Thietmar von Merseburg: Seite 200,302,338,376,462,464
*********************
"Chronik."

Kapitel 5

 
Welches aber der Grund gewesen sein mag, der jene bewog, ein solches Verbrechen zu begehen, kann ich nicht zuverlässig angeben. Einige sagen, Heinrich sei auf Ekkihards Betrieb einst vom Kaiser mit Geißelhieben bestraft worden, und habe darum dem Markgrafen die erwähnte Rache von jeher zugedacht. Andere vermuthen, sie hätten die That unternommen wegen der oben geschilderten Beschimpfung, welche Ekkihard in Werlu den beiden Schwestern angethan habe, denen sie dann gern sich dienstfertig bewiesen, oder auch wegen der Drohungen, die der Markgraf gegen sie bei jenem Mahle ausgestoßen hätte. Ich aber weiß nur soviel, daß Markgraf Ekkihard von Meißen eine Zierde des Reichs, eine Stütze des Vaterlandes, eine Hoffnung derer, die ihm anvertraut waren, ein Schrecken seiner Feinde und überhaupt ein vollendeter Mann gewesen wäre, hätte er nur in der Demuth verharren wollen. Wie beifallswürdig war nicht sein Betragen gegen seinen Lehnsherrn, den Kaiser, da er von demselben den größten Theil seines Lehens zum Eigenthum erhielt! Die Milzienter beraubte
er ihrer altangebornen Freiheit, und zwang sie unter das Joch der Knechtschaft. Den Böhmenherzog Bolizlav, der den Beinamen des Rothen führt, gewann er zum Vasallen, und den andern Bolizlav [den von Polen], zu seinem vertrauten Freunde: das  bewirkte er theils durch Güte, theils durch Drohungen. Ueber ganz Thüringen erlangte er durch gemeinsame Wahl des Volkes die Herzogsgewalt. Auf die Grafen im Osten aber konnte er mit wenig Ausnahmen rechnen, und so hoffte er auf die Königskrone.
Alle diese Umstände aber führten ihn zu einem so kläglichen Ende. Die Kunde von demselben verbreitete sich alsbald weithin, rief Frau Suonehilde [seine Gemahlin] herbei, und trübte den  Frohsinn seines Sohnes Heriman. Dieser nämlich hatte auf Befehl seines Vaters den Grafen Willehelm, einen in jeder Beziehung ausgezeichneten Greis, um den Tod des von dem Sohne desselben erschlagenen Widikind und Heriman zu rächen, mit einer starken Schaar in Wimeri [Weimar] belagert, und den alten hochverdienten Krieger zu der eidlichen Verpflichtung gezwungen, vor dem Markgrafen erscheinen und was jener von ihm verlangen würde erfüllen zu wollen. Als nun aber der Sohn von dem unvermutheten Tode seines Vaters Kunde bekam, eilte er mit der Mutter der Leiche sofort entgegen, empfing des Vaters sterbliche Ueberreste mit außerordentlicher Trauer, und ließ sie in einer Burg Namens Geni bestatten. Nachdem aber der dreißigste Tag vorüber war, reiste Frau Suonehilde mit ihren Söhnen nach Misni [Meißen].
 

