Annalen von St. Vaast:
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Das Jahr 888.

 
Im Jahre des Herrn 888 waren die Franken, wie wir gesagt haben, unter sich uneins; die einen, welche zur Partei des Erzbischofs Fulcho gehörten, suchten den Wido, die anderen aber, unter denen der
Graf Theoderich der bedeutendste war, den Odo zum König zu setzen. Und diejenigen, welche den Odo herbeigerufen hatten, kamen in der Pfalz Compendium zusammen und ließen ihn mit Zustimmung aller Gleichgesinnten durch die Hand des  Erzbischofs Walter zum König weihen. Einige wenige aber aus Burgund setzten sich den Wido in der Stadt Lingonis durch Geilo, den Bischof dieser Stadt, zum König. Während dieses geschah, wurde Dodilo am 17. März zum Bischof von  Camaracus und Atrebatis ordinirt. Die aber, welche jenseits des Jurus und diesseits der Alpen wohnen, versammelten sich zu Tullum und forderten, daß Hrodulf, der Neffe des Abts Hugo, durch den Bischof dieser Stadt zum König geweiht würde, was auch also geschah.
 
Wido aber, als er nach seiner Erwählung zum König  vernahm, daß Odo in Francien zum König gesetzt worden, kehrte mit denen, welche ihm zu folgen sich entschlossen, nach Italien zurück; hier hatte er nicht geringe Kämpfe mit dem König Berenger, aus denen er immer als Sieger hervorging. Und als er den Berenger aus dem Reich zu fliehen genöthigt hatte, ging er nach Rom und wurde Kaiser.
 
König Odo aber eilte, die Franken, welche sich nicht seiner Herrschaft hatten unterwerfen wollen, theils durch Lockungen, theils durch Drohungen auf seine Seite zu bringen. Aber nachdem sie ihm den Eid der Treue darauf geleistet hatten, daß sie seiner Herrschaft sich unterwerfen wollten, wandten sie sich an König Arnulf, daß er nach Francien kommen und das ihm zukommende Reich in Besitz nehmen möchte. Und unter diesen waren die Hauptanstifter des Zwiespalts Erzbischof Fulcho und Abt Rodulf, sowie auch Graf Balduin. Während diese aber solches betrieben, wurde dem König Odo durch Gottes Barmherzigkeit ein unverhoffter Sieg zu Theil. Am Tage Johannis des Täufers nämlich stieß er mit einer kleinen Schaar auf das Heer der Dänen am Fluß Axona und ging bald als Sieger aus dem Kampf, der entbrannte, hervor. Dieser Sieg brachte ihm nicht geringen Ruhm. Darauf wurde er von Arnulf zu einer Zusammenkunft aufgefordert. Und auf sein, des Reiches und der Seinigen Wohl bedacht, zögerte er nicht, in Begleitung seiner Großen, zum König sich zu begeben. Und er schickte den Theoderich mit einigen andern an Arnulf voraus, um diesem seine Ankunft zu melden und mit ihm über alles Nothwendige zu verhandeln. Diese führten den ihnen gewordenen Auftrag aus und berichteten zurückkehrend, an welchem Tage die festgesetzte Zusammenkunft stattfinden sollte.
 
Während dem, da die Gesandten zwischen jenen  hinundhergingen, kam Balduin, seine Genossen verlassend, zum König Odo und gelobte, daß er fernerhin ihm treu sein werde. Odo aber nahm ihn gütig und ehrenvoll auf und ermahnte ihn, daß er seinem Versprechen treu bleiben möge; und er befahl dem Balduin, ihm zu jener Zusammenkunft zu folgen. Am festgesetzten Tage nun kam König Odo, sicheren Vertrauens auf die Hülfe der Seinigen, nach Wormatia, wo er vom König Arnulf ehrenvoll empfangen wurde. Und beide schlossen Freundschaft. Darauf entließ ihn König Arnulf mit Ehren in sein Reich, indem er ihn bat, denen Verzeihung zu gewähren, welche sich zu ihm begeben hatten.
 
