ELSASS
Lexikon des Mittelalters:
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Elsaß
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A. Früh- und Hochmittelalter
I. Merowinger- und
Karolingerzeit
[1] Zur Etymologie:
Der Name 'Elsaß' erscheint erstmals zu Beginn des 7. Jh. in der
sog. Fredegar-Chronik. Die Etymologie der Bezeichnungen 'Alsatius' und
'Alesaciones' bleibt dabei unsicher. Die Sprachwissenschaftler lehnen
die einfache Ableitung von dem Rhein-Nebenfluß Ill (Illsaß
> Elsaß) ab, trotz existierender geographischer Namen wie
Elsau (südlich von Straßburg) und Elsgau/Ajoie (im
Quellgebiet der Ill). Eine keltische Ableitung (in Analogie zum
gallischen Oppidum Alesia) wird gleichfalls verworfen, da sie weder bei
den antiken Geographen noch bei Gregor von Tours bezeugt ist. Allgemein
wird eine germanische Herkunft des Namens für wahrscheinl.
gehalten und 'Elsaß' als Kompositum von ali ('fremd') und
saß ('Sitz') gedeutet; demzufolge wären die Elsässer
als Franken zu betrachten, die von ihren Landsleuten als in der Fremde
(das heißt unter einer alamannischen Bevölkerungsmehrheit)
Ansässige charakterisiert worden seien; der Name sei nachfolgend
dann auf das gesamte Gebiet zwischen Vogesen und Rhein ausgedehnt
worden, ausgehend von der Rheinebene, später auch
Vogesentäler und Sundgau erfassend. - Abgesehen von der Zeit, in
der das Elsaß als Dukat konstituiert war (ca. 640-ca. 740),
bildete die Region nie eine politisch-administrative Einheit;
'Elsaß' blieb stets ein historisch-geographischer Begriff.
[2] Von der Spätantike zur Merowingerzeit:
Das Gebiet des Elsaß, mit keltischer und zum Teil germanischer
(Triboker, Hauptort: Brocomagus/Brumath) Bevölkerung, gehörte
in römischer Zeit zunächst zur Provinz Gallia belgica und
wurde seit 90 als Germania superior (Zentrum: Argentorate,
Straßburg) organisiert. Germanen verwüsteten in wiederholten
Einfällen vom 2. Jh. an das Gebiet, das sie endgültig Anfang
des 5. Jh. besetzten. Nach dem Durchzug der Hunnen erfolgte in der 2.
Hälfte des 5. Jh. die endgültige Landnahme der Alamannen,
wodurch die alamannische Sprache vorherrschend wurde; doch erfolgte
keineswegs eine Eliminierung der provinzialrömischen
Bevölkerung, wie zahlreiche gallo-römische. Ortsnamen (zum
Beispiel Colmar, Rufach, Kembs, Selz usw.) belegen. Am Ende des 5. Jh.
schlug der fränkische König
Chlodwig die
Alamannen (496?), wohl im nördlichen Elsaß. Das Gebiet
des Elsaß wurde nun dem Franken-Reich einverleibt und kam in der
Folgezeit zum Reichsteil Austrien. Nach der Verdrängung der
Alamannen aus der Umgebung von Weißenburg wurden an ihrer Stelle
fränkische Kolonen angesiedelt, wovon der in dieser Gegend noch
heute gesprochene fränkische Dialekt zeugt. Über einen nicht
genau bestimmbaren Zeitraum hinweg bewahrten Gallo-Römer,
Alamannen und Franken ihre Volksrechte, um schließlich
miteinander zu verschmelzen. Das Heidentum scheint gegen Ende des 7.
