Störmer Wilhelm: Band I Seite 516-518
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"Bayern und der bayerische Herzog im 11. Jahrhundert" in: Die Salier und das Reich

Lampert von Hersfeld - freilich 'parteipolitisch' befangen - desillusioniert dieses Herzogseinsetzungsgeschäft mit ungewöhnlicher Schärfe: "Der König feierte Weihnachten in Goslar. Dort wurde auf Fürsprache Herzog Rudolfs von Schwaben Welf, der Sohn Markgraf Azzos von Italien, mit dem Herzogtum Bayern belehnt. Dieser hatte eine Tochter Herzog Ottos von Bayern geheiratet und ihr schon zum zweiten Mal eidlich eheliche Treue gelobt. Solange nun Frieden herrschte und auch solange er hoffte, der leichtsinnig begonnene Krieg könne ohne große Veränderung der Zustände beendet werden, erwies er seiner Gemahlin eheliche Liebe und Ehre und förderte die Sache seines Schwiegervaters nach Kräften durch Waffenhilfe und gute Ratschläge. Als er aber von dem Urteil gegen diesen erfuhr und merkte, dass der Krieg und der Zorn des Königs von Tag zu Tag heftiger gegen diesen anschwoll, brach er alle Abmachungen und alle Bande, mit denen sie gegenseitig ihre Verwandtschaft aneinander geknüpft hatten, denn er hielt es für besser, den Vorwurf des Meineids und die Schande des Treubruchs auf sich zu nehmen, als sich in seiner glänzenden Lage an dessen hoffnungslose, verlorene Sache zu binden. Zunächst versagte er ihm die Hilfe, um die er ihn in seiner Not bat, dann schloß er seine Tochter von der Gemeinschaft des Ehebettes aus und schickte sie ihrem Vater zurück, und schließlich richtete er sein ganzes Bemühen darauf, dessen Herzogtum in seine Hände zu bekommen, ohne Rücksicht darauf, wie viel Gold, wie viel Silber, wie viel seiner Einkünfte und Besitzungen er verschleudern mußte, wenn er nur erreichte, was er wünschte. So geriet ihm der Betrug, und er wurde groß und mächtig, aber alle verabscheuten ihn, weil er die glänzendste und angesehenste Würde im Reich durch so schmutzigen Ehrgeiz besudelt hatte. Der König wußte, dass es den bayerischen Fürsten nicht gerade gefallen werde, was da wider Sitte und Recht und ohne ihre Befragung geschehen war, und deshalb gedachte er, so schnell wie möglich nach Bayern zu gehen, um eine Verschwörung, die etwa ausbrechen würde, persönlich zu beschwichtigen [56 Lampert von Hersfeld (wie Anm. 53, Seite 118f. Übersetzung: A. Schmidt/W.D. Fritz (Hg.), Lampert von Hersfeld Annalen (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 13), Darmstadt 1973, Seite 133.].
König HEINRICH IV. hatte mit der Einsetzung Welfs alte salische Gepflogenheiten aufgegeben. Mit Welf IV. kam seit HEINRICH II. erstmals wieder ein Mann an die Leitung des bayerischen Herzogtums, der auch in Bayern bereits eine ererbte Interessensphäre hatte [57 J. Fleckenstein, Über die Herkunft der Welfen und ihre Anfänge in Süddeutschland, in: G. Tellenbach (Hg.), Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels, Freiburg/Br. 1957, Seite 71-136; K. Jordan, Heinrich der Löwe, München 1979; Seite 4ff.; W. Liebhart, Ida von Öhningen, Irmentrud von Luxemburg und das welfische Hauskloster Altomünster, in: Oberbayerisches Archiv 109/II, 1984; Seite 233-241.], die er in der Folge ausbauen konnte und wollte. Als Welf nach der Aussöhnung mit Kaiser HEINRICH IV. 1096 wieder das Herzogtum erlangte, verließ der Kaiser schließlich alle salischen Prinzipien bezüglich des Herzogtums, indem er die Erblichkeit zugestand. Frutolf berichtet: "Welf, neuerlich Herzog von Bayern, versöhnte seine Söhne, als sie selbst einen Aufruhr anzuzetteln versuchten, in Gnaden mit dem Kaiser und erreichte, dass nach ihm einem von ihnen die Herzogsgewalt übertragen werden sollte [58 Frutolfi Chronica zu 1098: F.-J.Schmale/I. Schmale-Ott (Hg.), Frutolfs und Ekkehards Chroniken und die anonyme Kaiserchronik (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 15), Darmstadt 1972, Seite 110f.]."
Während der aufständische Ex-Herzog Kuno von Ungarn nach Köln in das Stift Mariengraden überführt wurde [64 U. Lewald, Die Ezzonen. Das Schicksal eines rheinischen Fürstengeschlechtes, in: Rheinische Vierteljahresblätter 543, 1979, Seite 120-168, hier Seite 141f.], hat man auch Herzog Welf I., der auf dem Kreuzzug in Paphos/Zypern starb, nicht nach Bayern, sondern in das welfische Hauskloster Altdorf überführt [65 Historia Welforum, ed. E. König (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 1), Sigmaringen ² 1978, Seite 22f.,111.]. Seine Nachfolger in der bayerischen Herzogswürde, Welf II. und Heinrich der Schwarze, sind ebenfalls in Altdorf bestattet worden [66
Ebd., Seite 24f., 112.]. Man merkt hier deutlich, wie Herzogsamt und Dynastiebildung bzw. Dynastiebewußtsein imer mehr auseinanderdriften.