Kapitel 36

 
Indeß erhoben Graf Heriman und Markgraf Guncelin [von Meißen] gegen einander Fehde und kämpften auf eine in diesen Gegenden ungewohnte Weise mit einander. Guncelin nämlich, der die Burg Strela, welche von Heriman's Truppen beschützt war, zu erobern versuchte und nichts ausrichtete, befahl die Burg Rocholenzi an der Milde, welche nicht wohl verwahrt war, in Brand zu stecken. Außerdem stand er (da ja Oheime gegen ihre Bruderkinder immer hart und gewaltthätig sind) durchaus nicht an, seinem Neffen alles Ungemach zuzufügen, was nur immer in seiner Macht stand. Aber auch Heriman und sein Bruder Ekkihard rissen ein Schloß an der Saale, welches dem Guncelin ausnehmend werth war, und das er mit Ringmauern und einer Besatzung versehen und einer unbeschreiblichen Menge von Vorräthen und Gütern angefüllt hatte, nachdem sie es mit einem starken Heerhaufen unvorhergesehen umzingelt und erobert hatten, von Grund aus nieder und steckten es in Brand; die ganze vorgefundene Masse von Gütern aber vertheilten sie. Das kam dem Könige zu Ohren; sogleich eilte er nach Merseburg, dies zu untersuchen. Und als er dort nun die Aussprüche der beiden Grafen vernommen hatte, maß er die ganze Schuld dem Guncelin bei, der ihm selbst schon früher bei mancher Gelegenheit Geringschätzung bewiesen und ob des ihm von Heriman angethanen Schimpfes nicht in ihm, dem Könige, einen Rächer erwartet hatte. Er setzte hinzu, daß Guncelin die
Familien vieler Leibeigenen, die ihm das geklagt hätten, an die Juden verkauft, und sich weder auf sein, des Königes, Gebot um die Freigebung derselben, noch auch darum bekümmert habe, den
Räubereien Einhalt zu thun, die in seinem Namen vielen Menschen Schaden und Gefahr brächten. Zudem klagte Heinrich, Guncelin stände bei seinem Bruder Bolizlav [von Polen] mehr in Gunst, als ihm zieme oder dem Könige gefallen könne. Auch waren solche anwesend, die ihn anzuklagen bereit waren, daß er mit ihnen selbst zusammen sich des Hochverraths schuldig gemacht habe. Bei so vielen obwaltenden Beschwerden und den dagegen von Seiten seiner und der Seinigen vorgebrachten Entschuldigungen wurden die Fürsten des Reichs vom Könige um einen gemeinsamen Rath ersucht, und thaten nach langer geheimer Erwägung den Ausspruch: "Wir wissen, daß Guncelin's Betragen gegen euch nicht ohne Entschuldigungsgründe ist; unser Gutdünken geht dahin, daß er sich alles Widerstreben bei Seite setzend, unbedingt eurer Gnade unterwerfe. Euer Herz aber rühre der Allgütige in seiner Barmherzigkeit, daß ihr nicht nach dem Maße seines Verdienstes, sondern nach der ganzen Größe eurer gränzenlosen Milde an ihm thun möget, auf daß dies zur Richtschnur diene allen denen, die sich an euch wenden." Diesen Rath genehmigend, empfing der König den Markgrafen und übergab ihn dem Bischof Arnulf von Halberstadt zu sicherer Haft; seine Stadt Misni [Meißen] aber ließ er  fortwährend gegen feindliche Angriffe besetzt halten und überwies die Obhut derselben einstweilen dem Grafen Fritherich [von Eilenburg]. Im folgenden Sommer zur Erntezeit aber verlieh er die Stadt,
auf Verwendung der Königin und auf Antrieb des lieben Tagino, dem Rathe und der Beipflichtung derselben Fürsten gemäß dem Grafen Heriman.
 

Kapitel 54

 
Indeß kam der König, indem er Alstidi [Alstädt] verließ, wo er die Erscheinung des Herrn gefeiert [Jan. 6], und vom Herzog Bolizlav [von Polen] Gesandte empfangen hatte, welche um Frieden baten und versprachen, Misico, der Sohn Bolizlavs, werde denselben abschließen, nach Merseburg. Dort erfuhr er das ebenerwähnte Absterben des Erzbischofs Lievizo, und klagte ob des zeitlichen Nutzens, der ihm und dem Reiche durch dasselbe entgangen war, wünschte sich aber auf der anderen Seite auch Glück wegen der künftigen Verwendung des Seligen für ihn, und feierte sein Gedächtniß mit dem größten Eifer. Darnach verließ er uns und beging das Fest der Reinigung Mariä [Febr. 2] zu Magadaburg. An demselben Tage erschien nun der erwähnte Oddo, begleitet von Geistlichen und Laien, demüthig bittend, und flehte, wie schon früher, indem sich treue Freunde für ihn verwandten, um des Königs Gnade in Betreff der Vollziehung seiner Wahl. Der König aber erhörte sie gar nicht, sondern verlieh seinem Caplan Unwan das Erzbisthum unter dem freilich nicht aus eigenem Antriebe hervorgegangenem Beifalle derer, die dorthin gekommen waren, indem er den Oddo in seine Dienste nahm und ihn durch Versprechung großer Liebesbeweise beschwichtigte. Darauf ward auf Befehl und in Gegenwart des Königs Unwan vom Erzbischofe Gero von Magadaburg, unter Beihilfe der Bischöfe Ekkihard [von Schleswig] und Thurgat zum Erzbischofe gesalbt. Wenige Tage nachher erschien Misico, Bolizlav's Sohn, mit großen Geschenken, huldigte dem Könige und bekräftigte seine Treue mit einem Eidschwur. Dann ward er mit großen Ehren entlassen und auf das beste unterhalten, damit er bald wiederkommen möchte.

In jenen Tagen erhob sich nach Sonnenuntergang ein großes Unwetter und setzte uns alle sehr in Bestürzung. Denn es zerstörte die Kirche außerhalb der Stadt, die unter Otto's I. Regierung aus rothem Holze aufgeführt war. Auch verzehrte eine Feuersbrunst viele Güter des Erzbischofes.
 