Jh. verschwunden zu sein, infolge der kirchlich-missionarischen
Bemühungen des Bischofs von Straßburg und der Klöster
(Weißenburg, gegr. Ende des 7. Jh.; Maursmünster, Ende des
6. Jh.; Münster, um 640; Ebersmünster, um 680). Das Auftreten
des hl. Columban blieb
anscheinend ohne tiefere Wirkung, doch übte das um 720 mit
irischen Mönchen gegründete Kloster Honau einen großen
missionarischen Einfluß aus.
Die faktische Unabhängigkeit des Elsaß vom alamannischen
Dukat veranlaßte die fränkischen Könige, um 640 den
Dukat Elsaß zu schaffen; er war in erster Linie ein
militärischer, aber auch ein administrativer, rechtlicher und
kirchlicher Organismus, der das Ober- wie das Unter-Elsaß
umfaßte. Die duces wurden seit ca. 673 von der neustroburgundischen Sippe der ETICHONEN
gestellt. Eticho (Adalricus) eroberte das Gebiet des
Berner Jura, regierte despotisch, stiftete aber die Klöster
Ebersmünster und Hohenburg, wo seine
Tochter Odilia als erste Äbtissin wirkte (Odilienberg).
Auch sein Sohn Adalbert und sein Enkel Liutfrid (722 - ca. 740)
gründeten Abteien (Honau, St. Stephan/Straßburg,
Masmünster, Murbach). Da die Machtfülle der ETICHONEN die fränkischen
Hausmeier aus dem Geschlecht der ARNULFINGER/KAROLINGER
beunruhigte, wurde der Dukat nach Liutfrids
Tod nicht mehr neu besetzt, und die ETICHONEN
blieben für ein halbes Jahrhundert in Ungnade, um später
jedoch wieder als bedeutende karolingische
Amtsträger hervorzutreten (so Hugo
als Graf von Tours).
[3] Karolingerzeit:
Unter den KAROLINGERN
erfolgte eine Neuorganisation der Verwaltung. Das Elsaß wurde in
zwei Grafschaften, Nordgau und Sundgau, aufgegliedert; mit der
Wiederherstellung des Bistums Basel wurde das Ober-Elsaß diesem
erneut unterstellt (bis zum Reichsdeputationshauptschluß 1803).
Landwirtschaft und Handel entwickelten sich; nach Ermoldus Nigellus
exportierte das Elsaß Weizen und Wein bis nach England über
den Rhein und bezog von den Friesen kostbare Stoffe und (vielleicht)
Bernstein aus dem Ostseeraum. Hauptzentrum der karolingischen
Renaissance im Elsaß war die Abtei Murbach. In Straßburg
beschworen KARL
DER KAHLE und Ludwig der Deutsche
ihr Bündnis in den berühmten Straßburger Eiden (842).
Im Teilungsvertrag von Verdun (843) kam das Elsaß an Kaiser LOTHAR,
doch machten seine beiden Brüder ihm den Besitz streitig, und im
Vertrag von Meerssen (870) wurde es wieder an Ludwig der Deutsche
abgetreten.
Karl der Einfältige versuchte, hier seinen Einfluß
wiederherzustellen (913), doch gliederte HEINRICH I.
das Elsaß 925 definitiv dem Imperium ein. Das Elsaß wurde
nun nominell dem Herzogtum Schwaben einverleibt, in dessen Verband es
jedoch weitreichende Autonomie besaß. Von 917 an wurde das
Elsaß über mehr als zehn Jahre von den Ungarn angegriffen,
was den Verfall der karolingischen
Zivilisation zur Folge hatte.
II. Hochmittelalter:
Seit der Regierung der OTTONEN (LIUDOLFINGER) vergrößerte sich
die Bedeutung des Elsaß innerhalb des Imperiums. OTTO I. war
mit den Königen von Burgund (RUDOLFINGER)
verbündet und bestrebt, die Verbindungen zwischen seinen
Besitzungen am Mittelrhein und den Alpenpässen zu sichern; daher
verdrängte er die von den ETICHONEN
abstammenden Grafen-Familien und stützte sich auf die
Bischöfe (Reichskirchensystem, ottonisch-salisches).
