"Die letzten Brunonen" Halle 1885
Der Zeitpunkt, welchen vorliegende Arbeit berührt,
fällt in die Regierungsjahre HEINRICHS
III. und noch mehr in die seines unglücklichen Sohnes
HEINRICHS
IV. Gerade diese 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts bietet
uns kein erfreuliches Bild von unserem deutschen Vaterlande. Wen wir die
Zeiten des gewaltigsten der SALIER,
HEINRICH
III., vergleichen mit dem Zustande des Reiches unter seinem
Sohne, so fällt der Vergleich sehr zuungunsten des letzteren aus.
Jedoch war es zum wenigsten die Schuld HEINRICHS
IV., dass Deutschland von inneren Fehden und Kriegen zerrissen
wurde, und dass das deutsche Königtum seine weitherrschende Macht
und Gewalt, die HEINRICH III. nach
innen und außen, der Kirche und für den Laien gegenüber
geltend gemacht, verlor; sondern die trüben Verhältnisse unter
ihm waren bedingt durch die Ungunst der Zeiten, durch die gänzliche
Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse, durch das Erstarken des
Papsttums, das durch Gregor
VII. einen so gewaltigen Vorkämpfer finden sollte, und dann
ferner durch den Unsegen des Lehnswesens, dessen Unheil gerade jetzt stärker
zur Geltung kam, indem der Drang der größeren Dynastengeschlechter,
ihre territoriale Selbständigkeit zu wahren und zu stärken, die
deutschen Fürsten und größere Herren nicht nur in endlose
Kämpfe gegen das Königtum trieb, sondern sie auch mit dem Papsttum
verbündete; so verhalfen sie diesem zum Siege und förderten ihre
eigenen Sonderinteressen, beides auf Kosten der Krone und zum Schaden des
Deutschen Reiches. Von jeher hatten die deutschen Könige mit starker
Hand in die politische Stellung des Papsttumes eingegriffen und seine Bedeutung
und sein Ansehen abhängig gemacht von der deutschen Kirche. So lange
das deutsche Kaisertum an der Spitze der allgemeinen Entwicklung stand,
hatte die deutsche Kirche ihre Selbständigkeit Rom gegenüber
bewahrt, hatte der römische Bischof es nie gewagt, seine kirchliche
Autorität über dieselbe und ihren weltlichen Oberherrn, den Kaiser,
geltend zu machen, sondern er hatte immer in einer gewissen Abhängigkeit
von den deutschen Kaisern gestanden und darin sein Heil gefunden. Als aber
nun unter dem Einflusse der reformatorischen Ideen, wie sie in Cluny und
anderen Klöstern entstanden oder gepflegt wurden, wie sie HEINRICH
III. und Leo
IX. förderten, das Papsttum von innen aus erstarkte und das
Prinzip der oberpriesterlichen Gewalt über die abendländische
Kirche geltend zu machen wußte, da begann es sich auch von der deutschen
Krone zu emanzipieren und seinerseits die Oberherrschaft nicht nur in geistlichen,
sondern auch in weltlichen zu fordern; mit dem kirchlichen Einflusse Roms
ging auch sein politischer Hand in Hand. Und als nun Gregor, erfüllt
von den Ideen der Weltstellung des reformierten Papsttumes, begünstigt
durch die Sorglosigkeit der Regentschaft nach HEINRICHS
III. Tode, durch das Zölibat
gerade der Kleriker, die zu dem Volke in engster Beziehung standen, zu
Werkzeugen seiner Politik zu machen suchte, als er die Investitur aus den
Händen des Königs ganz in die seinigen bringen wollte und sich
sogar die Entscheidung über die deutschen Krone anmaßte, da
fand er in einem großen Teile deutscher Bischöfe und Fürsten
nur allzu bereite Genossen, indem diese durch einen Bund mit Rom ihre Fürstengewalt
selbständig neben die Macht des Königs erheben wollten, jene
dadurch, dass man dem Könige die Investitur entriß, selbst mächtiger
und unabhängiger zu werden hofften. Es waren nur Berechnungen einer
nüchternen Verstandespolitik, die die deutschen Herzöge und im
Norden namentlich die mächtigen sächsischen Dynastengeschlechter
zu Vorkämpfern des Papsttumes machten. Als es ihnen aber wirklich
gelungen war, das Königtum auf eine Zeit in den Sand zu strecken,
da hatten sie doch weniger Vorteile, als sie geglaubt, indem nun der eine
dem anderen den Vorrang streitig machte, und der Stärkere über
den Schwächeren herfiel. Treffend klagt der Biograph des königsgetreuen
Adalbert von Bremen: "Die Fürsten errangen zuerst ihre alte Freiheit
wieder, um nicht unter dem Joche der Knechtschaft zu bleiben, dann begannen
sie einen Wettstreit miteinander, wer unter ihnen der Mächtigste wäre,
und endlich nahmen sie kühn die Waffen zur Hand und versuchten ihren
Herrn und König abzusetzen."
Gerade die eigenen Verwandten waren es, die dem Enkel
KONRADS
II. am feindlichsten gegenübertraten, so RUDOLF
VON SCHWABEN, so die Grafen von Stade und vor allem die
Nachkommen der Kaiserin
Gisela, nämlich die letzten aus dem altberühmten
Geschlechte der BRUNONEN, von denen
der ältere, Ekbert
I., den Sohn der Mutter entriß, und der jüngere, Ekbert
II., viermal seinem königlichen Vetter den Eid der Treue schwur
und viermal denselben brach, ja selbst nach dessen Krone strebte. Wir finden
ein hartes, in den ewigen Fehden verwildertes Geschlecht in diesen freien
Herren und Grafen im Sachsenlande; nur um den eigenen Vorteil bekümmert,
suchen sie herrschsüchtig und gewalttätig ihre Macht zu mehren:
der Vasall zieht gegen den Lehnsherren, der Bruder gegen den Bruder, der
Sohn gegen den Vater das Schwert; heute schwört jeder die heiligsten
Eide, um sie morgens aufs gewissenloseste zu brechen. Kühne Waffentaten,
wie sie uns die Lieder unserer Vorfahren besingen, finden wir genug in
dieser Zeit; aber die deutsche Treue, deren Preis in jenen so herrlich
erklingt, suchen wir zumeist vergebens: was Walther von der Vogelweide
ein Jahrhundert später klagt:
untriuwe ist
in der saze
gewalt vert
uf der straze:
fride unde
reht sint sere wunt.
das findet auch für unsere Zeit seine traurige Berühmtheit.
Bruno III. und Ekbert I.
Ludolf
IV. hinterließ bei seinem Tode am 23. April 1038 zwei Söhne,
Bruno
und Ekbert, sowie eine Tochter, die Ida
von Elsdorf. Ludolf war vermählt gewesen mit
Gertrud,
der Tochter des Grafen
Arnulf von Holland, welche ihm als Erbgut die Gaue Stavero, Westergo
und Isselgo als marchia Fresie zubrachte. Es ist nicht unwahrscheinlich,
dass Ludolf
als Besitzer dieser Gaue, über die er bereits alle
Hoheitsrechte ausübte, den Titel marchio Brandenburgensis führte,
wie denn auch seine Gemahlin als marchionissa (senior) bezeichnet
wird. Ludolfs Vater, Bruno
II., war der erste Gemahl der schönen und geistvollen Gisela,
die ihren Stammbaum von Kaiser
KARL DEM GROSSEN ableitete. Nach dem Tode des Herzogs
Ernst von Schwaben zum zweiten Male Witwe, heiratet sie den nachmaligen
Kaiser
KONRAD II.
So war Ludolf
nahe mit dem Kaiserhause der
SALIER
verwandt. Das alte Stammland
der BRUNONEN, das in Sachsen lag, erbte
der jüngere Sohn Ekbert, während der ältere,
Bruno,
dem Vater in der Mark Friesland nachfolgte und als Inhaber derselben die
Münzgerechtigkeit zu Bolsward, Dokkum, Leeuwarden und Staveren besaß.
