Favier, Jean: Seite 226,260,262-266,300
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"Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515"

Als Margarete aber beim Tod ihres Sohnes Wilhelm von Dampierre Flandern dem anderen DAMPIERRE, Guido, zusprach, kehrte erneut Unfrieden ein. WILHELM VON HOLLAND reagierte mit der neuerlichen, diesmal sofortigen Belehnung Johanns von Avesnes mit dem Hennegau, Namur und dem zum Reich gehörigen Teil Flanderns. Damit war die Eintracht dahin, die DAMPIERRE fochten vor dem Papst die Legitimität der Brüder AVESNES an, und alles begann wieder von vorne.
Am 24. September 1256 fällte der König von Frankreich seinen Schiedsspruch, den Dit de Peronne, eine Neuauflage des Schlichtungsversuchs von 1246. Karl von Anjou verzichtete auf den Hennegau und erhielt für diesen uneigennützigen Schritt von Margarete eine Abfindung, wobei die Städte, wie vorherzusehen, zur Kasse gebeten wurden. Der Tod Johanns von Avesnes bereinigte die Situation dann endgültig: Johanns Bruder Balduin erkannte die Ansprüche Guidos von Dampierre auf Flandern ohne Umstände an. Einzig Ludwig IX. ging bei dem Handel leer aus, erwarb sich dafür aber hohes Ansehen.
Den größten Vorteil erzeilte dabei Guido von Dampierre. Er konnte nicht nur die Grafschaft Namur billig zurückkaufen, sondern sich durch Vermählung mit der Tochter Heinrichs von Luxemburg auch noch einen wertvollen Bundesgenossen für die Zukunft sichern. Johann von Avesnes hatte nach dem Tod KONRADS IV. und seines Mitbewerbers WILHELM VON HOLLAND die Kandidatur RICHARDS VON CORNWALL unterstützt.
Von all den vielen unbequemen Vasallen des Königs von Frankreich ertrugen zwei seine immer nachdrücklicher betonte Lehnshoheit besonders widerwillig: der Herzog von Aquitanien, seines Zeichens auch englischer König, der sich um den Hauptanteil des PLANTAGENET-Erbes betrogen fühlte; und der Graf von Flandern, der sich in Anbetracht der Zweiteilung seiner Grafschaft in das französische Kronflandern und das kaiserliche Reichsflandern, aber auch aufgrund des Wohlstands der flandrischen Gewerbe- und Handelsstädte zu einer Änderung seiner Beziehungen zu Frankreich ermuntert fühlte, indem er sich nicht einfach mit schlichter Unterordnung begnügte, sondern eine eigenen Außenpolitik zu betreiben suchte. Beide Lehnsfürsten betrachteten sich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichen Graden, dem König von Frankreich gleichgestellt und fanden die Einmischung der kapetingischen Beamten in die Belange ihrer Fürstentümer immer unerträglicher. Wozu nahm der königliche Bailli von Vermandois in Flandern an den von Graf Guido von Dampierre abgehaltenen Gerichtssitzungen teil, wenn nicht deshalb, um sie zu überwachen?
Der Graf von Flandern, Guido von Dampierre, verhandelte unterdessen mit dem natürlich an einer ruhigen Nordfront interessierten französischen König, um mit seiner Hilfe eine höchst unpopuläre Steuer gegen die politischen und fiskalischen Prätentionen der Geneter durchzusetzen. Als er merkte, daß ihn Philipp der Schöne hereingelegt und hinter seinem Rücken mit den anderen flandrischen Städten direkt verständigt hatte, war es schon zu spät. Der König erstrahlte im Glanz eines Bürgerfreundes, während dem Grafen der Ruf eines Feindes der kommunalen Freiheiten anhaftete.
Erbost provozierte DAMPIERRE nun seinerseits den Eklat, hielt in Valenciennes im Hennegau Hof und reizte seinen Oberherrn mit Übergriffen und Unverschämtheiten jeder Art. Der König konterte mit einer Vorladung, der der Graf klugerweise nachkam, wohl wissend, daß er sich lehnsrechtlich in eine denkbar üble Lage hineinmanövriert hatte. Er erschien vor Gericht und kroch zu Kreuze, schenkte aber nichtsdestoweniger nach seiner Rückkehr den Vorschlägen des Engländers aufmerksames Gehör. Dabei übersah er allerdings, daß der englische König auf dem Kontinent nichts mehr zu verlieren hatte. Am 7. Januar 1297 wurde das Bündnis besiegelt, am 20. forderte der Graf von Flandern den König von Frankreich mit einer Unabhängigkeitserklärung offen heraus. Doch zu seiner großen Überraschung mußte er feststellen, daß er allein dastand. Der Engländer kam zwar nach Gent und ließ sich feiern, rührte im übrigen aber keinen Finger. So konnten die Franzosen im Laufe des Sommers W-Flandern mit Ausnahme von Douai, also ein Drittel des Landes besetzen, und nach ihrem Sieg bei Veurne am 26. August in Lille und schließlich sogar in Brügge einmarschieren, während sich die Verbündeten noch immer in den Haaren lagen. Die Flamen warfen Eduard I. vor, ohne Geld und Soldaten angerückt zu sein, der König von England wiederum hielt dem Grafen Guido vor, ihm die Treue der Städte nur vorgespielt zu haben - mit einem Wort, es brodelte auf allen Seiten.
