Balduin IV. Schönhaar                    Graf von Flandern (988-1035)
----------------------------
980-30.5.1035
 

Einziger Sohn des Grafen Arnulf II. von Flandern und der Rozala von Italien, Tochter von König Berengar II.
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1370
********************
Balduin IV. der Bärtige, Graf von Flandern
-----------------------------
     + 1035

Balduin war beim Tode seines Vaters Arnulf II. (988) minderjährig. Seine Mutter Susanna heiratete Robert II., Sohn und Mit-König Hugo Capets, wurde aber verstoßen und verlor ihre Morgengabe, den Seehafen Montreuil. Im Zuge der Aufrüstung der Grafschaft gegen Frankreich 993 - zu einem Krieg kam es nicht - entstanden die flandrischen Burggrafschaften; als Vorbild dienten möglicherweise kaiserliche Grenzmarken im benachbarten Nieder-Lothringen. Kurz vor 1000 wandte sich Balduin gegen diese Reichsmarken und ihre Burgen (Valenciennes im Südosten, Ename im Osten), mit dem Ziel, die Herrschaft über den Grenzfluss Schelde zu erringen. Diese Territorialpolitik führte schließlich zur Gründung von Reichsflandern. Außerdem wuchs der Einfluss Flanderns im Bistum Cambrai. Einen Angriff auf Valenciennes (1006) beantwortete König HEINRICH II. mit einem Gegenangriff auf Gent (1007). Innerlothringische Schwierigkeiten zwangen HEINRICH jedoch zur Belehnung Balduins mit Territorien an der Scheldemündung (vor allem Walcheren 1012) und mit Valenciennes (1015). Die Zerstörung der Burg Ename 1033 kann als Ausgangspunkt für die Hauptrichtung der weiteren Bildung Reichsflanderns angesehen werden.


Brandenburg Erich: Tafel 4 Seite 8
****************
"Die Nachkommen Karls des Großen"

VIII. 38 a. BALDUIN IV., Graf von Flandern
-----------------------------------
* ca. 980, + 1035 30. V..

Gemahlinnen:
----------------
a)
ca. 1012
Otgiva, Tochter des Grafen Friedrich von Luxemburg (siehe IX. 22.)
       + 1030 21. II.

b)
ca. 1031
N., Tochter Herzog Richards II. von der Normandie (siehe XI. 23.)

Anmerkungen: Seite 127
------------------
VIII. 38. Balduin IV.

siehe Vanderkindere I, 296f.
Die Heirat mit Otgiva muß vor ca. 1012 stattgefunden haben (siehe IX 51). [VIIIa 51]

Korrektur: (Werner): Hier sind einzufügen die Enkel von Arnulf I., Graf von Flandern, und Kinder seiner Tochter Hildegard mit Theoderich II., Graf von Westfriesland, die Brandenburg auf Tafel 33 VIII 68-70 bringt.


Althoff Gerd: Seite 399
***********
"Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung"

                                              G 55

Lü:   29.5. Balduuinus com  + 1035 Graf von Flandern

Balduin ist der Enkel der BILLUNGERIN Mathilde (G 52), durch die verwandtschaftliche Verbindung des flandrischen Grafenhauses mit den BILLUNGERN zustande kam.
Zu den weiteren Familienangehörigen im Lüneburger Necrolog s. Kommentar G 32.
Balduin IV. (Vgl. Vanderkindere, La formation territoriale, S. 296 f.) gehörte ebenfalls zu den Adelskreisen, die gegen HEINRICH II. in Opposition standen; HEINRICH II. führte mehrere Feldzüge gegen ihn, wobei besonders der von 1020 interessant ist; vgl. oben SS: 120.
Zu den Einzelheiten s. auch Hirsch, Jbb. Heinrich II. 2, S. 9 ff. und 3,S. 171.



