Patze Hans/Schlesinger Walter: Seite 35-41
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"Geschichte Thüringens"

Der Kaiser stand zu seinem Wort und erneuerte dem erst fünf Jahre alten Hermann II. noch am Sterbeort des Vaters die Eventualbelehnung mit der Mark Meißen für den Fall, dass Markgraf Heinrich sterben würde, bevor er die Volljährigkeit erreicht hatte. Der Onkel des Grafen war vermutlich noch beim Aufbruch Ludwigs zum Kreuzzug zum Regenten bestimmt worden. HEINRICH RASPE, der das Land zunächst mit seinem Bruder Konrad regierte, beschränkte sich auf die Erhaltung des Territoriums. Unverkennbar rückte Hessen wieder stärker in den Vordergrund der politischen Überlegungen. Privilegierungen für das Kloster Lippoldsberg im Norden der Grafschaft für Arnsburg im Süden und das Bündnis mit den Grafen von Battenberg von 1228, das als ein Erfolg gegenüber Mainz gelten konnte, lassen das erkennen. HEINRICH RASPE hatte damit die Bemühungen Siegfrieds II. von Mainz um die im Raum der oberen Eder ansässigen Herren von Wittgenstein zunichte gemacht. Die Wittgensteiner wurden Burgmannen in Marburg. Sie nahmen ihr Schloß Kellerberg als Kunkellehen von den Landgrafen. Die Stadt Frankenberg, im gleichen Raum gelegen, scheint in diesen Jahren gegründet worden zu sein. Um dieselbe Zeit erscheint (1231) im Nordwesten der Grafschaft Hessen zum ersten Male Wolfhagen. Der Erzbischof von Mainz antwortete darauf mit der planmäßigen Anlage der Stadt Landsberg, die vermutlich die Grafen von Waldeck als Lehensleute erbauten.
Hessen war in den 30-er Jahren von mancherlei Spannungen durchzogen, die auf eine Lösung drängten; als eine Bedrohung dürften die Landgrafen die Erbauung der Burg Heiligenberg am rechten Ederufer durch den Erzbischof von Mainz empfunden haben. Mit Fritzlar zusammen bedrohte die Burg das Zentrum der Grafschaft Hessen mit den Städten Felsberg und Gudensberg und unterbrach die Verbindung aus diesem Raum nach Melsungen. Kein Wunder, dass Landgraf Konrad, der seit 1231 die Grafschaft Hessen als Herrschaftsgebiet zugewiesen erhalten hatte, im folgenden Jahre Fritzlar nach Belagerung einnahm. Bei der Plünderung der Stadt fielen Bischof Heinrich von Worms, Propst Heinrich von Heiligenstadt, Propst Gumbert von Fritzlar in seine Hände. Vermutlich wurde Heiligenberg gleich Fritzlar zerstört. Landsberg wurde bei dieser Gelegenheit für alle Zeiten in Trümmer gelegt. Die Kämpfe endeten mit einem Vergleich auf der Grundlage eines uns nicht bekannten Vertrages, den Siegfried II. von Mainz und Ludwig IV. 1219 geschlossen hatten. Wolfhagen mußte der Landgraf von Mainz zu Lehen nehmen. Konrad wich nun auf das Gebiet der Verhandlungen und Verträge aus. Er schloß mit den Grafen von Ziegenhain ein Bündnis. Durch dessen Bestimmungen mußte der Landgraf auf Rechtsansprüche an der Burg Staufenberg bei Gießen verzichten. Verschiedene Artikel des Vertrages verdeutlichen die Verstaatung der hochmittelalterlichen Herrschaft. Von den territorialpolitischen Bestimmungen ist wichtig der Verzicht der Grafen von Ziegenhain auf die Burgen Reichenbach und Keseberg.
Die Feindschaft der Landgrafen hatte die Mainzer Partei auch in Thüringen zu erdulden. Aus unbekannten Gründen eroberte HEINRICH RASPE die den Grafen von Gleichen gehörende Burg Velseck und ließ 23 Gefangene enthaupten. Der Erzbischof von Mainz hätte mit Blindheit geschlagen sein müssen, wenn er gegen die von den Landgrafen sowohl in Hessen als auch in Thüringen gestiftete Unruhe nicht zu Abwehrmaßnahmen ausgeholt hätte. Am 18. Mai war die Burg Velseck zerstört worden. Ende des Jahres schloß Graf Widekind I. von Wittgenstein mit dem Erzstift Mainz einen Vertrag, der dem Erzstift die Hälfte von Burg und Stadt Battenberg und des Schlosses Kellerberg mit der zugehörigen Grafschaft überließ. Der Graf verstieß damit zum Teil gegen die 1228 mit dem Landgrafen geschlossenen Vereinbarungen. Im Süden der Grafschaft mußten die LUDOWINGER einen ähnlichen Rückschlag hinnehmen, als Erzbischof Siegfried III. 1237 den Herren von Merenburg die Grafschaft Ruchesloh mit gewissen Einschränkungen abkaufte. Durch den Vertrag von Marburg, die Hauptbastion der Landgrafen im Süden der Grafschaft, vom Osten, Süden und Westen fast lückenlos durch Mainzer Gebiet eingeschlossen. Im gleichen Jahr trug der Graf von Ziegenhain sein Haus auf der Burg Ziegenhain dem Erzstift zu Lehen auf. 1241 unterstellten die Herren von Linsingen ihre Burg Jesberg dem Schutz des Erzstiftes und wurden Mainzer Burgmannen. Damit kontrollierte das Erzstift die Straße Kassel-Maden-Erfurt noch besser als bisher.