Von den sächsischen Erblanden kennen wir aus Urkunden die Gaue N-Thüringen,
Darlingen, Valen, Saltga, Gretingen und Mulbeze (oder Flutwide), in deren
Umfang die Parochieen Schöningen, Watenstädt, Schöppenstädt,
Luklum, Atzum, Groß-Stockheim, Densdorf, Ringelheim, Henkelbüttel
und Wienhausen genannt werden. Desgleichen besaßen die BRUNONEN
Grafenrechte in den Gauen Flenithi, Valotungen, Aringen, Muthiwide und
Guddingen.
Ekbert besaß diese sächsischen Erblande
nicht allein, da wir auch von
Bruno Grafenrechte daselbst nachweisen
können; so kennen wir Bruno 1049 als Grafen im Gau Valen, 1052
und 1053 als solchen im Gau Flutwide. Allein diese Comitatsrechte müssen
denen verschwindend klein gewesen sein, weil Ekbert noch bei Lebzeiten
seines Bruders allein als Nachfolger in diesen sächsischen Gauen genannt
wird. Von Ekbert
erfahren wir auch urkundlich, dass er in den sächsischen
Erblanden bereits zu Lebzeiten des Vaters einen Comitat inne hatte. Jedoch
müssen wir annehmen, dass die Verleihung an den Sohn nur stattfand
zur Sicherung der Nachfolge. Im Jahre 1051 wurde Ekbert
für
einen Teil seines Gebietes Vasall des Bischofs von Hildesheim, indem Kaiser
HEINRICH III. die Oberlehnshoheit über die oben Seite 9
genannten Parochieen der Hildesheimer Kirche übertrug.
Am 5. Oktober 1056 traf das Haus der SALIER
und
ganz Deutschland ein schwerer Schlag. Kaiser HEINRICH
III. wurde im besten Mannesalter dahingerafft, ohne seine hohen
Ziele erreicht zu haben. Wenn sein Vater, KONRAD
II., vom ersten Tage seiner Regierung an danach gestrebt hatte,
die übermächtige Gewalt der Fürsten zu zertrümmern
und sich eine Königsmacht zu schaffen, die sich unmittelbar über
den kleineren Vasallen erheben sollte, so war es HEINRICHS
Ziel gewesen, auf Grund der ererbten Macht seine kaiserliche Gewalt zu
allgemeiner Anerkennung zu bringen und die Völker des Abendlandes
seinem Willen zu beugen. Mit eiserner Hand hatte HEINRICH
das Steuer des Reiches geführt und durch manchen Sturm das Schiff
gelenkt, aber das ganze Bestehen seiner Allgewalt war auch nur an seine
Person allein, an seinen starken Geist und Willen geknüpft. Es war
ihm nicht vergönnt, den Hafen zu erreichen; auf halbem Wege starb
der Lenker des Schiffes, das nun wieder ein Spiel der Wellen ward, hilflos
den Stürmen preisgegeben. Er hatte den Kampf um die Welt gewagt, ohne
dabei die Grundlagen zu sichern. "So schwungvoll HEINRICHS
Entwürfe waren, so vieles ihm glückte, hat er doch wenig getan,
um seiner Nachkommenschaft und seinem Volke die gewonnene Macht für
die Dauer zu sichern. Wie sich einst nach dem Tode Kaisers
OTTO II., da Lothar
von Frankreich und Heinrich
von Bayern als Agnaten die Vormundschaft beanspruchten,
die treuen Anhänger des Kaiserhauses um Mutter und Großmutter
scharten, um ihnen die Herrschaft zu sichern, so geschah es auch jetzt.
Allein beim besten Willen konnte man doch nicht die Tatkraft des heimgegangenen
Kaisers ersetzen. Die Fürsten atmeten wieder auf und begannen eigenmächtig
ihre Interessen zu verfolgen. Zuerst in Sachsen sollte sich der Umschwung
der Verhältnisse offenbaren. Leider sind wir dabei nur auf den Bericht
Lamberts von Hersfeld angewiesen. "Die sächsischen Fürsten" so
berichtete er zum Jahre 1057, "verhandelten in häufigen Zusammenkünften
über die Unbilden, welche ihnen unter der Herrschaft des Kaisers zugefügt
waren, und meinten, es würde ihnen deshalb eine schöne Genugtuung
widerfahren, wenn sie dem Sohn desselben, so lange noch sein zartes Alter
eine solche Gewalttat begünstigte, das Reich entrissen. Auch lag der
Glaube nicht fern, dass der Sohn zu der Sinnesart und der Lebensrichtung
des Vaters mit raschen Schritten übergehen werde. Unverhofft kam dazu,
als eine große Hilfe zur Störung der öffentlichen Ruhe,
Otto, der Bruder des Markgrafen Wilhelm [Wilhelm war am 10.9.1056 gefallen;
die Nordmark erhielt Udo von Stade, der sowohl mit HEINRICH
IV. als den BRUNONEN
verwandt war. Böttger vermutet
nicht ohne Wahrscheinlichkeit, dass beim Aussterben dieser älteren
Linie der BRUNONEN
mit Wilhelm die Nachkommen
Ludolfs IV.,
also Bruno und Ekbert, mit dem pagus Osterwalde, den bisher
Wilhelm zu Lehen trug, der aber 1112 unter den Erbgütern der BRUNONEN
(der Gertrud, Ekberts I. Tochter) aufgeführt wird, gleichsam
zur Entschädigung belehnt seien.], der aber aus ungleicher Ehe, nämlich
mit einer slavischen Mutter, geboren war, ein Mann von durchdringendem
Verstande und tapferem Arme. Dieser hatte bei dem Volke der Böhmen
als Verbannter schon von Kindheit auf gelebt; als er aber die Nachricht
von dem Tode seines Bruders empfängt, kehrt er mit großer Hoffnung,
ihn zu beerben, nach Sachsen zurück, wird dort von allen (a cunctis)
Fürsten gütig aufgenommen und durch mächtige Ermunterung
aller angereizt, nicht nur die Mark, welche ihm vermöge seines Erbrechtes
gebühre, sondern auch das Reich selbst zu erstreben. Als sie ihn rüstig
und zu dieser Unternehmung finden, sagen ihm alle (omnes) ihren
treuen Beistand zu, ein jeder verspricht ihm Handreichung und tätige
Hilfe, und sie beschließen, den König, wo nur der Zufall günstige
Gelegenheit bieten werde, zu töten. Betroffen von Furcht waren alle,
welche einige Sorge für das Wohl des Reiches hegten, und darum fanden
sie es für gut, dass der König eilends nach Sachsen kommen und
des gefährdeten öffentlichen Wohles, wie immer es ihm nur möglich
sein werde, sich annehmen möchte."
Allein schon auf den ersten Blick ersehen wir die Unwahrscheinlichkeit
dieser Darstellung und fast Satz für Satz können wir hier die
Haltlosigkeit der Behauptungen des Hersfelder Mönches nachweisen.
