Leo Heinrich Dr.: Seite 106-117
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"Zwölf Bücher niederländischer Geschichten"

Die Gräfin Margaretha führte die Regierung mit Zuziehung des ältesten ihrer mit DAMPIERRE erzeugten Söhne, Guillaumes, streng und weise. Den früher von Ferdinand, dann von Thomas mit Frankreich beschworenen Frieden mußte auch sie bestätigen, ehe sie die Belehnung mit Flandern von Louis IX. erhielt; und auch wegen der Belehnung mit Hennegau und mit den deutschen Lehen bei Flandern hatte sie unangenehme Erörterung mit dem Bischof von Lüttich und dem deutschen Reiche zu bestehen. Hinsichtlich der inneren Angelegenheiten verfolgte sie die von Thomas und Johanna eingeschlagene Bahn, überall zweckmäßige Freiheiten erteilend. Doch wurde diese Tätigkeit sehr gestört durch den verderblichen Zwist der Söhne Margarethes aus den beiden Ehen. Guillaume de Dampierre nannte seinen Stiefbruder Jean d'Avesnes, zu Peronne in Gegenwart des Königs von Frankreich einen Bastard, worauf Jean entgegnete, daß die Ehe, aus welcher er und sein Bruder Balduin geboren seien, vollkommen rechtmäßig gewesen; doch würde selbst die Unrechtmäßigkeit sein Recht auf Flandern nicht schmälern, da in Flandern von jeher der Bastard in Beziehung auf die Mutter das volle Erbrecht gehabt habe.
Jean d'Avesnes, von seinem Schwager, dem Grafen WILHELM VON HOLLAND, unterstützt, begann endlich 1246 den Krieg gegen seine Mutter und gegen seinen Stiefbruder; fast der ganze Adel Hennegaus, der in dem D'AVESNES einen Landsmann sah, fiel ihm zu, und es kam endlich nach einer Berufung auf die Entscheidung Louis' IX. und des Papstes durch deren Gesandte zu der Entscheidung: Guilauume de Dampierre solle nach der Mutter Tode Flandern, Jean d'Avesnes Hennegau erhalten, und jeder für seine rechten Geschwister sorgen. Jeder Teil beruhigte sich dabei, und Jean schien um so fester in seinem Recht zu stehen, seitdem der Graf WILHELM VON HOLLAND in Deutschland die königliche Würde erlangte. Guillaume de Dampierre hatte sich in dieser Zeit auf das engste an Frankreich angeschlossen und begleitete 1248 König Louis auf seinem Kreuzzuge. Sobald Guillaume nicht mehr der Mutter zur Seite stand, begann Jean von neuem den Krieg, um sich in vorläufigen Besitz von Hennegau zu setzen, suchte und erhielt die Grafschaft von dem inzwischen auf dem Lütticher Stuhle gefolgten Bischofe Heinrich von Geldern zu Lehen, und erobnerte mit seines Schwagers WILHELM Hilfe nicht bloß Hennegau, sondern verwüstete auch das Aalsterland, das Waesland, die vier Ambachten und die Landschaften von Dendermonde und Geersbergen. Margaretha schloß endlich mit ihm eine Kapitulation, und zahlte ihm 60.000 Golsdstücke für den Frieden und für die Anerkennung von Cambray, vom Cambresis und der Landschaft von L'Alleue bei Flandern. Um endlich den Makel unehelicher Geburt ganz von sich abzuwenden, ließen die Brüder D'AVESNES durch eine päpstliche Kommission entscheiden, welche im Jahre 1249 den Ausspruch tat, daß sie als ehelich geboren zu achten seien, da ihre Mutter die Ehe ohne Kenntnisse des geistlichen Charakters ihres Vaters geschlossen hätte.
Schon bald nach dem Antritt der Regierung in Flandern durch Margarethen hatten sich deren zweiter Sohn, Gui de Dampierre, mit Mathildis verheiratet, der Tochter des Vogtes von Arras, Robert von Bethune und Dendermonde. Kurz vor seiner Abreise nach dem Heiligen Lande heiratete auch Guillaume de Dampierre Beatrix von Brabant; auf dem Kreuzzug hatte er das Unglück, in Ägypten gefangenommen zu werden, und kaum war er 1251 zurückgekehrt, als er an einer Krankheit, von der er schon unterwegs befallen war, starb [Oudegherst fol. 188. Anders erzählen Meyer fol. 76 und Delewarde p.7.: Guillaume sei zu Traisegnies auf einem Turnier geworfen und von den Rossen zertreten worden.].