Besonders Bedeutung gewann hierbei Erchanbald
von Straßburg, dem OTTO II. volle
Jurisdiktion über den Bereich der Stadt und ihrer Bannmeile sowie
den Besitz der königlichem Münze verlieh (Bischofsstadt). Kaiserin Adelheid gründete
die Abtei Selz, die im Elsässer und Schweizer Raum reich dotiert
wurde. Zu Beginn des 11. Jh. verlieh HEINRICH II.
dem Bistum Straßburg große Schenkungen, was dem Bischof Werner von Habsburg (mit ihm
faßten die HABSBURGER
Fuß im Elsaß) den Baubeginn des frühromanischen
Münsters ermöglichte (1015). 1049 erhob HEINRICH III. ein
Mitglied der mächtigsten elsässischen Adels-Familie, der DAGSBURGER (EGISHEIMER), zum Papst: Leo IX. (1049-1054), der zweimal ins
Elsaß zur Weihe neuer Kirchen reiste.
Die 2. Hälfte des 11. Jh. wurde durch die Kämpfe des
Investiturstreites geprägt, in dem die Bischöfe von
Straßburg und Basel auf seiten HEINRICHS IV.
standen, den sie nach Canossa begleiteten und mit dem sie aus dem Bann
gelöst wurden. Am Ende des Jahrhunderts gewann der feurige
Polemiker Manegold von Lauterbach dem Papst
Urban II. zahlreiche Anhänger. Mit Otto, dem Bruder des Herzogs von Schwaben, der
von HEINRICH
IV. zum Bischof von
Straßburg (1080-1100)
erhoben wurde, etablierten sich die STAUFER im
Elsaß. Herzog Friedrich II.
der Einäugige (1105-1147)
konsolidierte ihre Macht, indem er zahlreiche Burgen errichten
ließ, insbesonders Hagenau. Kaiser
Lothar III.
versuchte durch Stärkung der institutionellen Struktur des
Elsaß dieser Expansionspolitik entgegenzuwirken; um 1130 verlieh
er zwei im Norden und Süden des Landes begüterten Grafen,
deren Machtstellung aber bereits stark geschwächt war, den Titel
von Landgrafen. Diese beiden Lgft.en des Elsaß erlebten eine ganz
unterschiedliche Entwicklung: Während die oberelsässische
Landgrafenwürde in der Folge zur Stärkung der habsburgischen Position
beitrug, wurde dagegen die Landgrafenwürde im Unter-Elsaß
nacheinander von mehreren Dynastien ausgeübt und 1359
schließlich vom Bischof von Straßburg aufgekauft, nachdem
sie zum bloßen Ehrentitel herabgesunken war.
Der letzte Versuch, das Elsaß politisch als Fürstentum zu
vereinigen, wurde von den STAUFERN
unternommen. FRIEDRICH
I. hielt sich mehrfach in Straßburg auf und ließ
die Burg Hagenau als Pfalz
ausbauen und ausschmücken, in der dann FRIEDRICH II.
1212-1220 nahezu ständig und 1235-1237 mehrmals residierte. Er
beauftragte Wölfelin, den
Schultheißen von Hagenau,
mit gezielten Burgenbau- und Städtegründungsmaßnahmen. FRIEDRICHS II. Tod
und der Fall der STAUFER-Herrschaft
im Imperium (1250) brachte diesen Ausbau des Elsaß als Reichsland
zum Stillstand; von nun an erfuhr das Elsaß eine zunehmende
territoriale und politische Zersplitterung.
