Rockrohr Paul:
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"Die letzten Brunonen"

Gerade die eigenen Verwandten waren es, die dem Enkel KONRADS II. am feindlichsten gegenübertraten, so Rudolf von Schwaben, so die Grafen von Stade und vor allem die Nachkommen der Kaiserin Gisela, nämlich die letzten aus dem altberühmten Geschlechte der BRUNONEN, von denen der ältere, Ekbert I., den Sohn der Mutter entriß, und der jüngere, Ekbert II., viermal seinem königlichen Vetter den Eid der Treue schwur und viermal denselben brach, ja selbst nach dessen Krone strebte. Wir finden ein hartes, in den ewigen Fehden verwildertes Geschlecht in diesen freien Herren und Grafen im Sachsenlande; nur um den eigenen Vorteil bekümmert, suchen sie herrschsüchtig und gewalttätig ihre Macht zu mehren: der Vasall zieht gegen den Lehnsherren, der Bruder gegen den Bruder, der Sohn gegen den Vater das Schwert; heute schwört jeder die heiligsten Eide, um sie morgens aufs gewissenloseste zu brechen.
Ludolf IV. hinterließ bei seinem Tode am 23. April 1038 zwei Söhne, Bruno und Ekbert, sowie eine Tochter, die Ida von Elsdorf. Ludolf war vermählt gewesen mit Gertrud, der Tochter des Grafen Arnulf von Holland, welche ihm als Erbgut die Gaue Stavero, Westergo und Isselgo als marchia Fresie zubrachte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ludolf als Besitzer dieser Gaue, über die er bereits alle Hoheitsrechte ausübte, den Titel marchio Brandenburgensis führte, wie denn auch seine Gemahlin als marchionissa (senior) bezeichnet wird. Ludolfs Vater, Bruno II., war der erste Gemahl der schönen und geistvollen Gisela, die ihren Stammbaum von Kaiser KARL DEM GROSSEN ableitete. Nach dem Tode des Herzogs Ernst von Schwaben zum zweiten Male Witwe, heiratet sie den nachmaligen Kaiser KONRAD II. So war Ludolf nahe mit dem Kaiserhause der SALIER verwandt. Das alte Stammland der BRUNONEN, das in Sachsen lag, erbte der jüngere Sohn Ekbert, während der ältere, Bruno, dem Vater in der Mark Friesland nachfolgte und als Inhaber derselben die Münzgerechtigkeit zu Bolsward, Dokkum, Leeuwarden und Staveren besaß. Von den sächsischen Erblanden kennen wir aus Urkunden die Gaue Nordthüringen, Darlingen, Valen, Saltga, Gretingen und Mulbeze (oder Flutwide), in deren Umfang die Parochieen Schöningen, Watenstädt, Schöppenstädt, Luklum, Atzum, Groß-Stockheim, Densdorf, Ringelheim, Henkelbüttel und Wienhausen genannt werden. Desgleichen besaßen die BRUNONEN Grafenrechte in den Gauen Flenithi, Valotungen, Aringen, Muthiwide und Guddingen.
Ekbert besaß diese sächsischen Erblande nicht allein, da wir auch von Bruno Grafenrechte daselbst nachweisen können; so kennen wir Bruno1049 als Grafen im Gau Valen, 1052 und 1053 als solchen im Gau Flutwide. Allein diese Comitatsrechte müssen denen verschwindend klein gewesen sein, weil Ekbert noch bei Lebzeiten seines Bruders allein als Nachfolger in diesen sächsischen Gauen genannt wird.
