Spindler Max: Teil I Seite 295-302
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"Handbuch der bayerischen Geschichte"

Nach dem Tode Heinrichs I. (1. November 955) führte seine Witwe Judith, die offenbar als einzige aus der luitpoldingischen Familie am Aufstand nicht teilgenommen hatte und deswegen sogar eine Zeitlang aus Bayern verbannt worden war, zusammen mit Bischof Abraham von Freising die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Heinrich II. Wann Herzog Heinrich II.die selbständige Regierung antrat, ist nirgends überliefert. Rechnet man das normale Mündigkeitsalter mit 16 Jahren, so hätte der 951 Geborene seit 967 aufgrund eigenen Rechtes geherrscht.
Im Jahre 973 erschien in Quedlinburg eine Gesandtschaft Gezas von Ungarn, die über einen Frieden verhandelt hat. Das kann nur auf eine verstärkte militärische Aktivität des bayerischen Herzogs deuten, der, inzwischen mündig geworden und zu selbständiger Herrschaft gelangt, hier ein Betätigungsfeld suchte. Mit diesem kriegerischen Ausgreifen Heinrichs wird auch zusammenhängen, daß in den 70-er Jahren des 10. Jahrhunderts an der Ostgrenze des bayerischen Herzogtums eine Reihe von Marken genannt werden, an der mittleren Mur, an der Drau, an der Sann und an der Save. So wäre es denkbar, daß sich hier nach Jahren der Ruhe ein verstärkter Druck von seiten des jungen Bayernherzogs auf den ungarischen Staat bemerkbar machte. Diese Unternehmungen dürften nicht so sehr durch die Friedensgesandtschaft Gezas ein Ende gefunden haben als vielmehr durch die in Bayern mit der Rebellion Heinrichs II. im Jahre 974 ausbrechenden Wirren, die nun sogar die Ungarn wieder zu Einfällen ermutigten. Im Jahre 985 stießen sie bis nach Friaul vor.
Im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts war die luitpoldingische Familie in S-Deutschland wieder zu großem Einfluß gekommen. In Bayern herrschte Herzog Heinrich II., der Sohn der LUITPOLDINGERIN Judith. In Schwaben war Judiths Tochter Hedwig Gemahlin Herzog Burchards III. (954-973), und eine Schwester Judiths war mit Burchard, dem Markgrafen der Ostmark und Burggrafen von Regensburg verheiratet. Im Jahre 973 gelang es, Heinrich, einen Sohn aus dieser Ehe, durch ein Ränkespiel zwischen dem schwäbischen und bayerischen Herzogshof, das auf Kosten des deutschen Herrschers ging, zum Bischof von Augsburg zu machen. Vielleicht sah sich OTTO II., der eben die Herrschaft im deutschen Reich angetreten hatte, durch diesen Vorgang vor der überhandnehmenden Macht der LUITPOLDINGER gewarnt, jedenfalls verlieh er nach dem Tod Burchards von Schwaben im Jahre 973 das Herzogtum keinem Angehörigen dieser Familie, sondern seinem Neffen Otto, dem jungen Sohn Liudolfs.
Man hat Herzog Heinrich II. von Bayern in der modernen Geschichtsschreibung den Beinamen "der Zänker" gegeben, der sich jedoch in den zeitgenössischen Quellen nicht belegen läßt. Immerhin hat er sich bereits ein Jahr nach dem Regierungsantritt OTTOS II., im Jahre 974, in eine Verschwörung gegen seinen kaiserlichen Vetter eingelassen, in die er die Herzöge Boleslav von Böhmen und Mieszko von Polen einbeziehen konnte. Die Gründe für Heinrichs Rebellion bleiben im Dunkel. Vielleicht fühlte er sich bei der Vergebung des schwäbischen Herzogtums übergangen; vielleicht aber empfand er auch eine Bedrohung durch die wachsende Machtstellung der beiden babenbergischen Brüder Berthold und Luitpold auf dem Nordgau und in der Ostmark, da OTTO II. die BABENBERGER wohl zur Schwächung der bayerischen Herzogsgewalt bewußt stützte. Gewinnen wir über Heinrichs Motive auch keine letzte Klarheit, so fand er für seinen Aufstand jedoch auch innerhalb Bayerns Unterstützung bei den Angehörigen und Freunden der luitpoldingischen Familie, so bei dem schon aus der Ungarnschlacht von 955 bekannten Berthold von Reisensburg, bei Markgraf Burchard von der Ostmark und schließlich bei Bischof Abraham von Freising, dem Ratgeber und Mitregenten Judiths bei ihrer Regentschaft während der Minderjährigkeit ihres Sohnes. Doch der Plan wurde verraten und die Verschwörer kamen noch 974 in Haft. Herzog Heinrich kam nach Ingelheim. Der Kriegszug, den im folgenden Jahr 975 OTTO II. gegen Herzog Boleslav von Böhmen, den Verbündeten des Bayern-Herzogs, unternahm, stand zweifellos noch im Zusammenhang mit dem gescheiterten Aufstandsversuch. Zu Anfang des Jahres 976 gelang es Herzog Heinrich, aus seiner Haft in Ingelheim zu entkommen, er wandte sich nach Bayern und fand hier sogleich wieder Anhänger für die Fortsetzung seines Aufstandes. Es kam zu Kämpfen in Bayern, die der Kaiser im Juli dieses Jahres durch die Eroberung von Regensburg für sich entscheiden konnte; Heinrich entkam nach Böhmen. Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen könnte auch die Erhebung Prags zum Bistum gesehen werden. Sie erfolgte nach dem Bericht Otlohs auf Intervention Heinrichs des Zänkers bei OTTO II., wohl auf böhmischen Wunsch und im Einvernehmen mit Bischof Wolfgang von Regensburg. Möglicherweise hat sich durch diese wohl Ende 973 erfolgte Gründung Herzog Heinrich der böhmischen  Unterstützung zu versichern gesucht, während für OTTO II. die Überlegung eine Rolle gespielt haben könnte, dadurch Böhmen aus dem bayerischen Einflußbereich zu lösen. Bischof Wolfgang hat sich den ausbrechenden Kämpfen wohl durch einen Aufenthalt in Österreich entzogen.
