Favier, Jean: Seite 225-227
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"Frankreich im Zeitalter der Lehnsherrschaft 1000-1515."

Balduins Tochter Margarete hatte nämlich zunächst mit Bouchard von Avesnes eine Ehe von zweifelhafter Legitimität geschlossen, da Bouchard als geweihter Subdiakon unter Heiratsverbot stand, was der Gräfin erst bewußt wurde, als sie von ihm bereits zwei Kinder hatte. Ihrer zweiten Ehe mit Wilhelm von Dampierre entstammten drei Söhne, deren Legitimität nunmehr von der Scheidung von Bouchard abhing, da, anders ausgedrückt, beider Väter Nachkommenschaft nicht gleichzeitig legitim sein konnte. Jede Seite aber konnte Gründe ins Treffen führen und besaß Verbündete unter den Baronen.
Margarete hatte die Nachfolgefrage zu ihren Lebzeiten selbst zu regeln versucht, und zwar noch ehe sie durch den Tod ihrer Schwester Johanna zur Alleinerbin der beiden Grafschaften aufgestiegen war. Als Oberlehnsherr über Flandern, nicht jedoch über den Hennegau, hatte Ludwig IX. das Abkommen von 1235 bestätigt, das eine Erbteilung zugunsten der Familie DAMPIERRE vorsah. Und er war es auch, der 1246 zusammen mit dem Legaten Odo von Chateauroux eine neue Regelung vorbereitete, derzufolge der Hennegau den AVESNES, Flandern dagegen den DAMPIERRE zufallen sollte.
Diese Lösung jedoch stellte niemand zufrieden. Johann von Avesnes erhob als Ältester Anspruch auf das gesamte Erbe, Wilhelm von Dampierre junior wollte dagegen Leute, die ihn als Bastard behandelten, nichts zugestehen. Graf WILHELM VON HOLLAND, nach der Exkommunikation FRIEDRICHS II. neuer König von Rom und als solcher Anwärter auf die Kaiserkrone, erinnerte sich daran, daß Johann von Avesnes eine seiner Schwestern geehelicht hatte: Er fuhr dem König von Frankreich in die Parade, sicherte Johann von Avesnes den Hennegau zu und gab ihm obendrein noch die Grafschaft Namur - ungeachtet der Tatsache, daß Balduin II. diese Grafschaft dem König von Frankreich für 50.000 im Orient verausgabte Livres verpfändet hatte. Am Vorabend des Ägyptenkreuzzugs schien die Angelegenheit endlich ohne den König von Frankreich mittels einer Leibrente für Margarete und einer Erbteilung zugunsten beider Parteien ins Lot zu kommen: Der Papst erklärte die Brüder AVESNES für legitim, womit der Fall anscheinend als erledigt betrachtet werden konnte.
Als Margarete aber beim Tod ihres Sohnes Wilhelm von Dampierre Flandern dem anderen DAMPIERRE, Guido, zusprach, kehrte erneut Unfrieden ein. WILHELM VON HOLLAND reagierte mit der neuerlichen, diesmal sofortigen Belehnung Johanns von Avesnes mit dem Hennegau, Namur und dem zum Reich gehörigen Teil Flanderns. Damit war die Eintracht dahin, die DAMPIERRE fochten vor dem Papst die Legitimität der Brüder AVESNES an, und alles begann wieder von vorne.
Margarete nutzte die Gelegenheit, um das Unmögliche zu versuchen: Um den Grafen von Holland an die alte Lehnshoheit Flanderns über Seeland zu erinnern, rüstete sie 1253 einen Feldzug aus, der mit einer vernichtenden Niederlage endete.
Karl von Anjou zeigte gute Lust, sich einzumischen, zumal er zu diesem Zeitpunkt Höheres als eine einfache Grafschaft an den Ufern der Loire erstrebte. Margarete bot ihm für eine Intervention gegen WILHELM VON HOLLAND den Hennegau an, doch Ludwig IX., der ein Zerwürfnis mit dem römischen König um jeden Preis verhindern wollte, dämpfte den Eifer seines Bruders, was ihm den Ruf des Friedensretters und von seiten Margaretes die Bitte um Schlichtung des Konfliktes eintrug. Lediglich die Bürger von Gent, die begriffen, daß sie die Kosten des ganzen Handels tragen sollten, erhoben unverzüglich Protest.
Am 24. September 1256 fällte der König von Frankreich seinen Schiedsspruch, den Dit de Peronne, eine Neuauflage des Schlichtungsversuchs von 1246. Karl von Anjou verzichtete auf den Hennegau und erhielt für diesen uneigennützigen Schritt von Margarete eine Abfindung, wobei die Städte, wie vorherzusehen, zur Kasse gebeten wurden. Der Tod Johanns von Avesnes bereinigte die Situation dann endgültig: Johanns Bruder Balduin erkannte die Ansprüche Guidos von Dampierre auf Flandern ohne Umstände an. Einzig Ludwig IX. ging bei dem Handel leer aus, erwarb sich dafür aber hohes Ansehen. Den größten Vorteil erzielte dabei Guido von Dampierre. Er konnte nicht nur die Grafschaft Namur billig zurückkaufen, sondern sich durch Vermählung mit der Tochter Heinrichs von Luxemburg auch noch einen wertvollen Bundesgenossen für die Zukunft sichern. Johann von Avesnes hatte nach dem Tod KONRADS IV. und seines Mitbewerbers WILHELM VON HOLLAND die Kandidatur RICHARDS VON CORNWALL unterstützt.