Assing Helmut: Seite 180-181,183
*************
"Brandenburg, Anhalt und Thüringen im Mittelalter. Askanier und Ludowinger beim Aufbau fürstlicher Territorialherrschaften."

Der bereits erwähnte Annalista Saxo nennt einen gewissen Siegfried, Sohn eines Markgrafen, "avunculus" von Esico [Annalista Saxo zum Jahre 1030 (MGH. SS. VI, Seite 678)]. Wenn wir diesen Ausdruck mit "Mutterbruder" übersetzen, hätten wir den Quellenbeleg dafür, daß ein Vertreter des Hochadels Esicos Großvater war. Dieser Markgraf, der Hodo hieß, 993 starb und offenbar markgräfliche Rechte östlich der Elbe im Bereich der Nieder-Lausitz besaß [R. Köpke/E. Dümmler, Kaiser Otto der Große, Leipzig 1876, Seite 387 mit Anm. 3. Dort auch die wichtigsten Quellenbelege. Seine Grafschaften im Nordthüringgau und in Serimunt sollten allerdings nicht zur Mark gerechnet werden.], wäre der Vater von Esicos Mutter gewesen. Ob sie, wie Heinemann meint, 1034 noch lebte, ist nicht überliefert und obendrein zweifelhaft. Denn Markgraf Hodo starb nicht jung [Er ist für fast 30 Jahre als Graf und Markgraf in den Quellen belegt.], so daß die Tochter ihn kaum um 40 Jahre überlebt haben wird. Auch ist nicht gesagt - und wiederum nicht wahrscheinlich - daß Esicos Mutter die Erbin Markgraf Hodos und ihrer anderen Verwandten war. Denn sie hatte ja einen Bruder Siegfried, der zumindest 1030 noch lebte [In dem Jahr half er den Polen bei einem Angriff auf die östlichen deutschen Markengebiete (Annalista Saxo zu 1030; MGH. SS. VI, Seite 678).]. Hinzu kommt, daß Heinemann die Verwandtschaft Hodos mit dem Geschlecht, dessen Aussterben er in das Jahr 1034 setzt, nicht beweist. Heinemann sieht nun in dem Markgrafen Hodo, den wir als Esicos Großvater erkannten, einen Schwiegersohn des älteren Thietmar. Anfangs gebraucht er noch vorsichtig die Formulierung vom "mutmaßlichen Tochtermanne", doch wenig später bezeichnet er ganz definitiv Markgraf Hodo als "Thietmars Eidam" [Heinemann; Albrecht Seite 5 und 9.]. Gerade das ist aber nicht überliefert und trifft wohl auch nicht das Richtige, obgleich verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Hodo und der CHRISTIAN-Sippe [So sollen Christian und seine Nachkomen fortan bezeichnet werden.] bestanden haben werden. Das Hauptindiz hierfür sind die enegen Beziehungen Hodos zu Kloster Nienburg, das Thietmar der Ältere, der Sohn Christians, zusammen mit seinem Bruder im Jahre 975 am Westrand von Serimunt im sogenannten Nordthüringgau gegründet hatte. 983 - und vielleicht auch schon 975, dem Zeitpunkt der Klostergründung - lag Nienburg in Hodos Grafschaft, sein Sohn Siegfried war dort einige Zeit Mönch [Nach Thietmar von Merseburg (MGH. SS. III, Seite 785], und schließlich wurde Hodo selbst im Kloster Nienburg bestattet. Schon zu Lebzeiten Thietmars des Älteren, der wahrscheinlich 979 starb [K. Uhlirz, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III., 1,. Band: Otto II. 973-983, Seite 245 f. (Exkurs VII)], begegnete er 973 neben Thietmar als Markgraf, ohne daß deren markgräfliche Aufgaben territorial abgegrenzt werden können. Nach dem Tode Thietmars wird dessen Sohn Gero bis zum Sterbejahr Hodos nicht einmal als Markgraf bezeichnet, wohl aber ehrfach Hodo [987 (CDA I, Nr. 74), 992 (CDA I, Nr. 76), 993 (CDA I, Nr. 80)]. Erst 993 erscheint auch Gero als Markgraf, und zwar in der Urkunde, die Hodo als