Hoensch, Jörg K.: 2000 Seite 165,170,172,202-205,211
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„Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437.“

Am 16. Oktober wurde in Pirna mit allen Beteiligten ein bis Pfingsten 1373 terminierter Waffenstillstand vereinbart und Verhandlungen mit dem Ziel geführt, durch die Verlobung des Kaiser-Sohnes SIGISMUND mit der gerade geborenen zweiten Tochter Ludwigs I., Maria, zu einem dauerhaften Einvernehmen mit dem König von Ungarn und Polen zu gelangen.
Während WENZEL das Königreich Böhmen mit der Oberherrschaft über die Markgrafschaft Mähren, die schlesischen Herzogtümer, über Teile der Ober-Lausitz sowie die böhmischen Lehen in der Oberpfalz, in Franken, Schwaben, Thüringen und Meißen übernehmen sollte, wurde SIGISMUND, der über seine Verlobte Maria Aussicht auf die Königreiche Polen und Ungarn besaß, fast die gesamte Markgrafschaft Brandenburg zugeteilt.
Vor allem die Realisierung des am 14. April 1375 in Brünn vertraglich abgesicherten Heiratsprojekts seines Zweitgeborenen SIGISMUND, aber auch die Regelung von Fragen allgemeiner politischer Bedeutung veranlassten KARL IV., trotz qualvoller Gichtattacken im Winter 1377/78 eine Reise nach Paris zu unternehmen.
In dem 1375 abgeschlossenen Ehevertrag für SIGISMUND und Maria war es nämlich den Beauftragten KARLS IV. nicht gelungen, präzise Bestimmungen über die Thronfolge nach dem Ableben Ludwigs I. unterzubringen; auch eine eindeutige Anerkennung Marias als Erbin der Kronen Polens und Ungarns war unterblieben. Obschon Katharina von Ungarn im Sommer 1378 starb und danach der Plan einer neapolitanisch-ungarischen Personalunion fallengelassen wurde, war bis zu KARLS IV. eigenem Tod am 29. November nicht sichergestellt, ob und in welchem Ausmaß seiner Heiratspolitik mit der angestrebten Machterweiterung für sein Haus in Richtung Polen und Ungarn erfolgreich umgesetzt werden könnte.
Denn wenige Tage zuvor (1380) hatten Wenzel IV. und Ludwig I. im slowakischen Altsohl die Ehevereinbarung für SIGISMUND und Maria aus den Jahren 1372 und 1375 wiederholt, worauf der ungarische und polnische Monarch Mitte August Adel und Geistlichkeit Polens veranlasste, seiner Tochter als ihrer künftigen Königin zu huldigen; im September wurde in Tyrnau die Verlobung gefeiert und der Bräutigam seinem Schwiegervater zur weiteren Erziehung übergeben. Etwa später konnte ein Eheprojekt zwischen Ludwigs Tochter Hedwig und Leopolds III. Sohn Wilhelm verabredet werden.
Die Auseinandersetzungen um den Landfrieden im Reich, aber auch der Tod König Ludwigs I. von Ungarn und Polen am 11. September 1382 zwangen WENZEL erneut, den Zug nach Italien aufzuschieben. Zwar konnte Maria von Anjou ohne Schwierigkeiten die Nachfolge im St. Stephansreich antreten, aber ihrem Verlobten SIGISMUND VON LUXEMBURG gelang es auch mit militärischen Mitteln nicht, die Mehrheit des polnischen Adels zu einer Huldigung zu veranlassen, zumal er mit keiner Unterstützung seitens der Königs-Witwe, der bosnischen Prinzessin Elisabeth Kotromanic, rechnen konnte, die ihre jüngere Tochter Hedwig (Jadwiga) als Nachfolgerin in Polen favorisierte. Nach schweren Verwicklungen wurde die zur Aufgabe ihrer Verlobung mit Wilhelm von Habsburg gezwungene Hedwig im Oktober 1384 in Krakau zur Königin gekrönt.
Die Gefahr, dass das von Kaiser KARL IV. so geschickt geknüpfte Netz der dynastischen Verbindungen zugunsten der LUXEMBURGER an der entscheidenden Stelle reißen könnte, wurde offenkundig, als die Königs-Witwe Elisabeth im Spätjahr 1384 mit der Annäherung Ungarns an Frankreich Ludwig von Orleans die Ehe mit Königin Maria anbot und Anfang 1385 deren Verlobung mit SIGISMUND löste.
Die Lage in Ungarn wurde freilich noch unübersichtlicher, als Karl von Durazzo, der sich im Königreich Neapel als Karl III. gegen Ludwig von Anjou durchgesetzt hatte, im Interesse einer Einbeziehung Ungarns in die französische Einfußsphäre und den danach erwarteten Übergang in die avignonesische Obödienz zu unterbinden, mit Rückendeckung einer Magnatenfaktion im September 1385 in Dalmatien landete und als nächster männlicher Verwandter des verstorbenen Königs Ludwig I. die Nachfolge beanspruchte. SIGISMUND gelang es nur, im Herbst die Eheschließung und den Vollzug des Beilagers mit Königin Maria zu erzwingen, bevor er das Land fluchtartig verlassen musste. Erst nachdem der am 31. Dezember 1385 zum König gekrönte Karl III. im Februar 1386 einem von der Königs-Witwe Elisabeth in Auftrag gegebenen Mordkomplott zum Opfer gefallen war, rückte SIGISMUND mit ener kleinen Streitmacht wieder in Ungarn ein. Erst als die Königinnen im Sommer in die Gefangenschaft der neapolitanischen Partei gerieten und Elisabeth Kotromanic ermordet worden war, wurde SIGUISMUND vom „Rat der Landesbewohner“ zum capitaneus ernannt und am 31. März 1387 zum König von Ungarn gekrönt.
SIGISMUND, in Ungarn nach dem Sieg Sultan Murads I. 1389 auf dem Amselfeld wachsendem Druck der Osmanen ausgesetzt und auf Militärhilfe aus dem Reich hoffend, musste nach dem tödlichen Reitunfall seiner Gemahlin Maria im Mai 1395 wegen der Ansprüche seiner Schwägerin Hedwig, der polnischen Monarchin, erneut um seine Königtum bangen.