Margaretha, deren Haß gegen ihre Söhne erster Ehe mit den Jahren zunahm, erkannte durchaus WILHELM VON HOLLAND nicht als römischen König an. Dieser, um sich zu rächen, forderte, weil die Belehnung nicht gesucht worden sei, im Juli 1252 alle deutschen Lehen bei Flandern (das Aalster- und Waesland, die vier Ambachten und die Inseln nebst Cambray) ab, und übertrug sie an Jean d'Avesnes. Mit Hilfe König WILHELMS und des Bischofs von Lüttich brachte Jean ein Heer zusammen; da aber der Adel sowohl als auch die Städte in diesen Landschaften zu Flandern hielten, konnte das Heer Verwüstungen anrichten, keine Eroberungen gründen. Der hennegauische Adel hatte sich bei dieser Gelegenheit entschiedener für Jean gezeigt; um für die Zukunft Ähnliches zu hindern, stellte die Gräfin Margaretha dreihundert Fläminger von Adel an die Spitze der Verwaltung in Hennegau, übertrug ihnen die Bailli-Stellen und allen Blutbann und brachte dadurch ihre wallonischen Untertanen so auf, daß sie sich zum Teil empörten, die Amtleute der Gräfin schlugen, und eine Anzahl flämischer Edelleute gefangennahmen, und den Flämingerinnen von Adel, die ihnen in die Hände fielen, Nasen und Ohren abschnitten. Diese Stimmung, welche in das Jahr 1253 hinein fortdauerte, benutzte Jean, bemächtigte sich ganz Hennegaus, während die Holländer, wie es scheint, die seeländischen Inseln besetzt hielten. Gegen dies letzteren sandte Margaretha ihre Söhne Gui und Jean de Dampierre mit einem ansehnlichen Heere; sie wurden aber von Florens, dem Bruder König WILHELMS, geschlagen und gefangen [Bei Westkapelle auf der Insel Walchern im Juli 1253. - Die Königin Blanca von Kastilien kaufte dem armen Kaiser Balduin von Konstantinopel in diesem Jahre die Grafschaft Namur ab, und schenkte sie dessen Gemahlin.]. Erst nach manchem fruchtlosen Versuch erhielten der Gräfin Boten Gehör von König WILHELM, und dann die Antwort, die Gräfin verdiene keine Antwort, da sie sich gegen das Reich empört. Sie solle erst ihre Pflichten gegen den König erfüllen, dann könne von Freilassung ihrer Söhne die Rede sein.
Um ein neues Heer aufstellen zu können, bot Margaretha Louis' IX. Bruder, dem Grafen Karl von Anjou, Hennegau an, und sofort brachte dieser mit Hilfe der Herzöge von Burgund und Lothringen eine Streitmacht zusammen. Auch Margarethas Schwager, Thomas von Savoyen, kam zu diesem Heere, so wie viele Herren, besonders des nordöstlichen Frankreich.
Nachdem er in Hennegau eingefallen war, nahm Karl Crevecoeur, dann Valenciennes; Raes van Gaeveren, der früher zu den Hennegauern gehalten hatte, öffnete Stadt und Burg von Mons. Soignies, Braine-le-Comte, Maubeuge, Binche, Ath, Beaumont und Le Quesnoy ergaben sich ohne Wderstand. Bouchain griff Karl aus Galanterie nicht an, weil die Gemahlin Jeans daselbst in Wochen lag; nur Enghien ward von Gaultier d'Enghien und von Jeans Besatzung hartnäckiger verteidigt. Karl kehrte, ohne es eingenommen zu  haben, nach Frankreich zurück, und bald hatte Jean wieder dessen Besatzungen aus Binche und Mons vertrieben. Edlich, nachdem König WILHELM einen Sieg gegen die Friesen erfochten, konnte er dem D'AVESNES auch wieder Hilfe bringen, und brachte sie mit einem sehr zahlreichen Heere; auch Karl zog wieder heran, und vor Valiencennes lagerte das deutsche, in Douay das französische Heer. Bald fingen WILHELMS Geldmittel an zu fehlen; die Friesen rüsteten von neuem, und so gelang es Jean und Gui von Chatillon (jener Graf von Blois und dieser von St. Pol), so wie Enguerran de Coucy, einen Waffenstillstand zu vermitteln. WILHELM ging nach Holland, Karl nach Frankreich zurück; alles blieb zunächst im Status quo. Valenciennes ergab sich noch den Deutschen.