III. Lehnswesen und
Grundherrschaft:
Die soziale Entwicklung des Elsaß unterscheidet sich wenig von
den Nachbarregionen. Das Lehnswesen bildete sich seit dem 8. Jh.
allmählich heraus, wobei das Allodialgut (Allod) nie ganz zu
existieren aufhörte. Im 12. Jh. zählten nur die beiden
Bischöfe (Straßburg, Basel) sowie einige Äbte und
Äbtissinnen (Weißenburg, Erstein, Münster, Murbach) zu
den Reichsfürsten, doch gehörten diesen im Elsaß keine
weltlichen Herren an; selbst die beiden Landgrafen waren innerhalb der
Lehnshierarchie lediglich Mitglieder des 4. Heerschilds. Im 12. und 13.
Jh. entwickelte sich die Ministerialität, deren Mitglieder aus
ursprglicher Unfreiheit durch militärischen (Burgwacht) oder
administrativen Dienst bei ihren Herren den sozialen Aufstieg
erreichten. Seit dem Ende des 13. Jh. als Adlige anerkannt, bildeten
sie zum großen Teil das städtische Patriziat und später
die Reichsritterschaft.
Die große und mittlere Grundherrschaft wurde bis zum 12. Jh. nach
dem System der klassischen Villikationsverfassung betrieben. Die
Quellen der Abtei Maursmünster - sie verfügte im Elsaß
und im lothringischen Raum über 19 Villikationen - geben das wohl
aussagekräftigste Zeugnis von der »Agrarrevolution«
des 12. Jh. Sie zeigen, wie der Grundherr die Eigenwirtschaft nahezu
völlig aufgab, indem er fast das gesamte Salland an hörige
Bauern austat; diese leisteten Abgaben, die zunehmend in Geldzahlungen
verwandelt wurden, während die alten Frondienste
größtenteils abgelöst wurden. Wichtige agrargeschichtl.
Aufschlüsse geben auch die Urkunden aus
Weißenburg.
B. Spätmittelalter
I. Krisen, Epidemien, Kriege:
Während des Interregnums (1256-1273) führte der Bischof von Straßburg, Walter von Geroldseck, eine Fehde
(sog. Bellum Waltherianum) gegen den Landgrafen
des Ober-Elsaß, Rudolf von Habsburg,
und die Bürger der Bischofsstadt; während RUDOLF im
Gegenzug Mülhausen und Colmar besetzte, besiegten die
Straßburger den Bischof bei Oberhausbergen (1262). König
geworden, bemühte sich RUDOLF, seine
Position im Elsaß zu stärken. Er schuf die Reichslandvogtei
Hagenau als Institution für die Verwaltung der
Königsgüter (ca. 40 Dörfer im Umkreis von Hagenau), die
Erhebung der Steuern und die Entgegennahme des Treueides von seiten der
zehn Reichsstädte. Die Reichslandvogtei, die sich bis ins 17. Jh.
erhielt, wurde im 15. Jh. den Pfalzgrafen verpfändet und konnte
daher nicht mehr für die Zentralisierungsbestrebungen des
Königtums eingesetzt werden. Auch hatte sich das Machtzentrum der HABSBURGER
seit der Übernahme Österreichs in den Ostalpenraum verlagert,
und die elsässischen Besitzungen, die durch die Regierung von
Ensisheim verwaltet wurden, bildeten nur mehr ein Anhängsel der habsburgischen
Ländermasse (Vorder-Österreich). Während der ganzen
Periode schlossen sich Herren und Städte häufig in
Landfriedensbünden zusammen (Landfrieden), denen längere
Dauer und Wirksamkeit allerdings versagt blieben.
In der 1. Hälfte des 14. Jh. wurde das Elsaß in den Kampf
zwischen LUDWIG
DEM BAYERN (siehe auch Wittelsbacher, Pfalz) und dem Papsttum
verwickelt. Die größten Leiden fügte dem Land jedoch
die Schwarze Pest (1349) zu, der wohl ein Drittel der Bevölkerung
erlag. In Zusammenhang mit der Pest wurden in den Städten
zahlreiche Juden ermordet, nachdem bereits 1338 (Armledererhebung)
schwere Judenverfolgungen stattgefunden hatten. Epidemien traten seit
1349 in periodischen Abständen auf, was das Wüstwerden
zahlreicher Siedlungen (Wüstung) und einen Verfall der Agrarpreise
bis zum frühen 16. Jh. nach sich zog (Agrarkrise).
