Mühlbacher Josef: Seite 48-59
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"Lebenswege und Schicksale staufischer Frauen"

HEINRICH VI. war ein harter, rücksichtsloser, ja grausamer, in Weltreichpläne vergrübelter Kaiser, der "das Volk der Deutschen groß und gefürchtet gemacht bei allen Völkern". "Dem Volk war er wenig freundlich noch wohlgesinnt", stellte der Patriarch von Aquileja fest. Innozenz III. schrieb über ihn: "Des Nordsturms Wut durchfährt die kalabrischen Berge mit einem neuen Beben der Erde, und durch die Ebenen des flachen Apulien jagt er in Wirbeln den Wanderern und Bewohnern Staub in die Augen." Wenn es von HEINRICH heißt, er sei wie "der Nordsturm und Winter in den Rosengarten Sizilien" eingebrochen, so spricht daraus auch die allgemeine Abneigung der Sizilianer und Italiener gegen die Deutschen, die ihnen als eigenwillig und rechthaberisch galten und plump, roh und unhöflich erscheinen, deren Sprache ihnen wie Hundegebell und Krächzen klang. HEINRICH hat diese Urteile und Vorwürfe durch sein Verhalten in Sizilien herausgefordert.
Konstanze war kurz nach dem Tod ihres Vaters Roger II. 1154 geboren worden, ihre Mutter, die dritte Gemahlin Rogers II., Beatrix von Rethel (Ardennen), entstammte mütterlicherseits lothringischem Adel. Konstanze war schön, stolz und tatkräftig und blieb auch nach ihrer Vermählung eine normannisch-sizilische Patriotin, was den Verdacht weckte, sie sei gegen die STAUFER mitverschworen gewesen Der Minorit Salimbene von Parma nannte sie "ein schlechtes Weib und den Gattinnen ihrer Brüder und der ganzen Familie zur Last."
HEINRICHS Mutter Beatrix von Burgund soll von Konstanze in schweren Träumen verfolgt worden sein. Zeichendeuter des normannischen Hofes hatten vorausgesagt, sie werde ihr Vaterland ins tiefste Verderben stürzen. Dass die Verbindung Konstanzes mit HEINRICH VI. die Vereinigung  Siziliens mit Deutschland brachte, schon das war ein unerhörtes, ein die Welt aufschreckendes Ereignis.
Konstanze hatte jahrelang im Kloster der Basilianischen Nonnen, nahe dem königlichen Palast in Palermo, und in anderen Klöstern, gelebt. Ob sie freiwillig oder von ihren Verwandten veranlaßt ins Kloster gegangen war, wissen wir nicht, auch nicht, ob sie den Schleier genommen; jedenfalls wurde ihr zum Vorwurf gemacht, das Kloster verlassen zu haben, um zu heiraten. Vor ihrer Vermählung wurde Konstanze 1185 nach Rieti gebracht, mit einer Aussteuer, deren Schilderungen ans Fabelhafte grenzen. Konstanze war groß und blond und von heller Hautfarbe, sie wirkte trotz des byzantinischen Prunks bescheiden. Sie war 32, HEINRICH 22 Jahre alt.
Die Trauung fand am 27. Januar 1186 in Mailand statt. Da der Dom noch nicht vollendet war, fand die Eheschließung in der Kirche San Ambrogio statt, die aus einem Kornspeicher in einen halbwegs würdigen Zustand versetzt worden war. Der Patriarch von Aquileja vollzog die Vermählung ohne Zustimmung des Papstes. HEINRICH und Konstanze wurden zugleich mit der Eisernen Krone der Lombarden gekrönt und Konstanze empfing von einem deutschen Bischof die deutsche Königskrone. Nach der Trauung begab sich HEINRICH mit Konstanze zur Kaiserkrönung nach Rom.
Während der Italienzuges HEINRICHS VI. zur Eroberung Siziliens 1191 - ein Jahr nach dem Tod FRIEDRICHS I. BARBAROSSAS - geriet Konstanze in die kriegerischen Auseinandersetzungen, und auf die falsche Nachricht hin, der Kaiser sei in Neapel der Seuche erlegen, in die Hände der Gegner HEINRICHS VI. Sie wurde in einem Turm in Salerno festgehalten, wo sie sich mutig und tapfer verteidigte, bis sie nach ihrer Auslieferung in Messina von ihrem illegitimen Neffen Tankred würdig aufgenommen, aber als Geisel betrachtet wurde; schließlich mußte sie Tankred auf Befehl des Papstes, reich beschenkt, nach Deutschland bringen lassen.
Wenige Tage nach der Krönung zum König von Sîzilien (Weihnachten 1194) erreichte HEINRICH die Nachricht, dass Konstanze am zweiten Weihnachtstag in Jesi in der Mark Ancona einen Sohn zur Welt gebracht hatte.
Die Geburt FRIEDRICHS veranlaßte den kampagnischen Dichter und Weisen Petrus von Eboli, Vergils 4. Hirtengedicht von der Verheißung eines Friedensfürsten auf den Neugeborenen zu deuten; Gottfried von Viterbo begrüßte ihn als den die Zeit erfüllenden Cäsar, als den erwarteten Weltenkönig.
Die Umstände der Geburt gaben Anlaß zu einer überreichen, meist böswilligen Legendenbildung. Konnte das Kind von einer 40-jährigen Frau nach neunjähriger unfruchtbarer Ehe geboren worden sein? Konstanze selbst wollte befürchteten Verdächtigungen zuvorkommen. Sie habe, heißt es, das Kind in einem Zelt zur Welt gebracht, in welchem jede verheiratete Frau der Geburt beiwohnen konnte; sie habe sich auf dem Markt dem Volk mit entblößten Brüsten beim Stillen des Kindes gezeigt.