Im Eichsfeld gelang es 1236 HEINRICH RASPE, von Quedlinburg Güter und Rechte in der Mark Duderstadt zu kaufen. Eine Störung der Mainzer Territorialpolitik im Eichsfeld war den Landgrafen aber dadurch nicht mehr möglich. Duderstadt ist eher als eine Ergänzung zu dem in landgräflichem Besitz befindlichen Gericht auf dem Leineberg bei Göttingen zu betrachten. Mainz tat schnell den Gegenzug. 1239 übertrug Bischof Siegfried III. die Burggrafschaft auf der mainzischen Hauptfestung des Eichsfeldes, Rusteberg, auf Konrad IV. von Everstein, dessen Vater bereits dieses Amt inne gehabt hatte. Drei Monate später gab Erzbischof Siegfried an Herzog Otto von Braunschweig alle Lehen zurück, die Heinrich der Löwe besessen hatte. Der WELFE erkannte dafür die erzstiftischen Rechte, insbesondere in Heiligenstadt, Geismar und Nörten, an. Im Raum Kassel gelang es Mainz, die Stammburg seiner Lehensleute, der Grafen von Schaumburg, in seine Hand zu bekommen und andere Vorteile zu erringen. Im Ganzen entsteht der Eindruck, dass sich die LUDOWINGER seit 1234 in der Defensive befinden. Sie verlegen ihre Aktivität zur gleichen Zeit offensichtlich auf ein anderes Gebiet.
Vielleicht war das Ausscheiden Konrads aus Hessen durch die bevorstehende Mündigkeit Hermanns II. veranlaßt worden. Nach üblichen Brauch wäre HEINRICH RASPE dann in Hessen gefolgt. Eine Dreiteilung der Fürstentümer war aber nicht üblich. Konrad ist gewissermaßen in die Politik Ludwigs IV. im Ordensland eingetreten, freilich nicht als selbständiger Landesfürst, sondern als Deutschordensritter.
Wie sich die politische Haltung HEINRICH RASPES nach der Erhebung der Gebeine der heiligen Elisabeth zum Kaiser gestaltete, wissen wir nicht. Vermutungen über ein frühzeitiges Abschwenken HEINRICH RASPES vom STAUFER scheinen unbegründet zu sein, denn im November 1238 ließ der Kaiser seine Tochter Margarethe mit dem 16-jährigen Landgrafen Hermann II. in Aschaffenburg verloben. Auch die zweite Bannung Kaiser FRIEDRICHS am Palmsonntag 1239 konnte HEINRICH RASPE nicht vom STAUFER trennen. In den Augen Alberts von Behaim war HEINRICH RASPE ein schlimmer Verschwörer gegen die Kurie. Albert hat ihn, wie so viele andere, in den Bann getan. Der Kaiser zweifelte offensichtlich nicht an der Vertrauenswürdigkeit des LUDOWINGERS; denn er übertrug ihm das Amt des Reichsprokurators, nachdem Siegfried III. von Mainz im September 1241 von ihm abgefallen war.
In den Jahren 1240-1241 senkten sich die ersten Schatten des Niedergangs auf das landgräfliche Haus. Am 24. Juli 1240 starb in Rom der Deutschordensmeister Konrad, als er, wie Hermann von Salza, zwischen Kurie und Kaiser vermitteln wollte. Hermann II. überlebte das 19. Lebensjahr nicht. Landgräfin Gertrud verschied ebenfalls. In einem Brief an den Vater seiner 3. Gemahlin, Beatrix von Brabant, hat HEINRICH RASPE die Furcht vor dem Nahen der Mongolen zum Ausdruck gebracht: "Ich will lieber im Kriege sterben, als die Leiden meines Volkes und der Heiligen mit ansehen".
