LAUSITZ
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 1766
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Lausitz (Nieder- und Ober-Lausitz)

I. Bevölkerung, Siedlung und Wirtschaft:
Größere Bedeutung erlangte das Gebiet der L. zuerst in der Zeit der L.er Kultur (seit Mitte des 2. vorchr. Jahrtausends in der Oberl. stärker verbreitet). Seit ca. 500 v. Chr. drängten Germanen von NW her die L.er Kultur (Illyrer) nach S ab. Seit etwa 200 v. Chr. bewohnten Vandalen den O der Niederl., im 2. Jh. n. Chr. zogen Burgunder in das Gebiet ein. Nach dem Abzug der Germanen (bis etwa 400) wanderten seit 600 von O Slaven ein, die erstmals beim Geographus Bavarus (840/850) faßbar werden, der je 30 Burgen (civitates) bei den Stämmen der Lunsizi im N und der Milzeni (Milsener) im S erwähnt. Sie siedelten in kleinen weilerartigen Dörfern und trieben überwiegend Ackerbau. Die slav. Bevölkerung hat sich in Nieder- und Oberl. über das MA hinaus bis zur Gegenwart erhalten, wobei aber ihre heutige Bezeichnung 'Sorben' nicht der ursprgl. Bedeutung entspricht (Sorben, Stammesgruppe im Elbe/Saale-Gebiet).
In der Niederl. verteilte sich die slav. Bevölkerung auf mehrere kleine Siedlungskammern und bes. den Landstrich s. des Spreewaldes zw. Lübben und Cottbus, während in der Oberl. ein Gebiet geschlossener slav. Besiedlung zw. Kamenz und Löbau mit dem Mittelpunkt Bautzen entstand. Neben der bäuerl. Tätigkeit entwickelten sich frühe Formen des Handwerks, einschließl. der Eisenverarbeitung; Handelsplätze sind nachzuweisen.
Gegen 1200 setzte die dt. Kolonisation ein, die bisher unbewohnte Landstriche erfaßte: das s. Bergland und den n. Höhenrücken der Oberl. und die noch siedlungsfreien Gegenden der Niederl. In die nach dt. Recht durchgeführte Kolonisation (Landesausbau und Kolonisation) wurden in nennenswertem Umfang slav. Siedler einbezogen. Frühe Kaufmannssiedlungen entstanden im 12. Jh. an den Fernstraßen, die von Leipzig aus durch die Niederl. nach Frankfurt/O. und durch die Oberl. nach Breslau führten. Daraus entwickelten sich die bedeutenderen landsässigen Städte, deren wichtigste Grundlage die Tuchmacherei war. Die Landwirtschaft herrschte im Wirtschaftsleben vor, im NO der Oberl. wurde das anstehende Raseneisenerz seit dem 15. Jh. von Hammerwerken ausgebeutet.

II. Herrschaftsstrukturen:
Mit der Auflösung gentiler Beziehungen entwickelte sich seit dem 9. Jh. adlige Herrschaft in enger Anlehnung an die Burgen. Die wohl wichtigste von ihnen, Liubusua, zerstörte Kg. Heinrich I. 932. Etwa gleichzeitig wurde das Land der Milsener um Bautzen unter dt. Herrschaft gebracht, die aber noch nicht dauerhaft war. Die Zehntrechte im Land Lusici, die dem Bm. Brandenburg 948 bzw. dem Magdeburger Moritzkl. 961 verliehen wurden, konnten offenbar nicht durchgesetzt werden und gingen 972 (wie in Milzane) an das Bm. Meißen. Etwa seit dieser Zeit waren Ober- und Niederl. Bestandteil der von Ks. Otto I. begründeten Marken. Gleichzeitig ist aber auch der slav. Senior Dobromir als Fs. (?) nachzuweisen. Vom Slavenaufstand 983 wurden beide Gebiete nicht erfaßt.
Von 1002 bis zum Frieden v. Bautzen 1018 herrschte Kampf in den L.en, die von Boleslaw I. Chrobry als Reichslehen beansprucht wurden. Erst mit dem Sturz Mieszkos II. gelangten die Länder dauerhaft an das Reich. Die Ostmark wurde an die Wettiner gegeben, bei denen sie mit Ausnahme einer böhm. Periode 1075-81 verblieb. Der Wettiner Konrad erhielt 1144 auch das Land Bautzen, das sein Sohn Otto 1158 wieder aufgeben mußte.