Während dem belagerten die Nortmannen die Stadt Meldis, stellten Belagerungsmaschinen auf und errichteten einen Wall, um die Stadt zu erobern. Graf Teutbert aber widerstand ihnen mannhaft, bis er mit fast allen Streitern fiel. Nach dem Tode des Grafen nun befahl der Bischof Sigemund, von Furcht ergriffen, die Thore der Stadt durch Steine zu vermauern. Und da die, welche in der Stadt eingeschlossen waren, durch die Belagerung ermattet, durch Hunger geschwächt, und durch den Verlust der Ihrigen sehr betrübt, sahen, daß von keiner Seite ihnen Hülfe kommen werde, fingen sie an mit den ihnen bekannten Nortmannen zu unterhandeln, daß sie nach Uebergabe der Stadt ihres Lebens sicher abziehen könnten. Was weiter: der Vorschlag wurde der Menge mitgetheilt und von den Nortmannen zum Schein Geiseln gegeben. Die Pforten wurden aufgethan, den Christen ward der Weg gebahnt, wo sie heraus gehen konnten, und ihnen mehrere beigegeben, um sie zu führen, wohin sie gehen wollten. Nachdem sie aber den Fluß Materna überschritten und schon ein gutes Stück sich von der Stadt entfernt hatten, brachen die Nortmannen alle zu ihrer Verfolgung auf und machten den Bischof mit dem ganzen Volk zu Gefangenen. Darauf zurückgekehrt, verbrannten die Nortmannen die Stadt und zerstörten die Mauern soweit es ihnen beliebte. Und sie blieben daselbst fast bis zum Monat November.

Zur Herbstzeit aber kam König Odo mit einem Heer, das er gesammelt, nach Parisius; und er schlug sein Lager nahe bei der Stadt auf, damit diese nicht wiederum belagert würde. Die Nortmannen aber kehrten durch die Materna in die Sequana zurück, schifften auf dieser weiter und legten dann ein Stück Weges zu Lande zurück, bis sie endlich in den Fluß Luvia einfuhren und nahe dem Ufer desselben sich feste Sitze bereiteten. König Odo dagegen zog nach der Stadt Remis den Gesandten Arnulfs entgegen, der ihm, wie es hieß, eine Krone sandte. Mit dieser wurde er in der Kirche der heiligen Mutter Gottes am Tage des heiligen Briccius (13. Nov.) gekrönt und von allem Volk als König ausgerufen. Daselbst verzieh er auch in frommer Gesinnung denen, welche ihn früher  verworfen hatten, ihre Vergehen, nahm sie in seine Gemeinschaft wieder auf, und ermahnte sie, daß sie fernerhin ihm treu sein sollten. König Odo feierte das Fest der Geburt des Herrn im Kloster des heiligen Vedastus.

Das Jahr 891.

 
Im Jahre des Herrn 891 aber schloß Alsting hinterlistig mit Abt Rodulf einen Vertrag, daß er sich ungehindert begeben könne, wohin er wolle. Am Tage des Festes des heiligen Evangelisten Johannes (27. December) nun kam der genannte Alsting gegen das Castell und Kloster des heiligen Vedastus heran. Abt Rodulf aber in Besorgniß, daß die Menge, welche zu Noviomum war, mit ihnen käme, und heimtückischen Angriff fürchtend, - was auch Alsting angeordnet hatte - hielt das Volk zurück; als er
jedoch nach ihrem Abzug die Wahrheit erfuhr, bedauerte er es sehr. Er versetzte sie aber durch häufige Angriffe in Schrecken und sie wagten später nicht wieder so nach dem genannten Castell zu kommen. Von den Nortmannen aber, welche zu Noviomum waren, brachen Heerhaufen auf und durchschweiften das ganze Land bis zur Mosa; von da nahmen sie den Rückzug durch Bracbant, überschritten den Scaldus und suchten dann weiter durch unwegsame Gegenden zum Lager  zurückzukehren. König Odo aber folgte ihnen und erreichte sie an der Galthera; doch konnte er ihrer nicht so wie er wollte  habhaft werden, denn nachdem sie ihre Beute preisgegeben, retteten sie sich, indem sie sich in den Wäldern zerstreuten, und kamen so zum Lager zurück.
 
