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Band XXII (2003) Spalten 1551-1556 Autor: Marco Innocenti

WIPRECHT I. von Groitzsch. Graf im Balsamergau (bis 1070) und von Groitzsch (ab 1070); Markgraf der Ostmark (1117-1124), Niederlausitz und von Meißen (1123-1124). * um 1050 als Sohn Wiprechts des Älteren († um 1060), der von einer Adelssippe abstammte, die im Raum Stendal-Tangermünde Besitzungen hatte. Seine Mutter war Sigena († 1110), die Tochter des Grafen Goswin des Älteren von Großleinungen bei Mansfeld. Nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters wurde Wiprecht vom Markgrafen der Nordmark Udo II. von Stade in Ehren erzogen, der mit Wiprecht, dessen Stammheimat, das Balsamerland, gegen die Burg Groitzsch im Osterland 1070 tauschte. Für Tangermünde erhielt er weitere zur Nordmark gehörende Lehen. Seinen großen Streubesitz ließ er durch fränkische Bauern später besiedeln. Von verschiedenen Feinden bedroht, zog er sich aus seiner neuen Grafschaft zurück und begab sich an den Hof Wratislaws II. von Böhmen († 1092), dessen Freundschaft Wiprecht in kurzer Zeit erwarb. Er bot dem Herzog an, die verlorene Königswürde von Böhmen bei König Heinrich IV. († 1106) wiederzugewinnen. Die Weihung Wratislaws, dessen Tochter Judith († 9.12. 1108) Wiprecht heiratete, erfolgte 1086 in Würzburg durch den Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Konstanz und Würzburg. Als Heiratsmitgift erhielt Wiprecht die Landschaften Nisan, den Elbtalkessel um Dresden und Budissin - das Gebiet um Bautzen. Aus Böhmen übernahm er den Kirchentyp der Rundkapellen, die heute noch bei der Burg Groitzsch und in der Dorfkirche von Knautnaundorf (entstanden zwischen 1085 und 1090) erhalten sind. Nach der Wahl Rudolfs von Schwaben zum Gegenkönig, wurde Wiprecht Parteigänger Heinrichs IV. und nahm an dessen Seite an der Schlacht bei Hohenmölsen teil, wo der Sieger Rudolf an Wunden 1080 starb. Die Fürstenopposition fiel rasch auseinander und Wiprecht konnte die Burg Groitzsch wieder in Besitz nehmen. Als Leiter eines böhmischen Heers von 300 Mann nahm er 1084 am Italienfeldzug Heinrichs IV. gegen Papst Gregor VII. teil. Um seine blutigen Taten in Rom und besonders bei der Brandstiftung der Jakobskirche in Zeitz zu sühnen, wo sein Feind Hageno von Tubichin und dessen Verbündete 1089 verbrannt starben, pilgerte Wiprecht 1090 nach Rom. Papst Urban II. schickte ihn zum Patriarchen von Spanien nach Santiago de Compostela, der Wiprecht ein Kloster zu gründen riet und ihm eine Reliquie des hl. Jakob schenkte. 1091 gründete er daher das Benediktinerkloster St. Jakob westlich des Dorfes Pegau an der Elster, wo sich vier Mönche des Klosters Schwarzach ansiedelten. Bero († 1100) wurde der erste Abt. Wiprecht selbst trug nach dem Beispiel Kaiser Konstantins zwölf Körbe Steine auf den Schultern zu den zwölf Ecken der Grundmauern. Das Kloster wurde am 26.7. 1096 von Erzbischof Hertwig von Magdeburg geweiht. 1104 legte Papst Paschalis II. in einer Urkunde die Eigentumsübertragung des Klosters an den Heiligen Stuhl und die Befreiung von der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Merseburg fest. 1110 hatte sich Wiprecht erneut mit Kunigunde von Beichlingen geheiratet. Als der deutsche König Heinrich V. an die Spitze der Gegner seines Vaters Heinrich IV. stellte, kam Wiprecht, trotz jahrzehntelanger Treue dem Kaiser, bei dessen Sohn zu hohem Ansehen, aber fiel später bei ihm in Ungnade, weil er zugunsten seines Schwagers Boriwoj II. in den Streit um den böhmischen Herzogsthron eingriff. Nach dem Tod Heinrichs IV. am 7.8. 