Lüpke Siegfried:
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"Die Markgrafen der Sächsischen Ostmarken in der Zeit von Gero bis zum Beginn des Investiturstreites (940-1075)"

Neben Hermann tritt in seinen letzten Lebensjahren sein Bruder Ekkehard II. (1038-1046), der bereits die Ostmark innehatte, immer mehr in den Vordergrund. In der Erklärung dieses Umstandes darf man wohl Breßlau folgen, der eine Krankheit des Markgrafen in den Bereich der Möglichkeit zieht. Damit wäre allerdings der unbemerkte Abgang Hermanns ganz befriedigend erklärt, auch wenn die Quellen keinen unmittelbaren Beweis geben. Denn bei der bisherigen Stellung der beiden Brüder zueinander konnte der Wechsel ganz unauffällig sein, da Ekkehard II. schon vor der Übernahme der Markgrafschaft in Meißen des öfteren neben Hermann erscheint. Wenn schon in Hermanns späteren Jahren das Verhältnis zur Reichsgewalt enger als früher geworden war, so hielt diese Entwicklung unter Ekkehard II. noch an. Denn noch enger als die Verbindung Hermanns mit KONRAD II. waren die Beziehungen Ekkehards zu HEINRICH III. Fast in jedem Jahre waren König und Markgraf ein oder mehrere Male beisammen, um über das Wohl der östlichen Reichsgebiete zu beraten. In den meisten Urkunden wird Ekkehards Namen mit ehrenden Beifügungen versehen wie "noster fidelis marchio" oder "noster dilectus marchio"; ja einmal nennt ihn HEINRICH III. sogar den treuesten Treuen, dem er durchaus nichts abschlagen könne. Das sind Ausdrücke, die von dem guten Einvernehmen zwischen Kaiser und Markgraf beredtes Zeugnis ablegen. Sogar bei Beratungen, die sein Gebiet nicht unmittelbar betrafen, war Ekkehard - genau wie sein Bruder - anwesend. Wiederholt hatte er Zusammenkünfte mit dem Reichsoberhaupt in Goslar und Tilleda. Hier mögen noch Fragen der Ostmark erörtert worden sein. Aber wenn er auch in Regensburg, Köln und Pöchlarn angetroffen wird, dann wird man das als Hinweis dafür ansehen können, dass sein Rat auch für Angelegenheiten begehrt wurde, mit denen er unmittelbar nicht in Berührung kam. Seine Anwesenheit bei der Kaiserkrönung KONRADS II. ist bereits erwähnt worden. Selbstverständlich hatte der Meißener Herr hervorragenden Anteil an den Feldzügen gegen Böhmen 1040 und 1041; er war in beiden Jahren der Führer des von Meißen aus einrückenden Nordheeres. Der Zug des Jahres 1040 verlief ohne besonderen Erfolg. Die sächsische Heeresabteilung, die nur gering an Zahl war, versammelte sich am 15. August in Dohna bei Pirna. Zu ihr war auch Erzbischof Bardo von Mainz gestoßen. Am 24. August erfolgte der Einfall in Böhmen. Neun Tage lang wurde das Land mit Morden, Brennen und Plündern heimgesucht. Dann zog man ab, ohne den Herzog Bretislav zur Unterwerfung gezwungen zu haben, aber auch ohne von ihm beim Rückzug behelligt zu werden. Noch geringeren Erfolg hatte der König, der von Bayern aus in Böhmen einbrach. Die Altaicher Jahrbücher sagen, dass er viele von seinen Rittern verlor und ohne glücklichen Erfolg heimkehrte. Einen vollen Erfolg brachte dagegen der Zug des folgenden Jahres. Wieder drangen der König von Bayern, der Markgraf, der von Bardo und anderen Großen unterstützt wurde, von Sachsen her nach Böhmen ein und verheerten das durchzogene Land. Am 8. September trafen sich die beiden Heere, nur noch durch die Moldau getrennt, vor Prag. Noch scheint der Böhmen-Herzog zur Unterwerfung nicht bereit gewesen zu sein, denn abermals zogen die Deutschen alles verwüstend durch