Richgard (Richardis)                                  Frankenkönigin
----------------------                                römische Kaiserin
um 840-18.9.906/09
            Andlau

Tochter des Grafen Erchanger
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 827
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Richardis (Richgard), Kaiserin
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* um 840, +

Als Tochter des elsässischen Grafen Erchangar, verheiratet 861/62 mit KARL III., der damals als ‚Rector‘ (Graf) im Breisgau amtierte. Obschon durch den König und Kaiser unter anderem mit mehreren Reichsklöstern ausgestattet, gründete Richardis auf väterlichem Erbgut im Elsaß das Nonnenkloster Andlau, das sie 881 anläßlich der Kaiserkrönung KARLS dem heiligen Petrus tradierte. Die Herrscherin gebar ihrem Gemahl keine Kinder; dem Vorwurf der Unzucht mit Erzkanzler Liutward von Vercelli begegnete sie 887 mit der Behauptung der Jungfräulichkeit, sie verließ jedoch den Hof noch vor KARLS Sturz und zog sich nach Andlau zurück. Im Bistum Straßburg wurde Richardis bald als Heilige verehrt (Fest 18. September), Papst Leo IX. erhob 1049 ihre Gebeine.

Quellen:
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MGH DD Karol. Dt. II, 326-328 – A. Bruckner, Reg. Alsatiae I, 1949, 390-395 Nr. 656

Literatur:
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M. Borgolte, Die Geschichte der Grafengewalt im Elsaß, ZGO 131, 198, 25-35 – Helvetia Sacra 3/1, 1986, 335f., 352f., 1996 – R. Schieffer, Die Karolinger, 1992 – D. Geuenich (Festschrift E. Hlawitschka, 1993), 106-109.
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Richgard hatte zwischen 878 und 880 eine Reihe von Frauenklöstern übertragen erhalten. In den Bereich der Hofintrigen gehört es, wenn sie beschuldigt wurde, Ehebruch mit dem langjährigen Berater ihres Gemahls, Bischof Liutward von Vercelli, begangen zu haben. Da die seit 862 bestehende Ehe kinderlos blieb, versuchte ihr Gemahl vergeblich, einen KAROLINGER als Nachfolger zu adoptieren. Vermutlich gehört auch Richgards Klostereintritt in das Kloster Andlau 887 in den Rahmen der Bemühungen um einen legitimen Nachfolger. Da KARL III. öffentlich bekannte, niemals mit ihr geschlechtlich verkehrt zu haben, konnte die Ehe annulliert werden und dem Kaiser stand es frei, sich erneut zu verheiraten.

Helmut Büttner:
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"Geschichte des Elsaß"

Besondere Zuwendungen machte KARL III. seiner Gemahlin Richgard. Die bedeutendsten Frauenabteien seines Gebietes wurden in ihrer Hand vereinigt. Bereits im Februar 878 wurde Richgard mit den Frauenabteien zu Säckingen am Hochrhein, dessen Besitz bis zum Walensee und nach Glarus reichte, und zu Zürich, dessen Güter und Rechte entlang den Ufern des Zürichsees sich erstreckten und bis in das Gebiet des Vierwaldstättersees hinübergingen, gegeben. Im Juli 880 bestätigte der König eine Rechtsfestsetzung seiner Gattin am Elsaß; eine weitere Vergabung an Richgard erfolgte im Oktober 881, als KARL III. in der Pfalz Bodman weilte. Damals wurde Richgard das Nonnenkloster St. Marinus zu Pavia auf Lebenszeit überlassen, gleichzeitig wurde auch das Klösterchen Zurzach am Hochrhein an die Kaiserin übertragen.
Am 10. Juli 880 bestätigte KARL III., dass seine Gattin einige Hufen ihres Eigengutes in Meistratzheim und Bergheim im Elsaß an Walpurga und deren Gatten Huto vergabte, aus deren Besitz das Gut dann letztlich an die Kirche in Andlau gelangen sollte. Diesem Ort, der zu ihrem Familiengut gehörte, wandte Richgard ihre besondere Neigung zu. Zwischen 880 und 884 gründete sie hier einen Frauenkonvent, der ihr Andenken im Elsaß lange Jahrhunderte wach hielt. Während des Aufenthaltes in Rom, während der Kaiserkrönung im Februar 881 oder auch während des langen Aufenthaltes KARLS III. im Jahr 883 in Italien, war die neue Gründung von Richgard dem römischen Stuhl tradiert worden. Entsprechend der Vorliebe Richgards für Andlau erhielt dieses Kloster, dessen Leitung die Kaiserin gleichfalls innehatte, eine reiche Ausstattung. Um dieselbe Zeit ungefähr erhielt Richgard von ihrem Gemahl auch das Westvogesen-Kloster Etival zugewiesen, das sie an Andlau weitervergabte.
Auch Richgard wurde in die Händel, die zum Sturz des Erzkanzlers Liutward führten, hineingezogen und zog sich in ihre Stiftung nach Andlau zurück.
Andlau selbst wurde auf Erbgut Richgards gebaut; ein beträchtlicher Familienbesitz des Grafen Erchanger wird vorhanden gewesen sein und ist unter den Ausstattungsgütern Andlaus zu suchen. Auch das weitere Waldgebiet Andlaus, dessen Kernstück die spätere Grafschaft Dagsburg darstellte, ist von Erchanger an Richgard und von dieser an Andlau übergegangen. Darin ist aber zweifellos wiederum ein großer Teil ehemaligen Reichsbesitzes enthalten.
 