1106 in Lüttich, erlangte Heinrich V. die Kaiserwürde. Mit dem kaiserlichen Heer nahm der Groitzscher an den Feldzügen gegen Robert von Flandern (1107) und Koloman von Ungarn (1108) teil. Aber 1113/1114 schloß er ein Freundschaftsbündnis mit dem Grafen Ludwig von Thüringen und dem Pfalzgrafen Siegfried von Orlamünde gegen den Kaiser, der seinen gleichnamigen Sohn Wiprecht II. den Jüngeren (* 1087, † 1117) als führenden Kopf der sächsischen Adelsopposition eingekerkert hatte. Wiprecht wurde von dem kaisertreuen Grafen Hoyer von Mansfeld gefangen genommen und zur Enthauptung verurteilt. Wiprecht der Jüngere bot dem Kaiser alle väterlichen Besitzungen an, so daß die Todesstrafe aufgehoben und in die Inhaftierung (bis 1117) auf der Reichsfeste Trifels umgewandelt wurde. Wiprecht wurde zum Burggrafen von Magdeburg und Vogt des Klosters Neues Werk in Halle durch Erzbischof Adelgot 1118 ernannt. Die endgültige Aussöhnung mit Heinrich V. erfolgte 1123, als der Kaiser ihn mit der Mark Niederlausitz und später mit der Mark Meißen belehnte. Als der Wettiner Dedo IV. auf Pilgerfahrt im Heiligen Land weilte, starb tatsächlich 1123 sein Vetter, Graf Heinrich II. von Eilenburg und Markgraf von Meißen. Darauf stellte Konrad von Wettin Ansprüche auf die Mark Meißen. Aber Kaiser Heinrich V. vergab sie an Wiprecht Mit Hilfe des Sachsenherzogs Lothar von Supplinburg gelangte er 1123 in deren Besitz und behauptete sie gegen den Groitzscher. Der zum neuen König gewählte Lothar III. bestätigte Konrad 1127 in der Mark Meißen. Wiprecht starb am 22.5.1124 als Mönch in Pegau an Brandwunden, die er sich beim Löschen eines Feuers auf seinen Haller Besitzungen zugezogen hatte. Er wurde ebenda begraben. Das noch bestehende Grabmal mit seiner vollen Steinfigur des 13. Jahrhunderts wurde von der 1556 abgebauten Pegauer Klosterkirche in die dortige Laurentiuskirche gebracht.

Lit.: Reiner Reineck [Reinerus Reineccius], Historia de vita et rebus gestis Viperti, marchionis Lusatiae, Burggrafii Magdeburgensis, Comitis Groicensis. Et altera de bellis Friderici Magni, seu Admorsi, Landgrafij Turingiae, Palatini Saxoniae, Marchionis Mysniae & Osterlandiae. Frankfurt am Main 1580; - Christian Schöttgen, Historie des berühmten Helden Graf Wiprecht zu Groitzsch. Regensburg 1749; - Fr. Christian Schlenkert, Graf Wiprecht von Groizsch vom Verfasser Friedrichs mit der gebißnen Wange. Ein National-Schauspiel, in drey Acten. Meissen 1790; - Karl August Engelhardt, Denkwürdigkeiten aus der sächsischen Geschichte, der vaterländischen Jugend gewidmet. 4. Bd. Leipzig 1799; - Friedrich Bühlau, Graf Wiprecht von Groitzsch und seine Burg, in: Mitteilungen der deutschen Gesellschaft zur Erforschung der väterlichen Sprache und Alterthümer in Leipzig, Bd. 1. 1856; - Friedrich August Fissei, Anfang und Ende des 443 Jahre bestandenen Klosters St. Jacob zu Pegau, Leipzig 1857; - L.A.Cohn, Die Pegauer Annalen aus dem 12. und 13. Jahrhundert, in: Mitteilungen der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes, Bd. 4, Heft 1. 1858; - Theodor Flathe, Wiprecht von Groitzsch, in: Archiv für sächsische Geschichte. Bd.111, 4, 1. Leipzig 1865; - Georg Irmer, Wigbert von Groitzsch, in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltinische Geschichte. Bd. 2. 1879; - Otto Posse, Die Markgrafen von Meißen und das Haus Wettin bis zu Konrad den Großen. Leipzig 1881; - G. Blumenschein, Wiprecht von Groitzsch, in: Zeitschrift für thüringische Geschichte und Altertumskunde. Bd. X 4.3. 1882; - Die 800jährige Wettiner-Jubelfeier (1089-1889). Juni 1889. Festschrift, im Auftrage des Festausschusses hrsg. vom Preßausschuß. Dresden 1889; -Karl Kühn, Geschichte des Grafen Wiprecht v. Groitzsch sowie der Burg und des Berges bei Groitzsch. Pegau 1885; - R. Steche, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen. Heft XV, 1891; -Gotthold Schröter, Groitzsch sonst und jetzt. Groitzsch 1892; - Otto Posse (Hrsg.), Die Wettiner. Genealogie des Gesamthauses Wettin, Ernestinischer und Albertinischer Linie mit Einschluß der regierenden Häuser von Großbritannien, Belgien, Portugal und Bulgarien. Leipzig 1897 [ND mit Berechtigungen und Ergänzungen der Stammtafeln bis 1993, Leipzig 1994]; - Reinhold Michel, Wiprecht von Groitzsch. Pegau 1899; - Robert Jahn, Graf Wiprecht von Groitzsch und Abt Siegfried von Pegau, in: Leipziger Kalender 7/1910; - Otto Eduard Schmidt, Im Lande des Grafen Wiprecht von Groitzsch, in: Sonntagsbeilage Dresdner Anzeiger, Nr. 36. 1910; - Al. Gündel, Vogtei Groitzsch und Geleitamt Pegau bis zum Ausgange des XV. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte der sächsischen Ämterverwaltung. Leipzig 1910; - Bertold Bretholz, Geschichte Böhmens und Mährens bis zum Aussterben der Premysliden. München-Leipzig 1912; - M. Meiner, Wiprecht von Groitzsch und Abt Windolf von Pegau. Großdeuben 1927; - Albin Jahn, Geschichte der Burg Groitzsch und Beiträge zur Geschichte der Stadt. Sonderabdruck der Groitzscher Heimatblätter, Nr. 3, Dezember 1927; - Walter Heinrich, Wiprecht von Groitzsch und seine Siedlungen, Dresden 1932; - Herbert Helbig, Der wettinische Ständestaat. Mitteldeutsche Forschungen 4. Münster/Köln 1955; - Rainer Friedmann, Wiprecht von Groitzsch. Sturz in die Tiefe. Historischer Roman nach geschichtlichen Tatsachen. München 1958; - Karlheinz Blaschke, Über die sächsische Siedlungsgeschichte, in: Sächische Heimatblätter, Jhrg. 5. 1959; - Ders., Geschichte Sachsens im Mittelalter, Berlin 1990; -Walter Schlesinger, Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter. Mitteldeutsche Forschungen, Bd. 27, 2 Bde. Köln-Graz 1962; - Ders., Die Mittelalterliche Ostsiedlung im Herrschaftsraum der Wettiner und Askanier, in: Deutsche Ostsiedlung in Mittelalter und Neuzeit. Köln-Wien 1971; - Hans Patze, Die Pegauer Annalen. Die Königserhebung Wratislaws von Böhmen und die Anfänge der Stadt Pegau, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Bd. 12. Berlin 1963; - Harald Schieckel, Herrschaftsbereich und Ministerialität der Markgrafen von Meißen im 12. und 13. Jahrhundert. Untersuchungen über Stand und Stammorte der Zeugen markgräflicher Urkunden. Mitteldeutsche Forschungen, Bd. 7. Köln-Graz 1956; Ders., Egerland, Vogtland, Pleißenland. Zur Geschichte des Reichsgutes im mitteldeutschen Osten. In: Forschungen zur Geschichte Sachsens und Böhmens, hrsg. v. Ridolf Kötzschke. Dresden 1937, 61-91; - Heinz-Joachim Vogt, Die Ausgrabungen auf der Wiprechtsburg in Groitzsch. Wurzen 1965. - Ders., Die Wiprechtsburg Groitzsch. Eine mittelalterliche Befestigung in Westsachsen. Mit Beiträgen v. D. Beeger und K.-D. Jäger. Berlin 1987; - Siegfried Hoyer, Wiprecht von Groitzsch und der Beginn des Landesausbaues im Mulde-Elstergebiet, in: Probleme des frühen Mittelalters in archäologischer und historischer Sicht, hrsg. v. Heinz A. Knorr. Berlin 1966; - Rudolf Stöwesand, Die Wettiner und Schwarzburger im Gesamt der Naumburger Stifter. Das Problem der Identifizierung und seine Lösung. Bd. 6. Berlin 1967; - Herbert Ludat, An Elbe und oder um das Jahr 1000. Köln-Wien 1971; - Herbert Küas, Topographische Probleme auf dem Burgberg zu Meißen, in: Forschungen und Fortschritte, Jhrg. 40. 1966. Heft 10; - Ders., Die Rundkapellen des Wiprecht von Groitzsch. Bauwerk u. 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Ausgerichtet von der Forschungsgemeinschaft zur Kulturgeschichte des Dresdner Raumes beim Rat des Bezirkes Dresden, Abteilung Kultur unter Vorsitz von Oberarchivrat Reiner Groß. Dresden 1990; - Helmut Hüfner, Groitzsch. Eine geschichtliche Darstellung der Stadt. Hrsg. von der Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat, Bonn, 2. erweiterte Auflage. Bonn 1990; - Andreas Thiele, Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte. Bd. I, Tlbd. 1. Frankfurt/Main 1993; - Hilmar Schwarz, Die Wettiner des Mittelalters und ihre Bedeutung für Thüringen. Leipzig 1994; - Chronik vom Petersberg nebst der Genealogie der Wettiner. Halle 1996; - Jaroslav Cechura, Jirí Mikulec, František Stellner, Lexikon Ceských Panovnických Dynastií. Praha 1996; - Stefan Pätzold, Die frühen Wettiner. Adelsfamilie und Hausüberlieferung bis 1221. Köln-Weimar-Wien 1997; - Gerlinde Schlenker, Artur Schellbach, Wolfram Junghans, Auf den Spuren der Wettiner in Sachsen-Anhalt. Verbum Domini manet in æternum (Geschichte in Mitteldeutschland. Bd. 1, hrsg. vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. 2. erw. Auflage). Halle/Saale 1999; - Lutz Partenheimer, Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt. Köln-Weimar-Wien 2001.

Marco Innocenti
 

Letzte Änderung: 21.09.2003