Hier in Regensburg wurden 976 auch mehrerer territoriale und personelle Veränderungen in Bayern vorgenommen, die für die Zukunft des Landes von entscheidender Bedeutung wurden. Der mit den LUITPOLDINGERN verschwägerte Markgraf Burchard von der Ostmark wurde durch den Markgrafen Luitpold ersetzt, den Stammvater der "jüngeren BABENBERGER" in der Ostmark, die hier noch eine bedeutende Rolle spielen sollten. Bayern selbst erhielt Otto von Schwaben, der damit zwei Herzogtümer in seiner Hand vereinigte, von denen das bayerische allerdings wesentlich verkleinert wurde. Kärnten und die seit 952 dazugehörenden Marken wurden von Bayern getrennt und bildeten fortan ein eigenes Herzogtum, das Herzog Heinrich erhielt, der Sohn Herzog Bertholds. Damit kam dieser 947 abgetretene Zweig der luitpoldingischen Familie noch einmal zur Herrschaft. Da Herzog Berthold noch im Jahre 939 unvermählt war, war sein Sohn bei seinem Tod im Jahre 947 noch zu jung, um in der Herrschaft über Bayern nachfolgen zu können; vielleicht ist er auch bei der Regelung der Nachfolge in Bayern bewußt von OTTO I. zugunsten seines eigenen Bruders Heinrich übergangen worden. Darauf könnte auch die Tatsache hindeuten, dass seine Mutter Biletrud sich an dem Aufstand der Jahre 953-955 oder an der Verschwörung von 974 beteiligt hat, denn jetzt im Jahre 976, anläßlich der Belehnung ihres Sohnes, erhielt sie ihre ihr früher abgesprochenen Besitzungen zurück. Dass Heinrich gerade das neue Herzogtum Kärnten erhielt, mag in den engen Beziehungen seines Vaters seinen Grund finden. Berthold war in Karantanien, wie zahlreiche Tauschurkunden zeigen, reich begütert gewesen, er hatte hier mit dem Titel eines dux unter der Regierung seines Bruders offenbar eine Art Präfektur bekleidet. Für OTTO II. war es sehr wichtig, dieses für die Grenzdeckung gegen Osten wie auch für die Züge nach Italien wichtige Land in der Hand eines treuen Anhängers zu wissen, wie andererseits die Belehnung eines LUITPOLDINGERS mit dem neuen Herzogtum ein Beweis dafür ist, daß der Kaiser auf diese einflußreiche Familie Rücksicht nehmen mußte. OTTOS erste Aufgabe mußte es sein, den Bund Heinrichs "des Zänkers" mit Böhmen zu sprengen. Die enge Verbindung, in der die Herrscher beider Länder bei diesem Aufstand miteinander standen, gibt der Vermutung Raum, der Böhme habe eher den bayerischen Herzog als seinen Oberherrn angesehen als den sächsischen König, wie ja Bolelsav dann auch 984 dem bayerischen Herzog Heinrich als seinem "rex et dominus" huldigte. Als im Jahre 976 der Kaiser gegen Boleslav und den zu ihm geflüchteten Heinrich "den Zänker" zog, erlitt eine bayerische Abteilung im kaiserlichen Heer eine schwere Niederlage. Im Sommer 977 wiederholte OTTOden Angriff, unterstützt durch ein bayerisch-schwäbisches Heer unter Herzog Otto. Dabei mußte der Kaiser erkennen, dass er sich in der Treue der LUITPOLDINGERS getäuscht hatte: als zum gleichen Zeitpunkt Herzog Heinrich II. mit böhmischer Hilfe sein Land zurückzuerobern suchte, schloß Heinrich von Kärnten sich ihm an und besetzte gemeinsam mit dem "Zänker"Passau, das für die Verbindung nach Böhmen sehr wichtig war. Zugleich hatte sein Vetter, der luitpoldingische Bischof Heinrich von Augsburg, der sich ebenfalls am Aufstand beteiligte, mit der Besetzung von Neuburg an der Donau einen anderen strategisch wichtigen Punkt in seine Hand gebracht. Während Kaiser OTTO im August 977 zunächst noch Boleslav von Böhmen zur Unterwerfung brachte, machte sich Herzog Otto an die Belagerung von Passau, das nach der Ankunft des Kaisers im September 977 erobert und auf OTTOS Befehl von Grund auf zerstört wurde. Der Krieg der beiden OTTONENgegen die drei Heinriche, der das Land wiederum gespalten und Bayern gegen Bayern im Kampf gesehen hatte, war damit beendet. Heinrich von Bayern wurde abermals verbannt und in die Haft des Bischofs von Utrecht gegeben. Auch Heinrich von Kärnten erlitt die Strafe der Verbannung, über seinen Aufenthaltsort erfahren wir jedoch nichts. Sein Herzogtum erhielt Otto von Worms, der Sohn Konrads des Roten.