Zerstörungen verursachten nicht nur die Fehden, sondern auch die
Plünderungszüge beschäftigungslos gewordener
Söldner des Hundertjährigen Krieges; 1365 und 1375
plünderten die Engländer das Unter-Elsaß; 1439 und 1444
verwüsteten die Armagnaken (écorcheurs) das gesamte
Elsaß, ohne jedoch die Städte einnehmen zu können.
1469 verpfändete Erzherzog Siegmund von Tirol die habsburgischen Besitzungen
im Elsaß für 80000 fl. an Karl den Kühnen,
Herzog von Burgund. Der BURGUNDER verfolgte mit dem Erwerb
dieser Pfandschaft vor allem das strategische Ziel, im Oberrheingebiet
eine Basis für seine Expansionspolitik gegenüber Lothringen
zu errichten und sich somit ein Verbindungsglied zwischen den alten
burgundischen Stammländern und den
niederländisch-flämischen Territorien zu schaffen. Der von Karl eingesetzte Landvogt, Peter von Hagenbach, versuchte mit
Härte, die burgundische Herrschaft auszubauen, doch stieß er
auf den Widerstand der Schweizer Eidgenossenschaft und ihrer
Bündnispartner, der in der Niederen Vereinigung
zusammengeschlossenen politischen Kräfte des
elsässisch-oberrheinischen Gebietes. Nachdem Peter von Hagenbach die Einnahme von
Mülhausen mißlungen war, wurde er von seinen Truppen
preisgegeben und schließlich in Breisach enthauptet (1474). Die
Schlachten von Grandson, Murten und Nancy, bei denen Straßburger
Kontingente mitkämpften, besiegelten die burgundische Niederlage
und sicherten die Unabhängigkeit des Elsaß. Doch dieses
verfiel zunehmend einer politisch-herrschaftlichen Zersplitterung; so
erlangten im Laufe des 15. Jh. die Reichsritter, ein gutes Hundert
kleiner, jedoch reichsunmittelbarer Herren mit winzigen Territorien,
die sich besonders um Straßburg konzentrierten, eine nahezu
unumschränkte Unabhängigkeit.
II. Die Städte:
Das Elsaß zählte im Spät-Mittelalter zu den am meisten
verstädterten Regionen im Reich. Am Ende des 14. Jh. bestanden ca.
70 Städte, umgeben von Stadtmauern, ausgestattet mit
städtischen Rechten und Privilegien. Straßburg, das bis zum
12. Jh. die einzige civitas blieb (seit 1263 Reichsstadt), wurde um die
Mitte des 14. Jh. Freie Stadt. Den Gründungen von Hagenau und
Weißenburg durch FRIEDRICH I.
folgte unter FRIEDRICH
II. die Erhebung von etwa zehn bestehenden Siedlungen zu
Städten (darunter Schlettstadt, Colmar und Mülhausen), die in
der Folgezeit fast alle zu Reichsstädten mit weitreichender
Autonomie wurden. Weniger privilegiert waren die Landstädte,
Gründungen von weltlichen Dynasten oder Prälaten (zum
Beispiel Zabern, Rufach, Buchsweiler, Brumath, Thann, Altkirch).