Zunächst, was soll das bedeuten: agitabant de injuris, quibus sub
imperatore offecti fuerant. Blättern wir nach in der Geschichte
HEINRICHS
III., so finden wir nirgends ein Beispiel, dass dieser Kaiser
mit dem Sachsenvolke in einen Streit von Bedeutung geraten wäre, geschweige
denn, dass er ihnen Unrecht zugefügt hätte. Man hat immer - namentlich
auch beeinflußt durch diese Worte Lamberts - viel davon geredet,
dass das Volk der Sachsen dem Hause der SALIER
tief verfeindet gewesen wäre, aber überzeugende Beweise werden
nirgends gebracht. Treffend sagt Steindorff von dem Verhalten der Sachsen
während der Regierung
HEINRICHS III.:
"Der sächsische Stamm, später der wichtigste Verbündete
Gregors VII. in seinen Kämpfen mit Kaiser
HEINRICH IV. ertrug die Herrschaft des zweiten Kaisers aus dem
fränkischen Hause ebenso willig wie die des ersten. Den hochverräterischen
Umtrieben, welche Erzbischof Adalbert seinen Nachbarn, dem Herzog
Bernhard II. und dessen nächsten Verwandten zur Last legte,
standen der übrige Adel des Landes fern und während sich im oberen
Deutschland, in Schwaben und Bayern eine feindliche Partei bildete, die
den Kaiser nicht nur der Krone, sondern auch des Lebens berauben wollte,
herrschte in Sachsen tiefe Ruhe." Somit wäre das Unrecht, das die
Sachsen unter HEINRICH III. so vielfältig
erlitten, eine Phrase Lamberts. Ferner sollen alle Fürsten den Slaven
Otto gütig aufgenommen haben. Alle versprachen ihm Hilfe, und doch
- so erzählt Lambert selbst - waren mächtige Dynastengeschlechter
wie die von Stade, ferner die
BRUNONEN seine heftigsten Gegner,
ja der ganze Aufstand, der nach Lambert sogar die Thronfolge verändern
sollte, - eine eigene Idee, den hergelaufenen Slaven, gegen dessen Volk
die Deutschen damals soviel Haß und Verachtung zeigten, gleich zum
König zu erheben! - erlischt dann ebenso schnell, wie er entstanden,
und wird gedämpft allein durch das Gefolge der
BRUNONEN. Denn,
dass "alle Fürsten" der Sachsen nun gleich im Sinne gehabt, das Königskind
zu ermorden, wo sie es nur träfen, dass die Regierung kein besseres
Mittel sieht, den Aufstand zu stillen, als den jungen König persönlich
nach Sachsen zu bringen, also direkt in den Rachen des Löwen, wie
handgreiflich tragen diese Behauptungen den Stempel der Unwahrscheinlichkeit!
Allzu gläubig sind hier die Historiker wie Stenzel, Böttger,
Giesenbrecht, Posse und andere Lambert gefolgt; nur Floto hegt einige Zweifel.
Und nun weiter: "Der König wollte", so fährt Lambert fort, "deswegen
den Tag der heiligen Apostel Petrus und Paulus (29. Juni) in Merseburg
feiern. Hierher ließ er alles, was an Fürsten in Sachsen vorhanden
war, zur Besprechung berufen. Als diese nun dahin auf dem Wege waren, ein
jeder nach dem Verhältnis seiner Macht von einer großen Schar
von Vasallen begleitet, traf es sich, dass Bruno und Ekbert,
die Vettern des Königs, zufällig auf das zahlreiche Gefolge des
obengenannten Otto stießen, welcher mit dichtgedrängtem Zuge
zum königlichen Hoflager ritt. Diese aber waren, abgesehen von der
öffentlichen Sache, auch wegen persönlicher Feindseligkeiten
seine heftigsten Gegner. Unverzüglich geben beide ihren Vasallen das
Zeichen zum Angriff, spornen die Rosse und stürzen sich mit gleichen
Hasse in wechselseitige Wunden. Da, an der Spitze der Ihrigen, begegnen
sich Bruno und Otto, beide von Zorn erfüllt, beide nur darauf
bedacht den Gegner zu treffen, ohne an ihre eigene Deckung zu denken, und
mit so heftigem Ungetüm trafen sie aufeinander, dass ein jeder den
anderen beim ersten Anrennen vom Pferde stieß und so mit tödlicher
Wunde durchbohrte. Nach Verlust der Anführer schwankte der Kampf noch
eine Zeit lang unentschieden hin und her. Aber
Ekbert, wütend
vor Schmerz über den Tod des Bruders, stürzt sich, obwohl schwer
verwundet, in vollem Rosseslauf unaufhaltsam in das dichteste Gewühl
der Feinde und tötet den Sohn des Grafen Bernhard, einen trefflichen
Jüngling, der aber kaum zum Waffentragen reif war; die übrigen,
die, weil sie ihren Führer verloren, nur noch lässiger kämpften,
schlägt er in die Flucht. So wurde der Staat von einer großen
Furcht befreit, und die Sachsen, da der Bannerträger der Empörung
gefallen war, unternahmen nichts Arges wider den König." Gerade diese
lebhafte Schilderung, die einen Augenzeugen vermuten lassen könnte,
muß Mißtrauen erwecken. Der gegenseitige Fall der beiden Führer,
wie sie wutentbrannt den Ihrigen voraus sprengen, ferner wie Ekbert,
obschon schwer verwundet, den anderen feindlichen Führer im Zweikampfe
aus dem Sattel räumt, alles dies erinnert uns an Zweikämpfe und
Schlachten bei den alten Autoren, wie sie namentlich Livius gern schildert.
Und so finden wir denn auch bei Livius II. c. 6. dieselbe Erzählung,
mit der unser Mönch nicht nur in der ganzen Art der Darstellung des
Kampfes, sondern auch in den einzelnen Redewendungen auffallend übereinstimmt.
Livius erzählt uns daselbst, wie der vertriebene König Tarquinius
an der Spitze der Vejenter und Tarquinier gegen Rom zieht, um Vaterland
und Krone wieder zu erobern. In gleicher Weise, wie sein tapferer Sohn
Aruns mit der Reiterei voranzieht, befehligt der Consul Brutus die römischen
Reiter; so treffen die beiden Todfeinde an der Spitze der Ihrigen auf einander
und durchbohren sich gleichzeitig im Zweikampfe mit den Lanzen. Mit kann
uns hier Lambert kein sicherer Gewährsmann sein. Seine Erzählung
ist in ihren Motiven offenbar von des Livius Darstellung beeinflußt,
dass der Verbannte Heimat und Erbe mit Gewalt erobern wollte, und Bruno
gleich Brutus als Opfer für den Staat fiel.
Ich denke, der Hergang war vielmehr dieser: Als Wilhelm
von der Nordmark sein Ende gefunden hatte, und Udo von Stade die Belehnung
von HEINRICH III. empfangen hatte,
machte sich Otto auf, um das Erbteil des Vaters anzutreten. Er kam zu spät,
um noch vor der Belehnung seine Ansprüche vor HEINRICH
III. geltend zu machen, aber in Sachsen fand er inzwischen bei
einer Anzahl der freien Herren Unterstützung, also wohl namentlich
bei den alten Freunden seiner Familie und bei denen, die dem Haus von Stade
die Erwerbung mißgönnten. Eifersucht und Hader trennten ja fast
immer die sächsischen Herren, und nie dürfen wir uns dieselben
so einmütig vorstellen, wie es nach den Schilderungen Lamberts und
Brunos, des sächsischen Priesters, oft erscheint. Die Regentin zog
nun mit dem jungen HEINRICH IV. zu
dem auf den 29. Juni bestimmten Hoftag nach Merseburg, wohin auch die streitenden
Parteien beschieden waren, um die Entscheidung der Regentschaft zu empfangen.
Zwar hatte schon HEINRICH III. Udo
belehnt, allein die Gegner konnten die Belehnung um so leichter anfechten,
wenn sie anführten, dass diese offenbar - bei den damaligen Verhältnissen
- in möglichster Hast (vielleicht erst auf dem Sterbebett des Kaisers)
geschehen sei, und dieser, wenn er nicht den nahenden Tod vor Augen gehabt
hätte, doch die Ankunft des Bruders Wilhelms erwartet oder ihm wenigsten
einen Teil der väterlichen Besitzungen gelassen hätte. Allein
Ekbert
und
Bruno
kamen der Entscheidung der Königin zuvor. Es war nicht so zufällig,
dass sie Otto beim Zug nach Merseburg trafen. Bei Hausneindorf an der Selke
umzingelten [Ich folge hier dem sächsischen Annalisten, der offenbar
eine von Lambert unabhängige Quelle benutzt.] die BRUNONEN
den Slaven, den sie nicht anerkennen wollten und welchem sie persönlich
verfeindet waren, und erschlugen Otto, der in Merseburg seine Ansprüche
geltend machen wollte, auf dem Wege dahin samt dem jungen Sohne des Grafen
Bernhard. Aber auch den BRUNONEN war der Kampf teuer zu stehen gekommen:
Bruno selbst war gefallen und Ekbert hatte schwere Wunden davongetragen
- So war es lediglich ein Akt der Privatrache, der Otto zum Opfer fiel.