Thiele, Andreas: Tafel 25
*************
"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band II, Teilband 1 Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser I Westeuropa"

BALDUIN IV. "SCHÖNBART"
----------------------------------------
* um 980, + 1035

Balduin IV. Schönhaar folgte 987 unter französischer Vormundschaft, setzte sich sehr für einen haltbaren Landfrieden in seinem Gebiet ein, führte andererseits doch viele Fehden mit den Nachbarn, besonders Normandie und Holland. Nach dem Tode des Herzogs Otto von Nieder-Lothringen fiel Balduin im Bunde mit Reginar IV. und Lambert von Löwen in den Hennegau ein und eroberte Valienciennes, wurde aber 1007 in Aachen gezwungen, sich HEINRICH II. zu unterwerfen.
Balduin wurde mit der Mark Valenciennes belehnt, womit "Reichsflandern" im Gegensatz zu "Kronflandern", das französisches Lehen blieb, begründet wurde. Er verstärkte mit dieser doppelten Vasallität seine Position, unterstützte die kirchlichen Bestrebungen HEINRICHS II. und erneuerte 1025 den Lehenseid für Reichsflandern an Kaiser KONRAD II. Er eroberte "Vier Ambachte" (= S-Seeland), Gent, Waasland und die Grafschaft Alost (= Aalst) und stand gegen die dänischen Könige in England. Er griff 1031/32 zugunsten Roberts I. von Burgund in den französischen Thronstreit ein und hinterließ eine gefestigte Herrschaft, während der Herrschaft sich das städtische Wesen und Gewerbe allmählich zu entwickeln begann.

  oo um 1012
       OTGIVA VON LUXEMBURG
               + II. 1030

Tochter des Grafen Friedrich I., Nichte der Kaiserin Kunigunde der Heiligen



Mohr Walter: Band I Seite 64
***********
"Geschichte des Herzogtums Lothringen"

Die damaligen niederlothringischen Verhältnisse, über die wir in den ersten Regierungsjahren HEINRICHS II. sehr ungenügend unterrichtet sind, wurden zum guten teil bestimmt durch das Streben des Grafen Balduin IV. von Flandern, seinen Einfluß auf die Gebiete östlich der Schelde auszudehnen. Das richtete sich zunächst gegen das Bistum Cambrai und das Gebiet um Valenciennes. Im Jahre 1006 erfolgte ein Angriff des Grafen und des jetzt mit ihm verbündeten Grafen Lambert von Löwen auf Valenciennes, der zur Vertreibung des dortigen Grafen Arnulf führte. Das rief die Gegenaktion König HEINRICHS hervor, die jedoch keinen Erfolg hatte. Nach stärkeren militärischen Vorbereitungen schritt der König im Jahre 1007 zu einer neuen Aktion, die diesmal auf flämisches Gebiet führte, wobei die Eroberung von Gent gelang, die dann den Grafen Balduin zum Einlenken bestimmte. Er musste Valenciennes wieder räumen, Graf Lambert von Löwen blieb nichts anders übrig, als sich ebenfalls zu unterwerfen, er musste dem König seinen Sohn als Geisel für sein weiteres Wohlverhalten stellen.
In dieser Zeit ist übrigens Valenciennes dem Grafen von Flandern zugesprochen worden, wahrscheinlich als Belohnung dafür, dass er in den Kämpfen zwischen Lambert von Löwen und Herzog Gottfried von Nieder-Lothringen auf der Seite des Kaisers geblieben war.

Jäschke Kurt-Ulrich: Seite 58,63
*****************
"Die Anglonormannen"