Neugegründete Städte im Unter-Elsaß erhielten
gewöhnlich Hagenauer, im Ober-Elsaß Colmarer Recht. Die
Stadtentwicklung der meisten der 70 Städte blieb bescheiden; sie
zählten im 15. Jh. jeweils nur einige hundert Einwohner. Unter den
bedeutendsten Städten rangierten Straßburg (mit ca. 18.000
Einw.), Hagenau, Colmar (je ca. 6.000 Einw.), Zabern, Mülhausen
(je ca. 1.500 Einw.). Zur Wahrung ihrer Privilegien begründeten
die zehn Reichsstädte einen Bund, an dessen Spitze Kaiser KARL
IV. trat. Dieser Zehnstädtebund (Straßburg
gehörte nicht dazu), in nachmittelalterlicher Zeit als Dekapolis
bezeichnet, bestand bis ins 17. Jh. Mülhausen trat 1515 aus, um
sich der Schweizerischen Eidgenossenschaft zuzuwenden; an seine Stelle
trat mit Billigung MAXIMILIANS I.
die Reichsstadt Landau (Pfalz). Die Dekapolis war ein Friedens- und
Stabilitätsfaktor für das gesamte Land.
Die städtische Selbstverwaltung wurde in allen Städten durch
den Rat ausgeübt, dessen Mitglieder dem Bürgertum entstammten
(Straßburg seit 1201, Mülhausen seit 1226). Er setzte sich
bis ca. 1330 ausschließlich aus Patriziern zusammen; im 14. Jh.
errangen die Handwerker - teils auf gewaltsamem, teils auf friedlichem
Wege - den Zugang zum Rat und erlangten - zu unterschiedlichen
Zeitpunkten - schließlich die dominierende Stellung
(Straßburg: 1332 die Hälfte der Ratssitze, 1420 zwei
Drittel; Colmar 1347 die Hälfte, 1360 zwei Drittel). Oft war das
Oberhaupt der Stadt ein Handwerksmeister (Ammeister in Straßburg,
Obristmeister in Colmar). In Hagenau nahmen die 12 patrizischen
Ratmannen 1332 auf Weisung LUDWIGS DES BAYERN
24 Handwerker in den Rat. Überall blieben die Geschlechter, deren
Zahl stark gesunken war, am Stadtregiment beteiligt, außer in
Mülhausen, wo sie 1445 wegen Paktierens mit den Armagnaken aus dem
Rat entfernt wurden.
Wie anderswo schlossen sich auch in elsässischen Städten die
Handwerksmeister im 14. Jh. in Zünften zusammen, die in allen
elsässischen Städten wenig zahlreich waren und daher
verschiedene Gewerbezweige vereinigten. Lehrlinge und Gesellen hatten
keinerlei Rechte in der Zunft; deshalb schlossen sich die Gesellen
mehrerer Städte im Elsaß und in Baden zusammen, um ihre
Interessen wirksam vertreten zu können. Sie ergriffen
Kampfmaßnahmen wie Boykott, Massenauszug oder Streik (zum
Beispiel Streik der Colmarer Bäckerknechte von 1495-1505). Seit
der Mitte des 14. Jh. gingen die Gesellen auf Wanderschaft; eine
Verpflichtung zum Meisterstück tritt bei den oberelsässischen
Sattlern erst 1460, bei den Straßburger Goldschmieden 1482, bei
den Malern 1516 auf. Bestimmte »unehrliche Gewerbe« waren
auf regionaler Ebene zusammengeschlossen, so zum Beispiel die Pfeifer
(schon im 13. Jh. zwischen Rhein und Vogesen organisiert unter der
Schutzherrschaft des Herren von Rappolstein) mit jährlichen
Treffen am 8. September zu Rappoltsweiler. Die Kessler und
Kupferschmiede zwischen Vogesen und Schwarzwald besaßen eine
vergleichbare Organisation, die dem Herrn von Rathsamhausen unterstand,
und deren Mitglieder sich am 20. Juli zu Breisach versammelten.
