mark Lausitz endgültig für Albrecht frei. Später, 1124, kämpfen Konrad und Albrecht den Kampf allein zu Ende. 1124 stirbt der alte Wiprecht von Groitzsch. Sein Sohn verzichtet endgültig.