Dem Übergewicht im Westen, das in seinen Beziehungen zu dem Bretonen-Grafen Alan III. greifbar ist, entsprach im Osten das Anknüpfen freundschaftlicher Beziehungen noch mit Graf Balduin IV. von Flandern. Bereits seit 987/88 im Amt, hatte dieser die gräfliche Gewalt in Kortrijk-Courtrai und Gent erfolgreich durchgesetzt und dabei Voraussetzungen für ein Ausgreifen nach Nieder-Lothringen geschaffen, bei dem ihm wohl nicht zuletzt die Wirtschaftskraft seines Landes zugute kam: Münzen auf seinen Namen sind in N-Deutschland, Jütland und Rußland gefunden worden. Seit 1009 konnte er sich als Doppelvasall des deutschen und des kapetingischen Königs betrachten. Demgegenüber scheint der flandrische Druck über die Grafschaften Boulogne, Guines und Ponthieu, die eine Pufferzone zur Normandie hin darstellten, nicht hinausgereicht zu haben, so daß sich Graf Balduin IV. für kurze Zeit sogar am normannischen Fürstenhof aufhalten konnte.
Seit 1030 hatte Graf Balduin IV. von Flandern über Rückgriff auf ihre Strafbestimmungen gegen Friedensbruch den Ausbau der öffentlichen Strafgewalt und damit der gräflichen Herrschaft vorangetrieben.

Weinfurter, Stefan: Seite 183,194,222
****************
"Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten."

Poppo, um 978 geboren, war im niederlothringischen Raum aufgewachsen und hatte viele Jahre am Hof Graf Balduins IV. von Flandern (988-1035) verbracht.
Eine weitere Nichte der Königin schließlich, Otgiva, heiratete den mächtigen Grafen Balduin IV. von Flandern (988-1035).
Aber auch in anderen Regionen gab es Berührungspunkte, vor allem, als sich Graf Balduin IV. von Flandern (gest. 1035), ein Vasall des französischen Königs, frühzeitig als gemeinsamer Gegner entpuppte. Dessen Mutter Susanna (gest. 1003), die Tochter König Berengars II. von Italien, war in zweiter Ehe mit König Robert II. verheiratet. Doch dieser verstieß sie 993 und entzog ihr obendrein die Morgengabe, nämlich den für die flandrische Herrschaft wichtigen Seehafen Montreuil mit seiner Burg. Zusammen mit ihrem Sohn wehrte sie sich vehement gegen diese in ihren Augen ungerechte Behandlung. Balduin IV. begann darüber hinaus mit einer intensiven Konsolidierung und Ausdehnung seines Machtbereichs mit dem Ziel, südlich der Schelde in Lothringen Fuß zu fassen und dort zunehmenden Einfluß zentraler Reichsburgen wie Valenciennes, Eename und Antwerpen zurückzudrängen.
Seit 1002 den Herrscherwechsel nutzend, richtete Balduin IV. die Angriffe vor allem auf Valenciennes. Bei diesen Aktionen schloß sich ihm Graf Lambert I. von Löwen an, der aus der Familie der REGINARE stammte und zum hohen Reichsadel des Westens zählte. Dessen Ansprüche auf das niederlothringische Herzogtum hatte HEINRICH II. nach dem Tode Herzog Ottos von Nieder-Lothringen 1005 nicht erfüllt, sondern die Herzogsgewalt fürs erste in der eigenen Hand behalten - ein ähnlicher Fall wie derjenige Heinrichs von Schweinfurt. Lambert, der als besonders gewalttätig und skrupellos beschrieben wird, war empört und zog 1006 mit Balduin IV. zur Eroberung von Valenciennes.
Diese Zuspitzung der Konflikte, vielleicht auch die burgundische Frage, waren die Hauptgründe dafür, daß 1006 die beiden Könige, HEINRICH II. und Robert II., in der Gegend von Mezieres an der Maas, der Grenze der Reiche, aufeinandertrafen. Ziel war der Abschluß einer amicitia, eines Freundschaftsbündnisses also auf Gleichrangigkeit. Dann begab man sich gemeinsam zur Bekämpfung Balduins IV. von Flandern und dessen Verbündeten, Lambert I. von Löwen. Die beiden Lehnsherrn schlossen sich zusammen, um ihre Vasallen zu disziplinieren.
Der erste Kriegszug mißlang, denn manche der Bewohner von Valenciennes hatten sich den Gegnern zugewandt und sich "schwer versündigt". Enttäuscht und unverrichteter Dinge ging man auseinander. Erst ein Jahr später, 1007, ließ sich Graf Balduin IV. in die Knie zwingen. Er mußte sich bedingungslos in die Gewalt HEINRICHS II. begeben und ihm "Genugtuung jeder Art" leisten, wie es heißt, das besetzte Valenciennes räumen, Geiseln stellen udn durch einen Eid versprechen, Treue und Frieden zu bewahren. Das war die Art der Unterwerfung, die für HEINRICH II. die Voraussetzung jeder weiteren Regelung bedeutete. Der französsiche Lehnsmann hatte seine Autorität anerkannt, und darauf konnte die künftige Zusammenarbeit aufgebaut werden. Durch die Heirat Balduins IV. mit Otgiva, einer Nichte der Königin Kunigunde, sollte die Verbindung zum Königshaus noch verstärkt werden.
Wie sehr es HEINRICH II. auf dieses Prinzip der gehorsamen Unterordnung und der Anerkennung der "königlichen Ehre" (honor regius) ankam, zeigt sich gerade an diesem Beispiel sehr gut: Ein paar Jahre später, nämlich 1012 (oder 1015?), zögerte er nicht, Balduin IV. just dieses Valenciennes, um das so erbittert gekämpft worden war, und dazu noch einige seeländische Inseln, darunter die Halbinsel Walcheren, als Lehen zu überlassen.
 