III. Wirtschaft und geistiges
Leben:
Die geographische Situation des Elsaß sicherte ihm eine wichtige
Rolle im Transithandel zwischen Flandern und Italien, besonders
während des Hundertjährigen Krieges. Der Rhein
ermöglichte den Transport schwerer Lasten zu den Messen von
Frankfurt und Köln. Im Bereich des Elsaß wurden drei
Rheinbrücken gebaut: 1225 in Basel, 1275 in Breisach, 1388 in
Straßburg; für fast drei Jahrhunderte blieb die
Straßburger Brücke die letzte Rheinbrücke vor der
Nordsee. Bedeutende Schifferzünfte bestanden in Schlettstadt sowie
in Straßburg (»Zum Enker«). Demgegenüber blieben
die Jahrmärkte (Straßburg, Zabern, Colmar usw.) bescheiden.
Wichtigstes Exportgut war der Elsässer Weißwein (Wein,
-handel), der in der Ebene und am Fuß der Vogesen angebaut wurde.
Doch verringerte sich im 15. Jh. der elsässische Weinexport wegen
der Konkurrenz der Rheinweine (aus dem Gebiet des Mittelrheins und
seiner Nebenflüsse). Die große Masse der Elsässer Weine
wurde über die Ill nach Straßburg transportiert, von dort
aus nach Frankfurt und Köln, von wo aus ein Teil weiter nach
Flandern, Danzig und Salzburg, wohl auch nach Skandinavien und
Rußland, exportiert wurde, gewöhnl. unter der
Handelsbezeichnung 'Rheinwein'. Im Westen ging der Handel mit
Elsässer Wein jedoch nicht über Lothringen und die romanische
Schweiz hinaus. Elsässisches Getreide wurde in die Nachbarregionen
ausgeführt, besonders in Zeiten der Hungersnot. Der zwischen
Hagenau und Weißenburg angepflanzte Krapp (Röti) wurde bis
Frankfurt und Freiburg im Uechtland exportiert. Demgegenüber
führte das Elsaß wenige eigene Handwerksprodukte aus. Nur
die groben, billigen Tuche aus Straßburg, Zabern und Hagenau
fanden Abnehmer in der Schweiz, in Regensburg, Frankfurt und sogar in
Lübeck. Seit dem späten 15. Jh. blühten Buchdruck und
-handel.
Die Waren des Durchgangshandels, von denen ein nicht unwesentlicher
Teil im Lande selbst verbraucht wurde, werden durch die Zolltarife des
15. Jh. dokumentiert (so vor allem englische Wolle, die nach Italien
und zu den Messen von Genf ging; Luxustuche aus Brabant und weniger
kostbare aus dem Mittelrheingebiet; Salzheringe aus dem Nord- und
Ostseeraum; Pelze und Wachs aus Rußland; Seidengewebe aus Paris;
Metallwaren aus Nürnberg; Gußeisenöfen aus Kandern
[Süd-Baden]; Gewürze und Barchent aus Italien usw.). Seit dem
14. Jh. sind einige Großkaufleute bekannt, ohne daß wir
jedoch über ihre Geschäfte Genaueres wissen, zum Beispiel der
Tuchhändler Hans Knobloch der Alte,
die Finanzleute Heinrich von
Müllenheim und Johann
Merswin, Hans von Seckingen,
der reichste Kaufmann, der mit Italien Handel trieb. Die erste
große Handelsgesellschaft (Gründungsurkunde: 1490)
vereinigte sechs Straßburger Patrizier (unter anderem Wurmser, Ingold). Dank der Notariatsregister
von Freiburg im Uechtland (seit ca. Mitte des 14. Jh.) besitzen wir
genauere Kenntnis von einigen Dutzend kleinerer elsässischer
Kaufleute; diese waren Zunftmitglieder und verbanden sich,
üblicherweise für ein Jahr, mit einem Freiburger Partner; in
Freiburg verkauften sie Wolle und kauften Lammfelle ein.