Philipp der Schöne zeigte sich ohne Umstände zur Aussöhnung mit dem König von England bereit, dachte aber nicht im Traum daran, sich auch mit dem Grafen von Flandern zu vergleichen. Um freie Hand für dessen Bestrafung zu bekommen, schloß er am 9. Oktober 1297 in Vyve-Saint-Bavon auf drei Jahre einen Waffenstillstand mit Aquitanien.
Anfang 1300 besetzte Karl von Valois Flandern. Graf Guido und sein Sohn, Robert von Bethune, der die Grafschaft inzwischen regierte, wurden schlicht unter Hausarrest gestellt. Der vom König eingesetzte Gouverneur, Jakob von Chatillon, aber brachte das über die leliaerts und ihre Einmischung in die Stadtverwaltungen ohnedies erboste einfache Stadtvolk im Handumdrehen gegen sich auf. Seine fortgesetzten Mißgriffe ließen den Groll der Handwerker und Stuerzahler gegen das Verhalten des Patriziats in eine antifranzösische Reaktion umschlagen. Die Anhänger des Grafen schlachteten die Ungeschicklichkeit des Gouverneurs nach Kräften aus, bis schließlich sogar das Brügger Patriziat die Augen vor den Risiken eines solchen Bündnisses nicht länger verschließen konnte und die Seiten wechselte. Am frühen Morgen des 18. Mai 1302 wurden die Leute des Königs in Brügge überfallen und niedergemetzelt ("Matines de Bruges", "Brügger Frühmette"). Binnen weniger Tage griff die Revolte auf sämtliche Städte über. Einzig Gent hielt sich heraus und überließ es seiner Rivalin Brügge, auch noch das letzte Ansehen zu verspielen.
Philipp der Schöne entsandte unter Robert II. von Artois ein Reiterheer, dem die Brügger Handwerkerschaft im Verein mit den flandrischen Truppen am 8. Juli 1302 beim Kortrijk in der sogenannten "Goldene-Sporen-Schlacht" eine vernichtende Niederlage bereitete. Zu lange hatten die französischen Ritter die Kreigstüchtigkeit der Handwerker unterschätzt.
Zwei Jahre zog sich der Krieg unentschieden hin. In Flandern, das sich im wesentlichen der Partei des Grafen angeschlossen hatte und theoretisch auch vom demagogisch begabten Johann von Namur, dem jugendlichen Bruder Roberts von Bethune, in Wirklichkeit aber von den Brügger Zünften beherrscht wurde, griff Anarchie um sich. Man wünschte sich in die Zeit der leliaerts zurück. Während sich die Kämpfe in Flandern hinschleppten, bereitete Philipp der Schöne seine Rache vor. Er hatte Eduard I. auf seine Seite ziehen und die Ausweisung der flandrischen Kaufleute aus England erwirken können. Angesichts der durch den Bruch mit England heraufbeschworenen Gefahr der Arbeitslosigkeit büßten die bürgerlichen Rädelsführer natürlich einen Gutteil ihrer Popularität ein, was sie nur noch starrsinniger machte. An ihrem sturen Radikalismus scheiterten die Versöhnungsbemühungen des alten Grafen Guido von Dampierre, der Flanderns Freiheit noch immer retten zu können hoffte.
1304 brachen die politischen Hoffnungen der Flamen in wenigen Tagen zusammen. Am 22. Juli zog Philipp der Schöne sein Heer in Arras zusammen, am 9. August marschierte er in Tournai ein. Am 11. wurde die flandrische Flotte nach zweitägiger Seeschlacht vor Zeeland versenkt, am 17. griff Johann von Namur das königliche Heer bei Mons-en-Pevele an und wurde tags darauf geschlagen.
Die harten Bedingungen des Vertrags von Athis (24. Juni 1305) spiegeln die Demütigung und den Zorn des französischen Königs nach Kortrijk wider. Neben einer erdrückenden Entschädigung sollte Flandern die Besatzungskosten und eine Rente an die königliche Schatzkammer zahlen. Außerdem sollten die zurückgekehrten leliaerts für die ob ihrer Königstreue erduldeten Unbilden entschädigt, die Mauern der großen Städte selbstverständlich geschleift werden und, um dem Unglück den gehörigen Beigeschmack zu geben, Pilger auf Kosten der Städte in verschiedenen Wallfahrtsorten die Vergebung Gottes erflehen. Bis zur Erfüllung der Vertragsbedingungen wollte der König von Frankreich drei Burgvogteiern - Lille, Douai und Bethune - behalten.
Das aber war des Guten zuviel, dem konnte sich Flandern nicht beugen, und so hob ein über zehn Jahre hingezogenes Gefeilsche an, geführt von Philipps des Schönen realistischem, in derartigen Verhandlungenerfahrenen Ratgeber Enguerran de Marigny. Im Juli 1312 konnte der gewiefte Marigny schließlich die "flandrische Abtretung" erzwingen, die dem KAPETINGER als Gegeneistung für den Verzicht auf seine offensichtlich überzogenen Geldforderungen díe drei Burgvogteien beließ.