verstorben meldet [CDA I, Nr. 80]. Hier ist deutlich ein Nacheinander erkennbar, wobei sich ganz offensichtlich die Markgrafschaft beider auf die Nieder-Lausitz bezieht, also auf die gleichen Gebiete. Es hat demnach den Anschein, als ob Hodo nach dem Tode Thietmars des Älteren die gesamte Markgrafschaft gegen Thietmars Sohn behauptete. Wenn er nun gegenüber der CHRISTIAN-Sippe ein Fremder war, wird er nicht gerade Kloster Nienburg als Begräbnisort gewählt haben, es sei denn, er hätte dieses Kloster der CHRISTIAN-Sippe entfremdet. Doch das ist wohl nicht geschehen, denn Markgraf Hodo wird 1015 in Nienburg bestattet. So bleibt der Schluß, daß Hodo zur Verwandtschaft gehörte. Da es ihm anscheinend gelang, daß dem Sohn Thietmars des Älteren die markgräfliche Würde zunächst nicht übertragen wurde [Für die ersten Jahre könnte als Grund Geros Minderjährigkeit eine Rolle gespielt haben, denn bis 981 (CDA I, Nr. 70) wird er als "puer" ("Knabe") bezeichnet. Eine Erklärung für die Zeit bis 993 ist damit aber nicht gegeben.], dürfte er mehr als Thietmars Schwiegersohn gewesen sein. Als Mitglied der Hauptgenealogie der CHRISTIAN-Sippe müßte er allerdings ausscheiden, da die Quellen mehrfach auf sie eingehen, ohne Hodo in dem Zusammenhang zu erwähnen. Daher ist es wohl naheliegend, in Hodo einen Halbbruder Thietmars des Älteren zu sehen [So auch - ohne nähere Begründung - W. Trillmich, Übersetzer der Chronik Thietmars von Merseburg (Ausgewählte Quelen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Band IX, Berlin o. J., Seite 177, Anm. 233).]. Doch scheinen seine Beziehungen zu Thietmar bzw. zu Gero nicht die besten gewesen zu sein. Dafür spricht die einseitige Nachfolge in der Markgrafschaft, mehr aber der anscheinend erzwungene Klostereintritt Siegfrieds, des Sohnes Hodos. Die Überlieferung erweckt den Eindruck, daß er Hodos einziger Sohn war, und es ist unwahrscheinlich, daß Hodo unter diesen Umständen für ihn die Klosterlaufbahn vorgesehen hatte. Siegfried selbst war keinesfalls daran interessiert, denn er brach nach 995 aus dem Kloster aus und konnte sich trotz kirchlicher Gegenmaßnahmen in der Freiheit behaupten [Darüber berichtet Thietmar von Merseburg (MGH. SS. III, Seite 785). Abt Ekkehard von Nienburg, der 995 diese Würde erlangte, bemühte sich mit dem Erzbischof von Magdeburg ergeblich um die Rückführung Siegfrieds ins Kloster.]. Die unmittelbaren Nachkommen Hodos - und dazu zählt seine Tochter ebenfalls - sind demnach nicht, wie wahrscheinlich gewünscht, von Thietmars des Älteren Nachkommen aus Hodos Erbschaft ausgeschaltet worden. Angesichts fehlender Informationen über Grafenrechte des Hauptstammes der CHRISTIAN-Sippe in Serimunt in den Jahren nach 1015 und einstiger Grafenrechte Hodos in diesem Gebiet ist deshalb nicht unmöglich, daß die ASKANIER dort schon vor 1032/34 Rechte wahrnahmen.
Die CHRISTIAN-Sippe, zu der wir Hodo, Esicos Großvater, nunmehr rechnen wollen, stand zu dessen Zeit in hohem Ansehen: Thietmar der Ältere war Markgraf und sein Bruder Gero Erzbischof von Köln. Auch Hodo bekleidetet ein markgräfliches Amt und ein Zeitgenosse verwendet für ihn das anerkennende Adjektiv "inclitus", das "berühmt", "bekannt" übersetzt werden könnte. All das macht es nicht gerade wahrscheinlich, daß Hodo seine Tochter einem Manne aus unteren Adeslkreisen gab, wie Heinemann es wohl sieht.