Ferner kam es dem Könige zu Ohren, daß mein Vetter, Markgraf Wirinhari, mit Ekkihard, dem Bruder des Markgrafen Heriman [von Meißen], ohne dazu Erlaubniß vom Könige erhalten zu haben, zum Bolizlav sich begeben, und dort viele, die königliche Gnade verwirkende Reden geführt, auch von demselben zu Hause oft geheime Boten empfangen habe. Das alles sehr übel vermerkend, befahl der König beiden, vor ihm zu erscheinen. Da sie es nun nicht wagten, diesem Gebote zu gehorchen, so ward ihre sämmtliche Habe in Beschlag genommen und sie als gegen den König widerspenstige Unterthanen geächtet. Mein Vetter erkaufte zuletzt doch noch des Königs Gnade und sein Heimatsrecht mit seinem Landbesitze und Gelde. Der andere aber ward erst lange nachher durch die Verwendung treuer Freunde wieder eingesetzt.

In demselben Jahre, am 18. März, starb auch Wonlef, ein Eremit und wahrhaftes Kind Israels.
 

Kapitel 14

 
Als der Kaiser diese traurige Botschaft vernahm, wollte er wieder umkehren, um die Leichname der Erschlagenen wegzubringen; allein durch den Rath Vieler in seinem Vorhaben gehemmt, unterließ er es, obwohl mit Widerstreben, und sandte nur den Bischof Aeid [von Meißen], welcher ihnen mit Erlaubniß des unglückseligen Herzogs ein Begräbniß besorgen und des Markgrafen Gero Leichnam sich erbitten sollte. Der ehrwürdige Vater, der willig dem Kaiser beipflichtete, eilte schleunigst zurück, und als er nun die klägliche Niederlage erblickte, da erzitterte er und weinte und betete auf seinen Knieen für sie. Als die Sieger, die noch immer mit dem Plündern beschäftigt waren, ihn von ferne
erblickten, flohen sie zuerst aus Furcht vor den, wie sie meinten, Nachkommenden, dann aber, als er näher herankam, begrüßten sie ihn und gestatteten ihm, ohne alle Kränkung weiter zu gehen. Er
erlangte denn auch von dem über unser Verderben gar hoch erfreuten Bolizlav, was er wünschte; worauf er unverzüglich zurückkam, nachdem er die Leichname der Kampfgenossen mit großer
Mühe, doch aber von den Feinden unterstützt, bestattet hatte. Die Leichen des Markgrafen und seines Genossen Widred aber ließ er bis nach Mysni [Meißen] zurückfahren. Daselbst nahm sie Markgraf Heriman voll Trauer in Empfange und geleitete sie mit seinen Brüdern Gunteri und Ekkihard nach Nienburg, wo der Erzbischof Gero von Köln und Markgraf Thietmar, sein Bruder, Herimans Stiefvater und des eben erschlagenen Grafen Vater, zu Ehren der heiligen Muttergottes und des heiligen Märtyrers Cyprian unter der Regierung Otto's II. eine Abtei erbaut hatten. Darauf übergab Erzbischof Gero die beiden Leichname der Erde und tröstete seine Wittwe, Frau Aethelheid, und seinen Sohn Thietmar, so wie seine trauernden Freunde und Vasallen.
 

