Laudage, Johannes: Seite 27,110,151,228-230
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"Otto der Große. Eine Biographie."

Auch Graf Wichmann der Jüngere, ein Vetter des Königs, erhielt - trotz erbitterter Fehde -  Verzeihung, als er zum Frieden bereit war.
Als Graf Wichmann der Jüngere, ein leiblicher Vetter OTTOS DES GROSSEN, in blutiger Fehde verwundet wurde, soll er - den Tod vor Augen - zu seinen Gegnern gesagt haben: "Nimm dieses Schwert und überbringe es Deinem Herrn, damit der es als Siegeszeichen erhalte und seinem Freund, dem Kaiser übersende. So möge jener wissen, er können nun über einen Feind lachen, der erschlagen wurde, oder um einen Blutsverwandten weinen." Dieses Zitat markiert ein Grundproblem der Herrschaft OTTOS DES GROSSEN - er hatte mit seinen Verwandten die allergrößten Schwieirgkeiten. Die meisten Konflikte wurden durch OTTOS Regierungsstil verursacht.
Zugleich wird uns berichtet, auch Graf Wichmann der Jüngere, ein weiterer Vetter des Königs, sei zu Liudolf übergelaufen. Offenbar waren also weite Kreise des Hochadels, darunter engste Verwandte des Herrschers, bereit, OTTOS empörendes Verhalten durch Aufkündigung ihrer Gefolgschaft zu ahnden. Sogar einige Bischöfe wurden schwankend, aber der König konnte ihnen nichts anhaben, und selbst, als Ekbert und Wichmann von ihrem Onkel ergriffen und vor Gericht geführt wurden, sah OTTO davon ab, sie für ihre Aufsässigkeit streng zu bestrafen. Er befahl deshalb, nur einen von ihnen (nämlich Wichmann) zu inhaftieren und schickte ihn unter ritterlicher Bewachung in eine seiner Pfalzen.
In besonders klarer Weise zeigt es sich aber am Beispiel Graf Wichmanns des Jüngeren, seine Lebensgeschichte soll deshalb als Modelfall dienen.
Wichmann war ein Neffe des Heerführers und späteren Herzogs Hermann Billung, und er stand für jene Teile des sächsischen Adels, die sich von OTTO von Anfang an düpiert und benachteiligt fühlten. Sein Vater, Graf Wichmann der Ältere (+ 944), hatte sich einst über die Bevorzugung seines Bruders Hermann sehr geärgert und sich unter einem Vorwand aus dem sächsischen Heer entfernt; erst der Aufstand Thankmars hatte ihn dann wieder zur Besinnung gebracht. Seine Söhne handelten noch unbedachtsamer. Sie verließen den König, als sich der Konflikt mit Liudolf gerade seinem Höhepunkt näherte. Zur Begründung wies der jüngere Wichmann darauf hin, sein Onkel habe als "Räuber seines väterlichen Erbes und Dieb seiner Schätze" zu gelten. Dan begann er zusammen mit seinem Bruder Ekbert dem Einäugigen die Fehde, und nur die kluge Reaktion Hermann Billungs verhinderte, daß in Sachsen der große Aufruhr entstand. Die Wut Wichmanns wurde dadurch freilich nicht lange gezügelt. Obwohl der König ihn ritterlich behandelte und in einem Prozeß weitgehend schonte, benutzte der enttäuschte Graf die erstbeste Gelegenheit, um im Verein mit seinem Bruder Ekbert erneut loszuschlagen. Als Hermann die Revolte blutig niederschlug und seine Neffen zur Flucht über die Elbe zwang, geschah etwas Ungeheuerliches: Wichmann und Ekbert verbündeten sich mit zwei Abodriten-Fürsten zum Kampf gegen das eigene Volk; der Familienzwist war ihnen wichtiger als die Verpflichtung zum Heidenkampf.
Man hat dieses Bündnis früher meist mit Unverständnis betrachtet, es als Hochverrat bewertet, aber in der Regel übersehen, daß es keineswegs das erste seiner Art gewesen ist. Auch Arnulf von Bayern hatte einstmals ähnlich gehandelt, als er "mit ungarischer Waffenhilfe 917 nach Bayern zurückkehrte" (Werner Goez). Niemand hatte daran seinerzeit größeren Anstoß genommen; aber im Zuge des Liudolf-Konflikts wandeltens ich dei Maßstäbe: Liudolf wurde es zum Verhängnis, den Ungarn den Weg nach Franken gewiesen zu haben, und genauso erging es auch Wichmann und Ekbert. Ein Hofgericht verurteilte die beiden leiblcihen Vettern des Königs als "geächtete Feinde" (hostes publici); nur ihren Anhängern wurde Begnadigung versprochen, wenn sie die Fronten wechseln wollten. Trotzdem gingen die Kämpfe weiter. Das bewaffnete Gefolge der beiden Brüder hielt loyal zusammen. Unter der Führung Wichmanns fielen die Abodriten im Frühjahr 955 in Sachsen ein. Ohnmächtig mußte Hermann Billung mitansehen, wie alle in einer Fluchtburg versammelten Menschen verschleppt oder getötet wurden. Selbst als OTTO DER GROSSE einige Monate danach persönlich im Slavenland erschien und den Kampf grausam zu seinen Gunsten entschied, fanden Wichmann und Ekbert noch soviele Freunde, daß sie quer durch ganz Sachsen bis nach W-Franken flüchten konnten.
Diese Tatsache deutet darauf hin, daß OTTOS harte Linie gegenüber den Slaven in Sachsen nicht unumstritten war, aber klarer noch läßt sich derselbe Umstand fassen, wenn man erfährt, daß Wichmann einige Zeit später sogar unbehelligt in die Heimat, zur Frau und Haus, zurückkehren konnte. So mußte ein drittes Mal ein Heer gegen den aufsässigen Grafen herangeführt werden; es stand unter dem Befehl des Markgrafen Gero und erreichte nur mit Mühe, daß ein Kompromiß geschlossen wurde: Wichmann konnte sich nach einem Unterwerfungsakt und einer Erneuerung seines Treueides bald wieder der Huld des Königs erfreuen; Ekbert hatte unter Vermittlung seines Vetters Brun von Köln schon etwas früher dasselbe erreicht. Bereits dieser äußere Ablauf des Konflikts zeigt an, wie schwer es OTTO DEM GROSSEN fiel, seine Slavenpolitik im sächsischen Adel durchzusetzen, udn durch die weitere Entwicklung wird dies sogar noch unterstrichen. Wichmann konnte es nämlich wagen, während der Abwesenheit des Herrschers vom Reich, also in den Jahren 961-965, noch zwei weitere Bündnisse mit heidnsichen Großen zu schmieden, ohne daß er deshalb die Rückendeckung seiner Freunde und Vasallen verloren hätte. Es scheint also fast so, als ob erst sein Tod am 22. September 967 den militärischen Widerstand gegen Hermann Bilung und die aggressive Slavenpolitk OTTOS I. endgültig ausgelöscht hätte.