Um die Frühlingszeit verließen sie Noviomum und zogen nach den am Meere gelegenen Orten, wo sie die ganze Sommerszeit verweilten; von hier zogen sie dann wieder bis zur Mosa. Als dies König Arnulf vernahm, kam er eilends herbei und folgte ihnen bis über den Scaldus und in die Nähe von Atrebatis; er konnte ihrer jedoch nicht habhaft werden, und kehrte darauf wieder in sein Reich zurück. Die Nortmannen aber, welche zu Noviomum ihren Winteraufenthalt  genommen hatten, beschlossen zu Luvanium ihren festen Sitz für den Winter zu nehmen und brachen im Monat November dahin auf; die aber zu Argobium überwintert hatten, setzten sich zu Ambianis fest. König Arnulf aber sammelte ein Heer und zog gegen die Nortmannen; und unter Gottes Schutz eroberte er ihr Lager und tödtete eine große Menge der Dänen; nachdem er diesen Sieg errungen, kehrte er in sein Reich zurück. Die Nortmannen jedoch, welche nach allen Seiten hin  zersprengt waren, sammelten sich wieder und setzten sich von neuem an jenem Orte fest. König Odo sammelte inzwischen auch ein Heer und zog nach Ambianis; aber er richtete nichts Glückliches aus. Später überfielen sogar die Dänen unvermuthet durch die Nachlässigkeit der Wachen den Odo im Vermandensischen Gau und nöthigten ihn zur Flucht.

 Das Jahr 892.

 
Rodulf, Abt und Levit, starb am 5. Januar, im Jahre des Herrn 892, und wurde in der Kirche des heil. Petrus, auf der linken Seite des Altars, im Kloster des heiligen Vedastus bestattet. Daraus schickten die Bewohner des Castells den Grafen Egfrid an den König Odo, um ihm den Tod Rodulfs anzuzeigen und ihnen Bescheid darüber zu bringen, was sie nach seinem Willen thun sollten. In völliger Nichtachtung dessen aber, was sie dem König hatten sagen lassen und was sie dem Grafen Egfrid versprochen hatten, riefen sie schon am dritten Tage nach des Abts Tode, auf den Rath Everberts, der nur allzuschlau war, Balduin von Flandern herbei und nahmen ihn wider den Willen des Königs im Castell auf. Und zwar geschah dies, weil Everbert ihnen guten Trost gab. Graf Balduin nun schickte Gesandte an König Odo und ließ demselben sagen, daß er in gutem Einvernehmen mit dem König die Abteien seines Vetters besitzen wolle. König Odo aber ließ erwiedern, daß er ihn zuerst im ruhigen Besitz dessen lassen möge, was ihm Gott gegeben, Balduin möchte aber zu ihm kommen und dürfe sich versichert halten, daß er ihn gütiger Gesinnung finden werde. Balduin wollte jedoch hierauf nicht
eingehen und schickte wieder und wieder Gesandte; sie richteten aber nichts aus. Seitdem fing Balduin an, gegen den König feindlich aufzutreten. Während er nun seinen Bruder zu Atrebatis zurückließ, zog er selbst noch vor der Fastenzeit nach Flandern.
 
Am Montag aber vor Ostern (17. April) widerfuhr uns ein Unglück, so groß, daß es nicht wieder gut gemacht werden kann. Um die sechste Stunde des Tages nämlich brach im Castell selbst eine Feuersbrunst aus, welche die Kirchen des Vedastus, des heiligen Petrus und der heiligen Maria  verzehrte; und während des Feuers wurden alle Reliquien der Heiligen uns heimlich entwendet, das Castell selbst aber brannte ganz nieder. Und nach dem kam große Hungersnoth und Unfruchtbarkeit des Landes über uns, so daß die Bewohner des Landes wegen zu großen Mangels ihre Heimathsorte verließen.