[Vielleicht hatten die BRUNONEN
als die nächsten Verwandten
Wilhelms einzelne Lehen desselben erhalten.]. Sein Tun vor der Welt und
dem Königshause zu rechtfertigen, mochte dann Ekbert
um so
leichter sein, wenn man dem Letzten aus dem Hause der HALDENSLEBENER Hochverrat
und sogar einen Mordanschlag gegen den jungen König unterschob; anderseits
verwertete der Mönch im Hersfelder Kloster das ausgesprengte Gerücht,
"den Klatsch der Straße," auf seine Weise, indem ihm die Geschichte
der Tarquinier als Vorlage dienen mußte. Die Ereignisse selbst, die
wir ja auch durch andere Quellen zum Teil erfahren, bringt uns Lambert
ganz richtig; aber wohl entging ihm hier die wahre Veranlassung, die ursächliche
Verknüpfung der Tatsachen. Jedenfalls kann ich daher der bisherigen
Ansicht nicht beistimmen, die Ekbert
aus Sorge um das Königshaus
die Tat begehen läßt, am allerwenigsten Böttger, wenn er
sagt: "So starb Bruno VII. am 26. Juni 1057 als Sühneopfer
für seinen König und Blutsverwandten." Am Hofe durchschaute man
sehr wohl den wahren Grund der Tat, allein Otto war nun einmal gefallen,
der Zwist beigelegt, dessen Entscheidung der Königin doch nach einer
Seite hin Widersacher hätte erwecken müssen. So machte man gute
Mine zum bösen Spiel; aber die Regentschaft wußte darum Ekbert
keinen
Dank, sondern hielt ihn wohl geflissentlich vom Hofe fern.
Bruno war kinderlos gestorben; so trat Ekbert
die
alleinige Herrschaft über die sächsischen Gaue und die Mark Friesland
an. Wenn wir unter dem Besitzer dieser friesischen Gaue mit Böttger
den marchio Brandenburgensis oder Marcgravius a Brandenburch verstehen,
so finden wir Ekbert in den Jahren 1058 und 1059 in seinen neuen
Erblanden in kriegerischer Tätigkeit. Wie schon sein Bruder Bruno
1048 und 1049 im Bunde mit Hermann II. von Köln, Wazo und Dietwin
von Lüttich und Bernold von Utrecht gegen Dietrich
IV. von Holland für HEINRICH III.
gekämpft hatte, so nahm auch Ekbert
mit Anno von Köln
und Dietwin von Lüttich sowie mehreren anderen großen Vasallen
die Fehde gegen den Markgrafen
Florenz I. von Holland wieder auf. Allein Florenz brachte im Bunde
mit den Friesen den Verbündeten eine schwere Niederlage bei. Erst
im Jahre 1061 hatte man wieder ein kampfbereites Heer gesammelt, an dessen
Spitze Ekbert im Hochsommer desselben Jahres dem Markgrafen Sieg
und Leben entriß. Um das Jahr 1057 gelang es Ekbert seine
Macht im Westen bedeutend zu vermehren, indem er von Adalbert von Bremen
als dessen Vasall die Grafenrechte in dem reichen Fivelgoe mit den Untergauen
Hunesgo und Fivilgo erwarb. Dieser größte Comitat in ganz Friesland
war ehedem im Besitze des Herzogs
Gottfried von Lothringen gewesen, ihm aber im Jahre 1044 wegen
seines Aufruhrs durch ein Fürstengericht mit anderen Lehen abgesprochen
worden. Da ihm durch die Gnade des Kaisers das Herzogtum Nieder-Lothringen
wieder verliehen wurde, so wird Gottfried auch diesen Comitat wieder erhalten
haben, der damit verbunden war. Als aber der Herzog gegen Ende 1057 von
neuem die Fahne des Aufruhrs erhob, versprach HEINRICH
III. seinem getreuen Erzbischof Adalbert von Bremen während
eines Besuches daselbst im Jahre 1048 die Grafschaft in diesen friesischen
Gauen.
Doch es sollten noch acht Jahre vergehen, ehe sich diese
Anwartschaft verwirklichte, und es Adalbert gelang, faktisch Besitz von
dem Gaue zu ergreifen (1056). Erst nach dem Tode des großen Kaisers
erlangte er auch die urkundliche Bestätigung des Besitzes am 25. April
1057 zugleich mit der Münzgerechtigkeit in Wincheim und Gerlewiswert.
1.000 Mark Silber war der Preis, um den er die wertvollen Lande erwarb;
diese selbst übertrug er darauf Ekbert gegen einmalige Erlegung
von nur 200 Mark als Lehen. Adalbert hoffte in dem reichen und kriegserprobten
Vasallen einen sicheren Schutz gegen seine Feinde, namentlich gegen die
BILLUNGER, zu finden.
Allein er sollte sich bitter getäuscht haben.
Nach dem Tode Ottos
von Schweinfurt, des Herzogs von Schwaben, der im Jahre
1057 am 28. September starb, heiratete Ekbert
dessen Witwe Irmengard,
die Tochter des Markgrafen
Manfred II. von Turin, um die reiche Mitgift derselben zu erlangen,
aber nicht, wie man so oft behauptet hat, um sich eine Anwartschaft auf
das erledigte Herzogtum zu sichern. Denn mit dem war ganz kurz nach Ottos
Tode, noch im gleichen Jahre 1057, der Graf
Rudolf von Rheinfelden belehnt worden. Da wir Ekberts
Heirat somit später anzusetzen haben als
RUDOLFS Belehnung, - denn
Ekbert wird doch wohl nicht
gleichsam an der Bahre des Verstorbenen um Irmengard
gefreit haben
- ist es ganz verfehlt, Ekbert
Hoffnungen und Ansprüche auf
den schwäbischen Herzogsstuhl unterzuschieben, wovon uns ja auch keine
Quelle etwas berichtet. Es ist diese Ansicht wesentlich dadurch beeinflußt,
dass man hier annahm, der junge König HEINRICH
IV. habe Ekbert 1057 Leben und Krone zu danken. Da wir
nun Ekbert einige Jahre später bei dem Anschlage gegen die
Regentschaft der Kaiserin beteiligt finden, man aber von einem Zerwürfnis
zwischen ihm und Agnes
nichts wußte, so nahm man als einziges Motiv zu seiner Teilnahme
an dem Raube HEINRICHS IV. an,
Ekbert
habe für seine Dienste nicht den beanspruchten Lohn erhalten und
sich durch die andersweitige Besetzung jenes großen Reichslehens,
auf das er sich Aussicht gemacht, in seinen vermeintlichen oder wirklichen
Rechten gekränkt gefühlt. Allein wir haben oben Seite 14 gesehen,
wie eigenmächtig Ekbert
der Entscheidung der Kaiserin vorgriff
und auf alles andere als auf Dank von Seiten der Regentschaft Anspruch
hatte. So war es sein Überfall bei Hausneindorf und nicht die Belehnung
RUDOLFS
VON SCHWABEN, die Ekbert zum Genossen des kühnen
Planes Annos von Köln machte.
