Baumgärtner Ingrid: Seite 24,36-38
****************
"Kunigunde - eine Kaiserin an der Jahrtausendwende"

In welchen Zusammenhängen erscheint Kunigunde nun als politische Handlungsträgerin? Aufsehenerregendestes Beispiel ist sicherlich ihre Funktion als Stellvertreterin des Königs bei der Grenzsicherung 1012 und 1016 in Sachsen, ein Beweis für ihre mutige Tatkraft am Rande von Feldzügen und Kampfhandlungen. Zu erinnern ist an ihre schnelle Reaktion nach dem Tod des Erzbischofs Walthard von Magdeburg, königlicher Sachwalter im gefährdeten Sachsen; als sie den vor Metz lagernden HEINRICH sofort über die neue Situation  informieren ließ, betraute er sie voller Bewunderung für ihre Wachsamkeit unverzüglich mit den Reichsgeschäften. Als Herzog Boleslaw der Große bald darauf aus Polen anrückte, mobilisierte sie politisch klug und geschickt selbständig das Landesaufgebot, um so bestens gerüstet, das Eintreffen des Königs zu erwarten. Ein ähnliches Vertrauen in die Tatkraft der Königin zeigte HEINRICH im Sommer 1016, als er sie für die gesamte Dauer seines Feldzugs gegen den Grafen Otto Wilhelm von Burgund mit der Verteidigung der Ostgebiete betraute. All dies waren Königsaufgaben, die Kunigunde gleichsam selbstverständlich ausführte, wenn HEINRICH an anderer Seite im Reich gebraucht wurde.
Nach dem Tode HEINRICHS II. in Grone führte Kunigunde gemäß dem Bericht von Wipo die Reichsgeschäfte besonnen und wachsam fort, beraten übrigens von ihren Brüdern Bischof Dietrich II. von Metz (1006-1047) und Herzog Heinrich von Bayern. Dem auch bei männlichen Herrschern üblichen Beraterstab dürfte auch der dort nicht erwähnte Erzbischof Aribo von Mainz angehört haben, dessen Vertrauen zur Kaiserin in politischen Fragen bereits einige Jahre früher in einem persönlichen Brief sichtbar geworden war. Die erforderlichen Aufgaben, nur allgemein zu fassen mit der Aufbewahrung der Reichsinsignien und der Wahrung der "Belange des Reiches", versah die Witwe aus der Sicht der neueren Forschung "mit Geschick und Tatkraft". Leider sind für diese Zeit keine eigenständigen Urkunden überliefert. Vermutlich war Kunigunde an der Festsetzung von Ort und Zeit der notwendigen Wahlversammlung in Kamba beteiligt. Hier überreichte sie nach Wipos Bericht dem neugewählten König KONRAD DEM ÄLTEREN gleichsam zur Bekräftigung seiner Rechtmäßigkeit die Reichsinsignien. Das kurze Interregnum von nur sechs Wochen spricht für die zügige Entschlossenheit der Kaiserin, die aufgrund ihrer Kinderlosigkeit keine längere formalisierte Reichsverweserschaft zu erwarten hatte.
Die verfassungsrechtlichen und geschlechtsspezifischen Aspekte dieser Reichsverweserschaft und Insignienübergabe sind unlängst breit diskutiert worden. Durch den abschließenden Rückzug nach Kaufungen verschwand die Kaiserin schnell aus der Reichspolitik. Übrig blieben allerdings noch die Besitzungen, die sie und das Kloster Kaufungen, sei es aus Eigengut oder aus Königsgut, erhalten hatte. Interessant für die Erforschung Kunigundes als politisch Handelnder sind deshalb noch die vier Schenkungen, welche die Witwe nach Einsetzung des Nachfolgers zugunsten bayerischer Klöster und Bistümer ausstellte. Beweisen Faktoren wie die Anrede der Kaiserin-Witwe in der dritten Person, die urkundlichen Kurzformen ohne das Protokoll eines Diploms und eine spätere Bestätigung durch KONRAD II. die Machtlosigkeit der Kunigunde in der kurzen Zeit ihrer Regentschaft und den neun Jahren ihrer Witwenschaft? Wohl kaum, wenn man sich überlegt, dass Kunigunde in kurzer Zeit sozusagen "ihr Haus bestellte" - wohl zuerst das Reich und später ihre Besitzungen. Sie hat offenkundig eigene Initiativen ergriffen, vielleicht um - ähnlich wie nachweislich später Agnes - all die Gemeinschaften zu entschädigen, die bedingt durch ihre eigene Dotation in Bayern Einbußen erlitten hatten und Restitutionsforderungen hätten erheben können. Die genaueren Bedingungen solcher Besitzschenkungen oder Besitzveräußerungen müßten aber erst durch intensivere Forschungen über Kunigundes Güter bestimmt werden.
Auch als Witwe tritt uns Kunigunde noch in mehrfacher Weise als aktiv Handelnde entgegen. Nach ihrer Reichsverweserschaft und der Übergabe der Insignien war ihr politisches Handlungsspektrum aber gewiß enger geworden, wenngleich der Rückzug ins Kloster freilich nicht mit vollkommener Machtlosigkeit gleichzusetzen ist. Dies belegen die Selbstverständlichkeit ausgestellten Verfügungen über ihre Besitzungen.