Der Kaiser mußte nur allzu schnell erkennen, dass er sich in der Beurteilung einer Persönlichkeit geirrt hatte, als nach zweijähriger Vakanz im Juni 1243 Sinibald Fiesco als Innocenz IV. zum Papst gewählt wurde. Fünf Tage nach diesem Ereignis stellte die kaiserliche Kanzlei auf Bitten HEINRICH RASPES eine Urkunde aus, die Heinrich von Meißen im Falle des erbenlosen Todes des LUDOWINGERS die Eventualbelehnung mit der Landgrafschaft Thüringen und der Pfalzgrafschaft Sachsen gewährte. Die einstigen Pläne Ludwigs IV. hatten sich in das Gegenteil verkehrt, und HEINRICH RASPE hatte sich der Wirklichkeit der Geschichte nicht verschlossen. Das Geschick hatte gegen die LUDOWINGER gesprochen. Der Letzte bereitete den Abgang des Geschlechtes von der Bühne politischer Entscheidungen 200 Jahre nach ihrem Auftritt vor. Der Kaiser erkannte die Leistungen des Landgrafen noch einmal an. Es war das letzte Dokument, das zwischen dem STAUFER und dem Landgrafen ausgetauscht wurde. Zwischen dem 6. April und dem 14. Juli legte HEINRICH das Amt des sacri imperii per Germaniam procurator nieder. Nach diesem Zeitpunkt ist RASPE als Parteigänger des Papstes zu betrachten. Wahrscheinlich hatte Innocenz während der Friedensverhandlungen mit Kaiser FRIEDRICH II. Kontakte mit dem LUDOWINGER aufgenommen. Vielleicht hat man ihn zunächst nur als Glied einer staufer-feindlichen Partei und noch nicht als Gegen-König in Betracht gezogen. In der ihm eigenen politischen Taktik konzentrierte der Papst seine Bemühungen auf HEINRICH RASPE. Innocenz IV. legte bekanntlich um Persönlichkeiten, die er politisch einzusetzen gedachte, durch Dispense eine Art Isolierraum, in dem sie gegen kirchenrechtliche Anklagen weitgehend geschützt waren. Innocenz sorgte dafür, dass der Landgraf vom Erzbischof von Mainz in den nächsten drei Jahren  weder Bann noch Interdikt noch eine andere Gefahr zu fürchten hatte. Auch sonst leistete der Papst dem Landgrafen mancherlei Hilfen.
Als Innocenz IV. nach seiner Flucht aus Rom über Genua in Lyon eingetroffen war, eilten Siegfred von Mainz und Konrad von Köln sofort zu ihm. Am 17. Juli 1245 setzte der Papst Kaiser FRIEDRICH II. ab. Man darf annehmen, dass der Erzbischof von Mainz die Aufmerksamkeit des Papstes auf den Landgrafen gelenkt hat. Es war praktisch eine Notwendigkeit, an die Stelle des entthronten einen neuen König zu setzen. Das Recht, diese Wahl zu veranlassen, leitete Innocenz aus dem päpstlichen Primatanspruch ab. Der thüringische Landgraf besaß für das Amt des Königs alle erforderlichen Voraussetzungen. Sein Territorium, das in engster Verbindung mit dem des mächtigsten geistlichen Reichsfürsten stand, womit eine wechselseitige Einwirkung garantiert war, legte sich als breiter Riegel auf die Scheidelinie Nord und Süd des Reiches. HEINRICH RASPE war vom STAUFER selbst für geeignet befunden worden, das Reich zu verwalten. Ein Mann erster Größe, der sich nach dem Vorbild OTTOS IV. zu gegebener Zeit von der Überwachung des Papstes freimachte, konnte der Kurie nicht wünschenswert sein. HEINRICH RASPE war jedoch auch nicht ganz unbedeutend. Sein Territorium stellte eine ausreichende Machtbasis dar, von der aus sich eine nützliche Politik im Interesse der Kurie führen ließ. Der Thronanwärter entstammte außerdem einer Familie, die der Kirche soeben eine Heilige gestellt hatte. Ihr Grab zog zahllose Pilgerscharen an.