Schon längst waren die Fürsten und Ersten des
Reiches des Regimentes überdrüssig, das die Kaiserin
Agnes unter dem Einfluß ihres treuen Ratgebers, des Bischofs
Heinrich von Augsburg, führte. Sie hatten gehofft, sie könnten
nach dem Tode des Kaisers HEINRICH III. ihren
Sonderinteressen unbekümmert um das Reich und auf Kosten der Krone
frönen und andererseits von entscheidendem Einfluß auf den Gang
der Geschäfte sein. In beiden Erwartungen sahen sie sich getäuscht;
so begann die Opposition gegen die Regentschaft immer stärker, immer
heftiger zu werden. "Daher hielten sie häufig Zusammenkünfte,
handelten lässiger bei öffentlichen Verrichtungen, reizten die
Gemüter des Volkes auf und bestrebten sich endlich auf jede Weise,
den Sohn von der Mutter abzuziehen und die Verwaltung des Reiches auf sich
selbst zu übertragen." Der ehrgeizige und herrschsüchtige Erzbischof
Anno von Köln war es, der die herrschende Stimmung benützte,
um sich durch den Sturz der Regentschaft selbst an das Ruder des Staates
zu bringen. Es war ein glücklicher Gedanke Annos, den nächsten
Verwandten des jungen Königs, den reich begüterten und tatenlustigen
Ekbert,
dessen starken Arm er in den friesischen Kämpfen schätzen gelernt
hatte, zum Genossen seines Anschlages zu machen, eines Planes, der auf
nichts Geringeres ausging als HEINRICH IV. den
Armen der Mutter zu entreißen. So verhinderte Anno eine Annäherung
Ekberts
an den Hof und einen Bund der Kaiserin mit dem mächtigen Vasallen,
der das ganze Unternehmen hätte zum Scheitern bringen können.
Der Dritte im Bunde war Otto von Northeim.
Im Jahre 1062 schritt man zur Tat. Die Kaiserin hatte
zu Utrecht das heilige Osterfest gefeiert und ging von da nach der Kaiserpfalz,
welche auf der Insel des heiligen Suitbert nahe dem rechten Rheinufer unterhalb
Kölns lag. Ohne Aufsehen zu erregen, fanden sich die Verschworenen
am Hofe ein; zuletzt kam auch Anno von Köln aus zu Schiffe an. Als
man eines Tages eben vom Mittagsmahl aufstand, forderte Anno den 12-jährigen
HEINRICH auf, eines seiner Schiffe, das er zu diesem Zwecke
besonders prächtig hatte schmücken lassen, in Augenschein zu
nehmen. Man wußte es so einzurichten, dass außer dem Knaben
nur noch die drei Verschworenen und ihre Mannen das Fahrzeug betraten.
Kaum war HEINRICH im Schiff, als auch
die Ruderknechte dasselbe schleunigst vom Lande abstießen und es
mit gewaltiger Anstrengung mitten in den breiten Strom trieben, um allen
Angriffen vom Lande aus vorzubeugen. Zum Tode erschrocken, warf sich das
Königskind in die reißenden Fluten des Rheines, um sich an das
Ufer zu retten, wo die bestürzte Menge des königlichen Gefolges
und das Volk in lautes Wehklagen ausbrachen. Allein Ekbert
sprang
dem Knaben sofort unerschrocken nach, und es gelang dem kühnen Manne
nach hartem Kampfe mit den Wellen den Erben des Reiches dem sicheren Tode
zu entreißen und ihn zurück auf das Schiff zu bringen. So büßte
Ekbert
gleichsam
den Raub, indem er sein eigenes Leben in die Schanze schlug, um seinen
königlichen Vetter vom Tode zu erretten. Dank den getroffenen Vorkehrungen
gelangten die Verschwörer ungefährdet nach Köln; auch die
Krönungsinsignien wurden dahin gebracht.
So hatte Anno das Spiel gewonnen; nur er allein eigentlich
erntete die Früchte der Tat, denn Ekbert, der an diplomatischer
Gewandtheit und an Regierungskunst dem Erzbischof bedeutend nachstand,
war doch nur dessen Werkzeug gewesen; er war ein tapferer, tollkühner
Kriegsmann, der weniger im Rate taugte als zum kräftigen Dreinschlagen.
Aber auch Otto
von Northeim war gewissermaßen nur Geschäftsträger
Annos, der namentlich sein eminentes Feldherrentalent wohl zu nutzen verstand
und seinen Arm nicht entbehren konnte. Dagegen sah sich Anno genötigt,
den gesamten Fürsten des Reiches wenigstens scheinbar ein Zugeständnis
zu machen, nämlich dass jeder Erzbischof, - nicht Bischof, wie Lambert
irrig angibt - in dessen Diözese der König sich aufhielte, eben
zu der Zeit dafür zu sorgen habe, dass das Gemeinwesen keinen Schaden
litte, und dass er in Sachen, welche bei dem Könige angebracht worden
wären, vorzugsweise Bescheid geben solle. Anno vergab sich in der
Tat nicht viel durch dieses Zugeständnis. Adalberts Metropole in Deutschland
war viel zu klein, der greise Eberhard von Trier mochte sich wenig um Politik
bekümmern; Magdeburg und Salzburg kommen, wie wir aus dem Itinerar
erkennen, für den Anfang nicht in Betracht. Nur für den Primas
der deutschen Kirche, Siegfried von Mainz, dessen Sprengel bei weitem der
größte war, konnte das Zugeständnis von Wert sein. Allein
seine Persönlichkeit war derartig, dass Anno wohl hoffen konnte, ihn
bald gänzlich bei Seite zu schieben. Anno wollte vor allen Dingen
Zeit gewinnen, um sich in seiner Stellung zu behaupten und seinen Vorrang
zu bewahren. Wie bald ihm dies gelang, ersehen wir aus der Urkunde vom
26. November 1062, wo bereits Gebhard von Salzburg ihm gegenüber auf
seine problematische Herrschaft verzichtete. Bald sollte auch Siegfried
von Mainz weichen. Schon längst mußte dieser erkennen, wie wenig
Vorteil ihm Annos Zugeständnis gebracht hatte; seinen Ehrgeiz, seinen
maßlosen Eigendünkel mußte es bitter kränken, wenn
er sah, wie unbestritten jetzt Anno den Vorrang unter den Fürsten
behauptete. Und wie wenig gerade Siegfried geeignet war, das Szepter zu
führen, das zeigte sich namentlich bei dem Goslarer Ärgernis,
Pfingsten 1063, wo Hezelo von Hildesheim mit Abt Widerad von Fulda ernstlich
aneinander geriet. Schon auf der Provinzialsynode zu Weihnachten 1062,
wo Siegfried präsidierte, war zu Goslar ein Streit ausgebrochen, indem
die Kämmerer des Hildesheimer Bischofs, zu dessem Sprengel Goslar
gehörte, mit denen Widerads handgemein wurden, als die Stühle
für die geistlichen Würdenträger hingestellt wurden. Die
Fuldaer Äbte nämlich, die allein unter dem Papste standen und
unter den deutschen Äbten den Vorrang beanspruchten, hatten auch nach
altem Herkommen das Recht, bei Versammlungen der geistlichen dem Erzbischof
von Mainz - wenigstens in dessen Diözese - zunächst zu sitzen.
