Schneidmüller Bernd: Seite 130-150
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"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."

Die ersten Jahre Welfs IV. verharren im Ungewissen. Erst die Belehnung mit dem Herzogtum Bayern zu Weihnachten 1070 bot den Chronisten Anlaß zur Berichterstattung. Dem rückschauenden Lob der Historia Welforumn steht der Tadel zeitgenössischer Chronisten entgegen. Die spätere Hausüberlieferung feierte den welfischen Aufstieg zu einer der vornehmsten Würden im Reich: "Das ist jener Welf, der als erster der Unsrigen das Herzogtum der Bayern erlangte. In ihm wie in anderen Teilen des Reichs vollbrachte er vieles Wunderbare. Denn er war ein Mann, tüchtig im Kampf, klug im Rat, im Rechtstsreit wie in schiedlicher Verhandlung gleichermaßen hervorstechend. Darum unterdrückte er alle Kriegsstürme, die in seinem Gebiet gegen ihn oder unter anderen losbrachen, entweder durch größe Mäßigung oder durch große Härte."
Die Umstände der Beförderung müßten nüchterne Beobachter freilich nachdenklich stimmen. Welf IV., der als erster seines Namens in der Reihe der bayerischen Herzöge bisweilen auch als Welf I. gezählt wird, nutzte nämlich eine schillernde Auseinandersetzung zwischen König HEINRICH IV. (1056-1105/06) und dem bayerischen Herzog Otto von Northeim aus. 1061 hatte der sächsische Graf den bayerischen Dukat erlangt und sich seither im Königsdienst durchaus bewährt. Ottos Tochter Ethelinde war mit Welf IV. verheiratet worden, der damit bald nach seiner Ankunft in S-Deutschland die Nähe zur politischen Führungsschicht im Reich gewann.
Auf Vorschlag Herzog Rudolfs von Schwaben entschied sich HEINRICH IV. zu Weihnachten 1070 in Goslar für Welf IV. als neuen bayerischen Herzog. Der weite welfische Besitz im westlichen Bayern und östlichen Schwaben bildete dafür ebenso die Voraussetzung wie die politisch-verwandtschaftlichen Bindungen des Kandidaten zum oberitalienischen Adel. Für die Italienpolittik der SALIER waren der bayerische Dukat und die Kontrolle über die Alpenpässe schließlich von herausragender Bedeutung. Zudem schien die unbedingte Loyalität Welfs festzustehen. Er hatte seinen Weg zum Herzogtum nämlich mit der Verstoßung seiner Gemahlin Ethelinde, also mit einem nicht mehr zu heilenden Affront gegen den Schwiegervater Otto von Northeim erkauft.
Ob Welf rechtzeitig und notgedrungen ein sinkendes Schiff verließ oder zum Übeltäter wurde, dem selbst ein Eheschwur nicht heilig war, läßt sich aus der Situation des Jahres 1070 nicht leicht entscheiden. Zu bedenken bleibt - wenn auch in den Quellen nicht erörtert - die bisherige offensichtliche Kinderlosigkeit der Ehe als treibendes Motiv für Welfs Handeln. 1070 vermischte sich freilich die in verletzender Form erfolgte Zurücksendung der Gattin zum Vater mit den Karrierehoffnungen auf Kosten des bisherigen Schwiegervaters.