Noch Ende des Jahres 1245 nahmen päpstliche Beauftragte die direkten Verhandlungen über die Königswahl mit HEINRICH RASPE auf. Vielleicht hat Bischof Philipp von Ferrara schon von Würzburg aus, wo er am 1. September 1245 bezeugt ist, Beziehungen zu HEINRICH RASPE hergestellt. Bereits vier Wochen später, am 22. Mai 1246, wurde HEINRICH RASPE in Veitshöchheim bei Würzburg von den drei rheinischen Erzbischöfen und vermutlich durch seine eigene Stimme gewählt. Die Wahl war damit nach Reichsrecht gültig, politisch aber, da sich die großen Laienfürsten abseits hielten, unzureichend gesichert. Wenn Innocenz IV. auch alle Mittel spielen ließ, um den Anhang des Gegen-Königs aus ludowingischem Hause zu vergrößern, es fruchtete nichts. Von den beträchtlichen Geldmittel, die die Kurie einsetzte - Magister Hugo von Erfurt nahm in Lüttich 14.000 Mark, darunter auch Sterlinge, in Empfang - gingen erhebliche Summen an Erfurter und Leipziger Bürger. HEINRICH RASPE täuschte sich über seine realen Möglichkeiten, als er bei Frankfurt über König KONRAD einen leichten Sieg errang, den er nur der Unzuverlässigkeit einiger schwäbischer Adliger auf Seiten König KONRADS IV. verdankte. Mit übertriebenem Optimismus stellte er den Genuesen und Mailändern seinen Sieg dar. Das war darauf berechnet, die Feindschaft der Lombarden gegen FRIEDRICH II. auzunutzen. Zweifellos gedachte König HEINRICH, sich mit dem Lombarden zu vereinigen. Von Nürnberg zog er nach Ulm, um die Anhänger der STAUFER zu treffen. Von der Belagerung der Stadt mußte er bald wieder ablassen. Als sich König KONRAD IV. näherte, zog er sich nach Tübingen zurück. Schon am 16. Februar 1247 starb er auf der Wartburg.
Die Geschichtsschreibung hat RASPE als ehrgeizig und herrschsüchtig bezeichnet. Er habe ohne Bedenken die Partei gewechselt. Aber dieser Vorwurf trifft mit ihm auch andere Reichsfürsten. Seine Herrschsucht komme unter anderem darin zum Ausdruck, dass er seinen Neffen Hermann II., der nach fränkischem Recht 1234 volljährig wurde, den Weg zur Herrschaft versperrt habe. Aber die Richtigkeit dieser Behauptung läßt sich nicht mit Sicherheit erweisen. Hermann urkundete 1238 zuerst in eigenem Namen. Dass HEINRICH RASPES Frömmigkeit besonders übertriebene Formen angenommen habe, wie behauptet worden ist, läßt sich nicht halten. So demonstrative Darstellungen der Devotion, wie sie FRIEDRICH II. der heiligen Elisabeth bezeugt hat, sind von dem Landgrafen nicht bekannt. Es will nichts bedeuten, wenn der Papst den Glaubenseifer des Gegenkönigs besonders hervorhob, nachdem er den Kaiser wegen angeblichen Unglaubens abgesetzt hatte. Das Maß der Frömmigkeit war durch den Kontrast bestimmt. Es scheint, dass die modernen Urteile zum Teil durch die Misere bemessen sind, mit der das Königtum endete. Wer sich zum Gegen-König machen läßt, erscheint naturgemäß als ehrgeizig, wer daran scheitert, leicht als Schwächling, wer sein Königtum vom Papst erhält als fromm. HEINRICH war sicher nur eine Persönlichkeit mit mittelmäßiger Begabung, und eben die unzureichende Einsicht in seine wirklichen Chancen ließ ihn das Risiko des Gegenkönigtums eingehen. Niemand kann sagen, dass bei längerer Lebenszeit des LUDOWINGERS die Vielfalt der Möglichkeiten einer nicht nur auf das Reich beschränkten, von der Kurie betriebenen deutschen Königspolitik den LUDOWINGER nicht doch eine Stufe weiter geführt hätte, aber man darf sich nicht darüber täuschen, dass die Chancen HEINRICH RASPES für eine von der Kurie unabhängige Politik gering waren. Auch die Genialität FRIEDRICHS II. scheiterte an der verwickelten und unübersichtlichen Interessenpolitik, die eigentlich nur noch der komplizierte Regierungsapparat der Kurie übersehen und betätigen konnte. Der König aus Thüringen war die Endgestalt seines Geschlechtes, und er stand am Ende einer Epoche deutscher Geschichte und er eröffnete eine neue. Der Weg zu einem universalen Kaisertum wäre zweifellos auch HEINRICH RASPE versperrt geblieben.
Das Feld, auf dem sich der Wille zu herrschaftlich-staatlicher Betätigung aktivieren konnte, war der Landesstaat. Die Ausbildung der Landesherrschaft der Landgrafen von Thüringen war eine politische Leistung der LUDOWINGER, ein Ergebnis des Kampfes zwischen König und Kirche im Investiturstreit. Die politische Geschichte der LUDOWINGER spiegelt die Vorgänge der inneren deutschen Geschichte wider. Aus einer Rodungsherrschaft, im Kampf gegen die SALIER, hatten die Landgrafen in der Gefolgschaft der STAUFER schließlich das Königtum erlangt, das sie eben dem Zerfallsprozeß verdankten, in dem sie sich emporgearbeitet hatten. So schließt mit dem Tode HEINRICH RASPES ein Kapitel deutscher Geschichte, in dem Papsttum und Kaisertum nicht mehr zusammenwirkten.