Kapitel 10

 
Zur selbigen Zeit erlitt die mir unwürdigem  anvertraute Kirche meinetwegen (denn meine Schuld erheischte Strafe) große Verluste. Der barmherzige und geduldige Gott wollte  nämlich nicht länger ungerächt lassen was durch wiederholte gelinde Züchtigung nicht hatte gehindert werden können, indem er sie bisher immer nur nach dem Maße seiner Milde, nicht nach Entgeltung seines Grimmes behandelt hatte. Sie verlor gar brauchbare und nützliche Diener, und seufzt alltäglich ob meiner Missethat. In besagtem Monate nämlich ward ihr und mir große Schmach angethan von dem Bastard Aethelbert, der in mein Landgut  einfiel und dasselbe mit einer Rotte von Knechten zu zerstören bemüht war. Was aber diese Buben zu solchem Unterfangen bewog, will ich der Wahrheit gemäß berichten. Die verschwenderische Freigebigkeit Otto's II., welche Allen in vollem Maße zulächelte, hatte unserer Kirche einen Forst geschenkt, der zwischen den Flüssen Saale und Milde [Mulde] und den Landschaften Siusili und Plisni liegt. Dies war geschehen zu Zeiten Bischof Gisilers und Markgraf Gunter's [von Thüringen]. Nach der traurigen Zertrümmerung unseres Sitzes aber unter der Regierung Otto III. erwarb Markgraf Ekkihard [von Meißen] den Forst bei Sumeringe, und tauschte gegen denselben den unsrigen ein. Allein der Erneuerer unserer Würde, König Heinrich, stellte uns in Gegenwart aller Großen des Reichs, und ohne daß die Gebrüder Heriman und Ekkihard sich dessen erwehren konnten, denselben im Wege Rechtens wieder zu. Und nachdem derselbe dann länger als zwölf Jahre unter der Herrschaft unserer Kirche gestanden hatte, und Graf Heriman durchaus nicht im Stande gewesen war, ihn, wie es ihm zustand, um sechzig Hufen von mir einzulösen, so fiel es ihm ein, aus denselben für sich und seinen Bruder, in Folge des Besitzes zweier Burgwarden, Rochelinti [Rochlitz] und Titibutziem [Teitzig] laut kaiserlicher Urkunden Anspruch zu machen, in der Meinung,
daß unsere ältere Besitzbestätigung längst verjährt sei. Als er mir aber dies eröffnete, merkte er bald, daß es nichts half. Denn in Magadaburg in Gegenwart unseres Kaisers wurden beiden die Urkunden gezeigt und erwiesen, daß unsere Schenkungen durchaus den Vorrang hätten. So sagte zuletzt in Gegenwart seines zu dem Zwecke anwesenden Bruders und so daß dieser es vernahm, Graf
Heriman folgende Worte: "Alles, was wir bisher in dieser Angelegenheit gethan haben, haben wir nicht ohne Grund auf Gerathewohl, sondern weil wir ein Recht dazu zu haben glaubten, unternommen. Jetzt aber wollen wir die Sache aufgeben."
 
Nicht lange nachher legte Ekkihard, der noch ein junger Mann und darum noch gar unerfahren war, auf Antrieb seines Lehnsmannes Budizlav in seinem Burgward Rochelenzi [Rochlitz] hohe Gehege an, um in dieselben das Wild einzufangen. Als ich dies nachher erfuhr, ertrug ich es vorläufig geduldig und ließ durch einen Mittelsmann, nämlich seinen eigenen Bruder, ihn anhalten, daß er doch das nicht thun möchte. Auch bei seinem Bruder Heriman ließ ich alsbald Klage führen, richtete aber mit dem allen nichts aus. So stand es bis Ostern. Weil da das heitere Wetter und die Wegbarkeit der Straßen es gestatteten, und ich in diese Gegenden meines Bisthums nie gekommen war, so bekam ich Lust, mich dorthin zu begeben und die mir bis dahin unbekannten Verhältnisse sorgfältig zu untersuchen. Am 2. Mai, an  einem Freitag, kam ich nach Chorun [Kohren] und firmte das dort zusammenströmende Volk. Als ich darauf das erwähnte Werk, durch Stricke und große Netze zusammengebunden, am Wege selbst stehen sah, stutzte ich und dachte nach, was ich dabei anfangen sollte. Endlich ließ ich, weil ich doch jenes Geräth auf keine Weise mitnehmen konnte, einen Theil desselben zerhauen und von da
gerades Weges nach Rochlitz gehend, firmte ich dort einige. Indem ich dann die mir ungerechter Weise angethane Schädigung meines Zehntens und Forstes bei Strafe des Bannes Allen untersagte, überwies ich das alles unserer Kirche und gebot Frieden. Darauf ging ich wieder  zurück nach meinem Gehöfte und als ich dort sieben Tage  gewesen war, hörte ich, daß Ekkihards Mannen die meinen bedrohten. Dort übernachtete gerade der Kanzler bei mir, und gab, als er die Sache von mir hörte, genügenden Bescheid. Darnach versammelten sich die erwähnten Vasallen wiederholt und versuchten mir zu schaden, allein unsere Wachen kamen ihnen immer zu rechter Zeit zuvor. Unterdeß sandte ich einen Abgeordneten an den Kaiser nach Mainz und bat ihn flehentlich um Herstellung des Friedens.
Obwohl nun denselben Ekkihard seinerseits gelobte und sein Bruder, dessen Rückkunft ich lange ersehnt hatte, mir, aus Polen heimkehrend,  gleichfalls darauf seinen Handschlag gab, so hielten sie doch beide nicht Wort. Denn sechs zerschlagene, schimpflich geschorene Menschen nebst ihren schmählich beschädigten Wohnungen bezeugen, wie man sich vor solchen Herren hüten muß. Ihre Lehnsleute haben  übrigens in ihrer Weise nicht allein an mir ihren Grimm geübt,  sondem auch anderen, viel besseren, als ich bin, geschadet. Denn sie haben den Erzbischof Gero in Wirbini [Werben] und den Grafen Sigifrid in Nicici angegriffen und daselbst weggenommen, was ihnen gefiel.