Im Reich wie in der Region blieben die Urteile der Chronisten über Welf IV. kontrovers. Grund dafür war seine Parteinahme in der epochemachenden, die Grundlagen der bisherigen Weltordnung erschütternden Auseinandersetzung zwischen Reich und Kirche, die verkürzend als "Investiturstreit"  bezeichnet wird. Nähe und Ferne zum salischen Herrscher, die konsequente Beförderung der Kirchenreform im Reich und der Reformkirche in der abendländischen Christenheit, schließlich die kriegerischen Aktionen des WELFEN um die Bischofskirche Augsburg wie in weiten Teilen des Reichs prägten das kritische Urteil wie die stolte Selbstvergewisserung: Der Verfasser des Liber de unitate ecclesiae conservanda sah in Welf den "Verfolger der Kirche"; ein Annalist stilisiert ihn und Rudolf von Schwaben zu "Herzögen der Irrtümer". Papst Gregor VII. dagegen mahnte Welf "in der Verwirrung des Reiches" zur beständigen Treue zum Heiligen Petrus und winkte dafür mit irdischem Lohn, nämlich dem Zugriff auf die väterlichen italienischen Lehen. Aus den im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts gewonnenen Erfahrungen erwuchs das Selbstbewußtsein der WELFEN von anhaltender Treue gegenüber der römischen Kirche, eingefangen in der Meldung der Historia Welforum über Welf IV.: "Bevor der Kaiser Anschläge gegen sein Leben unternahm und offenkundig die Kirche Gottes bekämpfte, hing er ihm ganz treu an und diente ihm im Krieg gegen die Sachsen in drei ganz unheilvollen Schlachten überaus tüchtig. Als aber viel Unehrenhaftes über ihn erzählt wurde und asl er, was mehr war, den Herrn Papst Gregor VII. von seinem Sitz vertrieb, um Erzbischof Wibert von Ravenna an seine Stelle zu setzen, da fiel er mit anderen rechtgläubigen Fürsten von ihm ab und stritt von da an vielfältig mit ihm."
Die Bindungen an den Vater und die Halbbrüder könnten bereits für die Auswahl der neuen Ehefrau nach Ethelindes Verstoßung entscheidend geworden sein: "Zur Frau aber nahm er Judith, die verwitwete Königin von England, Tochter des hochadligen Grafen Balduin von Flandern." Hinter dieser Meldung der Historia Welforum, die Herkunft der Dame ein wenig verzerrend, verbirgt sich ein überraschend anmutender Ausgriff in die hochentwickelte westeuropäische Adelsgesellschaft. Daß Welf IV. 1070/71 eine flandrische Grafentochter, die den Namen der karolingerzeitlichen welfischen Kaiserin wie ihrer Enkelin, der Tochter Kaiser KARLS "DES KAHLEN" trug, heiraten konnte, zeigt den europäischen Rang seines Hauses an.
Die Eheverbindung mag nicht allein ein mit Welf verwandter Trierer Erzbischof vermittelt haben, wie es der Translatiobericht der Heiligblut-Reliquie nahelegt. Mediator dürfte auch der italienische Vater Welfs IV. gewesen sein, der 1069/70 in die westeuropäische Politik eingriff. Das verwirrend erscheinende genealogische Netz muß zur Erklärung des welfischen Handlungs- und Bewußtseinshorizonts bedacht werden. Albert Azzo II. hatte nach dem Tod seiner welfischen Gemahlin Kuniza (um 1050) in zweiter Ehe Garsenda geheiratet, die Schwester des Grafen Hugo IV. von Maine. Aus dieser Verbindung gingen die beiden Halbbrüder Welfs IV. hervor, Fulco und Hugo, auch sie nach mütterlichen Vorfahren benannt. Im Frühjahr 1069 setzte sich der OTBERTINER tatsächlich durch und ließ mit der Gattin auch seinen Sohn Hugo in Maine zurück. Letztlich war seiner Herrschaft kein Erfolg beschieden, so daß er 1070 zum Vater nach Italien zurückkehrte.
Gerade in dieser Zeit (1070 Auseinandersetzungen in der Grafschaft Flandern um das Erbe) wurde die Ehe Welfs IV. mit Judith verabredet, der flandrischen Grafentochter und englischen Adelswitwe. Die westeuropäischen Verbindungen der OTBERTINER erklären die Brautwahl und rücken den WELFEN auch wieder deutlicher in den väterlichen Familienverband. Der neue bayerische Herzog bildete also ein Glied im weiten europäischen Adelsgeflecht, das sich nicht auf das Reich oder gar auf S-Deutschland reduzieren läßt. 1055/56 war Welf IV. kaum vom Italiener zum Schwaben geworden. Dafür sprechen anhaltende Verbindungen zum Vater und seiner italienischen Herrschaft. Aus diesem weiten Beziehungsgeflecht bleibt Welfs IV. Verhalten als Herzog und Stifter zu erklären.