 
 
 

   1012
  1. oo Otgiva von Luxemburg, Tochter des Grafen Friedrich
                  -21.2.1030

    1031
  2. oo Eleonore von der Normandie, Tochter des Herzogs Richard II.
                  -
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Balduin V.
  um 1012-1.9.1067

2. Ehe

  Judith
  1031/32-5.3.1094

    1051
  1. oo Tostig Earl von Northumberland
                -25.9.1066

  2. oo Welf IV. Herzog von Bayern
           1030/40-9.11.1101
 
 
 
 

Literatur:
-----------
Althoff Gerd: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen. Wilhelm Fink Verlag München 1984, Seite 58,120,399 G 55 - Alvermann, Andrea: Geschichte der Grafschaften, Ländereien & der Stadt Saint Pol. Übersetzung aus dem Mittelfranzösischen Kapitel 11 - Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite 167,175 - Brandenburg Erich: Die Nachkommen Karls des Großen Verlag Degener & Co Neustadt an der Aisch 1998 Tafel 4 Seite 8 - Bresslau, Harry: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Konrad II. 2 Bände Verlag von Duncker & Humblot Leipzig 1879 - Die Salier und das Reich, hg. Stefan Weinfurter, Jan Thorbecke Verlag 1991, Band I, Seite 480/Band III Seite 324 - Douglas David C.: Wilhelm der Eroberer Herzog der Normandie. Diederichs Verlag München 1994 Seite 44,83,399 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 45,51 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 102 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 60 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 26 - Glocker Winfrid: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Böhlau Verlag Köln Wien 1989 Seite 232,325,348 - Görich Knut: Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen  1995 Seite 144 - Hirsch, Siegfried: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich II., Verlag von Duncker & Humblot Berlin 1864 Band I Seite 333,395,511,526/Band II Seite 9,193, 281, 318,344/Band III Seite 68,170,242,257,357 - Hoensch, Jörg K.: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437. Verlag W. Kohlhammer 2000 Seite 13 - Holtzmann Robert: Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1971 Seite 390,397-400,441,455 - Jäschke Kurt-Ulrich: Die Anglonormannen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln Mainz 1981 Seite 58,63 - Leo Heinrich: Zwölf Bücher niederländischer Geschichten, Eduard Anton Verlag Halle 1832 Seite 14-16 - Schneidmüller Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 134 - Schneidmüller, Bernd/Weinfurter Stefan/Hg): Otto III. - Heinrich II. Eine Wende?, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1997, Seite 92A,124,152A - Schnith Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 79,154 - Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1990 Seite 172,175,197 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band II, Teilband 1 Europäische Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser I Westeuropa, R.G. Fischer Verlag 1993 Tafel 25 - Thietmar von Merseburg: Chronik. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Seite 272,274 - Weinfurter, Stefan: Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1999, Seite 183,194,222-