Darauf befestigte Balduin wiederum das Castell und rüstete sich zum Widerstand. Die Bischöfe aber excommunicirten ihn. König Odo, der inzwischen ein Heer gesammelt hatte, schlug mit demselben scheinbar den Weg nach Atrebatis ein, in Wahrheit aber hatte er die Absicht, nach Flandern zu ziehen. Balduin jedoch brach schleunigst von Atrebatis auf und kam auf einem andern Wege dem König zuvor, und gelangte nach Bruocia; und so kehrte dieser ohne allen Erfolg wieder nach seinem Lande zurück. Es hatte aber schon vorher einer seiner Verwandten, Walcher, das Castell Laudunum, das er vom König erhalten hatte, seiner eigenen Gewalt unterworfen; der König jedoch belagerte das Castell und nahm bald die Stadt ein. Und wenige Tage darauf verurtheilt ...............;  der König aber sah sich nicht vor, denn er ließ ihm den Kopf abschlagen. Dies nun geschah, ehe der König nach Flandern
zog. Balduin hatte nämlich mit Walcher vermittelst des Everbert Frieden geschlossen, und dieser Friede kostete dem Walcher das Leben.
 
Die Nortmannen aber, als sie, von Luvanum zurückkehrend, sahen, daß das ganze Reich unter der Hungersnoth schwer litt, verließen zum Herbst Francien und fuhren übers Meer. Diejenigen Franken aber, welche schon lange dem Odo feindlich gesinnt gewesen waren, nachdem sie mit andern sich  verbündet hatten, um ihre Pläne auszuführen, überredeten den König, Francien zu verlassen und für den Winter nach Aquitanien zu gehen, damit das seit so vielen Jahren schwer betroffene Francien sich wieder etwas aufnehmen könnte; und zwar möge er, da Ramnulf gestorben und Ebulus sowie Gozbert von ihm abgefallen waren, dieselben entweder wieder für sich gewinnen, oder aus seinem Reiche vertreiben oder ihnen das Leben nehmen. Er aber ließ sich überreden und folgte ihrem Rath, ohne zu ahnen, was sie vorbereiteten. Als er nun aber an die Grenzen Aquitaniens kam, wurde Ebulus, der, von Odos Ankunft vorher benachrichtigt, die Flucht ergriffen hatte, bei einem Castell durch einen Stein getödtet; auch sein Bruder Gozbert wurde belagert und endete in kurzem sein Leben.

Das Jahr 895.

 
Im Jahre des Herrn 895 verheerten diejenigen, welche Karln folgten, in der Bedrängniß, in welcher sie sich befanden - denn König Odo hatte ihnen alles genommen, was sie in Francien besaßen, - in grausamer Weise Burgund. Und ihr Geschrei kam zu König Arnulfs Ohren; dieser aber schickte Gesandte nach Francien und befahl dem Odo und Karl zu ihm zu kommen, damit er diesem Zustand des Elends ein Ende mache. Die jedoch, welche auf Karls Seite standen, hielten ihren König ab, selbst zu Arnulf zu gehen, und schickten Gesandte an ihn. König Odo dagegen machte sich mit einer auserlesenen Schaar tapferer Männer auf und kam zu König Arnulf, dem er große Ehren erwies. Der König aber empfing ihn ehrenvoll und schickte ihn mit Freuden wieder in sein Land zurück. Und in  Gegenwart König Odos ließ König Arnulf seinen Sohn, Namens Zuendebolch, zum König weihen und gab ihm das Reich, welches einst Hlothar gehört hatte.
 
Als König Odo von Arnulf nach seinem Reich zurückkehrte, begegnete er unterwegs dem Erzbischof Fulco, welcher auf der Reise zu Arnulf war. Und derselbe konnte sich durch die Flucht kaum retten, während sein Begleiter, Graf Adelung, getödtet wurde. Die aber, welche mit Karl waren, begaben sich zu Zuendebolch und boten ihm einen Theil des Reichs unter der Bedingung, daß er komme und seinem Vetter Karl helfe. Als dies König Odo hörte, überschritt er, da die  Seinigen erschöpft waren, gleich als wüßte er von jener Sache nichts, die Sequana. König Zuendebolch nun und Karl kamen mit einem Heer und belagerten Laudunum. Graf Balduvin aber und sein Bruder Rodulf, sowie Rainer, übelm Rathe folgend, verließen Karl und begaben sich zu Zuendebolch. Da nun die, welche mit Karl waren, sahen, wie ihre Zahl sich verminderte - und wie es heißt, dachte Zuendebolch mit den Seinigen darauf, dem Karl das Leben zu nehmen, - schickten sie von der Belagerung weg Gesandte an Odo und ließen ihm sagen, daß er Karl und ihnen vom Reiche, soviel er wollte, zugestehen und sie wieder zu Frieden annehmen möchte. Hierauf ging der König bereitwilligst ein, sammelte ein Heer und kam nach Francien zurück. Als dies Zuendebolch vernahm, der schon von Laudunum weggezogen war, nachdem Bischof Dido unter dem Vorwand der Friedensunterhandlung einen Waffenstillstand erbeten hatte, kehrte er, da er sah, daß die Großen Karls nicht mehr gegen ihn so gestimmt waren, wie vorher, eilends in sein Reich zurück.