1073 beschenkte er mit väterlichem Konsens das Hauskloster Vangadizza, die Grablege seiner Mutter, welche 1097 auch die Gebeine des Vaters Albert Azzo II. aufnehmen sollte. Beim Tod des Vaters stritt Welf mit den Halbbrüdern Fulco und Hugo um das väterliche Erbe. Letztlich wurden diese Auseinandersetzungen, die erst aus dynastischer Rückschau zum Streit zwischen den WELFEN und den ESTE gerannen, erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch Welf VI., Heinrich den Löwen und FRIEDRICH I. BARBAROSSA beigelegt. 1097 setzte sich Welf IV. gewaltsam durch und befestigte seine Herrschaft nördlich wie südlich der Alpen.
Entläßt man Welf IV. 1056 nicht in die süddeutsche Eigenständigkeit für die Fortführung der welfischen Sache nicht gegen oberitalienische Bindungen aus und verengt man die Blicke nicht auf die schwäbisch-bayerische Herrschaft des welfischen Hauses, so wird man den personellen und politischen Netzwerken des späteren 11. Jahrhunderts erst gerecht. Dann begreift man die Wege der Söhne Albert Azzos II. in ihre kognatischen Erbgüter in Schwaben/Bayern oder Maine besser und löst sie nicht gleich aus der italienischen Adelsgesellschaft heraus. Erst nach dem Tod Albert Azzos II. 1097, in der Auflösung älterer selbstverständlicher Bindungen der Adelsgesellschaft in Süd-, Mittel- und West-Europa, entschied sich die Zukunft der drei Söhne und ihrer Nachfahren. Ein solcher Wirkverbund läßt Welf IV. Handeln im reich verstehen. Von 1071 bis 1074 hielt er sich zwar wiederholt am Hof HEINRICHS IV. auf und intervenierte bei königlichen Schenkungen für Lüttich, Kaiserswerth und Obermünster/Regensburg. Doch balsd trat der WELFE im Bund mit den Herzögen Rudolf von Schwaben und Berthold von Kärnten in Opposition zum SALIER, der seine Fürsten nicht im erwarteten Maß an der Ausgestaltung seiner Politik beteiligte und damit gegen bewährte Spielregeln politischer Öffentlichkeit im Reich verstieß. Bernold von St. Blasien begründete den Abfall von 1073 mit der Einsicht der Herzöge, daß "ihr Rat beim König nicht gelte".
An allen Etappen der großen Reichsgeschichte hatte Welf IV. wichtigen Anteil. Eine erste Opposition gegen den SALIER gab er 1073/74 auf, als er nach einem Friedensschluß des Königs mit den aufständischen Sachsen der Verlust der bayerischen Herzogswürde und die Wiedereinsetzung Ottos von Northeim drohte. 1075 folgte er dem königlichen Heer im Kampf gegen die Sachsen und besaß entscheidenden Anteil am blutigen Sieg bei Homburg an der Unstrut. Doch spätestens seit 1076 stand Welf IV. mit seinen süddeutschen Amtskollegen und vielen anderen Fürsten wieder in Opposition zu HEINRICH IV. Immer stärker entglitt dem König die Initiative, immer deutlicher begannen die Fürsten, ohne oder gegen den König das Gemeinwohl zu vertreten.
