FREIE PRESSE vom 06.03.1998

Eine starke Frau an Heinrichs Seite

Vor 965 Jahren verstarb Kaiserin Kunigunde - Gründung des Bistums Bamberg als Krönung

Am Ostportal des Bamberger Domes steht eine junge Dame. Schlank und anmutig, mit langem Haar und fließendem Gewand - eine zeitlose Schönheit seit 700 Jahren. Die "Blume Bambergs" nannten frühere Chronisten sie. Bescheiden weist die junge Frau auf den Mann zu ihrer Linken, den Gatten, dem sie alles zu verdanken hat, Macht, Einfluß und Würde, Kaiser HEINRICH II., den letzten Herrscher aus dem Haus der OTTONEN.
Doch der Eindruck des Figurenpaares an der Adamspforte des Bamberger Doms täuscht. Kunigunde, die Kaiserin, Nonne und Heilige, war nicht das zarte Engelswesen, zu dem sie das spätere Mittelalter so gerne gemacht hätte. Als Kunigunde vor 965 Jahren, am 3. März 1033, in ihrer Klostergründung Kaufungen bei Kassel als fromme Nonne starb, hatte sie sich ihren Zeitgenossen längst als tatkräftige, lebenskluge und politisch handelnde Frau eingeprägt. Die Forschung entdeckt sie nun wieder, die starken Frauen der OTTONEN, Adelheid, die Burgunderin, Theophanu, die Byzantinerin, und Kunigunde, die Heilige. Ihr Leben zeigt eine überraschende Vielfalt politischer Handlungsspielräume, wie die Kasseler Historikerin Ingrid Baumgärtner in ihrem neu erschienen Aufsatzband "Kunigunde - eine Kaiserin an der Jahrtausendwende" am Beispiel der heiligen Herrscherin eindrucksvoll und überzeugend nachgewiesen hat.

Eine wirklich gute Partie
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Wenig Persönliches ist über die Frau an der Zeitenwende bekannt, nicht einmal ihr genaues Geburtsdatum war der Überlieferung wert. Doch in der Fülle indirekter Hinweise läßt sich das Leben der Kaiserin plastisch rekonstruieren. In einem Drittel aller Urkunden, die Kaiser HEINRICH ausgestellt hat, tritt Kunigunde als mächtige Fürsprecherin und Vermittlerin hervor. Allein ihr stolzer Stammbaum läßt erahnen, welche Bedeutung Kunigundes Heirat mit dem Bayernherzog und späteren Kaiser HEINRICH um das Jahr 1000 hatte. Die Grafentochter aus dem Hause LUXEMBURG konnte die Reihe ihrer Ahnen bis zu den KAROLINGERN zurückführen und sich auch der wohlwollenden Nähe zu Kaiser OTTO III. rühmen. Propagandistisch dürfte für HEINRICH der Zugewinn an genealogischem Prestige bei seiner coupartigen Machtübernahme nach dem Tod des kinderlosen OTTO III. 1002 hervorragend zu nutzen gewesen sein. Der Sohn Heinrichs des Zänkers, des ewigen Rebellen gegen die ottonische Königsherrschaft, hatte nicht unbedingt die besten Trümpfe im Spiel der Prätendenten um die Macht in der Hand. Offiziell trat Kunigunde stets einen Schritt hinter ihren Gatten zurück. Ihre Krönung zur Königin wurde erst nach der des Ehemannes als gesonderter Akt in Paderborn am 10. August 1002 vollzogen. Doch das Paar, das 1014 in Rom die Kaiserwürde erlangte, agierte von Beginn seiner Herrschaft an gemeinschaftlich.
Tatsächlich rettete die Frau an HEINRICHS Seite das Reich aus manch gefahrvoller Stunde. Als Stellvertreterin ihres abwesenden Mannes organisierte sie 1012 und 1016 die Sicherung der brüchigen Ostgrenze in Sachsen, mobilisierte das Landaufgebot und sorgte sich um eine rasche Informationspolitik nach Westen. Innenpolitisch vermittelte sie in Streitigkeiten und Fehden und bemühte sich um einen Ausgleich zwischen dem Kaiser und ihrer eigenen ehrgeizigen luxemburgischen Verwandtschaft, der sie die bayerische Herzogswürde sicherte. Unbestrittener Höhepunkt der gemeinsamen Innenpolitik war jedoch die Gründung des Bistums Bamberg 1007, der das Kaiserpaar seine spätere Heiligsprechung zu verdanken hatte. HEINRICH befand sich dabei in eher peinlicher Lage, denn weite Gebiete um Bamberg, die er für seine kirchenpolitischen Pläne brauchte, hatte er seiner Frau bereit als Morgengabe überlassen. Doch Kunigunde erkannte den politischen Wert der Bistumsgründung, das als Zentrum der Mission weit in den unruhigen Osten hineinwirken sollte. Bereitwillig tauschte sie ihre Morgengabe gegen den wenig bedeutenden Königshof in Kassel ein. Es war ihr ein Anliegen, das verkehrstechnisch günstig gelegene Bamberg zu einem "neuen Rom des Ostens" auszubauen und dem Reich einen neuen Mittelpunkt zu geben. Es war die wohl größte Leistung des Kaiserpaares, unter Zurückstellung der Italienpolitik die Verhältnisse im Reich gefestigt zu haben. Selbst der Papst pilgerte 1020 nach Bamberg.
Kunigunde wußte jedoch auch wohl um die Schatten ihrer Herrschaft; sie hatte dem Reich keinen Thronfolger geschenkt. Vorausschauend plante sie daher die Zeit ihrer Witwenschaft, in der sie notwendigerweise ihren politischen Einfluß verlieren mußte. In Kaufungen gründete sie ein mit reichen Gütern ausgestattetes Kloster, in das sie nach dem Tod ihres Gatten 1025 als Nonne eintrat. Zuvor hatte sie noch einmal ihr politisches Geschick bei der reibungslosen und raschen Machtübernahme durch KONRAD II. unter Beweis gestellt. Die Legende schilderte sie später als bescheidene Nonne, die nach ihrem Tod 1033 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in den Bamberger Dom an der Seite ihres Gatten bestattet wurde.

Legendärer als ihr Gatte
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Spätere Jahrhunderte wollten in Kunigunde nicht mehr die politisch handelnde Regentin und selbständige Frau sehen. Nachdem 1146 Kaiser HEINRICH II.auf Betreiben der Bamberger Kirche kanonisiert worden war, sah man auch Kunigunde im neuen Licht, nun aber als devote Gattin und keusch lebende Jungfrau. Die Kinderlosigkeit der Gatten gab Anlaß zur Spekulation, das Paar habe freiwillig sexuell enthaltsam gelebt. Im Zuge der Marienverehrung erhielt die fromme Kaiserin mehr und mehr mariologische Züge. Legenden umrankten ihr Leben, konzentriert in dem Bericht um das "Pflugscharenwunder", nach dem die verleumdete Kunigunde in einem Gottesurteil ihre jungfräuliche Unschuld durch das wandeln auf glühenden Pflugscharen bewiesen haben soll. Am 29. März 1200, 54 nach ihrem Mann, wurde Kunigunde heilig gesprochen. Aber schon bald überlagerte ihr Kult den ihres Mannes. Das legendenverklärte Leben der Frau bot offenbar wesentlich mehr Ansatzpunkte zur Verehrung als der "politische Heilige" HEINRICH.