Am 5. Oktober 1056 traf das Haus der SALIER und ganz Deutschland ein schwerer Schlag. Kaiser HEINRICH III. wurde im besten Mannesalter dahingerafft, ohne seine hohen Ziele erreicht zu haben. Wenn sein Vater, KONRAD II., vom ersten Tage seiner Regierung an danach gestrebt hatte, die übermächtige Gewalt der Fürsten zu zertrümmern und sich eine Königsmacht zu schaffen, die sich unmittelbar über den kleineren Vasallen erheben sollte, so war es HEINRICHS Ziel gewesen, auf Grund der ererbten Macht seine kaiserliche Gewalt zu allgemeiner Anerkennung zu bringen und die Völker des Abendlandes seinem Willen zu beugen. Mit eiserner Hand hatte HEINRICH das Steuer des Reiches geführt und durch manchen Sturm das Schiff gelenkt, aber das ganze Bestehen seiner Allgewalt war auch nur an seine Person allein, an seinen starken Geist und Willen geknüpft. Es war ihm nicht vergönnt, den Hafen zu erreichen; auf halbem Wege starb der Lenker des Schiffes, das nun wieder ein Spiel der Wellen ward, hilflos den Stürmen preisgegeben. Er hatte den Kampf um die Welt gewagt, ohne dabei die Grundlagen zu sichern. "So schwungvoll HEINRICHS Entwürfe waren, so vieles ihm glückte, hat er doch wenig getan, um seiner Nachkommenschaft und seinem Volke die gewonnene Macht für die Dauer zu sichern. Wie sich einst nach dem Tode Kaisers OTTO II., da Lothar von Frankreich und Heinrich von Bayern als Agnaten die Vormundschaft beanspruchten, die treuen Anhänger des Kaiserhauses um Mutter und Großmutter scharten, um ihnen die Herrschaft zu sichern, so geschah es auch jetzt. Allein beim besten Willen konnte man doch nicht die Tatkraft des heimgegangenen Kaisers ersetzen. Die Fürsten atmeten wieder auf und begannen eigenmächtig ihre Interessen zu verfolgen. Zuerst in Sachsen sollte sich der Umschwung der Verhältnisse offenbaren. Leider sind wir dabei nur auf den Bericht Lamberts von Hersfeld angewiesen. "Die sächsischen Fürsten" so berichtete er zum Jahre 1057, "verhandelten in häufigen Zusammenkünften über die Unbilden, welche ihnen unter der Herrschaft des Kaisers zugefügt waren, und meinten, es würde ihnen deshalb eine schöne Genugtuung widerfahren, wenn sie dem Sohn desselben, so lange noch sein zartes Alter eine solche Gewalttat begünstigte, das Reich entrissen. Auch lag der Glaube nicht fern, dass der Sohn zu der Sinnesart und der Lebensrichtung des Vaters mit raschen Schritten übergehen werde. Unverhofft kam dazu, als eine große Hilfe zur Störung der öffentlichen Ruhe, Otto, der Bruder des Markgrafen Wilhelm, der aber aus ungleicher Ehe, nämlich mit einer slavischen Mutter, geboren war, ein Mann von durchdringendem Verstande und tapferem Arme. Dieser hatte bei dem Volke der Böhmen als Verbannter schon von Kindheit auf gelebt; als er aber die Nachricht von dem Tode seines Bruders empfängt, kehrt er mit großer Hoffnung, ihn zu beerben, nach Sachsen zurück, wird dort von allen (a cunctis) Fürsten gütig aufgenommen und durch mächtige Ermunterung aller angereizt, nicht nur die Mark, welche ihm vermöge seines Erbrechtes gebühre, sondern auch das Reich selbst zu erstreben. Als sie ihn rüstig und zu dieser Unternehmung finden, sagen ihm alle (omnes) ihren treuen Beistand zu, ein jeder verspricht ihm Handreichung und tätige Hilfe, und sie beschließen, den König, wo nur der Zufall günstige Gelegenheit bieten werde, zu töten. Betroffen von Furcht waren alle, welche einige Sorge für das Wohl des Reiches hegten, und darum fanden sie es für gut, dass der König eilends nach Sachsen kommen und des gefährdeten öffentlichen Wohles, wie immer es ihm nur möglich sein werde, sich annehmen möchte."
Allein schon auf den ersten Blick ersehen wir die Unwahrscheinlichkeit dieser Darstellung und fast Satz für Satz können wir hier die Haltlosigkeit der Behauptungen des Hersfelder Mönches nachweisen. Zunächst, was soll das bedeuten: agitabant de injuris, quibus sub imperatore offecti fuerant. Blättern wir nach in der Geschichte HEINRICHS III., so finden wir nirgends ein Beispiel, dass dieser Kaiser mit dem Sachsenvolke in einen Streit von Bedeutung geraten wäre, geschweige denn, dass er ihnen Unrecht zugefügt hätte. Man hat immer - namentlich auch beeinflußt durch diese Worte Lamberts - viel davon geredet, dass das Volk der Sachsen dem Hause der SALIER tief verfeindet gewesen wäre, aber überzeugende Beweise werden nirgends gebracht. Treffend sagt Steindorff von dem Verhalten der Sachsen während der Regierung HEINRICHS III.: "Der sächsische Stamm, später der wichtigste Verbündete Gregors VII. in seinen Kämpfen mit Kaiser HEINRICH IV. ertrug die Herrschaft des zweiten Kaisers aus dem fränkischen Hause ebenso willig wie die des ersten. Den hochverräterischen