König Odo aber kam nach Corbeia und weiter nach Atrebatis und belagerte das Castell und Kloster des heiligen Vedastus, in Erbarmen jedoch mit der Christenheit wollte er es nicht mit den Waffen erobern. Da nun die Leute Balduvins sahen, daß sie ihm nicht widerstehen konnten, baten sie um Frieden, gaben dem König Geiseln und schickten an ihren Senior, damit er sie anwiese, was sie thun sollten. Und da der, welcher gesandt war, längere Zeitfortblieb, befahl der König, daß ihm das Thor geöffnet würde und zog in das Castell oder Kloster ein. Und alsbald begab er sich zu den Schwellen des heiligen Vedastus; und am Grabmal desselben sich zur Erde niederwerfend, betete er aufs eifrigste und vergoß viele Thränen; auch hörte er daselbst, Gott Dank sagend, eine Messe. In der besagten Angelegenheit aber erschienen von Seiten Karls und seiner Großen Heribert, Erkenger und Heinfrid. Mit Rotbert aber kamen Abgesandte Balduvins zurück und thaten, was ihnen ihr Senior befohlen hatte. Und alsbald gebot der König, daß dem Rotbert die Schlüssel des Castells zurückgegeben würden, alle die Seinigen dasselbe verließen und so die Leute Balduvins das Castell wieder in Besitz nähmen. Der König aber beschloß, von Atrebatis nach dem Kloster des heiligen Quintinus und Perona zu ziehen; denn das Castell des heiligen Quintinus hatte Rodulf nächtlicher Weile durch inneren Verrath dem Sohn des Theoderich entrissen. Indem aber Gesandte hin- und hergingen, verschob der König seinen Zug und beschied die Getreuen Karls erst nach Ostern zu einer Versammlung, damit der Winter ohne Streitigkeiten verbracht würde.
 

 Das Jahr 896.

 
Im Jahre des Herrn 896 überwinterte König Odo in Francien, König Karl aber an der Mosella. Von hier befehdeten die, welche mit Karl waren, den Balduvin und richteten nach allen Seiten hin  Verheerungen an. Denn König Odo hatte ihnen alle Castelle, mit Ausnahme von Remis, genommen. Das ganze Jahr hindurch aber folgte sich Versammlung auf Versammlung. Odo hielt eine Versammlung mit seinen Getreuen, indem er den Theil des Reichs, den die Getreuen Karls besessen hatten, Karl überlassen wollte. Graf Rodulf aber sprengte die ganze Versammlung; darauf begaben sich Heribert und Erkenger, nachdem sie schon alles verloren hatten, zu König Odo, und nur wenige blieben bei Karl. Weiterhin belagerte König Odo das Castell des heiligen Quintinus und Perona und vertrieb die Leute Rodulfs daraus. Erzbischof Folcho aber, der noch auf Karls Seite stand, kam, da er sich von den Getreuen Odos eingeschlossen sah, nothgedrungen zum König und that demselben in allem Genüge, was er ihm befahl. Als dies Karl hörte, enteilte er nach dem Reiche Zuendebolchs.
 
Um diese Zeit drangen wiederum die Nortmannen unter ihrem Herzoge Huncdeus auf fünf Barken in die Sequana ein. Und da der König seine Thätigkeit auf andere Dinge richtete, geschah, daß ein für ihn und das Reich so schweres Uebel sich noch vergrößerte. Rodulf aber, in Zorn entbrannt wegen des
Verlusts der Castelle, verheerte unablässig die Abtei des heiligen Quintinus, bis er endlich im Kampfe durch Heribert getödtet wurde. Die Nortmannen, inzwischen schon bedeutend vermehrt, drangen wenige Tage vor Weihnachten in die Hisa ein und schlugen, ohne Widerstand zu finden, ihren festen Sitz zu Cauciacus auf.
 

