Ay, Karl-Ludwig/Maier, Lorenz/JahnJoachim: Seite 86,136,138,140,201-203
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"Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft."
 

Aber Heinrich der Schwarze hatte doch vorgesorgt, denn sein Sohn Heinrich der Stolze (geb. um 1108) sollte durch die von ihm vermittelte Ehe mit Gertrud, der einzigen Tochter des neuen Königs, in das Königshaus heiraten und schließlich das Herzogtum Sachsen gewinnen. Daß diese Heirat - am 29. Mai 1127 - gerade auf dem Gunzenlee am Lech bei Augsburg gefeiert wurde, nicht etwa in der bayerischen Herzogs- und Königsstadt Regensburg, muß von hoher Bedeutung für das welfische Selbstverständnis gewesen sein. Hier war man nicht nur sozusagen mitten im WELFEN-Land, hier war auch die erste Operationsbasis für Italienzüge, die für die welfischen Interessengebiete jenseits der Alpen von hoher Relevanz waren.
Heinrich der Stolze (1126-1138) suchte offensichtlich fieberhaft seiner Herzogsposition in Regensburg auszubauen, wo er Landtage in der metroplis et sede ducum Bavarie abhielt, sich um die Vogtei über das Hochstift Regensburg bemühte und von der Bürgerschaft auch offenbar mehrmals eine Steuer forderte. Mit Ausnahme seiner Hochzeit auf dem Gunzenlee tritt er am Lechrain in den Quellen nicht in Erscheinung.
Diese Aktion der STAUFER-Brüder gehört nicht unmittelbar in den Kontext des Kampfes des Gegen-Königs KONRAD und seines Bruders gegen LOTHAR VON SUPPLINBURG und seinen Schwiegersohn, Herzog Heinrich den Stolzen von Bayern [4 Die ausführlichste Darstellung des Konflikts der STAUFER mit LOTHAR III. findet sich immer noch in den von Wilhelm Bernhardi verfaßten Jahrbüchern LOTHARS (W. Bernhardi, Lothar von Supplinburg, Leipzig 1879.].
Die Historia Welforum berichtet von den Auseinandersetzungen um das CALWER Erbe in einer Art Exkurs, zu dem die Erwähnung der Tatsache Gelegenheit gab, daß Welf VI. seinem Bruder Heinrich dem Stolzen "von jenseits der Alb" (gemeint ist: aus Schwaben) Ritter zuführte, als dieser nach einem um Mariae Lichtmeß herum unternommenen Angriff auf die Tiroler Besitzungen des Grafen Otto von Wolfratshausen zu Beginn der Fastenzeit zum Entsatz der von den Bürgern von Reghensburg beagerten Festung Donaustauf eilte [9 Historia Welforum, c. 19, Seite 34ff.].
Der Ausgleich Welfs VI. mit Konrad von Zähringen und Adalbert von Calw kam den WELFEN gewiß zugute, als der Konflikt mit den WOLFRATSHAUSERN sich im April 1133 für Heinrich den Stolzen zu einer äußerst bedrohlichen Krise ausweitete: Mit Ausnahme des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach schlossen sich so gut wie alle bayerischen Grafen einschlißlich des Markgrafen Leopold von Österreich zur Vertreibung des Herzogs zusammen. Passiv blieben während dieser Krise - die durch Vermittlung Pfalzgraf Ottos letztlich friedlich beigelegt wurde - ausgerechnet die STAUFER, sie nutzten trotz der Abwesenheit König LOTHARS die bedrängte Lage des WELFEN nicht aus! Erklärt sich das Stillhalten der STAUFER vielleicht damit, daß die WELFEN damals einen Waffenstillstand mit ihnen vereinbart hatten? Neben der Passivität der STAUFER im April 1133 gibt es noch ein anderes Indiz, das für diese Möglichkeit spricht: KONRADS Heirat mit Gertrud von Sulzbach. Diese Ehe muß im Zeitraum zwischen KONRADS Rückkehr aus Italien und dem Wiederaufflammen der Kämpfe mit Kaiser LOTHAR und den WELFEN im Sommer 1134 geschlossen worden sein; die Gründungsurkunde des Klosters Ebrach berichtet nämlich, daß KONRAD und Gertrud die Errichtung des Klosters förderten, dessen Bau im Herbst 1134 abgeschlossen war [23 Fundatio monasterii Ebracensis, MGH SS 15, Seite 1040; zur Gründungsgeschichte vgl. Gerd Zimmermann, Ebrach und seine Stifter, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 21, 1969, Seite 162ff.]. Das Bemerkenswerte an dieser Verbindung ist nun, daß Gertruds Bruder Gebhard nur wenig vorher - vermutlich war es 1132 [24 Otto Gerhard Oexle, Die "sächsische Welfenquelle" als Zeugnis der welfischen Hausüberlieferung, in: DA 24, 1968, Seite 449.] - eine Schwester Heinrichs des Stolzen und Welfs VI., Mathilde, geheiratet hatte. KONRADS Ehe könnte somit als ein zusätzliches Anzeichen für ein zeitweilig entspanntes Verhältnis zwischen STAUFERN und WELFEN 1133/Anfang 1134 gewertet werden.