Die Verdächtigungen konnten dadurch nicht aus der Welt gebracht werden. Der Abt Albert von Stade berichtet in seinen Annalen: Die Ärzte aus Salerno "ließen aber Konstanzes Gebärmutter durch Arzneien allmählich anschwellen, so dass der Kaiser fest glaubte, sie sei schwanger. Inzwischen aber sahen sich die Ärzte nach einem Kinde um, so dass von verschiedenen schwangeren Frauen, die zur Zeit der Niederkunft Konstanzes gebären mußten, nach einem streng geheimen Plan ein Kind geraubt wurde, um zur Zeit der Niederkunft Konstanzes in den Palast an ihr Bett getragen zu werden, wo es so, obwohl woanders geboren, gleichsam von Konstanze geboren wurde und der Sohn eines anderen für den Sohn des Kaisers und der Kaiserin gehalten worden ist. Man sagte aber, es sei zweifelhaft, ob jenes Knäblein der Sohn eines Arztes oder eines Müllers oder aber eines Falkners gewesen sei; aber die Leute beteuern wahrhaftig, es sei der Sohn eines dieser drei gewesen." Der STAUFER-feindliche Minorit Salimbene von Parma hat FRIEDRICH für den Sohn eines Fleischers gehalten, was FRIEDRICH Zeit seines Lebens vorgeworfen wurde.
HEINRICH ließ seine Gemahlin für Ostern 1195 nach Bari kommen, wo er einen Reichstag abhielt. Der kleine FRIEDRICH blieb in den folgenden drei Jahren in Foligno in der Obhut des Herzogs von Spoleto, zu dem konrad von Urslingen erhoben worden war. Nach Bari hatte der Kaiser auf 160 Maultieren aus Palermo den Kronschatz und die Reichsinsignien bringen lassen, die nach der Reichsfeste Trifels weiterbefördert wurden.
Als nach dem Reichstag von Bari HEINRICH neuerdings nach Deutschland aufbrach, stellte er Konstanze an die Spitze des Regentschaftsrates über Sizilien. Mit Hilfe ausgiebiger Geschenke an die Fürsten ließ HEINRICH seinen noch ungetauften zweijährigen Sohn FRIEDRICH zum deutschen König wählen.
In Sizilien war das Blutgericht vom Stephanstag 1194 nicht vergessen. Die sizilianische Unabhängigkeitsbewegung gegen HEINRICH und die Deutschen überhaupt nutzte die Abwesenheit HEINRICHS, und es wurde vermutet, Konstanzeunterstütze oder dulde sie. In Unteritalien schürte Richard von Acerra, der Schwager König Tankreds, den Widerstand gegen HEINRICH. Dieser sah sich zur Rückkehr nach Italien gezwungen. Was HEINRICH nun an Grausamkeiten verübte, hat mit einer Bestrafung von Aufständischen nichts mehr zu tun. Richard von Acerra ließ er von Pferden durch die Straßen von Capua schleifen; als er nach zwei Tagen noch immer lebte, nachdem er an den Füßen aufgehängt worden war, erlöste ihn sein Hofnarr von den Qualen durch um den Hals gebundene Gewichte, an denen Richard von Acerra erstickte. In Palermo ließ HEINRICH den Grafen Giordano, der als Haupt des Widerstandes galt, auf einen eisernen glühenden Thron setzen und ihm eine glühende Krone mit Nägeln an den Kopf schlagen. Diesen und anderen Folterungen mußt Konstanze an der Spitze ihres Gatten beiwohnen. Was Wunder, dass sie vor soviel Grausamkeit zurückschreckte und mit ihren gepeinigten Verwandten und Landsleuten fühlte? Sie wurde, vom Kanzler Walther von Pagliara bewacht, im königlichen Palast gefangengehalten.
Am Reichstag von Bari hatte HEINRICH einen Kreuzzug gelobt. Als sich das Heer einzuschiffen begann, brach in Sizilien eine neuer Aufstand los - HEINRICH versprach eine Generalamnestie. Wollte er die Sizilianer auf diese Weise für sich gewinnen? War das nach dem, was geschehen war, noch möglich?
Auf der Jagd im Waldgebirge unterm Ätna erkrankteHEINRICH. Er wollte nach Palermo gebracht werden, kam aber nur bis zu dem in maurischem Stil erbauten Schloß von Favara. In Fieberfantasien sprach der Kaiser von dem Weltreich, das er zu schaffen gedachte. Dann diktierte er, wieder bei klaren Sinnen, sein Testament - ein Dokument der Zerknirschung. Am 28. September 1197 "fällte ihn der Neid des Todes". Er starb an der den STAUFERNverhängnisvollen Malaria. Konstanze war anwesend - es lag schon im Stil der Zeit, sie des Giftmordes an ihrem Gemahl zu bezichtigen. Er wurde im Dom von Palermo bestattet.
Die verwitwete, schwergeprüfte Konstanze versuchte tatkräftig, der heillosen Verwirrung in Sizilien Herr zu werden; es gelang ihr nicht mehr. Ein Jahr nach dem Tod ihres Gemahls erkrankte sie. Sie ließ, wohl in der Ahnung ihres nahen Endes, ihren vierjährigen Sohn am 17. Mai 1198 zum König von Sizilien krönen und übergab ihn und das Land der Obhut des Papstes. Am 27. November starb sie, ein Jahr nach dem Tode HEINRICHS. Sie wurde neben ihm im Dom zu Palermo, der Ruhestatt ihres Vaters beigesetzt.