Umtrieben, welche Erzbischof Adalbert seinen Nachbarn, dem Herzog Bernhard II. und dessen nächsten Verwandten zur Last legte, standen der übrige Adel des Landes fern und während sich im oberen Deutschland, in Schwaben und Bayern eine feindliche Partei bildete, die den Kaiser nicht nur der Krone, sondern auch des Lebens berauben wollte, herrschte in Sachsen tiefe Ruhe." Somit wäre das Unrecht, das die Sachsen unter HEINRICH III. so vielfältig erlitten, eine Phrase Lamberts. Ferner sollen alle Fürsten den Slaven Otto gütig aufgenommen haben. Alle versprachen ihm Hilfe, und doch - so erzählt Lambert selbst - waren mächtige Dynastengeschlechter wie die von Stade, ferner die BRUNONEN seine heftigsten Gegner, ja der ganze Aufstand, der nach Lambert sogar die Thronfolge verändern sollte, - eine eigene Idee, den hergelaufenen Slaven, gegen dessen Volk die Deutschen damals soviel Haß und Verachtung zeigten, gleich zum König zu erheben! - erlischt dann ebenso schnell, wie er entstanden, und wird gedämpft allein durch das Gefolge der BRUNONEN. Denn, dass "alle Fürsten" der Sachsen nun gleich im Sinne gehabt, das Königskind zu ermorden, wo sie es nur träfen, dass die Regierung kein besseres Mittel sieht, den Aufstand zu stillen, als den jungen König persönlich nach Sachsen zu bringen, also direkt in den Rachen des Löwen, wie handgreiflich tragen diese Behauptungen den Stempel der Unwahrscheinlichkeit! Allzu gläubig sind hier die Historiker wie Stenzel, Böttger, Giesebrecht, Posse und andere Lambert gefolgt; nur Floto hegt einige Zweifel. Und nun weiter: "Der König wollte", so fährt Lambert fort, "deswegen den Tag der heiligen Apostel Petrus und Paulus (29. Juni) in Merseburg feiern. Hierher ließ er alles, was an Fürsten in Sachsen vorhanden war, zur Besprechung berufen. Als diese nun dahin auf dem Wege waren, ein jeder nach dem Verhältnis seiner Macht von einer großen Schar von Vasallen begleitet, traf es sich, dass Bruno und Ekbert, die Vettern des Königs, zufällig auf das zahlreiche Gefolge des obengenannten Otto stießen, welcher mit dichtgedrängtem Zuge zum königlichen Hoflager ritt. Diese aber waren, abgesehen von der öffentlichen Sache, auch wegen persönlicher Feindseligkeiten seine heftigsten Gegner. Unverzüglich geben beide ihren Vasallen das Zeichen zum Angriff, spornen die Rosse und stürzen sich mit gleichen Hasse in wechselseitige Wunden. Da, an der Spitze der Ihrigen, begegnen sich Bruno und Otto, beide von Zorn erfüllt, beide nur darauf bedacht den Gegner zu treffen, ohne an ihre eigene Deckung zu denken, und mit so heftigem Ungetüm trafen sie aufeinander, dass ein jeder den anderen beim ersten Anrennen vom Pferde stieß und so mit tödlicher Wunde durchbohrte. Nach Verlust der Anführer schwankte der Kampf noch eine Zeit lang unentschieden hin und her. Aber Ekbert, wütend vor Schmerz über den Tod des Bruders, stürzt sich, obwohl schwer verwundet, in vollem Rosseslauf unaufhaltsam in das dichteste Gewühl der Feinde und tötet den Sohn des Grafen Bernhard, einen trefflichen Jüngling, der aber kaum zum Waffentragen reif war; die übrigen, die, weil sie ihren Führer verloren, nur noch lässiger kämpften, schlägt er in die Flucht. So wurde der Staat von einer großen Furcht befreit, und die Sachsen, da der Bannerträger der Empörung gefallen war, unternahmen nichts Arges wider den König." Gerade diese lebhafte Schilderung, die einen Augenzeugen vermuten lassen könnte, muß Mißtrauen erwecken. Der gegenseitige Fall der beiden Führer, wie sie wutentbrannt den Ihrigen voraussprengen, ferner wie Ekbert, obschon schwer verwundet, den anderen feindlichen Führer im Zweikampfe aus dem Sattel räumt, alles dies erinnert uns an Zweikämpfe und Schlachten bei den alten Autoren, wie sie namentlich Livius gern schildert. Und so finden wir denn auch bei Livius II. c. 6. dieselbe Erzählung, mit der unser Mönch nicht nur in der ganzen Art der Darstellung des Kampfes, sondern auch in den einzelnen Redewendungen auffallend übereinstimmt. Livius erzählt uns daselbst, wie der vertriebene König Tarquinius an der Spitze der Vejenter und Tarquinier gegen Rom zieht, um Vaterland und Krone wieder zu erobern. In gleicher Weise, wie sein tapferer Sohn Aruns mit der Reiterei voranzieht, befehligt der Consul Brutus die römischen Reiter; so treffen die beiden Todfeinde an der Spitze der Ihrigen auf einander und durchbohren sich gleichzeitig im Zweikampfe mit den Lanzen. Mit kann uns hier Lambert kein sicherer Gewährsmann sein. Seine Erzählung ist in ihren Motiven offenbar von des Livius Darstellung beeinflußt, dass der Verbannte Heimat und Erbe mit Gewalt erobern wollte, und Bruno gleich Brutus als Opfer für den Staat fiel.