Niederlausitz:
Sie gelangte bei der wettin. Landesteilung 1156 an Dietrich v. Landsberg (5. D.), fiel aber 1210 an die Hauptlinie zurück. Mgf. Heinrich d. Erlauchte (60. H.) nutzte sie als Basis für seinen erfolglosen Versuch, in den Raum s. und ö. von Berlin vorzudringen. Sein Enkel Diezmann verkaufte sie an Brandenburg. Nach dem Aussterben der brandenburg. Askanier 1319 gerieten Teile der L. an Hzg. Rudolf v. Sachsen und Hzg. Heinrich v. Jauer, der Hauptteil war von den Wittelsbachern 1323-28 an die Wettiner verpfändet. Eine erneute wettin. Pfandschaft von 1353 endete 1364, 1368 ging die Niederl. an Böhmen über, bei dem sie bis 1635 verblieb.
Im Zusammenhang mit der Kolonisation begann die territoriale Aufgliederung des Landes. Neben dem Mgf.en erscheint 1156 ein Burggf. v. Cottbus. Seit dem letzten Viertel des 13. Jh. treten Angehörige edelfreier und reichsministerial. Geschlechter aus dem Saale-Mulde-Raum als Inhaber der großen Herrschaften auf, die für das polit. Gefüge der Niederl. kennzeichnend waren. Daneben bestand ein zahlenmäßig starker Kleinadel auf Rittergütern. Seit 1411 sind die Landstände als Korporation erkennbar. Die seit dem 14. Jh. auswärtigen Landesherren ließen sich durch Landvögte vertreten, die seit dem späten 15. Jh. in Lübben saßen, wo sich eine Zentralverwaltung ausbildete. Im späten MA ist die Niederl. mehrfach verkleinert worden. An Brandenburg fielen Teupitz 1431, Cottbus 1445/55, Zossen 1478, an Sachsen Finsterwalde 1425, Senftenberg 1448, Beeskow, Storkow und Sonnewalde 1477.

Land Bautzen:
Es gelangte 1253 an Brandenburg, 1268 wurde ein eigenes Land Görlitz abgetrennt, das 1319-39 und 1377-96 unter eigenen Hzg.en stand, während Bautzen 1319 wieder böhm. wurde. Gegen die schwache Herrschaft der Habsburger übertrug der Oberl.er Adel 1469 die Landesherrschaft dem ung. Kg. Matthias Corvinus. 1490 wurde Kg. Wladyslaw v. Polen Herr über die Oberl., die 1526 den Habsburgern zufiel. Erst in der 2. Hälfte des 15. Jh. wurden die 'Länder' Bautzen, Görlitz und Zittau in Anlehnung an das Land (Nieder-)L. als Oberl. bezeichnet. Die territoriale Entwicklung vollzog sich ähnl. wie in der Niederl., begann jedoch schon zu Anfang des 13. Jh. mit der Ausbildung einiger Standesherrschaften, neben denen ein sehr zahlreicher Kleinadel mit seinen Rittergütern das soziale Gefüge bestimmte. Die großen landsässigen Städte Bautzen, Görlitz, Zittau, Kamenz, Lauban und Löbau schlossen sich 1346 im Oberl.er Sechsstädtebund zusammen, womit sie neben der Ritterschaft eine starke Stellung erlangten und im Bunde mit dem auswärtigen Landesherrn den Landfrieden sicherten. Da die Landesherren niemals im 'Mgf.entum' Oberl. residierten, setzten sie Landvögte ein, neben denen seit dem ausgehenden MA die von den Landständen ernannten Landeshauptleute standen. Das Land war tatsächl. von den Landständen regiert. Territoriale Verluste sind durch die Territorialbildung der Bf.e v. Meißen um Stolpen und Bischofswerda und durch den Übergang s. Randgebiete an Böhmen 1253 eingetreten, während das böhm. Land Zittau nach 1346 hinzugewonnen wurde.

III. Kirchengeschichte:
Die ursprgl. territoriale Einheit der beiden Mgf.entümer spiegelt sich in den beiden gleichnamigen Archidiakonaten des Bm.s Meißen wider, die 1216 (Oberl.) und 1228 zuerst gen. werden. Beide Länder gehörten dem Bm. Meißen seit seiner Gründung 968 an. Die slav. besiedelten Gebiete wurden wohl schon am Ende des 10. Jh. durch Burgwardkirchen mit umfangreichen Urpfarreien missioniert. Die dt. Kolonisation des frühen 13. Jh. ließ zahlreiche Siedlerpfarreien entstehen, während die großen Standesherrschaften weitflächige Herrschaftspfarreien formierten. Das Zisterzienserkl. Doberlug entstand 1165 als Hauskl. in der wettin. Ostmark. Zisterzienserinnen wurden 1234 in Marienthal bei Zittau und 1248 in Marienstern bei Kamenz angesetzt (beide Oberl.). 1235 bestand das Benediktinerinnenkl. vor der Stadt Guben, in Bautzen wurde 1221 ein Kollegiatstift errichtet. Von den Hussitenzügen wurde die Oberl. als Nachbarland Böhmens 1419-34 bes. schwer heimgesucht.
 

K. Blaschke