Die These, daß die WELFEN möglicherweise zur Zeit ihrer Fehde gegen Bischof Heinrich von Regensburg, Otto von Wolfratshausen und deren Verbündete versuchten, sich mit den STAUFERN zu verständigen und eine Waffenruhe mit ihnen vereinbarten, zwingt zu einer Erklärung, warum diese Waffenruhe letztlich nicht hielt: Zwar könnte Heinrich der Stolze sie beenedet haben, nach dem er sich mit seinen bayerischen Widersachern versöhnt und sie damit ihren Zweck erfüllt hatte; doch aufgrund der Tatsache, daß Heinrich und LOTHAR III. erst im Sommer 1134, also ein volles Jahr nach der Rückkehr des Kaisers von seinem ersten Italienzug, den Entscheidungskampf mit den STAUFERN aufnahmen, ist es wesentlich wahrscheinlicher, daß sie zuvor lämgere Zeit - letztlich erfolglos - mit KONRAD und Friedrich verhandelt hatten.
Es gelang LOTHAR in den folgenden Tagen, Heinrich auf seine Seite zu ziehen, so daß er am 30. August 1125 "in aller Form" zum König gewählt wurde. Ein wichtiger Grund für den Seitenwechsel Heinrichs war sicher die Heiratsverabredung zwischen seinem Sohn Heinrich dem Stolzen und Gertrud, dem einzigen Kind LOTHARS. Die Ehe mit der Erbtochter des SÜPPLINGENBURGERS stellten den WELFEN dessen nicht unbedeutende Besitzungten in Aussicht [14 Jordan, Heinrich der Löwe (wie Anm. 1) Seite 8; Giese, Stamm der Sachsen (wie Anm. 9) Seite 198f.]. Diese schlossen an die billungischen Güterkomplexe an und würden ein erheblicher Güterzuwachs im Norden sein. Eheschließungen mit Aussicht auf Vermehrung ihres Besitzstandes waren bei den WELFEN nicht unüblich. LOTHARS Besitzungen beruhten nicht auf seinem elterlichen Erbe, väterlicherseits das der Grafen von Süpplingenburg und mütterlicherseits das der Grafen von Haldensleben. Seine Heirat mit Richenza von Northeim, einer Enkelin des einstigen Bayern-Herzogs Otto von Northeim, brachte ihm vielmehr neben einem Teil der northeimischen Besitzungen das Erbe der Grafen von Katlenburg und der BRUNONEN. Seine Schwiegermutter Gertrud von Braunschweig war die letzte aus dem sächsischen Geschlecht der BRUNONEN; sie war in erster Ehe mit Graf Dietrich von Katlenburg verheiratet und hatte Gatten und Sohn überlebt, so daß die katlenburgischen Besitzungen auf sie übergingen. Die zweite Ehe war sie mit Graf Heinrich von Northeim eingegangen. Nach ihrem Tod (1117) fielen die Besitzungen der BRUNONEN, der KATLENBURGER und etwa ein Drittel der NORTHEIMER an ihre beiden Töchter Gertrud und Richenza. Im Laufe der Zeit erwarb LOTHAR große Teile des gertrudischen Anteils, darunter die Burg Dankwarderode in Braunschweig, so daß der Sachsen-Herzog und Kaiser seine Hausmacht weit nach den Westen - bis an die Weser - ausdehnen konnte. Die Güter der SÜPPLINGENBURGER, HALDENSLEBENER und BRUNONEN erstreckten sich von westlich von Magdeburg bis westlich der Oker; im südlichen Thüringen gab es an der unteren Unstrut noch einen brunonischen Komplex. Das katlenburgische Gut lag an der unteren Leine, südlich und westlich schlossen sich einige northeimische Besitzungen an [16 Stoob, Herzogswahl (wie Anm. 10) Seite 500ff.; Gudrun Pischke, Herrschaftsbereiche der Billunger, der Grafen von Stade, der Grafen von Northeim und Lothars von Süpplingenburg (Hildesheim 1984) Seite 1-74, Karte.]. LOTHAR hatte dem WELFEN also durchaus etwas zu bieten als Gegenleistung für seine Stimme bei der Königswahl.
