Jordan Karl: Seite 5
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"Heinrich der Löwe"

Da Cuniza bereits gestorben war, rief Imiza ihren Enkel nach Deutschland, um die Tradition des Hauses weiterzuführen. Als Welf IV. ist er der Begründer der jüngeren Linie der WELFEN geworden.
Wenige Monate nach dem Tode seines Onkels übernahm er das gesamte WELFEN-Erbe in Schwaben und Bayern. In Weingarten hielten die Mönche aus dem bayerischen Kloster Altomünster ihren Einzug; die Weingartener Nonnen übernahmen dafür Altomünster. Welf selbst gründete das Augustinerchorherrenstift Rottenbuch im Ammertal, das in der kirchlichen Reformbewegung des 11. und 12. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielen sollte.
Nachdem Welf in erster Ehe mit einer namentlich nicht bekannten Angehörigen eines italienischen Geschlechts verheiratet gewesen war, vermählte er sich mit Ethelinde, der Tochter des Bayern-Herzogs Otto von Northeim, und verband sich dadurch mit einer der angesehensten Dynastien des Reiches. Als Otto wegen eines angeblichen Anschlages auf HEINRICH IV. im Jahre 1070 durch einen Fürstenspruch abgesetzt wurde, verstieß Welf seine Gemahlin und stellte sich auf die Seite des jungen Königs.
Damit begann seine zwiespältige Rolle in der Reichsgeschichte dieser Jahrzehnte. König HEINRICH übertrug ihm das Herzogtum Bayern. Dadurch stiegen die WELFEN endgültig zur herzoglichen Würde empor. Mehr als ein Jahrhundert haben sie, wenn auch mit Unterbrechungen, das herzogliche Amt in Bayern innegehabt und so ihre Machtstellung im Reiche ausgebaut. Bald nach 1070 ging Welf eine 3. Ehe mit Judith von Flandern ein. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Welf V. und Heinrich, der später "der Schwarze" genannt wurde.
In den innerdeutschen Auseinandersetzungen der 70-er Jahre stand Welf IV. zunächst auf der Seite HEINRICHS IV. und leistete ihm beim Kampf gegen die Sachsen wertvolle Hilfe. Nach dem Ausbruch des Konflikts zwischen dem König und Papst Gregor VII. wechselte er aber bald in das Lager der fürstlichen Opposition gegen HEINRICH IV. über und spielte bei der Wahl Herzog Rudolfs von Schwaben zum Gegen-König im März 1077 eine führende Rolle. Ebenso wie die Herzöge von Schwaben und Kärnten wurde er deshalb vom König abgesetzt.
Die Herzogtümer Schwaben und Kärnten wurden von HEINRICH wieder neu verleihen. Das wichtige schwäbische Herzogtum übertrug er dem Grafen Friedrich von Büren, der sich fortan nach seiner auf dem Staufenberg bei Göppingen neu erbauten Burg Friedrich von Staufen nannte und sich mit Agnes, der Tochter HEINRICHS IV., vermählte. Im Dienste des salischen Königshauses begann damit die geschichtliche Leistung jenes anderen schwäbischen Geschlechts, das später zeitweilig der stärkste Rivale der WELFEN werden sollte. Das Herzogtum Bayern behielt der König vorläufig in seiner Hand, ohne jedoch hier die Stellung der WELFEN erschüttern zu können.
Welfs Ziel war es, sich auch in Italien eine Machtbasis zu schaffen. Sein Vater Albert-Azzo war nach Cunizas Tod eine zweite Ehe eingegangen, der zwei Söhne, Hugo und Fulco, entsprossen waren. Nach Welfs Abfall von der königlichen Partei hatte HEINRICH IV. ihnen die Rechte und Besitzungen ihres Vaters in Italien zugesichert. Demgegenüber versuchte Welf IV., durch eine Bündnis mit dem mächtigen Haus CANOSSA in Ober- und Mittelitalien wieder zur Macht zu kommen. Durch Vermittlung Papst Urbans II. schloß im Jahre 1089 der 17-jährige Welf V. die Ehe mit der damals 42- oder 43-jährigen Markgräfin Mathilde von Tuszien, die seit den Tagen Gregors VII. die eifrigste Verfechterin der päpstlichen Sache in Ober- und Mittelitalien war. Sie hatte - vermutlich im Jahre 1079 - das umfangreiche Eigengut ihres Hauses in Italien und Lothringen der römischen Kurie geschenkt, es aber als Lehen zurückerhalten. Als sich die Hoffnung des jungen Welf, durch seine Ehe mit Mathilde die Anwartschaft auf diese Gebiete zu erhalten, nicht erfüllte, trennte er sich nach wenigen Jahren (1095) von der Markgräfin. Mit diesem Schritt steht ein neuer Parteiwechsel seines Vaters im Zusammenhang. Welf IV. söhnte sich mit HEINRICH IV. aus und wurde wieder als Herzog in Bayern eingesetzt.
Als Azzo von Este 1097 im hohen Alter die Augen schloß, brach zwischen seinen Söhnen aus seinen beiden Ehen ein heftiger Streit um das reiche väterliche Erbe aus. Welf IV. erhob gegenüber seinen Stiefbrüdern, den Markgrafen Hugo und Fulco, weitgehende Ansprüche auf die Besitzungen und konnte sie auf einem Zug nach Italien zum großen Teil durchsetzen. Es war sein letzter großer Erfolg; wenige Jahre später ist er im Jahre 1101 auf der Rückkehr von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land auf der Insel Cypern gestorben.