Hatten die Klöster des Elsaß, etwa Murbach, bereits im
Früh- und Hoch-Mittelalter eine bedeutende geistesgeschichtliche
Rolle gespielt (zum Beispiel Otfrid von Weißenburg, Herrad von
Landsberg), so waren die Städte seit dem 13. Jh. wichtige
Pflegestätten der Geschichtsschreibung (Chronik, C), der
scholastischen Theologie (zum Beispiel Thomas
von Straßburg) und insbesondere der mittelhochdeutschen
Dichtung (zum Beispiel Gottfried von
Straßburg). Im 14. Jh. war das geistige Leben stark von
der Mystik geprägt (Gottesfreunde, Rulmann Merswin, Johannes Tauler). Als Zentren des Humanismus
(vgl. zum Beispiel Sebastian Brant,
Johann Geiler von Kaysersberg)
wurden die elsässischen Städte seit dem ausgehenden 15. Jh.
auch zu bedeutenden Orten des Buchwesens.
IV. Grundherrschaft und
Bauerntum:
Im Spät-Mittelalter waren die beiden größten
Herrschaften diejenige der HABSBURGER,
erweitert um das Erbe der Grafen von Pfirt, und diejenige des Bischofs
von Straßburg. Beide werden durch zwei Urbare des 14. Jh.
verhältnismäßig gut dokumentiert. Über
Rechtsbräuche und Hofrechte sind wir durch Weistümer (mehr
als 300 vom 13. bis zum frühen 16. Jh.) unterrichtet; sie sind
fast stets auf einen begrenzten Bereich, ein Dorf oder einen
Dinghofverband, bezogen. Die elsässischen Historiker des 19. Jh.
haben sich vor allem der Erforschung der zahlreichen Dinghöfe
(colonges) zugewendet. Hierbei handelt es sich um Hofverbände, die
von einem Meier geleitet wurden, dem die abhängigen Huber
unterstanden; diese saßen teils in dem beim Dinghof befindl.
Dorf, teils in anderen Dörfern und waren dem Todfall unterworfen.
Gegenüber der sonstigen ländlichen Bevölkerung bildeten
diese Hufenbauern eine privilegierte Gruppe, insbesondere durch
erweiterte Rechte an der Allmende. Es handelt sich hierbei jedoch um
keine ausgesprochene Besonderheit des Elsaß. Im
Spät-Mittelalter war der Unterschied zwischen freien und unfreien
Hufen geschwunden; die Bauerngüter wurden nun ausschließlich
nach ihrer Größe unterschieden, wobei das vorherrschende
Bauerngut die Viertelhufe war (Mentag oder Schuppose im Sundgau). Zwar
erhielten sich an wenigen Orten noch Eigenleute, insgesamt aber waren
freie und unfreie Bauern im Stand der Hörigen aufgegangen, die vor
Bauding und Amtmann gleiche Rechtstellung hatten.
Lebensbedingungen und Lebensstandard waren im 15. Jh. offenbar nicht
ungünstig. Dennoch herrschte eine tiefe Unzufriedenheit; Ursache
war wohl der Tiefstand der Agrarpreise, das Vordringen des
römischen Rechts auf Kosten des überkommenen
Gewohnheitsrechts unter zunehmender Beschränkung der
dörflichen Gerichte durch die Territorialherrschaft, die
Verschuldung und der Wucher. 1493 bildete sich in mehreren
Winzerdörfern um Schlettstadt eine Verschwörung aus, mit
Unterstützung des ehemaligen Schultheißen dieser Stadt;
unter dem revolutionären Banner des Bundschuh propagierten die
Verschwörer eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft (Revolte).
Das Komplott wurde aufgedeckt, seine Führer hingerichtet. Um 1500
zirkulierte die Kampfschrift des soganannten Oberrheinischen
Revolutionärs, der eine gewaltsame Abschaffung des Feudalsystems
forderte. Teile des Elsaß wurden auch 1502, 1513 und 1517 von
Unruhen erfaßt, die ihren Ursprung in Baden hatten. Es waren
Vorboten des Bauernkrieges.
Ph. Dollinger