An dem im November 980 beginnenden Italienzug, der mit der schweren Niederlage vom 15. Juli 982 in der Nähe von Cap Collone endete, beteiligte sich auch Herzog Otto von Bayern mit einem stattlichen bayerischen Aufgebot. Noch auf dem Heimweg starb er am 1. November 982 in Lucca, das damit verwaiste bayerische Herzogtum wurde im Mai 983 auf dem Reichstag von Verona dem aus der Verbannung zurückgerufenen LUITPOLDINGER Heinrich III. verliehen, während Kärnten in der Hand Ottos von Worms verblieb. Diese erstaunliche Rehabilitierung dürfte ein Zeichen dafür sein, dass Kaiser OTTO nach seiner schweren Niederlage in Italien den mächtigen Fürstenfamilien gegenüber zum Einlenken gezwungen war, wie sie andererseits auch ein Beweis für den immer noch vorhanden Einfluß der LUITPOLDINGER ist. Der LUITPOLDINGER Heinrich blieb hinfort dem sächsischen Kaiserhaus treu ergeben, auch als am 7. Dezember 983 Kaiser OTTO II. gestorben war. Der daraufhin aus seiner Haft in Utrecht entlassene Heinrich "der Zänker" bemächtigte sich hingegen des kleinen Sohnes Kaiser OTTOS und suchte auf dem Weg über die Vormundschaft die Herrschaft im deutschen Reich an sich zu bringen. Er suchte auch in seinem alten Herzogtum Bayern Rückhalt, fand hier aber im wesentlichen nur bei den Bischöfen Unterstützung; er hatte vor allem den LUITPOLDINGER Heinrich als konsequenten Gegner, der hier freilich nicht nur für die kaiserliche Sache, sondern auch um sein eigenes Recht kämpfte. Denn als im Juni 984 Heinrich "der Zänker" den jungen OTTO III.ausgeliefert und für sich auf die Ansprüche auf den deutschen Thron verzichtet hatte, versuchte er mit Waffengewalt wenigstens sein bayerisches Herzogtum zurückzuerobern. Der LUITPOLDINGER scheint bei diesen in das Jahr 984 fallenden Auseinandersetzungen nicht sehr erfolgreich gekämpft zu haben; er erklärte sich jedenfalls nach der Vermittlung durch einen Grafen Hermann, vielleicht den Sohn des alten Herzogs Arnulf, zum Verzicht auf Bayern gegen die Belehnung mit dem von ihm schon früher besessenen Herzogtum Kärnten mit seinen italienischen Marken bereit. Auf dieser Basis kam es im Januar 985 auf einem Reichstag in Frankfurt zum Ausgleich, nachdem man Otto von Worms zum Verzicht auf Kärnten hatte bewegen können. Heinrich "der Zänker"wurde erneut mit Bayern belehnt, der LUITPOLDINGER Heinrich wurde wieder Herzog Heinrich von Kärnten. Vereint traten die beiden dann auch beim Osterfest 986 in Quedlinburg auf, wo Heinrich von Bayern als Truchseß, Heinrich von Kärnten als Mundschenk diente. Nach dem Tode Herzog Heinrichs von Kärnten (5. Oktober 989) erhielt auf Grund früherer Abmachungen Heinrich "der Zänker"auch das Herzogtum Kärnten. Heinrich "der Zänker", der vereinigte damit noch einmal das ganze Gebiet des bayerischen Reiches in seiner Hand. Ihm gelang im Jahre 991 ein Sieg über die Ungarn und er beteiligte sich 992 am Zug OTTOS III. gegen Brandenburg. Bis zu seinem Tod im Jahre 995 blieb er der Reichsgewalt treu ergeben.