Böhmen, um sich am 29. September wieder vor Prag zu treffen. Jetzt erst fand sich Bretislav zu Verhandlungen bereit, die in der Hauptsache Ekkehard mit ihm geführt zu haben scheint. Der Böhme ging nun auf alle Bedingungen ein. Welche Achtung gebietende Erscheinung Ekkehard selbst für die Feinde war, zeigt der böhmische Geschichtsschreiber Cosmas von Prag. Er nennt ihn "dux" der Sachsen und bezeichnet ihn als einen kriegserfahrenen Mann und in den Verwaltungsgeschäften bewanderten Ratgeber des Königs [Wenn Cosmas Ekkehard "dux" nennt, dann ist das nicht nur eine Bezeichnung für die Führerstellung des Markgrafen auf dem Kriegszuge. Sie ist auch ein Beweis dafür, dass Ekkehard als Verwalter von zwei bzw. drei Marken eine solch hervorragende Stellung im deutschen Osten einnahm, dass er dem benachbarten Böhmen als Herzog erschien. Ein Vergleich mit Gero I. und Ekkehard I. lehrt, dass Cosmas nicht zuviel gesagt hat. In ähnlichem Sinne muß auch seine Bemerkung verstanden werden, dass ganz Sachsen Ekkehard wie einem König gehorche.]. Die daneben auch vorkommenden absprechenden Bemerkungen des Prager Dekans stehen in seltenem Gegensatz zu den auszeichnenden und sind leicht als mißgünstig gefärbt zu erkennen. Aber auch die Lobeserhebungen sind nicht voll zu bewerten, da sie offenbar die Niederlage des Böhmen-Herzogs leichter erklären sollen. Hier dürfte der Bericht des Sächsischen Annalisten, der knapper und sachlicher gehalten ist, eine schätzenswerte Ergänzung liefern. Außerdem gibt er Kunde von Ekkehards Tätigkeit als Unterhändler. Was den ungarischen Krieg 1042 betrifft, so hat Ekkehard höchstwahrscheinlich an den Vorberatungen teilgenommen. Am Feldzug selbst war er nicht beteiligt, denn keine Quelle redet davon. Noch einmal fällt helles Licht auf Ekkehards Stellung im Reich, nämlich bei seinem Tode. Dies Ereignis muß einige Überraschung ausgelöst haben, denn zahlreiche Quellen reden davon, dass es plötzlich eintrat. Auch die stattliche Zahl der Quellen die davon berichten, ist bedeutsam. Während Hermanns Tod in der Öffentlichkeit kaum bemerkt wurde, wird Ekkehards Ableben von zum Teil fernstehenden Geschichtsschreibern aufgezeichnet, ein Umstand für den seine Berühmtheit spricht. Hermann von Reichenau berichtet, dass Ekkehard sehr reich gewesen sei. All sein Besitztum erbte der Kaiser, dem er es vermacht hatte, und dieser ehrte den treuen Berater und Freund durch seine Anwesenheit beim Begräbnis. Das sind alles Vorgänge, die von den guten Beziehungen zwischen Reichsoberhaupt und Lehensmann vernehmlich genug reden. Kaum einmal hat der Markgraf seine Machtbefugnis überschritten [Nach D H III. 302 hat der Markgraf einmal ein Lehen des Klosters Hersfeld als Eigentum behandelt und dem Kloster vorenthalten. Diese kleine Entgleisung kann das Gesamtbild des verdienten Markgrafen nicht trüben] oder seine angesehene Stellung zum persönlichen Vorteil  und zum Schaden des Reiches ausgenutzt. Noch eins mag erwähnt werden: nirgends wird in den Quellen eine Beziehung zum sächsischen Herzog angedeutet. Aus allem geht eindeutig hervor, dass die Mark Meißen dem Kaiser unmittelbar unterstellt war. An dieser Stelle wird der Gegensatz zwischen Ekkehard I., dem großen Vater, und Ekkehard II., dem bedeutenden Sohn, geradezu auffallend: jener geriet schließlich in Gegensatz zur obersten Reichsgewalt und ging im Kampfe um sie unter; dieser kam in immer engere Verbindung mit ihr und überließ ihr endlich sein gesamtes Eigengut.