Rudolf Schieffer:
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„Die Karolinger“

Noch in Kirchen (Ende Mai 887) ließ sich der Kaiser, der eben LUDWIG von Burgund an Sohnes Statt angenommen hatte, nötigen, seinen bis dahin allmächtigen Erzkanzler Liutward von Vercelli vom Hof zu verweisen und durch Erzbischof Liutbert von Mainz zu ersetzen, laut Reginos Chronik unter der Beschuldigung des Ehebruchs mit der Kaiserin Richgard. Während sich Liutward angeblich zu ARNULF begab, soll sich Richgard mit der Beteuerung gerechtfertigt haben, in 25 Ehejahren unberührt geblieben zu sein, trennte sich von ihrem kranken Gemahl und zog sich in das von ihr gegründete Kloster Andlau zurück. Dass dies alles geschah, um KARL eine neue Ehe und doch noch Nachwuchs zu ermöglichen, ist bloß eine vage Vermutung.

Engelbert Mühlbacher: Seite 410
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"Deutsche Geschichte unter den Karolingern"

Der lange gehegte Groll gegen den verhaßten Günstling Liutward kam im Sommer 887 auf einem Reichstag in Kirchen zum Ausbruch. Seine eigenen Landsleute, die Alemannen, hatten sich zu seinem Sturz verschworen. Um ihn zu Fall zu bringen, griff man zu den wirkungsvollsten Mitteln: Man verdächtigte seine Rechtgläubigkeit und zieh ihn eines sträflichen Verhältnisses zur Kaiserin. Schwerer noch fiel die andere Anklage ins Gewicht, die Anklage des Ehebruchs mit der Kaiserin, mit der er in vertraulicheren Beziehungen stände, "als nötig sei".
Nach dem Sturz Liutwards bestand die Kaiserin Richarda um so kräftiger auf der Verteidigung ihrer weiblichen Ehre. Sie forderte von ihrem Gemahl öffentliche Genugtuung für die ihr angetane Schmach. "Nach wenigen Tagen", so berichtet der gleichzeitige Chronist Regino von Prüm, "ruft der Kaiser seine Gemahlin Richarda wegen dieser Sache vor die Reichsversammlung und - es ist wunderlich das zu erzählen - erklärt öffentlich, dass er niemals mit ihr fleischliche Gemeinschaft gehabt habe, obwohl die durch mehr als ein Jahrzehnt" - genau gerechnet, durch volle 25 Jahre - "in gesetzmäßigem Ehebund mit ihm vereint gewesen sei. Sie hinwieder beteuert, dass sie von jeder geschlechtlichen Beziehung nicht nur zu ihm, sondern zu jedem Mann rein sei und rühmt sich ihrer unversehrten Jungfräulichkeit und erbietet sich zuversichtlich - sie war nämlich eine fromme Frau - dies nicht nur durch ein Gottesgericht, nach dem Belieben ihres Gemahls entweder durch gerichtlichen Zweikampf oder durch die Probe der glühenden Pflugscharen, "zu beweisen". Auf diesen Beweis verzichtete der Kaiser, doch die Sage ließ sich diesen drastischen Zug nicht entgehen. In fantastischer Ausschmückung berichtet sie von einer Feuerprobe, der die verleumdete Kaiserin sich unterzogen habe; sie habe ein Wachshemd auf bloßem Leibe angezogen, dieses sei an vier Enden angezündet worden und ihr jungfräulicher Körper unverletzt geblieben, der Verleumder aber habe die Lüge am Galgen gebüßt. In Wirklichkeit trennte sich die Kaiserin von ihrem Gemahl und zog sich in das von ihr gestiftete Kloster Andlau im Elsaß zurück. Allda ist sie auch selig verstorben und bald galt sie als Heilige; Papst Leo IX. kam, als er 1049 in Deutschland weilte, selbst nach Andlau zur feierlichen Erhebung und Übertragung ihrer Gebeine in die von ihm geweihte Kirche und noch nach Jahrhunderten zeigte man im Kloster Etival das unversehrte Wachshemd, welches sie bei jener Feuerprobe getragen haben soll, als kostbare Reliquie.
 
 
 
 

Aug. 862
   oo KARL III. DER DICKE
        839-13.1.888