Hier aber hatte Hezilo von Hildesheim, der ebenfalls den nächsten
Platz nach dem Erzbischofe in seinem Sprengel beanspruchte, dem Abte weichen
müssen, indem Otto von Northeim für diesen Partei ergriff. Der
Bischof war daher, ohne Abschied zu nehmen, tief gekränkt wieder davon
gezogen. Jetzt aber zu Pfingsten (8. Juni), wo auch König
HEINRICH anwesend war, gedachte er seine Ansprüche besser
zu wahren. Wenn Otto von Northeim die Partei des Abtes begünstigte,
so gelang es ihm dagegen, Ekbert, seinen Vasallen, zu gewinnen,
der ihm auch seine Hilfe versprach. Jedoch auch Wilderad hatte sich vorgesehen
und war mit seinen sämtlichen Vasallen, soviel er deren aufbringen
konnte, mit kriegerischem Pompe in Goslar eingerückt. Ekbert
hatte mit seinen und des Bischofs Vasallen vorher die Kirche besetzt und
dieselben hinter den Altar versteckt. Als nun der König und die Bischöfe
zum Abendgottesdienste sich in der Kirche versammelten und, wie man vorausgesehen,
der alte Zwist sich unter den Kämmerern erneuerte, fiel Ekbert
plötzlich
über die fuldaischen Diener her und vertrieb sie mit Fausthieben und
Stockschlägen aus der Kirche. Kaum aber vernahmen dies die Ritter
des Abtes, von denen dieser einen Teil ahnungsvoll ganz in der Nähe
postiert hatte, als sie auch mit gezückten Schwertern im dichten Keil
in die Kirche eindrangen und die Schmach ihres Abtes blutig zu rächen
begannen. Es entspann sich so mitten im Gotteshaus und unmittelbar vor
den Augen des Königs ein blutiger Kampf. Hezilo erklomm einen höher
gelegenen Platz in der Kirche und ermunterte die Seinen, wacker dreinzuschlagen,
indem er alle Verantwortung auf sich nahm. Wie eine Kriegsdrommete erklang
die schmetternde Stimme des würdigen Bischofs. Durch die Kirche hallte
das Getöse des Kampfes, das Klirren der Waffen, der Zuruf der Streitenden,
das Wehklagen der Getroffenen; in Strömen rann das Blut über
die steinernen Fliesen dahin. Vergebens suchte der junge König dem
Greul Einhalt zu tun; er mußte endlich froh sein, dass ihm die Seinen
einen Weg mitten durch die Streitenden bahnen konnten. Schließlich
gelang es Ekbert, die Fuldaer aus der Kirche zu werfen, worauf man
sich nach Möglichkeit verschanzte. Die Vasallen des Abtes, verstärkt
durch neue Scharen der Ihrigen, die in voller Waffenrüstung aus den
ferner gelegenen Quartieren herbeigeeilt waren, besetzten nun den Außenraum,
um den Kampf zu erneuern, wenn die Hildesheimer die Kirche verließen.
Jedoch sollte es nicht zu weiteren Morden kommen, indem die hereinbrechende
Nacht und das Gefolge des Königs dem Streite Halt geboten. Auf beiden
Seiten waren viele verwundet, viele gefallen. Ekbert verlor einen
seiner besten Ritter, den Bero, während die Fuldaer namentlich den
Tod des Reginboto, des Bannerträgers des Klosters, zu beklagen hatten.
Eine strenge Untersuchung wurde nun angeordnet; allein Ekbert ging
straflos hervor, wohl weniger wegen seiner Verwandtschaft mit dem Könige,
wie Lambert will, als weil er Annos Genosse war, dessen Macht ganz unbestritten
dastand. Dagegen wurde Widerad, dessen Mannen nachweislich zuerst das Schwert
gezückt hatten und so die Hildesheimer gleichsam zur Notwehr gezwungen
hatten, verurteilt, vollen Schadenersatz zu leitsen, ein Richterspruch,
der den Reichtum des Klosters Fulda arg schmälerte und die Blüte
desselben für immer knickte. Ja Hezilo von Hildesheim, den doch wahrlich
mit die größte Schuld trifft, ging soweit in unedler Rache,
dass er alle Fuldaer, welche das Schwert für ihren Abt gezogen, durch
den Bannstrahl von der Gemeinschaft der Kirche ausschied; selbst die Manen
der
Gefallenen verschonte er nicht.
Wunderbarer Weise erfahren wir hierbei gar nichts von
Siegfried, dessen Anwesenheit doch sicher bezeugt ist, da er noch sechs
Tage nach dem Blutbade sich eine Schenkung machen ließ. Gerade vor
sein Forum hätte die Entscheidung gehört, da er nicht nur als
Reichsverweser in seiner Diözese, sondern auch als Erzbischof über
seine Suffragane das Urteil zu sprechen hatte, zumal als sich die aufrührerischen
Mönche von Fulda gegen ihren ohnehin schon hart getroffenen Abt erhoben.
Allein im letzteren Falle bezeugt uns Lambert selbst ausdrücklich,
dass Anno mit Otto von Northeim, der hier gleichsam als Schutzvogt von
Fulda erscheint, zusammen über die Mönche zu Gericht saß
und sie hart strafte. Und doch bekommt es Lambert fertig, von derselben
Zeit zu behaupten: "Die Erziehung des Königs und die Anordnung aller
Staatsgeschäfte war bei den Bischöfen, und unter diesen ragte
das Ansehen der Erzbischöfe von Mainz und Köln am meisten hervor."
Gerade Lamberts eigene Darstellung beweist uns, dass der EPPENSTEINER völlig
den Boden unter den Füßen verloren. Nur dazu hatte er seine
Stellung als Reichsverweser zu benutzen vermocht, dass er die lange ersehnte
Abtei Seligenstadt nun endlich erlangte; und Anno war ihm darin nicht entgegengetreten,
um ihn gleichsam zu entschädigen für die Regierung des Reiches,
die ihm hier in seiner Diözese gebührte, welche ihm aber Anno
keineswegs gewillt war zu gewähren. Anno hatte ihm seine Obmacht gezeigt,
indem er ihn in Goslar gänzlich beiseite schob und für ihn den
Kirchen- und Klosterfrevel richtete. Siegfried, zu wenig energisch, um
für das Recht einzutreten, fädelte daher, ganz seinem Charakter
gemäß, Ränke ein, um Annos Alleinherrschaft zu untergraben.
Es gelang ihm, Otto von Northeim auf einige Zeit dem Kölner zu entfremden;
mußte doch Otto sich nicht wenig gekränkt fühlen, dass
Anno über seinen Schützling, den Abt Widerad von Fulda, dessen
Sache er noch Weihnachten erfolgreich vertreten, so herfuhr; kaum dass
er ihm bei der Rebellion der Mönche seinen Hirtenstab hatte bewahren
können. Statt Ekbert, der ja durch seine Parteinahme für
Hezilo in eine gewisse Spannung mit Otto von Northeim getreten war, gewann
man den Markgrafen Dedi von der Lausitz.
Anno war Siegfrieds steigender Unmut und Neid nicht verborgen
geblieben; als ihm nun Siegfrieds Wühlereien, sein Bund mit Otto von
Northeim und Dedi gegen ihn hinterbracht wurden, da beugte er klug dem
drohendem Sturme vor, indem er kurz entschlossen selbst die Schwenkung
machte, die vielleicht jene beabsichtigten, und sich der Partei der Königstreuen
näherte. Schon im Ausgange des Jahres 1062 hatte sich Anno mit der
Kaiserin
Agnes versöhnt, jetzt knüpfte er mit Adalbert, dem
Haupte der monarchischen Partei, die immer ungestümer ihren Anteil
an der Regierung forderte, und die namentlich durch den Goslarer Tage aufs
höchste erbittert sein mochte.
Adalbert zögerte nicht, seinen Vorteil wahrzunehmen.
Bereits am 27. Juni finden wir ihn am Hofe in seiner neuen Stellung als
Mitregent [Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen,
dass Adalbert auf die Kunde von dem Goslarer Skandal hin schon aus eigenem
Antriebe an den Hof geeilt war, und ihm daselbst erst Anno die Mitregentschaft
anbot, beziehungsweise einräumte.]. In der betreffenden Urkunde wird
Adalbert, der der Empfänger ist, patronus regis, Anno magister genannt.
Siegfried erscheint dagegen erst an zweiter Stelle, während er bisher
in seiner Diözese stets zuerst in den Urkunden aufgeführt wird.
So war Anno klug den Plänen seiner Nebenbuhler entgegen getreten und
hatte ihre Anschläge vereitelt, indem er seine Alleinherrschaft, die
doch als eine angemaßte bei der natürlichen Eifersucht
der andern weniger Begünstigten nicht von langer Dauer hätte
sein können, mit dem Bremer teilte; aber er hatte schwerlich geahnt,
wie gefährlich ihm dieser Adalbert, getragen von einer immer mehr
erstarkten Hofpartei, werden sollte, und es ist eine Ironie des Schicksals,
dass gerade einer seiner getreuesten Anhänger, einer der Teilnehmer
am Raube des jungen Königs, der leidenschaftliche, unbesonnene Ekbert
den
Anstoß zu jener Machtveränderung gegeben hatte.