 Das Jahr 897.

 
Im Jahre des Herrn 897 zogen sie darauf bis zur Mosa auf Beute aus, ohne daß ihnen irgend jemand Widerstand geleistet hätte. Als sie aber von ihrem Beutezug heimkehrten, trat ihnen das Heer des Königs entgegen; aber es richtete nichts aus. Nachdem jedoch die Nortmannen ihre Schiffe wieder erreicht hatten, kehrten sie, bei der Stärke des königlichen Heeres besorgend, daß sie eingeschlossen werden könnten, in die Sequana zurück. Hier blieben sie den ganzen Sommer und machten Beute, ohne Widerstand zu finden. Karl aber hob den Huncdeus, der zu ihm geführt worden, im Kloster Cluninium zu Ostern aus der Taufe. Die nun, welche mit Karl waren, ihre geringe Anzahl erwägend, sowie daß sie keinen sicheren Zufluchtsort hatten, schickten wiederum an König Odo, um ihm zu Gemüthe zu führen, daß ihr Herr der Sohn seines ehemaligen Herrn wäre, und daß er ihm doch das Stück Reich zugestehen möchte, um  dessentwillen er ihn aus dem väterlichen Reich vertrieben hatte.  Hierauf erwiederte der König, in Uebereinstimmung mit dem Rath der Seinigen, daß er Erbarmen mit Karl haben wolle, wenn er es ihm möglich mache. Und nachdem Gesandte hin- und hergegangen, kam Karl zu König Odo. Dieser empfing ihn gütig, gab Karl so viel vom Reich, als ihm angemessen  erschien, versprach demselben noch ein Mehreres und entließ ihn darauf wieder nach Hause, nachdem er ihn noch mit Heribert ausgesöhnt hatte. Auch Balduin kam durch Vermittlung Rotberts zum König; er wurde von diesem ehrenvoll empfangen und that dem König in Bezug auf alles, was dieser befahl, Genüge. Und darauf entließ ihn der König wieder nach Hause. Die Nortmannen aber verwüsteten, nun schon in großer Anzahl, die übrigen Theile des Reichs mit Feuer und Schwert. Da schickte der König zu ihnen, um das Reich loszukaufen, und nachdem ein Vertrag abgeschlossen, zogen sie nach dem Fluß Liger, um hier zu überwintern. König Odo aber kam nach einem Castell am Flusse Isa, welches Fera heißt, und fiel hier in eine schwere Krankheit. Und als das Uebel sich von Tage zu Tage verschlimmerte, richtete er an alle die Bitte, daß sie Karl die Treue halten möchten.

 Das Jahr 898.

 
Er verstarb aber an demselben Orte am 1. Januar, im Jahre des Herrn 898, und sein Leichnam wurde nach dem Kloster des heiligen Dionysius gebracht und hier ehrenvoll bestattet. Nach dem Tode des Königs aber versammelten sich die Franken an einem bestimmten Tage zu Remis und setzten Karl wieder auf den väterlichen Thron. Balduin nahm Heriberts wegen Anstand zu kommen; doch schickte er Abgesandte und ließ Karl sagen, er würde ihm treu sein, sowie es sich gebühre.
 
