NESLE
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1096
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Nesle
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Herren v. (Seigneurs de), frz. Adelsfamilie der Picardie, aus der Gft. Vermandois (Stammsitz N., dép. Somme, arr. Péronne), die nach 1200 im Königsdienst zu einer der führenden baronialen Familien (Baron) aufstieg. Das erste bekannte Mitglied, Ives (Ivo), ist 1076 als Zeuge einer Urkunde des Grafen von Vermandois, 1085 als Mitunterzeichner eines Königsdiploms belegt. Seine glänzende Heirat mit einer Tochter der Gräfin von Soissons, Adele ( 1105), und des Gf.en von Eu, Wilhelm Busac (der von den Herzgöen von Normandie abstammte), verhalf dem Geschlecht zu hohem adligen Rang und bestimmte seinen weiteren Aufstieg. Der Sohn Raoul (Radulf) ( um 1132), der der Entourage der Grafen von Vermandois angehörte, war mit zwei Abteien in Soissons verbunden (Güterschenkungen in der Gegend von Nesle) und wandte sich durch seine Heirat der Grafschaft Flandern zu. Die entscheidende Phase des Aufstiegs vollzog sich jedoch in der nächsten Generation: Ives II. ( 1178), der älteste der vier Söhne Raouls, erbte um 1141 die Grafschaft Soissons, die er vom Bischof  von Soissons zu Lehen hielt, und hatte eine wichtige Position in der regionalen Politik inne: Oft in der Nähe des Königs (1155 königliche Versammlung in Soissons), war er ein umworbener Bündnispartner der Fürsten Nordfrankreichs (so 1143 des Grafen von Champagne, der im Konflikt mit dem König stand), zeichnete sich auf dem 2. Kreuzzug aus und wurde nach dem Tode des Grafen von Vermandois, Raouls des Ältern ( 1152), zum Vormund der drei hinterbliebenen Töchter berufen (er verheiratete sie mit Mitgliedern der Grafenhäuser von Flandern und Hennegau). Ives' Ehe (mit Yolande von Hennegau) blieb kinderlos. Von seinem umsichtigen politischen Wirken zeugen 60 Urkunden.
Das späte 12. Jh. war eine Periode der Rückschläge. Die Grafschaft kam an Conon ( 1180 ohne Nachkommen), einen Neffen von Ives II. (Sohn von dessen Bruder Raoul, ca. 1160). Conon besaß auch die von seinem Vater ererbte Burggrafschaft von Brügge. Nach seinem Tode wurde der Besitz des Hauses unter den beiden Bründern geteilt: Raoul ( 1235) erhielt die Grafschaft Soissons und wurde Begründer einer neuen Dynastie; die übrigen Territorien (Seigneurie Nesle, Burggrafschaft Brügge) kamen an Jean I. ( 1197/1200), dessen Leben im dunkeln liegt. Dessen Sohn und Nachfolger, Jean II. ( 1240 ohne Nachkommen), war Vertrauter des Grafen von Flandern, befehligte dessen Flotte (Akkon 1203/04) und zählte nachdem Tode Balduins IX. (1205) zu den führenden Parteigängern Frankreichs in Flandern. 1212 vom Grafen Ferrand von Portugal exiliert, wurde er 1214, nach der Schlacht von Bouvines (an der Jean auf französischer Seite teilnahm), auf Betreiben König Philipps II. August in Flandern restituiert (Sitz im gräflichen Rat, zeitweise Bailli von Flandern und Hennegau), hatte aber als bevorzugter Lehnsmann Frankreichs einen schweren Stand, verließ daher 1224 Flandern und verkaufte die Burggrafschaft Brügge an Gräfin Johanna. Von nun an wurden die Geschicke der Herren von Nesle gänzlich von ihrer Rolle als führende Königsdiener bestimmt. Jean II. lebte in Paris, besuchte häufig den Hof, nahm 1226 am Albigenserkreuzzug teil, zählte zu den zwölf Großen, die zur Krönung des jungen Ludwig IX. luden (1226), und geleitete die Braut des Königs, Margarete von Provence, an den französischen Hof (1234). Durch die Wahl seiner Grablege in einem von ihm 1202 gestifteten Frauenkloster (Francheabbaye, dép. Oise, arr. Compiègne) betonte Jean II. aber auch seine regionalen, pikardischen Wurzeln.
Sein Erbe trat der Neffe Simon 'von Clermont' ( Febr. 1286) an (Clermont, Simon de), wie sein Onkel ein sehr einflußreicher Ratgeber der französischen Monarchie, dessen Laufbahn durch die zweimalige Ernennung zum »Regenten« des Reiches (1270, 1285) ihren Höhepunkt erfuhr. Sein Sohn, Raoul II. von Clermont (+ 1302 bei Kortrijk) war Connétable de France (Clermont, Raoul de). Ebenfalls in der »Goldsporenschlacht« fiel Simons jüngerer Sohn, Gui I., der, seit 1296 Maréchal de France, in Flandern Krieg führte. Aus Guis 1. Ehe mit Marguerite de Thourotte, Dame d'Offémont (dép. Oise, arr. Compiègne), gingen fünf Kinder hervor. Der älteste, Jean, Seigneur d'Offémont ( 25. Mai 1352, = Coelestinerkl. Offémont, von ihm 1331 gestiftet), war Maréchal de France und wichtiger kgl. Ratgeber (v. a. in den Jahren 1345-46, u. a. Chambre des Comptes, Conseil secret du roi). Zwei seiner Söhne, Gui II., Maréchal de France (. 14. Aug. 1352 bei Moron), und Guillaume (. 19. Sept. 1356 bei Poitiers), fielen im Kampf.