Otto von Northeim wandte sich deshalb bald wieder Anno
zu; bereits im September desselben Jahres finden wir ihn an der Spitze
eines Heeres, mit dem Adalbert von Bremen nach Ungarn zog, wo Salomo
in Stuhlweißenburg als Vasall des deutschen Königs die Krone
empfing. Da Adalbert hierbei seinen Stolz darein setzte, dass ihm seine
großen Vasallen, so Graf
Hermann der BILLUNGER,
nach Ungarn Heeresfolge leisteten, so wird auch Ekbert
als sein
Lehnsmann nicht gefehlt haben. Diese Annahme unterstützt auch der
Umstand, dass wir Ekbert
am 24. Oktober unter der glänzenden
Schar der Fürsten und Bischöfe zu Regensburg finden, wo der junge
König HEINRICH nach Vollendung
des Kriegszuges Hoftag hielt.
Im allgemeinen aber suchte Ekbert
seinen Rückhalt
mehr an Anno, der ihm in Goslar seine Hilfe so tätig zugewandt, weniger
an Adalbert, wie wir aus seinem Verhalten beim Sturze des Bremer Erzbischofs
erkennen. Mit dem Hofe, besonders mit seinem königlichen Vetter, trat
Ekbert durch seinen Anschluß an Anno ebenfalls in ein näheres
Verhältnis; so finden wir ihn, wie oben erwähnt, in HEINRICHS
Umgebung zu Regensburg.
Aber immer mehr stieg die Macht Adalberts, der namentlich
von großem persönlichen Einfluße auf den jungen HEINRICH
war;
der Stern Annos war im Sinken. Adalberts Ideal war die Herstellung eines
unbeschränkten Königtums, er wollte seinen Herrn, dem er in warmer
Liebe und echter Treue anhing, hoch über die stolzesten Fürsten
erheben und diese in gebührender Abhängigkeit erhalten, während
Anno, so eigenmächtig er auch regiert hatte, diese im Reiche sich
selbst überließ und ihren sonderdynastischen Bestrebungen nicht
im Wege stand. So trat Adalbert in einen immer schärferen Gegensatz
zu den Fürsten. Namentlich war er in Sachsen, wo er sich nie einer
besonderen Gunst erfreut hatte, bald der bestgehaßte Mann. Als König
HEINRICH im Winter 1065 auf 1066 in Goslar Hof hielt und auch
daselbst das Weihnachtsfest beging, war er "ganz ohne die hinreichenden
Mittel zu einer Hofhaltung, die dem königlichen Ansehen entsprechend
gewesen wären. Denn außer dem Wenigen, was aus den Gefällen
der königlichen Kammer einkam, und was die Äbte durch erzwungene
Leistungen lieferten, wurde Alles zu seinem täglichen Bedarf nur durch
tägliche Ausgaben erkauft. Und dies geschah aus Haß gegen den
Erzbischof von Bremen, den alle beschuldigten, dass er unter dem Vorwande
der Vertraulichkeit mit dem König allein sich die Regierung
zu offenbarer Gewaltherrschaft angemaßt habe. Deshalb verweigerten
sie dem Könige die gewohnten Dienste. Die Fürsten waren wenig
dazu angetan, es bei einem passiven Widerstande bewenden zu lassen; zu
dem persönlichen Hasse gegen Adalbert kamen dieselben Gründe,
die sie einst auch zur Opposition gegen das Regiment der Kaiserin geführt
hatten. HEINRICH mußte dem Drängen
der Fürsten nachgeben und Adalbert entlassen. So groß war der
Haß gegen den Erzbischof, dass ihm HEINRICH
ein Geleit seiner Getreuen mitgeben mußte, damit man ihm den Freund
nicht unterwegs erschlüge. War aber Adalbert gestürzt, seine
Ideen hatten schon festen Boden gewonnen: die Königlichen, die Adalbert
geleitet, blieben auch nach seinem Sturze mächtig, und HEINRICH
selbst war in diesen Triburer Tagen vollends zum Manne gereift.
So fand nun auch Anno, als er sich wieder dem Hofe näherte,
die Verhältnisse völlig verändert; er war nur noch ein Berater,
kein Herrscher mehr.
Über Adalbert aber stürzten seine Feinde wie
eine losgelassene Meute her. Was half es ihm nun, dass er alle hervorragenden
Krieger in seinen Dienst zu ziehen sich bemüht, alle welche am Hofe
von Bedeutung waren, sich verpflichtet hatte? Gerade seine Vasallen bedrängten
ihn am ärgsten; ja man wollte ihn ganz aus dem Bistume hinausstoßen
und ihn aus dem Reiche der Lebendigen ausrotten. Jetzt hielt auch Ekbert
die
Zeit für gekommen, sich von seinem Lehnsherrn loszusagen und die reichen
Einkünfte des Comitates im Fivelgaue ganz für sich zu verwerten.
Vor allem aber ließ er Adalbert in treuloser Weise in so fern im
Stiche, dass er ihm alle Hilfe gegen die BILLUNGER verweigerte,
die seine Güter ausplünderten und ihm selbst nach dem Leben trachteten.
Der bittren Not gehorchend übertrug nun Adalbert seinem Todfeinde,
dem Herzog Magnus, welcher ihn am meisten bedrängte, ein Drittel der
gesamten Güter der Kirche zu Lehen, um vor ihm Ruhe zu haben; vergebens
aber machte er ihm zugleich die Bedingung, die Vasallen wieder in die Lehnspflicht
zurückzuführen und namentlich seine reiche Grafschaft in Friesland,
die Ekbert aus dem Lehnsverbande gerissen, wieder unter seinen Krummstab
zu bringen. Er errichte nichts weiter, als dass er selbst nicht aus seinem
Bistume vertrieben wurde; von Ekbert
aber und dem Grafen Bernhard,
der gleich ihm seinen Lehnspflichten nicht nachkam, erlangte er keine andere
Leistung der Dienstpflicht als nur den Titel eines Lehnsherrn.
Nach der Vertreibung Adalberts finden wir auch Ekbert
wieder häufiger am Hofe, so im Mai 1066 zu Fritzlar.
König
HEINRICH war in eine schwere Krankheit verfallen, die ihm unsägliche
Schmerzen bereitete. Da gelobte er das Kloster Malmedy, das nach dem Willen
des Stifters, des heiligen Remaklus, nie vom Kloster Stablo getrennt werden
sollte, wieder mit demselben zu vereinen und es Anno zu entziehen, der
dies Kloster sich einst von HEINRICH
hatte schenken lassen. Siegfried von Mainz und Ekbert
waren die
Bürgen, dass der König sein Gelübde auch erfüllen werde.
Allein Anno behielt diese Abtei bis zum Jahre 1071, ein Beweis, dass
Ekbert nicht gerade sehr in HEINRICH drang,
sein Gelübde zu verwirklichen und so seinen alten Genossen um das
reiche Kloster zu bringen.
Als HEINRICH sich
von seiner Krankheit erholt hatte, feierte er auf Drängen der Kaiserin
Agnes und der Fürsten seine Vermählung [Zu Tribur
am 13. Juli 1066] mit Bertha,
der Tochter des Grafen
Otto von Savoyen und Adelheids,
der Tochter des Grafen
Manfred I. von Turin; bereits HEINRICH
III. hatte ihm die Braut verlobt. So trat denn Ekbert
durch diese Heirat in ein noch näheres Verwandtschaftsverhältnis
zu dem jungen Könige. Wir haben im vorigen gesehen, wie das Verhältnis
zwischen Ekbert
und seinem königlichen Vetter ein immer engeres
geworden. Bald sollte
Ekbert auch eine Bestätigung des königlichen
Wohlwollens erhalten: im Jahre 1067 empfing er die Markgrafschaft
Meißen, die durch den Tod des Markgrafen Otto von Orlamünde
erledigt worden war, als Lehen. Von der Mark selbst, welche eigentlich
aus drei Marken: Merseburg, Zeitz und Meißen bestand, wurde die Zeitzer
Mark abgetrennt und an Udo II. von Stade, den Markgrafen der Nordmark,
verliehen.