Herzog Heinrich der Schwarze trat Anfang 1126 ins Kloster Weingarten ein. Im Herzogtum Bayern folgte ihm sein Sohn Heinrich der Stolze nach. Am Pfingstfest 1127 wurde die Ehe zwischen ihm und Gertrud, die damals gerade zwölf Jahre alt war, geschlossen. Heinrich wurde zu einem beständigen Weggefährten seine königlichen Schwiegervaters. Auf dem Rückweg von seinem zweiten Italienzug starb LOTHAR III. am 4. Dezember 1137. Zuvor hatte er Heinrich dem Stolzen das Herzogtum Sachsen übertragen, das er auch als König weiterhin innegehabt hatte, und ihm auch die Reichsinsignien ausgehändigt. Heinrich sah sich dadurch nicht nur als Herzog von Bayern und Sachsen, sondern auch als künftiger König. Doch wurde in einer vorgezogenen Wahl durch einen Teil der Fürsten der STAUFER KONRAD zum König gewählt und fand auch Anerkennung, so daß Heinrich ihm die Reichsinsignien auslieferte. Er selber huldigte KONRAD III. aber nicht. Heinrichs Stellung als "zweifellos der mächtigste Fürst im Reich" (K. Jordan) hatte seiner Wahl entgegengestanden. Neben den beiden Herzogtümern besaß er Lehen in Italien, und das welfische Allodialgut reichte von Oberitalien bis an die Elbe. Wie in der Chronik Ottos von Freising nachzulesen ist, habe Heinrich von sich gesagt, seine Macht reiche von Meer zu Meer, von Sizilien bis Dänemark [17 Jordan, Heinrich der Löwe (wie ANm. 1) Seite 8,18,22; Hans Patze, Die Welfen in der mittelalterlichen Gschichte Europas, in: Der Reistag von Gelnhausen, hg. von Hans Patze (Marburg - Köln 1981), Seite 148f.; Ottonis Episcopi Frisingensis Chronica sive Historia de duabus civitatibus, bearb. von A. Schmidt/E. Lammers (Ausgewählte Quellenm zur Geschichte des deutschen Mittelalters XVI) Darmstadt 1960, Lib. VII, Cap. XXIII.]. KONRAD III. versuchte, diese Machtstellung zu beschneiden, und verlangte von Heinrich die Herausgabe eines Teils der Reichslehen. Auf Sachsen hatte bereits kurz nach dem Ableben LOTHARS der ASKANIER Albrecht der Bär als Enkel des BILLUNGER-Herzogs Magnus Ansprüche erhoben und zu ihrer Durchsetzung bei KONRAD III. Klage erhoben. Die Entscheidung sollte im Juli 1138 auf dem Reichstag zu Würzburg fallen. Dort erschien Heinrich nicht; Albrecht wurde mit Sachsen belehnt, und der Bayern-Herzog verfiel der Reichsacht. Im Dezember desselben Jahres verlor er auf Beschluß des Hoftages in Goslar aber auch noch Bayern [18 Jordan, Frühe Stauferzeit (wie Anm. 13) Seite 101; Jordan, Heinrich der Löwe (wie Anm. 1) Seite 23.]. Nun begann ein mehrjähriges Ringen der welfischen Seite um die Herzogtümer Bayern und Sachsen.
In Sachsen hatte der neue Herzog Albrecht der Bär noch im Laufe der zweiten Hälfte des Jahres 1138 beachtliche Erfolge erzielt, und das alles trotz des von der Kaiserin Richenza und anderen sächischen Fürsten geleisteten Widerstandes. Erst als Heinrich der Stolze Anfang 1139 in den Norden kam, verlor Albrecht der Bär eine Position nach der anderen. Eine für den Sommer 1139 geplante Reichsheerfahrt gegen Heinrich in Sachsen mündete in einen Waffenstillstand. Nachdem Sachsen fest in seiner Hand war, beabsichtigte Heinrich, in die Auseinandersetzungen im Süden einzugriefen. Aber Heinrich der Stolze kam nicht mehr dazu, seine Pläne auszuführen: Er starb überraschend am 20. Oktober 1139 in Quedlinburg und wurde im Dom zu Königslutter beigesetzt [19 Jordan, Frühe Stauferzeit (wie Anm. 13) Seite 101; Jordan, Heinrich der Löwe (wie Anm. 1) Seite 24,15; sie auch Beiträge zu Welf VI. von Jan Niederkorn, Konrad III. und Welf VI. in diesem Band sowie Katrin Baaken[-Feldmann], Welf VI. und seine Zeit, in: Welf VI. Wissenschaftliches Kolloquium zum 800. Todesjahr Welfs VI. im Schwäbischen Bildungszentrum Irsee, hg. von Rainer Jehl (Sigmaringen 1995) Seite 9-28.]. Aus seiner Ehe mit Gertrud war nur ein Sohn hervorgegangen: Heinrich der Löwe.