Den Weg Welfs in die Opposition zum Herrscher und seine politische Neuorientierung spiegeln die Annalen Lamperts von Hersfeld. 1076 kam es bei einer Beratung der drei Herzöge mit den Bischöfen von Würzburg und Worms in Ulm wegen der "schweren Mißstände, unter denen das Gemeinwesen litt", und wegen anhaltenden Leichtsinn, Grausamkeit und üblen Umgang des Königs mit schlechten Menschen zur offenen Empörung. "Wegen der Notlage des Gemeinwesens" wurde auf Oktober eine Versammlung der Fürsten in Tribur angesetzt. Die drohende Absetzung schob HEINRICH IV. durch seinen Bußgang zu Gregor VII. nach Canossa nur auf. Welfs Herrschaft über die bequemen bayerischen Alpenpässe ließ den König mitten im Winter auf die abenteuerliche Route über die gefährlicheren westlichen Pässe ausweichen. Obwohl er im Februar 1077 vom Papst Verzeihung erwirkte, setzten die oppositionellen Fürsten ihren Weg konsequent fort. Mit dem Erzbischof von Mainz, den Bischöfen von Würzburg und Metz, den Herzögen Rudolf und vielen anderen berief auch Welf IV. bei Beratungen in Ulm eine Versammlung nach Forchheim ein.
In den bunten Ereignissen, den Schlachten und Parteiwechseln, den Finten und unterschiedlichen Versuchen zur Herstellung politischer Legitimität erhielt sich Welfs Loyalität zum antisalischen Königtum RUDOLFS und seines weniger erfolgreichen Nachfolgers HERMANN VON SALM. Dafür erfuhr der WELFE die konsequente Rache HEINRICHS IV., der sich bei seiner Rückkehr über die Alpen im Frühjahr 1077 auf weite Teile des bayerischen Adels stützen konnte. Welfs Herzogsherrschaft erfaßte offensichtlich kaum ganz Bayern. Vielmehr stützet er sich in erster Linie auf die westlichen Gebiete, in denen welfischer Besitz seit Generationen vorhanden war. Ende Mai 1077 sprach HEINRICH IV. auf einem Hoftag in Ulm Welf IV. und RUDOLF ihre Herzogtümer Bayern und Schwaben ab.
Aus salischer Sicht hatte der WELFE nach kaum siebenjährigem Herzogtum jedenfalls Rang und Amt verloren. Doch die Ulmer Entscheidung von 1077 war nichts als ein bloßer Rechtstitel. 1078 machte HEINRICH IV. zwei Bischofskirchen zu Empfängern bedeutender welfischer Güter: Die dem "früheren Herzog" Welf verliehenen Güter im Südtiroler Passeiertal erhielt der Bischof von Brixen, das in gerechtem Verfahren abgesprochene Gut Mering der Bischof von Augsburg. Im November 1078 ließ HEINRICH die schwäbischen WELFEN-Güter dann militärisch verwüsten.
Bald schlug Welf IV. zurück, im Bund mit HERMANN VON SALM, dem 1081 von ihm mitkreierten neuen König seiner Partei. Im August 1081 besiegten sie bei Höchstädt an der Donau die bayerischen Gefolgsleute HEINRICHS IV., 1086 bei Pleichfeld (heute Ober- und Unterpleichfeld, nö. Würzburg) den Kaiser selbst.
Im Bund mit saliertreuen oder reformorientierten Gruppen trugen die beiden Augsburger Bischöfe den Kampf um die Bischofsstadt in der Region aus. Siegfried hatte mit dem staufischen Herzog Friedrich I. von Schwaben und Graf Rapoto V. 1083 die welfische Burg Siebnach erobert und zerstört. Dafür nahmen seine Gegner 1084 unter Führung Welfs IV. durch List Augsburg ein, verwüsteten Gebäude und Kirchen und installierten Bischof Wigolt, der seine Helfer aus dem Domschatz entlohnte. Beim Erscheinen HEINRICHS IV. im Juli zogen sie wieder ab und räumten dem Herrscher die Bischofsstadt. 1088 kehrte Wigolt mit den Truppen Welfs IV. zurück. Nach der erneuten Eroberung wurde die Bischofsstadt durch Raub und Brand verwüstet, die Stadtmauer zerstört. Bischof Siegfried trat nach seiner Gefangennahme eine Haft in der welfischen Ravensburg an und wurde erst zwei Jahre später gegen hohes Lösegeld entlassen. Eine erneute welfische Attacke auf Augsburg scheiterte dann 1093 an der Gegenwehr der Bürger. Doch Welf IV. erwies sich in diesen Jahren nicht nur als Mann des Krieges. Mit allen anwesenden schwäbischen Großen beschwor er im November 1093 in Ulm einen Frieden, der auf das ganze Reich ausstrahlte.