Es mochten verschiedene Gründe sein, die HEINRICH
bewogen, die wichtige Mark Ekbert
zu übertragen. Jedenfalls
glaubte er in ihm eine wichtige Stütze in Sachsen zu finden, da
Ekbert in den letzten Jahren treu zu dem Hause der
SALIER gehalten hatte. Auch Annos Fürsprache wird von Einfluß
gewesen sein. So wurde Ekbert auch ein marchio Misnensis. Doch nicht
lange sollte er sich des neuen Besitzes erfreuen, da ihn schon ein Jahr
später ein schneller Tod dahinraffte. Seine Ländergier war durch
diesen neuen Erwerb nicht befriedigt worden, ja dieser gab ihm nur den
Anstoß zu neuen Plänen. Um nämlich sich im Besitze seines
Lehens noch mehr zu sichern und namentlich die reichen Allodien seines
Vorgängers und die zahlreichen Lehen, die dieser von verschiedenen
Herren getragen hatte, zu gewinnen, faßte er den Entschluß,
seine Gattin, die ihm zwei Kinder, Ekbert
und
Gertrud,
geboren, zu verstoßen und Ottos Witwe Adelheid
zu heiraten. Dass Adelheid an Formschönheit seine Gemahlin weit übertraf
und ihm selbst, dem tatendurstigen, tollkühnen Manne, geistesverwandter
erschien, mochte ihm die neue Heirat bedeutend angenehmer erscheinen lassen,
wenn auch dieser Umstand sicherlich nicht der Hauptgrund war, wie Floto
im Anschluß an Lambert meint. Auch scheint sich Ekbert in
bezug auf den Reichtum und die Mitgift seiner Gemahlin Irmgard sehr
getäuscht zu haben; wenigstens können wir nirgends nachweisen,
dass Irmgards Kinder, weder aus der Ehe mit Otto von Schweinfurt
noch aus der mit Ekbert irgend einen Teil ihrer Erbschaft erhalten
haben [Dafür spricht auch, dass sie 1073 in Italien über einen
Teil ihres Erbgutes verfügt, ohne ihrer Kinder zu gedenken.], während
doch HEINRICH IV. durch seine Vermählung
mit Bertha in den Diözesen von
Turin und Asti eine Menge Pfalzservitien erhielt. Es ist darum anzunehmen,
dass Ekbert
nicht so über das Erbgut seiner Gemahlin verfügen
konnte, wie er wollte, selbst dann nicht, als er von ihr einen Sohn und
Erben besaß, und dass dieser Umstand nicht wenig dazu beitrug, sich
von Irmgard zu trennen: Politik hatte ihn mit ihr verbunden, Politik
bewog ihn auch, sich nach fast 10jähriger Ehe wieder von ihr zu trennen.
Dass er hierbei mit der Kirche in argen Konflikt kommen konnte, besorgte
ihn wenig. Die Großen aus HEINRICHS
Umgebung machten es ja nicht viel besser; suchte doch HEINRICH
selbst ein Jahr später mit allen Mitteln sich seiner ihm angetrauten
Gemahlin, die ihm die Politik des Vaters bestimmt hatte, zu entledigen.
So verstieß Welf
von Bayern 1070 seine Gemahlin Ethelinde, die Tochter Ottos
von Northeim, weil dieser am Hofe in Ungnade gefallen war, und die
Ehe ihm nicht die erwarteten Vorteile bot. So versuchte auch RUDOLF
VON SCHWEABEN seine Ehe mit Adelheid,
der Tochter des Markgrafen Otto von Savoyen zu lösen, indem er sie
fälschlich der Untreue beschuldigte. Ja Wenrichs von Trier giftgefüllte
Feder zeiht den Herzog sogar einer gleichzeitigen Ehe mit drei Gemahlinnen,
die im alle feierlich angetraut waren.
So wollte also auch Ekbert seiner Gemahlin den
Scheidebrief zusenden, unbekümmert, ob er vielleicht dadurch seinen
königlichen Vetter aufs tiefste kränken und beleidigen könnte
[Dass HEINRICH selbst mit dem Gedanken
umging, seine Ehe zu lösen, konnte Ekbert
schwerlich wissen,
da er es vor allen geheim hielt, wenn es auch die Vertrauten am Hofe nicht
unbekannt bleiben konnte, wie wenig sich der König seiner jungen Gemahlin
näherte.]. Allein der Tod trat dazwischen und hinderte sein "gottloses
Vorhaben." Ekbert
feierte noch mit König
HEINRICH zu Goslar das heilige Weihnachtsfest. Als er nach den
festlichen Tagen nach seinen Besitzungen, vielleicht nach dem nahen Braunschweig,
dem Hauptsitze der BRUNONEN, zurückkehrte, ergriff ihn ein
Fieber, das am 11. Januar 1068 seinem vielbewegten Leben ein Ende machte.
Im Vorgefühl eines nahen Todes hatte er jedoch kurz
vorher seinem Sohne, der noch im zarten Kindesalter stand, die wichtige
Mark Meißen samt Merseburg zu sichern gewußt; denn sein eigner
Besitz war zu kurz, als dass der Sohn begründete Ansprüche auf
dieselbe als auf ein erbliches Lehen hätte machen können.
Wo Ekbert seine letzte Ruhestätte fand, läßt
sich nicht ermitteln. Vielleicht ist an die St. Blasienkirche auf der Burg
Dankwarderode zu Braunschweig zu denken. Wir wissen, dass Ekbert
sich
um ihren Ausbau verdient machte und ihr Vergebungen schenkte, wie denn
auch seine Memorie daselbst gefeiert wurde.
Der Sitte der Zeit gemäß stiftete einige Jahre
später, 1071, HEINRICH IV. dem
heimgegangenen Verwandten zum Gedächtnis acht Hofgüter der Meißner
Kirche, damit daselbst Seelenmessen für ihn gelesen werden sollten.
So hatte Ekbert nach einer Regierung von 30 Jahren
sein Dasein beschlossen. Es war ihm gelungen, seinen ererbten Besitz so
zu vermehren, dass er am Ende seines Lebens als einer der reichsten Fürsten
dastand. Alle Mittel hatten ihm dazu helfen müssen, das Erbe der Väter
zu vergrößern; indem er seine Verwandtschaft und die Stellung
am Königshofe, die er sich seit 1062 daselbst errungen, benutzte,
gelang es ihm, die wichtige Mark Meißen zu erwerben; aber er verschmähte
es auch nicht, seinen Lehnsherrn, als dieser in Not kam, treulos im Stiche
zu lassen und sich so den unbeschränkten Besitz des größten
und reichsten Comitates in Friesland anzueignen. Ekbert
ist uns
ein getreues Spiegelbild seiner Zeit, wie die Großen es damals verstanden,
die Zeitverhältnisse auszunutzen und ihren Besitz auf Kosten der Krone,
auf Kosten der anderen Fürsten zu mehren und ihr Erbe den Nachkommen
zu sichern. Ohne sich mit unfruchtbaren Plänen abzugeben, sondern
den Blick nur auf das Naheliegende, auf den Erwerb gerichtet, von großer
persönlicher Tapferkeit und Unerschrockenheit, voll Eifer, sich durch
fromme Stiftungen die Gnade des Himmelskönigs zu erwerben, aber ohne
Scheu wiederum vor den heiligsten Gesetzen der Kirche, die er schonungslos
mit Füßen trat, wenn es galt, einen Vorteil zu verfolgen, so
tritt und Ekbert im Verlaufe der Geschichte entgegen, so waren auch
die meisten seiner Zeitgenossen.