Ich denke, der Hergang war vielmehr dieser: Als Wilhelm von der Nordmark sein Ende gefunden hatte, und Udo von Stade die Belehnung von HEINRICH III. empfangen hatte, machte sich Otto auf, um das Erbteil des Vaters anzutreten. Er kam zu spät, um noch vor der Belehnung seine Ansprüche vor HEINRICH III. geltend zu machen, aber in Sachsen fand er inzwischen bei einer Anzahl der freien Herren Unterstützung, also wohl namentlich bei den alten Freunden seiner Familie und bei denen, die dem Haus von Stade die Erwerbung mißgönnten. Eifersucht und Hader trennten ja fast immer die sächsischen Herren, und nie dürfen wir uns dieselben so einmütig vorstellen, wie es nach den Schilderungen Lamberts und Brunos, des sächsischen Priesters, oft erscheint. Die Regentin zog nun mit dem jungen HEINRICH IV. zu dem auf den 29. Juni bestimmten Hoftag nach Merseburg, wohin auch die streitenden Parteien beschieden waren, um die Entscheidung der Regentschaft zu empfangen. Zwar hatte schon HEINRICH III. Udo belehnt, allein die Gegner konnten die Belehnung um so leichter anfechten, wenn sie anführten, dass diese offenbar - bei den damaligen Verhältnissen - in möglichster Hast (vielleicht erst auf dem Sterbebett des Kaisers) geschehen sei, und dieser, wenn er nicht den nahenden Tod vor Augen gehabt hätte, doch die Ankunft des Bruders Wilhelms erwartet oder ihm wenigsten einen Teil der väterlichen Besitzungen gelassen hätte. Allein Ekbert und Bruno kamen der Entscheidung der Königin zuvor. Es war nicht so zufällig, dass sie Otto beim Zug nach Merseburg trafen. Bei Hausneindorf an der Selke umzingelten die BRUNONEN den Slaven, den sie nicht anerkennen wollten und welchem sie persönlich verfeindet waren, und erschlugen Otto, der in Merseburg seine Ansprüche geltend machen wollte, auf dem Wege dahin samt dem jungen Sohne des Grafen Bernhard. Aber auch den BRUNONEN war der Kampf teuer zu stehen gekommen: Bruno selbst war gefallen und Ekbert hatte schwere Wunden davongetragen - So war es lediglich ein Akt der Privatrache, der Otto zum Opfer fiel. Sein Tun vor der Welt und dem Königshause zu rechtfertigen, mochte dann Ekbert um so leichter sein, wenn man dem Letzten aus dem Hause der HALDENSLEBENER Hochverrat und sogar einen Mordanschlag gegen den jungen König unterschob; anderseits verwertete der Mönch im Hersfelder Kloster das ausgesprengte Gerücht, "den Klatsch der Straße," auf seine Weise, indem ihm die Geschichte der Tarquinier als Vorlage dienen mußte. Die Ereignisse selbst, die wir ja auch durch andere Quellen zum Teil erfahren, bringt uns Lambert ganz richtig; aber wohl entging ihm hier die wahre Veranlassung, die ursächliche Verknüpfung der Tatsachen. Jedenfalls kann ich daher der bisherigen Ansicht nicht beistimmen, die Ekbert aus Sorge um das Königshaus die Tat begehen läßt, am allerwenigsten Böttger, wenn er sagt: "So starb Bruno VII.am 26. Juni 1057 als Sühneopfer für seinen König und Blutsverwandten." Am Hofe durchschaute man sehr wohl den wahren Grund der Tat, allein Otto war nun einmal gefallen, der Zwist beigelegt, dessen Entscheidung der Königin doch nach einer Seite hin Widersacher hätte erwecken müssen. So machte man gute Mine zum bösen Spiel; aber die Regentschaft wußte darum Ekbert keinen Dank, sondern hielt ihn wohl geflissentlich vom Hofe fern.
Bruno war kinderlos gestorben; so trat Ekbert die alleinige Herrschaft über die sächsischen Gaue und die Mark Friesland an.