Nun kam aber König WILHELM im Kampfe mit den Friesen um, und Jean d'Avesnes war eben so sehr dadurch genötigt, in dem Kampfe mit seiner Mutter mildere Seitenn herauszukehren, als es sich Louis IX. angelegen sein ließ, diesen Familienzwist auszugleichen. Der König von Frankreich bewog seinen Bruder Karl, gegen eine bedeutende Geldsumme wieder auf Hennegau zu verzichten. Der Vergleich von 1246 ward hierauf Grundlage des zwischen Jean und Margarethe geschlossenen Friedens, und Gaultier d'Enghien ward von der Gräfin zu Gnaden angenommen. Florens, der Oheim und Vormund von König WILHELMS Sohne, Florens Grafen von Holland, gab Gui und Jean de Dampierre gegen ansehnliches Lösegeld frei [Dieser Vertrag fand 1256 statt, und es ward dabei ausgemacht, daß entweder Florens selbst, oder wenn dieser früher sterben sollte, sein Mündel, Graf Florens von Holland, die Tochter des jungen Grafen Gui de Dampierre heiraten und die seeländischen Inseln als Mitgift erhalten sollte. Sollte aber der Zufall dies hindern, so sollte einer von Guis Söhnen Mathildis, die Tochter des von den Friesen erschlagenen Königs WILHELM, heiraten. Übrigens wurde mit den Holländern der alte Frieden von 1167 erneuert.]. Auch nach dieser Zeit aber verzichtete Jean d'Avesnes nicht ganz auf seine Ansprüche hinsichtlich der deutschen Lehen Flanderns; doch überlebte er den Vertrag nicht lange: er starb im Dezember 1257.
Ohne bedeutende Begebenheiten verflossen die nächsten Jahre, und das erste denkwürdigere Ereignis wieder ist erst, daß König RICHARD im Jahre 1269 den Rechtsspruch König WILHELMS, welcher die deutschen Lehen von Flandern trennte, annullierte und die Gräfin Margaretha von neuem damit belehnte.
Das Jahr 1262 brachte neue Streitigkeiten über die Markgrafschaft Namur, welche von der Königin Blanka von Kaiser Balduin gekauft, und dessen Gemahlin Martha von Brienne geschenkt worden war. Plötzlich machten die LUXEMBURGER wieder ihr Recht geltend. Marthas Schultheiß in Namur ward ermordet; Heinrich von Luxemburg bemächtigte sich der Stadt. Margaretha kam sofort Marthen gegen Heinrich zu Hilfe, der aber von Balduin d'Avesnes, dem Bruder des verstorbenen Jean, insgeheim begünstigt ward. Balduin leitete Unterhandlungen zu einem Waffenstillstand, auf welchem bald ein Friede folgte.
Gui de Dampierre, der seine erste Gemahlin verloren hatte, heiratete Isabella von Luxemburg, die Tochter Heinrichs, und erhielt mit Einwilligung Margarethas die Markgrafschaft Namur. Mit dieser und den anderen deutschen Territorien bei Flandern belehnte ihn RICHARD. Die nächsten Jahre vergingen nun wieder in ungetrübter Ruhe und in Frieden, bis zum Jahre 1274, wo kurze Zeit ein Mißverhältnismit England obwaltete, aber sehr bald durch einen neuen Frieden ausgeglichen ward.
Sofort nach dieser Änderung der Genter Verfassung wendete sich die Partei der Neununddreißiger an den Oberlehnsherrn von Flandern, König Philipp von Frankreich, und beschwerte sich, daß die Gräfin ohne Urteil und Recht die Privilegien der Stadt angetastet. Margaretha führte für sich an die Gesetzwidrigkeiten, welche sich die Neununddreißig hatten zu Schulden kommen lassen. Der König kommitierte zu Entscheidung der Sache den Grafen von Ponthieu und den Archidiaconus von Blois, Herrn Guillaume de Neufville, welche die Wiedereinsetzng der 39 sprachen, im März 1276. Die Gräfin fügte sich dem Urteil, bestrafte nun aber sieben von den letzten 39 wegen schlechter Amtsführung.
Es war diese Angelegenheit die letzte von größerer Bedeutung, welche die Gräfin Margaretha erledigte. Als sie anfing sich schwächer zu fühlen, ließ sie am 11. September 1279 ihrem Sohn Gui in der Nähe von Damme von dem flämischen Adel huldigen. Sie starb am 10. Februar des nächsten Jahres 1280 zu Gent.
Alle Geschichtsschreiber sind einig über die herrlichen Geistes- und männlichen Gemütseigenschaften der "schwarzen Margareth".