Unter Nutzung seiner Bindungen zum oberitalienischen Adel wie zur Kurie brachte Welf IV. 1089 eine spektakuläre Ehe seines ältesten, damals wohl 17-jährigen Sohnes Welf V. mit der 43-jährigen Mathilde von Tuszien zustande. Auch Mathilde wurde von HEINRICH IV. ihrer Güter und Ämter verlustig erklärt und rückte damit in den Kreis der antisalischen Partei ein. Aus dieser Lage erklärt sich ihre zweite Eheschließung mit dem sehr viel jüngeren Welf V., die nach dem Bericht Bernolds von St. Blasien aus politischen Erwägungen, kaum aus der Hoffnung auf welfische Nachkommenschaft, zustande kam: "In Italien verheiratete sich die sehr edle Herzogin (nobilissima dux) Mathilde, Tochter des Markgrafen Bonifaz, Witwe Herzog Gottfrieds, mit Herzog Welf, dem Sohn Herzog Welfs. Das geschah weniger aus Unenthaltsamkeit denn aus Gehorsam gegenüber dem römischen Papst, damit man um so tüchtiger der heiligen römischen Kirche gegen die Exkommunizierten beistehen könne. Diese wollten sofort ihren Gemahl angreifen. Weil sie ihm aber nicht widerstehen konnten, erbaten sie von ihm durch Fürsprache seiner Gattin einen Waffenstillstand bis Ostern. Der sogenannte König HEINRICH bekümmerte sich über diese Ehe sehr. Als er mit seinem Heer wieder nach Sachsen zog, wurde er zur unehrenhaften Rückkehr gezwungen."
Mangelnde Fleischeslust, päpstliche Planung, antisalische Stoßrichtung - der Ehezweck tritt hier klar zutage. Ob sich die WELFEN Hoffnungen auf das riesige mathildische Erbe machten, läßt sich nicht eindeutig klären. Jedenfalls bildete das ungleiche Paar für einige Jahre ein kirchentreues Bollwerk in Oberitalien. Bald halfen Erosionserscheinungen in der salischen Kaiserfamilie. 1093 löste sich KONRAD, der älteste Sohn und Mit-König HEINRICHS IV., vom Vater und suchte in Italien einen eigenständigen Weg zur Rettung der Krone für sein Haus. Vom Nutzen für Welf V. und Mathilde, ausdrücklich als Lehnsleute (milites) des heiligen Petrus gewürdigt, in ihrem Kampf gegen die Schismatiker berichtet Bernold ebenso wie von der Flucht der Kaiserin zu Welf V. im Jahr 1094. Praxedis, die zweite Gemahlin Kaiser HEINRICHS IV., hatte sich von ihrem Mann getrennt und den Vorwurf schwerster sexueller Verirrungen gegen ihn erhoben.
Trotz aller kirchenpolitischer Bedeutung zerbrach die Ehe, als Welf V. seiner Frau in spektakulärer Weise davonlief. Über die vergeblichen Bemühungen des Vaters um Gesichtswahrung und Erbansprüche findet Bernold klare Worte: "Welf, der Sohn Herzog Welfs von Bayern, zog sich vollständig von der Ehe mit Frau Mathilde zurück und versicherte, sie sei von ihm gänzlich geblieben. Das hätte sie gerne dauerhaft verschwiegen, wenn er es nicht zuvor unbedacht verbreitet hätte. Ungeheuer erzürnt kam darum sein Vater nach Langobardien und bemühte sich vergeblich lange und oft um eine Aussöhnung. Selbst jenem HEINRICH zog er gegen Frau Mathilde zur Hilfe hinzu, auf daß er sie zwinge, ihre Güter seinem Sohn zu geben, auch wenn sie ihn noch nicht im ehelichen Verkehr erkannt habe. Darum wurde lange, aber vergeblich gerungen."