Die Nortmannen aber kehrten zur Frühlingszeit zu ihren Schiffen zurück, nachdem sie einen Theil Aquitaniens und Neustriens verwüstet, dazu eine große Menge Castelle zerstört und viele Menschen getödtet hatten. Darauf kam Graf Rodbert, der Bruder des Königs Odo, zum König; und vom König ehrenvoll aufgenommen leistete er ihm den Eid der Treue und kehrte darauf nach seiner Grafschaft zurück. Ebenso that Ricard und auch Willelm. Später folgte Karl mit einem kleinen Heere den Nortmannen, als sie vom Beutemachen zurückkehrten, nach einem Dorf im Gau Witmau; und im Gefecht wurden einige der Seinigen getödtet und sehr viele verwundet; die Nortmannen aber hielten sich nach ihrer Gewohnheit in unwegsamer Gegend und kehrten so zu ihren Schiffen zurück. [Sie belagerten das Castell Mosterio oder Inguer. Die Nortmannen wandten sich nach Brittannien, um den Winter da zuzubringen. Aber da die Brittannen sich vereinigten und ihnen ein Treffen lieferten, wandten die Nortmannen den Rücken und es fielen von ihnen ungefähr vierzehntausend. Deshalb kehrten sie zu ihren Schiffen auf der Sequana zurück.] Zur Winterszeit jedoch zogen sie nach Burgund und schlugen hier ihre Sitze zum Ueberwintern auf; Graf Ricard aber lieferte ihnen am Feste der heiligen . . . . . in der Nacht eine Schlacht und zwang sie, als Sieger aus derselben hervorgegangen, in die Sequana zurückzukehren. Graf Rainer kam zu König Karl und gelobte ihm Treue. Und er überredete Karl und dessen Getreue dazu, daß sie in das Reich Zuendebolchs einfielen. Dieser aber sammelte seine Getreuen und kam gegen Karl herangezogen; und nachdem Gesandte zwischen ihnen  hin- und hergegangen, kehrte Karl, ohne irgend etwas ausgerichtet zu haben, in sein Reich zurück.
 

 Das Jahr 899.

 
Im Jahre des Herrn 899 bemächtigte sich Balduvin Peronas wider den Willen des Königs, verlor es aber in kurzem wieder. Darauf im Monat November zogen die Nortmannen aus, als ob sie feste Sitze an der Isa aufschlagen wollten, durchzogen aber das ganze Land bis zur Mosa; und König Zuendebolch folgte ihnen, konnte ihrer jedoch nicht habhaft werden. König Karl belagerte das Castell des heiligen Vedastus, und nachdem alle Bewohner excommunicirt worden, schickten die, welche das Castell besetzt hielten, Abgesandte an Balduvin; und sie gaben, wiewohl ungern, dem Könige Geiseln, nachdem ihnen eine Frist gewährt worden, um das Ihrige herauszuschaffen. Der König aber kam zu der besagten Versammlung. Und im Gau von Cameracus fand sich Balduvin bei ihm ein. Zuvörderst nun wurde der Friede zwischen König Karl und Zuendebolch hergestellt, und Balduvin gab dem König das Castell zurück und ertheilte seinen Leuten den Befehl, dasselbe zu verlassen; der König aber gab es dem Grafen Almar. Auf derselben Versammlung mußten sich auch Heribert und Balduvin versöhnen. Und jeder kehrte von da wieder nach Hause zurück.
 

 Das Jahr 900.

 
Im Jahre des Herrn 900 zur Sommerszeit lagerte König Karl mit einem Heere, das er gesammelt, an der Hisa, berathschlagend, was er mit seinen Feinden thun sollte. Balduvin aber begab sich an diesen Versammlungsort in der Absicht, den König wieder so geneigt für sich zu stimmen, daß er ihm das Land wiedergäbe, welches er ihm entzogen hatte. Und da Fulcho und Heribert dagegen sprachen, überfielen am 16. Juni Winemar und Genossen unvermuthet den Erzbischof Fulcho, was schrecklich zu sagen ist, und gaben ihm mit vielen Wunden den Tod. Seine Leiche wurde nach Remis gebracht und in der Kirche des heiligen Remigius bestattet. Später aber, nachdem Hervous als Bischof von Remis eingesetzt und eine Synode berufen worden war, wurden alle Mörder des Bischofs verdammt,
und von den Schwellen der heiligen Mutter Kirche vertrieben. Der König aber trat mit Rodbert, Ricard und Heribert in Berathung, was bezüglich der Nortmannen geschehen sollte. Da nun geschah es eines Tages, daß einer von den Getreuen Ricards, Namens Manasse, in der Unterhaltung mit dem König eine dem Rodbert ungünstige Aeußerung fallen ließ. Als dies Rodbert erfuhr, setzte er sich zu Pferde und zog nach Hause zurück; und da sie alle unter einander uneins waren, kehrten sie ohne irgend welches Ergebniß ein jeder wieder nach Hause zurück.