Runciman, Steven: Seite 341-344,369
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"Geschichte der Kreuzzüge"

Das aquitanische Heer setzte sich im März von Frankreich aus in Marsch und zog auf dem Landweg durch S-Deutschland und Ungarn. Unterwegs schloß sich ihm Herzog Welf von Bayern an, der sich nach langer und ruhmreicher Laufbahn in Deutschland mit der Absicht trug, seinen Lebensabend im Kampf für das Kreuz in Palästina zu verbringen. Er brachte ein gut ausgerüstetes Heer deutscher Ritter und Fußtruppen mit; in seiner Begleitung befanden sich der Erzbischof Thiemo von Salzburg und die Markgräfin-Mutter Ida von Österreich, eine der großen Schönheiten ihrer Zeit. Ihre vereinigten Heere zogen zusammen die Donau hinab nach Belgrad und von dort über die große Heerstraße durch den Balkan. Sie waren ein ungezügelter Haufe, als sie schließlich Adrianopel erreichten, war ihr Betragen so schlecht, daß die byzantinischen Behörden Petschenegen- und Kumanen-Truppen ausschickten, um sie am weiteren Vordringen zu hindern. Es kam zu einer regelrechten Schlacht, und erst als Herzog Wilhelm und Welf persönlich eingriffen und sich für das künftige gute Betragen ihrer Truppen verbürgten, wurde ihnen gestattet weiterzuziehen. Eine starke Begleitmannschaft geleitete sie nach Konstantinopel. Dort wurden Wilhelm, Welf und die Markgräfin Ida von Alexios herzlich empfangen, der Schiffe zur Verfügung stellte, um ihre Truppen so bald wie möglich über den Bosporus zu schaffen. Einige der Pilger, unter ihnen der Geschichtsschreiber Ekkehard von Urach (Aura), schifften sich direkt nach Palästina ein, wo sie nach sechswöchiger Seereise eintrafen.
Es hätte den beiden Herzögen möglich sein sollen, den Grafen von Nevers einzuholen und ihr Heer durch Einschluß seiner Streitkräfte zu verstärken. Der Graf von Nevers aber wollte sich mit dem Herzog von Burgund vereinigen; von Herzog Wilhelm wiederum war nicht zu erwarten, daß er sich mit einem Heer zusammentat, welches von seinem alten Feind, dem Grafen von Toulouse, geführt wurde; und Welf von Bayern, ein alter Feind Kaiser HEINRICHS IV., hatte wahrscheinlich für dessen Marschalk Konrad nicht viel übrig. Der Graf von Nevers eilte voraus nach Ankyra, während das aquitanisch-bayerische Heer fünf Wochen lang am Bosporus wartete und sich dann langsam auf der Hauptstraße nach Doryläon und Konya in Marsch setzte. Um die Zeit, da es Doryläon erreichte, hatte das Heer von Nevers die Stadt bereits auf der Rückreise durchzogen und war schon weit auf dem Weg nach Konya. Der Umstand, daß erst wenige Tage vorher ein Heer die gleiche Straße entlanggezogen war, erleichterte die Lage für die Aquitanier und Bayern nicht. Die geringen vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln waren bereits weggenommen, woran die Kreuzfahrer charakteristischerweise den Byzantinern die Schuld gaben. Gleich den Leuten von Nevers fanden sie die Brunnen trocken oder verschüttet. Philomelion war verlassen und sie plünderten es aus. Die türkische Besatzung von Konya, die den Leuten aus Nevers widerstanden hatten, gab die Stadt angesichts dieses größeren Heeres auf; aber vor ihrem Abzug sammelte sie alle Lebensmittel zum Mitnehmen ein und pflückten die Gärten und Obsthaine der Vororte leer. Die Kreuzfahrer fanden wenig vor, womit sie sich hätten erfrischen können. Just zu diesem Zeitpunkt metzelten Kilidsch Arslan und Malik Ghazi hundert Meilen weiter die Leute von Nevers nieder.
Von Hunger und Durst gequält, plackten sich die Kreuzfahrer von Konya weiter durch die Wüste auf Heraklea zu. Jetzt tauchten türkische Reitertruppen an ihren Flanken auf, schossen Pfeile in ihre Mitte und schnitten Fourage-Trupps und Nachzügler ab. Anfang September zogen sie in Heraklea ein, das sei ebenso verlassen antrafen wie Konya. Unweit der Stadt verlief ein Fluß, einer der wenigen in Anatolien, die während des ganzen Sommers reichlich Wasser führten. Die christlichen Krieger, vor Durst schon halb von Sinnen, brachen aus ihren geschlossenen Reihen, um dem verlockenden Wasser entgegenzueilen. Aber das türkische Heer lag im Dickicht des Flußufers verborgen. Indes die Kreuzfahrer ohne Ordnung hinabstürzten, sprangen die Türken hervor, stürzten sich auf sie und umzingelten sie. Es blieb keine Zeit, um die Reihen neu zu schließen. Das christliche Heer wurde von Panik erfaßt. Berittene und Fußvolk gerieten im fürchterlichen Chaos der kopflosen Flucht durcheinander und wurden, indes sie fliehend dahinstolperten, vom Feind niedergemacht. Der Herzog von Aquitanien hieb sich, gefolgt von seinem Reitknecht, einen Weg ins Freie und ritt ins Gebirge hinauf. Nach tagelangem Umherirren zwischen den Bergpässen fand er schließlich den Weg nach Tarsos. Hugo von Vermandois wurde in der Schlacht schwer verwundet; aber einige seiner Leute retteten ihn, und auch er gelangte nach Tarsos. Doch er war bereits ein Sterbender. Welf von Bayern entkam nur, indem er seine gesamte Rüstung wegwarf. Er traf schließlich mehrere Wochen später mit zwei oder drei Bedientesten in Antiochia ein. Der Erzbischof Thiemo wurde gefangengenommen und erlitt für seinen Glauben den Märtyrertod. Das Schicksal der Markgräfin von Österreich ist unbekannt.
Nach seiner Freilassung durch Tankred, in den letzten Tagen des Jahres 1101, setzte er sich zusammen mit den überlebenden Fürsten der Kreuzzüge von 1101, nämlich Stephan von Blois, Wilhelm von Aquitanien, Welf von Bayern und ihren Kameraden, die ihre Pilgerfahrt nach Jerusalem abschließen wollten, von Antiochia aus in Marsch.