Die Antriebskräfte für den Entschluß Welfs V. wird man kaum sicher ermitteln können. Waren es wirklich nur persönliche Motive? Trog die Hoffnung auf das mathildische Erbe, so daß die Zweck- und Gehorsamsehe unter ungleichen Partnern sinnlos wurde? Oder veränderte die langsame und mühsame Annäherung zwischen Welf IV. und Kaiser HEINRICH IV. seit 1089 die politischen Fronten? Bald nach der Trennung von 1095 jedenfalls söhnten sich der SALIER und der WELFE aus. Als Vermittler diente noch einmal Welfs Vater Albert Azzo II., der auch als "etwa Hundertjähriger" im Februar 1096 in Padua beim Kaiser einfand. 1096/97 erhielt Welf IV. das Herzogtum Bayern zurück, um das er seit 1077 gekämpft hatte.
Stetige Besitzmehrung durch Welf IV. vermeldet die Historia Welforum: Neben Kirchenlehen ragten im Zugewinn die Burgen Achalm (bei Reutlingen) und Wülfingen (bei Winterthur) sowie das Eigengut des Grafen Otto von Buchhorn hervor. Mochte der Ausbau im schwäbischen Gebiet noch zu den typischen Konsolidierungsprozessen adliger Herrschaft gehören, so erwies sich die erbliche Sicherung des bayerischen Herzogtums als zukunftsweisend.
Selbst in seinen letzten kaisernahen Jahren erhielt sich die vielschichtige Handlungsweise Welfs IV., die ihn zu einem typischen Vertreter der großen europäischen Fürsten seiner Zeit machte. Am Ende erwies sich der WELFE wieder als treuer Sohn der Kirche, den religiösen Strömungen seiner Zeit verpflichtet und darum modern. Wie die meisten Fürsten des Reichs hatte er 1095/96 wegen der unübersichtlichen politischen Lage dem Aufruf Papst Urbans II. zum ersten Kreuzzug keine Folge geleistet. Der Bitte um Hilfe wie Verstärkung nach der Eroberung Jerusalems verschloß sich auch der alte Herzog Welf IV. nicht. Den stärksten Zuzug erfuhr dieses neue Kreuzfahrerheer des Jahres 1100/01 aus der Lombardei. Neben dem WELFEN machten sich aus dem Reich vor allem bayerische Große auf den Weg, der Erzbischof von Salzburg, der Bischof von Passau, der Abt von Admont, endlich der Chronist Ekkehard von Aura und sogar die verwitwete Markgräfin Ida von Österreich.
Welf war am 1. April 1101 aufgebrochen. Mit dem bayerischen und aquitanischen Kontingent reist er über Ungarn und Griechenland an den Bosporus. In Konstantinopel wurde dem Kaiser der Sicherheitseid geleistet. Dann folgte man dem Weg des ersten Kreuzzugs, geriet im September 1101 bei Heraclea in einen türkischen Hinterhalt und wurde vollständig geschlagen. Nur wenige entkamen, darunter die Herzöge Welf IV. von Bayern und Wilhelm IX. von Aquitanien, die sich nach Antiochia retten konnten und von dort nach Jerusalem weiterzogen. Neben Schreckensmeldungen rückte der Chronist wenigstens die beruhigende Nachricht an die Seite, daß Welf IV. das Grab des Herrn und die anderen heiligen Stätten besuchen konnte. Auf dem Rückweg verstarb der Herzog am 9. November 1101 in Paphlos/Zypern, wo er auch bestattet wurde. Später übertrug man seine Gebeine ins welfische Hauskloster Weingarten.